The Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe

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Title: Meister Autor
       oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: March 18, 2011 [EBook #35603]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEISTER AUTOR ***




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  Wilhelm Raabe
  Bcherei
  Erste Reihe
  Band 14


  Wilhelm Raabe
  Bcherei
  Erste Reihe:
  Kleinere Erzhlungen

  Vierzehnter Band

  Berlin-Grunewald
  Verlagsanstalt fr Litteratur und
  Kunst/Hermann Klemm


  Wilhelm Raabe
  Meister Autor
  oder
  Die Geschichten vom versunkenen Garten

  Dritte Auflage
  11.-16. Tausend

  Berlin-Grunewald
  Verlagsanstalt fr Litteratur und
  Kunst/Hermann Klemm


  Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
  Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
  Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig




  Meister Autor
  oder
  Die Geschichten vom versunkenen Garten




Erstes Kapitel.


Wann und unter welchen Umstnden der Meister Kunemund den Ausspruch tat,
wei ich nicht mehr; aber da er ihn tat, wei ich.

Er sagte nmlich:

Ich verstehe die Welt wohl noch, aber sie versteht mich nicht mehr, und so
werden wir wohl nie mehr so zusammenkommen, wie damals, als wir beide noch
jnger waren. Na, mir ist's zuletzt einerlei; ja, Herr, es kitzelt einen
sogar dann und wann, wenn man bei sich berlegt, da man im Grunde der
Jngere von zweien geblieben ist. La sie alt werden, die Welt; was
kmmert's mich!

Nun sehe ich ihn doch wieder ganz genau vor mir, wie er dasa und das Wort
sagte. Es ist ganz richtig, er sa auf seiner Schnitzbank und fuchtelte mir
mit seinem Schnitzmesser bedenklich vor der Nase herum, bedenklich,
obgleich dieses Messer ein ganz guter, alter Bekannter von mir war. Es war
ein berhmtes Messer und war aus fernster Volksurzeit von Hand zu Hand bis
in die Hand des Meisters herabgelangt, und er wute gerade so gut damit
umzugehen, wie alle, die es vor ihm gefhrt und sich damit gewehrt hatten.

Mndliche Tradition, Schreiberkunst und Druckerkunst geben uns recht:

Da ging der Junge vor den Knig und sprach: Wenn's erlaubt wre, so wollte
ich wohl drei Nchte in dem verwnschten Schlo wachen. Der Knig sah ihn
an, und weil er ihm gefiel, sprach er: Du darfst dir noch dreierlei
ausbitten, aber es mssen leblose Dinge sein, und darfst das mit ins Schlo
nehmen. Da antwortete er: So bitt' ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine
Schnitzbank mit dem Messer.

Nun wissen wir alle, was fr Ungetm und Gespenstertum der Junge in den
drei Nchten sich vom Leibe zu halten hatte, wie er mit den Katzen Karten
spielte und wie ihm halbe Menschen durch den Schornstein herunterfielen, --
halbe Menschen, zu denen er sich erst die andere Hlfte ausbitten mute,
ehe er imstande war, mit ihnen Kegel zu schieben. Wir haben manchmal, --
manch liebes Mal unser Vergngen an der Unbefangenheit des Jungen gehabt
und vielleicht ihn auch dann und wann um sie beneidet: von diesem Jungen
aber stammte der Meister Kunemund in gradester Linie ab und war insofern
mit den berhmtesten Leuten im deutschen Volke verwandt, und nicht allein
im deutschen Volke. --

Doch da hat mich das Anfangen sofort weit in die Mitte meines Berichtes
hineingerissen, und das zeigt einmal von neuem, da es immer ein gewagtes
Unterfangen ist, groe Herren und Damen, bedeutende Menschen, eigentmliche
und selbstndige Charaktere mit der Federspitze anzutupfen.
Glcklicherweise aber gelingt es mir dieses Mal noch zur rechten Zeit, mich
zu besinnen: ich hebe von neuem an, zu erzhlen.

Wir kamen ber ihn von Kneitlingen aus; jung und alt, Mnnlein und
Weiblein, eine Auswahl und Auslese feiner, liebenswrdiger und gebildeter
Gesellschaft deutscher Abstammung und Zunge -- was die Abstammung anbetraf
natrlich unter dem dazu gehrigen Vorbehalt. Wir kamen ber ihn, Leute von
guten Mitteln: junge Herren, die ihre drei Examina vollgltig bestanden
hatten, zierliche Frulein aus den hchsten Tchterschulen, gediegene und
wohlgediehene Vter und Mtter, Onkel und Tanten. Wir kamen recht lebhaft
und sehr heiter angeregt ber ihn; denn wir machten von Schppenstedt aus
eine Vergngungsfahrt in den Elmwald, hatten Schppenstedt vermittelst der
Eisenbahn erreicht und das berhmte Dorf Kneitlingen und den Wald
vermittelst zweier Bauerwagen, auf denen mit Hlfe von Brettern und
Strohbndeln eine gengende Anzahl zweckdienlicher Sitze fr uns
hergerichtet worden war.

Nun liegt hier vor mir ein anderes Dokument, und zwar in Folio: -- Merians
Topographia und Beschreibung der vornehmsten Stdte, Schlsser, auch
anderer rter im Herzogtum Braunschweig und Lneburg. Auf der Kupfertafel,
welche den nicht unberhmten Platz und Ort Schppenstedt darstellt, zieht
sich im Hintergrunde gleichfalls natrlich der Elm hin, und ber einigen
Hausdchern, die am Rande des Waldes aus dem Gebsch hervorragen, lesen wir
die Legende:

Kneitlingen, allwo das fromme Kind Eulenspiegel geboren wurde.

Wir erreichten den Elm ber Kneitlingen hinaus. --

ber Kneitlingen hinaus, linksab, unbestimmt tief in den Wald hineinwrts,
da wohnte der Meister Kunemund, den die Welt nicht mehr so recht verstand,
weil er ihr zu jung geblieben war. Da wohnte er ziemlich verborgen, da
heit er hatte sich einem Frster in die Kost und unter Dach getan; und da
machte ich seine Bekanntschaft und er die meinige, was unter Umstnden
nicht sich von selber versteht, oder besser gesagt, nicht dasselbe ist.

Wir fhrten in mehreren Krben einen gengenden Vorrat von Lebensmitteln
sowie auch eine erkleckliche Anzahl Flaschen mit allerlei Getrnk mit uns
und konnten also recht vergngt sein. Unter der Leitung eines jungen
Forstmannes im grnen Rock und mit einem papiernen Hemdkragen frhstckten
wir mitten im im Quincunx gepflanzten Musterforst, wie die bessern Stnde
auf ihren Ausflgen in die freie unverflschte Natur zu frhstcken
pflegen. Nachher spielte man, wiederum unter der Leitung des eben erwhnten
jungen Forstmanns, Blindekuh und sonstige unschuldige Spiele, was sehr
hbsch war, aber auch den Hhepunkt des Vergngens bildete; denn im Grunde
milang jeder sptere Versuch, sich noch hher und tiefer in das volle
Naturbehagen hinauf- und hineinzuschrauben, vollstndig. Da ein jeglicher
in der Gesellschaft die Schuld an der von Viertelstunde zu Viertelstunde
mehr einreienden Langeweile und Verdrielichkeit nicht sich selber zuma,
war unter diesen Verhltnissen natrlich: das Gefhl, mit dem linken Fue
zuerst und noch dazu viel zu frh aus dem Bette gestiegen zu sein, wurde
allgemein.

Der junge Grnling mit dem Papierkragen war der letzte, dessen
Lebensgeister sanken; aber auch ihm sanken sie. Er fing an, uns eine frisch
von der Forstakademie mitgebrachte wissenschaftliche Abhandlung ber
moderne Waldwirtschaft zu halten und setzte dadurch dem Vergngen freilich
die Krone auf.

Mit der Miachtung selbst der jungen Damen beladen, verlor er sich fr ein
geraume Zeit in einer jungen Schonung und kam erst dann wieder zum
Vorschein, als die Gesellschaft den Versuch, im Walde Mittagsruhe zu
halten, durch Ameisen, Kopfweh, Waldspinnen und Gliederschmerzen gehindert,
aufgegeben hatte. Der holde, wolkenlose Tag bte immer sonderbarere Wirkung
auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Vergngen. Begrabene, mehr
oder weniger tief zugedeckte Feindschaften und Feindseligkeiten whlten
sich mit berraschender Schnelligkeit von neuem ans Licht. Wer etwas gegen
seinen Nachbarn oder seine Nachbarin im Grase auf dem Herzen hatte, der
fhlte einen unwiderstehlichen Kitzel, es von demselbigen los zu werden,
und zwar auf die anzglichste, unangenehmste Weise. Und da wieder wurden
vorzglich die Damen scharf, sowohl die jungen wie die ltern, sie
pflckten freinander kuriose Strue unter den Bschen, und es wurde die
hchste Zeit, da irgend jemand sich begtigend dreinlegte.

Dieser jemand war ich, und ich warf den Vorschlag in die allgemeine
Verbitterung, alle Streitigkeiten fr jetzt beiseite zu schieben und sie
fr die Heimfahrt, fr das trauliche Beieinandersitzen auf den zwei
Leiterwagen und im Eisenbahnwagen aufzusparen.

Da man mich nur von der Seite ansah, so erweiterte ich meinen Vorschlag
dahin, da man, um den Tag ganz auszunutzen, einem Frsterhause, das ich
eine halbe Stunde weiter in den Wald hineingelegen wute, einen Besuch
abstatten solle. Sauere Milch wirke khlend und erfrischend, und der Tag
sei noch sehr lang.

Nun sah man sich an, und der Vorschlag fand gengende Untersttzung.

Tofote heit der Frster dort, sagte der junge Herr von Mller. Es ist
eine eigentmliche Wirtschaft dort. Bei der Forstbehrde ist der Kerl grade
nicht zum besten angeschrieben, aber das braucht uns freilich nicht
abzuhalten, ihm eine Visite zu machen. Die Idee ist gut, berfallen wir den
Burschen! Wenn die Herrschaften erlauben, werde ich den Weg andeuten.

Nun waren alle Lebensgeister auf einmal wieder wach, und wir im nchsten
Augenblick auf dem Marsche durch den Elm zum Frster Arend Tofote. Die
jungen Leute stimmten ein Waldlied von Eichendorff an, welches sehr hbsch
und romantisch unter den hohen Buchenwlbungen klang; und wer uns nun
wieder sah und hrte, der war verpflichtet, ohne Widerstand und Widerrede
verpflichtet, uns fr das zu nehmen, was wir schienen, nmlich
waldfrhliche, hbsche, vergngte Kinder der Natur, junge sowohl wie alte.




Zweites Kapitel.


Ich heie Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar _von Schmidt_. Es
ist bengstigend aber wahr, ich gehre dem Adel der deutschen Nation an,
und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute
getan zu haben. Bei welchem Mrchenknig der Ahnherr meines Geschlechtes
Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen knnen; aber da
wir ein altes Geschlecht sind, das wei ich; und da wir selten unseres
Glckes Schmiede waren, das wei ich leider auch. Seit ich den Meister
Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, da unsere Bezge
mehr als tausend Jahre alt sind, und es wrde mich gerade nicht wundern,
wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen
gesessen htte, der Knig wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das
Gruseln erst lngere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau
gelehrt wurde.

Dieses beilufig, jedoch nicht ohne Grund. -- Wir zogen also durch den
Wald, den Frster Arend Tofote zu besuchen, und wir stieen zuerst auf den
Meister Autor.

Wir kamen ber ihn an einem Bache, dem die Begnstigung, durch den
Musterforst rieseln zu drfen, noch nicht von der Oberforstbehrde genommen
worden war, und wir faten ihn eigentlich in einer fr das Gefhl der Damen
etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Fe
standen im Wasser, braun und knochig; Fe, auf denen er lnger als ein
halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war hei, und der Meister
Kunemund nahm ein Fubad.

Hol' mich der Teufel! sagte er, als wir pltzlich durch das Gebsch
rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein hflicher
Mann gewesen, denn wer htte es ihm verdenken knnen, wenn er gerufen
htte: Hole euch alle insgesamt, -- hole euch ohne jegliche Ausnahme der
Teufel! --?

Er war nicht allein, als wir ihn berraschten. Er hatte auch seine
Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden
Dachshund und ein kleines zehnjhriges Mdchen. Der Dachshund sa neben
ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mdchen sa ihm gegenber am andern
Rande des Bachs, von Sonne und Bltterschatten umspielt. Es sa, den Rcken
an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich ber der Brust ineinander gelegt,
das Mulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Ku. Wenn man ihr den
letztern gegeben haben wrde, und sie htte das Nschen germpft, so wrde
man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen htte:

Jetzt nimmt sie es gar noch bel! --

Als wir da waren, das heit als der Alte uns herankommen hrte, sah er sich
um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen
Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrdern
Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Mller:

Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Frster
versprochen habe. Guten Tag, Frulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und
sonst alles wohl?

Guten Tag! sagte das kleine Waldfrulein, ohne sich auf weiteres
einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt chzend von seinem
Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Bltterwerk,
das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Hhe
und behielt es whrend der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und
Strkungsmittel im Verdru, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte
er die Linke unsrem freundlichen Frhlichkeitsordner und brummte:

Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl
auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es
mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an!
Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergngen vor, auf da
ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut.

Da dieser Empfang sehr hflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht
finden. Aber unser Fhrer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so
nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gru des Alten hin.

Seien Sie nicht zu grob, Kunemund, sagte der Herr von Mller lachend.
Da _Sie_ sich ber unseren Besuch freuen, wei ich ja doch zu genau.
Frulein Julie, Frulein Minna, laufen sie dreist mit dem Kinde voran! Wir
kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern
Spa heute.

Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die
Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung ber
den Bach und scho wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und
selbst die jngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein
liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur
im Gesicht zu behalten. Wir lteres Volk setzten uns schwerfllig von neuem
in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte.

Wir knnen es nicht genug wiederholen, da der Elm ein Musterforst ist.
Auf den Wanderversammlungen der grnrckigen Herren pflegt viel von ihm die
Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Bltter
weit ber die Grenzen Deutschlands berhmt geworden, und seine Bume
bekommen ihre Bltter trotz alledem in jedem neuen Frhjahre wieder. Sie
bleiben auch gewhnlich bis in den Herbst hinein grn, was eigentlich ein
Wunder ist, wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere
Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den
Mund nahmen; -- groer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer
Vergngungsfahrt ins Grne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre
lang nachher darber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden,
welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. -- Wir zogen also durch diesen
im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Frsters Arend
Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehen
bleibend und seine Verwunderung ber uns durch ein bedenkliches
Hauptschtteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der
Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich
um seinen Jubel zu verbeien, sein Moosbschel in den Mund gestopft. Seine
Schuhe trug er jetzo an den Fen, aber den linken Strumpf anzuziehen,
hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt
in der Faust. Wir gingen frhlich ihm nach und um ihn her; smtliche
gelehrte Stnde gegen wrtig und vorhanden. So kamen wir beim Frsterhause
an, und der Leiter unserer Vergngungspartie stellte uns dem Frster vor,
und der Frster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines
ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer
Lust beizutragen, was ihm nur irgend mglich war. Mit Speisen und Getrnken
wartete er nach besten Krften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte
Haushlterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren
natrlich entzckt ber das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren
wachten Hunger und Durst merkwrdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr
behaglich, sehr gemtlich; und unsere Gemtlichkeit erlitt auch dann kaum
einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits
gleichfalls ihr mglichstes zu derselben beitragen wollte, und pltzlich
und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los lie. Wie wir ber das stille
Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden ber uns. Zwei
reizende, schneeweie Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige
Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Mller und Frulein Amalie durch
zwei unvermutete Kopfste von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen
gebracht htte -- erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das
ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als
sie sich aus Schreck ber die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm
niederlie. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz
in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wre sicherlich
noch lnger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch
einen zweiten abgelst worden wre. Diesmal war die Reihe an der
Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und
empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich pltzlich geregt, und weich und
verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war
aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der
gezhmte Fuchs, der einen gnstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu
krnken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates
Stck Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das
Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die
Gesellschaft ebenso herzlich ber das Gesicht des Herrn Pastors wie ber
den schlauen Dieb und seinen eiligen Rckzug mit der guten Beute.

Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spa mit uns; aber im
ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergngt.
Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand
Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Bchern stehen und meistens
reizend von den geschicktesten und naivsten Knstlern mit den hbschesten
Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne
Noten singen, und es klang wiederum recht gut -- sogar sehr gut -- im
Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch
die Gesellschaft vermite ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund
dafr, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle ber sein Verschwinden
wundern sollte.




Drittes Kapitel.


Am Sptnachmittag zogen wir wieder ab, wie wir gekommen waren. Da ein
jeder Teilnehmer an der frhlichen Fahrt ins Grne ihrer mit Vergngen
gedachte, steht zu hoffen; was mich persnlich anbetrifft, so war ich am
Sptabend herzlich froh, alles vollendet zu haben und wieder zu Hause zu
sein. Die Lust des Tages war mir doch ein wenig auf die Nerven gefallen,
und es bedurfte lngerer Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, um an den
Meister Kunemund, den Frster Arend Tofote, sein Frsterhaus und sein
Tchterlein ohne Widerwillen denken zu knnen. --

Wie gesagt, ich heie von Schmidt, habe auerdem den Bergbau studiert,
wurde fr lngere Jugendjahre durch ein schlagendes Wetter an meiner
Gesundheit geschdigt, erholte mich, verlie den Staatsdienst und bin jetzt
meines Zeichens ein beschftigungsloser Liebhaber wohlfeiler sthetischer
Gensse. Recht niedliche Novellen aus meiner Feder sind in verschiedenen
Blttern abgedruckt worden. Einige wurden mir auch als unbrauchbar
zurckgesendet; ich halte dieselben fr die bessern Erzeugnisse meines
Geistes und benutze diese Gelegenheit, um sie den verehrlichen Redaktionen
nochmals zur Verfgung zu stellen. Mein Vater war ein wohlhabender
Domnenpchter, der das Glck hatte, fast ein Menschenalter hindurch lauter
gute Jahre zu haben. Er starb als ein, nach deutschen Verhltnissen,
wohlhabender Mann, und ich bin sein einziger Erbe, und er starb frh genug,
um mir auf meinem Lebensgange und bei meinen Liebhabereien nicht hindernd
in den Weg treten zu knnen. Natrlich verwendete ich auch das Frsterhaus
in Elm novellistisch; jedoch ohne viel Freude an der Leistung zu erleben.
Sie schien sich auf keine Weise von meinem Schreibepult trennen zu knnen;
mit berraschender Schnelligkeit langte sie von jedem Ausflug in die Welt
wieder zu Hause an. Kaum da ich sie glcklich wie aus der Seele so vom
Halse losgeworden zu sein glaubte, war sie in ihrer ganzen tauigen,
waldduftigen Frische wieder da. Ja, die waldfrischesten, tauduftigsten
Redaktoren und Redaktionen schickten sie mir umgehend wieder zu. Eine ganze
Literatur von Begleitschreiben sammelte sich um das unglckselige Kunstwerk
an, bis ich zuletzt wtend den Deckel des Pultes ber ihm zuschlug, den
Kasten verschlo und den Schlssel verlor. Nachher hatte ich Ruhe. --

Ich hatte Ruhe durch den Winter, und im nchsten Frhjahre stattete ich dem
Frster Tofote, dem Herrn Kunemund und der Gertrud einen zweiten Besuch ab;
jedoch diesmal allein. Das war an einem einundzwanzigsten Mai, und seit
diesem Tage verging selten ein Jahr, in welchem ich nicht mehreremale den
Besuch wiederholte. Was aber diese vorliegende Schrift anbetrifft, so wurde
dieselbe wenigstens im Anfange einzig und allein nur deshalb unternommen
und abgefat, um von dem Besuche zu handeln, den _mir_ der Meister Kunemund
abstattete. Da ich aber am Schlusse heirate, beweist wieder einmal, da
man niemals wei, wie's endet, wenn man in irgendeiner Weise anfing. --

Ich sa, beide Ellenbogen auf die solide aus Eichenholz herausgearbeitete
Klappe gesttzt, unter welcher ich alle meine besten lyrischen, epischen
und dramatischen Gefhle und Empfindungen unter Schlo und Riegel zu halten
pflege. Ghnend, aller Langweiligkeit des Daseins voll, sa ich, als es an
meiner Tr pochte und blde sich hereinschob ins Zimmer, nachdem ich
mrrisch, ohne mich umzuwenden, die Strung aufgefordert hatte,
heranzukommen. Offen gestanden traute ich meinen Augen dann gar nicht, und
rckte den Stuhl mit solchem Nachdruck herum und dem Besucher entgegen, da
das Mbel darber durchaus aus dem Leime ging.

Ja, ich bin es; nehmen Sie es nur nicht zu sehr bel! sagte der Meister
Autor, als ich ihn an beiden Seiten gepackt hielt und die Trmmer des
Sitzgertes mit einem Futritt hinterwrts aus dem Wege stie.

_Das_ war es, was anklopfte?... Gtiger Himmel, willkommen, Herr Kunemund!
O Meister, Meister, welches Vergngen!... Gottlob, da Sie selber keine
Ahnung davon haben, welches Behagen Sie unsereinem geben und welche Ehre
Sie uns durch einen solchen Besuch antun!

Lieber Herr --

Liebster, bester Freund, seien Sie herzlichst gegrt! Was Sie auch
herfhren mag, mir bringen Sie alles mit, was ich eben ganz notwendig
brauchte.

Lieber Herr --

Was macht der Alte? was macht die Alte? was treibt das Kind -- das
Frulein, das Waldfrulein? Wahrhaftig, ich knnte noch nach hundert guten
Bekannten fragen und fragte den Kreis nimmer aus. Bis auf die Fliegen an
der Wand ist mir das Haus im Elm ins Herz gewachsen.

Wie das fromme Kind aus Kneitlingen in seinen frhlichsten Momenten, tanzte
ich um den alten Mann herum und merkte erst lange nachdem ich ihn durch den
berwltigenden Wortschwall und Ausbruch meiner Gefhle betubt hatte, da
ich ihn betubt habe. Da migte ich mich denn, nahm ihm den Hut aus den
Hnden, drckte ihn auf den bequemsten Stuhl nieder, strich smtliche
Papiere vom Tische vor ihm und ri den Klingelzug ab, im hellen Eifer, ihm
ein Frhstck zu schaffen. Er aber lchelte verlegen ob all der Aufregung
und all des Umstandes -- er verlegen!... er, der Meister Autor Kunemund!

Ach, er hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich mich schmte, _ihn_ in
Verlegenheit setzen zu knnen, und wie ich grade deshalb in fieberhafter
Hast mich bestrebte, ihn auf den richtigen Fu und Schick zu bringen. Aber
ich sollte sogleich noch mehr Grund finden, mich in meinem Sein und
Fr-mich-sein beunruhigt und ungemtlich zu finden -- kurz mich zu schmen;
denn es stellte sich bald heraus, da der Herr Autor Kunemund mir trotz der
jetzt ziemlich langen Bekanntschaft noch lange nicht recht trauete. Er
brachte mir nmlich einen Brief mit, und zwar einen Empfehlungsbrief vom
Pastor zu Ampleben (Amt Lehen sagt das Volksbuch), dessen geistlicher und
leiblicher Vorfahr vor mehr als fnfhundertneunzig Jahren die
welthistorische Ehre gehabt hatte, oben beregtes frommes Kind Till
Eulenspiegel, Sohn von Klaus desselbigen Namens und dessen ehelich
getrauetem Weibe, Anna, geborener Weibikin mit dem Sakrament der heiligen
Taufe zu versehen. Da kam es heraus, da der Meister Kunemund, trotzdem er
um Rat zu mir kam, nicht das geringste Vertrauen zu mir hatte; sondern da
er mich leider ganz ruhig fr einen Menschen hielt, wie ein Stck von den
vielen Dutzenden, deren Bekanntschaft er in seinem Leben gemacht hatte.

Ich nahm den Brief des Pastors, wie er mir gegeben wurde, und ich las ihn
auch. Ich las ihn, doch ich behielt whrend des Lesens meinen Besucher im
Auge; ich sah verstohlen ber den Rand des Schreibens nach ihm hinber. Der
Pastor wute im Grunde nichts bles und Nachteiliges ber den Herrn
Kunemund mitzuteilen, und so frhstckten wir denn vor allen Dingen
wirklich miteinander, und whrend des Frhstcks suchte _ich_ ihn
auszuholen, und unterlie und vollfhrte in Wort und Tat nichts, was mir
meinerseits ihm gegenber zur Empfehlung dienlich sein konnte.

Ich hatte hart zu kmpfen. Wie alle seinesgleichen wurde er durch eine fr
den die Welt bedeutenden Teil der Menschheit sehr lcherliche Schmigkeit
behindert, sein Inneres einem doch verhltnismig fremden Menschen
aufzuschlieen und sich in seinen Gedanken, berlegungen, Wnschen und
Hoffnungen so nackt und blo hinzulegen. Er hatte noch nie etwas drucken
lassen; er war sehr blde und die beste Beute fr jeden, der in dem
gewhnlichen Sinne ein Interesse an ihm nahm und ihn gebrauchen konnte. Als
ich endlich heraus hatte, was ihn in die Stadt fhrte, und was er berhaupt
bei mir wollte, und wie er das, was er wnschte und zu tun hatte, ansah,
und zwar von den verschiedensten Seiten, und wie seine Hausgenossen das
Ding betrachteten, und zwar ebenfalls von mehreren Seiten: da hatte ich
eine Schwergeburtshlfe an ihm vollendet, deren ich mich wohl rhmen
durfte.




Viertes Kapitel.


Ich habe drucken lassen; bin auch sonst gar nicht blde, halte es aber doch
nicht fr palich, das Publikum noch einmal an den Mhen der Entbindung von
Wort zu Wort, Seufzer zu Seufzer, chzen zu chzen, teilnehmen zu lassen.
Ich werde den Meister Autor seine Geschichte und vor allen Dingen seine
Vorgeschichte, wenn auch nicht ohne Farbe und Rundung, so doch bndig und
ohne meine hundert notwendigen Zwischenfragen, Ermutigungen, Anfeuerungen
und Ntigungen vortragen lassen. Wie mehrere andere Leute lasse ich sonst
nicht gern jemand das Wort. Ich behalte es lieber selber und bitte, mir die
heutige Selbstentuerung fr eine knftige Gelegenheit gut zu rechnen. Es
folgt also an dieser Stelle

    Das,
    was der Meister Autor Kunemund
    mir zu sagen hatte.

Sehen Sie, Herr, da Sie es nicht belgenommen haben, da ich Ihnen hier
heute so auf den Hals gefallen bin, so will ich denn auch weit genug
ausholen, um den Keil in den Stamm zu treiben, nmlich ganz von vorn, oder
von hinten, wie Sie es nehmen wollen. Nmlich das ist nicht so, da man
einfach denkt, es verstehe sich von selber, da man sich in der Welt finde,
mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren hre und seine Kinnbacken und Zhne
gebrauche, wenn man etwas dazwischen zu nehmen habe. Herum mit dem Karren
-- ganz im Gegenteil! es versteht sich dieses gar nicht von selber, und man
braucht nur anzufangen, darber nachzudenken, um bis an seinen Tod kein
Ende an der Kuriositt zu finden; grade wie unsere Alte daheim, wenn sie
angefangen hat, eine Geschichte zu erzhlen. Was den Arend anbetrifft, so
sitzt der noch in der ersten Art und kmmert sich um nichts, und sein
Mdchen, meine Gertrud, sitzt drin bei ihm. Ja die erst recht denkt, da
alles, was ihr passiert, sich von selber verstehe -- selbst das, was ihr
jetzt passiert ist. Und hren Sie, lieber Herr von Schmidt, was mich
anbetrifft, so hab' ich sie beide bei ihrem Glauben belassen; denn
behaglicher ist's, und wer's kann, der soll's ja festhalten. Das Grbeln
verdirbt einem nur die guten Stunden und die schlimmen macht's wahrhaftig
nicht leichter. Ja um noch ein Wort von den bsen Stunden zu reden, so
macht sich leider Gottes da das Sinnieren schon ganz, ohne da man dazu
hilft, und wer dann seine Gedanken auer sich richten kann, und wr's nur
auf seine vier Wnde, seine Nachbarn oder sein Hausvieh, der ist wohl
daran. Herr, ist's nicht grade, als ob ich hier sitze und die Alte reden
hre?! aber drin und dran bin ich, und eine Hlfe fr Sie, liebster Herr,
ist nicht mehr; also nur lustig zu! Der Arend Tofote und ich, wir kommen
alle beide schon weit her aus der Zeit. Als wir junge Menschen waren, da
wuten Ihre lieben Eltern von Ihnen noch lange nicht und
wahrscheinlicherweise auch von sich selber gegenseitig blutwenig. Manchmal
denk ich mir so, die Alten haben euch -- dich und deinen Bruder und den
Tofote beim Pflgen in der Scholle aufgeworfen wie die Engerlinge; doch das
ist einerlei; es ist nur ein Gefhl. Kurz, wir wuchsen auf im Dorfe -- ich
und der Arend und als der dritte mein kleiner Bruder, nmlich der, um
dessentwillen ich heute hier in der Stadt bin. In den Pulverqualm der
Befreiungskriege rochen wir grade noch hinein; zu Waterloo kamen wir noch
grade recht, und dafr durften wir dann auch an dem brigen Vergngen nach
Herzenslust teilnehmen: nach Paris sind wir gekommen, das heit bis in den
Schlohof von Saint Cloud kamen wir, den Englndern am Schwanze hngend. An
den Schlohof von Saint Cloud will ich mein Lebtage gedenken -- o tausend
Donnerwetter, die ganze Lust an dem Spa von damals luft mir in diesem
lcherlichen Schlohofe von Saint Cloud aus! Da war das rotfrackigte,
reitende Kkebein, der Herzog von Wellington -- und was tat die
Kanaille?... Sie hielt auf Anstand -- ich sage Ihnen, sie hielt auf
Anstand, Herr! An die ganze, schwitzend und blutrnstig aus der groen
Schlacht kommende Armee lie die fischbltige Bestie Filzsocken verteilen
-- auf denen hatten wir durch das Frankreich zu marschieren, und die
unsterblichen britannischen Helden haben, wenn sie zu fest auftraten, ber
mehr Stockprgel ihrer eigenen Profossen auf diesem Siegesmarsche, als ber
franzsische Sbelhiebe und Kolbenste in der Battel, wie sie es nannten,
zu quittieren gehabt. Die Preuen hatten es wie immer seit drei Jahren
besser. Sie gingen fr sich allein und ohne das Schuhwerk zu wechseln, und
der alte Blcher hatte es ihnen sogar noch mit neuen Ngeln versohlen
lassen. Wir aber, wir Braunschweiger, hingen den rotrckigen
Stumpfschwnzen an den Schen, und was taten die edeln, hochherzigen
Siegesbrder -- die Sackermenter? Sie lieen uns in den Bratenduft von
Paris hineinriechen, lieen uns abschwenken, schoben uns in den Schlohof
von Saint Cloud und verriegelten smtliche Tore hinter uns! Was sagen Sie
dazu? Sie lachen, aber ich sage Ihnen, uns war wahrhaftig damals nicht
lcherlich zumute. Alle Fensterscheiben, die wir abreichen konnten, haben
wir eingeworfen; aber wie bald solch ein Vergngen zu Ende ist, knnen Sie
sich wohl vorstellen; und dann denken Sie sich auch einmal recht lebhaft in
unsere Stimmung whrend des brigen Aufenthalts hinein und -- dann, dann
feiern Sie einmal als nachdenklicher Mensch so ein fnfzig Jahr lang jedes
Jahr den achtzehnten Juni mit Bllerabbrennen und Heldenliedern und Heil
dir im Siegerkranz! Ich mchte Sie wohl einmal dabei sehen, lieber Herr; --
aber das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen: eine trbseligere muffigere
Heldenschar als wir, hat man noch niemals aus einem feindlichen, eroberten
Lande nach Hause gefhrt. Da ich wenigstens bei der groen Schlacht
gegenwrtig war, so habe ich mich auch zu den Veteranen rechnen knnen;
aber wie ich mich kenne, so wrde ich auch in dieser Eigenschaft fr die
alljhrliche feierliche Begehung des Tages gedankt haben; wenn das
Vaterland seine Ehre hat, so will ich die meinige auch haben. So ist es,
weil das eine nicht ohne das andere ist. Beizugesagt ist es eigentlich aber
der Arend, den Sie aus mir reden hren, denn wenn einer ist, der sich nie
ber den Schlohof von Saint Cloud zufrieden geben kann, so ist's der Alte,
und wir wohnen unter _einem_ Dache, lieber Herr. -- Wir kamen nach Hause,
und Tofote kam in den Wald als Unterfrster. Ich, der ich so eigentlich auf
den Gelehrten und das Abcbuch -- wie man es damals verstand und gelten lie
-- studiert habe, wollte ich mich eben mit meiner Anstellung in der Tasche
davor, nmlich vor den Wald, setzen; als mir der Teufel in die Augen blies.
Es soll mir kein Mensch wehren, da ich auch das auf den langweiligen Kerl,
den Wellington und seinen verdammten Schlohof von Saint Cloud schiebe, da
mich eine Entzndung befiel, die mich fnf Jahre lang in argen Schmerzen
fast blind machte, und sich beiher auch gar noch auf das Gehr setzte und
mich so dumm im Kopf machte, da das Konsistorium seinen Brief zurcknahm
und mich benachrichtigte, es wre ihm angenehm, wenn ich mich nach einer
andern Kondition umsehen wolle. Da sa ich denn und fra Jammer und Elend
in mich hinein, und wre Arend Tofote nicht gewesen, so wrde ich auch bald
genug an der ungesunden Kost erstickt sein. Als ein Glck war es damals
anzusehen, da mein kleiner Bruder um die Zeit grade ohne Abschied
durchging, nachdem er dem Vorsteher einen brennenden Schwefelfaden in seine
beste Roggendimme geschoben hatte. Der Schlingel hatte mir zu allem andern
schwer auf der Seele gelegen, das kann ich Ihnen sagen, Herr, und er hat
auch heute noch nicht gutgemacht, was er in seiner Kindheit und Jugend an
meiner Behaglichkeit gesndigt hat. Grade vor neun Jahren, ein Jahr vorher,
ehe Sie uns Ihren ersten Besuch mit dem Haufen Herrschaften abstatteten,
ist auch mein Bruder nach Hause gekommen -- ein klein, verrunzelt, gelb,
giftig und sozusagen scheuslig Mnnchen, was sich Mynheer van Kunemund
nannte, aber sich ebensogut Herr von Rumpelstilz htte nennen knnen. Vor
einem Vierteljahr nun ist er hier in einem Garten vor der Stadt gestorben,
und einen schnen Streich hat er uns, ganz nach seiner Art, noch zu guter
Letzt gespielt. Er hat unser Trudchen Tofote zu seiner Erbin eingesetzt,
und es handelt sich da um gar nichts Geringes, und ich bin deshalb heute
hier vorhanden, aber da er sich dabei etwas gedacht hat, das ist sicher.
Wo aber der Possen liegt, den er uns zum Schlu noch hat spielen mssen,
das haben wir noch nicht heraus; ich verhoffe es mit Gottes und Ihrer
Hlfe, Herr von Schmidt, aber noch herauszufinden; und dann -- gnade ihm
Gott, wenn wir uns noch einmal wieder treffen. Denn was er fr ein Gift auf
mich und den alten Arend haben mochte: unsere Gertrud hat ihm wahrlich
nicht das Kleinste zuleide getan. Erzhlen mu ich Ihnen brigens, wie er
sich wieder bei uns in den Wald einschob. Schnurrig genug war's, und wir
haben lange an dem Spae zu verdauen gehabt, bis wir endlich bergenug
davon hatten und die Verwunderung hinter den Spiegel steckten. -- Das Kind,
meine Gertrude, war, mssen Sie wissen, damals so acht oder neun Jahre alt,
und ihre Mutter war ungefhr drei Jahre tot. Wir hatten es so ziemlich
allein erzogen, denn die Dorfschule wollte wenig sagen, und wir glaubten,
ein Meisterstck gemacht zu haben, Tofote, ich und die Alte, und was es,
das Kleine, anbetraf, so ging es ruhig seinen Weg allein, und wir lieen es
natrlich auch frei in den Wald. Wenn wir ihm einen oder zwei von unsern
verstndigsten Hunden mitgaben, so glaubten wir genug fr seine Sicherheit
getan zu haben und fhlten uns ebenso sicher, als jede Herrschaft, die
ihren Blgern eine franzsische Gouverneurin und einen bunten Bedienten mit
auf den Spazierweg gibt. -- Na, nun war es so ein Nachmittag im Sptherbst;
wissen Sie, so um die Zeit, wo das Laub von den Bumen geht, ohne da der
Wind dran stt, und wo man an dem leisen Geknick und Geriesel im Walde
merkt, was fr eine Stunde es im Jahr ist. Der Tag war nebelig oben und die
Luft unten warm. Das Kind mit den Hunden war im Holz, und der Frster
auerm Holz zu Amte von wegen der Forstwrogen des letzten Sommers. Ich
sitze vor der Tr und mache mich ntzlich nach meiner Art, und da gehen
denn grade an solchen warmen grauen stillen Tagen die Gedanken des Menschen
am liebsten so weit als mglich in die weite Welt hinaus, vorzglich, wenn
man sicher ist, da man das Haus, ntigenfalls den warmen Ofen und vor
allen Dingen die Abendsuppe dicht hinter sich hat und alle drei mit drei
Schritten abreichen kann. Beilufig, Herr, es ist doch ein wenig mehr als
kurios, da der Mensch jedesmal, wenn er sich so recht behaglich und wohl
in seiner Haut fhlt, sich am ehesten hingezogen fhlt, sich an der Welt
rund um ihn her zu versndigen?! Man schttelt sich eben immer am
behaglichsten, in der Vorstellung, da andere Leute es nicht so gut haben,
als wir. Also auch ich in der Gemtlichkeit auf meiner Schnitzbank denke
denn auch so an das Treiben vor dem Walde, so zum Exempel in Hamburg,
London, Paris, -- den Schlohof von Saint Cloud nicht zu vergessen. Und
richtig, vom Lande gerat ich aufs Wasser, auf Sturm, Schiffbruch und
Schiffsbrand, und von dem Schiff und Brand ganz selbstverstndlich auf
meinen kleinen Bruder, und wie alles wohl sein knnte, wenn alles nicht
wre, wie es nun grade ist. Darber geht mir natrlich die Pfeife aus, und
ich gehe in die Kche, um mir eine glhe Kohle zu holen. In der Kche
spuckt und knistert das Feuer auf dem Herde, und am Herde spuckt, knistert,
knastert, rhrt und quirlt unsere Alte. Als ich die Feuerzange fasse und
unter den Topf fahre, nimmt sie das, wie es sich von ihr gehrt, krumm, ich
aber denke: Immer hflich und spaig mit den Damen! und sage: Marie, ein
guter Durst ist was recht Schnes, aber wer die Suppe versalzt, der soll es
eigentlich nur aus Verliebtheit tun drfen, und nicht aus Gift und Bosheit,
wie ein gewisses Frauenzimmer gestern abend! und eben fngt die Alte an,
dieses noch viel krmmer zu nehmen, als es mir pltzlich auch ohne sie mit
einem jhen Schrecken durch den Leib schneidet:

Was ist nicht richtig? Es ist was nicht richtig! wo ist das Kind? Man
sollte das Kind doch nicht mehr so allein und auf Gottes Trost hin in die
Wildnis laufen lassen!

Ich sage auch sowas oder dergleichen in meiner pltzlichen Beklemmung, und
die Alte ist blitzschnell so freundlich, daraufhin zu krchzen:

So?... Ei?... I, Kunemund! Kommt Er mir endlich so herum? O ja, da der
Frster einmal ganz etwas Besonderes erfhrt, wenn er nach Hause kommt und
nach dem Trudchen fragt, das ist schon lange das, worauf ich warte, Autor.
Und Herr Kunemund, Seiner Naseweisheit zuliebe will ich Ihm noch eine
andere Ansicht in den Handel geben, und die ist, da Er von morgen an die
Suppe selber kocht, und mich das Kind hten lt. Will Er, -- will Er,
Meister Kunemund?

Himmel -- Donner -- brummte ich laut; aber ganz leise sage ich: So schlimm
wird es doch nicht gleich werden! -- aber eilfertig genug stapfe ich sofort
mit kalter Pfeife wieder vors Haus und stehe und brlle nach allen vier
Weltgegenden nach dem Kinde, und halte die Hnde hinter den Ohren, ob ich
die Hunde wenigstens nicht zu vernehmen kriege. Die hre ich denn gottlob
auch, aber in sehr weiter Entfernung und, wie es scheint, gleichfalls sehr
bse. Da haben wir einmal wieder einem dummen Viehzeug zu weit ber den Weg
getraut, denke ich; -- den Schnrbein wenigstens htte ich mit mehr
gesundem Menschenverstand begabt geglaubt -- da sieht man's wieder! Und
damit laufe ich dem Gebelfer nach und habe mich lang und arg genug in das
Gestrpp hinein zu winden, ehe ich dem Trudchen, den Biestern und aller
brigen Absonderlichkeit auf den Hals komme. Ich komme ihnen aber auf den
Hals, und zwar zu meiner eigenen strflichen Verwunderung. Am Hange eines
Hgelchens, mitten im Hochwald steht, mit dem Rcken an eine Buche gelehnt,
unsere Trude und schreit aus voller Kehle Zeter. Zehn Schritte aber weiter
ab unter einer andern Buche steht ein Geschpf, was sicherlich da nicht aus
dem Boden herausgewachsen war, und schreit ebenfalls, aber aus grberer
Kehle. Alles Hundevolk, mein Schnrbein voran, hat nmlich einen Kreis um
dieses Wunder geschlossen und ist auer sich mit Bellen, Anspringen,
Fest-auf-die-vier-Fe-stellen und Zhnfletschen. Was war's? Ein
kohlenpechschwarzer Mohr! Ja, ein kohlenpechrabenschwarzer Mohr, der auch
die Zhne fletscht und auf jedes Aufspringen Schnrbeins und der brigen so
hoch als mglich in die Luft hoppst. Sonderbar schn steht es der Kreatur,
da sie zu allen ihren sonstigen Annehmlichkeiten eine mehr dottergelbe als
lederfarbene Uniform oder Livree trgt, aber das allersonderbarste ist, da
sie mich in ihrer Not und Angst ganz regelrecht auf deutsch anschreit, und
zwar rein bremerisch:

Rufen Sie doch die Hllenhunde ab! Tausend Donnerwetter, haben Sie die
Gte!

Ich tue das, indem ich zugleich Trudchen begtige; und knurrend gehorcht
endlich das Viehzeug.

Habe ich vielleicht jetzt schon das Vergngen, Mynheer Kunemund vor mir zu
sehen? fragt der Schwarze hflich mit dem Hute in der Hand.

Der bin ich freilich, sage ich, aus einem Erstaunen ins andere fallend, und
hebe vor allen Dingen meine Trude, die mir angstvoll die Arme um den Hals
schlgt, auf den Arm. Aber Sie -- Sie -- Herr -- lieber Mann -- wie kommen
Sie -- ja was haben Sie -- Sie schwarzer Mensch -- aber ist denn das die
Mglichkeit?

Es ist die Mglichkeit, Mynheer Kunemund, sagt das Ding womglich noch
hflicher. Und wenn Mynheer Kunemund morgen zu Hause zu finden wre, so
wrde Mynheer Kunemund sehr gern eine Tasse Tee bei Mynheer trinken.

Halten Sie mal! sag' ich, und setze das Kind von neuem auf den Boden, um
mir besser mit beiden Hnden an den Kopf greifen zu knnen.




Fnftes Kapitel.


Der Meister Autor machte an dieser Stelle keine Pause; aber wir sind leider
gezwungen, unsererseits eine eintreten zu lassen, um eine persnliche
Bemerkung, unsern Lesern gegenber, zu machen.

Man ist nmlich der Meinung, da alles, was schon sehr hufig dagewesen
ist, endlich sehr langweilig wird. Das ist eine landlufige Ansicht und
berlegung; aber trotz alledem nicht immer wahr! Hier hatten wir den
reichen Onkel aus Surinam einmal wieder, und zwar so frisch und
unverbraucht, als ob er zum erstenmale aus den Tropenlndern zurckkomme,
um die arme Vetterschaft in Europa glcklich zu machen.

Alter Freund, sprach ich zu dem Meister Autor Kunemund, da Sie an
dieser Stelle Ihres Berichtes _neu_ wren, kann ich zwar nicht behaupten;
aber etwas was mir hier interessanter und willkommener sein knnte, kenne
ich wahrhaftig nicht. Also gratuliere ich bestens!

Ob ich mir an dem Tage gerade Glck wnschte, wei ich heute nicht mehr,
Herr von Schmidt, fuhr der Meister fort. Aber das wei ich noch, da mir
mancherlei durch Kopf und Seele ging, als der Schwarze jetzt aus seiner
Reisetasche einen Brief vorholte, und ich schon in der Aufschrift richtig
meinen kleinen Bruder herausfand. Er meldete sich in Fleisch und Blut auf
den morgenden Tag bei uns zu Gaste im Walde an, und hatte seinen Mohren nur
vorausgeschickt, um aller seiner gewohnten Bequemlichkeit bei uns sicher zu
sein -- der Hansnarr!

Ich las den Brief, und dann sah ich mir den Mohren von neuem an, und da das
Tier mich nicht fra, so wurde es nun auch allmhlich dem Trudchen und den
Hunden klar, da es sie nicht fressen wolle. Die Hunde fingen zuerst an,
das auslndische Gewchs zu beschnffeln, und dann fing die Trude an zu
lachen und in die Hnde zu klatschen.

In dem Briefe stand nichts, und so sage ich denn:

Na, so wird es denn wohl das beste sein, da wir vorerst allesamt nach
Hause marschieren, um die Alte und nachher den Alten auf das Mirakel und
die Ehre vorzubereiten. Auf die Alte freue ich mich, das kann ich wohl
sagen.

Ich freute mich wirklich auf die Alte, und die Folge erwies, da ich Grund
dazu hatte. Einen guten Spa mu der Mensch nicht beiseite schieben,
vorzglich wenn er so in der Eremiterei wohnt, wie wir alle in unserm
Frsterhause. Auf dem Wege nach Hause aber fragte ich vor allen Dingen
meinen Mohr:

Aber nun sagen Sie mir doch auch: wie heien Sie? wo kommen Sie her? und
dann die Hauptfrage: Redet man bei Ihnen zu Hause denn auch so ein
verstndliches Deutsch?

Nun, natrlich! Weshalb sollte man in Bremen, im Schsselkorb nicht ein
gutes Deutsch sprechen? Da bemhen Sie sich doch nur in Thielebeules
Keller, um zu hren, Herr Kunemund. Ich bin aus dem Schsselkorb; aber auf
ein bichen Spanisch, Englisch oder Malaiisch -- das Hollndische ganz
ungerechnet, soll's mir auch nicht ankommen. Ich hab' auf mehr als einem
Schiff, und unter mehr als einer Flagge als Koch oder Steward die Welt
befahren. Mein eigenster Beruf ist aber der wilde Me- und
Jahrmarktsindianer.

Was Sie nicht sagen?! Und Sie heien --

Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer -- wie Sie wollen. Auf der groen
Weserbrcke nennt man mich gewhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab'
ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den hflicheren
Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht.

Schn! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst
willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir
so nach und nach das Frsterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten
Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Me-Merkwrdigkeit unser
Trudchen auf dem Arme, whrend Schnrbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf
den Hacken hielt.

An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der whrenddem nach
Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was
Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen,
und da sie viel in den Bchern darber studiert hatte, glaube ich auch
nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder
Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie,
wie sie ins Haus lief und die Schrze ber den Kopf schlug -- wie sie auf
halbstndiges Zureden endlich um die Tr guckte, und wie sie wieder nach
einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach
dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergngen anzusehen,
aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, --
wenn dieses eine Kuriositt war, so war es noch viel kurioser, da -- auf
mein Wort und meiner Seelen Seligkeit -- es wahrhaftig nicht ihre Schuld
war, wenn wir nach allerkrzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder
einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn -- -- so sind die
Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie
sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das nrrische Stck Frauenzimmer
dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrhren sich zu berzeugen, da
das Ding nicht abfrbe, war alles -- in bester Ordnung und im schnsten
Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, da die
Zuneigung nicht zu weit gehe.

Seit ich wei, da dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder
Pech oder Kienru aufgefrbt wurde, bin ich ganz ruhig, flsterte mir die
Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern
Heidenspa, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; ber den Ceretto
vergaen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr,
als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast
und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da
kam es im groen und ganzen hei und kalt ber mich, was fr ein Tag mir
morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben
werde. Da warf ich mich hin und her und sa aufrecht und htte mich auch
ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen knnen; zu einem
vernnftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor
Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die
Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu
berlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er
mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natrlich, denn war der Junge von uns
weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es
anzusagen, so lag es doch nun, obgleich ber die alte Geschichte wohl mehr
als einmal Gras gewachsen war -- allein bei ihm, bescheiden anzupochen und
sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getrstet
in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch
um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage
nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Da wir allesamt
frh auf den Fen waren, knnen Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind,
der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weier bis gegen
Mittag an, was, nmlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund
zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tr,
und sie schlug die Augen wie in vollstndiger Verzweiflung an unsrem
Herrgott in die Hhe und chzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch!
-- Nun, Trudchen war kaum zu bndigen, und mein lieber Tofote ging herum
wie ein Verrckter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich
drauf Wurzeln zu schlagen gedchte und spielte den Bullenkopf gegen mich
und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da
war.

Herr, _ein_ Mensch gengt eigentlich nicht, um _das_ Wiedersehen zu
erzhlen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, mten von Rechts wegen an
dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, da Sie damals nicht dabei
zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, da Sie gewi mehr
studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den brigen Fchern, als ich fr
mglich halte, htten Sie sich doch manches Komdienbillett -- Affen- und
Menschenkomdie! -- erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre
gegeben htten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie --




Sechstes Kapitel.


Erlauben Sie, lieber Kunemund, sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf
das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. Ein
Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten
Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch
hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen
geredet?

Wir nicht; -- das ist richtig! sprach der Meister. Wer von uns konnte
denn aber auch daran denken? _Sie_ ging das doch gar nichts an!

Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt
vor. Ich sah tief, lcherlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das
man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:

Wahrlich!

Sehen Sie, seine werten Freunde mu man so wenig als mglich mit seinen
eigenen Molesten molestieren, sagte der Meister und fuhr, von nun an
nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzhlung fort, die wir
wieder nur mit einem Gnsefu am Anfange und einem am Ende geben:

Die Feierlichkeit war gro. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner
Seele auf den Zehen; das heit inwendig, denn was das uerliche anbetraf,
so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr
zu leisten. Nur in der Kche war ein mchtiges Hallo; ganz wie im
Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand
die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertr abgezogen, in Dampf und
Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto sa mit
meinem Trudchen an der Tr auf der Bank und rauchte eine ganz gewhnliche
Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das
Kind.

Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tr so ungefhr eins
geschlagen, als er kam, und zwar tchtig zusammengeschttelt in einer alten
Schppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr
Bergsekretr; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in
Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln
der Kalesche nun merkwrdig khl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung,
nmlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel
eingewickelt und hstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefhrt reichte,
sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es fr meine Pflicht gehalten, -- oder
dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? -- und damit
hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wre fast ntig gewesen, da
ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen htte, wie
ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen
mute in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig
taugten, so stehe ich dafr auf ziemlich festen Fen, und meine
Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles
umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von
dem brigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der
gewhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde
hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger
mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie ber
seine Jugendzeit und -snden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo
ber dem brigen an, und ich erzhle nur von wegen uns, die wir noch da
sind. Wir hatten ihn vor der Tr -- im Hause -- im weichsten Lehnstuhl am
Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und
Gedanken mochte vor sich gehen. Natrlich kam es denn auch, wie ich es mir
am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor
den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dmmerung wurde,
hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, _wir_ ihn auch.
Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein
menschenmglichstes, ihn den Nachmittag ber mit Rhrung und
Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch
der Dmmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem fr einen Lumpen, und da er
uns wie gewhnlich fr erbrmliche Trpfe und die nichtsnutzigsten Narren
von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir
vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum
Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig
Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfltigkeit. So fuhr er ab, um noch
bei Licht auf die Landstrae zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen
Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie
_der_ Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht
gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und
kurioserweise tat _sein_ Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind,
unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum
geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eiferschtig auf das
Kind! -- -- -- Da der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand,
nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber;
aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blttern, in
welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir,
da er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald
lie er selbst von diesem Abschlu und Ende seines Vagabundenlebens nichts
weiter zu Gehr kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte
er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat,
worber ich als sein Bruder -- nmlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch
mein Gefhl und Gemte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen,
eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie
versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tr, lieber Herr
Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren
damals verreist, und so mute ich mit meiner groen Neuigkeit und in meiner
Bedrngnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen
letzten Streich gespielt; -- was meinen Sie, was er getan hatte, um einen
letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollfhren? -- er hatte
unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! --
Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er
nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu fhren, so sind wir nun
schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und
Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem
Begrbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, -- er, der Kleine, hatte
gewollt, da niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem
Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und
Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und -- jetzt --
lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen
Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein
im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf
mich, und jetzt -- wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns
zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft
anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gtig zu sein.




Siebentes Kapitel.


Lnger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft
gemacht, und ich hatte ihn erzhlen lassen, und ihn, wie oben bemerkt,
sogar nicht wenig ermuntert, so ausfhrlich wie mglich zu sein; aber jetzt
fuhr mir ein um desto grerer Schrecken durch die Glieder.

Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lbeck! den ganzen Morgen da allein?
Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen?
Wie knnt Ihr das Kind -- das Frulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann
sitzen lassen?

Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde
dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann
ist der Jd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, -- das Trudchen war da
ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen.

Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollstndigte ich in
hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir
uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor,
ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Mue
fr jede Merkwrdigkeit, die ihm unterwegs aufstie, und des Merkwrdigen
stie und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hlle und Flle auf. Endlich
erreichten wir die Stadt Lbeck aber doch.

Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten
Ausspanngasthfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der
Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein
Sonnabend, und das Getse vor, sowie die Bewegung in dem Hause lieen fr
den Inhaber des altberhmten Schildes nichts zu wnschen brig. Ein halb
Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten
Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Strae. Zertretenes
Stroh, Fsser, Kisten, Kasten und Krbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gste
aller Art und jedes Geschlechtes fllten den Hof, die mchtige Hausflur,
die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Kche
leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der
freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und
Kellnerinnen, Kchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und
Wirtin schlugen nicht blo in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann,
der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewhl hin und
her schieben und stoen lie, den Eindruck, als ob sie auch in einem
fortwhrenden, nimmer wieder endenden krperlichen Radschlagen begriffen
seien.

In diesen Lrm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor
und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene
Stufen hinauf drngten wir uns aus dem Getmmel des Hausflurs in den Tumult
der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar
ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt
hatte mit der Ermahnung, sie mge sich die Zeit nicht lang werden lassen,
er komme im Augenblick zurck und bringe den Trost im Elend (=NB=. in
meiner Person) hoffentlich gleich mit her.

Auf _den_ Trost hin hatte das junge Mdchen dann dagesessen, und -- wie
sich sofort auswies -- keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar
nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische
mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengsten der Stadt
Lbeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen:

O Onkel, es ist gut, da du kommst! wir haben schon lange auf dich
gewartet! Kennst du den hier noch?

Und sie wies unbefangen auf einen hbschen jungen Menschen, der neben ihr
gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener
als die Gertrud, errtend uns anlchelte und in seiner schmucken
Matrosentracht wirklich hbsch -- sehr hbsch -- und um so hbscher je
blder aussah.

Na, sagte Herr Kunemund, es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es
ist doch an dem -- er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher
bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergngt Zusammentreffen,
Karl, und dich knnen wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude,
hab' ich's dir nicht gleich gesagt, da du hbsche Leute zu deiner
Unterhaltung hier finden wrdest?

Sie reichten einander die Hnde, ber den Kpfen und Schultern des Volkes
am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergngtes Grinsen ging ber jedes
Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen
teil an dem frhlichen Wiedersehen; aber den grten Teil nahm natrlich
der Jd Salomon Prasem, der da denn auch sagte:

Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; -- denn wer war's, der
ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund.

Sollst deine Ehre behalten, alter Sacktrger, rief der Meister Autor, und
das Trudchen -- ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote,
ehe wir weiter schreiben. --

Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein
zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht!
Das Trudchen hatte sich verndert in den Jahren, die hingegangen waren,
seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein groes
Mdchen geworden -- eine Jungfrau, wie man in den Bchern, -- ein Frulein,
wie man im Leben des Tages sagt. Und was fr eine Jungfrau?! was fr ein
Frulein!

Da ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhhte meine
jetzige berraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten
Taschenspielerkunststcken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame
Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! -- Trudchen Tofote war eine
reizende, vllig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und
seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls
herausgefunden zu haben.

Erlauben Sie geflligst, sagte der Meister Autor fein und hflich,
erlauben Sie, da ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit
Namen nenne. Es ist nmlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde,
wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Grovater war Leinweber, sein
Urgrovater war Leinweber, und von Rechts wegen mte er, dieser Junge
hier, auch Leinweber sein; aber knnen Sie es ihm verdenken, wenn er der
ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat?
Der Bengel fhrt -- tanzt auf dem Seil -- geht querber auf dem Wasser,
kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine
ehrwrdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu?

Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an
den Seemann selber gewandt:

Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich
wieder herumgetrieben?

O Herr Onkel, das wre weitlufig zu beschreiben! meinte der junge Mensch
lachend. Sie haben es ja schon lngst verschworen, mir ein Wort zu
glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den
Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen,
muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar
whrend der ganzen drei letzten Jahre?

Das wird wieder ein schnes Geschft gewesen sein!

Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, -- Kapitn
Kltgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Kste entlang, Onkel; o sie wissen
mich zu schtzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von
Sumatra bis Suez -- besser als Sie, Onkel Kunemund.

Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl, sagte
der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft.

Aber die Gertrud kennt mich _noch_ besser! rief Herr Karl Schaake. Nicht
wahr, du? Und schwerlich konnte jemand eine grere Dringlichkeit in ein
solches: Nicht wahr, du? legen. --

Trudchen Tofote lachte vergngt und verschmt und gab dem Leichtmatrosen
einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schu auch nur im Elmwalde
getan haben konnte. Auf eine wrtliche uerung lie sie sich jedoch nicht
ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort.

Also hast du die Stadt Lbeck gerade so angelaufen, wie du der Alten
daheim ber den Kchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste
Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst
vermiten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter
Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schn! Es behagt einem
immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu
erzhlen hat.

Aber gern sich auch allerlei erzhlen lt, was whrend seiner Abwesenheit
auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen?

Das Trudchen lchelte wiederum nur vergngt und verschmt, und es fiel
wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob whrend der Abwesenheit
seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwhnung Wertes passiert sei in
dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es fr meine Pflicht, ihm dabei zu
Hlfe zu kommen.

Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine groe
Erbschaft zu besehen und zu holen? fragte ich. O ihr Leute, wenn dieses
kein Zeichen ist, da es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und
nennt mir ein besseres!

Hierauf sah mich der Herr Kunemund gro und sehr erschrocken an, schlug
sich vor die Stirn und rief:

Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz ber dem frohen Wiedersehen
vergessen! Alle Wetter und die Formalitten?! Und die Gerichtsherren? und
der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von
Schmidt, -- wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf
zwlf Uhr bestellt -- und da -- schlgt es dreiviertel. Donner und Wetter,
Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern!




Achtes Kapitel.


Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, da wir auf dieses
Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen
strmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so wrden sie
sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur
Genge.

Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund, sprach der Matrose
und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone.
Eine Erbschaft haben Sie -- hat sie gemacht! Wirklich?

Und was fr eine! rief der Meister. Ich, Gott sei es gedankt, nicht;
aber das Mdchen da! Frage nur den Prasem, was fr eine gute Partie es
geworden ist, und was fr se Augen er ihr machen wrde, wenn Moses und
die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden
htten.

Gerechter -- mein lieber Herr Kunemund! rief der alte Jude.

Leugnen Sie es nicht, Salomo, rief der Meister, und dir, Karl,
wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute
morgen da oben, oder -- da unten die Hnde. Eine Goldprinzessin ist das
Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt
meint, es gehre auch ins Mrchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis
dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede
im Sinne hat.

Das ist auch gar nicht ntig, alter Hexenmeister! rief ich lachend; doch
ber das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer
Schatten gefallen. Er blickte das schne Kind, die Gertrud Tofote
bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche;
ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes:

Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdru und der
Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll
spanischer Dublonen und smtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines
Tages vor die Nase in allerhchster Glckseligkeit treten und sie fragen zu
knnen: Na nu Gertrud? --! Uh! Himmel und Hlle, wenn ich ihr jetzt kme
mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wre es
doch am besten, ich htte das alte Land gar nicht wieder angelaufen.

Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hnde des jugendlichen
Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der
Tiefe meiner Seele:

Ja, ja -- ja! --

Aber jetzt war es wirklich die hchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der
Meister sprach nur noch:

Herr Bergsekretr, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb
gehrt er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie; --
dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit
einzuholen.

Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lbeck stellte sich auf
die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen.
Wir liefen, und statt sich mit Hnden und Fen gegen die Begleitung des
Trudchens in das unmenschliche Glck hinein zu wehren, lief Karl
selbstverstndlich mit der Erbin vorauf.

Es schlug gerade feierlich zwlf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an
der alten Kirche vorber dem Tor zuwendeten.

Umstnde werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir knnen uns
dreist in den Honigtopf hineinsetzen, sagte der Meister Autor, und es
verhielt sich selbstverstndlich so, wie er sagte.

Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorber an
einem der Kirchhfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack
laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzunen etwa zehn
Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Grten, Gitter, Gartenhuser
rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns
zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann
natrlich wieder so ratlos als vorher standen.

Sie wissen es ja, wie er sich verhollndert hat, sagte der Meister Autor,
nehmen Sie es also nur nicht bel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen
Bruder so verrckt frage. -- Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn
eigentlich der Dachs verklftet -- ich meine mein kleiner Bruder -- ich
meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?!

Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen
Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die
Antwort der dem Gesprch nach leicht erreglichen Dame:

Hren Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen
Geld -- der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute
vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann knnen Sie --

Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir
gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mdchen, welches ebenfalls
einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger
deutend, sagte:

Herr je, da guckt's ja ber die Hecke! und dann sofort Reiaus nahm.

Unsere Augen waren smtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers
gefolgt.

Richtig! sagte der Meister. Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch
herausgebracht, wo er sich verklftet hat.

Was aber da ber die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewhnlich, und
konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stie, einen gelinden
Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem
krausen schloenweien Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal ber eine
norddeutsche Hainbuchen- und Nubaumhecke gucken.

's ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake! rief der Meister; und
schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die
Hand in die Hhe. Aber je nher wir andern herankamen, desto mehr versank
der Schwarze hinter den grnen Blttern -- doch glcklicherweise nur aus
Hflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den
Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund
gleichfalls die Hand und sagte:

Ist es der Herrschaft endlich gefllig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne
Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die
eiliger angerannt gekommen wren.

Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt! rief Gertrude Tofote, und
damit traten wir ber die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches
Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen
alle noch einmal zurck ber die Schulter, nur die Gertrud nicht; --
Gertrud sagte:

Oh! und sah sich nur um.

Es ist _doch_ wunderlich! sprach der Meister Autor, kopfschttelnd nach
den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des
Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt
hatte, ohne da der Meister dabei zugegen gewesen war.

Was mich persnlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren
nicht in einer gleichen mrchenhaften, neugierig-bnglichen Stimmung wie
die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines
horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschrnkte, so entging mir wenig
dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hrte -- pate in das
Mrchen -- vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr
Karl Schaake, der Leichtmatrose.

Da standen wir im Grn und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko.
Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren --
pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand
knirschte unter unsern Fen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte
des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und
womglich noch tiefere Verbeugung:

Dort ist das Haus, sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes
Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten
ber das Gebsch emporragte.

Und wo sind die Gerichtsherrn? fragte Herr Autor Kunemund.

Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Hhe:

Die Sennorita darf sich darauf verlassen, da sie in ihrem Eigentum ist.
Der Herr Kunemund wei das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem
Stadtgericht gehrt, da alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es
bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das
gndige Frulein darf dreist weiter spazieren.

Was ist denn aber das? fragte der Meister Autor vor einer rotweien
Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grn, den Blumen,
unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen
Steinbildern im Boden stand.

Das Gewchs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund,
sagte der Mohr. Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr
eigenes Plsier und kmmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns
macht nun das Baumfllen Vergngen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie
wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund?

Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Huser hinsetzen
wollen?! schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die
deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das,
mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schsselkorb zu Bremen den
Aufschrei des Meisters beantwortete.

Sie wollen mir in meinen Garten Huser bauen? rief auch Frulein Gertrud
Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte:

Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Priorittenstrae grade ber das
Grundstck. Ich bitte gehorsamst -- sehen Sie dort, an dem Bassin steht der
zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wute gar wohl, was er tat, als er den
Garten kaufte. Es war ein solides Geschft, -- nur schade, da er die
Kommission mit den Meketten nicht selber mehr an der Tr begren durfte.

Ich hatte die Hand auf einen die Flte blasenden Satyr gelegt; der Meister
Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden
empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah
finster hinein, und Trudchen -- Trudchen trat zu dem alten unheimlichen
Gartenhter und fragte:

Aber drfen sie denn das, wenn ich nicht mag?

Sie werden viel Geld bezahlen, gndiges Frulein, antwortete Ceretto.
Fr viel Geld bekommt man alles, was man will. Fr Geld und fr gar nicht
viel hat man alle meine Grovter bekommen, und meinen Urgrovater sogar
fr eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die berlieferung
davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis
in den Schsselkorb zu Bremen. Was mich persnlich angeht, so hatte mich
der selige Herr, -- ich meine immer Mynheer van Kunemund, fr vierzig Taler
jhrlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten.

Damals sagten Sie mir, Ihre Angehrigen stammten aus dem Lande Kongo,
sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken.

Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hlfte
richtig. Aus dem Nest war meine Urgromutter; die wurde aber auf einen
andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgrovater erst in Puerto
Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafr, es
sprachen damals auch Geschftsrcksichten mit, aber, wahrhaftig, blo die
des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut
Jahrhundert spter keinen bsen Leumund darum machen, zumal -- heut heute,
schnes, junges, gndiges Frulein; denn _mir_ gefllt die Welt heute recht
sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergngen
drin gefunden.




Neuntes Kapitel.


Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes
her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu
gelangen, muten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von
Sandstein eingefate Wasserbecken umschreiten.

Das Ding hat eine merkwrdige Tiefe, sagte Signor Ceretto. Mynheer und
ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwrts versumpft und
verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn
das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles
und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt.

Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer
van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als
Eigentum zugefallen war.

Zu seiner Zeit war es, trotzdem da es nicht sehr gro ist, ein
Wunderwerk, meinte der schwarze Gartenhter. Und wahrlich, ein Wunderwerk
war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je.

Oh! rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber
sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der
ganzen Vorderseite des Gebudes herzogen, hinaufzueilen. Und wre jetzt aus
der Glastr in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongepercke
und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme,
hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres
Siebenzehnhundert ber ihre Hand zu neigen und das schne Kind in _sein_
Besitztum einzufhren, -- niemand von uns andern, die wir noch auf dem
heien gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, wrde einen
auergewhnlichen Schauder darob versprt haben.

In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte
Gartenhuser, sagte der Matrose. Aber sie versinken allmhlich im
Sumpfe.

Ruppig, aber wunderschn! rief der Meister Autor. Und _das_ wollen sie
auch wegbrechen, ihrer dummen Strae wegen?

Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug
gestanden, sagte Ceretto, aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin
wird ungeduldig -- gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel
absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die
Wirtschaft fr das gndige schne Frulein so bunt als mglich
herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir
haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset.

Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden
verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwhnten Glastr und den
fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses.

An der Tre erwies sich der wunderliche Fhrer aber nochmals als ein fr
seine Aufgabe vollkommen passender Mann.

Mit einem lchelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurck auf den
Garten, -- die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebsch und
die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grnen hervorsahen: Blumenkrbe
tragende Nymphen, Pansfltenblser und pausbackige Kinderfiguren.

Sie haben alle gewartet! sagte er. Sie haben auf das Frulein gewartet.
Sie haben sich gelangweilt ber hundert Jahre.

Das glaube ich! brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. Es war zwar sehr
freundlich von ihnen, aber ntig war's nicht. Was haben sie mit dem
Trudchen zu schaffen, die lcherlichen alten Galionbilder?... Nichts!

So?! sagte der Meister Autor Kunemund. Hast du deshalb dem Kerl da einen
solchen grimmigen Nasenstber versetzt, Karl?

Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten
knieenden Amor unter einem Rosengebsch, gerade der Eingangstr des Hauses
und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenber. Sicherlich wute
Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine
Handbewegung erwies. --




Zehntes Kapitel.


Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre -- fnf zum
hchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt
whrenddem -- die Welt roch einige Male recht brandig -- Saturn entwickelte
mehrmals einen gott- oder gttergesegneten Appetit: die Knochen seiner
Kinder knackten und knirschten unter seinen Zhnen; es flo ihm rot an den
Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straengrben und
Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das
einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr
Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten.

Es war ein Gebude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der
Umgebung Serenissimi in groen und kleinen Residenzen in ihren Grten
versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem
Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts
sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Huschen, in
welchem aber auch von Thmmel seine Wilhelmine htte schreiben knnen, und
in welchem der Verfasser der Reise in die mittgigen Provinzen von
Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewi
nicht unbehaglich gefhlt haben wrde. Die Stukkaturplafonds und die
Schnrkelschnitzeleien an Tr und Pfosten hatten dem Geschmack des alten
abenteuernden Heimtckers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und
alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und
Wandmalereien hatte er zum grten Teil konserviert, und die bekannten
Abgttereien, Schfereien, Jgereien und Fischereien ergtzten das Auge
fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto fr buntes
Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemcher
in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an
Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und
Schrnken und die Wnde entlang aufgehuft und angehngt. Selbst die
Fubden hatte er durch auslndische farbenprchtige Teppiche und die Felle
fremder Tiere nach Mglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze
berwltigte, selbst nur als Rarittensammlung betrachtet, beim ersten
Durchschreiten der Rume vollstndig.

Aber die Lebendigen waren doch das Merkwrdigste, -- sie stehen mit jedem
Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung -- der Meister Autor, das
schne Waldfrulein und der Leichtmatrose und Pilgerfhrer Karl Schaake von
der Hamburger Barke Kehrwieder.

Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tr nach der andern
vor der neuen Herrschaft ffnen; ich sehe das se Kind immer grere und
glnzendere Augen ffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt
immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Frulein Gertrud
Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und
ber die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu
streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkstchen in der Hand, mit einem
javanischen Federfchel in der Hand, -- ich sehe sie mit einem
Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das
Lcheln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb
oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van
Kunemunds stehend, beugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund,
der hinter ihr hertritt, sich ber ihr Entzcken freut und doch dann wieder
auch stehen bleibt und kopfschttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr,
lange und fest ins Auge fat.

Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines kleinen Bruders
in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor
diesen Stcken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhter der
tausend Herrlichkeiten flstert, um von neuem den Kopf zu schtteln. Ich
belausche einen tiefen Seufzer des Alten, whrend aus dem Nebengemache,
hinter dem schweren sammetbefranzten Trvorhang her, ein neuer, heller,
lachender Jubelruf des jungen Mdchens erklingt; den jungen Seefahrer
erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder -- im
Mrchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. --

Wir haben allgemach das ganze Haus durchstbert und kehren nun zurck durch
den Wirrwarr der bunten Rume, um das lustig verzauberte Gartenschlchen
auch von auen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen
Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rckmarsche finde ich meinen
jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemcher, und zwar
in mrrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen.

Er sa auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hngebrett zur Seite
den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, da er alles
andere darber verga.

Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er
sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beilufig gesagt, gar
nicht bel stand.

Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in
Anspruch nimmt, lieber Freund? fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte
verlegen und womglich noch rter werdend:

O nichts!

Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen,
was Sie Gefhrliches da hinter Ihrem Rcken verbergen.

Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und
lachend zu sagen er sich zu schmen schien:

Ich wei nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher
gebracht hat, gewut hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den
Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern
verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich
die Hnde und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran,
da es Unglck bringe -- da Haus und Schiff zugrunde gehen msse, wenn es
nicht noch frhzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natrlich eine
Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und
ertappen sie einen, der es bswillig in der Hosentasche trgt, fliegt
beides ber Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrne Zauberding.

Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch
einmal, lieber Karl!

Zgernd legte der Leichtmatrose einen dem uern Anschein nach hchst
unverfnglichen Gegenstand in meine Hand, nmlich einen
schwrzlichgrnlichen Stein von eirunder Form und der Gre einer
Weiberfaust. Bei nherer Betrachtung erwies sich jedoch, da das Ding
bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mhe zugerichtet, da es also auch
wohl fr den Verfertiger seine Bedeutung haben mute. Die eine Hlfte war
mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niedertrchtiger
Schriftzge bedeckt; auf der andern Hlfte wies sich ein Gesicht
eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Knstler augenscheinlich
bemht, so gut es ihm eben mglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon
fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich
hlichere molukkische Frauen und Gttinnen, als diejenige gewesen sein
mute, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte.

Nachdem ich das magische Ei mit gebhrender Aufmerksamkeit hin und her
gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar
berochen hatte, gab ich es zurck und zuckte die Achseln.

Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht, sagte Karl
Schaake.

Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles
Wort!... der Stein der Abnahme!

Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen
Seiten, indem ich wiederholte:

Der Stein der Abnahme!

Den Schriftzgen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmhlich
dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stcken das Ihrige
und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein
tierisch-stupides Leben, und ber alles einen Zug von unerbittlicher
Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum
andernmal zurckgeben lie:

Sie dulden es nicht?

Unter keinen Umstnden! Sie reien selbst das Haus nieder, in welchem es
gefunden wird.

Und Sie, lieber Freund, verspren all Ihrem Europertum zu Trotz ebenfalls
nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen -- Stein der Abnahme, hier --
grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie lngst in allen
Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es
nachher in den Flu zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht
wahr?

Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir
abwendend.

Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir knnen es vor dem
Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen
Erbin Mynheers -- und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das
Fenster steht weit genug geffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus
von dem Unheil!

So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der
Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der
Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause.

So -- gottlob! rief tief aufatmend Karl.

So! sagte ich lachend und habe spterhin Gelegenheit gefunden, mich
dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Frs erste fanden wir uns noch einmal
im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und
beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein
unruhiges Trumen, wenig Anteil nahm.

Dann fragte Herr Kunemund:

Du wirst doch heute mit uns essen, Karl? und Karl dankte zgernd und
sagte:

Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben,
und sie wird schon lngst eine recht schne Rede ber mein Ausbleiben fr
mich in Bereitschaft haben.

So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, lieen die Erbin im
Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines
eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In
diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte
mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging,
beschftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen
Figuren und Vorgngen in merkwrdiger Frische in der Erinnerung. Den
Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und
wenn man sich gewhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als da ein
wohltuend warmes Behagen von der oder der Persnlichkeit fr uns ausgeht,
so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nmlich den Meister
auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flchtig genug im Tage
lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz
Gewhnliches und Einfltiges, wenngleich ungemein Feststehendes strubte.

Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrielichen
Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefhl in des Alten Einsamkeit und
sein sagenhaftes Leben hinber; und in mancher unsichern Stunde habe ich
ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt,
denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar
niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr hufig zur unmigen
Verwunderung anderer Leute.

_Dem_ Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen! dachte
ich, und sa mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit
dem tapfern, blanken Messer seines kniglichen Ahnherrn. Und mit ihm sah
ich seinen Wald im Frhlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in
Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Frster Tofote und das
Kind, das schne Kind. Und whrend ich an meinem eigenen Leben schnitzelte
und zwar im Holz, das mir berwiesen worden war, philosophierte ich dann
und wann, wie es sich gehrte, ber das Material, welches andern in die
Hnde fiel, so zum Exempel ber die Erbschaft Mynheers van Kunemund.
Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kmmerte ich mich um jenen wunderlich
schnen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweie
Mestange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote
zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und
aufgerichtet hatte. --




Elftes Kapitel.


Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefhr eine halbe Stunde von der
Station, und whrend fnf Minuten unterhielten sich die Reisenden in
smtlichen Wagen, in der Erwartung, da es sogleich weiter gehen werde,
ruhig ber die mglichen Grnde des pltzlichen Anhaltens. Nach einer
weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern,
um sich nach diesen Grnden umzusehen, und einen krzesten Moment spter
bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Kpfen den Anblick
einer Straenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Auergewhnliches
vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der
zrtlichen Pflege seiner altjngferlichen Herrin entschlpft war, so war
nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Auergewhnliches, so doch gewi
ziemlich Aufregendes passiert, zumal fr diejenigen, welche dergleichen
noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten.

Personen- und Gterzug entgleist ... Bahn unfahrbar!... Heizer und
Lokomotivfhrer tot, viele Passagiere verwundet! ging es pltzlich von
Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der
Bschung in Gruppen stehenden Schaffner lieen sich nunmehr allgemach
herbei, die Nachricht zu besttigen und fingen auf Befehl des Zugfhrers
an, die Wagentren zu ffnen.

Allgemeines Herausklettern -- Durcheinander von Frage und Antwort -- hie
und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach
dem Charakter oder der Eile der persnlichen Reisenot heftiges
Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht
hat, wei es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im
freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coup zu
bernachten, oder nach eigenem Knnen und Vermgen seinen Weg ber das
Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls
fhlen. --

Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versumen, und nachdem mir die
Gewiheit geworden war, da fr eine lngere Zeit an ein Freiwerden der
Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich
gleichmtig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend
zurecht zu finden.

Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von
der nchsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich betrchtlichen
Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges
Gewitter am frhen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem
Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben
jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere
Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte
schlimmere und zwar ziemlich heiter berwunden, wenn auch dann und wann nur
aus dem einfachen Grunde, weil ich mute.

Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen
Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hgeligen Ebene
zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefhr eine Viertelwegstunde von
der letztern lag ein Dorf in Gebsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg,
den wir smtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen
wollten, fhrte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer
genug mit ihrem Gepck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den
roten Dchern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor fr das Ertragen
der Verdrielichkeit ausgerstet, lie den Schwarm voranziehen. Eine
Zigarre anzndend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die
Hhe nach, erstieg dann die Bschung und sa am Rande eines unbersehbaren
Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in
ziemlich eigentmlicher Stimmung.

Da war eben noch der wirreste Lrm, das Rasseln der Rder, das Geschwtz
der Mitreisenden, das chzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die
Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt -- die
tiefste Stille -- bis auf die Lerchen ber mir im Blau und die Grille neben
mir im Thymianbusch. Und, weithin zu berblicken, lag die Ebene im
Sonnenduft, und im Sden das Gebirge im weilichen Glanze. In
Schlangenlinien zog sich der Bahnkrper durch die Flche und um die Hgel,
hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im
Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort,
zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grnen Busche entfernt, zwanzig
Fu tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange
Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der
Lokomotive. Nur die Beamten -- der Lokomotivfhrer, Heizer und Schaffner
waren noch um die Wagen beschftigt, und in den ersten Klassen hatten
einige verdrieliche Herrschaften von beiden Geschlechtern
verzweiflungsmatt ihre Pltze festgehalten.

Wie schn doch die Welt geblieben ist! sagte ich erstaunt. Gtiger
Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lchelt uns mitleidig
nach, whrend wir da vorberrasen, befangen im Wahn in dem wsten Gelrm
durch eigenes Mitlrmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran
wir lngst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser
eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen!
Meine Herrschaften, da wre die Gelegenheit, fr die, die da lachten, zum
Weinen, und fr die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O
verflucht, lieber von Schmidt!

Ich htte in dieser mrchenhaften Stimmung fast die Zigarre als eine
=frivolitas frivolitatum= in den Hohlweg hinunter und der Eisenbahn
zugeworfen, tat es aber natrlich doch lieber nicht, sondern blinzelte
behaglich mit einem befreienden Atemzug in das Bessere, ohne das Gute zu
verwerfen, bis das Mrchen noch freundlicher seine Hand mir in die helle
sonnenvolle Stunde hinein und entgegen streckte, und mir die Gelegenheit
bot, die beste Bekanntschaft, die ich in der Gegend hatte, zu erneuern.

Der goldene Weizen dicht hinter mir sang leise im leichten Winde. Die
letzten Passagiere hatten sich lngst aus meinem Gesichts- und Gehrkreise
verloren, als das Gebell eines Hundes und der Schall von Futritten im Korn
mich bewog, mich langsam und widerwillig nach der Strung hin umzudrehen.
Ein enger Pfad durchschnitt querber die gelben Wellen der Halme und hren
und mndete, ungefhr sechs Schritte von meinem Ruheplatze, in den Hohl-
und Dorfweg hernieder leitend. Auf diesem kaum fubreiten Pfade durch das
hohe Korn bewegte sich ein breitkrmpiger grner Filzhut mir entgegen --
kam ein Mann, ein alter weikpfiger Mann, mit bereiftem Kinn, lang,
schlotterig und gebckt, die kurze Pfeife im Munde, und dicht vor den Fen
begleitet oder besser geleitet von einem, dem Anschein nach, nicht mehr
jungen Dachshunde, und trat, als ich grade die Hand ber die Augen legte,
um die malerische Erscheinung genauer zu betrachten, an den Rand des
Hohlweges mit der Absicht, in ihn hinunterzusteigen.

So viele Leute ich whrend der letzten Jahre aus dem Gedchtnis verloren
hatte, den Meister Autor Kunemund hatte ich nicht daraus verloren und --
hier war der Meister Autor!

Unverkennbar war er es! ein wenig greisenhafter und krperlich gebrochener,
auch wohl noch ein wenig blinder, aber doch der ganze Meister Kunemund!

Mit einem Rufe der freudigsten berraschung sprang ich in die Hhe und rief
den guten Namen, und jetzt legte auch der Alte die Hand ber die Augen, und
so standen wir und sahen uns an. --

Er erkannte mich natrlicherweise nicht sofort und wollte eben nach einem
kurzen hflichen Grue weiter gehen, der Eisenbahn zu, als ich ihm den Weg
vertrat und ihm die Hand bot.

Wir waren einmal gute Freunde, Herr Kunemund, sagte ich. Und ich hoffe,
da wir uns als solche heute wiederfinden.

Nun nannte ich ihm meinen Namen, und er rckte mir rasch unter die Nase zu
genauester Betrachtung, und dann ging ein breites Lcheln des Erkennens ihm
ber die verwitterten Zge; er schttelte mir krftiglich die Hand und
rief:

Herr, sieh, sieh, das freut mich, das freut mich aber wirklich! Sehen Sie,
lieber Herr Bergrat, grade an Sie habe ich eben noch gedacht, und wie oft
ich die letzten Zeiten hindurch an Sie gedacht habe und Sie gern einmal
gesprochen htte, das kann nur ich alleine wissen. Also aber vor allem
andern, Ihnen geht es doch nach Wunsch in der Welt?

Wem geht es eigentlich nach Wunsch in der Welt? Wem ging es irgend einmal
zu irgendeiner Zeit danach? Ich zuckte die Achseln, doch da ich
augenblicklich wenigstens mich ber einen auergewhnlich scharf
zubeienden Lebensverdru nicht zu beklagen hatte, so rief ich: Man soll
um Gottes willen die Gtter nicht eitel machen; ich werde mich sehr hten,
sie zu loben; aber sonst, jawohl, geht es mir ganz gut! und damit gab ich
ihm seine Frage zurck. Da zog auch der Alte die Schulter in die Hhe, und
ich brauchte die Besttigung durch sein Wort nicht abzuwarten; ich sah es
schon selber, da es ihm nicht gut ging, und da der Staub und Dampf der
Erde ihn doch noch ein wenig mehr als mich zugedeckt habe und berwlkt
halte. Ich sah schon auf den zweiten Blick, da der Meister Autor der Mann
nicht mehr war, den wir einstens, an einem Sommertage im Walde getroffen
hatten, das Kind htend, und mit dem Kinde geheimnisvolle Wunder in der
Einsamkeit erlebend -- er war heute vielleicht noch etwas mehr!

Nun, ich bin auch noch ganz zufrieden, lieber Herr, sagte der Greis;
allein das Wort kam zgernd heraus, und er brach ab und fragte: Was ist
denn dorten passiert auf der Bahn? Ich hrte im Felde von einem, da ein
Unglck geschehen sei, und kam, um nachzusehen. Sind Sie auch mit
betroffen, Herr?

Ich beruhigte ihn und gab ihm Nachricht und Auskunft ber den Vorfall,
soviel ich davon zu vergeben hatte.

Ihre Hlfe ist da unten nicht vonnten, Herr Kunemund. Ihr wit freilich
manchen Zauberspruch, Meister; aber ein Eisenbahngeleise macht Ihr doch
noch nicht frei durch Euren guten Willen. Also wenn Sie es sonst nicht
eilig haben, verehrter Freund, so gnnen Sie mir ein Viertelstndchen Ihre
Gesellschaft. Sehen Sie, da habe ich unter dem Busch gesessen in nicht
unfrhlichen Gedanken, und jetzt kommen Sie durch das Weizenfeld, der
Mann, der mir vor allen Menschen notwendig war, die gute Stunde zu
vollenden! Es geschehen doch noch Wunder, und das Wurzelwerk und Kraut hier
unterm Busch ist auch nicht ohne Grund zu einem Sitz fr uns beide
zurechtgemacht. Setzen wir uns, und dann, Meister, Meister, wie geht es im
Walde? Was macht das Haus mit den Hirschgeweihen auf den Giebeln? was kocht
die Alte? und was macht der Frster und Euer wunderschnes Pflegekind, die
Gertrud Tofote, die ein so reiches Mdchen geworden war, als wir uns
zuletzt sahen -- wit Ihr noch? Wahrhaftig, ich verwirre mich fast; nach so
vielen guten Bekannten und Freunden habe ich mich bei Euch zu erkundigen!

Da wird es freilich besser sein, da Sie mir einen Platz an Ihrer Seite
geben, lieber Herr. Man fragt eben nicht nach vielen Leuten in der Welt,
wenn es Freunde sind, ohne da man eine ausfhrliche Antwort erwartet. Ich
habe wohl Zeit zu allem; aber wissen Sie ganz gewi, da Sie dergleichen
haben? Ich habe es oft gefunden, da die Leute sich hierin irren, als
worauf sie dann selber sich rgern und man selber den Verdru davon hat.




Zwlftes Kapitel.


Wir saen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der
Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das
hrenfeld sang auch, und zu allem andern lie sich jetzt auch noch eine
Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trblich:

Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde!

Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde?

Er schttelte den Kopf:

Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer
Frster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehrde hat ihm das Haus
restauriert; das heit, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu
erneuern, ging es natrlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz
neues hinsetzen mssen. O das ist wunderschn, sie nennen es gotisch und
haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt
man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug
ab, an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was
Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden.
Alles zerstreut -- verkauft -- ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin
gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke, Herr, den
andern geht es recht wohl.

Meister, Meister?!... Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht
durch unntze Reden qulen. Lat mich alles hren und so schnell als
mglich! Wie geht es dem Frster? Was ist aus Frulein Gertrud geworden?

O, _der_ geht es sehr, sehr gut. Danke schn! sagte der Alte, den Kopf
womglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend.

Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls --
was jagt Ihr einem fr einen unntigen Schrecken ein! -- Sie alter Snder
werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen fr sich allein weiter
haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt
haben Sie dann freilich alle Zeit, sich ber sich selber zu rgern.

Der Greis schttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu;
wahrlich er lachte, und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete:

Ganz so, wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber
Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier
genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen
schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben
lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drben
jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu
ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr,
wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergngen macht
es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel
hat spielen mssen, kann darber nachsagen oder nur ein Wort mitreden.

Wahrlich! rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines
Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun
allmhlich wohl merken mssen, da hier mit einiger Vorsicht aufzutreten
sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor
versunken war, nicht; sondern ich lie ihn seinen eigenen Weg durch seine
Erlebnisse gehen, in der festen Gewiheit, da er mich baldigst auffordern
werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. --

Der Himmel war blau ber uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grn der
nhere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen
Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im
Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und
die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schn,
selbst an dieser eigentlich ziemlich unschnen und ganz und gar nicht
romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewiheit, da mir
von neuem einmal gezeigt werde, da sie ebenso hlich als schn sei,
durchfrstelte und berkroch mich. Notwendig erschien mir das neue
=argumentum ad hominem= grade nicht, und ich wrde mit Vergngen Verzicht
darauf geleistet haben.

Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit
einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug:

Ich hatte mir vorgestellt, da man da vielleicht eine Handreichung
brauchen knne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter,
lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem
groen Vergngen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine
Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstndchen in meine Stube! Sehen Sie
es sich einmal an, wo ich untergeschlupft bin! Sie tun ein gutes Werk an
einem nichtsnutzigen, berflssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich
zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehngt ist, wie ein
Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten
kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden
Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles,
was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wit, ihr knnt euch
freilich nicht in unser Gemte hineinversetzen.

Herr Kunemund, sagte ich, wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen
hinunterreichen soll, _nicht_ einige Sprossen!

Ich htte mich eines philosophischen Ausdrucks bedienen knnen, ich htte
mich hchst schulgerecht ausdrcken knnen; aber da mich der Meister
verstand, so war's nicht vonnten; und zu allem brigen war die Redensart
auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich
freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und
Thymian.

Das schwere, mhselige Sichemporheben des Alters bekmmerte mich bei dem
greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm hflich, und wir gingen
dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. --

Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose grostdtische
Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Rhricht fllt, so hatte sich das
sozusagen allgemein europische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge
auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk,
das durchaus nicht dahin gehrte, erfllte die Gasse. Die Dorfleute sahen
mit den allergresten Augen in das so pltzlich ber sie hereingebrochene
Wesen und Treiben hinein, und die hflicheren Bauern und Buerinnen hatten
auch wohl schon einige Sthle und Bnke fr die unvermuteten Gste in den
Schatten ihrer Gras- und Baumgrten hinausgeschafft und den Besuch zum
Hinsetzen eingeladen. ber die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter
Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestrzt, um
das vorhandene Getrnk zu vertilgen und ber es und die armselige Kneipe
herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine nrrische Bewegung, und
als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund groe Augen; aber
nicht lange.

Der Meister fhrte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen
standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang.
Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am
entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer rmlichen Htte, zu der man ber
einen Steg, der ber ein mit saftigem Grn bewachsenes, fubreit
hinrieselndes Wsserchen fhrte, gelangte. Eine armselige Htte, doch von
Bumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht bel in die
Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt.
--

Da lebe ich denn wieder und bin zurckgekommen dahin, woher ich kam,
sagte Herr Kunemund. Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl;
die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen
aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; da
der Tofote, der Arend, drin sterben mute, ist viel merkwrdiger, als da
ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie,
Herr? Vorhin hatten Sie groe Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu
nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Ma doch noch
um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es
stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.

Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so bel getroffen!
erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises
eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich
dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende
Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in
der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu berschreiten. Er ging mir
voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in
diesem Moment, senkten sich mir die Gegenstze des am heutigen Tage
Erlebten von neuem scharf in die Seele.

Auf die lange heie schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der
unvermutete Stillestand und der jhe Schrecken! Mitten im wirbelndsten
Leben die aufdringliche Kunde von den Trmmern und dem Tode da vorn auf
der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in
der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrnten Hang des Hohlweges -- die
weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun?

Nun das -- _das_, was immer bei allem Getmmel und Getse der armen Welt
doch zur Seite -- da hinter dem Hgelzug -- hinter dem Walde, hinter der
Mauer des kleinen Gartens -- hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir
vorber fliegen -- -- hinter dem Gewhl in der eigenen Brust sich weiter,
weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das groe, offenkundige
Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und
in welches uns doch ein Schritt hineinfhrt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle
-- das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick grer als es
dnken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des
Urgrundes -- der ungekruselte, dunkele, schrecklich-schne Spiegel, durch
den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und auer uns, meine
Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zuflligkeit
fliet! -- --

Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich
gewarnt: Stoen Sie sich nicht an den Kopf!, und nur selten war die rege,
durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen
zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in
das Haus des Meisters Autor Kunemund.




Dreizehntes Kapitel.


Wir standen beide gebckt unter der niedern Stubendecke.

Nehmen Sie es nur nicht bel, sagt mein Fhrer, mein Vater und meine
Mutter waren alle zwei kleines Volk, und auch mein kleiner Bruder ist da
nicht aus der Art geschlagen: ich wollte nur, Sie htten ihn persnlich
kennen gelernt. Was mich anbetrifft, so habe ich freilich in dem alten Nest
so eine Art von Kuckuck ausgemacht.

Selten hatte ein Vergleich uerlich so wohl und innerlich so schlecht
gepat. Ich uerte derartiges, und Herr Kunemund fragte lchelnd:

Meinen Sie? und fgte hinzu: aber sie nannten mich in meiner Kinderzeit
im Dorfe stets den Kuckuck, und als ich neulich heimkam, hat's mich fast
verwundert, da sie mich nicht durchgngig noch so riefen. Da sieht man
aber, wie man aus der Menschheit herauswchst und alt wird, -- das erstemal
als mich ein zahnlos Weibchen ansprach, wie es sich gehrte, ist's mir
ordentlich warm ber die Leber gelaufen; aber kein halb Dutzend reicht noch
zu mir hin und hinunter und spricht mich an: Na, Kuckuck, wie geht es
denn?!

Wie Sie sagten, hat auch der Herr Frster Tofote hier bei Ihnen gewohnt?!

Richtig, und das war im Grunde ebenso wunderbar denn der Arend, sehen Sie,
ma auch gut seine sechs Fu drei Zoll, wenn nicht mehr, und hat sich also
gleicherweise hier zwischen den Wnden, unter den Balken und auf der Bank
arg zusammenklappen mssen. Er hat mit mehr als einer Brausche an der
Glatze und an der Stirn in die Grube fahren mssen, wenn das auch wenig
sagen wollte, da er sein Lebtag durch dran gewhnt war, mit der Stirn
anzurennen. Sehen Sie, da das Stck weichen Tannenholzes von der
Trverschalung hat er mir auch abgestoen mit seinem Dickkopf, und ist mir
das gleichfalls als ein Andenken an ihn zurckgeblieben. Zuletzt wurd's ihm
zu viel, und er hielt sich am liebsten drauen auf der Bank auf, und jetzt
liegt er drauen, und mit dem Anrennen, den Beulen und Hautschrunden hat's
fr ihn keine Not mehr.

Es gab mancherlei Andenken in der schlechten Htte, und nicht blo solche,
welche den braven Frster Arend Tofote seinen guten Bekannten in das
Gedchtnis zurckriefen.

In solch einem Dorfe hlt manches, was sich in der Stadt schnell im
Durcheinander und Gebrauch verliert, bis in alle Ewigkeit, sagte der
Meister Autor. Da ich aber noch in einem Winkel auf meiner Mutter
Spinnrad gestoen bin, das war mir freilich schier und klar auer dem
Gaudium ein Mirakel. Ich traute meinen Augen nicht, als ich es beim
Vorsteher in der Mgdestube fand, und ich schtze es als eine Noblesse von
dem Vorsteher, da er es mir ablie, und mir nicht ber seinen gewhnlichen
Wert seine Forderung machte. Ich htte ihm die Haut vom halben Leibe dafr
abgelassen, dem Vorsteher: denn -- wisset Ihr, Herr, ich kann auch spinnen
und spinne jetzt die Abende durch und den ganzen Winter. Wenn man solche
dumme Augen hat, wie ich, so geben sich die Knste, die man treibt, eben
von selber. Im Strumpfstricken und Flicken nehme ich es mit jedermann und
den besten Hausfrauen auf. Seit unser Trudchen uns abhanden kam, wte ich
auch keinen, der mir aus Liebe, Gte oder Geflligkeit dieses Geschfte
abnehmen sollte.

Es konnte nicht meine Sache sein, den Greis jetzt schon bei unserm
Trudchen festzuhalten. Ich hielt es fr besser, ihn ganz von selber dahin
kommen zu lassen, wo ich ihn so gern gehabt htte. Frs erste schlug er
noch einen Hasenwinkel.

Des Vogels erinnern Sie sich wohl nicht mehr? haben ihn wohl gar nicht
einmal beachtet, wenn Sie uns die Ehre schenkten? Stieglitze gibt's genug
in der Welt; aber ein klgerer ist seinerzeit noch nicht den Alten aus dem
Neste gefallen. Damals hpfte und sang er; jetzo sitzt er still in seinem
alten Bauer -- nmlich ausgestopft. Und, lieber Herr, der Kerl rgert mich
dann und wann am stillen Abend, wenn ich mit ihm, mir und dem Dachs so
allein sitze. -- Es wre besser gewesen, wir htten ihm nach seinem
Abscheiden ein Kinderbegrbnis gemacht und ihn ruhig in ein Loch im Garten
gesteckt, der Arend und ich! Ich persnlich bin auch nicht auf die dumme
Ausstopferei gekommen; ich traf den Tofote schon eifrig und grimmig
darber, als ich eines Abends nach Hause kam. Gertrude war schon in der
Stadt, und wir konnten sie also nicht um ihre Meinung fragen. Sie hatte ihn
uns zurckgelassen; denn sie machte sich nichts mehr daraus.

Jetzt noch weniger htte ich den Alten bei dem zierlichen Namen
festgehalten!

Ei seht aber, Meister Autor, sagte ich, um den seltsamen Blick desselben
von dem ausgestopften Tierchen abzuwenden, Sie haben da ja ein ganzes
Museum -- ein vollstndiges ethnologisches Museum!... und welche
prachtvollen Muscheln, welche ausgezeichneten Korallen! Je genauer man
zusieht, desto grere Schtze entdeckt man bei Euch. Sind Sie heimlich
etwa auch whrend meiner Abwesenheit zur See gewesen? haben Sie auch wie
Ihr Bruder die Tropenlnder mit dem Kuriosittensack auf dem Rcken
durchwandert?

Dieses gerade nicht, -- o nein, im Gegenteil, sagte der Alte ehrlich auf
meinen Scherz. Ich wei eigentlich auch nicht, was Karl sich dabei denkt.
Ich habe zwar mein groes Vergngen daran, und das wird es wohl sein, was
ihn antreibt! Er kommt nie von Reisen heim, ohne mir dergleichen
Schnurrpfeiferei mitzubringen. Der Junge sitzt noch immer gern bei mir.

Karl? Welcher Karl?

Nun, erinnern Sie sich denn nicht? der Karl Schaake! der Leichtfittich und
Leichtmatrose, der damals aus der Stadt Lbeck mit uns ging, als ich Sie
abgeholt hatte, um uns zu helfen, die groe Erbschaft meines auslndischen
Bruders in Besitz zu nehmen! Nicht wahr, jetzt fllt es Ihnen ein? Und
wissen Sie, der Junge fhrt noch immer auf der See; aber jetzo als
Steuermann. Keine Vlkerschaft ist ihm zu schwarz! und bis dato ist er auch
immer noch ganz gut und ungebraten davongekommen und mit seinem Geschft
zufrieden. Wie gesagt, was fr ein Gefallen er gerade an mir findet, auer
da wir aus einem Dorfe sind, und die Base aus dem Cyriacihofe mit uns,
kann ich nicht sagen; ich zerbreche mir aber auch gar nicht den Kopf
darber, denn die meisten Leute, auf die ich im Leben stie, sind so
gewesen. In der Hinsicht habe ich mich nicht zu beklagen.

Das heit: auch Euch, Meister, ist nie eine Vlkerschaft zu schwarz
gewesen! sagte ich lchelnd; aber des frhern Leichtmatrosen und jetzigen
Steuermanns Karl Schaake entsann ich mich nunmehr ganz deutlich und zwar
mit dem Gefhl der Beschmung und des rgers, welches man immer hat, wenn
man wieder einmal findet, da man seinem Gedchtnis zuviel trauete.
Unbeschadet eines gegen das Ende des zehnten Abschnittes
niedergeschriebenen Wortes war mir der Seefahrer -- in dieser Stunde
wenigstens -- ganz und gar aus der Erinnerung abhanden gekommen.

Der Stein der Abnahme! rief ich. Karl Schaake! Richtig, -- der
Hadschi-Schiffsmann, der den heidnischen Unglcksstein aus dem Fenster
Mynheers van Kunemund warf. Also der lebt auch noch und hat seinen Beruf
wacker festgehalten.

Ja freilich, sagte der Alte melancholisch. Was das mit dem Unglcksstein
ist, wei ich zwar nicht, denn das habt ihr beiden damals unter euch allein
ausgemacht; aber die Fische und die Wilden haben ihn bis jetzt gottlob noch
nicht gefressen. Da es dem armen Jungen aber besser htte ergehen knnen
und ohne meinen kleinen Bruder auch ergangen wre, das steht gleicherweise
fest. Der Teufel hole die ganze Geschichte!

Ein Geheimnis lag hier gerade nicht vor. Wer sich offenen Auges durch diese
Welt drngt, der lernt es bald, sich in den Verhltnissen zurechtzufinden;
das Leben liegt vor ihm wie ein Rtsel in einem -- Kinderbilderbuche, unter
dem die Auflsung in umgekehrter Schrift gedruckt steht. Stellt nur euch
nicht auf den Kopf, sondern das alte abgegriffene Rtselbuch, und ihr
werdet bald heraus haben, was es mit den Geheimnissen auf sich hat.

Es war in diesem Falle eben wohl mglich, da der tckische Zauberstein,
der in dem Gartenteiche versank, schon zu lange fr die Erben unter den
Raritten Mynheers van Kunemund gelegen hatte. In diesen Dingen verstehen
Mutter Natur und Muhme Schicksal keinen Spa, und also trat ich so dicht an
den Meister Autor heran und sagte leise:

Jetzt, Herr Kunemund, sagen Sie es mir, was aus Ihrem schnen, sen
Pflegekind, aus der kleinen hbschen Gertrud geworden ist! Ich bin mit
Ihnen gegangen und habe mir von Ihnen alles vorweisen lassen, bunte
Muscheln, Korallen, den Kolibri, das Seepferd, kurz was Sie wollten; aber
jetzt lassen Sie mich auch hier klar sehen. Da das Dasein schwer und
mhevoll auf Ihnen liegt, habe ich vom ersten Augenblick unserer Begegnung
gemerkt; da ich nicht aus khler, kalter Neugierde frage, meine ich, wit
Ihr, alter Freund! Also bitte, Mann, teilt mir mit, weshalb Ihr Euch hier
in der Einsamkeit auf den Maulwurf- und Grillen-Fang, auf das
Strumpfstricken und Hanfspinnen gelegt habt! Meister Autor, Sie sind es
unserer alten Vertraulichkeit schuldig, da Sie mir sagen, weshalb der
Frster nicht in seinem Frsterhause, nicht bei seiner Tochter, sondern
unter diesem Dache gestorben, weshalb die Alte zu ihrer Vetterschaft
gezogen ist, und -- und, -- und wie es der Gertrud Tofote geht!

Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Herr Bergmeister!

Und doch nur eine.

Jawohl! Im Grunde haben Sie da recht, und so will ich sie Ihnen denn auch
beantworten. Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Niemandem ist
etwas Absonderliches passiert. Mir nicht! dem Arend nicht! der Alten nicht,
und unserem armen Trudchen nicht! Wir sind auseinander gekommen, ohne da
wir es gemerkt haben; das heit, wir waren einmal eines Tages auseinander
und merkten es dann erst. Haben Sie je Leute gekannt, denen es in der Welt
anders ergangen ist? Ich meine, die auf eine andere Art auseinander
kamen?!

Unter guten und klugen Freunden ist das freilich die gewhnliche Weise,
erwiderte ich nach einigem Nachdenken.




Vierzehntes Kapitel.


Das Hindernis war aus dem Wege gerumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte
mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in
meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darber nachzusinnen.

Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm
noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte
Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war
gewesen:

Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen,
und Sie werden ganz gewi auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es
mir nicht bel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten,
klugen und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so wei ich auch ganz
sicher, da Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen
ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug mchte ich Ihnen
nicht aufreden; also -- leben Sie recht wohl: wir treffen einander
gewilich noch einmal wieder; -- und, lieber Herr, vergessen Sie es ja
nicht, gren Sie mein Trudchen recht schn und eindringlich von mir!

Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglcksstelle vorber und sahen
auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem
blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und
jetzt schon war fr alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige
Ereignis zu einer berwundenen Verdrielichkeit geworden, zu einem Thema,
ber das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lgen lie. Ich lie
_das_ also schwatzen und renommieren und sa, in _meinem_ Verdru immer
noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grne Landschaft
hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und
herwendend, im Geist. Da ich etwas Klgeres htte tun knnen, war gewi;
mglich war's mir aber eben doch nicht.

Was auch mit dieser hbschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag, sagte
ich mir, und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich
anstellen mag, seinen Beruf hlt er fest! Er tut nur so, der getreue
Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh,
nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; -- zum
Teufel auch, wer wei, in welchen dunkeln Winkel er sie fr den Augenblick
geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn;
aber auf das Frulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine
Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben.

So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre
der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins
Bett und las am andern Morgen beim Frhstck in der Zeitung ausfhrlich,
und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte,
ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob pltzlich
jemand sich mir ber die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das
interessanteste Wort in dem langen Berichte deute.

Es ist nicht mglich! rief ich.

Doch wohl! sagte das Ding hinter mir. Wir machen das hufig so.

Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm
nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher
Verwundungen war vorgefallen; Verstmmelungen waren geschehen, in Hinsicht
auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der
traurigen Liste der Beschdigten wurde ein Mann aufgefhrt, der im Verlauf
meines Gesprchs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden
war:

Steuermann Karl Schaake -- beide Fe doppelt gebrochen!

Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang
im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im
reinen darber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen
Angelegenheiten im Auge behalten) auf diese unbehaglichen, ungemtlichen
Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu
lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle.

Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heit, ich hatte Hut und
Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion.

Der Alte liest sicherlich keine Zeitung, sagte ich mir. Der Seefahrer
wird ihm ebenso sicher keine Nachricht ber sein Befinden schriftlich
geben, sondern sie ihm lieber persnlich, auf seine zwei Krcken gesttzt,
bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umstnden zu
erkundigen; -- dummes Zeug -- Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr
Forstsekretr von Mller, der uns damals den Vergngungsstreifzug in den
Elm so vergnglich vorzuspiegeln wute und uns richtig in seinen
Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, -- meines Vaters Sohn, wie der
Meister Autor sagen wrde, wahrhaftig nicht! --

Die betreffende Behrde war ungemein hflich und zu jeglicher Auskunft
gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem
beklagenswerten Ereignis. brigens befand sich bereits alles wieder in der
trefflichsten, wnschenswertesten Ordnung und fr smtliche Beteiligte und
leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die
Toten waren natrlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der
schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen,
mit den leichter Beschdigten nach der Stadt transportiert zu werden, und
sie waren natrlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befrdert
worden. Zu beklagen hatte die magebende Stelle sich eigentlich nur ber
ein Individuum; aber ber dieses auch sehr! Ein unglcklicherweise auch
krperlich verletzter Seemann war sehr ungebrdig gewesen und hatte sich
sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschmt betragen, obgleich
man ihm wie allen brigen mit der hchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit
usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der
sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der grblichsten Schimpferei
nicht habe enthalten knnen. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe
-- teilte man mir mit -- ihn so vorsichtig als mglich, unter chirurgischer
Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er,
erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch
seine Entschdigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten.

Ich nahm alle diese Erklrungen des hflichen Beamten ebenso freundlich
hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nhere Angabe
jener Adresse des eben, das heit zuletzt erwhnten unangenehmen Gesellen
und unhflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas khlerer und
formellerer Weise als die frheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem
ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mhe in Erfahrung
gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und
fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund
wieder; nur leider in den betrbtesten Zustnden.

Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgrben ihrer jetzt zu recht
anmutigen Spaziergngen eingerichteten Wlle und Bastionen mancherlei
kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Hfe und Torbogen; und das
Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer berquer
aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an.
Holzstecher- und Steinmetzarbeit der Vorvter hat den neuern Jahrhunderten,
d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so
tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tncherpinsel
gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch
allerlei finden. Was besonders jene, eben erwhnten, in die Husermassen
eingekeilten Hfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch
unaufgeschlossenes Reich der Wunder fr den Kenner und Liebhaber.

In berraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem
erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten
Verstelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so hufig, da ich mich
wieder einmal grndlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert
eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt
fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden
Torbogen, der bis dahin fr mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den
ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die
Wlbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im
sechzehnten, sondern im vollsten, unverflschten fnfzehnten Skulo und
stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen.

Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmigen Viereck um mich her!
Und welch ein Holzbau!

Da liefen sie, die Wnde entlang, bereinander, nebeneinander hin, die
Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und
warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grne Baum neben
dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten
Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof
bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie berraschend malerisch und
kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die
Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hpften und den
Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wuten es
jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches
auf alle ntigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die ntige
Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht.
Es zeigte grinsend die Zhne, lachte und lie mich ohne Antwort stehen; ich
hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und
fand ihn glcklicherweise auch.

In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand,
an einer Visierstange hinugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer
Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu:

Im Augenblick, mein Herr!

Es wrde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich fr das
allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu
hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschft fort, seine
Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen
fernab mit der Mekette beschftigten Untergebenen teilend; und hoch war es
anzuerkennen, da er trotz alledem doch noch einige Worte der Erluterung
fr mich brig hatte.

Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mhe verursacht als diese
hier, sagte er, aber dafr wird auch keine der neuprojektierten
Straenanlagen die Stadtbevlkerung in ihrer Vollendung so sehr berraschen
und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern fllen wir
natrlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die
mssen selbstverstndlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in
eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem
Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, -- ohne da zu
dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Germpel irgendeine
Ahnung davon hat. Es ist wundervoll!

Das ist es! rief ich mit hchstem Enthusiasmus. O ihr gtigen Gtter!

Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmnnischen Spekulation, sondern
es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften, rief mein
freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch ber die eigene
emporri. Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen
haben!

O doch! sthnte ich aus tiefster Brust. Ich kann es mir in grter
Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns
sehen, bleibt nichts aufrecht?

Nichts! sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzckter, begeisterter
Bauknstler. Haben sie doch jetzt angefangen, Nrnberg abzutragen, also
sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten
Ruinen gegenber mit grerer Schonung vorgehen sollten.

Hierauf lie sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn
schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstrae bezglichen Zahlen und
sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren.
Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine
ersten Bitten um Auskunft ber den Steuermann Schaake von neuem
aussprechen.




Fnfzehntes Kapitel.


Der Herr hatte natrlich auch die Zeitung mit dem Bericht des
Eisenbahnunglcksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt,
da einer der Beschdigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu
wem und wohin, das wute er nicht. So grten wir einander, und ich folgte
dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nchste Tr
(ein halbes Dutzend dergleichen fhren von dem Hofe in die Gebude) und
lie es auf das gute Glck ankommen, ob ich die richtige getroffen habe.

Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von
Fen ausgetretene Treppe fhrte mich, sich im Halbkreise drehend, in den
Unterstock, im rechten Flgel der Hofgebude, und zuerst in einen ziemlich
breiten gewlbten Gang, der durch ein groes Bogenfenster im Westen erhellt
wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strmte
in dieses groe Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemuer in
eigentmlich schner Weise.

Eine dunkle Tr zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Mnnerstimme
forderte einen Augenblick spter zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd
still auf der Schwelle in der berraschung vor dem Bilde, das sich jetzt
dem Auge bot.

Ich erzhle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mchtig
erregte, durch die Jahre gesnftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt
demnach wohl auch dem uerlichen sein Recht geben und Gefhl und
Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen.

Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes
Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller
und magischer sich ber das mittelalterliche Eichengetfel des Gemaches
ausbreitend! Grne Zweige drauen vor dem Fenster -- das Hausgert eines
alten Jngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein brtiger Mann im
Winkel! In der Fensterwlbung am Spinnrad eine alte Frau! ... in dem
Sonnenstrahl die merkwrdigste alte Frau mit dem merkwrdigsten weien
Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte!

Das war gleicherweise eine Flle von Licht, -- eine Flle, die sich nicht
bndigen lie und an Schnheit wahrlich den blondesten, braunsten,
schwrzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie
nur zu diesem Silber paten, leuchteten unter den noch immer dunkeln
Brauen; -- und dazu war das alte Zauberweible taub; es sa und spann und
hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet,
auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer
hlflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des
Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und
stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle.

Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es
auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe.

Glcklicherweise war das bald gesagt und erklrt, und aus dem
verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein
sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff
fest die meinige und lie sie frs erste nicht los.

O das ist schn! das ist brav! rief der Steuermann Schaake. Das ist das
Beste, was mir in diesen nchsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es
nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente
aufzuwarten gedchte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen
andern Menschen ntig.

Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natrlich
wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt
auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem
Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und lie es nher zu seinem Bett
hintreten. Und als sie sich ber ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu
vernehmen, brllte er ihr zu:

Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den
wir jetzt so sehr gut gebrauchen knnen. Siehst du, alte Mutter, ich hab's
dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, da du dir deine
ungemtliche Jammerei zu drei Vierteln httest sparen knnen. He, hab' ich
nicht immer Glck gehabt zu Wasser und zu Lande?

Das wei der liebe Gott! seufzte das weie Weibchen, beide Hnde flach
erhebend und wieder senkend.

Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn
oder einer Seeschwalbe zu verlangen, da sie ein Nest unter einen Dachrand
hngen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld,
als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn
ging? Glck mu man haben, Tante Schaake, und da ich Glck habe, das
kannst du hier wieder sehen. Tausend andere htten hier liegen knnen, bis
sie reif gewesen wren fr des Kapitns Gesangbuch, das Brett und die Kugel
am Fu; ich aber habe mich kaum gemtlich in der Blockade eingerichtet, so
signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht -- =man of
war= -- sechsundneunzig Kanonen; die Tr geht auf, und Sennora Fortuna
steckt den Kopf herein und fragt vergngt: Befehlen Sie sonst noch was,
Maat?!

Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wute, wie gerade ich dem
Seemann so auerordentlich erwnscht kommen und ntzlich werden knne, so
freute mich doch die Freude des armen Teufels ber meinen Besuch sehr, und
ich sagte ihm das auch so eindringlich als mglich.

Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut;
sie war sehr freundlich und gut, und je lnger man sie offen oder
verstohlen ansah, desto weier wurden ihre Haare und desto blauer und
klarer ihre alten Augen.

Er ist recht schlimm mitgenommen, sagte sie betrbt. Die Doktoren und
Wundrzte haben die Kpfe geschttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur
nicht, wenn er Sie anlacht: er beit sich doch die Lippen blutig vor
Schmerzen. O da der liebe Gott uns das auch noch hat schicken mssen!

Da die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstmmelte litt die
furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein
Fieberlachen, mit welchem er rief:

Schicken mssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitn die Rahen nicht in
die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen mu,
-- wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base
ist ein guter Hafenmeister und wei in dem entstehenden Lrm ihr Wort zu
sprechen.

Lieber Herr, sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen
berhrend. Sie mssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher
seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu
weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene
Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den
Richtigen gefunden zu haben.

Das brtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten
in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen:

Den Richtigen? Hre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir
unbesehen zu glauben, da ich mein Notfeuer nicht anznden werde, wenn da
eine verdammte malayische Seeruber-Proa um die Insel kreuzt! Natrlich ist
das der Richtige!... und Ihr, Herr, stot Euch nur ja nicht an ihre dumme
Art; denn da je eine Henne es mit ihrem Kken besser im Sinne gehabt habe,
als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens wei ich das
Gegenteil ganz genau.

Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt
orientiert, wie in diesem hier. --




Sechzehntes Kapitel.


So sa ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit
einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzhlte ihm, wie
ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund,
zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im
Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem
alten Hafenmeister deutlich, und das weilockige Zauberweibchen erhub die
blauen Augen und schttelte das Haupt und sagte:

Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kmmern! Herr, wollen Sie es
ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum
Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, da er nicht mehr erschrickt, als
ntig ist.

Ich versprach gern, das zu bernehmen, und der Steuermann drckte mir von
neuem die Hand und rief:

Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen knnen; aber es ist noch
mehr da --

Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter
ntzlich sein knne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die
Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt
und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten,
und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tr und
brach da in ein heftiges Weinen aus:

O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen
wie ein jung Mdchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will! ...

Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe,
fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schnen Sommerabend hinein und
aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt
hatte, und fand ihn nicht mehr. -- Der Garten war verschwunden, wie in
einem Jahre -- vielleicht weniger als einem Jahre, jener prchtige, alte,
dstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den
ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte -- verschwunden war. Die
damals durch den rotweien Pfahl angedeutete Strae zog sich, vollstndig
ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung ber den romantischen Platz
hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war
ausgefllt, und die Rder des Tages rollten leicht darber weg. Die hohen,
dunkeln Bume um das Wunderhaus des achtzehnten Skulums waren
niedergehauen, die Blumen und Bsche ausgerissen; und mit den Bumen,
Blumen, Bschen, springenden Wassern, singenden Vgeln und den
Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; -- wunderliche
Gebude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafr in
die Hhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann berall vor
Augen hat, mit einer kleinen Abnderung das Wort aus dem Vorspiel zum
Faust:

        in unsern deutschen _Gassen_
    Probiert ein jeder, was er mag.

Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst
betreffenden Abschweifung und Anmerkung wre, oder zur Wiederholung einer
schon frher angedeuteten Frage, nmlich: Was gingen grade _mich_ alle
diese Leute an? --!

Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, -- hatte
das, was man geistige Kmpfe zu nennen pflegt, bestanden, und krperliche
gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen
Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewlzt und dem
sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gtiger
Himmel, ich schme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Trne
verschluckt und, ohne mich zu schmen, manchen Schweitropfen vergossen und
manchen Seufzer hervorgestoen: was gingen mich _diese_ Leute und diese
Verhltnisse an?

Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablsen gesehen
und meine Schlsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder
praktischer Philosoph: wie kam es, da ich an diesen Zustnden und
Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so
tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mute? Wie
geschah es, da mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund
nicht nur rgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte?

Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale
dieser guten Menschen und Sachen schlugen smtlich Tne in meiner Brust an,
die lange auf diesen Fingerdruck von auen gewartet hatten. _Mein_ Gefhl
und Bangen, _mein_ Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward
mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch
vielleicht ein wenig betrblich, so doch im ganzen recht gleichgltig und
nichtsbedeutend erscheinen mute.

Mit Recht! denn welch ein Glck fr die Menschheit ist's, da sie es gar
nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glck, das Mrchen, der
Zauber, die Schnheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei
letzten verbrauchten Worte) unter den Hnden weggleiten! Keines von alle
diesem wrde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen,
Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den
schlimmen Proze diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten knnte. Die
Menschheit wrde es dann schon lngst, lngst aufgegeben haben, dem Tage
und dem Glcke zu trauen. Sie wrde den eben erwhnten Entwickelungs-Fort-
und -Abgang merklich beschleunigt haben, -- sie wrde einfach ein
beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinqulerei vorgezogen haben. Die
Philosophen nennen das, was das groe Tamtam schlgt, das _Ding an sich_
und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses
Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch
jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie ber den Tod
nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren
werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste
Mcke, die sich mit Vergngen von der Grasmcke fressen lt, spricht das
Urteil, also -- horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren,
klangvollen Drhnen in unsern Ohren! --

Ich hatte die neue Strae, ber die traumhafte Erinnerung wegschreitend,
durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen
Menschenunterschlupfe sthetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben
um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, berraschte es mich,
als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man
den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man
noch nicht ausreuten knnen, den Kirchhof nmlich! Dreiig Jahre und lnger
verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato
hat man noch vergeblich sich den Kopf ber die Frage zerbrochen, wie der
Verdru abgestellt werden knne; -- die Lebenden haben es so eilig, und die
Toten wollen sich Zeit gnnen -- wahrhaftig, es wre lcherlich, wenn es
nicht so sehr, sehr rgerlich wre! --

Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue
Prachtstrae hatte Halt machen mssen, und ich blickte hinein und hin auf
die Bsche, Bume und Blumen ber den Gewlben und um die Grabhgel. Sie
lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schnsten Grn lachte
der Garten der Toten ber die verschwundenen Grten der Lebendigen; er
allein hatte seine Blumen und Vgel und Schmetterlinge behalten, der Ort
der Verwesung! und -- ich wendete mich, schritt die neue Strae abermals
hinauf, und kaufte im nchsten Buchladen ein Adrebuch der Stadt, werde es
aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt
_darauf_ kam.

In diesem Buche des Lebens bltternd und nach allerlei Namen suchend,
erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine
Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des
verwundeten Steuermanns Schaake sitzend.

Er befand sich, den Umstnden nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wute er
zu verbeien, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten
konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitn, die schne,
weie Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun
waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte
ich:

Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine
Grtnerschnurre, die dann und wann gelingt, da man einen Baum ausreit,
ihn mit dem Gezweig in den Boden grbt und seinen Spa und seinen Ruhm
davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Bltter zu treiben. Man
nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf:
was fr Frchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zhne
bekommen werden, knnen wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekmmert
uns brigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud
ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Frulein jetzt wohnt,
hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der
Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie
den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?

Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich
bedauern lie, sie an ihn gestellt zu haben, denn er bi die Zhne vor
Schmerz dabei aufeinander und htte fast den Verband seiner Fe in
Unordnung gebracht.

Unsere Gertrud?... O, ich habe gemeint, der Alte -- ich meine den Meister,
-- den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!

Ich schttelte den Kopf.

Nicht?... O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.

Sie sagen das mit einem eigentmlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen
Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als
was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen lt?

Da fate der Verwundete hastig meine Hand, zog mich nher zu sich heran und
flsterte mir zu:

Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war
schon zu spt! Was half es mir, da ich den Unglcksstein in der
Hinterlassenschaft des alten Snders fand? Herrgott, was ist aller
Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt!
Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mute so sein, denn wenn wir ihn
meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stcke zerschlagen
htten, so wrde es nichts geholfen haben. Das Unglck ist auf dem Platze
geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bume vergiftet!
Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, da die
arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr
von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewi
begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir -- ich und der
Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht!

Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Frs erste wute ich
genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald
nachdem die weie blauugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am
Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, -- auf _eine_ Frage geriet
ich noch und erhielt auch Antwort darauf.

Der Unglcksstein mute freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glck,
da jetzt die neue Strae auch ber ihn hinwegfhrte, und er also auf
Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr
anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich
von neuem empor und rief klglich in seinem Fieber:

Wissen Sie das gewi? Ich nicht!... Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche
auffischte? wer wei, wer ihn voller Vergngen mit sich nach Hause nahm,
als das Wasser des Tmpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum
Durchwhlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositten in dem Schlamme
gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister
Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, da das Unglck sich nicht
so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet,
hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding
wiedergefunden haben und dafr ben mssen!

Wir wollen es nicht hoffen, sagte ich, und dann tat ich meine letzte
Frage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle sa.

Noch einer! Da war noch ein Erbstck des Mynheer; -- der Mohr, der -- wie
hie er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm
geworden?

O der Nigger! rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging
ein Lcheln ber sein Gesicht. Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu
gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehrt zu ihrem
Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat.
Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Frulein begegnen, dann werden Sie
auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann gren Sie ihn
recht schn von mir!




Siebenzehntes Kapitel.


Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer
einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister
Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man wei,
dann und wann weiter gegeben, und es bewhrte sich auch diesesmal. Ich
hatte den Alten kurz und bndig, wie es sich ihm gegenber gehrte, von dem
Unglcksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis
gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem
Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's spter auswies, war mein
Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause
getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein
absonderliches Dokument, das _die_ Alte in _ihrem_ Dorfe einem Schulkinde
in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, da es ihr, der
Alten, gottsjmmerlich jammervoll ergehe, da sie, die es zu allen Zeiten
so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der
ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt
werden solle, und zwar mit Zurcklassung all ihrer Habseligkeit von wegen
aufgewendeter Gemeindekosten.

Alle seind mir aufsssig, schrieb das Schulkind. Sie verschimpfieren
mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei
Tag und Nchten, da ich mich von Tage tun mchte, jedwedes Mal, da mir
die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze
in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, da es eine
Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die rgsten.
Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber,
Kunemund, er lgt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst
vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es
mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen
wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tr
hofiert und in den Kaffeekessel -- haben. Es ist nicht zum Aushalten,
Meister Autor, und dazu einen so alt -- so alt werden zu lassen, das ist
Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott
mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke
und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das brige
Vieh und das ganze gute alte Leben, so knnte ich mir mein Hemde in meinen
Trnen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus
tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der
Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so hre
und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die
Seele herausdrcken und Hnde und Fe abdrcken mag mit Wie viele Freuden
dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich frhlich singen, oder Mein Herz,
ermuntre dich zum Preise, oder Wie gro ist des Allmchtigen Gte, ist der
ein Mensch, den sie nicht rhrt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein
Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben knnte, wie sie es mir
gegeben haben und tagtglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse
wirklich darber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen
hchsten Nten an Ihn -- usw....

Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natrlich sofort auf die
Socken gemacht und die Wanderschaft zu der Alten angetreten; mein
Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufllig unter seine sonstigen
Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor
mit der Alten zurckgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; --
den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod
unter meinen Papieren. Mit meinen frhlichen Redensarten, die sich an den
Spa knpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten, sagte Herr Kunemund,
als ich ihm das Dokument glcklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich
weiter erzhlen. --

Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gndiges
Frulein, sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen
Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten
Komdie) zufhrte und vorstellte.

Die groen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem
Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lchelte:

Wirklich? O aber es wre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich
bitte --

Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der
zierlichsten Fcherbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergngen tat,
whrend der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns,
wie es schien auch nicht ungern, uns selber berlie.

Wir taten einst einen wunderlich verhngnisvollen Gang zusammen, mein
Frulein, sagte ich. Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu
eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Mrchen
hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte
eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich berzeugte mich, da
alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns
berichten. Nichts fehlte! weder die Wnde aus Honigkuchen, noch das Dach
aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich
wieder ber den Platz geschritten und habe leider gefunden, da der Wind --
der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel whrend der letzten Jahre ein
wenig arg getrieben hat; die Heerstrae fhrt mitten durch den Mrchenwald,
mein Frulein, die Dekorationen haben sich merkwrdig verschoben, und wir
alle haben mit daran rcken mssen.

Das schne Mdchen sah mich betroffen an und drckte den zusammengelegten
Fcher an den Mund; dann aber fate sie sich schnell genug und rief:

Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei
zugegen, als mir des Onkels Erbschaft bergeben wurde! Das waren freilich
sonderbare Zustnde, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte
mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen
Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten
Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles
hat sich seltsam verndert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden,
und unter den letztern hab' auch ich mein Kostm gewechselt; -- finden Sie
nicht?

Gewi! sagte ich, verbindlich mich neigend und berzeugte mich
verstohlen von neuem, da der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte,
wenn oder als er das Nmliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: Ich war
lngere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls
die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. berall
verschiebt die Welt sich, mein teures Frulein, und sonderbarerweise
meistens ohne da wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser
Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in
den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne da wir es gewahr
werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rckkehr
doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von
unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?

Nei--n, mein Herr, sagte das Frulein, und ich beobachtete dabei leider
auch ein etwas mimutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, lie
mich jedoch selbstverstndlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr
heiter fort:

Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die
neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er fhrt sein
Schnitzmesser so rstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine
brigen Knste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich
hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich
freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Huslichkeit zu besuchen. Zwei sehr
angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war
es nur ein sehr unglcklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem
zusammenfhrte, nmlich jenes Eisenbahnunglck, das mich nur einen kurzen
Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jngern guten
Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu
stehen kam --

Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann
sehr rot und rief:

Mein Herr?

Ja, mein liebes Frulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht.
Er leidet groe Schmerzen, trgt sie mit leidlichem Humor und macht seine
Umgebung um so trostloser, je vergngter er sich stellt. Die rzte und
Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglckseligen
Fe lassen drfen oder nicht.

Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurck; dann fate sie heftig, auf
einen krzesten Augenblick, meine Hand:

Was sagen Sie?... was ist?... o ich wei gar nichts!... ich habe nichts
von dem erfahren!... ich bitte Sie --

Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein
kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jngferchen wie aus
dem Mrchenbuch, -- und noch dazu aus _unserem_ Mrchenbuch, mein teures
Frulein.

Jawohl, jawohl, ich bin -- frher auch dann und wann mit ihr
zusammengetroffen; -- er hat den Fu gebrochen? Karl hat den Fu
gebrochen?

Beide Fe! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten
Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trgt
wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen
abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umstnden zu
Ende sein.

Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen? rief die Elfe. Ich habe
ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir --

Es war mir augenblicklich unmglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden
in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswrdigste
Weise von der Welt.

Eine schne, durchaus nicht alte, eine stattliche, frhlich lchelnde,
dunkelugige Dame in Dunkelblau und weien Spitzen glitt durch die Wellen
der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der
Tochter des Frsters Tofote zufhrend. Der Herr war ein Jngling von zwei-,
fnf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft
rundlichen, sommersprossenberseten, gnzlich bartlosen und ganz
gutmtigen Gesicht, runden mdchenhaften Schultern und einem Lcheln um den
Mund, das, wenn es klar fr die Gte des Herzens sprach, von den geistigen
Fhigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer
letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn
seines Vaters als seiner Mutter.

Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude! rief die schne Dame.
Das ist Vollrad, und -- sieh, Vollrad, das ist meine se Hausgenossin.
Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht
mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist ber mich gekommen,
wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise -- nein wie der gepanzerte
Mann im Evangel -- auch nicht, sondern in den fnf Bchern Moses. Vor einer
Stunde ist er von Berlin angelangt; -- ich lag, wie du weit, mit meiner
Migrne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm
heut abend allein und schutzlos in die bse, schlimme Welt hineinfahren
lassen, als er pltzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weit
also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und
das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe
Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl -- wenigstens so
lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird
-- nicht wahr?

Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorberrauschen lassen; jetzt wurde
mir auch noch das Vergngen zu teil, der nheren Vorstellung zwischen den
beiden jungen Leuten anwohnen zu drfen. Darauf aber empfahl ich mich, und
Gertrude Tofote sagte:

Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!... und ich htte so
vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch hufiger in der
Gesellschaft!

Ich hoffe das, sprach ich und zog mich zurck mit einer hflichen
Verbeugung. Auch die gndige Frau grte und der Vetter gleichfalls. Im
Zurckweichen sah ich noch, wie die schne Dame sich gegen das junge
Mdchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit:

Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne
sehr viele Leute.

Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schne
stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe
eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud
Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Da die gndige Frau
sich auch meiner aus frherer schnerer Zeit erinnern mute, stand mir in
unumstlicher Gewiheit fest. Doch davon spter. --




Achtzehntes Kapitel.


Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen.
In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem huslich in der Stadt
eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den
Meister Autor abgeschickt, hatte die hbsche Gertrud im Schoe der besten
Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schnen Witwe Christine von
Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berhrung -- angenehme
Berhrung -- gekommen, und sa am neunten Tage auf meiner Stube und an
meinem Schreibtische in der festen Gewiheit, da nicht alles gut war --
weder was mich selber, noch was die andern anbetraf.

Sehr unbegrndet rgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus
den mitgeteilten stichhaltigen Grnden nichts von sich hren lie. Dem
Steuermann ging es schlecht; dem Tchterlein des Frsters Arend Tofote ging
es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die
einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und
also auch sich in es zu schicken wute, und -- -- andere Leute auf ihre
Seite hinberzuziehen wute.

Es ist eine im Grunde lcherliche und dem denkenden Menschen auffllige
Tatsache, da je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den
Bedingungen desselben wchst, in demselben Grade das Vergngen und Behagen
dran abnimmt. Denn wenn auch in frheren Epochen die Menschen es sich
gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es
behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive
Bewutsein dieser groen Mhe, und das haben wir jetzt im vollsten Mae,
und das ist das Elend! Darber habe ich lange und tief nachgedacht, auch
kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob
befragt, und nachdem auch sie lnger und genauer darber nachgedacht
hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite
angesehen und sind -- wieder an ihre Geschfte gegangen. Wer Ohren hat zu
hren, der hre, und nehme Rat an und setze sich hart! -- ein Schemel von
weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der
Menschheit noch helfen kann. Bitte Platz zu nehmen, sagt der Mann aus
Sinope; und: Bitte Platz zu behalten! sagte schon lange vor ihm der
Prediger Salomo; -- Wer aber stehend besser hren kann, den soll man
gleichfalls nicht hindern! sprach lange nach den beiden der heilige Simon
Stylites, der syrische Mnch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt
Antiochia; -- ich persnlich setze mich selbstverstndlich am Schlusse
dieser Historia so weich als mglich. --

Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht
ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht
bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und krperliche
Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener
Freiheit hinzugeben. Mit diesen und hnlichen Gedanken, wie man das nennt,
beschftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die
Daumen umeinander, als es an meiner Tr pochte.

Es klopft hufig an meiner Tr, wie der Leser bereits erfahren hat, und
ich pflege mich nie durch ein Nicht zu Hause zu verleugnen; den Kreis
meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehrte
der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister
Autor konnte mir niemand gelegener kommen.

Der Teufel, dem das weieste Weiberfleisch nicht zu wei und zu zart und
nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten
hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bhne erscheinen; aber schwrzer
kann er sich unmglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch.

Ceretto! Signor Ceretto! rief ich. Von Allen aller Hautschattierungen
mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge!
mein unstrflicher thiopier aus dem Schsselkorbe zu Bremen, -- seid Ihr
es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gercht, wandelt Ihr
wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser
schlechten Welt die Stange zu halten?

An jedem Ende einer, lachte der Schwarze, den schlossenweien wackelnden
Haarwulst mir entgegenschttelnd. Und sie springt, Herr! sie springt gut
und berschlgt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum
besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute
noch mein Vergngen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen
vorbringen mag.

Und wie er sich konserviert hat! rief ich, entzckt und zrtlich das
schwarze Greuel in die Arme fassend. Seine siebenzig Jahre hat er bald gut
auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Fen! wie sieht er noch aus
den Augen!

Und erst der Magen, Herr, grinste der Alte, den zahnlosen Mund vor
Behagen so weit als mglich ffnend. Ich brachte ihn schwach mit auf die
Welt, den Magen, aber die Migkeit und solide Dit hat ihm und mir
durchgeholfen. Die Leute sollten nur recht wissen, wie gut einem das
Feuerschlucken, Sbelklingenverschlingen und Lebendige-Kaninchen-fressen
tut; -- wahrhaftig, sie lieen sich bald viel mehr auf den Jahrmrkten als
in den Bdern sehen. Da mu man in seiner Jugend den wilden Indianer selber
gespielt haben, um darber mitreden zu drfen; brigens glaube ich, gibt es
keinen zweiten Menschen, der sich so fest vorgenommen hat, noch einen Blick
in das zwanzigste Jahrhundert zu tun, wie ein gegenwrtiger Wichselmeyer,
Signor Ceretto Meyer aus Bremen.

Und nach einem zweiten gleich gebildeten Mohren, Neger oder Nigger wird
man gleichfalls lange suchen drfen! rief ich lachend. Da Sie Ihre
Ditetik aus sich selber haben, wei ich; aber woher Sie den Blick in das
zwanzigste Jahrhundert nehmen, das mag der Teufel raten.

Danke, Mynheer. Vielleicht kommen Sie noch dahinter; verlieren Sie nur den
Mut nicht. Ei freilich, wir haben unsere Gelegenheiten, uns zu bilden, und
nehmen sie auch wahr; sonst aber, verehrter Herr von Schmidt, lassen Sie
sich jetzt vor allen Dingen sagen, da ich diesmal nicht aus eigenem
Antrieb die Ehre habe, sondern mit einem Kompliment und einer Bestellung
geschickt werde. Wenn Sie es gtigst erlauben, will ich ein andermal --

Aus eigenem Antrieb kommen und vorlieb nehmen; -- natrlich. Wer aber
schickt Sie heute denn, alter Freund?

Da verwandelte sich das breite Grinsen auf der uns Japhetiden trotz allem
stets so verwunderlichen Physiognomie des Sptters Ham in sein
vollstndiges Gegenteil.

Sie! sagte der Mann aus dem bremischen Schsselkorbe kurz.

Sie? ja freilich sie! Das lt sich wohl erraten, ohne da man lange
darber nachzudenken braucht. Was wnscht das Frulein?

Ich hatte dem Greise meinen weichsten und bequemsten Sessel zugeschoben,
und da sa er, eine wahre, wirkliche echte Meraritt, den Kopf zwischen
den Schultern und nur das Weie in den Augen zeigend -- eine Raritt, auch
fr die Bchermesse.

Was wnscht das Frulein, Ceretto?

Das ganze Elend Hams, nachdem der Vater Noah das Seinige gesagt hatte, sah
mich aus den Augen dieses Mohren an, als er endlich erwiderte:

Vielerlei. Das heit, wahrscheinlich sehr vieles; -- vor allem andern aber
wnscht sie, da Sie die Freundlichkeit haben mchten, morgen abend eine
Tasse Tee bei ihr zu trinken.

Mit Vergngen! sagte ich, zustimmend das Haupt neigend. Der Wunsch mag
dem Kinde in Erfllung gehen; aber, Freund, da ich Euch habe und halte,
lasse ich Euch nicht eher wieder, bis ich -- ein wenig genauer wei, wie
Euer Leben verlaufen ist, -- seit -- seit jenem Tage, an welchem Ihr uns
ber Mynheer van Kunemunds Gartenhecke aus unserm Suchen nach der Erbschaft
Mynheers in dieselbe hineinwinktet.

Ich habe eben mit zu der Erbschaft Mynheers van Kunemund gehrt, mein
Herr.

Wahrhaftig! und Sie und unser schnes naives Waldkind wohnen mit der Frau
von Wittum unter _einem_ Dache. Der Frster ist tot, der Meister Autor
haust einsam und geheimnisvoll in seines Vaters Htte, und Herr Vollrad von
Wittum kommt von Berlin, um sich der Gertrud vorzustellen zu lassen:
weshalb, weshalb und hundertmal weshalb dieses alles?! Wir leben in Tagen,
denen es auf eine genaue Einsicht in die Dinge berall im hohen Grade
impertinent ankommt, und Sie, Ceretto, sind der Mann, der diesmal hier die
ntige Aufklrung geben kann. Nehmen Sie eine Zigarre!

Der Alte griff dankend in das angebotene Kistchen und sagte lchelnd:

Wenn ich nur das erzhle, was ich wei, so nehmen Sie mir dieses wohl
nicht bel?

Die Frage tut man auch nur an einen, den man bereits genauer kennt. Ich
werde es nicht bel nehmen; aber Ihr habt Glck, Wichselmeyer; Tausende
wrden es sehr bel nehmen und allem Eurem Widerstreben zu Trotz alles
Mgliche in Euch hineinfragen.

So ist es, sagte der Schwarze, kommen wir also wie alles Gute und
Verstndige schnell zu Ende. Es war ein zierlich, einfach, niedlich Ding,
Herr, was Sie in unsern Garten einfhrten, und es kam in glcklicher
Begleitung, aber es ging unsichtbar hinter ihm etwas, was nicht zur
Gesellschaft gehrte, was sich aber, wie Sie wissen, merkwrdig fein und
frech aufzudrngen versteht, bis es alles, was es nicht auf dem Wege vor
sich brauchen kann, richtig und ruhig im Graben hat. Wir aus der
Bedientenstube sehen es hufiger, als die Herrschaften meinen, die Treppe
hinaufschleichen; und wenn wir es zu melden haben, oder ihm nachher in der
Garderobe den berrock hinhalten oder den Schal umhngen, so zahlt es
meistens durchaus nicht die schlechtesten Trinkgelder.

Signor Ceretto, Ihr seid ein groer Mann! unterbrach ich in vollster
Bewunderung.

Das heit, wir haben die Jahrmrkte und Messen bezogen, sind alt geworden
und jung geblieben -- Herr, man kann das letztere auch, ohne auf dem Markte
ausgestanden zu haben -- der Herr Autor Kunemund kann sich in der Hinsicht
auf das Aushngeschild malen lassen -- na wie ist's, was das anbetrifft,
darf man Sie doch mit der Trompete vor die Bude schicken?

Sie sind ein groer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen -- was
wollen Sie mehr?

Die beiden alten Herren, der Frster Tofote, der Meister Kunemund und --
ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den
Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls,
obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen htte tun knnen,
wenn er nicht im natrlichen Lauf der Dinge den vernderten Umstnden
gegenber sofort so sehr verdrossen und unertrglich geworden wre. Er ging
schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der
Teufel hole ihn dafr.

Das hat er bereits so halb und halb besorgt; -- erzhlen Sie weiter,
Ceretto.

Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele
Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns -- uns hat er
am Kragen und hlt uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erklre
weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon
berhmt dafr war. Also wir drei Alten mit dem Frulein waren nun allein
unter uns -- eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch,
ohne da wir das Frulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in
die Huser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das
Schlimme dabei war nur, da das Frulein binnen kurzem sich ein
Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschft schdigte und uns den Stuhl
vor die Bude schob, natrlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr,
Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an
unserm Glck innigen Anteil zu nehmen, das heit ihren Anteil! Ich htte
Sie wohl dabei haben mgen, um den Spa anzusehen. Fr einen, der nichts
damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust,
denn die drei -- der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die
unmndigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig
schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht,
aber hier zog sich das Vergngen lnger hin, und was das gndige Frulein
angeht, so --

Hier griff sich der Greis so komisch-klglich in die weie Wolle und
seufzte so gewaltig, da ich schnellstens in der Phantasie nach dem
Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch
an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten
Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken.

Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben, fuhr mein
so sehr europisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. Erst
nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was fr eine
Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden
sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr bel roch, --
Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten
zwar unsere Advokaten dafr; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch
niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu mssen, das wie die Regenwrmer
bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Groer Barnum, jetzt
erst kam es so nach und nach heraus, was fr ein Geschft der Erblasser
selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an
Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, -- wir fanden
sie von allen Sorten -- ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer
aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und
kurioserweise zeigte es sich bald, da das, wobei den zwei alten Herren
bel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht
machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute
Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon
vorher gewut htte, was fr ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine
Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wre es mir jetzo wie durch ein
Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach
vergrerte Ksemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van
Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus
einem solchen Vergrerungsglase sein Dasein zog, gereist und mu das
wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau berlegt -- er
berlegte sich alles genau -- und sein Vermgen war in den besten Hnden.
Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu
rgern, und er rgerte ihn grndlich.

Sie sind ein groer Mann, Ceretto! sagte ich leise, und viel mehr zu mir
selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte
und fuhr im klglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch
eine Frage zu unterbrechen:

So lebten wir denn vergngt hin ... Entschuldigen Sie, haben Sie sich
nicht wie die andern auf der Stelle in die gndige Frau verliebt?

Die gndige Frau? Frau Christine von Wittum? ... bei allen Fetischen Ihrer
Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf -- es ist eine schne Frau --
ein schnes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewut.

Sie ist die Hexe in der Geschichte -- aber es ist eine junge und hbsche
Hexe, das mu ihr der Bse lassen; -- die beiden alten Herren aus dem
knstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr Autor
Kunemund zuerst.

Wieso?

Er verlie uns zuerst; das heit, sie jagte ihn zuerst zur Tr hinaus. Der
Herr Frster Tofote ging erst, als von der Gesellschaft der erste Baum im
Garten niedergehauen wurde, und die neue Strae ber die alte Hecke, ber
die ich Sie bewillkommnete, sich hinlegte. Der Herr Autor brannte bei
dunkler Nacht durch, aber der Herr Frster ging am hellen Tage, und die
gndige Frau und das gndige Frulein brachten ihn zrtlich zur Eisenbahn,
und ich besorgte ihm sein Gepck. Es war am besten so, denn den Tag darauf
kamen die Maurer, um das alte Haus im Garten niederzureien, und im Hause
der gndigen Frau wrde der Herr Frster sich doch wohl ein wenig
unbehaglich gefhlt haben. In dem hundertjhrigen Garten aber sind auch
nicht immer unschuldige Kinder- und Schferspiele aufgefhrt, also fort mit
ihm! das war meine Ansicht von der Sache, und da meine Hautfarbe der
gndigen Frau konvenierte, so blieb ich und ging mit, denn ein Esel war ich
nicht, und in des Meisters Kunemund Dorfe wrde ich ein recht liebliches
Dasein gelebt haben, wenn ich da den Tee htte prsentieren wollen. Also
--

Also? ...

Bin ich hier und lade freundlichst ein, morgen abend eine Tasse Tee bei
dem gndigen Frulein zu trinken und -- wie man hier und da in der Provinz
sagt, mit _uns_ vorlieb zu nehmen.

Wrden Sie mir raten, die Einladung anzunehmen, Ceretto? fragte ich
nachdenklich.

O gewi! Ich an Ihrer Stelle wrde sicherlich hingehen, -- schon des
Herrn Meisters und des seligen Herrn Vaters wegen wrde ich mir den Spa
ansehen. Es ist eine Hauptkomdie! -- in meinem ganzen Leben bin ich noch
nicht so an meinem Platze gewesen, wie jetzo in dieser gegenwrtigen
Kondition. Kommen Sie unter allen Umstnden; Sie finden auch sonst bei uns
die schnsten Leute der Stadt, und da Sie unserer gndigen Frau nicht
bermorgen einen Heiratsantrag machen werden, davor sind Sie noch gar nicht
sicher; denn wenn die Gndige ihren Kopf darauf setzt, so darf ich heute
schon gratulieren. Mir ist es mit ihr grade ebenso ergangen.

Ceretto?! stammelte ich, im Gemte schwankend zwischen Schrecken und
Heiterkeit; aber die letztere siegte ob, und ich rief lachend:

Ich komme! ich komme! verlassen Sie sich drauf, Sie dunkelfarbiges
Meungeheuer!

Es wird uns eine groe Ehre sein, sprach der Mohr aus dem Bremer
Schsselkorbe mit der ernsthaftesten Miene; dann aber grinste er in einer
Weise, die die Wand ihm gegenber htte anreizen knnen, dasselbe zu tun
und einen Spalt zu erzeugen, querber von der Decke bis zum Fuboden. --




Neunzehntes Kapitel.


Ich lie mich erkundigen, wie es dem Steuermann Schaake gehe, und erhielt
die Antwort: Schlecht! -- Er liege im argen Fieber, berichtete mein Bote,
-- er spreche das tollste Zeug und halte sich meistens auf dem Wasser auf.

Mein Bote selber hatte ihn, von der Tr aus, reden hren.

Es wird einem ganz schwindlig dabei zumute, sagte er. Der alte
Hafenkapitn aber hatte geweint und lie sagen: wenn es mir mglich wre,
so wrde es ein Trost im Hofe sein, wenn ich noch einmal im Laufe des Tages
vorsprechen wolle.

Ich ging am Nachmittage und ging ebenfalls aus der langweiligen
Dasselbigkeit des Daseins, aus der Trivialitt der Werkeltagswelt und des
Alltagslebens hinaus auf die hohe -- hohe See.

Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und
majesttisch vornberbrechenden Wogen heran, die groen Wasser. Sie wlzten
sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der
Marina spricht; aber es war eine Tuschung, da die Wellen den, der sich in
sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand
zurckbringen wrden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Fe vom
Boden weg, hoben und trugen ihn -- aber sie spielten mit ihm; nicht er mit
ihnen! -- nur die Leichen und Trmmer kamen zurck an den Strand.

Es war hei in den Gassen der Stadt, aber khl in dem dunkeln
mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See trumte. Ich
sa am Bette des fiebernden Kranken zu Hupten, die Muhme zu Fen, und
sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen
Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schrze
ber den Kopf gezogen und den Mut verloren.

Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die rzte
sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedmpften Tone. Sie
hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und
gestatteten sich bereits vor der Tr die Bemerkung, da dieser Mann von
Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande
htte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. --

Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heie Hand
entgegengestreckt und gerufen:

Das ist schn! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll-
und Hafenbehrde; -- alles fertig -- mit der Ebbe seewrts, und -- hoffe,
Maat, da Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eine
Sternschnuppe sieht.

Ich sagte natrlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuen
Welle weiter von mir weggezogen, schttelte heftig den Kopf:

Da! ich sagte es doch, -- steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben
wir's -- groe Royalrah zum Teufel. Wie gut, da _sie_ es so gut am Lande,
im Walde hat, -- wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne
hinter den Bschen anschlagen hren knnte!.. Was?.. und das schon die
Berge von Ceylon?... eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke
drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, da man den Wald vor Bumen
nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.

Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien
mithernehmend:

Es ist doch schn im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote -- man mu
die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud --
unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben
mir gesagt, der Herr Frster sei gestorben; aber das ist blo der Nebel auf
dem Meer -- die bezogene Luft -- sehen Sie, Kapitn, wie ich es gesagt habe
-- gegen Abend schnes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und
-- da stehen wir dicht unter der Kste von Travancore, es wird sich schon
machen, Supercargo, da wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen
sehen.

Nun hren Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehrt? flsterte die Muhme Schaake
in einer Pause, whrend welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber
nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing
bald wieder an, von neuem zu reden.

In Arabien erzhlt man Geschichten; die Bcher von den tausend Nchten
sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbnke und blinden Klippen! die
ganze Kste von Aden soll zur Hlle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud
kommt so her wie aus dem arabischen Mrchen und -- Mynheer -- van Kunemund
auch; -- wir gingen alle in den schnen Garten -- Schiff glatt vor dem
Winde unter beiden Marssegeln, und wre der Stein der Abnahme nicht
gewesen, so htt' mir kein grerer Spa widerfahren knnen. Hab' ich's
nicht gesagt, Kapitn? von Aden an Sturm, -- da haben wir's, und das
Kajtendeck fngt sofort an zu lecken -- warmes Regenwasser in den Grog --
und da -- Bab el Mandeb -- das Tor des Todes!... ich wollte, wir sen
sicher auf dem Lande und wr's auch bei Dscheddah in der Wste auf Mutter
Evas Grabe!

Das mu man nun anhren! klagte die Muhme Schaake. Von Mutter Evas
Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu
sprechen. Er mu wohl einmal dagewesen sein; -- o lieber Herr, manchmal hat
er whrend der letzten Tage frchterlich auf die Weiber geschimpft, der
arme Junge. Ich habe es ihm fr meine Part nicht belgenommen, von mir
mochte er sagen, was er wollte; aber er mu uns auch wohl von allen Farben
gesehen haben -- schwarz und gelb und braun -- von den melierten und den
weien gar nicht zu reden.

Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mute doch wohl etwas von den
Worten der Greisin sich in seinem Bewutsein festgehkelt haben; er sprach
aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer.

Es wre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Bses htte
sagen wollen, bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn -- bei Mutter
Evas Grabe, ich sah pltzlich die Hexe vor mir -- ja die Hexe im Mrchen --
hbsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, da sie mich
auf morgen abend zum Tee eingeladen, und da ich dem Zaubermohr Signor
Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen.

Eine ziemliche Zeit saen wir einander nun stumm gegenber, die alte Frau
und ich, und horchten den keuchenden Atemzgen des Verwundeten. Dann
flsterte die Greisin:

Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt mte er doch Ihren Brief
lngst erhalten haben.

Ich konnte nur die Achseln zucken:

Man wei eben nie, was anderen Leuten passierte, whrend das Schicksal
einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt,
werde ich zu ihm gehen.

Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten! rief die Alte. Sie verdienten sich
einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort
sagen knnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge
von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem
Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, da Sie doch ganz von selber
darauf gekommen sind, -- von meiner Seite wre es zu unverschmt gewesen,
Sie darum anzugehen.

Ich wies diese gute Meinung natrlich mit Wort und Gestus weit von mir.

Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harte
Sturmbe dicht vor dem Ankerplatz; -- werden uns dem Hafenmeister mit allen
Segeln in Fetzen prsentieren! rief der Steuermann, und die Alte mit dem
Schrzenzipfel wieder vor den strmenden blauen Wunderaugen flsterte:

Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu
mssen!

Ich ging bald, und sa den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den
geharnischten Geist des alten Dnemark ber die Bretter schreiten, hrte
das: Sein oder Nichtsein -- sah die Komdie in der Komdie, aber sie
spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaen,
und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfltig vor. Wer hebt die
Grten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? --




Zwanzigstes Kapitel.


Also die Hexe -- die Hexe im Mrchen, die junge schne Witwe eines wahrlich
nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen
Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad
herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gnschen Trudchen
Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten.

Der Mohr hatte es gesagt, und mir trumten in der Nacht, die diesem
Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann
Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hten, das, was ich
sah, hrte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine
Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir
schon einmal quer ber den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue
Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten
mich natrlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spa an der Verzckung
gehabt, in welche sie mich versetzte.

Und neulich hatte sie ebenso selbstverstndlich nicht das mindeste von mir
gewut, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem
ganzen brigen Universo unverstndliche Fcherbewegung merken lassen, da
-- sie mich sehr wohl kenne, da ich ein guter alter Bekannter von ihr sei.

Die schne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich
verfgte mich nach der Hhle der Hexe, die natrlich nicht in der Mitte des
Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten
Quartiere.

Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an
dem Cyriacushofe vorberfhrte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens
an der Tr Erkundigung ber den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt
an der Tr, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die
Luft, was soviel heien sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den
irdischen Behrden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten knnte; der
Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung.

Dabei fhlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und
ging: ich aber hrte von der Tr -- wie gesagt -- aus, wie der Steuermann
mit klarer Stimme rief:

Da haben wir die rote Tonne! und dann den Lotsengru:

Willkommen in See!

Ich wich zurck, ohne die Base Schaake begrt zu haben; ich traute mir
nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann
nicht sagen, ob ich mich richtig und verstndlich ausdrcke; aber die
Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich
kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begrbnismig frisiert
vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr
weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Frsters Arend
Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschftigend -- wenigstens
bis zum Anhalten des Wagens und whrend des ersten Teiles des Abends.

Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddmmerung entgegen,
und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede vernderte
Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle vernderte
Bhnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das
vergrillteste Gemt Wunder zu wirken vermag, -- was ich brigens hier
durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorfhre.

Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurckwich, als
ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten
schwarzen Freunde begrt.

Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen frh, und das
ist recht hbsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwrdig weichen
Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.

Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tr geffnet, und nach einem
Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Frsters Tofote in einem
ziemlich gerumigen, glnzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten
Gemache. Ganz reizend sah das junge Mdchen in ihrer bunten, blendenden,
aber durch das verschiedenartige Grn vieler kunstvoll zusammengestellter
knstlicher Grtnergewchse gesnftigten Umgebung aus, und einen Moment
lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl
in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr.

Dieser Herr Vollrad von Wittum wr ein Urnarr, wenn er nicht bleiben
wrde, sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Frulein mir
entgegentrat, mir die Hand bot und sagte:

Es ist sehr freundlich, da Sie meine -- unsere Einladung nicht
ablehnten.

Haben Sie das glauben knnen, gndiges Frulein?

Es war eine etwas heie Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind
sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte
durch das Lcheln, in welchem Gertrude meinte:

Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschftigt -- so sehr
in Anspruch genommen. Nur wir -- haben immer Zeit.

Wer wir, mein Frulein?

Ich! sagte das Waldfrulein. Ich habe Zeit -- o, ich habe viele Zeit!

In diesem bunten Dasein?

Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch
allein, -- die brigen Herrschaften, welche die Freundin lud --

Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in
einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur
durch eine einzige aus einem Lilienkelche zngelnde Flamme erhellt wurde.
Da fand ich denn bald im Laufe des Gesprches, da sie beide lebten wie sie
muten -- der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und da der
Garten versunken war, wie die Grten eben versinken; der Garten Mynheers
van Kunemund ganz beiseite gelassen. --

Wir unterhielten uns ber dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit
lngerer Zeit daran gewhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so
tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewhnlichen
Gesellschaftslcheln bringen zu knnen. Ich erzhlte von meinem Briefe an
den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen msse, da wir bis
jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, da ich nunmehr
morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persnlich nach den
Grnden seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte:

Er hat vielleicht wieder etwas belgenommen!

Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm, erwiderte ich
hierauf. Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas bel,
Frulein?

O -- nein, stotterte die Waldelfe, andern Leuten nicht; aber -- aber
mir. Er wei sich so schwer in die selbstverstndlichsten Dinge zu finden,
und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht
einzig und allein dafr. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wre manches
anders in der Welt!

Wer wnschte das nicht, mein Frulein? rief ich hflich, und dann wurden
wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die
urlteste Kinderweisheit der Welt in den urltesten Fassungen,
Redewendungen und Sprichwrtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden
unter den Fen weg und abhanden gekommen war, und wir die See -- den
Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in
seinen Fieberphantasien.

Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern! flsterte
Trudchen Tofote. Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir
so leid, so sehr leid! Wre ich auch ein Junge gewesen, so htte ich mit
ihm aufs Schiff gehen knnen; aber wir machen uns ja nicht selber, und
jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem
seiner schlimmsten Wirbelwinde und Strme erzhlte, wenn er nachher vom
Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.

Es kam mir vor, als spre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf
der Brust. Die Frau Christine wrde die Ausdrucksweise ihrer jungen
Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich
entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwlen
Seufzer sagte:

Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafr? Wer will denn grade von
diesem kleinen Mdchen verlangen, da es das Universum ber den Haufen
werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung berspringe?

Wir sprachen nun davon, wie liebenswrdig und gutmtig die Frau Christine
von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem
Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm
Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gesprch hineingeraten, da wir
gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemcher jenseits des purpurnen
Trvorhanges allmhlich mit den brigen Gsten gefllt hatten, und da
unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwrtig
war.

Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte
ich gesagt: Aber mein Frulein -- mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht!
ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr! als der rote
Vorhang pltzlich zurckgeschoben wurde, die schne, schlimme, lustige Hexe
-- die gndige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem
lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und frhlich rief:

Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld
zu Ende, und ich ertrage es nicht lnger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch
gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht.
Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, -- wir!

Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und
sah wundervoll aus in ihrer ppigen, reifen Schnheit. Das bleiche,
nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber
das Taschentuch auf das Gesicht gedrckt und war hastig durch eine
Seitenpforte entschlpft. Was blieb mir brig, als der Frau Christine den
Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast smtlichen geladenen Gsten
angefllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas
peinlicher bergang aus der Dmmerung in die glnzendste Helle; aber es war
doch ein Vergngen -- ein gar nicht zu verachtender Genu.

Es ist zu drollig, lachte die Hexe, da sitzen sie wie ein Liebenspaar,
diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fliet! Was
haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Tchterchen?
Etwa die nmliche Anlage zum klglichen oder verlegenen Anstarren des
Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir knnen,
und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das
augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl,
Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knpfen eine Parabel
daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhngen; -- o,
ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war
die hchste Zeit, da wenigstens fr diesen Abend eine verstndige Frau dem
Trbsal ein Ende machte?

Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt htte, wrde ich es nur zu gern
hingegeben haben, -- aber sie hatte recht, die Hexe -- in diesem Moment
gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte
ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lcheln, bot der Dame
den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer.

Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewut
hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darber verwundern, wieviel
doch Tag fr Tag auf Erden vorging, worber sich reden lie. Selbst
diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur
in der festen berzeugung, da sie sich nur deshalb still langweilten, weil
sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die brigen Herrschaften erlebt
und tiefer darber nachzudenken htten.

Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie
wute es so ziemlich allen ihren Gsten behaglich zu machen, und mir machte
sie es sogar gemtlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr
Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein bler
Mensch, -- wenigstens was die Hauptsachen, das Gemt und das Herz anbetraf.
Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz.

Was wollen Sie? sagte sie. Kann er denn etwas dafr, da er noch nicht
Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?

Dagegen lie sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal
mute ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schne,
ebenfalls lachende Hexe meinte:

Sehen Sie, ich habe es gewut, da es Ihnen endlich bei mir gefallen
wrde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, da das eine
griechische Beschwrung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit
gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen
Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie,
Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu
Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute
gekommen: =Duc ad me!=

Wenn ich das nicht gewut hatte, so mute es mir jetzt ganz und gar klar
werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter -- die
golddurchwebten Purpurfden, die sich um die Seele legen, leise,
unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=,
=blandula= kein Glied mehr regen kann, die prchtige Blutsaugerin nach Mue
und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hlse im
Busch und Gewebe hngen zu lassen, da eine neue Schmetterlingsgeneration
in einem neuen Frhlinge sich ber sie verwundere und lache.

Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Merarittenzelt in
die Trompete gestoen oder durch das Sprachrohr gebrllt hatte, durch den
Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er
grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das
zuletzt soviel als mglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als
die gndige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr
liebenswrdig zeigte, brachte er einen Prsentierteller mit irgendeinem
angenehmen Getrnke und flsterte mir dabei zu:

Nun? haben Sie es ihr gesagt?

Ich glaube wohl, murmelte ich, eines der Glser nehmend, um es ihm
symbolisch an den schwarzweien Wollkopf zu werfen.

Haben Sie es beiden gesagt?

Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt! murmelte ich weiter, und --

Sehen Sie wohl! Was habe _ich_ Ihnen gesagt? flsterte Signor Ceretto
entzckt ber seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung,
whrend ich lchelnd mich immer heftiger ber die Impertinenz des schwarzen
Gesellen rgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter
Mefratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden
schnen weien Herrinnen -- uns alle zu bersehen.

Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken lie, so mischte ich mich
nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrte und unterhielt
mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch
etwas hchst Sonderbares.

Man unterhielt sich natrlich ber mancherlei; auer den Tagesneuigkeiten
wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an
den Haaren. Vorzglich hielt ein ltlicher, behbiger Herr stets einen
Kreis von Zuhrern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich
fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau
Christine zugerufen hatte:

Ich mu mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen
ihr bse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht grndlich verdorben zu
haben, mein Herr.

Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des
Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von
Wittum:

Das ist in der Tat auerordentlich interessant! --

Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad auerordentlich und
auergewhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer
wohlbeleibten Dame ber die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben
unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrckte mit Mhe einen
hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens:

Der Stein der Abnahme!

Bei allen Gttern und Gttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und
des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das
einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der
Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus
dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als
gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer
nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen
Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich
mehr fr den augenblicklichen Inhaber.

Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist krzlich, das heit vor einigen
Jahren beim Bau einer neuen Strae unserer Stadt in einem trockengelegten
Wassertmpel gefunden worden, erzhlte der glckliche Besitzer und
Sachverstndige, und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig.
Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin -- an diesen
seinen jetzigen Fundort?

Die Damen wuten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die
Mhe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich
selbstverstndlich ruhig und lie die Gesellschaft raten.

Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr
unseres Gemeinwesens im Mittelalter, sprach triumphierend bescheiden der
archologische Sachverstndige. Aus den Hnden hanseatischer Schiffer ist
es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines
kunstsinnigen Patriziers der Stadt bergegangen, und --

Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen, meinte
Herr Vollrad von Wittum.

Wahrscheinlich, erwiderte der Besitzer etwas trocken, lassen wir das
doch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und
fr sich sehr merkwrdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte,
stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder
Tausches her, sondern --

Sondern? rief ich im hchsten Grade auf die Erklrung gespannt.

Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng
hieratisch-domestikalen Amulet -- arabisch =hamala= -- zu tun.

Was Sie sagen?! rief ich unwillkrlich ber die Schulter der noch immer
vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame.

Gewi, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber --
ein glckbringender Zauber, den die Braut dem Brutigam am Polterabend --
auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen --
in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht
unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im
verstecktesten Winkel seines Hauses -- seiner Bambushtte. Sie nennen das
den Apfel des Glckes, und ich jedenfalls bin glcklich, ihn in meinen
Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften.

Und bitte, Herr Professor, fragte die vor mir stehende Dame lchelnd, da
Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentmlichen Zauber
jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, -- nicht
wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen
Abend vergeblich nach ihr umgesehen.

Abhaltung, meine Gndige -- eine sehr groe Wsche, und sonstiger
mannigfaltiger huslicher Verdru, stotterte der Gelehrte, und jetzt
lchelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu
lcheln.

Mein verehrter Herr, wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des
Apfels des Glckes. Sie legen einen groen Wert auf dieses geheimnisvolle
Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen knnten, welchen Wert
ich unter Umstnden darauf legen knnte, so wrden Sie gewi nicht
anstehen, mir es abzulassen oder auszutauschen. Sie wissen, da ich als
Erbe eines verrckten, gleichfalls archologischen Onkels in den Besitz
einer Kollektion von Intaglien gekom --

Ich wei das freilich, aber ich mu in diesem Falle doch herzlich und
freundlich danken, erwiderte der wrdige Inhaber des Apfels des Glcks ein
wenig sehr verdrielich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in
welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmtige, behagliche
Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der
Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten,
mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In
demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in
einiger Aufregung an mich heran und flsterte mit hastig-energischer
Betonung:

Es ist eigentmlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mhe ich
mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe
ihr ein Billett gebracht, worber sie heftig erschrocken sei, und dann habe
sie in groer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt,
und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fhlen Sie sich fr
diese Vorgnge mir verantwortlich, mein Herr?




Einundzwanzigstes Kapitel.


Ich gab rasch den Apfel des Glckes zurck in die Hand des Professors, der
ihn schnell, zrtlich und vorsichtig wieder in seine Hlle von Seidenpapier
einwickelte und in der Brusttasche seines Frackes barg. Der wrdige
gelehrte Herr hatte uns seinen Vortrag gehalten, wute ganz genau, was das
Ding bedeute, und mochte also die Folgen seines Besitzes tragen.

Sie haben die Hand in alledem! leugnen Sie es nicht! flsterte mir die
schne Hexe scharf zwischen den Zhnen durch ins Ohr, und ich hatte mich zu
sammeln, ehe ich imstande war, es unter nachdrcklichstem Kopfschtteln in
der Tat zu leugnen.

Dann begreife ich nichts davon! rief die Frau Christine. Aber wenn ich
nicht dieses dumme Volk, das ich mir jetzt zu meinem Verdru auf den Hals
geladen habe, anzulcheln und zu unterhalten htte, so wte ich wohl, was
ich tun wrde.

Und was wrden Sie tun, Gndigste?

Ich wrde einen Mondscheinspaziergang wie die alberne Dirne, das Trudchen,
die Gertrud machen, und -- Sie zur Begleitung mit mir nehmen.

Ach! wrden Sie?... Ja, aber beste Frau, dann bitte ich doch meinerseits
um Aufschlu ber das Verschwinden unserer kleinen Freundin. Gndigste, Sie
wissen es, wohin das Kind gegangen ist, seinerseits meinen Freund, Ihren
Mohren Ceretto, als Begleiter mit sich fhrend.

Wohin Sie es doch geschickt haben! zischelte die Hexe bse, wendete sich,
trat zum Professor und bat lieblichst lchelnd:

Teurer Freund, was habe ich versumen mssen? Ist es gar nicht mglich,
da ich es noch nachhole? O bitte, bitte, jetzt lassen Sie mich doch auch
betrachten, was Sie vorhin den Herrschaften zeigten. Wahrhaftig,
Doktorchen, ein Kreis, der Sie nicht in sich schliet, entbehrt seiner
besten Zierde, wie ein Kranz, in dem die Rose fehlt.

Es war ein Glck, da unsere gute Charlotte, durch ihre groe Wsche im
Hause festgehalten, das wonnige Lcheln nicht sah, mit welchem der Gelehrte
sich vor seiner schnen Wirtin neigte, das selige Behagen, mit welchem er
seinen hieratischen Glcksapfel von neuem aus der Fracktasche und dem
Seidenpapier hervorholte. Ich aber verlor mich aus dem zierlichen Getmmel,
nachdem ich mich mglichst in demselben verloren hatte. Ich machte den
Mondscheingang, den die wundervolle Hexe leider oder auch vielleicht
glcklicherweise anzutreten nicht imstande war -- weil -- sie ihre Gste
anzulcheln hatte. --

Er war den Gaskronen und den aus Glaslilienkelchen leuchtenden Flammen zum
Trotz aufgegangen, der Mond, der deutsche Mond, und schien voll und rund
auf die Dcher und in die Gassen der alten Stadt, sowie auf ihre neuen,
modernen Teile. Da das Haus der Hexe in der allermodernsten Vorstadt lag,
verstand sich von selber, und jetzo lag es auch hell im hellsten
Mondenschein, oder wenn man will, romantisierten Sonnenschein: es mute ein
ausgezeichnet verstndiger, klarer Tag auf dem Monde herrschen und das
Wetter dort himmlisch vernnftig sein. Die andere Seite der
Promenadenstrae lag natrlich tief im Schatten, und ich trat schnell in
diesen Schatten hinein, sah auf die roten Fenstervorhnge in der Hhe,
schttelte den Kopf und seufzte:

Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal
verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernnftigen Menschen in
den besten Jahren grndlich um seine Kaltbltigkeit und alle ruhige
berlegung gebracht hat! Ich htte beinahe hinzugesetzt unglcklich
gemacht hat, erfate jedoch glcklicherweise im letzten Augenblick noch
einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der
Lcherlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von
seinem Rande.

Ich lief durch das Gebsch und um die Blumenbeete der stdtischen Anlagen
bis dahin, wo sich die begleitenden Huserreihen dem Bahnhofe zu
erstrecken.

Es war noch ein spter Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten
an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepck,
ohne solches, oder in Begleitung von Packtrgern in die Stadt hinein. Die
Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das
letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straen
biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben
geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde
zuwanderte, nmlich auf den Meister Autor Kunemund.

Er sah mich natrlich nicht. Er wollte hastig an mir vorber. Er schien es
jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte
warten lassen, und selbstverstndlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm
und hielt ihn auf.

Alle Hagel! was soll -- was ist -- ja, Herr, sind Sie denn das? rief er
anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. Sind Sie es
wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrcken, was fr ein Segen das fr
mich ist, da ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das
nenne ich wahrhaftig eine Schickung.

Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hnde gefat und schttelte sie
krftig.

Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch
klglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hlfeschrei in meinem
Briefe?

Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt --
wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher
liegen -- das macht sich fters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit
der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen mssen,
und das ist wieder eine Geschichte fr sich! Sie sollen sie beilufig auch
ins einzelne hren -- ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komdien an
meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie sa
richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Germpel um sie her; und
eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten
und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich
sie denn endlich glcklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder
einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so -- doch, Herr, von
alledem spter, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, da es gar nicht
zu sagen ist. -- Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen
hat, da ich htte kommen mssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze
seiner ganzen Armee gewesen wre und nicht gewollt htte?! Herr, wer rief
hier um Hlfe? wer ist tot, oder wer will sterben?

Mich berlief es weder hei noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte
ber die Schulter und dann empor und fhlte den leisen, schnen Nachtwind
mehr auf der Stirn und im Haar.

Sind _die_ geheimnisvollen Hnde immer noch an ihrem Werke? Nun, dann
mgen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es
bleibt doch beim alten und die Welt ein groes Wunder!... Mein alter,
teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege
zusammentrafen, kmpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen
schweren Kampf, und es geht ihm sehr -- sehr schlecht.

Wer? wer?

Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Strme
nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglck sind ihm die Fe
zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake,
und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben.

Also das war es! sagte der Meister Autor leise. Ihren Brief habe ich,
wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen
gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; -- o ich habe
eine unbeschreibliche Angst gehabt, da unserm Trudchen etwas Schlimmes
passiert sei.

Wir gingen jetzt rasch vorwrts durch die Straen der Stadt.

Wer -- was hat Sie nach dem Essen gerufen? fragte ich, den Alten im Gehen
sttzend.

Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das wrde mich nicht
verhindern, Ihnen das Ding zu erzhlen, sagte Herr Kunemund. Lcherlich
genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran
hngt! Sehen Sie, die Alte spielte natrlich ihre Rolle dabei; denn die
werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerckt, und
sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich
merkte gleich, da nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon
ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste
Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht
gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen,
sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste
Bemerkung wieder darber. Da ging die Unruhe an!

Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges ber das Feld zur
Eisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher?

Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in
groen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In
der Stube hielt ich es nicht aus, -- suchte also meinen Mittagsschlaf im
Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich
war grimmig ber mich, ber die Alte, ber meine Bauern in meinem Dorfe und
ber ihre in ihrem; ich hielt es nmlich zuerst fr Ingrimm, bis ich
herauskriegte, da es Angst war -- ich sage Ihnen -- Angst, Herr
Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in
der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch
lnger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele
ertragen! Sehen Sie da -- da -- da war es, am hellen Tage, in der hellen
Sonne, da ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde -- und natrlich sagte
ich mir mit dem kalten Schwei auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser
Trudchen! auf das Kind ist ein Unglck gefallen. Herr, lieber Herr, und
einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das
stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich
nicht wieder durchmachen zu mssen.

Fassen Sie Mut, Meister. Wer wei, was Ihr Kommen wenden soll? Wer wei,
wozu Sie -- gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das
schon allein kann Ihnen eine Brgschaft sein, da alles im richtigen
Geleise sich befindet.

Da haben Sie vielleicht recht, sagte der Meister Autor. Seit ich den Fu
aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie
gewhnlich geworden. Seitdem die Alte ber meinen ganz unschuldigen Spa
sofort wieder die Schrze an die Augen brachte und losheulte, als ob der
Bock sie gestoen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte
mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, drnge mich gegen die Wand und
wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoen. Dieser Karl, der arme gute
Junge tut mir mit seinen blutigen Fen, wei es Gott, herzinnig leid, aber
die Hand spre ich nicht mehr im Genick; -- wissen Sie, mit der See und dem
Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu
mir -- wir passen zueinander -- haben aneinander einen Trost und eine
Sttze gegen die Alte, und fhren doch noch ein Leben, das sich tragen
lt!

Mge es so sein, sprach ich in der Seele, doch nicht laut. Wir hatten
jetzt die Altstadt wiederum erreicht und suchten unsern Weg durch die
dunkelsten Gassen derselben, ber ein Pflaster, welches noch nie der Mond
mit seinen Strahlen hatte beleuchten knnen. Beizu erzhlte ich dem
Meister, da ich mit seinem Kinde, der Gertrud Tofote am heutigen Abend
auch bereits zusammengetroffen sei, und er erkundigte sich dringend und
hastig nach dem Wie, Wo und unter welchen Umstnden. Ich gab ihm alle nur
mgliche und rtliche Auskunft, und dann rief er:

Sie werden es unter den jetzigen traurigen Umstnden fr ein Unrecht
halten, da mir immer stiller zumute wird, lieber Herr; aber ich kann
wahrhaftig nichts dafr. Zuletzt ist es doch immer nur einzig und allein
das Kind, welches mir im Sinne liegt. Wenn ich das Kind in Sicherheit und
Behaglichkeit wei, ist mir alles brige nur wie ein Unwetter, das man
unter einem Busch am Wege abwartet.

Nun htte ich dem alten Herrn um keinen Preis jetzt andeuten mgen, da
das Kind sich recht unbehaglich gefhlt habe, als ich vor einigen Stunden
mit ihm zusammengekommen war. Ich sagte ihm auch nicht, wie man dann nach
ihr gesucht habe: vielleicht hatte er selber noch in dieser Nacht
Gelegenheit, sie zu sehen, und mute sie selber ihm mitteilen, wie es ihr
ums Herz war. Hier war wahrlich Magie! ich sah das Erdenleben, wie ein
Taucher das Sonnenlicht in der Tiefe des Meeres schwebend sieht, und wie
pate der greise Zaubermeister aus dem Elmwalde in die Beleuchtung und in
die sonderbare Nacht berhaupt! Nachdem er seine innerste Herzensmeinung
kundgemacht hatte, hatte er auch fr den kranken Steuermann das hchste
Interesse brig; -- er jammerte heftig um ihn und fragte bis auf die
kleinsten Einzelheiten nach allen ihn betreffenden Vorgngen der letzten
Tage. Auch die Base erhielt ihr Teil Teilnahme aus seinem guten Gemte:

Htt' ich ihr das dadurch ersparen knnen, da ich's auf mich genommen
htte, so wrde ich mich nicht besonnen haben. Aber so ist es, sie wird
expre dazu hingesetzt sein, um dies Elend abzuwarten und den Jungen auf
ihrem Bette zu pflegen. Unsereiner meint immer, da er um seinetwillen da
sei, doch das ist nicht so -- es ist wahrhaftig nicht an dem, man mu aber
alt werden, um es auszukundschaften. Zum Exempel, was sollte jetzt aus der
Alten (und da meine ich natrlich nicht den Hafenmeister) werden, wenn ich
nicht lnger als siebenzig Jahre meinen Charakter darauf hingezogen htte,
mir die Suppe versalzen und die gute Laune -- nicht verderben zu lassen?

Da ich auf diesen Humor augenblicklich doch nicht recht eingehen konnte und
nur durch ein etwas dmpfig-trbsinniges: Ja, ja! darauf zustimmte, meinte
er klglich:

Der Arend hat das auch immer gesagt.

Was denn, Meister?

Sehen Sie, da ich mich berall, wie man das nennt, unmglich mache. --
>Herrgott, ich sage ja nie etwas!< antworte ich dem Arend, aber er wei mir
Bescheid zu geben und sagt: Aber du lachst und grinsest und zwar niemals an
der richtigen Stelle, und das sollen dann die Leute nicht verquer
aufnehmen! -- Und wenn der Tofote das von sich gegeben hatte, ging er
jedesmal hinter die Stalltr oder die nchsten Bume, zog den Kopf zwischen
die Schultern und grinste toller als ich. Ja es war ein gutes Leben mit ihm
und unserm Trudchen; selbst die Alte gehrte dazu.

Er hatte keine Ahnung davon, wie tief ich in diesem Augenblicke in dieses
gute Leben hineinsah. In der Welt, in der ich hausete, pflegte der gute
beratende Freund nach erteiltem Rate zwar die Achseln auch zu zucken und
sich hinter den Busch zu schlagen; aber er tat's gewhnlich wie jemand, der
seines eigenen Besten wegen seinen besten Freund aufgeben mu -- aufgeben
will -- aufgibt, und zwar auf der Stelle. Von dem, was vor langen, langen
Jahren, so ungefhr in der ersten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts
Eugenius zu Yorick sagte, wute der Meister Autor Kunemund nichts. Er
erfuhr in der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts nur an seinem
eigenen Leibe wieder, was damals einige Leute auch schon an sich in
Erfahrung gebracht hatten. --

Da Sie, lieber Herr, sich hier am Orte so ohne weiteres und noch dazu in
der Mitte der Nacht, wenn auch bei Mondschein zurechtzufinden wissen, ist
mir auch eine Merkwrdigkeit. So oft ich auch am hellen lichten Tage
hierher kam, alle zehn Schritte lang hab' ich vor einer Mauer gestanden und
mich zurecht- und meistens auch zurckfragen mssen; aber hier -- hier sind
wir ja wohl? Herr, Herr, jetzt geht es mir erst recht auf, wie ber alles
wunderlich es ist, da ich wieder einmal hier bin und mit Ihnen und in
dieser Stunde!

Wir waren beide mit gesenkten Kpfen gegangen, und jetzt erhoben wir
dieselben zu gleicher Zeit vor dem schon einmal beschriebenen Torbogen, der
in den Cyriacushof fhrte; und ein dritter, der mit untergeschlagenen Armen
dort lehnte und den Rauch einer Zigarre in das blaue Mondlicht hineinblies,
erhob ebenfalls das Gesicht.

Ich wute es ziemlich sicher, da ich Euch hier treffen wrde, Ceretto,
sagte ich. Ihr habt das Frulein hierher begleitet; und seht -- der Herr
Autor ist ganz von selber gekommen, ich bin nur durch einen Zufall
unterwegs mit ihm zusammengetroffen. Wit Ihr, wie es da oben geht?

Der Mohr aus dem Schsselkorbe beantwortete vorerst diese Frage nicht. Er
hatte vor dem Meister Kunemund den Hut gezogen, und nun warf er auch die
Zigarre fort und rief:

So gert man auseinander und wieder aneinander und zueinander; aber
solange ich denken kann, soll es stets der Zufall sein, der's zuwege
bringt; und wenn wir mit den Nasen zusammenrennen, geschieht's natrlich
ganz von selber. Wenn ich _die_ Weisheit in Spiritus, fr jede Abart ein
besonderes Glas, der Menschheit in einer Bude zeigen knnte, so hinge ich
in dieser Nacht noch die gndige Frau hinter die Tr und ginge wieder
einmal ohne Abschied durch.

Schwatze Er keinen Unsinn, Wichselmeyer, sprach der Meister Autor, dem
Schwarzen die Hand reichend. Und wenn Er sich wirklich bei Seinem Senf
etwas denkt, so gebe Er uns auch das Fleisch dazu oder behalte ihn nur
ruhig bei sich; -- was mein Junge macht, will ich jetzt wissen, und weiter
nichts!

Mir gefiel es eben nicht da in der Stube, sagte der Mohr mrrisch. Das
gndige Frulein winselt, die Alte sagt gar nichts; ich hab' mich leise
wieder heraus gemacht; denn da wir doch alle einmal dran mssen, so mu es
wenigstens von Zeit zu Zeit einen vernnftigen Kerl geben, der es sich bei
solcher Vorstellung lieber drauen in der frischen Luft und bei einer
Zigarre berlegt, wie er sich auf dem Seil ausnehmen wird, wann die Reihe
an ihn kommt. O meine Herren, dieser Herr Wichselmeyer hier ist klug und
alt genug geworden, um zu wissen, was das Beste fr den Menschen ist.

Der Teufel soll dich braten, wie er dich schwarz geruchert hat, du
Kaffer, du Hottentott, du hinterafrikanischer deutschgekochter
Jahrmarktslump! schrie der Meister Autor wtend. Was geht es hier mich
an, was fr den Menschen das Beste ist? Ich bin doch auch ein alter Kerl
geworden und habe das Meinige in der Welt gesehen; aber solch ein
sackermentsches, in jeder Brhe umgewendetes Stck Vieh, wie dich, noch
nicht! Das Kind sitzt da oben in Trnen bei meinem armen Jungen, und dieser
Flegel stellt mir hier mit seiner Jahrmarktsweisheit ein Bein! Aus dem
Wege, sage ich!

Der Meister strzte in das Tor, ich wollte ihm rasch folgen; als Signor
Ceretto mir ber die Schulter hastig zuflsterte:

Halten Sie ihn doch auf! Der Herr Steuermann befanden sich vor zehn
Minuten eben im Sterben. Lassen Sie den Alten doch nicht grade in den
letzten Jammer hineinbrechen. Zum Trost fr die Damen kommt er am
richtigsten, wenn der junge Herr Abschied genommen hat.

Das mochte wohlgemeint sein, und wurde jedenfalls gesagt, wie es gedacht
wurde, aber ich machte dessenungeachtet meinen Arm ziemlich grimmig von dem
Griff des dunkelfarbigen Weltweisen frei und htte beinahe etwas sehr laut
gerufen, was ich keineswegs hier niederzuschreiben gewagt haben wrde. Ich
eilte dem Meister Autor nach und irrte mich wahrscheinlich nicht, wenn ich
spter beim Wiederberdenken dieser Erlebnisse fr gewi angenommen hatte,
da der schwarze Philosoph vor allen Dingen die bei unserer Annherung
weggeworfene Zigarre vom Boden aufgelesen und von neuem in Brand gesetzt
habe.




Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Was die Sonne aus den gegebenen Verhltnissen im Cyriacihofe machen konnte,
das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz
ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverstndige Herr den Hof, in welchem ich
ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er wrde sich sonst eher an einer
der wundervollen Dachtraufen aufgehngt, als so frhlich beide Hnde zu der
projektierten Zerstrung dargeboten haben. Selbst die erquickliche
Vorstellung, da man ja bereits beginne, Nrnberg abzutragen, wrde ihn
nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein
Zerstrungsobjekt so betrachtet htte. --

Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon frher zu schildern
gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestrmt und war
verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentr, von welcher aus die Treppe
zu der Wohnung der Base Schaake aufwrts fhrte. Ich erwischte ihn auch in
dem gewlbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tr der Base hinter
sich zugezogen; ich wrde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen
Augenblick lang das Ohr an diese Tr gelegt haben, doch nun blieb mir
nichts brig als ihm, so leise als mglich, auf den Fuspitzen zu folgen.

Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite
Bogenfenster auf das weie Haar der Base Schaake strmte; jetzt flutete
auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Bltter der Ulme
drauen vor dem Fenster glnzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand
offen, der Gartenduft drang mit der schnen Helle herein. Das silberne
Licht lag auch auf dem Fuende des Bettes des guten Seefahrers Karl
Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen
auf die weie Decke gedrckt, und ihre alten Arme umklammerten fest den
stillen Mann unter der weien Decke; zu Hupten im Schatten sa Gertrude
Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schnen Hexe
gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit
einem Zettel, auf welchem ungefge und unorthographisch die Worten standen:

Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe -- der liebe Gott wird's dir
vergelten, Gertrud!

Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; spter
hat sie ihn mir gezeigt. --

Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tr. Die hbsche
Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das
Gesicht aus den Kissen und sagte rhrend ergeben:

Ihr kommt zu spt, Vetter.

Htte ich dieses Buch, wie man es nennt -- gemacht, so wrde ich mich
wahrhaftig hten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem brigen kam. Aber es
ist damals so gewesen! -- bei der heien Geisterhand, die mir heute noch in
der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber
so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten
Barflerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick
wegen einer auergewhnlich heftigen Bedrngnis in der Kirche eine
nchtliche Betstunde abhielt und sang. -- Sie sangen in der einstigen
Choraley der Mnche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war,
Viehstall im Dreiigjhrigen Kriege, Speicher im Siebenjhrigen, Lazarett
in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annhernd
wieder zurckgegeben war. Die Tne klangen in der stillen Nacht, gedmpft,
um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stren, geisterhaft zu uns her
aus der Ferne und dem Grundstock des Gebudes, und wir horchten alle, und
_uns_ strten sie wahrhaftig nicht.

Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und
drckte sie fest zusammen:

Herr, _das_ war es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen
hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehrt! Ach Base, Base, ist er
gestorben? bin ich zu spt gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake,
was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge,
das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest!
Jetzt lat mich ihn aber doch sehen!

Der Meister hatte sich ber den Toten geneigt; ich, der ich immer eine
groe Vorliebe fr das Leben, das heit fr die Lebendigen gehabt habe,
fate mein kleines, nrrisches, hbsches Frulein zu Hupten des Bettes ins
Auge.

Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand
in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil
des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, trnenberstrmt; der Tod
schien einen berwltigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie
mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender
denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schne
Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft
knstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden.

Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen, sagte die Base. Er
hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr,
da sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte,
sondern in ihrem schnen Ballkleide hierherkam. Er war in einer
schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er
seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schn und glnzend
hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an -- sah sie immer
an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was
ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch
hier wei, wie viel grer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's
sehen drauen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und
in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen!

Ich habe mich schrecklich gefrchtet, schluchzte Gertrude Tofote. O ich
wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er
-- er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See!

Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen, sagte die
Greisin, aber mich hat er Tage und Nchte lang fort und fort, immerzu und
immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und
gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm
nichts mehr.

Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine
gebrochenen Fe und das Fieber, die ihn so reden lieen? fragte der
Meister Autor.

Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch
wenigstens noch ber das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud,
es war gut, da du kamst?

Gertrud nickte und wendete sich hastig ab.

Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, -- ja, zu
Ende, zu Ende, schlo die Base Schaake.

ber ein Sterbebett lt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich
manches darber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; --
Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem
guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in
Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was
half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktchern nachzuwinken? Ich fhrte
das Frulein nach Hause; -- vom Uferdamm nach Hause.

Der Meister hatte den trben Bericht der Greisin angehrt und das weie
Tuch wieder ber das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte
er sein Kind in die Arme genommen und es herzlich gekt und manch ein
Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schne Elfe hatte herzzerbrechend
dabei geschluchzt und einmal bers andere dazu gerufen:

Das ist so frchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu
mir kommen? nicht wahr, morgen frh kommst du gewi zu mir?

Und der Meister hatte eben so oft gesagt:

Ja freilich! freilich! und dann hatte er sich zu mir gewendet: Wollen
Sie so gtig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine
schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein
mchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehrt Geschick dazu, mit
Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt
nach Hause!

Ich war natrlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die
junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben wrde. Wir gingen,
fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat
allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann frchtete sie sich heftig.
--

Die Straen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte
Stadt so ziemlich fr uns allein. Die wenigen Nachtschwrmer, die uns dann
und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre
Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit
an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns
drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen
wute. Indem ich nach besten Krften das Frulein unterhielt, horchte ich
doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. --

O was ist das fr eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht
wieder zufrieden geben knnen! schluchzte die Elfe.

Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir mssen uns doch zu beruhigen
suchen, mein Frulein, trstete ich. Der arme junge Mann hat recht
gelitten -- fr seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es
doch das Beste --

Natrlich war es das! brummte hinter uns der schwarze Signor. Es konnte
ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; -- nicht
wahr?!

Die letzte Frage war, von einem auergewhnlich grlichen
Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Mnner gerichtet, die uns an
einer auergewhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten,
und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen
aufmerksam gemacht hatte mit den Worten:

Ein reizendes Geschpfchen!

In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurckprallend, hatten die Herren
ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls.

Der Onkel Kunemund war sehr betrbt. Er hatte unseren Karl recht lieb
gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern, seufzte Frulein Tofote. Wir
sind so hufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie
unter solchen schrecklichen Umstnden.

Jawohl, brummte Ceretto hinter uns, wenn das keine kuriose Geschichte
ist, la ich mich hngen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und
geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht
auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns!

Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar
und leer da -- nichts war zu sehen und zu hren, und das Trudchen klammerte
sich fester an meinen Arm.

Sie haben den Herrn Autor bereits wtend gemacht; rgern Sie mich nun
nicht auch noch, alter Freund, rief ich; doch der Mohr sagte:

Ich mu doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinen
Geschftswegen; -- horch, -- hren Sie?

Wir hrten natrlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief
rgerlich:

Sie sind, -- nun ich werde es Ihnen an einem der nchsten Tage sagen, was
Sie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gndige
Frau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Frulein warten.

Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch
einmal guten Mut zu.

Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, da Sie dem Rufe der alten Frau im
Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut,
und er wird Ihnen gewi noch hufig seinen Dank dafr sagen. Ich, der ich
die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns
verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr
besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.

Oh! flsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tr der Hexe, und
nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander.

Da sind wir zu Hause, sagte ich, und nun bitte ich Sie herzlich, liebes
Frulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als
ntig ist. Es ist noch nie etwas Auergewhnliches auf Erden vorgefallen.
Sie sind es sich und uns -- allen Ihren Freunden schuldig, da Sie auf Ihre
Gesundheit Rcksicht nehmen. Jedenfalls mssen Sie fest berzeugt sein, da
wir alles tun werden, um Ihnen fernere persnliche Aufregungen zu
ersparen.

Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen, sagte Gertrud Tofote, und ich
wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt:

Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnchst miteinander
zu reden.

Ich wnsche Ihnen, recht wohl zu ruhen, sprach der Alte. Mit welcher
Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte
seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von
Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich lngst
getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den
Vorhngen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und
die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher
Schein, das zierliche Flmmchen in dem weien Lilienkelche.




Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter.
Anfangs an zierlichen Gartengittern vorber, dann durch taufrische, von
lebendigen Hecken eingefate Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es
verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein
Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen.
Nur ein erbrmlich kahlgezaustes Bauerngehlz warf einmal einigen Schatten
auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrckte
noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nchste Dorf fand ich
bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem
letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da
sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorberziehen und hielt die Hand
in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur fr sich
selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt
um ihn her, sich Gensse verschaffen, in welchen der sublimierteste
Egoismus, dessen der Mensch fhig ist, sich gipfelt. Das hchste, innigste,
innerste, schrfste Leben lebt man in diesen Momenten; -- wer es leugnet,
mge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der
Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert.
--

Durch einen sehr heien, wolkenlosen Morgen schlich ich mde und abgespannt
zur Stadt zurck, schlief totenhnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und
fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen
in irgendeiner Art ntzlich erzeigen knne. Herr Autor sowohl wie die Frau
Schaake erkannten die Hflichkeit ber Verdienst an, aber sie verwunderten
sich selber darber, wie glatt in solchen Fllen das alles abgehe.
Geistliche wie weltliche Behrden machten den Trauernden die Tage so leicht
als mglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata
einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitlufigkeit.

Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren
herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem
Sarge, und --

Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen, sagte der Meister Autor.

Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hnde voll zu tun, berichtete
mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann
verlange sein Stck Kuchen.

Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schne Blumen und Krnze mit
weien Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr
betrbt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges
Viertelstndchen zu ihr zu kommen.

Vielleicht so gegen Abend werde ich es mglich machen, sagte mir der
Meister: jetzo sitze ich hier Wache und -- Herr, ich sage Ihnen, ich habe
trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche
Volk zum Tanze htte aufziehen mgen!

Er sa mit seiner Pfeife in der khlen steinernen Halle vor der Tr der
Base Schaake; die Tr stand halb offen, und ich sah darin grade auf den
sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister
Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuznden und sagte:

Ja, ja, sehen Sie diese Zndholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er
hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir
recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man
sich arg mit Stahl und Stein zu qulen, doch das beizu; -- Herr, die
Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezndet und, Herr, ich
habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken mssen -- den letzten im
Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O
lieber Herr, wie viele Grten versinken dem armen Menschen in der Welt.
...

Das war das Wort! -- Es fallen Schlsser -- Luftschlsser ein; aber das hat
nichts zu bedeuten: die Grten allein, die den Menschen, den armen Menschen
versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen
Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte
eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte
eines solchen, der euch verloren ging; -- im erstern Falle ist wenigstens
die Aussicht vorhanden, da es euch gelingen werde, euch selber zu belgen.
--

Der folgende Tag war einer der heiesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien
die Erde wie mit einer glhenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub
waren unertrglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte
sich ber alle Vegetation; und unsere Aufgabe lie sich unter keinen
Umstnden auf eine khlere Stunde verschieben.

Wir fhrten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn.
So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und
einem Glase nicht teuern Moselweins.

Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den
Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. --
gesprochen worden war, soviel als mglich im Schatten sich haltend, wieder
nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der --
Erde und der Sonne zum Trotz.

Es ist doch kurios, sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm
neben der halbzugeschtteten Grube gestanden hatten, sonderbar ist's
eigentlich, da man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten sprt,
da man vorhanden -- da man da ist.

Freilich, sagte ich, aber Meister, dazu gehrt eben doch auch, da man
wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefhlt
hat, da man da ist, und das ist keineswegs so hufig der Fall.

Darber hab' ich noch nicht nachgedacht, sprach der Meister Autor; und
dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar
weder gro noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und
gemacht werden muten.

Am meisten kmmert mich der Hafenmeister, seufzte der Alte. Was dieser
hier mich angeht, so bin ich zufrieden, wei mich zu schicken und zu
fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber
was denken Sie ber die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr
ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es
also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals
finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie knnen. Ob sie ihr eigenes Leben
einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefhlt hat, wei ich
nicht, aber da sie in dem Jungen ihr Dasein sprte, das will ich wohl
beschwren. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr
einziger Trost, da sie sa und las. Ich sage Ihnen, sie las -- und was las
sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Hollnder und vor
allem andern die Geschichten von dem trkischen Kaufmann, der zu den Leuten
kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch
fr eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um
seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben
konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie
bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und
erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmglichsten Dinge. Ich habe
oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darber gehabt, was fr ein
beschlagener Reisender sie war. O sie wute dem Jungen, jedesmal wenn er
heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwrdigkeiten zu berichten, als er
ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend
und halber lachend erzhlt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei,
und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte
Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann?
Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns
andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!

Zum Teufel, ja! schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem
nmlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend
den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich,
indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerhrt die Hand auf die
Schulter legte:

Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder
nachreist?! Es wird ihr auch da an Reisefhrern nicht ermangeln.

Der abendlndische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse
wucherte in groer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewchs, das
sich in dieser Hitze wohlzufhlen schien. Der Meister hielt einen
abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lchelte und sagte:

An das Einfachste denkt man immer zuletzt.

Nun wre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat,
oder das, was man gewhnlich fr einen solchen nimmt, geriet mir auf die
Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.

Herr Kunemund, alle Umstnde ineinander rechnend, knnten Sie jetzt wohl
noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten.
Die erwnschte Stille wrdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Mae finden
-- Ihr und der Hafenmeister gehrt im Grunde ganz und gar zueinander, und
es wrde gewi kein Tag vorbergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem
aussprtet. berlegt es Euch!

Das habe ich wohl schon dann und wann berlegt, erwiderte der Meister.
Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hbsch an, aber bei
genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn
der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, da die
Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den xten im Anmarsch auf
ihn sind. Das alte Gemuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber
der Base Schaake wegen htte es doch noch gut ein paar Jhrchen lnger
stehen bleiben knnen. Herr, je lter man wird, desto brchiger scheint
auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnchst machen
wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon
daheim im Hause; wer wei, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen
werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern
Haushalt dann mal anzusehen.

An den demnchstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und
wute auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor
seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis
jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des
Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verlieen den Kirchhof. --

An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres
Zgerns verdrossenen Kutscher. An heien, mit Teer getnchten Planken,
Holzhfen, Gartenmauern und vereinzelten unschnen Husern vorber fhrte
uns unser Weg durch den heien, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke
geschwrzten fuhohen Staub nach der Stadt zurck. Auf diesem Weg sprachen
wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein
anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu
lassen.

Da sagte der Meister, den Kopf schttelnd:

Das ist doch wunderlich!

Was ist wunderlich, alter Freund?

Da andere Leute immer bei dem nmlichen Geschfte, in derselben Lage, in
ganz demselben Plsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur
nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur -- eben sind wir fertig --

Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor!
Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe
kommen, um sich darber zu verwundern, und nicht blo hierber!

Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang
haben, brummte Herr Autor Kunemund. Hat das auch schon einer
herausgefunden und schriftlich attestiert?

Nun mute ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen.

Ach Meister, Meister, sagte ich meinerseits den Kopf schttelnd, dieses
hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber ber das, was es
bedeutet, darber ist man noch nicht einig und im klaren.

Dann hilft mir auch das brige nichts, und meinesteils lasse ich es
einfach geschehen, sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum
Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern
Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was
er nicht ndern konnte.

Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der
Schattenseite; man kann eben von der grten Tragdie nach Hause gehen und
doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen.

Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der
engen Steintreppe und im steingewlbten Vorsaale durchschauerte es mich
frstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die
Greisin zu begren, und habe mich spterhin selber darob beglckwnscht,
wenn ich daran dachte, da ich eigentlich den alten Freund nur bis an das
Tor hatte geleiten wollen.

Trudchen Tofote sa bei der Base Schaake!

Das sah ich angenehm berrascht von der Stubentr aus, drckte auf ihrer
Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen
khlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwlfte Stunde des Tages
nach meiner eigenen Wohnung zurck und um zwei Uhr nach dem =Hotel de
l'Allemagne= zur Wirtstafel.




Vierundzwanzigstes Kapitel.


Der wre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht
berrumpeln, den der Schein nicht rhren oder rgern knnte! Wie wenig
Schlaf wrde er bedrfen, wie wach und lebendig wrde er jederzeit um sich
her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen
Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den
Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht mglich wach zu
bleiben, und ich schlief -- schlief totenhnlich, totengleich; es kmmerte
mich gar nicht, ob die andern das laute, lrmende Spiel weiter trieben, ob
es sich fortdrngte an den Straenecken und auf den Heerstraen. Einen
lteren Herrn als mich wrde wahrscheinlich der Schlag gerhrt haben; im
Falle er mich gerhrt htte, wrde ich nicht das geringste davon gemerkt
haben. Signor Ceretto Wichselmeyer wrde mich steif und still auf dem Diwan
gefunden und das Weitere veranlat haben; es war nmlich natrlich der Mohr
aus dem Schsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an
meiner Tr nach fnf Uhr erweckte.

Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Krper eines
Ertrunkenen aus der Tiefe des Wassers -- langsam und geschwollen.

Ich bitte nach Menschenmglichkeit um Entschuldigung, sagte der Schwarze,
aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und
gesprochen zu haben.

Um Ihr Leben, Ceretto?

Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrielich gewesen sein wrde.

Und wer --

Pst! sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend
ber die Schulter nach der Tr zurck, als ob er erwarte, da sofort jemand
hervorstrzen wrde, um die fernere Ausfhrung seiner Sendung zu
bernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als mglich an mich heran
und sthnte klglich:

Oh!

Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf,
Ceretto! rief ich klglich und gergert. Ihr wit, da ich zu allen
Zeiten mit Vergngen hre, was Ihr mir zu sagen habt -- selbst wenn es der
Auftrag eines andern ist -- aber augenblicklich -- bin ich -- ein wenig
sehr beschftigt -- in Anspruch genommen -- kurz -- ich bitte Sie, Ceretto,
fassen Sie sich so kurz als mglich.

Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz -- unsere Freundschaft
ist zu Ende.

Unsere Freundschaft?

Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die
Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenber
jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden
Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin
und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umstnden ist mir auf
Michaelis gekndigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann
gebrauchen knnen, stelle ich mich schon heute zur Verfgung. Sonst ist
alles in der schnsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wre
nicht imstande, eine grere Ordnung hineinzubringen.

Aber meine fnf gesunden Sinne nebst allem brigen bringt Ihr in die
grte Unordnung, Ihr schwarzes Untier! rief ich. Wer hat sich in den
Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt?

Mein hbsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten
im Cyriacushofe sitzt, und meine schne Herrin, die seit gestern nacht
durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar
gedroht hat und fortwhrend Tische und Sthle ber den Haufen stt. Wer
denn anders?

Meine Phantasie war pltzlich in einem merkwrdig hohen Grade ttig. Ich
sah und hrte die Frau Christine -- sie mute entzckend in ihrer Aufregung
sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern
fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als msse ich eine neue Welt
aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste --
grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens
das brige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschttelte.

Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen
waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin!
Liebe Christine -- liebe Gertrude! Frulein Tofote -- gndige Frau!...
Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die
Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O
Herr, Sie -- und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe -- htten
hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen
sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt
ich mich so still als mglich hinter ihm und horchte wie ein Muschen, bis
die gndige Frau das gndige Frulein auch wieder >mein Muschen< nannte,
und man sich fr diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo
sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Knnen Sie es
sich wohl vorstellen, da sie sich wirklich beiderseits dabei auf die
Stirnen kten? Mir hinter der Tr traten die Trnen in die Augen.

Ich setzte mich, unfhig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch der
Freigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch lnger sein
Vergngen an meiner Furcht vor ihm.

Ja, ja, sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, es ist
lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; -- es ist
so schn, die Greisin im Cyriacushofe zu trsten, und es ist so sehr
erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum
gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern. --

Waren das wirklich die Grnde, denen der Meister Autor und ich es zu danken
hatten, da wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe
trstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und
unfhig darber nachzudenken, fragte ich:

Und was nun? was nun weiter, lieber Mann?

Natrlich wnscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu
berlegen.

Wer wnscht das, Herr Wichselmeyer?

Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und lie eine
verhltnismig lange, aber glcklicherweise wenig kostbare Zeit
vorberstreichen, ehe er mich einer Antwort wrdigte.

Das Kind doch nicht?! rief er endlich. Sie wrden der letzte sein, an
den das gndige Frulein sich um Rat und Trost wenden wrde; aber die
gndige Frau bittet um einen Besuch, wnscht sich Ihnen an das Herz zu
legen und Ihre Wut an Ihnen auszulassen.

An mir?! Gtiger Himmel, weshalb denn gerade an mir?

An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch
nicht mit sich scherzen, und einen mu man doch haben, dem man sagen darf,
was man ber die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr;
Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser
lsterlichen, hinterlistigen, heimtckischen Welt keine Sehnsucht empfindet
nach der einzigen Kreatur, von der man gewi wei, da sie uns versteht und
uns nachfhlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin
das Seinige gelernt, ungefhr wie ein gewisser Nigger, der sich aus
Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit
auf der Polizei eingesehen werden kann.

Ich hielt mir die Stirn mit beiden Hnden. Dieses an diesem glhenden
Tage?!...

Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung
machen.

Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, berflssig ist; -- man
kannte die Antwort schon ohne das.

Nun htte ich den Schwarzen doch noch aus der Tr werfen mssen; er schien
es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er
sein letztes Wort gesprochen hatte.




Fnfundzwanzigstes Kapitel.


Ein Gewitter mute kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten
desselben an allen Ecken und Enden, das heit ber alle Dcher her, die mir
rings um meine Fenster den unermelichen ther verengerten. Whrend die
giftig-weien Wolkenballen emporstiegen und, sich umwlzend, ihre Farbe ins
Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die mglich-sorgsamste
Toilette, meine uere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz
verndernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einflu der elektrischen
Schwle einen Seelenproze durch, dessen hufigere Wiederholung mir fr den
Krper nicht wnschenswert sein konnte.

Ich berdachte mein Leben und zhlte die Jahre desselben. Die Summe der
letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir
in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes,
wohlgehufeltes, unbersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob
das, was der Meister Autor versunkene Grten nannte, unter der nahrhaften
Vegetation begraben lag, will ich unaufgerhrt lassen; sicher aber war, da
mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen
Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr
menschenbedrftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt.

Diese Hexe! sthnte ich leise, die Hemdrmel zuknpfend. O, sie wute es
ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn
der Herr da? -- Htte sie statt dessen, beide Hnde mir entgegenstreckend,
die Bekanntschaft erneuert, so wre alles verlaufen wie es sich eigentlich
gehrt -- erfreulich, hflich, in den besten gesellschaftlichen Formen;
aber bei

        der Macht Proserpinas
    Und bei Dianas unverrckter Allgewalt,
    Auch bei den Bchern, krftiger Bannsprche voll,
    Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn --

dies Weib wute, was fr ein Zauberwort es gebrauchte!

Wer ist denn der Herr eigentlich? -- --

Ich nhere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu
meinen, derartige psychologische Raritten novellistisch aus der Tiefe
ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz
ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gnschen, das Trudchen Tofote
gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! --
fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten,
wehmtigsten Gemtsbewegungen der letzten Tage und Nchte. Wir mgen noch
so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes
Schicksal behalten wir darum doch fr uns allein, und es ist uns stets --
manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das
wichtigere.

Das Wort der Hexe rgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden
Steuermanns, setzte mir seine scharfen Ngel mitten im Verkehr mit dem
Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heien
Sonne unter den hohnlachenden Lebensbumen am Grabe des Seefahrers Karl
Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich
umzusehen, _wer_ eigentlich da hinter mir stehe und mich anblase.

Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Grten gegen dieses
hhnische, lebendige, blhende Lcheln der Hexe, der Frau Christine von
Wittum?!...

Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem
Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch --

Oooooh! sthnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann
und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, fate
ich meinen Hut und ging -- ging zur Frau Christine, die mich durch den
Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen,
noch einmal bei ihr vorzusprechen.

Es lag mir schwer in den Gliedern, und ich wunderte mich gar nicht ber
die mden, verdrossenen Gesichter der Leute in den Straen. Langsam, ein
Bein dem andern nachschleifend, erreichte ich die Haustr der gndigen
Frau, und auch hier wieder fand ich natrlich den Signor Ceretto
Wichselmeyer am Pfosten lehnend, -- wie in jener Mondnacht unter dem
Torbogen des Cyriacihofes. Auer der Hautfarbe hatte er von seinen
afrikanischen Ahnen noch dieses an sich behalten, da ihm nicht leicht bei
irgendeiner europischen Temperatur (physischen wie moralischen) zu schwl
zumute wurde. Er nickte mir freundlich und aufmunternd zu, geleitete mich
die Treppe hinauf, ffnete mir die Tr des Salons und meldete mich:

Herr Baron von Schmidt!

Da vernahm ich denn aus der Tiefe des bereits bei der Schilderung jenes
Gesellschaftsabends erwhnten tropischen Zimmergartens ein sonores,
wohlklingendes:

Endlich!

und entgegen meinem Herzklopfen rauschte die Frau Christine von Wittum,
reichte mir die Hand und rief:

Ich habe zu Ihnen geschickt, um doch _einen_ Menschen zu haben, an dem ich
mein Mtchen khlen konnte. Welche rgerlichen, verdrielichen,
langweiligen Tage! Aber Sie haben mich zu lange warten lassen, mein Herr;
und whrend des Wartens hab' ich mich eines andern besonnen: Lieber Baron,
ich wrde noch einmal zu Ihnen geschickt haben, um Sie bitten zu lassen,
ruhig zu Hause zu bleiben, wenn mich diese frchterliche Luft nicht
vollstndig unfhig gemacht htte, nochmals die Hand nach dem Klingelzug
auszustrecken. O ihr Gtter, was alles mu man in dieser trostlosen Welt
ausstehen!

Allerlei Art von Dasein, liebe Gndige, sagte ich.

Und ist das nicht gerade die Dummheit? Weshalb allerlei Dasein? Was geht
uns das anderer Leute an? Ich bitte Sie, was zum Beispiel hatten Sie sich
in die Verhltnisse dieser guten Menschen, die seltsamerweise
augenblicklich uns beide zu gleicher Zeit qulen und beunruhigen, zu
mischen?

Ich habe mich nicht hineingemischt, meine Gndige. Mit Behagen, Spannung,
Rhrung, Trauer und --

Und? und?

Und Mibehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten
Rat empfangen als gegeben.

Sie behaupten also, mein Herr, mir das trichte Ding, dieses hbsche aber
gnzlich unbedeutende Waldblmchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich
in einer Laune mein Pppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen
zu haben?

Mein Wort darauf!

Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Drauen in der Gasse trieb sich
jetzt ein heier Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die
Hhe.

Schlieen Sie doch die Balkontr, bitte, sagte die Frau Christine.
Heute bin _ich_ meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu
nehmen und mich darber zu rgern.

Ich lchelte, und --

Lachen Sie nicht! rief die gndige Frau, in der Tat ziemlich aufgeregt;
aber zurcksinkend kam sie auf meinen letzten Ausruf zurck.

Ich mu Ihnen also wohl auf Ihr Wort hin glauben! O, wten Sie nur, wie
sehr es mich innerlich angriff, als mir dieses alberne Trudchen den Stuhl
vor die Tr setzte. Gtiger Himmel, etwas mu ich doch haben, um dieser
tdlichen Langweile zu entgehen, und es machte mir doch wenigstens fr
einige Monate Spa, diese kleine Intrige geschickt zu fhren. Weshalb will
sie denn meinen guten Vetter nicht? Der brave Seemann war ihr nie etwas; es
wird ihr berhaupt niemals jemand viel sein knnen! Dem guten Vollrad kommt
es darauf nicht an, und er ist wirklich auerdem gar nicht so bel.
Wahrhaftig, lieber Freund, auch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da ich
nicht -- einzig und allein -- aus erbrmlichen Philisterinteressen hier
kuppelte. Baron, ich mute einmal wieder etwas um die Hand haben, und,
vertraulich gesagt, ich gebe den Faden auch noch nicht aus der Hand. Ich
bin fest berzeugt, da ich doch noch meinen Willen bekommen werde und zwar
zum Besten aller dabei Beteiligten.

Das ist auch meine feste berzeugung! rief ich und sprach nie ein
wahreres Wort. --

Das Gewittergewlk war unterdessen immer hher emporgerckt und zwar von
allen vier Weltgegenden her. Die schweren Dunstmassen legten sich immer
dunkler eine ber die andere, und jedermann sah nach seinen Fenstern und
Fensterlden, oder warf bedenkliche Blicke am Blitzableiter empor, wenn ein
solcher in der Nhe seiner Wohnung vorhanden war. Sorgliche Familienvter
benutzten die gnstige Gelegenheit, ihre Kinder auf die Vorsichtsmaregeln,
die von den denkenden Menschen bei einem Gewitter anzuwenden sind, und die
so selten jemand in Anwendung bringt, von neuem aufmerksam zu machen. Alte
und junge nervenschwache Weiber von beiden Geschlechtern atmeten nur noch
in der Vorstellung, da sich ja ein Keller unter dem Hause befinde, und --
ich und die schne junge Witwe dachten an gar nichts, sondern unterhielten
uns von jener Zeit, wo die gndige Frau noch einfach Christinchen Erdmann,
das hbsche, kluge, lebhafte Tchterchen des Bergmeisters Erdmann zu
Clausthal, und ich der eben von der Bergakademie Freiberg heimgekehrte
Bergeleve Emil von Schmidt war.

Wir sprachen nicht ber Neptunismus und Plutonismus, aber wir sprachen auch
nicht ber Platonismus; denn was den letztern anbetraf, so unterhielten wir
uns eine geraume Zeit darber: wer von unseren damaligen Bekannten und
Bekanntinnen, Freunden und Freundinnen geheiratet habe, und wer nicht. Wir
berhrten auch ganz leise die delikate Erfahrung, da die Zeit mit
berraschender Schnelligkeit hingehe, und von diesem Absatze der
Unterhaltung aufblickend, fanden wir es von neuem entsetzlich schwl.

Es verwirrte sich der Tag allgemach in meinem Gehirne mehr und mehr. Der
heie, schwermtige Gang und die helle unbarmherzige Sonne, das offene Grab
und das halbzugeschttete, der Meister Autor mit dem Thujazweige an dem
Grabe, und dann der khle, der kalte Cyriacushof, die dmmerige Stube der
Base Schaake, in der die unheimlichen Kerzen nicht mehr brannten, wo aber
Trudchen Tofote auf dem Spinnstuhle der Greisin neben dem trostlosen
Hafenmeister sa! Und jetzt? Da rieselte, pltscherte inmitten des
tropischen Gartens der kleine knstliche Springbrunnen, und die Goldfische
im buntausgelegten Becken stiegen auf und ab in ihrem Elemente,
schwnzelten hin und her, -- fort und fort. Auf dem Rande des Beckens kroch
oder klebte vielmehr eine handgroe Schildkrte, welche fortwhrend leise
den Kopf aus der Schale vorschob, um ihn ebenso leise und langsam wieder
unter dieselbe zurckzuziehen, und ich sah auf das Tier, und mit einem Male
berkam mich die stupid-stupende Vorstellung, wie angenehm es sein msse,
in solch ein Geschpf einmal berzugehen und gleichfalls regungslos zu
sitzen und von dem Rande der Flut in hnlicher Weise dem Spiel, dem
langweilig beweglichen Spiel der Gold- und Silberfische zuzusehen.

Unwillkrlich, mich gnzlich in dieser beneidenswerten Art der
Metempsychose verlierend, schob auch ich den Kopf und Hals aus der Krawatte
hervor und zog beides wie die geharnischte Krte zurck; richtig, es ging
bereits!... und mitten in der Schwle, der schlimmen Schwle des Abends
perlten mir pltzlich die kltesten Angstschweitropfen auf der Stirn: was
ging es mich an, ob der Meister Autor Kunemund sein eigenes Leben habe?
Hatte ich nicht auch das meinige?! Hatte nicht die gndige Frau recht?

Was ging mich berhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit
ich ihn kennen lernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas
Auerordentliches gesagt -- und getan noch weniger -- --

Ich war nahe daran, ziemlich geringschtzig ber den Meister Autor zu
denken, als ein langhallender, aber sehr ferner Donner durch den grauen,
heien Abend rollte. Dabei blieb es jedoch auch: das Gewitter kam durchaus
in der Weise, wie es sich angekndigt hatte, nicht. Es krepierte.

Und die Frau Christine sprach whrenddem immerfort freundlich weiter und
unterhielt mich auf das liebenswrdigste. Der Meister Autor hatte mehrmals
von dem Versinken der Grten in dieser Welt gesprochen; das behielt
freilich sein Recht, doch wer hinderte uns denn, in dem Grn zu lustwandeln
und die Vgel singen zu hren, die Wasser springen zu sehen, solange es
noch anging? Wer hinderte uns, die beste Obstbaum- und Gemsezucht zu
treiben, solange der fruchtbare Humus noch zutage lag? Spargel und grne
Erbsen, Melonen, pfel, Birnen, Pflaumen sind etwas recht Gutes und lohnen
die Mhe und Arbeit, die man auf ihre Kultur verwendet. Wir sprachen gerade
darber ziemlich eingehend, das heit, wir legten einander unsere
Stellungen in der Gesellschaft klar und mit grtmglichster Unbefangenheit
dar und fanden von neuem aus, da wir alle beide gar nicht verchtliche
Gartenknstler seien, sowohl was die Blumen- als was die Gemsezucht
anbetreffe. Signor Ceretto Wichselmeyer behielt einfach das letzte Wort;
wie es geschah, wei ich selber nicht genau anzugeben, aber das Faktum
steht mir heute unumstlich fest: ich sprach der Frau Christine von Wittum
den Wunsch aus, frhere liebliche Tage in behaglicherer und gediegenerer
Weise von neuem leben zu drfen, worauf sie lachte und meinte, sie habe
nichts dagegen einzuwenden.

Darauf wurden wir sehr ernst, unterhielten uns ungemein ruhig ber das
Glck der Ehe und setzten unseren Hochzeitstag fest. Wir hatten beide
niemand um seinen Rat oder gar seine Zustimmung anzugehen; wir waren beide
mndig -- ich sogar sehr -- und was noch wichtiger war, wir glaubten fest,
es zu sein; und so -- wurden wir zu Winters Anfang ein Paar, umzunten ein
neues Stck Erdenland und fingen von neuem an zu graben und zu pflanzen,
wie Adam und Eva -- sowohl dem Apfel des Glcks, wie dem Stein der Abnahme
zum Trotz. --




Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Als ich dem Herrn Kunemund am folgenden Tage, das heit am Tage nach dem
Begrbnis des Steuermanns Schaake, im Cyriacihofe meine Verlobung
mitteilte, schien er sich im Anfange ein wenig zu wundern. Ich mu es ihm
aber lassen, da er sich rasch zu fassen und seinen Glckwunsch in
gebhrender Form abzustatten wute.

Sie werden doch unser Trudchen im Hause behalten, Sie und Ihre liebe Frau
Gemahlin? fgte er dann an. Hier im Hofe findet sie sich eben in keiner
Weise, das ist mir jetzt schon von neuem klar aufgegangen. Und was sollte
sie bei mir und der Alten in unserm Dorfe? Das Kind ginge da einfach
zugrunde.

Ich beruhigte ihn in der Beziehung, und es blieb nicht nur Signor Ceretto
in unsern Diensten, sondern auch Frulein Gertrud Tofote behielt auch
fernerhin ihren Unterschlupf im Hause der Frau Christine; bis sie nach
unserer Verheiratung in mein Haus herberkam. Es tat uns unendlich leid,
als sie im nchsten Sommer schon aus demselben wieder fortging.

Wir verheirateten sie richtig mit unserm Vetter Vollrad von Wittum!

Wir verheirateten sie?... Der richtige Ausdruck ist das eigentlich nicht.
Herr Autor Kunemund hatte nicht das geringste mit dem glcklichen Ereignis
zu schaffen, ich wenig, meine Frau nicht wenig und das meiste die liebliche
Braut selber. Wie viel oder wie wenig der Vetter Vollrad dabei beteiligt
war, das zu berechnen werde ich einfach dem Guten selber berlassen.

Der Meister Autor kam nicht zur Hochzeit; aber wir schickten das junge Paar
zu ihm. Wir lieen die jungen Leute beim Antritt ihrer Hochzeitsreise den
kleinen Umweg machen, und Trudchen schrieb uns spter von Schaffhausen aus
sehr gerhrt ber den Empfang, den ihr und ihrem Gatten der arme gute Onkel
bereitet habe. Der Vetter hngte an den Brief seiner kleinen Frau ein
Postskriptum, in welchem er den Meister Autor fr einen prchtigen Burschen
erklrte, der ihn lebhaft an seinen verrckten seligen Onkel mit den
Intaglien erinnert habe.

Siehst du, Emil, sagte meine kluge Frau, man glaubt alle Augenblicke
vor einer Wand zu stehen, um jedesmal zu finden, da ein Weg um dieselbe
herumfhre.

Das ist ein Wort aus dem Lebensbuch des alten Kunemund, meine Beste,
erwiderte ich, und Frau Christine von Schmidt sprach:

So?... Das habe ich nicht gewut. --

Es fhrt freilich stets ein Weg um die Mauer. Der gute treue Hafenmeister
des armen Karl Schaake, die blauugige Base im Cyriacihofe ging noch vorher
aus demselbigen fort, ehe die Maurer und Zimmerleute kamen, um sie
auszutreiben. Wir hatten uns ihretwegen so sehr vor dem ersten Schlag der
Spitzhaue auf das alte Gemuer gefrchtet, und -- wie es sich nunmehr
zeigte -- ganz ohne Grund. Spitzhaue und Schaufel kamen zwar auch ins
Spiel, aber die Base Schaake lie sie ruhig gewhren, lie sie still ihre
whlende Arbeit beginnen und endigen. Bei dieser Gelegenheit kam der
Meister Autor noch einmal von seinem Dorfe in die Stadt, besuchte mich in
meiner neuen Huslichkeit, und da auch ich selbstverstndlich der Base die
letzte Ehre gab, so gingen wir wieder einmal auf einem und demselben Wege
Schulter an Schulter.

Denken Sie sich, die Alte wollte diesmal durchaus mit in die Stadt und die
Gelegenheit benutzen, um unserm Trudchen eine Visite zu machen, sagte er.
Diese unglckliche Kreatur, die sich kaum noch auf den Beinen hlt und an
der die Stimme und das Gemte das einzige Unvernderte geblieben ist! Ich
bin ihr wieder mal durch die Hintertr entwischt.

Er sprach noch manches andere in der Art auf dem nachdenklichen Gange, da
ich mehr als einmal leise seine Hand aufgriff und sie ihm herzlich drckte,
denn er zeigte mir durch diese seine Weise klar, da ihm so wenig wie dem
wirklichen Meister Autor, Wolfgang von Goethe, ein Sarg noch imponieren
knne.

Von dem Grabe der Base weg machten wir der jungen Frau Gertrude von Wittum
und ihrem Gemahl einen Besuch. Wir trafen das reizende Weibchen vor ihrem
Pianoforte, an welchem sie eine in der Tat allerliebste Miene zu einem
auergewhnlich bsen Spiel machte. Den Vetter Vollrad strten wir aus
einem etwas unerquicklichen Vormittagsschlafe vom Diwane auf. -- Das junge
Paar empfing uns in der herzlichsten, und, nachdem es sich ein wenig
gesammelt hatte, auch heitersten, ja frhlichsten Weise. Wir wurden
gebeten, zu Mittage zu bleiben, aber Herr Autor Kunemund hatte bereits
meiner Frau die Ehre zugesagt und hielt Wort. --

Signor Ceretto stand whrend der Mahlzeit hinter dem Stuhle des Meisters
und sorgte in einer so diabolischen Art und Weise fr die Bedrfnisse des
Greises, da ich es endlich nicht mehr aushielt und den schwarzen Schlingel
wieder einmal zur Tr hinausjagte. berhaupt gab mein Hauswesen mir bei
dieser Gelegenheit mehrfache Grnde, mich zu rgern; obgleich, alles in
allem genommen, Christine sich besser in den Alten und alle seine
Eigentmlichkeiten hineinfand, als ich zu Anfang vermuten konnte. Bei der
Suppe sa sie ihm noch recht steif und frostig gegenber; aber beim Braten
schon kam sie behaglich auf die gute Zeit zu sprechen, whrend welcher der
Frster Arend Tofote bei seinem schnen Kinde wohnte. Beim Nachtisch
berlief es mich wieder hei und kalt; denn nunmehr fing sie ganz leise und
zrtlich an, unsern Gast auszuholen, weshalb er damals zuerst das harmlose
Beisammensein gestrt habe und bei Nacht und Nebel den Freunden
durchgegangen sei? Was sie wahrscheinlich nicht erwartet hatte, trat ein:
der Meister sagte ihr ganz unbekmmert seine Grnde und wurde somit in
harmlosester, naivster Weise ganz frchterlich grob und rgerlich.

Aber Christine fate sich nach der berwindung der ersten Verblffung mit
bestem Humor.

Es ist doch schade, sagte sie, wir htten uns frher kennen lernen
sollen und dann genauer! -- --

Nun sind wieder zwei Jahre hingegangen. Heute wohnen Vollrad und Gertrud
der Billigkeit, der Schnheit der Gegend und der angenehmen Lebensweise
wegen in Freiburg im Breisgau. Ich habe den hchsten Wunsch meiner Frau
erfllt und bin mit ihr nach Berlin bergesiedelt. Ceretto haben wir als
eine Art von gutem Genius mit uns dahin genommen. Was dieser schwarze
Sndenbock uns in unserer Ehe wert ist, lt sich weder wiegen noch messen;
wir werfen ihn wie einen Federball zwischen uns hin und her, und er lt es
sich mit der besten Laune gefallen. Mir imponiert dieser kuriose Philosoph
viel zu sehr, als da ich es je einmal dahin gebracht htte, ihn als meinen
Bedienten ansehen zu knnen. -- --

Vor vier Wochen sprach ich noch einmal bei Herrn Autor Kunemund vor. Er
sah nie sehr gut und weit in seinem Leben, aber jetzt sah er fast gar nicht
mehr. Die Alte lebte noch; aber sein alter Dachshund hatte ihm Valet
gesagt, und --

wie ich den Arend kenne, so wre der imstande gewesen, mir auch diesen
guten Freund auszustopfen und in einem Glaskasten hinzustellen. Damit ist
es nun freilich nichts, sagte der Meister auf seiner Schnitzbank
nachdenklich den Kopf schttelnd.

Er sa noch immer gern auf seiner Schnitzbank; doch das gute, knstliche
Messer leistete kaum noch etwas in seiner Hand. Das Dorf aber handelte brav
an seinem greisen, ins Nest zurckgekehrten Kuckuck; Langeweile konnte der
Meister nicht haben, denn der Besuch von jung und alt ri nicht ab, auch
nicht whrend meines Aufenthaltes bei ihm.

Um Mittag brachte er mich auf den Feldweg zur nchsten Station, und unter
einer Eichengruppe nahmen wir Abschied voneinander, wahrscheinlich fr
immer. Er war alt, und der Weg zu ihm mit einigen Unbequemlichkeiten
verknpft. Wie oft auch noch whrend seiner brigen Lebenszeit ich von dem
Bahnzuge aus sein Dorf in der Ferne daliegen sehen mochte: es stand dahin,
ob ich noch einmal einen Lebenstag auf einen Besuch bei ihm verwenden
wrde.

Zum Schlusse machte der Alte selber eine dahin bezgliche Bemerkung.

Alles ist in der Welt vorhanden, sagte er, aber nichts an der richtigen
Stelle. Da ist es denn keinem zu verargen, da er sich eben drein findet
und zugreift, wie es sich schickt. Was mich angeht, so verdenke ich es
niemandem, wenn er seinen Garten bestellt, wie es ihm am ntzlichsten
scheint. Auerdem aber, Herr Baron, meine ich, da, da ber eines jeglichen
Felder, Ansichten, Taten und Werke die Fusohlen, Pferdehufe und Wagenrder
der Nachkommenschaft doch endlich einmal weggehen, es gar keine Kunst ist,
das Leben leicht und vergngt und die Erde, wie sie ist, zu nehmen.

Sie haben gut reden, Meister! erwiderte ich etwas gedrckt und fuhr nach
Berlin zurck, oder vielmehr, einer Verabredung mit meiner Gattin zufolge,
zuerst bis Potsdam. Meine Frau erwartete mich am Bahnhofe und zwar in
Begleitung einer lieben, aber etwas leicht verletzbaren Tante -- einer
Erbtante, der wir am folgenden Morgen den Garten des alten klugen Knigs
Fritz zu Sanssouci zu zeigen hatten. --




Anmerkungen zur Transkription:

Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier _so_
markiert. Passagen, die im Originaltext nicht in Fraktur gesetzt waren,
sind hier =so= markiert.

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten.

Seite 128: aufzuhaten wurde gendert in aufzuhalten.





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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     https://www.gutenberg.org

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