The Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszth

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Title: Der Zauberkaftan

Author: Koloman Mikszth

Translator: Viktor Sziklai

Release Date: December 5, 2007 [EBook #23740]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Der Zauberkaftan

Roman
von
Koloman Mikszth

Aus dem Ungarischen von
Viktor Sziklai

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.



Erstes Kapitel.


Jene Stdte sind nrrisch, welche klagen: Wir haben viel gelitten, bei
uns haben die Trken ein oder zwei Jahrhunderte gehaust. Wahrhaft
litten jene Stdte, wo weder Trken hausten, noch Labanzen und
Kurutzen,[1] und welche sich aus eigner Kraft erhielten, wie zum
Beispiel Kecskemt; denn wo von den kriegfhrenden Parteien sich die
eine aufhielt, dort dominierte, plnderte nur die eine und die anderen
wagten sich nicht einmal hin, wo aber keine einzige wohnte, dorthin
gingen alle Erdbeeren sammeln.

  [1] Labanzen und Kurutzen waren ungarische Soldaten.

Eines Tages wandelte den Ofner Pascha die Laune an, ein wenig zu
brandschatzen: Mein Sohn Dervisch Beg, schreibe dem Kecskemter
Richter! Und der Brief ging sofort ab, aus dessen ppigem Stile der
Ausdruck nicht fehlte: Ihr spielt mit Euren Kpfen!

Aber auch der Szolnoker Musta Beg ging nicht anders vor, denn er
brandschatzte Czegld, Krs, Kecskemt und die umliegenden Drfer.
Jede gesegnete Woche warf er ihnen neue Lasten aus, indem er schrieb:
Diesen Herrenbrief sollt Ihr zu Pferde in jede Stadt, in jedes Dorf
tragen und darnach handeln.

Seine Gnaden, der tapfere Herr Emerich Kohry rechnete gleichfalls auf
die wohlhabenden Stdte und erlie von Seite der Kaiserlichen aus
Szcsny Verordnungen, ja selbst der Gcser Stuhlrichter, Seine Gnaden
Herr Johann Darvas war nicht faul, ihnen an den Leib zu gehen, wenn
die Kurutzen etwas ntig hatten. Dazu kamen noch die herumschweifenden
tatarischen Horden und die verschiedenen Truppen, welche auf eigene
Faust arbeiteten. Und mit all diesen sollte man auf freundschaftlichem
Fue leben!

In Kecskemt gab es schon damals berhmte Mrkte. Was den Augen schn,
dem Munde gut ist, das alles brachten die trkischen, deutschen und
ungarischen Kaufleute haufenweise hierher und der Markt hatte stets
ein trauriges Ende, denn wenn er eben im besten Zuge war, erhob sich
eine Wolke auf der sandigen Strae, es kam der Kurutze oder der Trke,
oder gar ein Haufe Labanzen sauste wie der Blitz nieder und verschwand
mit den wertvollsten Waren beladen wieder in einer Staubwolke.

Die bitteren Pillen aber konnte dann die wohledle Stadt verschlucken,
denn hatten die Trken die Zelte geplndert, so fielen nunmehr die
Labanzen mit groen Rechnungen ber sie her.

Die Stadt habe ohne Verzug den Schaden der Kaufleute zu bezahlen,
sonst wird gestrmt; wenn der Labanze raubte, galt es auch gleich fr
die armen Kecskemter, denn dann verlangten die Kurutzen und Trken
Schadenersatz fr ihre Kaufleute und diese Forderungen erreichten fast
immer die Hhe von tausend Goldstcken.

Vergebens seufzte der Oberrichter Johann Szcs: Woher nehmen, woher?
Das ist ja nicht das Kremnitzer Goldbergwerk; unter unseren Fen ist
ja nichts als Sand, Sand bis hinunter zur Hlle.

Endlich ward die Sache doch unertrglich, man hielt groen Rat und
dann gingen die guten Leute zum Palatin, der aber nach der Erzhlung
des Herrn Paul Fekete sehr mimutig wurde, als sie ihm vortrugen, da
sie eine Bitte an ihn htten.

Verlanget nur nichts groes, denn ich gewhre es euch nicht.

So sehr verlangen wir nichts groes, da uns selbst das zu viel ist,
was wir haben.

/Valde bene, valde bene/, meinte der Palatin schmunzelnd.

Wir bitten Eure Gnaden, uns unsere Mrkte zu nehmen.

Der Palatin dachte nach, hstelte. Hm, es ist kein richtiges Regime,
/amici/, das den Leuten etwas nimmt, wovon der Nehmende keinen
Vortheil hat.

Trotzdem kam bald darnach eine Ordre von Leopold I., da die Kecskemter
Mrkte von nun an zu sein aufgehrt haben. Selbstverstndlich wurden
nun die Trken ebenso wtend wie die Kurutzen. Diese elenden
Philister berauben uns unseres Nebenerwerbes. Sie hatten jetzt
originelle Ideen. Am schwarzen Sonntag vor Ostern strmte der berhmte
Kurutzenfhrer Stefan Csuda mit seinen Truppen in die Stadt. Sie
sprengten geradenwegs zum Stiftskloster. Hier befahl der Anfhrer
seinen Leuten: Nichts anrhren, Kinder, nur den Quardian mt ihr
gefangen nehmen, denn diesen werden sie auslsen. Sie nahmen wirklich
den Quardian, den dicken Pater Bruno, gefangen, setzten ihn auf ein
Maultier, das bisher ein treuer Arbeiter des Klostergartens war, zumal
es die Wasserfsser schleppte. Damit aber der fluchende, strampelnde
Pater nicht vom Rcken des Buri falle (Buri hie das Maultier), banden
sie ihn mit Stricken und Riemen fest ... Sie hatten sich nicht
verrechnet. Eine groe Bestrzung griff Platz unter den katholischen
Glubigen. Die Witwe Paul Fbin, die bucklige Julie Galgczi und die
verwelkte Klara Bulki begannen unter dem Prsidium des Paters Litkei
sofort das Lsegeld zu sammeln, indem sie von Haus zu Haus wanderten.
Lsen wir den armen Pater Bruno aus. Er hat eine prchtige Predigt zu
den Osterfeiertagen einstudiert, diese knnen wir nicht ungesprochen
lassen. Hundert Goldstcke wurden gesammelt, mit diesen begaben sich
die Erwhlten der Frauen auf den Weg zum Kurutzenlager: Senator
Gabriel Poronoki, Kurator Johann Babos und der Wagner, Herr Georg
Doma.

Nach mnniglichen Abenteuern und Migeschicken fanden sie endlich den
Stefan Csuda, der sie wild anfuhr: Ihr seid die Kecskemter, nicht
wahr? Nun, was wollt ihr?

Wir sind ihn holen gekommen, sprach der fromme Babos, seine winzigen
grauen Augen gegen den Himmel erhebend.

Wen, den Maulesel oder den Quardian? scherzte der gutgelaunte Stefan
Csuda.

Beide, wenn wir bereinkommen knnen, meinte Herr Poronoki.

Der Geistliche ist nicht viel wert, aber das Maultier knnen wir wohl
brauchen. Es schleppt die groe Trommel.

Sehr wohl gefiel den guten Kecskemtern diese Erklrung des Kurutzen,
denn wenn der Geistliche nicht viel wert ist, wird er wohl billig zu
haben sein und sie nickten beifllig mit dem Kopfe.

Also woran sind wir mit Sr. Hochwrden?

Ihr knnt ihn fr drei Goldstcke haben.

Die drei Mnner schauten sich lchelnd an, wie wenn sie sagen wollten,
billig, wahrhaftig sehr billig! Poronoki warf einen Flgel seines
blauen Mantels zurck und griff in die Tasche, um die drei Goldstcke
hervorzuholen. Da sind sie! Nehmt sie, Herr!

Der Kurutzenfhrer schob die Hand des Senators bei Seite. Den
Geistlichen brachte das Maultier, jetzt soll auch der Geistliche das
Maultier mitnehmen. Dies ist nur gerecht, ohne das Maultier ist kein
Geschft.

Hol's der Teufel, meinte der Senator wohlgelaunt. Welches Lsegeld
bezahlen wir fr das Maultier?

Der fixe Preis desselben betrgt, gab Csuda jedes Wort betonend
zurck, hundertsiebenundneunzig Goldstcke.

In den Brgern stockte das Blut; der kleine Babos blinzelte auf den
Kurutzen, ob dieser nicht spae, doch das gebrunte Antlitz blickte
jetzt sehr ernst, vordem war es bedeutend heiterer; die Kecskemter
verzagten trotzdem nicht.

Httet Ihr, Herr, das Herz, fr ein Maultier so viel Geld zu nehmen,
wie fr vier arabische Pferde. berlat uns den Geistlichen separat!
Wir kommen lieber ein andersmal das Maultier einlsen, ergnzte Herr
Babos.

Jetzt bernahm wieder Herr Georg Doma die diplomatischen
Verhandlungen. Er meinte, das Maultier knnten ja die ehrwrdigen
Patres ohnehin nicht wieder bentzen, nachdem dasselbe ein
kompromittiertes Individuum sei, das bereits Lagerdienst geleistet hat,
in einem protestantischen Truppenkrper.

Den meisten Verstand besa noch Herr Poronoki, denn er durchschaute
sofort, da der Kurutzenfhrer zweihundert Goldstcke fr den Quardian
haben wollte und die Geschichte mit dem Maultier blo Spamacherei
sei. Er entnahm seiner Tasche den traditionellen Strumpf und lie die
Goldstcke klimpern. Hundert Stck ohne Fehl, nicht um ein Stck
mehr. Entweder nehmen wir das Geld wieder nach Hause oder den
Quardian. Es hngt von Euch ab, mein tapferer Herr.

Nicht mglich, schttelte dieser den Kopf.

Bedenket aber, meinte Babos, da man unsern Herrn Christus um
dreiig Silberlinge verkaufte. Wie sollten da fr den Pater Bruno
nicht hundert Goldstcke gengen?

Biblisieren Sie nicht! schrie der Kurutz, denn es ist wohl wahr,
da sie unsern Heiland fr dreiig Silberlinge verkauften, aber fr
wie viel ihn das Christenthum vom Tode losgekauft htte, das wissen
Sie nicht.

Unter solchen Plnkeleien schlossen sie den Handel endlich mit hundert
Dukaten ab, welche Herr Csuda einzeln besah, ob sie nicht abgefeilt
sind, dann klingen lie, ob man an ihrem Klange nicht einen kleinen
Siebenbrger Accent wahrnehme (dort hielten sich nmlich zu jener Zeit
die Falschmnzer auf). Als dann alles ins reine gebracht war, lieferte
er den abgemagerten Pater Bruno aus, welchen die Deputation in groem
Triumph nach Hause fhrte.

Aber nicht lange dauerte ihre Freude, denn als sie sich der Heimat
nherten, kaum Nagy-Krs verlassend, dessen Huser noch im
abendlichen Nebel sichtbar waren, schimmerte von rechts der schlanke
Turm Kecskemts hervor und eine sich nhernde Staubwolke. Was zum
Teufel kann das sein? frugen sich unsere Leute.

Offenbar kommt uns eine Prozession entgegen. Es wird auch eine Rede
geben /reverendissime/, freilich wird es eine solche geben. Es wird
nichts schaden, sich auf die Antwort vorzubereiten.

In den Augen Pater Brunos glnzten Thrnen. Meine armen guten
Glubigen lieben mich, sie lieben mich schrecklich. Wer wird wohl die
Rede halten? Wahrscheinlich der schn sprechende Pater Litkei.
Freilich, freilich. Ich sehe ihn ja schon. Er ist es, dort voran. Ich
will ein Hund sein, wenn er es nicht ist.

Herr Georg Doma brauchte kein Hund zu sein, denn es war in der That
Pater Litkei; seinen breitrndrigen Hut, seine Riesengestalt konnte
man schon von weitem erkennen, nur war seine Begleitung gerade kein
Prozessionsvolk, sondern es waren trkische Soldaten. Der Galgenvogel
Ali Mirze Aga fhrte sie an. Guten Abend, guten Abend! rief er, als
er an unseren Reisenden vorber ritt, fhrt ihr den Geistlichen nach
Hause, ihr guten Leute? Wir auch den unseren.

Der Aga lachte, der Mnch Litkei rief den Namen Jesus, Pater Bruno
winkte ihm mit dem Taschentuch nach: Auch dich werden wir auslsen,
mein lieber Sohn.

Und in der That war es seine erste Sache, zu Hause angelangt, eine
Sammlung einzuleiten. Witwe Paul Fbin, die bucklige Julianna
Galgczi und die verblhte Klara Bulki suchten neuerdings die
barmherzigen Menschen auf: Lasset den armen Mnch nicht in der Hand
des elenden Heiden zu Grunde gehen. Was wrde die Christenheit von uns
denken? Wenn die Brse nicht geffnet ward, fgte Frau Paul Fbin
hinzu:

Und was wrde Nagy-Krs[2] dazu sagen?

  [2] Zwischen Nagy-Krs und Kecskemt herrscht seit Jahrhunderten
      eine kleinliche Rivalitt.

Bei diesen Worten zog jeder Mensch von Kecskemter Empfindung den
Zwanziger hervor und auch der Mnch Litkei konnte nach Hause gebracht
werden. Damit war die Sache nicht zu Ende, denn der Handel mit den
Geistlichen kam so sehr in Mode, da, sobald irgend ein Truppanfhrer
ein klein wenig Geld brauchte, er sofort eine Verordnung erlie: Ich
mu einen Kecskemter Geistlichen haben. (Das bedeutete schon eine
gewisse Summe auf dem Geldmarkte). Eine Zeit lang lsten sie die
frommen Brger aus, bis der Herr Oberrichter Johann Szcs selbst, die
Ausbeutung der Stadt bedauernd, derselben mit der gottlosen Erklrung
ein Ende machte: Wenn Gott seine Diener fortfhren lt, warum sollen
wir es nicht dulden? Schlielich ist ihr Herr in erster Reihe
verpflichtet, ihnen zu helfen.

Einige Mnche blieben den Rubern auf dem Hals, worauf sofort der Wert
der Geistlichen auf Null sank und die erobernden Herren sich nach
einer andern Ware umsahen. Es war unmglich sie zu bertlpeln. Am
Tage Peter und Paul verbten die Szolnoker Trken einen Einbruch und
raubten unter den aus der Kirche kommenden Frauen die junge Gattin des
Oberrichters sowie die Frau Georg Doma. Die ganze Stadt war in
Aufruhr. Das ist schon kein Spa mehr, Gevatter! Denn mit den
Pfaffen zu manipulieren, war nicht so arg. Diese erlitten keinen
Schaden, so lange sie bei den Trken waren. Aber die Frauen! Das ist
ganz etwas anderes. Donnerwetter, mit den Frauen kann man nicht so
manipulieren!...

Johann Szcs war so erbittert, da er sofort seiner Stelle als
Oberrichter entsagte und, nachdem er sein steinernes Haus verkauft
hatte, mit Georg Doma die Frauen holen ging. Herr Szcs gab
zweihundert Dukaten fr seine Rippe.

Georg Doma jedoch bot nur fnfundzwanzig Dukaten an, wenn man seine
Frau nach Hause lt, hundert, wenn man sie behlt, aber fr immer --
so da er eine andere Frau nehmen kann.

Zlfikar Aga berlegte eine Weile, dann sagte er traurig: Nimm nur
die Frau, mein Freund.

Unterdessen bemchtigte sich der Kecskemter ein panischer Schrecken.
Auch die Kurutzen waren eingebrochen und raubten die jungfruliche
Tochter Vicza des steinreichen Thomas Bgh bei einer Hochzeit, als sie
eben mit dem jngeren Michael Nagy tanzte. Was wird daraus werden,
Herr und Schpfer? Aus den Husern werden sie heute oder morgen die
kostbaren Frauen hervorziehen!

Der Kalgaer Sultan lie wiederholt verknden, da er auf die zehn
schnsten Frauen rechne. Auch die Ofner Trken konnten in jeder Stunde
kommen. Obwohl damals von den Kecskemter Mdchen das Lied noch nicht
verkndete: Wer ein Bursch ist, nimmt seine Braut von da, waren sie
dennoch schon damals prchtig. Das leugneten selbst die Krser jungen
Leute nicht. Die allgemeine Verzweiflung war daher gar nicht zu
verwundern. Die Lage war eine solche, wie in den sagenhaften, mit
schwarzem Tuch verhllten Stdten, wo der siebenkpfige Drache die
Jungfrauen der Reihe nach verzehrt. An welche kommt die Reihe, welche
folgt jetzt? Diese Ungewiheit war ein unsichtbares Seil, welches
jedermann in der Halsgegend fhlte. Zehnmal erschrak tglich der eine
und der andere Kaufmann vor einer Staubwolke, und wenn die drren
Bume des Talfja-Waldes des Nachts zu chzen begannen, so glaubten
sie auch darin das Sausen der herannahenden Horden zu vernehmen: Ach,
die Vagabunden kommen schon wieder.

Allabendlich falteten die Frauen ihre kleinen Hnde und flehten
inbrnstig zu dem Patron der Stadt, dem Bischof Sankt Nikolaus.
Vielleicht kann der etwas thun mit dem Krummstabe, welcher auf dem
Stadtsiegel zu sehen ist.

(Ich vermute, da in diesen Gebeten /sub clausula/ enthalten war:
Wenn das aber der Wille Gottes wre -- so gieb, o Herr, da lieber
die Husaren Czudas kommen sollen, als die hundekpfigen Tartaren und
die Ofner Trken.)



Zweites Kapitel.


Die Erbitterung wuchs immer mehr. Die Angelegenheiten der Stadt sahen
immer schlechter aus. In der Rechtsprechung war eine Pause
eingetreten, denn man konnte nirgends Richter auftreiben, obwohl in
Kecskemt das aufgetriebene Gericht im Gebrauche stand. Man stellte
aus den zum Markte gekommenen Fremden den Gerichtshof zusammen.

Jetzt aber, da Johann Szcs den Stab eines Oberrichters niederlegte,
gab es keinen, der darnach griff. Es hat niemand Tollkirschen
gegessen!

Vier, fnf Verordnungen tglich zu erhalten, mit unmglichen Wnschen
und mit dem liebenswrdigen Postskriptum: Denn sonst werde ich Deine
Gnaden rdern lassen -- und verrckt wie die Welt ist, fhrt man das
auch aus. Die Menschen beschwerten sich laut. Entweder wir ziehen von
hier fort, oder wir sterben hier, aber so knnen wir nicht weiter
leben. Man mu etwas machen.

Aber was? Die Trken knnen wir doch nicht allein aus dem Lande
jagen, wenn es der Kaiser selbst nicht thun kann.

Indem die Senatoren im Stadthause auf diese Weise gedankenvoll
berieten, rief mit einem Male eine Stimme zum geffneten Fenster
hinein: Ich aber sage euch, da man die Trken nicht vertreiben,
sondern hieher nach Kecskemt bringen soll.

Die Senatoren blickten alle auf. Wer ist der Tollkhne? Wer spricht
da drauen?

Der Sohn des Schneiders Lestyk.

Wie wagt der, unsere Rede zu unterbrechen, sprach Martin Zaldi
indigniert und winkte dem Heiducken. Schlieen Sie das Fenster!

Gabriel Poronoki sprang auf, als ob ihn irgend eine elektrische Kraft
emporgehoben htte. Ich aber sage, da man den jungen Mann nicht
wegtreiben, sondern hereinbringen soll, damit wir ihn anhren.

Die ernsten Stadtvter schttelten die Kpfe, wagten es jedoch nicht,
dem angesehensten Senator zu widersprechen, nur Christoph Agoston
murrte: Der Vater ist ein Narr und der Sohn auch. Von einem Studenten
sollen wir Rat begehren? Freilich, er hat es schon, denn er hat es.

Was? frug der neugierige Franz Kriston.

Das /consilium abeundi/ ... hahaha. Man hat ihn aus Growardein
davongejagt. Ja, er soll uns Rat geben. Wir haben ohnehin kein groes
Ansehen; so soll denn unser Ansehen noch kleiner werden.

Dann erzhlte er, da der Vater bldsinnig sei. Krzlich schickte der
wackere Pater Bruno seinen Rock zu ihm, damit er die Fettflecke
beseitige. Er beseitigte sie auch, aber so, da er sie mit der Schere
ausschnitt. Den armen Pater Bruno traf beinahe der Schlag.

Gyuri Pinty, der Heiduck, brachte unterdessen atemlos den jungen
Lestyk herein. Es war ein hbscher, schlanker Junge mit so dichtem
Haar, wie eine Brste.

Mein Sohn, sprach ihn Poronoki hflich an, vorhin hat du etwas
geschrien, was mein Ohr traf. Erklre dich nher.

Max Lestyk kam nicht in Verwirrung, er drechselte seine Worte klar
und verstndlich. Ich habe in der That gedacht, wohledle Herren, da
unter den Verhltnissen, in denen sich unsere liebe Geburtsstadt
befindet, die toten Fermans, die schriftlichen Versicherungen, nicht
viel wert sind. Hundertmal mehr Wert htte ein lebender Beg, der unter
uns wohnend sehr viele kleine Unannehmlichkeiten von unseren Kpfen
fern hielte. Wir sind eine freie Stadt, wohledle Herren, aber unsere
Freiheit ist aus Ketten geschmiedet. Suchen wir einen Tyrannen, damit
wir leben knnen!

Die Senatoren blickten einander an, staunend, bezaubert. So schne
warme Worte hatten sie schon lange nicht gehrt, eine so schne,
sonore Stimme war in diesem Saale noch nicht erklungen. Seit morgens
sitzen sie hier, ohne Rat und siehe da, es war, als ob sich unerwartet
eine Fackel im Dunkeln entzndet htte.

Vivat! rief Math Puta aus. Das ist eine kluge Rede.

Er hat Recht! sagte der greise Georg Pat, seine silberne Mentekette
schttelnd, er hat reines Korn aus der Spreu gesondert.

Gabriel Poronoki stand von seinem Sitze auf, ging auf Max Lestyk zu
und klopfte ihm auf die Schulter. Junge, du hast von nun an eine
Stimme, sagte er feierlich. Setzen Sie sich zwischen uns, Herr
Michael Lestyk. (Gerade war am grnen Tische ein Sessel frei:
derjenige des Johann Szcs.)

Die Begeisterung brach bei diesen Worten aus. Die Ungarn lieben die
berraschenden Wendungen und das war eine. Die Stadtvter sprangen
auf, um dem Jungen die Hand zu drcken. Selbst Christoph Agoston
murmelte vershnt zu Franz Kriston hingeneigt: Wenn er nur nicht die
Zge seines Vaters htte! Sein Vater kam noch als Slovake in Sandalen
nach Kecskemt.

Das sieht man dem Knaben gar nicht an.

Wirklich konnte jedermann in einem rztlichen Fachblatte krzlich
lesen, da wenn man die Wunde eines Weien (in rztlichem Jargon: das
Fehlen der Hautkontinuitt) durch die Haut eines Negers ergnzt, da
das kleine schwarze Hautstck allmhlich wei wird und da
andererseits die weie Haut auf dem Krper eines Negers schwarz wird.
Dieser Proze geht seit Jahrhunderten in den groen ungarischen
Stdten vor sich. Eine fremde Familie geht nach der anderen ganz in
den ungarischen Krper auf, sie nehmen sogar die Farbe desselben an.
Der alte Schneider Lestyk sieht mit seinem grauen Haare, seinem
runden Kopfe wie ein Azteke, whrend Max mit seinem eifrmigen, harten
Gesichte, mit den nubraunen Augen, mit seinem dnnen Schnurrbarte
schon ein wahrer Kumane ist, der sich in diesem Saale, wenn er in
einem anstndigen Anzuge erschiene und nicht in Hemdrmeln, so
ausnehmen wrde, wie der Enkel irgend eines an der Wand hngenden
alten Senators.

Die Beratung nahm nun mit groer Begeisterung ihren Anfang. Man sprach
es einstimmig aus, da die Politik Kecskemts derzeit die sei, um
jeden Preis die Trken zu gewinnen. Dann ging der Vorsitzende
Poronoki auf einen anderen Gegenstand ber: Es ist noch die
Besetzung des Oberrichterstuhles zu erledigen. In glcklichen Zeiten
ist das die Belohnung der brgerlichen Tugend. Die ganze Stadt nimmt
an der Wahl teil. Aber heute, da eine ganze Reihe von Oberrichtern das
Martyrium erlitt, den einen der Ofner Sandschakpascha aufs Rad
flechten lie, der andere in trauriger Gefangenschaft im
Konstantinopler Jedikala zu Grunde ging, einen dritten die Kurutzen
mit ihren Piken totstachen, die Gattin eines vierten raubten, heute,
sage ich, ist die Annahme des richterlichen Stabes eine heroische
Selbstaufopferung und wir haben nicht das Recht irgend einen unserer
Mitbrger auf dem Wege der Wahl in den Rachen des Unglcks zu strzen.
Denn wem wrden die einzelnen jetzt ihre Stimme geben? Demjenigen,
welchen sie am meisten hochschtzen? Oder demjenigen, welchen sie
hassen? Ist es mglich, da nicht das allgemeine Vertrauen, sondern
der allgemeine Ha Mnner an die Spitze der ffentlichen
Angelegenheiten stelle? Ich, wohledle Herren, halte das fr
unmglich. (Strmischer Beifall.)

Wahr! So ist's!

Unter solchen Umstnden, da der Oberrichter aus den Senatoren gewhlt
werden soll, giebt es nur den einzigen /modus vivendi/, da jemand von
Ihnen freiwillig das Amt eines Oberrichters bernehme....

Unruhig lie er seine Blicke im Kreise umherschweifen.

Es herrschte kirchliche Ruhe im Saale. Die Senatoren rhrten sich
nicht.

Niemand? frug er mit dsterer Stirne. Dann mssen wir zum letzten
Mittel greifen, welches unsere alten Gewohnheiten dann anordnen, wenn
von den Senatoren jemand eine Aufgabe von unheilvollem Ausgange
erhlt. Pinty, bringen Sie die Bleikiste herein.

Der Heiduck brachte eine kleine Bleikiste aus dem benachbarten Zimmer,
auf deren vier Seiten je ein Totenkopf ausgehauen war.

Hier sind die zwlf Wrfel, sagte Poronoki dumpf und lie sie auf
die Mitte des Tisches kollern, auf dessen grner Flche die
eindringenden Strahlen der Herbstsonne mutwillig umhersprangen. Ein
schwarzer und elf weie Wrfel: Wer den schwarzen zieht, wird
Oberrichter! Die Wrfel legte er wieder in die Kiste zurck.

Es sind aber nur elf Senatoren anwesend, sprach Herr Kriston mit
zitternder Stimme dazwischen, der eine Wrfel ist berflssig.

Ausgenommen, wenn auch Herr Lestyk einen zieht.

Wenn er eine Stimme hat, mu er auch ziehen, meinte Herr Zaldi,
der Mantel der Rechte ist mit Pflichten wattiert.

Er soll ziehen! entschied man einstimmig.

Das Auge Lestyk's erglnzte, sein Gesicht erglhte. Wenn ich nur den
schwarzen Wrfel zge, dachte er bei sich.

Unterdessen transpirierte mit Hilfe der Heiducken der Fall Lestyks in
die drauen harrende Menge, da die Senatoren seit dem Morgen
gedankenlos dasaen, da Max unter das Fenster kam und den Funken der
Weisheit unter sie warf, worauf Gabriel Poronoki ihn von der Gasse
hineinrufen lie und ihn zum grnen Tische unter die Alten der Stadt
setzte.

Hat jemand schon so etwas gehrt? Aber Gabriel Poronoki ist dennoch
ein wackerer Mann, der selbst im Schnabel der Eule das Glnzende
bemerkt.

Das Volk wogte lebhaft vor dem Gebude. Von Zeit zu Zeit erscholl eine
Stimme aus der Menge: Es lebe Max Lestyk! Wir wollen Lestyk sehen!
Wir wollen ihn hren!

Frau Fbin sprach zu einer groen Gruppe mit lebhaften Gebrden:
Sein Verstand hat sich enthllt. Gott hat ihm im Schlafe zu wissen
gegeben, was er sagen soll, wie unsere arme Stadt von den bsen Heiden
befreit werden kann. Warum Gott gerade ihn auserkor, fragen Sie, Frau
Ltasi? Weil Se. heilige Majestt immer mit den Kindern der Handwerker
arbeitet. Unser Heiland, Christus, war der Sohn eines Zimmermanns und
dieser der Sohn eines Schneidermeisters. Aber seht nur, er kommt!

Aus dem Nachbarhause kam Herr Mathias Lestyk mit raschen Schritten,
indem er in der einen Hand zornig die Elle schwang und in der anderen
einen kornblumfarbigen Mantel hielt. Wo ist dieser Kerl, da ich ihn
tot schlage! schrie er wild. Er kam hierher, er mu hier sein.

Er ist im Senat.

Wer? Der Max? Wie kam er denn hin? Verbarg er sich vor mir? Ich will
doch warten, bis er herauskommt. Ich werde diesem Kerl schon zeigen!
Zu Staub will ich ihn zermalmen. Vor einer Stunde gab ich ihm da
Bgeleisen, damit er es wrme, denn noch heute mu ich den Mantel des
Halaser Brgermeisters nach Hause bringen, welcher darin mit einer
Deputation morgen ins Neograder Komitat geht. Ich rufe jetzt in die
Kche: >Max, bring' schon einmal das Bgeleisen!< Aber weder
Bgeleisen, noch Max erscheint. Soll da der Mensch nicht vor Zorn
bersten?

Valentin Katona, der Krschner, ergriff die Partei des Sohnes.

Man kann einen erwachsenen Burschen nicht mehr als Schneidergesellen
beschftigen und mit dem Wrmen des Pltteisens qulen.

Kmmern Sie sich um Ihr eigenes Kalb, erwiderte der Schneider roh.
Was soll ich denn mit ihm anfangen? Frher oder spter wird er
ohnehin aufgehngt. Er schnffelt immer nach stdtischen
Angelegenheiten umher. Ich werde dir schon stdtische Angelegenheiten
geben. Ich werde den Lumpen braun und blau schlagen.

Daraus wird nichts! warf Valentin Katona neuerdings ein, an das
heutige groe Verdienst des Jungen denkend.

Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich ihn nicht zchtige.

Valentin Katona wollte eben seinem in weicherem Material arbeitenden
Kollegen erklren, wie Max in den Senat gelangte, als das Fenster des
Beratungssaales mit groem Lrm geffnet wurde und der wohledle Herr
Gabriel Poronoki Verehrliches Volk der Stadt Kecskemt! mit
Stentorstimme hinausrief, worauf Grabesstille eintrat. Ich melde euch
im Namen des Senates, da vom heutigen Tage angefangen, auf ein Jahr
der wohledle und achtbare Herr Michael Lestyk nach unseren Gesetzen
und Gewohnheiten zum Oberrichter der Stadt gewhlt wurde.

Ein Gemurmel der berraschung ging durch die dicht gedrngte Menge.

Es gab zuerst ein Gelchter: Hahaha! Michael Lestyk! Hehehe!

Aber bald begegneten diese Stimmen anderen, welche vielleicht aus
Gewohnheit Eljen[3] schrien.

  [3] Hoch!

Und nach ihnen schlossen sich hunderte von Stimmen dem ersten Eljen
an und wuchsen zu einem breiten, durchdringenden Schrei an ... Wenn
das erste Eljen bescheidener und das erste Hahaha frischer gewesen
wre, dann htte sich das Eljen geteilt und das himmelstrmende
Geschrei htte jetzt so geklungen wie das Lachen der Hlle: Hahaha,
Hihihi!

Je grer die Masse ist, desto leichter ist sie. Wie ein weicher
Flaum, welchen der erste Windhauch in die Hhe trgt, schwankt sie
nach rechts und links.

Bei den strmischen Eljenrufen ergo sich das Volk aus den Gassen. Von
allen Seiten liefen Neugierige herbei. Einige kamen mit Wasserkbeln
und riefen: Wo ist das Feuer? oder sie gebrauchten Fragen wie: Was
giebt's? Was ist geschehen?

Das Thor des Stadthauses ffnete sich und die Senatoren traten zu
zweien heraus, in der Mitte Michael Lestyk.

Er kommt! Er kommt! Es entstand ein furchtbares Gedrnge. Jedermann
wollte ihm nahe kommen.

Er schritt stolz, wrdevoll einher, wie wenn er nicht mehr der Michael
wre. Die Rte der Jugend brannte auf seinen Wangen, die Augen lie er
lchelnd ber die Menge schweifen, wie sich dies fr ein Glckskind
ziemt.

Ihm zur Seite schritten zwei Heiducken[4] mit hocherhobenen Stben,
gleichwie einstmal die Liktoren der rmischen Konsuln. Das waren die
Attribute der Macht.

  [4] Komitats-Polizisten.

Allein es war unserem wohlgeborenen Herrn Richter recht wohl zu gnnen
-- denn das zweiundzwanzigjhrige Brschchen in Hemdrmeln und
abgeschabter Weste nahm sich unter den ansehnlichen Senatoren in
silberknpfigen Dolmans[5] etwas sonderbar aus. Vielleicht auch war
gerade dies die Sehenswrdigkeit, ob welcher das Volk in Jauchzen
ausbrach.

  [5] Mnteln.

Der alte Lestyk wurde bald bleich, bald purpurrot. Mein Gott, mein
Gott, trume ich denn? (Und dabei rieb er sich die kleinen grauen
Augen, vielleicht auch wischte er eine vordringliche Thrne weg.)
Nachbar, sttzen Sie mich! Und in der That wre er zusammengesunken,
htte Valentin Katona ihn nicht aufrecht gehalten.

Na, jetzt mge Ew. Wohlgeboren den Oberrichter der Stadt mit dem
spanischen Rohr bearbeiten, wenn Sie ein solch groer Potentat sind.

Er antwortete nichts, allein der Stock entfiel seiner kraftlosen Hand;
er schlo die Augen, allein selbst im Dunkeln fhlte er das Nahen des
Oberrichters; er sprang mit einem Satz, wie ein Hamster, auf ihn zu
und bedeckte ihn mit der ungebgelten neuen Mente, welche noch die
weien Nhte und die Kreidestriche des Schneiders aufwies.

Die Menge nahm auch dies mit brausendem Beifall auf, nur Valentin
Katona rief spahaft aus: Halloh! Gevatter Mathias! In welchem Kleid
geht denn nunmehr der Halaser Brgermeister nach Flek?

Der alte Schneider antwortete in verbissenem Trotz: Er soll im
Szr[6] dahin. Dazu ist er mir ein zu kleiner Mann, da ich ihm eine
Mente nhe.

  [6] Eine Art Weste.

Und damit brach er sich, gleich einem wildgewordenen Stier einen Weg
durch die Menge, strzte nach Hause, in den kleinen Garten vor seinem
Huschen, wo ein groer Birnbaum seine rostroten Frchte begehrenswert
hngen lie und seine mchtigen Zweige auf die Strae hinausstreckte.
Rasch wie ein Eichhorn kletterte er bis zur Krone hinauf und wie
wahnsinnig begann er an den oberen Zweigen zu rtteln. Die herrlich
duftenden Birnen, seine eiferschtig gehteten Schtze fielen dicht in
die Menge Czup, czup, und die Kinder und Weiber warfen sich auf den
Himmelssegen, gleich wie das Volk sich auf das Gold strzt, das der
Oberstkmmerer bei der Krnung in die Luft streut. Auch bejahrte
Mnner beugten sich nieder nach den rollenden Birnen.

Esset euch toll und voll! Da habt ihr eine Mahlzeit! schrie der Alte
und rttelte und schttelte wild an dem alten Baum, so lange dieser
auch nur eine einzige Birne trug.

.... So beging er die Installation seines Sohnes.



Drittes Kapitel.


Der erste Rausch der Oberrichterwahl war vorber. Am dritten Tag war
das Publikum ernchtert.

Es war doch nur eine Dummheit, sagte man. Ein wahrhaftiger
Faschingsscherz.

Man macht die Stadt lcherlich! lieen manche sich vernehmen.

Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit sie ihrer
eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.

Hier und dort brach auch der rger hervor, verriet sich der Neid und
lie die Unzufriedenheit eine ihrer Blten sehen.

Allein die nchternen Machthaber beeilten sich den neuen Oberrichter
anzuerkennen.

Zlfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus der
wohlgehteten Festung Szolnok, da er sein Amt mit einer edlen That
beginnen knnte, wenn er die bei ihm, dem Aga, befindlichen beiden
Einsiedler auslsen wollte.

Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone um vier
Wagenladungen Brot.

Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil Effendi, der nach
Kecskemt kam, um hier Steuerangelegenheiten zu ordnen, fuhr im
Stadthause wtend auf, da man ihn mit einem bartlosen Jngling
unterhandeln lasse, worauf der Oberrichter sich auf den Fersen
umdrehte und die Thr heftig zuwarf. Einige Minuten spter erschien
der Heiducke Pinty, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich
schleppend.

Was willst du mit dem dummen Vieh, du unglubiger Hund?

Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr mge mit
dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.

Dieser Trumpf gefiel in Kecskemt und die Wage sank zu Gunsten Miskas.

Das wird ein Mann! Der lt nicht mit sich umspringen. Er hat's dem
Effendi tchtig gegeben. Einen solchen Oberrichter hatten wir noch
nicht. Und sie beobachteten ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus
ihm werden wrde. Und richtig brachte fast jeder Tag der ffentlichen
Meinung eine kleine Delikatesse. Man erzhlte sich, der Oberrichter
habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus Kronstadt hierher
verschlagenen berhmten Goldschmied Wenzel Walter zu sich berufen: sie
mgen eine Peitsche anfertigen, deren Griff aus reinem Gold sein
solle, ausgelegt mit Topasen, Smaragden und anderen strahlenden
Edelsteinen, ferner einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls
Gold und dessen Scheide reines Silber sein msse. Sie mgen den Tag
nicht fr die Nacht ansehen, sie mgen's vielmehr umgekehrt thun.
Diese beiden wertvollen Dinge verschlngen eine Million. (Ja, hat denn
die Stadt fr dergleichen Dinge Geld?) Am folgenden Sonntag gingen die
Richter und die beiden Senatoren smtliche Geschftslden durch und
kauften den gesamten Vorrat an nationalfarbenen Bndern auf, alsdann
fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem Szikra hinaus.
Der Szikra ist die Sahara der Stadt Kecskemt. Ein Meer aus Sand.
Seither haben die Enkel dort Bume gepflanzt, damals war der Sand noch
frei, er wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem
Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen Gebiete
weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet ihre Strahlen in
lilienweier Farbe auf die Milliarden winziger Sandkrner, welche sich
in augenblendender Schnelligkeit bewegen, wie wenn Tausende
unsichtbarer Besen unaufhrlich arbeiten wrden, oder nur der
Sonnenstrahl sich auf ihnen bewegt und umherspringt. Von einem Tier,
einem lebenden Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann
nicht einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses Gebiet
ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand zu Hause sein,
da die Erde selbst nicht zu Hause ist. Auch ein Maulwurf liebt es,
wenn er seinen Bau verlt, ihn wieder vorzufinden. Ei, wer wrde es
versuchen hier auch nur einen einzigen Sandhgel zu bezeichnen, den er
morgen wiederfindet? Die Hgel ziehen fort wie der unstte Wanderer,
sie lsen sich und bilden sich an anderer Stelle wieder. ... Es
herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen zwitschert eine Schwalbe oben
in der Luft, welche es nicht verschmht, dort vorbeizufliegen. Weit,
sehr weit schnattert ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher.
Wenn die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhgel empor und
sinkt am Abend wieder auf einen Sandhgel herab. Die Sonne selbst
erscheint als ein glnzender Sandhgel, dessen goldener Staub aus der
Hhe auf die graubraune einfrmige Welt herabweht. Lange, lange mu
man wandern, bis endlich unwillkrlich ein Freudenruf auf die Lippen
kommt. Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen
zwerghaften Weiden windet sich die romantische Thei, unser
Swasserflu. Links erglnzt eine kleine Htte. ppige Weiden breiten
sich hinter ihr aus, mit wehendem Rhricht. Den Oberrichter
interessierte das Leben der Puten; er betrachtete Alles der Reihe
nach. Dann befahl er den Ochsen- und Pferdehirten, da von heute in
vier Wochen bei Sonnenaufgang hundert schn gehrnte weie Ochsen und
fnfzig der fehlerfreiesten Hengste, deren Mhnen mit nationalfarbenen
Bndern geschmckt, vor dem Stadthause stehen mssen. Auch von den
Hrnern der Ochsen sollen nationalfarbene Bnder herabwehen. Diese
Verfgung blieb nicht geheim, sobald die Herren nach Hause kamen, und
wenn es schon damals in Kecskemt Zeitungen gegeben haben wrde, so
htte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet
verffentlicht. So aber sprachen die Brger nur bei den Weinhumpen
davon: Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen Bndern geschmckte
Ochsen und Pferde! Vielleicht will der Sohn des Knigs sich bei der
edlen Stadt als Hirt verdingen. Aber noch grer wurde das Staunen am
anderen Tage, als Gyurka Pinty es bei Trommelwirbel in den
Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkndete:

Drum! Brum! Es wird allen jenen, welche es betrifft, kundgegeben!
Hier pflegte in der Regel der trommelrhrende Gyurka eine Pause zu
machen und seinen einem Sellerie hnlichen Kopf zur Seite zu neigen,
wie eine traurige Gans, aber so geschickt, da sein Mund bis an den
Rand der in der inneren Tasche seines Dolmans verborgenen Holzflasche
kam, aus welcher er einen guten Schluck that und dann mit durchnter
Kehle donnernd fortfuhr: Da, wer die Gemahlin des trkischen Kaisers
werden will, sich bis Sonntag bei dem wohledlen Herrn Oberrichter
melden soll.

Darauf entstand natrlich ein Hin- und Hergerede. Ist der Oberrichter
wahnsinnig geworden.

Ein unreifer Knabe! brummten Viele. Die Eingeweihten, welche wuten,
was der Zweck sei, schttelten die Kpfe. Es wird keine Wirkung
haben. Die Naiven jedoch erstaunten und freuten sich ber die
Auszeichnung, denn es ist doch schn, da der trkische Kaiser seine
Frau aus Kecskemt whlt. Se. Majestt hat einen guten Geschmack.
(Jetzt mge Nagy-Krs reden!) Mdchen und junge Witwen besprachen
erstaunt die interessante Neuigkeit. Sie spotteten und berhuften
einander mit mutwilligen Reden fnf Tage lang am Brunnen. Der Plan des
Oberrichters streckte wie die Schnecke seine Hrnchen immer weiter
hinaus. Es kam die Nachricht, da der Sultan Mahomet IV. nach Ofen
kme, auch erzhlte man, da man ihm die hundert Ochsen und fnfzig
Hengste bringe und da fr ihn die Senatoren als Geschenk die vier
schnsten Kecskemter Mdchen auswhlen.

Nur vier? rief mutwillig die schne Frau Paul Inokai aus; armer
trkischer Kaiser!

Und wenn du noch wtest, Schwester Borcsa, erklrte Mathias Tth,
da er zu Hause noch dreihundertundsechsundsechzig Frauen hat.

Er mu viel zu thun haben, warf die geistreiche Frau Georg Ugi ein,
bis er sie alle des Morgens durchprgelt. (Und sie schnalzte
mutwillig mit der Zunge.) Ein heller Weiberverstand, derjenige der
Kata Agoston, entdeckte sofort unter den vielen Frauen die
unglcklichste. Was aber kommt auf die Arme, welche am 29. Februar an
der Reihe ist, in einem Jahre, wo der Februar nur 28 Tage hat?

Das konnte wirklich selbst Mathias Tth nicht beantworten, er brummte
etwas, da bei den Trken ein anderer Kalender sei, aber das hinderte
nicht, da ein bis zum Weinen gehendes Mitleid ber die
dreihundertsechsundsechzigste Frau sich der Weiber bemchtigte. (O,
arme, unglckliche Seele.) Dann gewann die Neugierde die Oberhand, wer
wohl die Unverfrorenheit haben wird, sich zu melden? Obwohl es keine
Narrheit wre, zu erfahren, welche die vier schnsten Rosen in dem
Blumengarten Kecskemts seien, welche der Magistrat auswhlen wrde?
Heimlich beschftigten sich gewi wieder eitle Herzen mit dem eitlen
Gedanken. Aber die Schamhaftigkeit sagte: Still! Das Gesicht des
Oberrichters nahm auch alsbald eine enttuschte Miene an. Bis zum
Sonntag blieb kein einziges Fischlein an der Angel hngen. Das heit,
da Frau Fbin mit bemalten Augenbrauen, gesteiften Rcken hinkam.
Rathen Sie, Herr Oberrichter, warum ich kam? sprach sie mit ihrem
Blicke kokettierend.

Vielleicht kamen Sie um Steuer zu zahlen?

Aber gehen Sie doch. Und mit ihrem Spitzentuche wehte sie Lestyk
kokett zu.

Vielleicht kamen Sie um jemanden anzuklagen?

Nein!

Vielleicht sammeln Sie fr die Pfaffen, fuhr der Oberrichter fort.

Frau Fbin neigte traurig das Haupt und seufzte: Wenn Sie es nicht
erraten, dann wrde ich es vergeblich sagen. Es lag in ihrer Stimme
eine Art schmerzlicher Entsagung, eine seelenerschtternde
Melancholie.

Was! Sie kommen doch vielleicht nicht, um sich zu melden!

Ich bin Witwe, sagte sie schamhaft.

Das ist ein Grund. Hm!

Ich thue es der Stadt zuliebe, fuhr sie, bis zu den Ohren errtend,
fort.

Aber was wrden Pater Bruno, Pater Litkei dazu sagen? murmelte der
Oberrichter halb zornig, halb lachend, welche Sie fast zur Heiligen
gemacht haben.

Ich werde eine Messe fr meine Seele lesen lassen. Meine Seele wird
auch fernerhin der Kirche bleiben, meinen Krper opfere ich fr die
Stadt.

Schn! Schn! Ich werde Ihren Namen notiren.

Noch einige aufgeblasene Gesichter meldeten sich auer ihr. Panna Nagy
aus der Czegldergasse, Witwe Frau Kemenes, Maria Bn. Einige jagte
der Oberrichter aus seinem Zimmer hinaus. Wirst du dich von hier
packen, du Scheusal, wem zum Teufel kannst du gefallen? Einem
blatternarbigen Mdchen sagte er zornig: Hast du zu Hause keinen
Spiegel?

Ich habe keinen, wohledler Herr Oberrichter.

Dann geh', mein Kind, suche dir irgendwo einen Kbel Wasser,
betrachte dich darin und komme zurck, wenn du den Mut hast.

Alle diese Details erregten in den wohlinformierten Kreisen groe
Heiterkeit. Am nchsten Tage, Montag, war Senatssitzung und die
Senatoren selbst lieen einige bissige Bemerkungen ber das
resultatlose Unternehmen fallen. Nun, befindet sich schon jemand im
Kfig?

Keine einzige ist geeignet, antwortete Lestyk zornig.

Herr Gabriel Poronoki lchelte gemtlich.

Wir haben uns verrechnet. Es wre leichter fr den Kaiser in
Kecskemt vier Mtter zu finden, als vier Odalisken, sagte der
Oberrichter dezidiert. Er war hartnckig und unbeugsam in Dingen, die
er sich einmal in den Kopf gesetzt hat. Wir knnen nicht ohne Bouquet
gehen. Und damit schob er den Senatoren den vertraulichen Brief des
Ofner Sandschakpaschas hin, der auf die Erkundigung, welches Geschenk
Sr. Majestt angenehm wre, mit orientalischer Dunkelheit erwiderte:
Bring' ihm Pferde, Waffen, Braten und Blumen!

Die Blumen mssen da sein. Punktum. Freilich meldete sich bisher
niemand -- weil noch keine Lockspeise ausgesetzt war. Der trkische
Sultan ist in der That keine solche. Wer schwrmt fr den trkischen
Sultan? Wenn es noch irgend ein reicher, strammer Mller aus der
Theigegend wre, in einem hbschen, fest anliegenden hechtgrauen
Dolman, in Stiefeln und wenn er eine legitime Gattin suchen wrde.
Aber der trkische Sultan! Von dem die Frauen unserer Gegend nur
wissen, da er der Pascha der Paschas ist. Selbst der Spatz wrde sich
ja nicht in den Hinterhalt locken lassen, in den aus weien
Pferdehaaren gewundenen Ring, wenn zwischen den Strohhalmen nicht
rtliche Fruchtkrner hervorscheinen wrden. Selbst die kleine Maus
wrde nicht in die Falle gehen, wenn darin nicht das weie Speckstck
verlockend glnzen wrde. Auch den Kecskemter Mdchen mu man die
Lockspeise ausstecken. Und was kann diese Lockspeise sein? Nun, du
lieber Himmel, was anders, als -- die Kleider. Perlen, Bnder,
Spitzen. Auch das ist eine heilige Dreifaltigkeit der Hlle. Von
Belzebub angefangen waltet darin jeder Teufel; der eine ruft: Komm,
betrachte mich, der andere ermutigt: Probiere mich, der dritte
flstert: Sei verdammt meinetwegen.

Michael Lestyk sandte dazu geeignete Frauen aus, die einen nach
Szegedin, die anderen nach Ofen zu den trkischen Kaufleuten, damit
sie die schnsten Seidenbrokatstoffe zusammenkaufen: mit Gold- und
Silberblumen durchwirkte Stoffe, feine Blondspitzen, rubinenbesetzte
Grtel. Sie wurden beauftragt, alles in der glnzendsten Pracht
auszuwhlen. Ihr Sinn soll so darauf gerichtet sein, als handelte es
sich darum, vier Prinzessinnen fr den Ball herauszustaffieren.

Der alte Lestyk selbst ruhte nicht, er setzte sich auf einen Wagen im
Auftrage seines Sohnes, um die benachbarten herrschaftlichen Familien
aufzusuchen: Die Vays, Fys und Brius, fr welche er arbeitete (denn
er war weit und breit als ein meisterhafter Schneider berhmt), damit
er von ihnen fr stdtische Gemeinzwecke (denn auch sie alle sind
Grundbesitzer in Kecskemt) die Kleider nhenden Frulein erbitte.
berall waren die Herrschaftsdamen, die Patrone der Stadt, gndig.
Meister Mathias konnte mit einer ganzen Wagenladung Frulein nach
Hause kommen. Als in groen Kisten auch die Ware ankam und alles
bewundernswert war, begann unter der Aufsicht Mathias Lestyks die
fieberhafte Thtigkeit bei Tag und Nacht. Die Scheren, Fingerhte
klapperten, die Nadeln funkelten und nach und nach begannen die vielen
Sammet- und Seidenstcke Gestalt zu gewinnen. Auch Hauben wurden
verfertigt, fr zwei Jungfrauen und zwei Frauen. Man braucht
vielleicht nicht zu sagen, da, so viele Mdchen und Frauen es gab,
sie alle von diesen Wunderkleidern bei Tag sprachen und bei Nacht
trumten. Es wre alles im besten Flusse gewesen, wenn der Quardian
Bruno und Pater Litkei sich nicht eingemischt htten. Diesen gefiel
nmlich der Plan keineswegs, da in Kecskemt eine trkische Behrde
sein und dies die Stadt gar selbst erbitten solle. Wer Jehovas
Getreuer ist, der soll mit Allah nicht kokettieren. Denn den treulosen
Diener verstt der eine Herr und der andere nimmt ihn nicht auf. Seid
auf der Hut, Kecskemts gottesfrchtige Einwohner. Sie schimpften,
hielten aufreizende Reden gegen den neuen Oberrichter, der mit den
Trken gemeinsame Sache macht, indem er ihnen die Stadt des heiligen
Nikolaus zuschanzen will, die Jungfrauen raubt und das Seelenheil
verkauft.

Das Ungarherz ist ein guter trockener Zndschwamm: jeder Funke fngt.
Immer mehr Menschen wurden aufgeregt. Am folgenden Sonntag sammelten
sich unruhige Gruppen nach der heiligen Predigt vor dem Stadthause an,
welche mit drohenden Handbewegungen schrien: Nieder mit dem
Oberrichter! Nieder mit den Senatoren! Besonders die Katholiken waren
stark irritiert. Die Lutheraner, deren Vorfahren vor mehr als hundert
Jahren eingewandert sind und die aus Tolna hiehergekommenen Kalviner,
welche in jener Zeit abgesondert in der Friedhofgasse wohnten, liebten
ein wenig die mit den protestantischen Siebenbrger Frsten
paktierenden Unglubigen. Den Protestanten erscheint der Turban ebenso
absonderlich wie die Tiara.

Die Herren Poronoki und Agoston liefen erregt zum Oberrichter: Es
steht sehr schlecht. Das Volk unten ist emprt. Hren Sie das nicht?

Ich hre es, antwortete er gleichmtig.

/Quid tunc?/ Sollen wir unseren Plan aufgeben?

Max sah sie spttisch an. Die Frage ist, ob er schlechter sei,
seitdem der Quardian ihn hintertreibt?

Er ist nicht schlechter geworden, sagte Poronoki, aber wir mssen
mit den Eventualitten rechnen. In zwei Wochen werden die beiden
Patres, welche groen Einflu auf das Volk haben, dasselbe mit Hauen
und Hacken gegen uns treiben.

Die Frage ist, ob wir das Schicksal Kecskemts entscheiden oder die
Gasse? Ich glaube, wir. Es wird also bleiben, wie wir es beschlossen
haben.

Mit so viel Energie sprach der junge Oberrichter diese Worte aus, da
sie selbst dem eisernen Charakter Poronokis imponierten, nur
Christoph Agoston htte gern ein wenig gestritten. Der Trotz ist
nicht immer vernnftig, Herr Oberrichter. Das bel ist da! Dagegen mu
man etwas thun, ehe es uns ber den Kopf wchst.

Wir thun ja. Sie werden sich nach einer halben Stunde aufs Pferd
setzen.

Ich?

Sie reisen als geheimer Gesandter in einer wichtigen Angelegenheit.

Wohin?

Setzen Sie sich, wohledle Herren, aber legen Sie ein Schlo an Ihren
Mund, denn wer verrt, was ich sage, dem mache ich einen Strafproze.

Er spricht wie ein Diktator, murrte der krnkliche Zaldi.

Unterdessen waren die Senatoren herein gekommen, bla, mit
aufgedunsenen Gesichtern, einigen sah der Schreck aus den Augen.
Hrt! Hrt!

Herr Agoston, Sie werden den Kurutzentrupp aufsuchen, namentlich
Stefan Csuda.

Diesen Dieb! Nun, dem werde ich es geben, er soll mir nur vor die
Augen treten.

Sie werden ihm nichts thun, sondern vielmehr mit ihm hflich
unterhandeln, um wie viel er geneigt wre, noch einmal den Quardian
und Pater Litkei zu rauben -- aber sofort. Diese beiden Menschen haben
wir einige Zeit nicht ntig.

Das ernste Gesicht der Stadtvter erheiterte sich zu einem Lcheln,
kein einziger war mehr bla. Herr Poronoki schlug sich lustig mit der
Hand vor die Stirn. Nun, das wre mir auch nicht eingefallen. Eure
Gnaden sind ein geborener Diplomat.

Die Notwendigkeit ist ein guter Lehrer, oft ein besserer als die
Erfahrung. ber die Pfaffen haben wir keine Macht, wir knnen sie
weder gefangen nehmen, noch ihnen die Kanzel verbieten. Es giebt nur
ein Mittel: Stefan Csuda.

Wie viel kann ich versprechen? fragte gut gelaunt der hinausgehende
Agoston.

Sie knnen es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts mehr zu thun,
berdies schlgt es in sein Fach. Versprechen Sie ihm die Hlfte von
dem, was er begehrt.

Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute Agostons den Staub
aus der Czeglder Strae auf und am Abend des dritten Tages fhrten
die Csudas die frommen Mnche gebunden auf demselben Wege fort ... So
erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph Agoston,
welche er bis zu seinem Todestage stets mit groer Vorliebe erzhlte,
immer prchtiger, romantischer und in seinem Greisenalter mit den
prahlerischen Worten anfing: Hei! Als ich noch plenipotenter
Gesandter war am Hofe Sr. Majestt des Herrn Thkly!



Viertes Kapitel.


Die Pfaffen wurden weggefhrt, die Kecskemter Volksrevolution schlief
ein und der denkwrdige Tag rckte heran, an welchem man nach Ofen zog
mit den Geschenken -- zum trkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig
und an den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur
allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine Prozession.
Der Heiduck Pinty behtete den groen Tisch, auf welchem die Schtze
verlockend ausgebreitet waren. Der alte Gyurka stand dort wie ein
Cherub, statt des Flammenschwertes hielt er den Haselnustab in der
Hand. So schn war all der Flitter, da er selbst darber betroffen zu
sein schien. Solche Fetzen sind den Frauengesichtern eine groe
Nachhilfe. Die hbscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das
gehrte zu seinem Amte. Probieren Sie es nur, mein Tubchen, dort im
anderen Zimmer. Und wer htte widerstanden? Gab es ein Herz, welches
nicht lauter gepocht htte, einen Blick, der nicht gefangen genommen
worden wre? Alle Pracht von Tausend und eine Nacht ist nichts
dagegen. Wie viele Mgdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all
diese Herrlichkeiten und lieen die Blicke sanft ber dieselben
schweifen, allein alsbald ffneten sich die Augen weit und begannen zu
leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen leise zu
beben, die Schlfen brannten und pulsierten rasch, und zu solcher Zeit
begann dann der Heiducke zu sprechen: Probier's doch, mein Tubchen!
Und sie probierten es und wren sie daran gestorben! Allein wehe, wer
den Glanz einmal angelegt. Herrliche Bnder wurden ihnen in die Haare
geflochten, der Leib wurde schlank geschnrt, man legte ihnen
wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer Seide an, in
welche silberne Halbmonde gestickt waren, und dann die karmoisinroten
Stiefelchen und den blendenden Schmuck: Na, mein Seelchen, jetzt
besieh dich doch einmal! Man stellte einen Spiegel vor sie hin und
die Mdchen begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmrchen.
Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht brennend, mit
wogendem Busen und mit dem sen Hunger der Eitelkeit, da trat wieder
der Cherub vor: Na, jetzt war's aber genug, entkleide dich -- oder
wenn es dir beliebt, so geh' fr alle Zeit in solchen Kleidern
einher.

Welche htte wohl die Kraft, zu sagen: Ich lache Euch aus und das
bezaubernde Mieder zu ffnen, die wundervollen Kleidchen vom Leib zu
schlen, die reizenden Karmoisinstiefelchen abzulegen, den funkelnden
Schmuck abzulsen und wieder hineinzukriechen in die alten Kittel.
Alle wollten den Versuch machen -- keine einzige aber legte die
Herrlichkeit gern ab. Selbst ltere Frauenspersonen bekamen bald das
Fieber, sie htten sich gern in diesen Kleidern gesehen -- und es
waren ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt
htte. Schlielich mute gar ein Verbot erlassen werden. Nur die
Schnen, Waisen und Armen durften die Kleider probieren. Gevatter
Pinty hatte es so weit gebracht: er bestimmte, wer schn sei. Paris
hatte nur einen Apfel, er hatte einen ganzen Korb voll. Man bewarb
sich aber auch um seine Protektion mit bezauberndem Lcheln, mit
Schinken und Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und
dort ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte sich
sozusagen erst spter heraus, als es nach zehn, zwanzig Jahren den
Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen konnten: Oho, mich
hat kein Storch ausgebrtet, auf meinem Leib prangten auch einst die
Kleider der Lestyk. Es wurde beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst
damals, als die Sache noch warm war, konnte es da gleichgltig sein,
wer die Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schn
gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele bittere, brennende
Thrnen wurden da geweint. Ich will den Alten nicht des Mibrauchs der
Amtsgewalt anklagen, auch dessen nicht, da er sich bestechen lie (es
fiele auch ein wenig schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren
beweisen zu wollen) aber Thatsache ist einmal, da er gar viele
Taktlosigkeiten beging. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem
Zigeunermdchen.

Es kam nmlich die Kleine, in Lumpen gehllt, barfu, zerzaust, lie
die groen Augen ber die Schtze hinfliegen und der Mund blieb ihr
offen stehen. Wie glnzende Perlen aus dem Orient funkelten die weien
Zhne im roten Mndchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.) Sie
war noch ein Kind, schlank zwar, aber krftig gebaut. Lange strich sie
um die Schtze herum, zauderte, bis sie den Heiducken endlich
anredete: Und ich -- darf ich wohl?

Gyuri Bcsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verchtlich: Wozu ein
Hufeisen an einer Krte Fu? Geh' zum Teufel?

Als wre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf das Antlitz des
Mdchens herablie, so traurig wurde das Kind. Selbst dieses wild
aufgewachsene Eichhrnchen wurde von dem Tand gebannt. Es wandte sich
ab und wischte mit dem Arm die hervorquellenden Thrnen aus den Augen.

Zum Glck -- oder vielleicht zum Unglck -- war der Oberrichter eben
im Zimmer und betrachtete ihren Kummer. Er berhrte mit der Hand ihre
Schulter. Erschreckt fuhr sie in die Hhe. Whle unter diesen
Kleidern und kleide dich an.

Zagend schaute sie zu ihm auf. Der erlaubt es nicht! (Sie zeigte mit
einer Gebrde auf Pinty.)

Aber wenn ich es gestatte, ich, der Oberrichter der Stadt.

Sie lchelte unter Thrnen, indem sie ihn anschaute. Du befiehlst
hier? Wahrhaftig?

Pinty, sprach der Oberrichter lchelnd, tragen Sie der Kleinen das
schnste Kleid hinein. Sehen wir zu, was man aus ihr machen kann.

Sie konnten es schon nach einer Viertelstunde sehen. Als sie aus dem
Ankleidezimmer trat, gewaschen und angekleidet, da hrte man ein
Murmeln der Bewunderung. Ist's ein Traumgebilde oder ein lebendes
Wesen? Sie war wie eine Knigstochter von blendender Schnheit. Das
kirschrote seidene Leibchen lie entzckende Formen vermuten, der Rock
schlngelte sich anmutig bis zu den Kncheln. Ihre Lippen wetteiferten
an Rte mit dem Rubin und ihr tiefschwarzer Zopf lief so weit
hinunter, als er nur etwas von ihrem Krper, sich daran zu schmiegen,
fand.

Wessen Tochter bist du? fragte der Oberrichter entzckt.

Des alten Br Tochter, der beim >Schmucken Husaren< zu musizieren
pflegt. (Der >Schmucke Husar< war eine berchtigte Csrda unter den
Tanyen[7] des Theiufers.)

  [7] Eine Niederlassung.

Wie heit du?

Czinna.

Kommst du mit uns nach Ofen?

Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter.

Kommst du, so gehrt das Kleid dir.

Ich gehe.

So fand man die erste Blte des Blumenstraues. Auch die brigen
fanden sich. Man mute nur von den vielen die passendsten drei
auswhlen. Die flachshaarige Marie Bari mit ihren veilchenblauen
Augen, ihrer reizenden Taille; die stattliche, hohe Magdolna und die
runde, ppige Agnes Pl mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve.
Nie kte Schnere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi.

Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags kam die
Rinderheerde, hundert prchtige Ochsen, alle mit hbschen Glocken,
bndergeschmckten Hrnern, es kamen die Pferde, fnfzig schlanke
Fohlen, jedes mit einem silbernen Glcklein. Auf die beiden Wagen
setzten sich zu zweien die Mdchen, das heit, zwei unter ihnen waren
Frauen, die falschesten zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als
solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen Mnteln
bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die Wagen. Im ersten Wagen
sa der Oberrichter mit Franz Kriston, auf dem Rcksitz Josef Inockai.
Einer bringt die Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf
dem anderen Wagen sa, avancierte vom Deputierten zum Blumengrtner --
so ist nun einmal die Politik. Gabriel Poronoki trug die Waffen in
prchtigem Seidenfutteral. Der Sechste vom Stadthause, der kleine
verwachsene Georg Imecs sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut
trkisch und tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum Schmieren. Das
Eljengeschrei der Versammelten ertnt, die zu Hause gebliebenen Frauen
reien die Tcher vom Kopfe, um mit denselben zu winken, die Kutscher
treiben ihre Pferde an, die Czikose[8] schwingen ihre Peitschen und
nun setzt sich der glnzende Zug unter Musikbegleitung in Bewegung,
denn die Glocken der hundert Ochsen ertnen und die fnfzig
Silberglocken luten. Der Weg ist eintnig, wir beschreiben ihn nicht,
im Alfld ist alles gleichfrmig. Die Ortschaften, die Stdte, die
Drfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der nur das Sinken des
Himmelsgewlbes ein Ende macht, der graue Boden, aus dem die matte
Herbstsonne buntfarbige Blumen zaubert, ist berall derselbe. Eine
Gemarkung gleicht so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn
sie von einem Stcke sind. Hie und da erblickt man eine einsame Tanya,
ein weies Huschen, einen Brunnen. Am Ende der Ortschaften erscheinen
die Windmhlen mit ihren ausgebreiteten Flgeln. Es ist wahrlich
kstlich, wie einfrmig auch die groen Stdte Alflds waren. Jede
hatte ein Ding, womit sie sich brstete. Debreczin mit seinem
Kollegium, Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemt mit dem
Nikolausturm, auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische Hahn, der
lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu sehen waren; jede
Stadt hatte auch ein berhmt gewordenes Nahrungsmittel aufzuweisen,
Debreczin die Wurst, Kecskemt den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie
entwickelten sich auch geistig gleichfrmig, eine jede zeigte, was sie
/in puncto/ des Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai,
Szegedin seinen Dugonits, Kecskemt seinen Katona.[9]

  [8] Pferdehirten.

  [9] Ungarische Dichter.

Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich im groen
Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort zu ihrer Aufgabe sich
stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt war. Die erste Rolle fiel dem
Schmiermenschen zu, der sich von der schmierenden Frau[10] nur
darin unterscheidet, da er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett,
sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus, um dort zu
argumentieren, da die Audienz bewilligt werde. Der Padischah
genehmigte, da am Mittwoch die Stadt Kecskemt vor sein glanzvolles
Angesicht trete.

  [10] Eine ungarische Masseuse.



Fnftes Kapitel.


In groer Gala erschienen unsere Freunde, den Sbel an der Seite. Herr
Michael Lestyk zeigte sich als ein fescher, hbscher Jngling. Er
hielt die Ansprache, er beschrieb die traurigen Zustnde in Kecskemt
so treu, so schn, da die vier hinter ihm stehenden Senatoren in
Thrnen ausbrachen. (Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause
gesendet.) Die Rede gipfelte nach vielen Stilblten darin, da die
Kecskemter dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Fen fallen, dieser
mge ihnen einen stndig in Kecskemt wohnenden Pascha bewilligen oder
einen anderen Wrdentrger, wenn er auch nur so gro wre, wie ein
kleiner Finger, der sie fortab vor den Plnderern bewahre. Blos das
Faktum, da ein Mann des erhabenen Sultans in Kecskemt ist, rettet
den Frieden und die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen
Wendung malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben der
Pascha dort fhren wrde; sie werden ihm ein Steinhaus bauen, werden
ihn schtzen und achten, werden ihn bedienen, aus ihrer Hand werde er
den sen Honig essen knnen und so weiter.

Nun bersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur Bey die Rede dem
Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte und sehr gelangweilt zu
Ende hrte. Im brigen war dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa
vierzig Jahre alt. Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe.

Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem Sultan mit
verschrnkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen Augen, wie wenn
er sagen wrde: Die Rede haben wir nun gehrt, nun lasset uns die
Argumente sehen. Diese folgten sofort.

Gabriel Poronoki trat hervor, ffnete das apfelgrne seidene
Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm demselben die prchtig
gearbeitete goldene Peitsche und den Fokos, dann legte er sie auf den
Schemel zu Fen des Sultans. Wir legen zu deinen Fen, erhabener
Herr, die Waffen Kecskemts.

Der Sultan bckte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete dieselbe
eine Zeitlang. Dann wechselte er mit Ibrahim einige leise Worte.

Unterdessen hatte der Herr Senator Inokai gerade seine Kehle gewetzt
und leierte dann mit ehrerbietigem Krchzen folgendermaen: Deinen
heldenhaften Soldaten haben wir einen kleinen Braten gebracht, grter
der Sultane, sei so gndig und betrachte denselben durch das Fenster.

Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf sich der Sultan
unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster zu treten, von wo aus die
prchtigen Rinder und Fohlen zu sehen waren, zu denen Herr Franz
Kriston den Prolog gestammelt. All' dies interessierte den mchtigen
Herrn des Orients nicht besonders, mde lie er sich wieder auf das
Sopha fallen. ... Jetzt ffnete sich die Thr des Saales und ein
khlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte dies das
Knistern der vier Weiberrcke verursacht. Die Kecskemter Mdchen
traten ein, frisch und lieblich.

Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston stellte sich in
die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen gleich und mit Gesten, als ob
er einen Strau in den Hnden hielte, den er dem Papa berreicht,
deklamierte er verschmt: Wir brachten auch ein klein wenig Blumen,
gndigster Herr.

Der Sultan verstand gewi nicht die ungarischen Worte, jedoch er
geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu lcheln. Dann rief
er frhlich dem Ofner Pascha zu: Einen Schleier ber sie, schnell,
Ibrahim, (dies wollte in orientalischer Sprache so viel heien:
Befleckt sie nicht einen Augenblick lnger mit Euren wollstigen
Blicken.)

Whrend der Pascha hinausstrzte, um Verfgungen zu treffen, teilte
der Sultan in langen gedehnten Worten etwas dem Dolmetsch mit.

Se. Majestt der Sultan, dessen Schatten Allah beschirme, sagt Euch,
Ihr Unglubigen, da er Eure Wnsche bercksichtigen wird. Verhaltet
Euch bis dahin ruhig und wartet drauen. Der Dolmetsch winkte und
damit war die Deputation entlassen.

Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultans sah, glaubte er die
Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwrdige That zu vollfhren; er zog
daher die hinausgehenden Vorsteher bei ihren Mantelflgeln zurck und
sprach zu dem Dolmetsch: Mchtiger Dolmetsch, rechte Hand deines
Herrn, vermittle noch eine Bitte!

Der Grovezier, die anwesenden Paschas und Ulemas betrachteten den
Tollkhnen betroffen, und nicht weniger berrascht waren die
Kecskemter Herren, aber der Sultan, an die Blumen Kecskemts denkend,
lchelte noch immer, und wenn der Sultan lchelt, scheint die Sonne,
die Grser wachsen, die Steine spielen Harfe und alles ist in Ordnung.

Nun, was wollt Ihr noch? rief der Stellvertreter Ibrahim Paschas,
Hassan, aus. Sagt es schnell, denn es warten noch viele Deputationen
drauen.

Gerade das ist es, fuhr Christoph Agoston ermutigt fort, wir sahen
drauen die Nagy-Krser Deputation und wir bitten Se. Majestt ganz
ergebenst, da er ihr nichts gewhre, was sie auch verlangen mge.

Der Vertreter des Sultans lachte und interpretierte selbst dem
Beherrscher der Glubigen diese zweite Bitte.

Auch der Beherrscher der Glubigen lachte ber den sonderbaren Wunsch
(so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht vor) und frug lebhaft, was
der Grund davon sei.

Lestyk gab die Antwort: Nagy-Krs und Kecskemt sind so mit
einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze.

Der Sultan geriet in eine prchtige Laune, der Dolmetsch
interpretierte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort
des Herrschers: Freut Euch! Der gndige Padischah wird Eure erste
Bitte genau berlegen, die zweite vollfhren.

Damit gingen die Kecskemter in den Hof hinaus, den auf den Einla
wartenden Krser Nachbarn guten Morgen wnschend.

Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute des Sultans zu ihnen
und vertrstete die Senatoren, ihnen auf die Schulter klopfend: Ihr
seid glckliche Spitzbuben! Ihr habt den Sultan ganz gewonnen und ihn
erheitert. Kein Zweifel, alles wird geschehen. Er rieb sich zufrieden
die Hnde. Es waren ihm nachtrglich hundert Dukaten versprochen
worden, wenn in Kecskemt eine trkische Behrde installiert wird.

Unter groen Hoffnungen schritten sie drauen auf und ab, die Rede des
Oberrichters lobend und das Auftreten Agostons. Herr Agoston selbst
war ganz entzckt. Nicht wahr, da ich etwas wert bin? Da giebt es
doch Verstand, Gevatter?

Nach ungefhr anderthalb Stunden kam der trkische Vertrauensmann
wieder zurck. Zornig schlenkerte er mit der Hand, sein Gesicht war
rot vor Grimm wie Paprika. Nun, Schweine, schrie er von weitem, Ihr
habt Euer Glck mit Fen getreten!

Die wackeren Herren sahen ihn versteinert an. Was ist geschehen, um
Gotteswillen?

Das ist geschehen, Ihr Esel, da die Nagy-Krser Deputation, die
Entfernung der Ofner und Szolnoker Paschas beklagend, als Sitz einer
zu errichtenden trkischen Obrigkeit Kecskemt wnschte.

Wir aber ... stotterte Josef Inokai.

Ihr aber lieet den Sultan versprechen, da er den Wunsch der
Nagy-Krser, welcher es auch sei, nicht erfllen werde. Erstarret!

Damit drehte er ihnen den Rcken, nachdem er zuvor einige Male
trkisch vor sie hinspie.

Man htte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyk nagte den
Schnurrbart, der ehrliche Poronoki schimpfte, Kriston bekam
Nasenbluten vor Schreck, der alte Inokai begann zu schluchzen, whrend
Herr Agoston direkt zu den Wagen ging, welche an der Donau standen,
sich in den einen hineinlegte und mit der Bunda[11] zudeckte, weil ihn
ein solches Fieber schttelte, da es, gleichmig verteilt, fr
hundert Schnupfen ausgereicht htte.

  [11] Ungarischer Pelz.

Jetzt knnten wir nach Hause gehen, unterbrach Kriston die traurige
Ruhe.

Wir warten den Beschlu des Sultans ab, meinte der Oberrichter.

Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des Sultans in
Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er geleitete sie in einen
Saal und bergab ihnen einen Kaftan, indem er durch den Mund des
Dolmetsch sagte: Das schickt Euch Se. Majestt der Padischah. Ihr
werdet gewi einen guten Gebrauch davon machen!

Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrne
Sammetkleidungsstck, welches mit goldenen Schnren und Bndern
geschmckt war und erstaunt schienen die Kecskemter einander zu
fragen: Also nur so viel?

Herr Poronoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten Ausdruck:
Mehr lie Se. Majestt nicht sagen?

Mehr nicht, erwiderte der Kaimakam mit groem Phlegma. Der Sultan
war Euch gut gesinnt, aber er mute sein Wort einlsen. Ihr selbst
habt es doch gewnscht.

Knnte man nicht noch einmal zu ihm gelangen?

Das geht nicht.

Donnerwetter! Wir sind schn daran! Es wird zu Hause eine Freude
geben.

Wenn dem so ist, sagte der Oberrichter kalt, dann fassen Sie diesen
Kaftan an, Herr Kriston.

Franz Kriston ergriff sehr zornig und unehrerbietig den mit einer
Brenhaut wattierten Mantel, so da das eine Ende desselben die Erde
kehrte, und schleppte ihn mit groem Lrm dem Oberrichter nach. Als er
zu den Wagen gelangte, warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen.

Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher konnte ber
ihn nur so viel Aufklrung geben, da er sich im Wagen nach Waitzen
fhren lie, wo er eine verheiratete Tochter hatte, er sprach wenig,
denn seine Zhne klapperten sehr, aber so viel sagte er doch, da er
Kecskemt nie wieder sehen werde. Als man die Pferde gefttert und
getrnkt hatte und die Unserigen sich auf den Heimweg begaben,
dunkelte es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich mit
dem Nebel, die Frsche quakten hlich in den Pester Smpfen (auf dem
jetzigen Kettenbrckenplatze), die Priester schrien unausstehlich von
den Ofner Minarets, whrend aus der Pester alten Burg die Eulen
geisterhaft hervorhuschten. Nur weit, in irgend einem Drfchen erklang
eine weinerliche christliche Glocke. Der Nebel war rtlich-wei, wie
frisch gemolkene Milch, halb durchsichtig, so da man spttisch
lachende kmpfende Drachen, gepanzerte Wundertiere, Gespenster in
Laken hervorscheinen sah. Am Himmelsgewlbe breitete sich eine einzige
dunkelblaue Wolke schwerfllig aus.

Als sie die Pester Huser verlassen hatten und mit schwerer Not aus
dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores herauskamen, wo der Wagen
Kristons beinahe in einer Linnenbleiche stecken geblieben wre, rckte
die Wolke mit einem Male fort und verschlang pltzlich den Mond, wie
wenn ein groer Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward
etwas finsterer; eine feierliche, melancholische Stille kam ber die
schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren Achsen und hie und
da wurde ein Hahnenruf in den Pester Tanyen laut. Die Pferde zogen
ungern weiter, die Kutscher fluchten und die Senatoren saen in tiefe
Gedanken versunken wortlos neben einander, nur zuweilen einige Worte
austauschend. Und doch htten sie auch ihre Gedanken austauschen
knnen, denn diese waren die gleichen. Wenn der eine sagte: Wie
sollen wir zu Hause das groe Nichts bergeben? antwortete der
andere, nachdem er in die Nacht hinein gestarrt hatte: Ich wre jetzt
lieber ein Schferhund, als ein Kecskemter Senator. Der dritte hob
sein gebeugtes Haupt und setzte seufzend hinzu: Fr hundert Ochsen
und fnfzig Pferde einen grnen Mantel -- das ist ein guter Markt.
Damit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in den
weien Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten abhoben. Mit
einem Male trat aus einer dieser Nebelsulen ein Gespenst hervor.
Augenscheinlicher, wahrer als die anderen, es stellte sich den Pferden
entgegen ... und sein Schatten bewegte sich auf der Strae. Die Pferde
der Voranziehenden stutzten. Der Kutscher blickte auf. Ein weiche
weibliche Stimme erklang: Bleiben Sie stehen!

Der katholische Inokai machte das Zeichen des Kreuzes: Alle guten
Geister loben den Herrn!

Wer bist du? fragte Kriston.

Ich bin die Czinna, das Zigeunermdchen. Nehmt mich schnell in den
Wagen.

Anfangs erschrak nur Inokai, aber jetzt waren Kriston und Poronoki zu
Tode erschrocken. Sogar der auf dem anderen Wagen befindliche
Oberrichter verschmhte es nicht herabzuspringen. Wie kommst du
hierher, du Krhe?

Ich bin davon gelaufen! antwortete Czinna kurz.

Gerade das ist's, warum bist du geflohen?

Weil ich mich langweilte.

Du Hundeleber! schrie Kriston und kratzte sich den Kopf. Weit du,
da man uns alle deineswegen hngt? Wirst du dich gleich zurckpacken!
Was sollen wir thun? Was sollen wir thun?

Man mu sie zurckgeleiten, meinte auch Poronoki.

Die glnzende Flche des Mondes trat jetzt hervor und beleuchtete das
schne Mdchen. Ihr prchtiges Gewand war ganz beschmutzt, ihre
Stiefel waren kothig, der Rock im Sumpfe durchnt, durch welchen sie
watete.

Ich will nicht zurckgehen, murrte sie trotzig und ihre weien Zhne
leuchteten, denn sie klapperten ein wenig. Frstelnd knpfte sie ihren
berwurf zu.

Du mut zurckgehen, sagte der Oberrichter, wir spielen mit unseren
Kpfen.

Das Mdchen zuckte zusammen, richtete ihre schnen, groen Augen auf
den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren Blicke, da der
Oberrichter ausrief: Komm' also, setze dich zu mir in den Wagen. Ich
werde dich nach Hause fhren.

Herr Oberrichter! Herr Oberrichter! warnte Poronoki melancholisch.
Was thun Sie?

Auf meine Verantwortung!

/Juventus ventus/, murrte Inokai.

Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die Wrme der
Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter mit einem leichten
Schwunge wie eine Wildkatze.

Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung.

Du frierst, sagte Lestyk, ihrem Atemzuge lauschend. Dann zog er den
kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn ber ihre Knie. Er
betastete mit seiner Handflche ihre Stirn, sie war ein wenig hei,
aber wie glatt, wie s anzufhlen! Das Blut des Oberrichters begann
zu sieden.

Ach, es giebt nur einen glcklichen Menschen, seufzte unterdessen
auf dem ersten Wagen Inokai, Herrn Christoph Agoston, der seinen Kopf
an einen sicheren Ort gelegt hat, nach Waitzen.

Ach, es giebt nur einen glcklichen Menschen, seufzte im letzten
Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Rohirt: Unseren
Oberrichter, Herrn Lestyk, denn dieser kostet die roten Lippen des
Zigeunermdchens und mit mit dem Arm ihren schnen schlanken Leib.

Sag' mir Czinna, fragte der Oberrichter, wie bist du entflohen?

Ich bestimmte den alten Trken, welcher an der Thre wachte,
einzuschlafen und er schlief ein.

Wie konntest du mit ihm trkisch sprechen?

Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.

Und die anderen?

Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht kommen. Hier
zu Hause htten sie sich im Tagelohn verdingen mssen, dort gab es ein
prchtiges Mittagmahl, Braten, dreierlei geschmackvolle
Fruchtgattungen. Auch Mamaliga[12] gab es vielleicht dort. Das
Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.

  [12] Kuchen aus Maismehl.

Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.

Ich freute mich ber die Kleider.

Und du hast sie schon satt?

Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.

Ei, ei, sagte der Oberrichter traurig, du kannst noch viel Leid
ber Kecskemt bringen! Man wird dich suchen, Czinna!

Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr ganzer Krper
zitterte wie Espenlaub.

Frchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich es einmal
aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.

Das Mdchen beugte sich ber die Hand Lestyks, kte sie und weinte.

Nervs, fast rauh erfate der junge Mann ihren Kopf, um ihn von seiner
Hand wegzuziehen und brummte rgerlich: Ich bin kein Bischof. Als er
den Kopf des Mdchens aber erhob, flo mit einem Male die Welt vor ihm
zusammen, sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen
Augen umher, der Wagen schien umzufallen und er drckte ganz
selbstvergessen das schne Haupt an seine Brust. Pltzlich gereute es
ihn ... und er lie es wieder los.

Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna? Mach' keine Dummheiten
und ksse mir die Hand nicht, denn sonst werde ich deinen Zopf an den
Wagen binden, damit du deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den
Menschen in Verwirrung bringst!

Er erfate scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht.

Nun, soll ich es an den Wagen binden?

Wie Euer Gnaden wollen, sagte das Mdchen sanft, ruhig.

Ich binde es nicht an, frchte nichts. Ich denke an etwas anderes.

Lange Zeit schwiegen sie. Lestyk rieb sich oft mit der Hand die
Stirne.

Ich denke daran, sagte er endlich flsternd, da man deinen Zopf
bis zum Grund abschneiden msse.

Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese glnzten selbst
im Finstern.

Neige dich nher zu mir, Czinna, damit der Kutscher nicht hrt, was
ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht an. Noch nher. Frchte
nichts, ich werde Dich nicht kssen.

Was liegt mir daran, kssen Sie mich.

Dein Haar mu abgeschnitten werden.

Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.

Dann mut du vom Wagen steigen...

Das Mdchen machte eine unruhige Bewegung.

Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug Macht, um dich zu
schtzen. Wer wei brigens, was mit mir geschieht. Ein schlimmes
Schicksal steht mir bevor. Du mut also absteigen, das ist gewi.

Aber warum?

Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mchtiger ist, als der
Kecskemter Richter. Wenn ich mchtiger wre als sie, dann wrdest du
jetzt bei mir bleiben und kein Haar wrde dir gekrmmt werden.

Ich verstehe Sie nicht.

Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet sich ein
Mnneranzug, ich habe ihn jetzt fr mich in Ofen gekauft. Wenn du vom
Wagen springst, wirst du dich irgendwo als Bursch verkleiden; ich lege
dir auch ein paar Dukaten in die Tasche. Du wirst ein hbscher Junge
sein, was glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht
erkennen.

Czinna seufzte und fing an zu weinen.

Schn langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach Kecskemt
zurckkehren, womglich auf anderen Wegen und bei meinem Vater als
wandernder Schneidergeselle, der Arbeit sucht, einkehren.

Czinna wischte sich die Thrnen ab und lachte laut auf.

Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens kann ich Sie
tglich sehen.

Wiehere nicht wie das kleine Fllen ... Das ist ein ernster Zustand.
Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen, so wirst du ihm
diesen Ring zeigen, zum Zeichen dessen, da ich es wnsche.

Aber Sie werden ja zu Hause sein und knnen es auch mndlich sagen.

Was wei ich, wo ich sein werde, antwortete er mrrisch und zog
einen Opalring vom Finger, ihn Czinna bergebend.

Nach kurzer Pause fgte er hinzu: Wenn er dich aber ohne Ring
aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater soll nicht ahnen,
niemand darf es wissen, wen die Mnnerkleidung bedeckt. Ich wnsche es
so.

Dann wird es auch so sein, sagte Czinna.

Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mut abspringen, so lange es
noch dunkel ist.

In der Lade befand sich eine groe Scheere, mit welcher man die Mhnen
der Fllen zu ordnen pflegte. Als sie der Oberrichter hervorzog,
zitterte seine Hand, wie erst, als er die prchtigen Zpfe erfate, um
dieselben zu vernichten.

Ich habe keinen Mut. Und matt lie er die Scheere fallen.

Was bedauern Sie dabei? zrnte das Mdchen, die Scheere erfassend.
Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald war abgeschnitten. Das
Mdchen lchelte mit kronenlosem Kopfe. Dann flocht es aus den Zpfen
die schweren Brokatbnder los, whrend Michael die Mnnerkleidung aus
der Kiste nahm.

Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du an das Ufer
der Thei gehen, wo du sie am nchsten erreichst und wirst dein
abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch legen, wie es die einen
Selbstmord begehenden Mdchen zu thun pflegen, welche ihre Kleider
dort zurcklassen und nur ihren Schmerz mitnehmen...

Alles wird so sein ... alles.

Hoho! Wehe! Wehe! erscholl es in diesem Momente vom Wagen des
Kriston.

Was ist geschehen? rief der Oberrichter hinber.

Wir sind in irgend einen Morast gesunken. Das war in der That kein
Wunder. Damals waren die Komitate noch Jungfrauen bezglich des
Straenbaues. Die Klage, da man Kot auf Kot hufe und dies Landstrae
nenne, hatte damals noch keine Berechtigung, denn man hufte berhaupt
gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, da die Wagen die Strae
selbst machen. Wo eine Radspur ist, dort sind schon Menschen passiert
und wenn sie schon passierten, dann knnen auch wir dort wandeln.

Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen sa bis zur Achse im
Moraste drin, welcher beim Mondschein einer grnseidenen Wiese glich.
Dieses Alfld, welches Petfi ein offenes Buch nennt, ist eine tolle
Gegend. Bei Tage zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser,
des Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm glauben?)

Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, da die Strnge beinahe
rissen, er wute aber eigentlich nicht, welche Richtung er whlen
sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen versuchte in anderer
Richtung sein Glck. Auch dieser geriet in den Morast.

Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?

Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten.

So viel ist gewi, da wir uns bei den >Hllenteichen< befinden,
sagte Herr Poronoki. Es mu irgendwo ein Durchgang sein. Ich habe
oft von den Fuhrleuten gehrt, da man zwischen den Seen zum rechten
Wege gelangen knne.

Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.

Man mu den alten Marczi aufwecken, der hat schon oft Ochsen nach
Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen Herbstes. Wie, wenn
er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge, dort im letzten Wagen,
wecke deinen Bruder Mrton auf.

Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schttelte den
schlafenden Alten aus Leibeskrften.

Nun, was giebts? Was schttelst du mich, du Frechling?

Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wit ihr den Weg nach
Kecskemt?

Ich glaube, antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt.

Wir befinden uns hier bei den >Hllenteichen<. Die ersten zwei Wagen
stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um sich, wo wir einen Ausweg
finden.

Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam das
erhabene Gewlbe mit seinen Milliarden funkelnder Sterne.

Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?

Was soll ich daran sehen? fuhr er mrrisch auf. Der eine Sumpf ist
wie der andere.

Und wieder ma er aufmerksam das Himmelsgewlbe. Mit einem Male
richtete er sich im Wagen auf und rief zum Wagen Kristons hinber:
Siehst du, mein lieber Sohn, diesseits des groen Bren die zwei
kleinen Sterne, der eine ist sehr bla, hellwei, der andere feuriger,
aber kleiner, sie befinden sich gerade einander gegenber?

Ich sehe, Marczi Bcsi.[13]

  [13] Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter.

Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, mein Lieber.
Dort ist der Weg.

Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, wie jemand, der
alles ins Reine gebracht hat.

Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser auf die
Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen zurckgelangt war,
befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt war sie whrend der
eingetretenen Verwirrung verschwunden, nur der groe aufgelste Zopf
dunkelte aus dem Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die
herrlichen Haare in die Faust, dann begann er die Fden in kleinen
Bscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen Fden sanken leise
nieder, der Wind trug sie, so da es schien, als flgen sie hinweg;
das grnliche Wasser spielte mit ihnen und schlang sie um die
Wasserlilien, um das Schilf und die buntkelchigen Erbsenblten ...
Nachdem man endlich in Sicherheit war, da hielt des Oberrichters Hand
nur noch einen Faden, den er um seinen Ring wand.

Hoho! rief er laut und drhnend. Wohin ist mein Mdchen geraten?
Auf welchem Wagen ist sie?

Von berall kam die Antwort: Hier ist sie nicht! Hier auch nicht.

Gott sei Dank! flsterten die Senatoren erleichtert auf, da sie
nun durchgegangen ist, die kleine Krte!

Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte man ohne
Zwischenfall von den Tanyen zu Drfern und von Drfern zu Tanyen. Nur
hier und dort verwischte sich der Weg, allein das that nichts, war
doch Marczi da, der ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den
richtigen Pfad wies.

Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern zu, der dort
neben dem kleinen Bren steht...

Er war zu Hause unter den glnzenden Planeten des Himmelszeltes. Die
Erde ist unergrndlich, der Himmel dagegen mit seinem blauen Felde ist
allezeit unvernderlich. Von dort herab ma er denn auch den Weg von
Pest bis zur edlen Stadt Kecskemt. Er wute da so genau Bescheid, er
sah den Weg so klar, da auf demselben vor seinen Augen frmlich Staub
aufwirbelte.....



Sechstes Kapitel.


Pinty stellte die geladenen Bller auf dem Marktplatze auf; hier und
dort wurden Transparente errichtet: Willkommen! Vivat! und
dergleichen mehr. Der glnzend beredte Paul Fekete bffelte gerade an
einer Rede, welche also begann: Wer kennt nicht den Ruf des weisen
und achtungswerten Seneca? (Selbstverstndlich kannte ihn jedermann,
denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprchen dieses achtungswerten
und weisen Mannes.)

Die Zigeuner des Brs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium, kurz,
es wurden groe Vorbereitungen getroffen, und man htte vielleicht
sogar die groen Glocken gelutet, wenn Herr Poronoki nicht bei
Czegld, von seinem richtigen Verstande geleitet, Pali, den schmucken
Csiks, auf ein Ro gesetzt und ihm aufgetragen htte, daheim zu
sagen, da man keine Komdien inszenieren solle, da zur Lustigkeit
keine Ursache vorhanden sei.

Der Herold rief groe Verstimmung hervor, brummig und rgerlich sah
man gegen Abend aus den Fenstern und hinter den Zunen den Einzug der
Vorsteher mit an. Kein einziges Eljen war zu hren, nur die Hunde
bellten hinter den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu
die Schmach noch msten, da sie ohnedies gro genug war!..

Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse Flgel, man
erfuhr, wie die Krser Kecskemt, das heit, wie Kecskemt sich
selbst abgekocht hatte und wie ihnen der Sultan als Entgegnung auf
die vielen kostbaren Geschenke und Schtze einen Kaftan hingeworfen.

Schmach und Schande!

Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefhl haben und den Kaftan
auch nach Hause bringen? Am nchsten Tage sammelten sich groe Mengen
vor dem Stadthause; die angeseheneren Brger gingen in den Saal
hinauf, um hier aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu
vernehmen. So war es nmlich Sitte nach jeder groen Expedition.

Das gewhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten drauen,
schrieen und suchten in unmglichen Tnen eine Melodie zu dem Verse,
der soeben herrenlos auf den Lippen des Pbels geboren worden war:

    Kecskemt, magst glcklich sein,
    Kaisers Kaftan ist ja dein!

Einige des Weges kommende Grokrser Fuhrleute steigerten noch die
Gereiztheit. Tchtig in ihre Pferde einhauend, schrieen sie der Menge
hhnisch zu:

Hlt der Kaftan auch warm?

Und frwahr, er heizte den Senatoren dort oben tchtig ein. Finster
saen sie in ihren Sthlen. Einige, so Herr Inokai, ganz weichherzig
und verzagt, nur auf dem schnen Antlitze des Oberrichters leuchteten
noch Mut und Trotz.

Poronoki malte die Ereignisse der Reise in einer schn komponierten
Rede, und er begann mit dem Herrgott, der Kecskemt so hufig
heimsucht, da man ihn bereits als einen hier zustndigen Einwohner
betrachten konnte. Sie waren in gutem Glauben vorgegangen (der
Herrgott ist Zeuge!) und sie konnten nichts dafr, da der Plan in
Trmmer ging.

Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren ungeheuer, aber
sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt!

Anfangs hrte man fein ruhig zu und die hbsche Rede wrde vielleicht
gar den Magistrat gerettet haben, htte nicht bei den Details, wo
Poronoki mit groem Pathos sagte: Und wir erschienen am Mittwoch vor
Sr. Majestt dem trkischen Kaiser, der in kniglichem Ornate da sa,
htte, wie gesagt, hierbei Gspr Permete nicht dazwischen gerufen:
Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?

Eine unbndige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern und von da
ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem anderen. Die Autoritt
sank und kaum hatte der erste Funke im Stroh verfangen, als auch schon
alles aufloderte.

Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen geworfen!
Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen nhen lassen!
Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche mit Edelsteinen haben Sie
mitgenommen! Das Geld wurde hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum
Kinderspott gemacht! Ich komme gerade von drauen und da schreien die
Krser auf dem Platze: >Hlt der Kaftan auch warm?< Eine solche
Schmach unserer Stadt!... Darauf mgen Sie antworten!

Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden
Augen, brllender Stimme und drohender Faust wtete er:

Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grnen Tische!

Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den Saal ein
Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeste.

Danken Sie ab!

Die aufgeregten Brger drngten sich in einem stets enger werdenden
Ring um den grnen Tisch. Lestyk warf seinen Stuhl um, knpfte von
seiner Weste das Stadtsiegel los, welches dort an einer Kette hing und
warf dasselbe mit der Kette zu Boden, so da es bis in die uerste
Ecke des Saales kollerte.

Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht! und er eilte zur Thr.

Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen.

Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich vor Gott und
Menschen an, da du mit den Feinden der Stadt unter einer Decke
gespielt, da du die Schtze unserer heiligen Mutterkirche verkauft
hast. Du bist der Gefangene der Stadt!

Auf wessen Anordnung? fragte stolz und kalt Lestyk.

Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge abgeschnitten htte,
Lestyk hingegen entfernte sich, die Saalthr hinter sich zuschlagend.
Der Reihe nach standen jetzt die anderen Senatoren auf, sich dem
allgemeinen Willen unterwerfend. Sie legten ihr Amt nieder. In dem
entstandenen Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum
Prsidentenstuhle.

Ich beantrage, da, bis nach reiflicher berlegung ein neuer
Beamtenkrper gewhlt wird, die Angelegenheiten der Stadt eine aus
drei Mitgliedern bestehende Kommission fhre. Ein katholischer, ein
kalvinischer und ein lutheranischer Mitbrger.

So ist's! schrie die Menge.

Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy, Balzs
Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging, als sich die Menge
zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um zu beraten und sein erster
Beschlu war die Gefangennahme des jungen Lestyk.

Der alte Lestyk weinte und schrie, als man den Stolz seines Herzens,
seinen Max ins Gefngnis fhrte. Zuerst griff er zum Bgeleisen und
wollte die Haiducken totschlagen. Als man ihm das Bgeleisen aus der
Hand ri, brachte er aus der Bibel geeignete Stze zur Anwendung,
welche er wie Donnerkeile an die Kpfe Gyuri Pintys und Pista Muskas
warf.

Man mu die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber Vater, sagte ein
wenig zornig der Ex-Oberrichter, auch das dauert nicht ewig.

Sie werden das noch bitter bereuen! rief der Alte, seine Fuste wie
ein Theaterheld ballend. Wehe dir, Kecskemt, wie Sodom und Gomora
wehe ward.

Uns kann das Glck noch lcheln, trstete Max.

Glck? Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie ein altes Weib.
Auch das Glck ist eine Gttin, ein Weib wie die anderen. Sie luft
immer neuen Mnnern nach. Mit dem sie einmal ein Liebesverhltnis
hatte und ihn verlie, zu dem kehrt sie nicht wieder zurck.

Dann erfate er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen eines
Wahnsinnigen die Scheere und begann einen neuen Dolman, den er eben
fertig gestellt hatte, in Stcke zu zerschneiden, indem er heiser
rchelte:

Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.

Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und auch den armen Max
schleppte man in den dumpfen Kerker des Stadthauses. Er lief ihm nach,
aber bei der Thoreinfahrt wankten seine alten Beine und er konnte erst
an der Thrschwelle rufen:

Frchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort erlsen, deine
Freiheit erringen.

Nun, frwahr, das war auch damals keine groe Sache! Man ging einfach
zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl zu erwirken, da man ihn sofort
frei lasse. Wenn das Herz des Ofner Pascha nicht zu erweichen war,
ging man zum Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen
wir an, da der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune war,
dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen, oder nach Flek
zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten Falle kann auch Herr
Csuda die Freilassung anordnen, wenn es nicht das Einfachste ist, sich
an den hochgebornen Herrn Stefan Kohry nach Szcsny zu wenden. Alle
diese wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemt.

Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich anbot, er war
ein hbscher, Vertrauen erweckender Bursche.

Jetzt kann Herr Lestyk zuversichtlich seine Reisetasche umhngen und
die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen giebt auf das Haus
acht, bernimmt die Bestellungen und hlt die ungeduldigen
Kundschaften mit Worten hin, die Magd Erzsike hingegen kocht fr ihn
und sucht ihn auszuforschen.

Aber dann mein Sohn Laczi? -- nicht wahr du heit Laczi? -- treibe
keinen Mutwillen mit dem Mdchen, ich warne dich, denn das ist mein
Patenkind.

So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im spten Winter
kehrte er zurck.

Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen strengen Winter und
es war in der That so. Die kmpfenden Parteien standen viel Elend aus.
Von den Kriegern des Herrn Thkly erfroren hundert bis zu
Weihnachten. Wegen des vorjhrigen schlechten Jahres waren auch die
Lebensmittel knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten
auch dabei, kein Wunder, da ihr Auftreten zuweilen grausam war.

An jenem Abend, an welchem der alte Lestyk mit dem Ferman des Ofner
Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich ein Trupp des bel
beleumundeten Kalgaer Sultans vor die Stadt, unter der Fhrung Olaj
Begs, mit sehr vielen in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Mnnern
und er sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat:

Unglubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht acht Wagen Brot,
vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und viertausendfnfhundert Gulden
schickt, werde ich sie nachmittags selbst mit meinen Soldaten holen
und von den Kpfen der Kecskemter Regierung zwei abschneiden, denn
ein Richter hat an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!

Im Stadthause entstand groer Schrecken. Die Haiducken liefen in
voller Eile von Haus zu Haus, da man dem mchtigen Olaj Beg Brot
backe, da man Holz zusammenscharre, aber am schwersten war es, das
Geld herbeizuschaffen, denn die Lade der Stadt stand leer. Einen
solchen Aderla ertrgt man jetzt nicht.

Mit verstrten Gesichtern fand sie Michael Lestyk, als er mit
Unterwrfigkeit hereinhumpelte.

Nun, was wollen Sie? frug Putnoki rauh...

Ich kam wegen des Sohnes, mein groer guter Herr.

Wegen des Sohnes?

Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach Hause bringen.

Wenn wir ihn freilassen.

Freilich, freilich, sagte der Alte stolz, und breitete vor Herrn
Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. brigens wie Euer Gnaden
wollen.

Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha berflogen
hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken, denn der gute
Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr niemals die Tinte aus,
ohne eine kleine Gemtlichkeit in die ernsten Zeilen zu mischen. Auch
jetzt standen dort die wenigen Worte: Ich sehe, da Euer Hals Euch
stark juckt.

Das ist etwas anderes, sagte der Triumvir sich duckend. Wir
gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spt Abend, auch ist
der Kerkermeister nicht hier. Wir werden unseren Bruder morgen frh
schon herauslassen.

Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendmmerung fand ihn schon
vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein hliches Wetter, ein groer
Nebel ballte sich zusammen und auch der Schnee fiel still herab. Die
Stadtherren kamen frh genug herein, besonders Putnoki, der ber Nacht
einen guten Gedanken gefat hatte und sich beeilte, ihn seinen
Kollegen mitzuteilen.

Es wird nicht gut sein, wenn Lestyk auf freien Fu gesetzt wird.
Sein Schdel ist mit viel Verstand und viel Spitzbberei gefttert.

Ein harter Schdel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak Pascha
knnen wir doch nicht Finger ziehen.

Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke ihn aber
an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder zurckkehrt.
berlassen Sie das nur mir!

Die Gassen bevlkerten sich ungewhnlich frh. Die Bewohner
befrderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre Sachen auf die
naheliegenden Tanyen.

Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken auf die
Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatschlich kein solcher
Kleinigkeitskrmer wie Herr Csuda oder Derwisch Beg, welche sich mit
dem Raub eines Pfaffen oder eines schnen Mdchens begngten. Der
verstndige Olaj Beg arbeitete /en gros/. Er kam selten, aber wenn er
kam, trieb er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen,
Kindern, Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurcklassend,
als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem heiligen Koran
in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch war Olaj Beg, das mu man
ihm lassen.

Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflureichsten
Mnner schon zeitlich morgens einzeln in das Rathaus; der eine brachte
ein wenig Geld, der andere kam, um Brot und Holz anzubieten. Die
schlechte Nachricht ist ein guter Wecker.

Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den jungen Lestyk aus
dem Kerker vorzufhren. Er erschien ein wenig bla, trug aber den Kopf
hoch.

Max Lestyk, sagte der Triumvir feierlich, Sie sind frei!

Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale.

Der Ofner Vezir ist Ihr Patron, bemerkte der Vorige satirisch.

Lestyk erwiderte nichts. Er machte eine nervse Bewegung, als ob er
gehen wollte.

Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner Pascha ist nicht der
rmische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter, er kann Schlsser ausbrechen
und schlieen, aber nicht Snden vergeben. Diese mssen Sie abben.

Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende mit
zurckgehaltenem Atem.

An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort jenseits des
Teiches Csalnos. Er hat der Stadt einen groen Tribut auferlegt,
welchen man ihm bis heute Mittag bersenden mte, aber es ist
unmglich. Wissen Sie also, Lestyk, wozu wir Sie jetzt verurteilen?

Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.

Balzs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort:

Sie haben den berhmten Mantel gebracht, sehen wir nun, was Sie mit
demselben anzufangen wissen. Sie werden ihn anziehen und in ihm zum
Beg gehen.

Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das kam unerwartet.
Seine Fe wankten fast. Aber rasch gewann er wieder Kraft. Wie zu
sich selbst sagte er: Ich darf nicht erschrecken, ich darf es
nicht... Sein Herz schlug stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die
Farbe des Gleichmuts lagerte auf seinem Gesicht.

Und was soll ich dem Beg sagen?

Sagen Sie ihm, da er sich mit der Hlfte des Tributs begnge und
auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht haben. Oder
aber, zum Teufel, bieten Sie ihm den Kaftan an, welcher fnfzig
Pferde, hundert Ochsen und ungefhr viertausend Dukaten reprsentirt.
Er wird zufrieden sein. Hehehe! und was noch zurckkommt, das bringen
Sie in die stdtische Kasse. Hahaha!

Der wird mich ja sofort rdern lassen oder in Ketten schlagen.

Putnoki zuckte die Achseln.

Das ist Ihr Malheur.

So? rief Lestyk bitter aus. Verurteilen Sie mich wirklich dazu?

Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen Greise der
Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem Kopfe zum Zeichen, da
das Urteil gerecht sei. Man mu an den Vergeudern des ffentlichen
Vermgens ein abschreckendes Exempel statuieren.

Fhren Sie mich lieber in den Kerker zurck, sagte er
selbstvergessen, bereute es aber sofort.

Wovor frchten Sie sich denn eigentlich so sehr? klgelte bissig der
Triumvir, den Kaftan werden Sie ja tragen.

Ein groes Gelchter entstand bei diesen Worten und das Blut scho
Lestyk ins Gesicht.

Ich pflege mich nicht zu frchten, sagte er stolz. Wann soll ich
gehen?

Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen habe. Wollen Sie
bis dahin nicht beichten?

Nein.

Der alte Schneider verkndete es verzweifelt der ganzen Stadt, welch'
unerhrtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den Rachen des
Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil ohne Verhr und
Verteidigung!

Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. Macht einen
Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, ich fhre euch an, damit
ihr das >dreibltterige Kleeblatt< abmht. (Das war der Spottname des
Triumvirates.)

Keine Hand rhrte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden Bume ...
hchstens in den mit Rosmarin und Muskaten geschmckten Fenstern ward
ein braunes oder blondes Mdchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer
brach sich vielleicht durch die Bltter der Blumen: Armer Max
Lestyk! Dann blieben diese schnen Gesichter auch weiterhin auf der
Lauer.

Wann kommt er? Wie gern mchte ich ihn im Kaftan sehen. Wie lange
zgert er.

Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht schwang er
sich in den Sattel, obwohl ihm der grne Seidenmantel bis zu den
Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den linken Fu in den
Steigbgel setzte. Auch zwei Trabanten setzten sich zu Pferde, und
hielten mit gezogenen Sbeln an seiner Seite Wache.

Sie hielten aus dem rckwrtigen Thor ihren Auszug, damit die
angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen sollten. Das war
aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn sahen zum Fenster hinaus, so
lange sie wegen des immer dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr
Putnoki rieb sich vergngt die Hnde.

Nun, der wird das Kecskemter Horn auch nicht mehr hren! (Denn es
war blich, die Mittagszeit durch Hornrufe vom Turm Sankt Nikolaus zu
kennzeichnen.) Dann wandte er sich lebhaft den versammelten Brgern
zu: Jetzt aber beeilen wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit
Olaj Beg, wenn er sich erzrnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung
schon unterwegs finde.

Die Trabanten begleiteten Lestyk nur bis ans Ende der Stadt, wie dies
bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So stand es im Befehl. Es wre
auch schade um die Trabanten gewesen, diese Leute bis ins feindliche
Lager zu senden, wo ihrer sicherer Tod harrte.

Vielleicht geht Lestyk gar nicht weit, vielleicht schlgt er sich
irgendwo seitwrts in die Bsche, die Welt ist ja weit und hat vier
Ecken -- nun, so mag er es immerhin thun, wenn er nur nicht lnger
hier lstig fllt.

Aber da kam man just an den Rechten. Whrend er frba ber die
endlose Schneedecke dahinritt, dachte er bei sich:

Ich zieh von dannen; ich mu es wohl. Denn wenn ich bleibe, bin ich
fr immer tot. Geh' ich aber fort, so kann es noch geschehen, da sie
mich zurckrufen. Olaj Beg ist ein kluger Mensch; einen Toten kann er
zu nichts ntzen, ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er
mit Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die
Gefangenschaft. Das kann man immerhin wagen.

Mit dem herabhngenden Flgel seines Mantels hieb er dem Gaule eins
auf den Rcken, wodurch die arme Mhre einigermaen angespornt wurde.
Das Ro hatte schne Karriere gemacht. Gestern noch drehte es sich in
der stdtischen Tretmhle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel.
(Gut genug fr die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.)

Ich werde auf den Richtplatz geschleppt! murmelte der Reisende, und
das Blut kochte ihm vor Ingrimm.

Er ballte die Faust.

Ei, knnt' ich nur je wieder heimkehren!

Dann gab er dem Gaul einen derben Sto, der wohl den Triumvirn
zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll erduldete. Es erhob
sich ein schrferer Wind. Vom Csalnos-Teiche her klang ein fernes
Surren und Getse: der Lrm des Tartaren-Kriegslagers.

Trabe zu, Mhre, trabe zu!

Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer vorber, wo
die Herden zu berwintern pflegten, die aber nur gegen den Wind Schutz
bot. Lestyk mute daran vorbeireiten. Vom Pferde herab sah er, da
ein Mann mit breitem, schwarzem Hut, in einen Mantel gehllt dort
stehe: vielleicht hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflchtet.
Der Mann kam nher und sprach:

Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyk.

Lestyk blickte gar nicht hin und antwortete mrrisch:

Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brchte!

Ich bin es -- Czinna.

Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja, vom Pferde
sprang.

Unglcksmdchen, wie kommst du hierher? Ei, was du fr ein hbscher
Junge bist. Und dabei lchelte er matt und traurig.

Es ist gut, da Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich will es
ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter die Mauer, aber
gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.

Bist du wahnsinnig?

Ich habe alles bedacht, als ich daheim hrte, wohin man Sie schickt.
Wenn Sie dahingehen, so ttet man Sie, oder schleppt Sie in die
Sklaverei, nicht?

Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, da du hier
bist.

Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen zu
knnen.

Wenn man Sie ttet, dann giebt es kaum mehr ein Auferstehen.

Na, das ist wohl wahr.

Keine Spe jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! Schleppt man
Sie aber weg, so wird Sie gewi niemand auslsen. Die Senatoren wrden
es auch verhindern.

Max bi sich in die Lippen.

Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyk ausgebe und sie mich
umbringen wollen, werden sie bemerken, da ich eine Frau bin und den
Frauen thun die Tartaren nichts zu Leide, dann knnen Sie mich
auslsen; wenn sie mich aber nur gefangen mitnehmen, dann knnen Sie
mich um so eher als Lestyk auslsen. Geben Sie also schnell den
Mantel her.

Und whrend sie noch dies mit einschmeichelnder, ser Stimme sagte,
hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen.

Max Lestyk widersetzte sich:

Nein, nein! Wo denkst du hin?

Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem nicht
verfehlt.

Es ist schon mglich, da es so ist; und er rieb sich die Stirne.
Ich lse dich aus, natrlich lse ich dich aus. Du sagst ja, du
wrest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, man mu das nicht so
nehmen. Klgele nicht, Mdchen. Warte ein wenig. Ich wei selbst
nicht, was wir machen sollen.

Das Mdchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel bereits um
ihre schlanke Gestalt geworfen, im nchsten Augenblick schwang sie
sich auf das Pferd. Einen Augenblick spter hatte sie bereits der
Nebel verschlungen, Lestyk lief ihr wtend nach.

Bleibe stehen! schrie er mit donnernder Stimme. Ich la' dich nicht
fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!

Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick und der
Fehler war begangen. Ein Augenblick der Schwche ist der Kern des
Sturzes groer Mnner. Das Mdchen ging und blieb erst beim
Tartaren-Lager stehen.

Fhret mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyk, der Kecskemter
Abgesandte.

Steige vom Pferde, guter Mann, ich fhre dich hin -- meinte ein
untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent. Ein schlechtes
Pferd gaben dir die Kecskemter Richter. Da kommt eben unser Herr, Beg
Olaj, Allah beglnze lange seinen Bart.

Wahrhaftig, da erschien er, der mchtige Beg Olaj, auf seinem schnen
Rappen hielt er eben Revue ber seine Truppen.

Der Kecskemter Gesandte ist hier, mchtiger Beg! meldete der
untersetzte Junge.

Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel sehr aufmerksam,
dann sprach er sanft:

Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der Bitte nicht
belstige.

Czinna drehte sich um.

Beg Olaj warf nun von rckwrts einen Blick auf den Mantel. Dann
sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna zur Erde und kte den Saum
des Mantels dreimal. Czinna staunte ihn an mit ihren groen schwarzen
Augen, sie glaubte zu trumen.

Allah ist gro und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst du,
Abgesandter der Stadt Kecskemt?

Demtig und gebckt stand er vor ihr. Czinna zgerte ein wenig, dann
aber sagte sie mit herber Stimme:

Verlasset die Markung der Stadt Kecskemt sofort!

Olaj Beg hob seine schlfrigen Schafaugen gegen den Himmel, dann
wendete er sich zu den Truppen und schrie laut:

Wir ziehen ab! Sattelt!



Siebentes Kapitel.


Lestyk blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den Kopf darber,
was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. In seinem schweren Kopfe
zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes Blei, seine Glieder nahm
eine Schlaffheit gefangen, an seiner Seele nagte die Selbstanklage:
Ich habe schlecht gehandelt, es war eine egoistische Feigheit. Eine
peinigende Unruhe stach ihn wie mit Dornen.

Dster blickte er vor sich hin.

Wohin fhrt mich nun mein Weg...?

Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglnzte das Riesenauge
des Sees Csalnos, wie wenn er ihm zwinkernd zugerufen htte: Komm,
Lestyk, es wird am vernnftigsten sein, wenn du dich hierher legst,
dich mit einer silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen
Sandpolster trumst!... Dies ist der geradeste Weg.

Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch stellte
sich ihm in den Weg, der hchste in der ganzen Gegend; die dnnen ste
hatten die kleinen Schneeflocken berdeckt: er bemerkte sie nicht und
stolperte ber dieselben. Und als sein Ohr in diesem bitteren
Augenblicke den Krper der lieben Mutter berhrte, da hrte er,
fhlte er pltzlich, da derselbe weit weg erbebte, der dumpfe Schall
von tausend Pferdehufen war vernehmbar. Er schauerte zusammen. Ach,
es kommen die Tartaren gegen die Stadt.

Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lrm sich verzge, er wurde immer
leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter. Nur ein Pferd nherte
sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist nur ein Pferd, und bei Gott die
Czinna sitzt darauf. Lestyk sprang in die Hhe, er wischte gar nicht
den Schmutz von seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen.

Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich hier? Was
geschah?

Czinna lchelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie ihr
Gesichtchen in mdchenhaftem bermut heldenhaft auf:

Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als da ich die
Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.

Schwatze nicht!

Dies sollte so viel heien: Ich bitte dich, rede, rede! Sie sprach
auch, doch vorerst streifte ihr glnzender Blick mit groer Liebe den
beschneiten grnen Kaftan.

Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.

Wirklich?

Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, kte den Saum
dreimal und fragte dann mit groer Demut, was ich befehle. Ich habe
ihm nun befohlen, da sie sofort sich von dannen heben. Sie folgten
sofort und zogen ab.

Lestyk stand mit offenem Munde da.

Ist es mglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?

So geschah es, Wort fr Wort. Ich habe aber nicht viel Zeit zu
plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr Pferd, setzen Sie sich
darauf. Ich werde mich auf einem andern Weg entfernen.

Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder! jubelte Max, der
sich vor Staunen nicht erholen konnte. Dann ist ja dieser Kaftan ein
groer Schatz!

Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich, denn sie knnten
kommen. Es ist mir, als wenn ich schon schwarze rollende Wagen, von
der Stadt kommend, she.

Lestyks Stirn verfinsterte sich.

Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich danke dir fr das,
was du gethan hast. Ich werde mit dir noch spter sprechen ... heute
noch. Jawohl, ich spreche noch mit dir, Czinna.

Schon gut, meinte der fesche Bursche und verschwand gegen den Ried
hin.

Lestyk ging den geraden Weg. In der That fand er die lange Wagenreihe
bald vor sich; diese brachte Brot und Holz, der Marczi trieb die
Ochsen mit saftigen Verwnschungen an. Vor dem Wagen ritt einer der
Triumvirn, Herr Samuel Holczi, den /nervus rerum/ in der an seiner
Seite hngenden gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem
Wagen, umgeben von hold gerteten Brotlaiben, es ist bei Gott Frau
Fbin; sie ist aus bloer Neugierde mit von der Partie, um doch
endlich einen hundskpfigen Tartaren zu schauen; und neben ihr
kauert der redegewandte Paul Fekete, mit den blinzelnden Hasenaugen
eine Schrift lesend.

Seht da! Ist das nicht der Lestyk? stammelten betroffen die
Kecskemter. Der kommt aus dem Jenseits!

Samuel Holczi, der dem Lestyk niemals so recht gram war (man wei
ja, da die Lutheraner immer zu einander halten) und den berdies eine
qulende Neugierde befiel, richtete an Herrn Max in weichem Tone die
Frage:

Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr selbst?

Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele, brummte
Lestyk bitterlich (wer wei, woran er eben dachte?) Aber Ihr, wohin
wandert Ihr denn?

Es nahen Gste unserer Gemarkung, meinte in gemtlichem Galgenhumor
Holczi. Wir bringen ihnen eine kleine Kollation entgegen. (Der edle
Herr war zumeist bei gesegneter Laune.)

Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!

So?

Freilich, sie sind schon ber alle Berge. Gingen fort ohne
Verabschiedung.

Ist das mglich? quiekte die Frau Fbin dazwischen.

Schade! grmte sich Herr Fekete. Da komme ich um eine meiner
schnsten Reden.

Lestyk erzhlte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher das Antlitz
des Herrn Samuel Holczi augenblicklich alle Farben zu spielen begann.

Kein kleiner Fall, brummte er, sich die stumpfe Nase mivergngt
kratzend. Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen hat sich wohl,
seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.

Indessen seine Verlegenheit whrte nur einen Augenblick; er war ein
abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder auf die Hhe der
Situation zu schwingen verstand.

He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein groer Tag ist fr
Kecskemt angebrochen.

Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem Tone:

Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyk. Es ist mir ein Kummer
und eine Schande, Euch im Sattel jenes Kleppergauls zu sehen.

Lat das nur. Ich danke. Mein Ro ist gut genug fr mich. Wenn drei
Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so ist einer nicht genug, um mich
aus dessen Sattel zu bringen.

So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um der Stadt die Kunde
von dem Geschehenen zu berbringen.

Das war aber dem Cicero der Stadt just recht, so fand er
Gelegenheit, fr die ausgefallene Rede eine andere zu halten.

Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja eine wahre
Freude, so ein schnes Tier zu reiten. Aber gebt mir eine Gerte dazu,
da es mir nun einmal an Sporen fehlt.

Man brauchte keine Peitsche fr den feurigen Renner, er galoppierte
mit dem groen Orator von dannen, wie die Fohlen des Mrchens, denen
man in die Futterscke glhende Kohlen als Futter steckt. Fekete
selbst aber schwitzte und pustete, er war, als er am Platz anlangte,
vllig durchnt. Hier verkndete er dem sich immer mehr und mehr
ansammelnden Volke mit khnen Redewendungen die besondere Gnade
Gottes, mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes
Kleidungsstck beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte.

Es geschah ein Wunder. Edle Brger Kecskemts, lasset die Glocken
luten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur Erde und kte den
Mantel Lestyks dreimal demtig und fragte ihn zerknirscht: >Was
befiehlst du, Abgesandter der Stadt Kecskemt?< Hierauf erhob Herr
Lestyk junior sein Haupt und antwortete: >Strt nicht meine Kreise --
das heit, hebt Euch von dannen.< Und so kommen sie zurck, die Wagen
mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max Lestyk.

Ein groer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein Lauffeuer
verbreitete sich die Nachricht von Strae zu Strae. Von Haus zu Haus
wurde die Nachricht getragen. Die gefallenen, verhaten Senatoren
kamen wieder ans Tageslicht, sich unter das Volk mengend. Poronoki
wurde mit Eljenrufen begrt, dem alten Inokai machte man entblten
Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte man mit groem
Lrm, er mge reden; dieser zgerte auch nicht lange, stellte sich auf
ein Krautfa inmitten des Marktes und sprach blos:

Ich verlange von Euch Gerechtigkeit fr jenen genialen Jngling, der
diesen groen Sieg erfocht.

Gerechtigkeit! widerhallte es aus tausend Kehlen.

Die Bevlkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener Strom. Lrm,
Leben herrschte berall -- Mnner und Frauen erzhlten das Wunder des
redenden Mantels. Freilich flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine
groe Begeisterung atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und
her, jeder schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas.

Schne aufblhende Knospen, junge Mdchen kleideten die Frauen von
Kopf bis zu Fu in Wei, ehrsame Brger strzten in den Stall der
Stadt, um die berhmten vier Rapphengste einzuspannen (schnell die
Bnder in ihre Mhnen), alte Mnner schleppten die Bller auf die
Strae. Unterwegs suchten sie den Feuerwerker bei den drei pfeln
auf. (Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. --
Nur noch einen Schluck! bat Hupka.)

Hochehrwrden Herr Pter Molitori, der lutheranische Pfarrer, stieg
selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im gelegenen
Momente die Glocken lute. Aus den Dachluken krochen die Fahnenstangen
heraus mit ihren schlngelnden, wehenden trikoloren Flgeln. Ein wenig
fahl sind sie schon; sie sind noch aus der Zeit Bethlens[14]
herbergekommen. Seitdem blhten auch die Kecskemter Hausdcher gar
wenig. Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknpfigen
Mentes an, banden die rasselnden Sbel um und nun stehen sie schon im
Halbkreise beim Thore des Stadthauses.

  [14] Ein Frst Siebenbrgens.

Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul Fekete zu
(woraus erhellt, da nicht gleichmige Aufgaben die Schultern der
Mnner des ffentlichen Lebens bedrcken), er mute das Manuskript
umarbeiten; die Benennung mchtiger Beg mute gestrichen werden, statt
dieser Ansprache mute hingeschrieben werden: Glorreicher Patriot.
Statt der: Wir kamen zu dir mute es heien: Du kamst zu uns
zurck &c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hbsch machen.)

Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen
versptete sich ein wenig; doch die Bller erdrhnten gleichzeitig,
die Glocken klangen feierlich und als Lestyks Gestalt erschien, da
flutete ein Jubelgetse durch die Straen, das lawinengleich sich
fortwlzte, weithin, bis an die Pforten des Stadthauses. Da war es, wo
der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte Rede des Herrn Paul Fekete
anhrte, den weigekleideten Jungfrauen einen lchelnden Gru
zunickte, den verstoenen Senatoren die Hand drckte und den Herrn
Poronoki vollends umarmte -- woraufhin man ihn auf die Schultern hob,
um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen und zuletzt am
Prsidentenstuhle des grnen Ratstisches abzusetzen.

So wie der Lrm sich ein wenig gelegt (denn der Saal war voll der
Notabilitten des Gemeinwesens), erbat sich der schneekpfige Mathus
Puta das Wort und feierte mit leiser, wie Wespengesumme tnender
Stimme Lestyks Verdienste, um schlielich auszurufen:

Lat ihn uns zum lebenslnglichen Oberrichter Kecskemts erwhlen.

Hei, wie das Gemuer ob des Jubelgeschreies erbebte! Es dauerte
Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam und sich verstndlich machen
konnte, ob er gleich mit allen Vieren gestikulierend andeuten wollte,
da er ungemein Wichtiges zu sagen habe.

Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor zwlf Jahren
durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht, ich stehe nicht an, zu
erklren, da ihm selbst die lebenslngliche bertragung unserer
hchsten Wrde eine zu kurze Frist sei.

Nach seinem Tode kann er doch nicht gut prsidieren! warf Herr
Gerson Zeke ein.

Doch, doch ... Lat es uns aussprechen und ins Protokoll aufnehmen,
da gleichwie die heilige Krone unseres Landes in der von Gottes
Gnaden ruhmreich regierenden Familie Habsburg sich von Vater auf Sohn
vererbt, desgleichen der Oberrichterstab auf die mnnlichen Nachkommen
Lestyks bergehen mge fr und fr.

Gerson  Zeke: Es giebt doch wohl noch einen kleinen
Unterschied zwischen den beiden.

Kaspar  Permete  (wtend): Es giebt keinen!

Gerson  Zeke: Die Krone ist aus Gold, der Oberrichterstab
aber aus dem Holz der Kornelienstaude!

Diesen kleinen Konflikt unterbrach Herr Johann Dek aus der Czeglder
Gasse, der im Geruche eines sehr weisen Mannes stand.

Vetter Zeke ist im Rechte, denn die Krone glnzet stark auch auf
schwachen Huptern, allein der Richterstab wird stets schwach in
schwachen Hnden sein. Mithin geht es nicht an, diesen Stab blindlings
noch ungeborenen Nachkommen in die Hnde zu drcken. Indessen ist es
ungeziemend, diesen groen Tag durch derlei Gezanke zu entweihen. Wir
wollen auf den Pfaden des ehrwrdigen Ernstes bleiben und nichts
berhasten, denn es wird uns niemand Dank dafr wissen, wenn wir ihm
eine Wrde anbieten, die derzeit noch ein anderer inne hat. Die
Versammlung mge daher beschlieen, da das ohnedies nur provisorisch
errichtete Triumvirat abgeschafft wird.

Die sind ja freiwillig durchgebrannt! Keiner von ihnen wagt es, sich
zu zeigen! klang es von allen Seiten.

Sonach mget ihr die alten Senatoren wiederwhlen und es kann dann
die protokollarische Inaugurierung der lebenslnglichen
Oberrichterschaft Lestyk's stattfinden.

berflssig zu sagen, da alldies angenommen wurde. Der neue
Oberrichter sa so wrdevoll da wie ein Dynast und nickte khlen Dank
mit dem Kopfe. Sein Antlitz, bis dahin bleich, frbte sich jedoch
scharlachrot, als sich die Rufe erhoben:

Wir wollen die Geschichte mit dem Mantel hren! Er selbst soll sie
uns zum Besten geben!

Nervs bewegte er sich auf dem Sessel hin und her, wie wenn eine
eiserne Faust seine Kehle zusammenschnrte. Den Fall mit Olaj Beg
Hunderten zu erzhlen ... Eine Scene, die er nie durchlebt, die er nie
gesehen hat. Lgen vor dem Angesichte der ganzen Stadt! Ach, welch'
groer Fehler war es, da er nicht ins Lager gegangen war. Der Teufel
brachte ihm jenes Mdchen in den Weg. Und wenn er schon nicht dort
war, wre es besser gewesen dies einzugestehen. Jetzt ist es schon
unmglich, unmglich...

Je grer seine Herrlichkeit war, um so mehr zerri seine Seele das
Bewutsein, da ein unerwarteter Windhauch dieselbe zerstren knnte,
die Ohren des Midas wurden ja auch entdeckt. Er hatte das Gefhl, als
htte er seinen Ruhm gestohlen, er konnte sich desselben nicht freuen,
und doch, er gebhrte ihm ja, denn er war es, der den Mantel erworben
hatte.

Hinter dem Lehnstuhl des Oberrichters schwebte ein unangenehmer
Schatten.

Hrt! Hrt! tnte es immer lebhafter und intensiver.

Es gab kein Entrinnen. Verlegen nahm er den Kaftan ab und legte ihn
auf den grnen Tisch. Hier der wertvolle Schatz der Stadt Kecskemt.
Dann erzhlte er stotternd noch einmal die wundersame Geschichte des
grnen Mantels. Laute Ausbrche der Freude wrzten seinen Vortrag;
jeder jubelte, nur eine gebrochene Gestalt weinte in der letzten Bank.
Der mchtige Oberrichter, nunmehr der Diktator von Kecskemt, stand
auf, ging zu dem schluchzenden Manne, nahm ihn bei der Hand und
sprach:

Und jetzt gehen wir, mein guter Vater. Ich will daheim ein wenig
ausruhen.

Im kleinen Thore warteten schon die kleine Erzsi und der Laczi. Die
Krapfen waren schon hbsch gebacken und auch das Prklt[15] war schon
vollkommen, das Spanferkel bereits ausgekhlt, gerade gut, da sie
kommen.

  [15] Ungarische Nationalspeise.

Ich habe es dir nicht gesagt, mein lieber Sohn, freilich, wann htte
ich es dir sagen sollen, da ich mit einem Gesellen arbeite, das
heit, wir arbeiten jetzt schon zu Zweien.

Der Oberrichter machte ein gleichgiltiges Gesicht.

Der junge Bursche dort?

Ich mute ihn acceptieren, als ich nach Ofen zum Pascha intervenieren
ging. Denn ich habe dich zum Oberrichter gemacht, da du es nun
erfahrest (das Auge des Alten schimmerte grnlich). Der alte Lestyk
ist ein ganzer Mann; was?.... Der Geselle, sage ich, war zur Arbeit
ntig, obzwar ich nicht bemerke, da er auch nur das Geringste gemacht
hat. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu erforschen, was er
kann. Bisher habe ich die Politik gemacht. Lache nicht, Junge, sonst
werde ich bs. Von nun an wirst du sie machen. Ein groartiges Blut,
das der Lestyk. Aber schau, wir sind ja schon zu Hause.

Wie s ist das Elternhaus, wenn man es lange nicht gesehen hat.
Gemtlich raucht der Schornstein, munter nicken die Zweige des alten
Birnbaumes, im Hofe springt uns der Hund Bodri entgegen, im Zimmer die
Katze Czirmos, es lachen die Steinkrge, die bekannten Thongefe an
der Wand, die Mbel beginnen zu erzhlen, es flackert das Feuer im
groen Ofen und wirft einen flammenden Streif auf die braune Thr.

Der Alte seufzte:

Deine arme, gute Mutter, wenn man sie zu diesem Tage erwecken
knnte!

Man bringt das Essen, die Dfte desselben erfllen das Zimmer, die
Erzsi geht hin und her, so auch der Geselle Laczi.

Lauf', mein Laczi, in den Keller, lauf und spute dich. Du aber, mein
Sohn, setze dich nieder, denn ich wei, du bist hungrig, die
Gefangenenkost hat dich herabgebracht. Ich habe seit dem
Schreckenstage ebenfalls nichts gegessen. Vorerst hinderte mich die
Trauer und jetzt die groe Freude. Ich habe in Ofen gelebt, wie das
Pferd des Nikolaus Toldy. Nur da ich dich befreit habe.

Ibrahim Pascha ist ein braver Mann, flsterte der Oberrichter
zerstreut (die eigenartige Situation Czinna gegenber hatte ihn nervs
gemacht).

Ach bewahre! Ein arger Hund ist der Alte, zuerst war er wtend ber
mich, es fehlte nicht viel und auch ich wre ins Khle gekommen.

Warum?

Wegen des Zigeunermdchens, wenn du dich ihrer erinnern kannst. Ist
die Suppe vielleicht nicht gengend gesalzen? Bringe das Salzfa
herein, du Laczi!

Laczi zitterte wie Espenlaub.

Was fehlt denn dir? Frchtest du dich vor meinem Sohne? Der beit ja
nicht, wenn er auch ein groer Herr ist.

Ich danke, ich bedarf des Salzes nicht. Also des Mdchens willen
zrnte Ibrahim?

Er sagt, sie sei mit Euch durchgegangen und solange wir sie nicht
zurckgeben, oder nicht eingestehen wo sie ist, lt er auch mich
einsperren ... Ich sagte, ich htte seitdem nicht einmal ihren
Schatten gesehen.

Das haben Sie nicht vernnftig gemacht -- murmelte der Oberrichter.
Und das Weitere?

Zum Glck kam eben zu jener Zeit der amtliche Bericht, da man die
Kleider des Mdchens am Theiufer aufgefunden und auch den Leichnam
aus dem Flusse gefischt hat.

Ach, unterbrach ihn der Oberrichter munter. Ist das Mdchen
gestorben?

Was! schrie der Geselle und lie die Bratenschssel fallen, die er
eben ans dem Ofen gehoben hatte, um sie auf den Tisch zu setzen.

Der Meister fuhr ihn wtend an:

Du Lmmel! Hebe es auf, dann aber verschwinde! Bald hiernach lachte
er aber schon: Gar manches Wunder geschieht heute, die toten Ferkel
gehen auch schon durch. (Das schn rot gebratene Tier kollerte bis
unter das Bett.)

Laczi schlich krebsrot zur Thr.

Halt! rief der Oberrichter, winkte ihm zu und flsterte ihm etwas
ins Ohr. Jetzt kannst du hinausgehen.

Willst du etwas? Ich mchte es lieber der Erzsi sagen. Dieser ist
ungeschickt, sagte er, dem Knaben nachblickend, ich glaube nicht,
da er vom Schneiderhandwerk viel versteht. Es ist dies, mein Sohn,
ein groartiges Handwerk, eine herrliche Wissenschaft. Die
Korrigierung der Schpfungen Gottes; ich korrigiere den hlichen Leib
und bringe Mnnlichkeit in die schiefen Schultern. Es ist dies schon
etwas, mein Shnchen. (Der alte Schneider fuhr begeistert durch seine
schtteren Flachshaare.) Es ist schade um den Jungen, er hat ein so
sanftes, liebes Gesicht, da er ganz gut ein Mdchen sein knnte.

Heutigen Tages ist gar nichts unmglich, mein lieber Vater.

Das ist schon richtig, aber i doch vom Braten. Wir haben auch noch
Krapfen. It du den Kopf nicht gern?

Ich esse schon, aber Sie, mein Vater, haben ja das Ende des Ofner
Ausfluges noch immer nicht erzhlt.

Als die amtliche Verstndigung anlangte, wurde Ibrahim sofort guter
Laune, du kannst dir ja denken, wie ihn der Sultan bedrngte. Er
sandte sofort die Beweise des Todesfalles zum Padischah, mich rief er
zu sich, klopfte mir auf die Schulter, indem er sagte: >Ich sehe, ihr
seid rechtschaffene Leute,< (wir Lestyks waren dies zu jeder Zeit).
>Hier ist der Befehl, deinen Sohn frei zu geben, jedoch sage es nicht,
du Hund, da du es unentgeltlich bekommen hast, denn damit wrdest du
mich zu Grunde richten;< und so gelangte ich zu dem Ferman.

Er hat es bereilt.

Wer? Ich?

Nein, der Pascha.

Ich verstehe dich nicht.

So sehen Sie dorthin.

Durch die offene Thr schwebte heiter lchelnd Czinna, das
Zigeunermdchen, herein, sie hatte ein nettes Spitzenhemd an und ein
schwarzgetupftes Tuch: das Festgewand der Erzsike. Der alte Lestyk
taumelte zurck.

Eine feste Burg ist unser Gott! schrie der Alte entsetzt und kalte
Schweitropfen traten ihm auf die Stirn. Das Zigeunermdchen! Von
dannen, du Gespenst!

Es ist ja kein Gespenst, mein lieber Vater, sondern sie selbst.

Hole mich der Teufel, wenn ich es glaube.

Man hrte ein Klopfen an der Thr, nicht als ob der Teufel auf den
Lockruf gekommen wre. Gewi nicht. Der Senator Mt Puta trat ein in
Begleitung Paul Feketes und Gspr Permetes.

Gott zum Gru! Nehmen Sie Platz bei uns. Was bringen die Herren?

Uns sendet die Versammlung vor das Angesicht Euer Wohlgeboren.

Bereitwilligst lauschen wir euren Worten, sagte der Oberrichter
wrdevoll.

Sie erzhlten sonach kurz, was die Versammlung nach seinem Abschied
beschlossen habe: Um den Herrn Agoston geht eine Deputation nach
Waitzen, das ist eins (dies ist sehr vernnftig), zweitens aber wird
der Kaftan dreiig Tage hindurch ffentlich zur Schau gestellt; jeder
kann ihn unentgeltlich bewundern, der Arme, wie der Reiche, der hier
Weilende, wie der Fremde, nur der Gro-Krser zahlt zehn Denare.
(Auch dies ist sehr richtig.)

Der wichtigste Beschlu aber ist, fuhr Mt Puta fort, da wir aus
der Kirche des heiligen Nikolaus den Reliquienhlter herberbringen
lieen; darin wird der Kaftan versperrt sein bei Tag und bei Nacht.
Den Schlssel sendet die Versammlung Ihnen, Herr Oberrichter, da Sie
darauf achten, wie auf Ihr Augenlicht und ihn an einem Orte verwahren,
wohin keine fremde Hand gelangen kann.

Damit berreichte er den an einer grnen Schnur hngenden Schlssel
dem Oberrichter.

Ich gehorche der Versammlung.

Er bernahm den Schlssel, stand auf, trat zu Czinna und hngte ihr
denselben um den Hals.

Berge ihn an deiner Brust, Czinna.

Czinna errtete bis ber die Ohren; sie zog mit einer unwillkrlichen
Bewegung das rote Tuch ber die Augen, freilich kamen da rckwrts die
knabenhaften kurzen Haare zum Vorschein.

Herr Mt Puta bewegte, gegen das Fenster sich wendend, seinen groen
Kopf; das also ist der Ort, wohin keine fremde Hand gelangen kann. Der
schneeweie Busen eines schnen Mdchens.

Der Schneider rief lebhaft aus:

/Canis mater!/ Der Geselle Laczi. (Er erkannte ihn an den Haaren.)

Der Oberrichter lchelte.

So ist es, mein lieber Vater, wenn einmal die Wunder beginnen. Es
wird dies einmal zur Chronik werden, wie aus dem Schneidergesellen
eine Oberrichtersfrau wurde.

Die Glorie der Verklrung glnzte auf der Stirn des Mdchens, die
magische Kraft seines Blickes vermochte sie aber nicht weiter zu
ertragen. Sie glaubte vor Glckseligkeit sterben zu mssen. Ihre Hand
ans Herz drckend, strzte sie aus dem Zimmer. Der Schneider sprang
giftig wie ein Hamster in die Hhe.

Was treibst du fr Kabalen mit mir? Wenn du nicht Oberrichter der
Stadt Kecskemt wrest, mchte ich dir wohl etwas sagen. Dein Glck
dies, wahrlich, dein Glck. Und was bedeuten deine komischen Worte.
Was hast du vor?

Ich nehme sie zur Frau.

Du, zeitlebens Oberrichter der Stadt Kecskemt?

Warum nicht?

Der Alte lie traurig den Kopf hngen.

Der Ofner Pascha lt uns beide umbringen, wenn er es erfhrt.

Auch gegen den Pascha schtzt mich der Mantel. Im brigen sucht man
ja Czinna nicht mehr, da sie sich schon in den Gedanken gefunden
haben, da sie in der Thei ertrunken sei.

Es wird sich schon jemand finden, der es ihm einflstert. Aber reden
Sie doch um Gottes willen, meine Herren, raten Sie ihm ab, stehen Sie
doch nicht da wie Holzkltze.

Auf diese Anrede nahm Gspr Permete das Wort und redete ihm zu, da
der Herr Oberrichter unter den reichsten Mdchen der Stadt whlen
knne; fnfzehn auf jeden Finger, diese niedere Abstammung aber passe
nicht zu seinem hohen Rang.

Das ist nur so gesagt, meinte Max lachend. Wie, wenn Czinna von den
gyptischen Knigen abstammt?

Das, Herr Oberrichter, zu beweisen, wrde schwer halten.

Genau so schwer, wie Ihnen das Gegenteil, da sie nicht von den
Pharaonen abstammt.

Permete lachte, auch Mt Puta lachte; denn die Meinung Mt Putas
war: Der Oberrichter wei schon, was er thut. Man braucht ihm nie
dreinzureden.

Paul Fekete aber nahm die ethische Seite der Sache:

Eine Oberrichtersfrau kann nicht jede sein, es mu wenigstens eine
Person sein, die des Lesens und der Schrift mchtig, in allen Dingen
bewandert und dabei eine kluge Person ist.

Eh! meinte Max Lestyk rgerlich, der ehrenwerte Seneca meint, es
ist genug fr die Frau, wenn sie so viel wei, da, wenn der Regen
tropft, man unter das Dach gehen mu.

Hier reden wir wohl vergebens, rief Herr Permete achselzuckend und
einen guten Abend wnschend zog er auch die anderen aus dem Zimmer.

Unterwegs streuten die Herren in drei Richtungen den Roman der Czinna
aus.

Es tagten auch heute berall die Klatschbasen.

Sie hat einen Zauber an ihm verbt, sie hat ihm etwas ins Getrnk
gemischt, anders ist es unbegreiflich. Es ist entsetzlich, wie
frchterlich so ein kluger Mann straucheln kann.

Besser noch als den Klatschbasen gefiel die Geschichte dem Balzs
Putnoki. Noch in derselben Nacht machte er sich auf den Weg zum Ofner
Pascha, um diesem anzuzeigen, da das Zigeunermdchen lebe. Max
Lestyk halte sie verborgen und wolle sie zur Frau nehmen. Er kam aber
beim Ofner Pascha merkwrdig an, wie es sich spter herausstellte.
Dieser hrte ihn an und fragte ihn dann mit gerunzelter Stirn:

Du behauptest also, da sie lebt? -- Jawohl sie lebt. Der Pascha
winkte die Leibgarde herbei. Fhret den Mann hinaus, lat ihm fnfzig
Stockhiebe auf die Fusohlen geben und bringet ihn dann wieder
herein. Als sie ihn zurckbrachten, frug Ibrahim beraus
liebenswrdig: Nun, lebt das Mdchen noch immer? -- Bewahre, sie
lebt nicht mehr, gnadenreicher Pascha. Ibrahim rieb sich vergngt die
Hnde. Lerne es, du Mann, da eine Person, von der ich dem Sultan
einmal referierte, da sie nicht lebt, zum mindesten sechs Fu tief
unter der Erde liegt.

So erging es dem verrterischen Putnoki, aber ein Glck wie dasjenige
Max Lestyks gehrt auch zu den Seltenheiten. In herrlichstem Glanze
schien die Sonne auf ihn hernieder. Seine Macht wuchs von Tag zu Tag,
sein Ansehen festigte sich auch nach auen.

Kecskemt begann eine groe Rolle zu spielen. Der Mantel war ein
ganzes Heer wert, das den Feind zgelte. Ein Heer, das keiner Montur,
keiner Munition bedurfte, dem nichts schaden konnte, hchstens die
Motten.

Die Kecskemter frchteten keinen Feind mehr. Im Gegenteil, sie
warteten mit vielem Vergngen auf den Augenblick, wo eine
herumstreifende Trkenschaar mit ihnen anknpfe. Es war dies immer ein
groes Amsement fr das Volk. Der Oberrichter zog zu solch' einer
Zeit mit dem Rappen der Stadt hinaus, vier Haiducken[16] ritten vor
ihm, vier hinter ihm, die Mnner, Frauen, Kinder, gar oft die ganze
Stadt kamen mit, um den berauschenden Anblick zu genieen, wie die
trkischen Fhrer zum Mantelkusse sich neigten und wie sie den
Oberrichter demtig fragten:

  [16] Berittene stdtische Beamte.

Mein Herr, was befiehlst du?

Ganze Legenden schwirrten im Lande von dem Zauberkaftan, mit allerlei
bunten Anhngseln verziert. -- Bald hie es, da derselbe in Zeiten
der Gefahr spreche und dem Richter Rat erteile, dann erzhlte man, da
der Kranke, der ihn berhrt, gesundet, die Witwe oder Jungfrau, die
ihn kt, heiratet. Die Klgeren behaupteten, da der Kaftan kein
besonderes Wunder Gottes sei, sondern da seine ganze Kraft darin
bestehe, da mit der Unterschrift des Sultans der Satz hineingestickt
sei: Gehorchet dem Trger des Mantels. Herr Michael Lestyk selbst,
der das weltberhmte Kleidungsstck fachmnnisch betrachtete, meinte
verchtlich:

Daran ist nichts Besonderes. Auch ich nhe einen solchen, wenn ich
Lust dazu habe.

Die Wunderkraft des Kaftans warf ein magisches Licht auf die Person.
Max kleidete sich in das farbenprchtige Kleid der Legenden. An
schnen Abenden erzhlte man von ihm in den Htten in einer Entfernung
von Hunderten von Meilen. Weit unter Szegedin, whrend der Kahn des
Fischers mit leisem Pltschern die Wellen durchschneidet, trumt er
selbst: Was mag wohl der Kecskemter Oberrichter machen?

Er it goldenen Speck zur Jause mit einem Karfunkelmesser. Der
sprechende Kaftan sagte seinem Feind nicht nur: Hebt Euch weg von
Kecskemt, sondern er sagte auch dem guten Freunde und den glnzenden
Kremnitzer Dukaten: Kommt her nach Kecskemt. Reiche Leute, edle
Herren kamen mit ihren Schtzen hierher, um in der sichersten Stadt zu
wohnen; die Eltern sandten am liebsten ihre Kinder dahin, damals
erschienen in den Straen Kecskemts das erstemal die verschiedenen
Studententypen, die seitdem dort bestehen; die Schule blhte, die
Bewohner bereicherten sich mrchenhaft rasch.

Freilich hat alles seine schlechten Seiten. Der Mantel zeugte das
viele Geld, das viele Geld zeugte die vielen Pustenbetyren und
Ruber, die immer wieder Einflle in das Kecskemter Gebiet wagten.
Jedoch auch jedes schlechte Ding hat seine guten Seiten, der Betyren
wegen verkndete man das Standrecht und da das Komitat sich nicht frei
bewegen konnte, wurde das Recht des Blutbannes provisorisch auf den
Kecskemter Magistrat bertragen. Noch ein Haar und Kecskemt wird
knigliche Freistadt.



Achtes Kapitel.


Max Lestyk war Herr ber Leben und Tod, und damit sein Ansehen noch
wachse, sandte ihm der Knig den Adel mit dem Prdikate Von
Kecskemt. Ein Ritter mit einem Kaftan bekleidet, stand auf dem
Wappen in silbernem Felde. In der anderen Hlfte des Schildes war auf
drei goldenen Kissen ein sich bumender Fuchs. (Se. Majestt hat dies
gut ausgedacht.) Nur noch eines fehlte zur vollen Glckseligkeit: die
Hochzeit mit Czinna.

Und auch dieser stand nichts mehr im Wege. Der alte Lestyk hatte sich
mit dem Gedanken schon lange befreundet, das kleine Ding wute ihm
alles zu Gefallen zu thun, und wenn sie ihm das Kinn kraute, glaubte
er sich ins Himmelreich versetzt. Sie wurde aber auch immer schner,
sie bekam runde Formen und ihr Gesicht war wie der Pfirsich, dessen
Blutfarbe selbst die zarte Hlle durchschlgt. Niemand kam ihr gleich
in Kumanien. Sie wurde der Liebling, die Vertraute des Alten, er
nannte sie Tochter, Schwiegertochter und redete nun selbst seinem
Sohn zu, sich zu beeilen, da er bei Gott sie sonst selbst heirate.

Max tobte vor Ungeduld, wenn das kleinste Hindernis sich offenbarte;
wenn aber kein Hindernis war, nahm er die Sache leicht.

Der erste Termin war fr den Tag angesetzt, wo er den Ferman des Ofner
Pascha erwirkt, denn ohne diesen geht es denn doch nicht, obgleich der
Vogel auch dann sein Haus baut, wenn er auch befrchtet, da grausame
Hnde es zerstren. Der Ferman kam selbst: er war auf die Sohlen
Putnokis geschrieben. Es ist gewi, da der Pascha das Mdchen wohl
nie mehr behelligt.

Nun knnt Ihr schon Hochzeit halten! redete ihnen der Alte zu.

Warten wir noch, bis das Haar der Czinna wieder gewachsen ist,
antwortete Max. Auf kurzen Haaren wrde sich der Kranz bel
ausnehmen.

Im Laufe eines Jahres wuchs ihr auch das Haar und wie herrlich! Eines
Abends lste sie es whrend des sen Geflsters los, denn jetzt trug
sie es wie die Damen als Kranz um ihren Kopf gewunden und band die
beiden Hnde ihres Max mit zwei dicken Flechten fest, wie man die der
Hftlinge zu binden pflegt.

Ein gefesselter Oberrichter, lachte sie mutwillig.

Max verstand den Wink.

Wahrlich, die Zeit der Hochzeit wre schon da, ich erwarte sie schon
lange, aber wenn wir uns die Sache berlegen, schadet es nichts, wenn
du noch etwas lernst, ich aber will noch vorerst so viel verdienen, um
die Frau eines Oberrichters ernhren zu knnen.

Der Oberrichter nmlich lie den hochgelehrten Herrn Molitori zum
Unterricht der Czinna ins Haus kommen; kaum war aber ein halbes Jahr
vergangen, so meinte der wrdige Herr:

Was ich wute, wei sie schon.

Max Lestyk hatte etwas Geld zusammengescharrt, jedoch gerade zu
dieser Zeit kam der Adelsbrief. Das Glckskind fing an auf groem Fu
zu leben; die Adeligen der Umgebung schlossen Kameradschaft mit ihm,
sie kamen zu ihm zu Besuch und er erwiderte denselben. Czinna
vernachlssigte er. Ein Adeliger kann doch nicht immer girren, er
macht sich ja lcherlich. Das elende Pergament hatte ihn wie
umgewandelt, wie wenn sein Blut wirklich blaubltiger geworden wre,
wurde er noch launenhafter.

Man sprach allberall, da er eine Beniczky heiraten solle, dann wrde
aus ihm ein Obergespan gemacht werden in irgend einem Komitate Emerich
Tklys, das noch in des Kaisers Hnden ist. Doch dies alles ist nur
Geklatsch! Die Kecskemter fabrizieren denselben, seitdem ihr
Oberrichter so gro wurde, da Kecskemt neben ihm klein erscheint.

Ach, wie blutete das Herz Czinnas. Auf der kleinen Holzbank unter dem
Birnbaum, wo sie an schnen Sommerabenden so oft flsterten, wo Czinna
so glcklich war, sa Max jetzt selten, oft blieb er Wochen hindurch
in den Kastellen, und wenn er auch kam und ihr einige schne Worte
sagte, der Schlu war immer:

Gieb nur auf deine Worte acht, Czinna, mein Tubchen, sprich nie von
jenem Tage, du weit ja, welchen ich meine, sage nie, da du dort
warst ... vor Olaj Beg, denn sonst bin ich verloren.

Czinna war es, als wenn man ihr ein Messer ins Herz stiee. Es tauchte
in ihr der Verdacht auf, da sich Max vor ihr frchte, aber sie nicht
liebe; er kettet sie mit dem Brautring nur deswegen an sich, da er
sich ihres Schweigens versichere. Von Tag zu Tag wurde sie trauriger,
die roten Rosen verschwanden vom Gesichte, in den Augen fehlte der
entzckende Glanz, eine sanfte Melancholie war an seine Stelle
getreten.

Schn war sie trotzdem. Der alte Lestyk erschrak; er glaubte, da sie
krank sei, er hatte auch den Grund ihrer Krankheit herausgefunden.

Krnke dich nicht, trauere nicht, meine kleine Resedablte. Er liebt
dich und glaube mir, wenn ich es sage, er mchte dich auch schon
morgen zum Traualtare fhren, wenn er nur Geld htte. Was er aber hat,
verspielt er mit den Fys und Beniczkys. Ich kenne ihn, den Max, er
ist voller Dummheiten, aber sein Herz ist gut. Freilich knntet ihr
auch bei mir leben, wenn auch rmlich, du weit aber, wie verrckt er
ist, wenn er den Herrn spielen will; er it nicht einmal die
Erdbeeren, wenn er sie nicht auf einem silbernen Teller bekommt. Und
gerade jetzt leidet er an dieser Krankheit. Lassen wir ihn, bis er
seinen Wappenfuchs satt bekommt. Entweder der Fuchs frit ihn oder er
den Fuchs. Im allgemeinen fressen diese Wappentiere sehr viel, meine
liebe Czinna.

Czinna seufzte bei solchen Reden; das schne Wort war kein Balsam auf
ihre Wunde.

Seufze nicht, lchle doch ein wenig, wie ehedem. Wenn ich reden
drfte, knnte ich dir wohl etwas sagen, da du Lust zum Tanzen
bekmst.

Geheimnisvoll zwinkerte er mit den Augen und murmelnd mahnte er sich:
Pst, la deinem Mund nicht freien Lauf, Alter!

Was dieses geheimnisvolle Ding sein mochte, konnte sich Czinna nicht
recht vorstellen. Alles in allem war ihr blo ein Umstand aufgefallen.
Seit einigen Tagen kamen zwei Herren zu Lestyk; spt am Abend kamen
sie, lange flsterten sie mit einander, indem sie sich in die
Hinterstube einsperrten, nie erwhnte aber der Alte, was sie wollten,
sondern schweigend und zugeknpft ging er unter den Seinigen herum.

Endlich eines Abends nahm er den Kopf Czinnas in die Hnde und whlte
in ihrem dichten schwarzen Haar herum. Es war dies eine seiner
Lieblingsbeschftigungen.

Freue dich, Czinnchen, freue dich! -- Dein Tag ist gekommen, nun wird
auch die Hochzeit stattfinden, ich lasse dir eine Ausstattung machen,
da die Fyschen Frulein grn vor Neid werden. Lache doch, Czinna, du
hast ja so viel Geld, da deine kleinen Kinder, wenn du welche haben
wirst (du mut deswegen nicht errten, was schmst du dich meiner
Enkelkinder) mit Goldstcken spielen werden.

Der Alte nahm einen Haufen Gold aus seinen Taschen und lie diesen vor
Czinna funkeln.

Woher nahmen Sie diesen groen Schatz? fragte erstaunt das Mdchen.

Was ist dies mit dem brigen gemessen? Horch auf, mein Kind, ich will
dir alles erzhlen. Fr dich thue ich dies, was ich thue, einerseits,
weil ich wei, da Max dich ohne Geld nicht heiraten kann. Einerseits,
sage ich, dann spielt auch meine Eitelkeit mit hinein. Ich will ein
Kleid hinterlassen, da die Schneider auch nach tausend Jahren
erzhlen sollen: >Es lebte ein Mann, Namens Mathias Lestyk, der
machte dieses Kleidungsstck.<

Ich ahne nicht einmal, wovon die Rede ist.

Der Alte fuhr flsternd fort:

Zwei fremde Herren kamen zu mir, du kanntest sie ja schon, ein
kleiner Dicker und ein Goliath. Sie kamen in Vertretung einer Stadt,
den Namen derselben verschwiegen sie auch vor mir. Ich fragte sie
nicht, es ist mir ja gleichgiltig, welche es ist. Sie suchten mich,
wie gesagt, auf und sagten: >Meister, Schneider der Schneider, unter
allen Schneidern der grte! Wir suchten dich auf, um dich reich und
unsterblich zu machen.< >Was wollt ihr?< >Nhe uns einen Kaftan,
gleich jenem der Stadt Kecskemt, er soll aber dem anderen vollkommen
hnlich sein, wie zwei Eier oder zwei Weizenkrner einander gleichen;
bist du dies im stande?<

>Meine Nadel nht alles,< antwortete ich, >was mein Auge erblickt.<

Czinna zog sich frstelnd zum alten Schneider hin...

Und worin kamen Sie berein?

Wir wurden handeleins. Nach vielem Hin- und Widerreden bestimmten
wir, da sie fnftausend Goldstcke zahlen, fnfhundert gaben sie mir
im voraus, alles wird dir gehren, mein Kind.

Knnen Sie ihn aber auch so nhen?

Ich? Und seine Augen flammten. Geh' du Nrrin! Wofr hltst du mich
denn? Es wird eine Prachtarbeit sein, wenn ich es dir sage.

Wird aber kein Unglck geschehen? fragte das Mdchen furchtsam.

Der Alte lachte.

Was knnte denn passieren? Die andere Stadt wird nun auch einen
Kaftan haben, dies ist das Ganze. Und dann, da der Trke, der jetzt
vielleicht zweihundert Stdte plndert, gezwungen sein wird, sich mit
hundertneunundneunzig zu begngen. Hungers wird er deswegen nicht
sterben.

Richtig, richtig, meinte Czinna zerstreut.

Du, mein Kind, giebst mir den Schlssel und davon braucht niemand
etwas zu wissen: ich will mir dann den Kaftan besehen, ihn genau
prfen und studieren; alsdann fertige ich rasch wie der Wind ein
getreues Ebenbild desselben an und nachher soll es eine Hochzeit
geben, wie sie wohl noch nicht erlebt wurde. Hei, wie sollen deine
zarten Fchen im Brautreigen hpfen.

Solchermaen wurde alles aufs Genaueste ausgeklgelt: was fr ein
Brautkleid es geben, wie der Kranz und das Schuhwerk beschaffen sein
werden, wie sie dem Max viertausend von den fnftausend Dukaten geben
wollen: Da, nimm, und wirf deinem Weibe nicht vor, da es dir nichts
mitgebracht habe. Daraufhin werde er fragen: Wo habt ihr das her?
Sie aber werden antworten: Wir haben es gefunden auf der lcherigen
Brcke. Und zuletzt, da wollen sie ein Erbschaftsmrchen ersinnen und
damit bricht eine Zeit ewiger Glckseligkeit fr alle an.

Czinna ward heiter, lachte, klatschte sogar in die Hndchen, so
unbndig gefiel ihr das Zukunftsbild, das ihr von Lestyk vorgegaukelt
worden. Andern Tags erschlo sich dem alten Schneider dank dem
Schlssel Czinnas der Eisenschrank im Stadthause: er besichtigte
nochmals genau den Kaftan und ging sodann nach Szegedin, um bei den
vornehmen trkischen Kaufherren, die dort lebten, alles Zubehr, so
den feinen dunkelgrnen Sammet, die Schnre und den Brenpelz fr das
Futter einzukaufen. Und so wie das alles gekauft war, ging er mit der
Fieberhast des Schpfungsdranges an sein Werk.

Das war aber keine geringe Aufgabe. Alle Abende holte er heimlich
unter seinem Oberkleide den Kaftan, um diesen am Morgen auf die
gleiche Weise an seinen Platz zurckzuschmuggeln. In die Stube des
Oberrichters hatte er freien Zutritt; darum fiel es auch niemandem
auf, da er so oft kam und ging. Vielleicht hatte ihn der Oberrichter
nach etwas gesandt?

Vom Abend bis zum frhen Morgen arbeitete er, eingeschlossen in seiner
hintersten Stube, mit der Inspiration und der Leidenschaft eines
Knstlers. Zuweilen erweckte er Czinna aus ihrem nchtigen Schlafe, um
ihr die einzelnen Stcke zu zeigen, die allmhlich die Formen des
herrlichen Originals anzunehmen begannen. Seine Augen flammten, seine
Stirn glhte, seine Nstern bebten und die Stimme zitterte vor
freudigem Hochmut:

Schau, hier diese rmel, den Kragen, schau!

Und erst als nach vierzehn Tagen die Kaftankopie bis zum letzten
Stiche fertig ward, da fllte sich ihm das Herz mit sen
Empfindungen:

Kann es ein herrlicheres Werk auf der weiten Erde geben?

Es war eben Nachtzeit. Die Hhne krhten. Der Schneider blickte zum
Fenster hinaus. Fr Mitternacht hatte er seine Leute hinbestellt und
die lauerten jetzt in der Umgebung, bis er den Kaftan fertigstellen
wrde. Der Hofhund Bodri fing an, das Gekrhe mit seinem Geklffe zu
beantworten: Aha, der wittert Menschen. Und in der That, sie kamen.
Der Schneider lie sie ein.

Blicket hin!

Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich ihren Lippen. Auf dem Bett
lagen zwei goldige Kaftans ausgebreitet, und die waren einander so
gleich, wie zwei Eier oder zwei Weizenkrner.

Und was meint ihr dazu? fragte der Meister.

Der Eine sprach:

Frwahr, du bist der Schneider aller Schneider, der grte Schneider
aller Zeiten.

Der Andere sprach nichts, sondern griff nach seinem groen Grtel und
go einen Haufen Goldstcke mitten auf den Tisch.

Es sind genau 4500 Stck. Zhle sie nach, Meister, so du mir nicht
glauben willst.

Der Teufel mag's zhlen! Nicht fr Geld, sondern um des Ruhmes willen
habe ich gearbeitet.

Welchen sollen wir mitnehmen? fragte der Goliath, auf die beiden
Kaftans weisend. Welcher ist der unsere?

Lestyk stand zaudernd am Bette. Er dachte bei sich:

Soll ich ihnen mein Werk geben? Und es niemals, niemals
wiedersehen? Sie entfhren es dann, wei Gott wohin, und nie wieder
werde ich seine Schicksale erfahren. Und dann erfat mich eine
qulende Sorge, was aus ihm geworden sei? Ich sehe den Trken nicht,
der sich davor zur Erde beugt, vor meinem Werke, um es zu kssen, mein
Werk! Nein, nein! Der Erfolg kann nicht ausbleiben. Das Werk ist
vollkommen. Ich will es immerdar vor meinen Augen haben, mich
berauschen an seiner Herrlichkeit!

Ei, warum bezeichnet Ihr uns nicht endlich den neuen? polterte der
Goliath ungeduldig.

Und Ihr, warum steift Ihr Euch just auf den neuen?

Weil ich wei, da Ihr mir den bestimmt habt.

Lestyk sprang verletzt auf.

Nein, nein, stammelte er heiser ... Und justament sollt Ihr den
alten wegtragen, den alten, den echten. Der neue ... der soll den
Kecskemtern bleiben.

Der Goliath nahm das Kleid und barg es hurtig unter seinem Mantel. Die
Thr ging auf und fiel gleich wieder ins Schlo. Die beiden Gestalten
entschwanden in der nchtigen Dunkelheit.

Der Alte ging zu Bette, aber kein erquickender Schlaf wollte ber ihn
kommen. Ihn qulten bse Traumgesichter. Die Dukaten, die er allesamt
in einen Korb gefegt und unter das Bett gestellt hatte, fingen an auf
dnnen Spinnenfen die Wand emporzuklettern: Heda, ihr Spinnen,
husch hinab vom Gemuer! Ein Goldstck sprang ihm auf die Brust und
tanzte dort einen tollen Reigen. Ei, na warte doch, dich soll ich
bald haben. Er haschte nach der Mnze, doch es war unmglich, sie zu
fangen, obgleich ihre kalten Fe ihn stachen und ihn schaudern
machten, als ob sie Stecknadeln mit Eisspitzen wren, da ihm die
Zhne zu klappern begannen.

Dann schien es ihm wieder, da ein kichernder Satan das teuflische
Gold ergreift, es in einem Kessel schmilzt und dann in sein Ohr giet,
die heie Flssigkeit durchluft seine Adern und sprengt seine
Schlfe. Und whrend sein Blut heftig kocht, rufen ihm entsetzliche
Stimmen zu: Lestyk, was hast du gethan, ach was hast du gethan!

Er sprang auf, kleidete sich an, drckte seinen Kopf an die
Fenstertafel und erwartete den Morgen. Er fhlte eine groe
Beklommenheit, traute es sich aber selbst nicht einzugestehen. Ah! Es
ist ja alles in Ordnung. Die Sache ist sicher, ganz sicher. Er trug
den Kaftan in die groe Eisentruhe des Stadthauses, dann ging er in
die Schlafkammer von Czinna, um ihr den Schlssel zu bergeben, wobei
er ihr ins Ohr flsterte:

Alles ist gut, mein Herz, dort unter dem Bette wiehern schon die
Goldfchse. Wir haben etwas, was wir vor den Hochzeitswagen spannen.

Vergebens strengte er sich an, ruhig zu sein; sein verstrtes Gesicht
widersprach dieser Ruhe. Er konnte nirgends seinen Platz finden.

Wie die betubte Fliege taumelte er hin und her, bis er endlich bei
seinem Sohn eintrat, wo er schon den Haiducken Pinty mit einem Briefe
vorfand.

Der Oberrichter sah sehr gut aus, sein Gesicht glnzte vor Lebenslust.
Gerade jetzt war er mit dem Ankleiden fertig geworden.

Auch der Anzug war ganz anders, als ehedem, ganz fr einen Edelmann
passend; statt des Dolmans ein Attila mit geschlitzten rmeln, im
Schlitz mit weichselroten Seideneinstzen.

Guten Morgen, mein Vater! Was giebt es Neues?

Ich wollte dich um etwas ersuchen.

Dem Kecskemter Oberrichter befiehlt nur ein Mann in ganz Kecskemt.

Meinst du mich?

Sie haben es erraten. Nun, was befehlen Sie?

Eine Kleinigkeit, blos eine Laune. Wenn demnchst eine feindliche
Truppe nach Kecskemt kommt, mchte ich derselben im Kaftan
entgegengehen.

Ei Teufel! Kein schlechter Spa. Er kommt auch mir gelegen, denn ich
htte heute ohnehin einen anderen senden mssen.

Ist etwas los? frug der Schneider hastig.

Eine Truppe des Groveziers Kara Mustafa lagert unweit seit
Mitternacht. Sie gehen von Belgrad nach Kkk und haben um Proviant
hereingeschickt. Gerade ihren Brief brachte Pinty.

Prchtig! rief der Schneider begeistert aus. Ich gehe ihnen
entgegen.

Sehr gut. Pinty, lassen Sie fr meinen Vater ein Pferd satteln.

Welches? Den Bke?

Der Rr wird vielleicht besser sein, er ist frommer. Heute knnte
ich nicht gehen, wir halten Gericht. Denken Sie, mein Vater, der
Klger ist niemand Geringerer als der Kalgaer Tartaren-Sultan. Einige
Kecskemter Burschen haben eine Schafherde weggetrieben und die vier
Wache habenden Tartaren weidlich geprgelt. Einer von ihnen starb
sogar.

Die verkehrte Welt!

Das Schnste an der Sache ist, -- fuhr der Oberrichter fort -- der
Nimbus der Stadt Kecskemt zwingt den Kalgaer Sultan dazu, nach
unseren Gesetzen das Recht zu beanspruchen, anstatt Genugthuung zu
nehmen nach seiner Laune. Auch dies hat nur der Kaftan verursacht.
Aber halt, beinahe htte ich es vergessen, warten Sie nur, Pinty. Vor
allem gehen Sie auf den Marktplatz und holen Sie vier zu Richtern
passende Personen, es knnen unter ihnen auch Trken sein, wenn es
sich gerade so trifft.

Es war der erste Markttag (denn seitdem der Kaftan da ist, hat
Kecskemt auch seine Mrkte zurckerlangt), der alte Pinty guckte in
die Htten, lief den gutgekleideten Leuten nach und wenn er eine
angesehene Person erwischen konnte, leierte er die Formel her:

Im Namen des wohledlen Herrn Max Lestyk, Oberrichter der Stadt
Kecskemt! Es sei Euch, mein guter Herr, die Ehre gegeben und mge es
Euch nicht zu Lasten sein in unserem bescheidenen Gemeindehaus, um
dort weise und gerecht Recht zu sprechen ber unsere Vlker.
Ungehorsam zu sein, wre nicht angeraten.

Bald hatte er den gelehrten Paul Brcsk aus Szegedin, den geistvollen
Franz Balogh aus Szentes engagiert, er fand den letzteren in der
Laczikonyha[17] schon beim sechsten Glas. (Jedoch auch so wird er gut
sein.) Dann zitierte er den Czeglder Lebzelter Stefan Torda und weil
der Oberrichter auch von Trken sprach, nahm er den langbrtigen
Mollah Cselebit aus Ofen mit, der Astrachen verkaufte und der jene
Stdte, wo man den Kadi mit Stricken fngt, in des Teufels Umarmung
wnschte. So seinen Auftrag verrichtend, ging er in den Stall des
Stadthauses, putzte, kmmte den Rr, ftterte ihn mit etwas Hafer,
dann legte er ihm den Sattel auf und lie zu den Lestyks
hinbersagen, da der alte Herr kommen mge.

  [17] Volkskche.

Der alte Lestyk eilte mit leichten Schritten aufs Stadthaus, wo das
Gericht schon versammelt war, der Oberrichter hatte noch zwei
Senatoren hinzugesellt, den Gabriel Poronoki und Agoston Kristof, er
selbst fhrte als Siebenter den Vorsitz. Als er seinen Vater
erblickte, sandte er Pinty mit dem Stadtsiegel zu Czinna um den
Schlssel, dann nahm er den Kaftan aus der Eisentruhe und zwei
Senatoren halfen dem alten Herrn, ihn anzuziehen. Dies war die
amtliche Zeremonie.

Gehen Sie, Vater, in Gottes Namen.

Drauen setzte dieser seine Fe in den Steigbgel, er warf sich in
die Brust, den Kopf nach rckwrts lehnend, wie ein echter Ritter. Die
fremden Marktgste liefen neugierig hin, um den Vater des mchtigen
Oberrichters zu sehen, auf dessen dnnem Krper der weltberhmte
Mantel sa. Die Kecskemter Brger lfteten lchelnd die Hte, die
Kinder schrieen:

Vivat, Vivat, Lestyk bcsi![18]

  [18] Etwa Onkel Lestyk!

Einige flsterten neidisch:

Glcklicher Vater, glcklicher Mensch!

Und wahrlich, jetzt war er glcklich. Mit ganzer Lunge atmete er die
balsamische Luft ein. Der Rr tanzte stolz unter ihm. Von den kleinen
Grten vor den Husern lachten ihn die Jasmine und Lilien an, aus dem
eigenen Fenster winkte ihm Czinna mit einem weien Tuche. Seine Unruhe
verschwand, er war weder mde, noch aufgeregt. Die Furcht des Soldaten
vor der Schlacht weicht in der Schlacht. Und er war jetzt dort im
Feuer, er glaubte den Ton der Trompeten zu hren: Vorwrts, auf zum
Triumph!

Whrend nun seine Gestalt im Staube des Weges verschwand, saen die
Senatoren und der Oberrichter ruhig beisammen, hrten den Thatbestand
von der Forttreibung der Schafherde an, so auch die langweiligen
Vortrge der Zeugen und Klger. Nicht selten mengte sich ein Ghnen
der edlen Herren in das wste Gesprch.

Da vor der Stadt ein hungeriger Feind stand, alterierte die Herren
wenig. Schneckenblut! Der Feind ist jetzt eine laufende Angelegenheit,
wie etwa wenn man ein Marktweib zur Ordnung weisen mu. Hierzu bedarf
es eines Mannes und eines Stockes, dazu eines Mannes und eines
Kaftans.

Nur der Oberrichter bewegte sich unruhig in seinem Sessel, seitdem im
Saal in Vertretung des Kalgaer Sultans Olaj Beg erschien, mit seinem
Falkenblicke die Richter musternd, und frug, welcher von ihnen der
berhmte Oberrichter Max Lestyk sei -- worauf Agoston mit seinem
Ellbogen zur Tischspitze wies...

Das ist nicht mglich, murmelte Olaj Beg kopfschttelnd.

Und doch bin ich Max Lestyk, meinte der Oberrichter mit tonloser
Stimme.

Der groe Beg murrte verdrielich:

Entweder flimmerte es vor meinen Augen, als wir vor dritthalb Jahren
in meinem Lager zusammen trafen, oder es wurde der Kopf Euer Hochedlen
seitdem vertauscht.

Ja, man wird lter, es ist alles umsonst.

Im brigen habe ich Euch einen Brief gebracht. Den Brief hat der
Kalgaer Sultan geschrieben, mit honigser Feder:

        >Mein lieber Sohn, tapferer Max Lestyk!

    Bestrafe, ich bitte dich, die bsen Wlfe, denn wenn du kein
    abschreckendes Beispiel schaffst, so glaube mir, stehlen deine Leute
    mir noch den Turban vom Kopfe. Ich wrde es gern sehen, wenn du mir
    einen Korb Kpfe senden wrdest (die Ruber langen auch fr zwei).
    Schon lange habe ich mich an abgeschnittenen Kecskemter Kpfen nicht
    ergtzt. Meinen Abgesandten Olaj Beg, der Euch die ntigen
    Aufklrungen geben wird, haltet hoch in Ehren.

    Ich bleibe dein mchtiger Herr und Freund, der

        Krimer Vizekhan (Kalgaer Sultan)<.

Lestyk berflog den Brief zerstreut, verwirrt, dann schob er ihn den
Richtern hin, damit diese sehen sollen, wie heikel die Potentaten mit
dem Kecskemter Oberrichter umgehen.

Unterdessen bemerkte er, bis ber die Ohren rot werdend, den
forschenden Blick Olaj Begs, der immer auf ihm ruhte. Er sa auf
Nadeln unter unangenehmen Gefhlen; hierzu gesellte sich die Stunden
andauernde Flut der Gestndnisse, der Dunst des Saales. Ein Schwindel
berkam ihn und gerade wollte er den Vorsitz an Poronoki abgeben, als
drauen ein Entsetzensschrei laut wurde und sich durch die Gassen
wlzte, immer nher und nher kommend, die Fenster erschtternd.

Die Richter liefen entsetzt zum Fenster und taumelten totenbleich
zurck. Der Rr lief wild gegen das Stadthaus, auf ihm sa
niedergebunden der alte Lestyk mit dem Kaftan -- aber ohne Kopf. Aus
dem Rumpfe tropfte das Blut. Das Pferd und der Kaftan waren mit Blut
bedeckt.



Neuntes Kapitel.


Die Haare Poronokis standen zu Berge.

Entsetzlich!

Der Oberrichter fiel mit dem Gesichte auf den Tisch und schluchzte.

Unfabar! bemerkte Olaj Beg, als man ihm erklrte, da der Alte im
Kaftan bei einer Truppe des Groveziers war.

Herr Agoston befate sich mit dem Oberrichter.

Kommen Sie, mein edler Herr. Lsen wir den Gerichtshof auf. Auch die
Grenzen der Pflicht bersteigt der groe Schmerz, der Sie betroffen.

Max schauerte zusammen und wischte die Thrnen aus den Augen.

Ich bin stark. Keinen Schritt weiche ich von hier, bis ich nicht
Rache genommen habe fr meinen Vater. Dies hat man nicht im
Trkenlager gethan.

Sofort befahl er, da man den Leichnam nach Hause trage und denselben
wasche. Zwei berittene Trabanten aber sollten die Blutspuren
verfolgen, bis sie den Kopf und die Erklrung des Rtsels fnden.

Den Kaftan nehmet ihm ab und bringet ihn herauf, ergnzte Poronoki
die Ordre.

Nach kurzer Zeit brachte Pinty weinend den blutigen Mantel. Olaj Beg
und Mollah Cselebit sprangen in die Hhe und eilten den Saum zu
kssen, als sie aber nher kamen, verzog der Beg sein hliches
Gesicht.

Bei Allah, das ist nicht der echte Kaftan! Es fehlt das Zeichen des
Scheik--l--Islam.

Mollah Cselebit legte seine Hnde ber die Brust und wiederholte
gedankenvoll:

Das ist nicht das heilige Kleid.

Die Kecskemter Brger, die unter den Zuhrern saen, sahen erstarrt
den Oberrichter an.

Verrat! rief Kristof Agoston.

Franz Kriston sprang von der Zeugenbank auf und stellte sich vor den
Oberrichter.

Verantworten Sie sich! Der Schlssel war Ihnen anvertraut.

Ich wei von nichts, sagte der Oberrichter gereizt. (Er war wie das
Eisen: desto hrter, je mehr man es schlgt.)

Welch' groer Schlag, welcher Schlag fr Kecskemt! rief Poronoki
die Hnde ringend.

Wie der weggeschleuderte Stein, so schwirrten die Stimmen in der Luft:
Tod dem Schuldigen!

So ist's! Auch ich werde es aussprechen.

Zwischenrufe wurden laut.

Er gehrt nicht auf den Prsidentenstuhl, sondern auf die
Anklagebank.

Ruhe! schrie der Oberrichter und klirrte mit dem Sbel, der, seitdem
er geadelt wurde, immer vor ihm auf dem Tisch lag. Hier sitze ich im
Prsidentenstuhl und hier bleibe ich. Ich will sehen, wer sich zu
rhren getraut, wenn der Oberrichter von Kecskemt Ruhe gebietet.

Nur auf den Friedhfen herrscht eine solche grauenhafte Stille, wie
sie nun eintrat.

Wer ist der Elende, der seinen Stachel gegen mich ausstreckt? Wenn
ich gewut htte, da der Mantel nicht der echte ist, htte ich in
demselben meinen eigenen Vater gesendet? Das Ding ist unbegreiflich.
Gott hat es gefallen, eine Prfung zu senden ber Kecskemt, jedoch
verzagen wir nicht, denn was immer auch geschehe, noch herrscht hier
eine starke Hand. Deswegen, mein lieber Herr Senator Kriston, eilen
Sie sofort und tragen Sie den Trken nach Talfja die verlangte
Brandschatzung, damit nicht aus zwei beln drei werden.

Kriston ging sofort, bevor er aber noch zur Thr gelangt war, ffnete
sich diese mit groem Gerusch und herein strzte Czinna. Sie war
wei, wie eine Lilie, ihr Gang unstt, aus ihren schnen Augen
strzten Thrnen.

Was suchst du hier? fuhr sie der Oberrichter an, seine Brauen
zusammenziehend. Geh' nach Hause weinen!

Hier ist mein Platz!

Und sie strzte in die Knie. Ihr roter, unten mit Spitzen versehener
Rock hob sich ein wenig in die Hhe und lie ihre entzckenden Knchel
sehen.

Olaj Beg schleuderte den Sessel von sich.

Das ist sie, das ist sie! Mein Herr Max Lestyk, sehen Sie sich diese
hier an. Dieses Mdchen war bei mir im Lager. Nie erblicke ich Mekka,
wenn es nicht wahr ist.

Poronoki und Agoston richteten ihre Augen starr auf den Oberrichter,
der merklich verlegen wurde und bis ber die Ohren rot war. Dies war
seine schwache Seite. Nun fing er an, die Energie zu verlieren. Czinna
beugte traurig den Kopf.

Nie sah ich dich, guter Mann.

Der Oberrichter warf ihr einen dankbaren Blick zu, wie wenn er sagen
wollte: Du hast mich nur wiedergegeben, dann zischte er zwischen den
Zhnen: Alles fllt, strzt, es war alles verfehlt.

Was willst du, mein Kind? fragte jetzt der Szenteser Franz Balogh.
Warum stehst du nicht auf?

Der Brust des Mdchens entrang sich ein krampfhaftes Schluchzen.

Ich bin an allem Schuld. Ich bin die Schuldige. Ich habe den
Schlssel der Eisentruhe dem Vater Lestyks gegeben, da zu ihm aus
einer fremden Stadt Leute mit der Bitte kamen, er mge ihnen einen
Mantel, wie der unsrige ist, fr fnftausend Goldstcke nhen.

Ein gefahrdrohendes Gemurmel folgte diesen Worten. Der Oberrichter
wendete sein bleiches Antlitz gegen die Wand. Auf diesen Schlag war er
nicht vorbereitet.

Wie konntest du dies thun? schrie Poronoki, sei aufrichtig, die
Aufrichtigkeit kann deine Snde mildern.

Czinna drckte ihre Hnde aufs Herz, ihre langen Wimpern schlossen
sich. Sie glaubte vor Schande vergehen zu mssen und doch mute sie es
sagen in dieser traurigen Stunde.

Weil ich liebe, ich liebe Max Lestyk mehr als mein Leben, mehr als
diese Stadt. Der Alte hat viertausend Goldstcke fr mich bestimmt,
damit sein Sohn, der seit dritthalb Jahren mit mir im Brautstand lebt,
mich zur Frau nehme. Er hat es bisher nicht gethan, weil wir beide arm
sind. Ich habe seinen Worten Glauben geschenkt und ihm den Schlssel
bergeben.

Ihr bleiches Gesicht rtete sich, aus der weien Lilie wurde eine
Rose, aber nur auf eine halbe Minute.

Welcher Skandal! brllte Herr Agoston. Wenn ich nur bis an mein
Lebensende in Waitzen geblieben wre.

Was dann? fragte Poronoki unruhig.

Der Oberrichter fate krampfhaft die Sessellehne, die Welt drehte sich
im Kreise, vor seinen Augen tanzten die winzigen Buchstaben, die der
Schriftfhrer aufs Papier warf. Seine Lippen bi er blutig: Nur jetzt
noch, nur eine halbe Stunde noch soll ich keine Schwche zeigen.

Und dann? nahm Czinna das Wort mit ersterbender Stimme. Ja, dann.
Was geschah mir? (Mit ihrer Hand rieb sie ihre marmorglatte Stirn.) Er
ging zur Eisentruhe, bei Nacht nahm er den Kaftan mit und nhte dann
einen hnlichen. In der vergangenen Nacht nahmen ihn die Besteller
mit.

Alles ist klar, murmelte Poronoki. Er war ein stolzer Meister und
glaubte, wollte es zeigen, da beide gleich sind. Und heute zog er ihn
an, damit er die Wirkung seines Prachtwerkes geniee.

Und wer waren die Besteller? frug der Szegediner Brcsk. Er dachte
bei sich: Ob es nicht die Unserigen waren?

Ich wei es nicht, antwortete Czinna. Auch der Entseelte wute es
nicht. Das Ganze geschah im Geheimen. >Eine weit liegende Stadt<, mehr
sagte er mir nicht.

Die Stadt mssen wir auffinden, meinte Herr Agoston traurig.

Wir werden sie finden, sagte mit dumpfem Ton der Oberrichter. Dies
war sein erstes Wort whrend des Gestndnisses.

Dies wird der Fall sein, wenn es eben der Fall sein wird, meinte
Herr Permete mit bitterem Ton, jetzt aber sind Sie ein Mann beim
Urteilsspruche, wenn Sie es zu sein vermgen.

Es war nicht anders, als wenn Herr Permete frisches Blut in seine
Adern gegossen htte. Ihn, Max Lestyk, fordert man auf, ein Mann zu
sein! Seine Augen sprhten Funken.

Das werde ich auch sein, sprach er rauh und zog ein mit Siegel
versehenes Dekret aus der Tasche. Er stand auf und begann feierlich zu
lesen: Wir Leopold I. von Gottes Gnaden Kaiser von sterreich....

Seine Stimme versagte, sie wurde zum Rcheln, seine Hnde zitterten,
nach Luft schnappend reichte er das Dekret Herrn Agoston hin.

Lesen Sie es vor! Dann setzte er matt hinzu: Ich bin ja auch nur
ein Mensch!

Wie wenn es ihm aber leid thte, dies gesagt zu haben, rief er Pinty
zu:

Man mu die Fenster ffnen. Mir ist nicht gut .... Die erstickende
Atmosphre!

Herr Agoston verlas unterdessen das knigliche Dekret, das auf
Diebstahlsfakten und auf Verrat das Standrecht fr das Gebiet der
Stadt Kecskemt verkndete und den Magistrat von Kecskemt mit dem
Blutbannrechte bekleidete.

Es folgt die Abstimmung.

Dem Herrn Poronoki gehrt das erste Votum:

Dieses Mdchen hat die Stadt verraten. Ich verurteile sie zum Tode
durch das Schwert.

Nach ihm folgte Herr Brcsk.

Schwert! sagte er kurz.

Mollah Cselebit sagte:

Sie hat es aus Liebe gethan. Sie ist nicht schuldig.

Nun kam an Herrn Franz Balogh die Reihe:

Sie wute nicht, da fr die Stadt ein so entsetzliches Unglck
daraus erwachsen konnte. Sie thue Bue.

Es herrschte eine Stille, da man das Pochen der Herzen, das Schwirren
eines zum Fenster hereingeflogenen Schmetterlings hren konnte. Zwei
Voten verlangten den Tod, die beiden anderen belieen das Leben. Es
folgte in der Abstimmung der Czeglder Lebzelter, er dachte lange
nach, aus seiner Stirn perlte der Schwei.

Es wird ein wenig Kerker auch gengen, sthnte er.

Diejenigen, deren Herz voller Teilnahme fr das Mdchen war, atmeten
frei auf, sie wollten nicht, da diesen herrlichen Hals das Richtbeil
vom Krper trenne. Nur Herr Agoston war noch zurck.

Tod! rief er rauh.

Wieder standen die Voten gleich. Der Prsident hatte zu entscheiden.
Welch' frchterliche Scene! Der Oberrichter erhob sich mit
bewundernswrdiger Seelenruhe: elastisch dehnte sich seine Gestalt, er
nahm den neben seinem Sbel liegenden Stab zur Hand, und drehte an
demselben. Der Stab krachte; er war entzweigebrochen.

Tod! sagte er vernehmbar und ruhig.

Das Mdchen sah ihn entsetzt an, dann strzte sie mit einem
markerschtternden Aufschrei zusammen. Aus den Reihen der Zuhrer
tnte Gezisch mit Eljenrufen untermengt.

Er ist doch ein groer Mann! flsterten die Kecskemter einander zu.

Ein schlechter Mensch! murmelte Mollah Cselebit.

Der Oberrichter kmmerte sich um all' dies nicht, er verlie den
Richtertisch, jetzt verpflichtete ihn nichts mehr. Er beugte sich ber
seine Geliebte, hob sie auf, kte sie und flsterte ihr ins Ohr:

Befrchte nichts, ich rette dich.

Er hat zwei Herzen, meinte Herr Permete zu seinen Kameraden.

Und der Mann mit den zwei Herzen verlie den Saal mit sicheren,
mnnlichen Schritten, wie wenn nichts geschehen wre, dann ging er
nach Hause, sperrte sich mit dem gekpften Leichnam ins Zimmer ein und
redete stundenlang zu demselben:

Warum hast du das gethan, warum hast du es gethan? Schau, welch'
Unglck du auf dich, auf mich und auf sie heraufbeschworen hast. Du
warst kein schlechter Mensch, ich wei es wohl .... Der Ehrgeiz war
dein Henker. Man hat in dir dieses ungarische Ungeheuer erweckt. Aus
Ehrgeiz hast du den Kaftan gemacht, aus Ehrgeiz hast du den unsrigen
weggegeben. Du hast auch das arme Mdchen mit hineingerissen, wenn du
nur dies nicht gethan httest, ihr Herz war der Hebel. Du hast ihn
gefunden. Alles zerfiel. Hier stehe ich gebrochen ... Ich konnte den
Schatz nicht ermessen, welchen ich in jenem Mdchen besaߠ...

Dann verfgte er sich in das andere Zimmer und suchte den groen mit
Gold gefllten Korb hervor...

Da nimm's hin, Erzsi! Gehe in den Garten und streue es unter das
Volk!

Das weinende Mdchen gaffte und staunte, gehorchte aber dann dem
mchtigen Oberrichter der Stadt und streute die funkelnden Dukaten mit
vollen Hnden in den Sand der Strae, in die Furchen, zwischen das
Gestrpp. Der Oberrichter sah eine Weile vom Fenster aus dem Treiben
der Leute zu, wie sie um das Gold drngten und balgten.

Als aber Erzsi zurckkehrte, war er nicht mehr da. Er war nirgends.
Wann er weggegangen, wohin er gegangen, niemand, niemand hatte ihn
gesehen. In Kecskemt hat keine Seele mehr mit ihm gesprochen.

       *       *       *       *       *

Fr den vierten Tag war Czinnas Enthauptung anberaumt worden.

Drei Tage brachte sie in der Armesnderzelle zu. Sie betete vor dem
Kruzifix, auf welchem Tag und Nacht der Glanz zweier Wachskerzen
flimmerte.

Diese Zeit reichte fr alle Vorbereitungen hin. Die Zimmerleute
erbauten das Blutgerst gegenber dem grnen Thore des Stadthauses;
Paul Fekete war als Vertrauensmann damit beauftragt worden, den
Scharfrichter aus Flek zu holen. (Die Senatoren hatten anderes zu
thun, sie forschten in den Kecskemter Teichen nach dem verschwundenen
Oberrichter.)

Endlich am vierten Tage, als von dem Turme der St. Nikolauskirche die
neunte Stunde schlug, entstand eine groe Bewegung in der versammelten
Volksmenge. Es erklang die Armesnderglocke.

Jetzt bringt man Czinna auf den Richtplatz. Sie ist mit einem
einfachen weien Rock bekleidet, welchen fast ganz das aufgelste
lange Haar bedeckt.

Dem wird gleich Gspr Szekeres, der Barbier abhelfen. Flugs war er
mit seiner Scheere zur Verurteilten geeilt und mit einem Schnitt war
es um das schne Haar geschehen ... damit's den Scharfrichter nicht in
seiner Arbeit hindere. Dann stellte sich Franz Kriston auf einen Stuhl
und verlas das Todesurteil.

Nun ergriff Pater Bruno das Mdchen bei der Hand, um es auf das Podium
zu fhren, wo der Scharfrichter wartete, das scharfgeschliffene
Richtschwert in der einen, die weie Binde in der anderen Hand
haltend. Damit werden ihr die Augen verbunden.

Entsetzlich, das mit anzusehen! sprach Frau Paul Nagy und schlo die
Augen.

So schn und sie mu sterben -- seufzte Gerson Zeke.

Noch einen Augenblick, erklrte Frau Fbin, -- und es giebt ein
heiratsfhiges Mdchen weniger.

Die sind noch immer dicht genug geset, meinte Johann Szomor.

Noch nie habe ich eine solch' traurige Exekution mit angesehen,
sagte Stefan Tth mit wichtiger Miene, und doch habe ich schon viele
gesehen. Erstens giebt es kein einziges nasses Auge. Auch der alte
Br ist schon eine ganze Woche fort mit seiner Fiedel. Zweitens ist
in diesem Falle von nirgendsher das Wehen des Gnadentuches zu
erwarten; drittens....

Er hatte keine Zeit, den begonnenen Satz auszusprechen, denn eine
groe Staubwolke entstand auf der Czeglderstrae, schmucke
Kuruczen-Huren mit gezogenem Sbel strmten mit groem
Schlachtenlrm zum Richtplatz heran. Voran einige mit herabgelassenem
Helmvisier, auf schnen Pferden.

Der Feind, der Feind! schrie die Menge und zerstob in alle
Windrichtungen.

Eine groe Verwirrung entstand. Pater Bruno sprang vom Podium herab
und mit klappernden Zhnen strzte er dem Stadthause zu:

Es wird das ein Wunder sein. Um mich kommt man, man fhrt mich schon
weg!

Auch die Senatoren suchten ihr Heil in der Flucht. Der Scharfrichter
lie das Richtschwert fallen, auch er flchtete.

Das Ganze war das Werk eines Augenblickes; der eine gepanzerte Krieger
erklomm im Nu mit seinem Rosse das Blutgerst und schwang das Mdchen
wie eine Feder in den Sattel. Niemand stellte sich ihm in den Weg,
niemand fragte, was er wolle? Auch er fragte niemand, ob es erlaubt
sei. Die kleine Abteilung verschwand, wie sie gekommen, in einer
Nebengasse.

Langsam kamen die erschreckten Einwohner wieder hervor. Die Senatoren
freuten sich, da man nur Czinna mitgenommen und sonst nichts. Es sei
kein Schade um das Mdchen.

Der Henker machte ein saures Gesicht; man mge ihm Arbeit geben, da er
sich von so weit herbemht hat.

Viele, die hinter den Umzunungen die Szene mit angesehen hatten,
schwuren bei Himmel und Erde, da der Held mit dem herabgelassenen
Helmvisier, der auf das Blutgerst gesprengt war, niemand anders sei,
als Max Lestyk. Man erkannte ihn an seiner Gestalt, an seinen
Bewegungen, an seinen glnzenden, nubraunen Augen. Man suche ihn
nicht im Wasser des stillen Teiches.

Frau Johanna Dek, die eine vertrauenswrdige Person ist, hrte, wie
Czinna dem Helden unterwegs zuflsterte:

Wirst du noch einmal warten, bis mein Haar wieder gewachsen ist?

Der Held antwortete ganz vernehmlich:

Nein, Czinna, nein, ich warte nicht.

       *       *       *       *       *

Ob es so war, oder nicht, der Himmel wei es. Von diesem Tage
angefangen aber suchte man Max Lestyk nicht mehr unter den Toten,
sondern erwartete ihn tglich zurck.

Wenn er verschwand, so hatte er wohl seinen Grund dazu gehabt. Er ging
den Kaftan suchen und nahm auch seine Braut mit. Was ist da weiter
dabei! (Er hat gut daran gethan.)

Einmal, Ihr werdet es sehen, wird er wieder nach Hause kommen auf
einem Eisenschimmel mit goldenem Zgel, den Kaftan umgeworfen.
Einstens, wenn eine groe Gefahr Kecskemt bedrohen wird, kommt er
nach Hause, setzt sich in den Oberrichterstuhl und fhrt wie ein Blitz
zwischen die Feinde.

Sie warteten lange, lange. Auch jene sind schon ausgestorben, die als
Kinder dem Kaftan nachgelaufen sind, jedoch auch die Enkel der Enkel
harren noch immer seiner Heimkehr.


Ende.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Zauberkaftan, by Koloman Mikszth

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERKAFTAN ***

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