The Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz

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Title: Zwischen neun und neun

Author: Leo Perutz

Release Date: July 30, 2011 [EBook #36901]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN ***




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Zwischen neun und neun




Ein Verzeichnis der Schriften von Leo Perutz findet sich am Schlu
dieses Buches




  Zwischen neun und neun

  Roman
  von
  Leo Perutz

  4. bis 6.
  Auflage

  Albert Langen, Mnchen


  Copyright 1918 by Albert Langen, Munich

  Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht,
  auch fr Ruland, vorbehalten.

  Leo Perutz
  Albert Langen




1


Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Pchl, trat an diesem
Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Strae. Es war kein
schner Tag. Die Luft war feucht und khl, der Himmel bewlkt. Das
richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergnnen. Aber Frau
Pchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und
die Greislerin beschlo, den kleinen Rest, der kaum ein Stamperl zu
fllen vermochte, fr die Zehnerjausen aufzusparen. Vorsichtshalber
versperrte sie die Flasche in den Kchenschrank, denn ihr Ehegatte, der
im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr
in der Wertschtzung eines guten Schnapses vllig berein.

Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie
allmorgendlich sein Frhstck, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein
Bschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zwlf Heller
saure Zuckerln kauften. Die Kchin der Frau Inspektor aus dem ersten
Stock des Elferhauses, die ein Huptel Salat und zwei Kilo Erdpfel
bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren tglich
einen feinen Aufschnitt fr sein zweites Frhstck im Geschfte der
Frau Pchl erstand.

Lebhaft wurde das Geschft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte
Frau Pchl alle Hnde voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte
Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse gehrte, zu einem
lngeren Plausch. Das Gesprch drehte sich um das Migeschick, das der
Frau Pchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenks zugestoen
war. Und in diesem Gesprch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus
Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen
merkwrdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen
Gesprchsstoff bot.

Demba war dreimal an der Tr vorbeigegangen, ehe er sich entschlo,
einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere
geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er
eintrat, war auffallend: Er drckte die Klinke nicht mit der Hand,
sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemhte sich sodann, mit dem
rechten Knie die Tr aufzustoen, was ihm nach einigen Versuchen auch
gelang.

Dann schob er sich in den Laden. Er war ein groer, breitschultriger
Mensch mit einem kurzen, rtlichen Schnurrbart in einem sonst
glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen berzieher zu einer
Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hnde staken, wie in einem Muff.
Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren
schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Straenkot bespritzt.

Ein Butterbrot, bitte! verlangte er.

Frau Pchl langte nach dem Messer, lie sich aber vorerst in ihrem
Gesprch mit der Trafikantin nicht stren.

Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's
vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fnfasiebz'g Kilo
b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', -- na also, i sag'
Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, da ma'n htt' glei auf a
Sommerfrisch'n schicken knnen zur Erholung. Alles wach, alles
zerlaufen. Was bekommt der Herr?

Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fu mehrere Male
heftig gegen den Ladentisch gestoen. Ein Butterbrot, bitte, aber
rasch. Ich habe Eile.

Die Greislerin lie sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen
Gesprchsthema abdrngen. Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,
sagte sie zu Herrn Demba. Mu ich sie auch z'erscht bedienen. Das
z'erscht bedienen bestand vorerst lediglich darin, da sie die
Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekrzt zum besten gab.

Also i hab' natrli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir
der Mensch! Er hat -- sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten
Brief aus der Schrzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. --
Aha, da seh'n S', da steht's: ... 'den Kse ordnungsgem verpackt, und
habe ich fr den geringfgigen Gewichtsverlust, den die Ware whrend des
Transportes erleidet, nicht aufzukommen'. Fr den 'geringfgigen
Gewichtsverlust'! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.

Das ist halt so die gewhnliche Redensart bei die Leut', meinte die
Trafikantin.

Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tr g'lut't. Glaub'n S', i
lass' mir das g'fall'n? Da wr' i ja der Trottel umasunst!

Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!

Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so uern tut! rief Frau
Pchl im hchsten Zorn.

Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen,
der nicht gewillt schien, noch lnger auf sein Butterbrot zu warten.

Also vielleicht, sagte er mit einer Mischung von Nervositt, Hohn und
mhsam unterdrckter Wut, wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bichen
gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein
Butterbrot.

Bin eh scho dabei, sagte die Greislerin. Nur a bisserl Geduld. Der
Herr hat's aber eilig!

Jawohl, sagte Stanislaus Demba kurz.

Bleiben S' net noch, Frau Schimek? rief Frau Pchl der fortgehenden
Trafikantin nach.

I mu hinberschau'n in mein G'schft, i komm' nachher eh wieder auf an
Sprung.

Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Bro oder in
einer Kanzlei? fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. I mein' nur,
weil's der Herr so eilig hat.

Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen, antwortete Demba grob.

Bin eh scho fertig. Frau Pchl schob ihm ber den Ladentisch das
Butterbrot zu. Vierundzwanzig Heller.

Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er
nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam ber die
Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm pltzlich ernste
Bedenken gegen den Genu von Butterbrot aufgestiegen.

Soll ich's vielleicht zerschneiden? fragte die Greislerin.

Ja, natrlich, zerschneiden Sie's. Selbstverstndlich. Oder glauben
Sie, da ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde?

Die Frau schnitt das Brot in schmale Stcke und legte es vor den Kunden
hin.

Demba lie das Brot liegen. Er trommelte mit der Fuspitze gegen den
Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein
Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten
unter dem horngefaten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher.

Bekommt der Herr sonst noch was? fragte Frau Pchl.

Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?

Krakauer net. A Extrawurst wr' da, a Prewurst, drre Wurst, Salami.

Also Extrawurst.

Wieviel?

Acht Deka. Oder zehn Deka.

Zehn Deka. So bitte. Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte
das Pckchen neben das Butterbrot. Macht vierundsechzig Heller, beides
zusammen.

Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte pltzlich
auerordentlich viel Zeit und zeigte ein berraschendes Interesse fr
die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er
suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich
sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den Wnden und ber
dem Ladentisch hingen. Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen
Roggenbrots. -- Chwojkas Seifensand hlt rein die Hand, las er mit
groer Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten.

Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot? fragte er dann
und bckte sich prfend ber das Butterbrot, auf das sich inzwischen
zwei Fliegen niedergelassen hatten.

Nein, das ist Brot aus den 'Heureka'-Werken.

So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.

Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net, gab die
Greislerin zur Antwort.

Dann ist's gut. Dembas Verhalten wurde immer rtselhafter. Jetzt
blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und bi sich
wtend in die Lippen.

Knnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken? fragte er
pltzlich, whrend ihm ein kleiner Schweitropfen die Stirne
herunterlief. Mein Name ist Stanislaus Demba.

Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen?

Die Sachen da. Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und
das Wurstpckchen.

Die Extrawurst? Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an.
Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt.

Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor
ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte
glauben, in einem so groen Betriebe -- Geht's nicht? Gut. Das macht
nichts.

Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu,
die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prfenden
Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.

Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen? fragte er dann.

No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie
halt die Witterung war, meinte Frau Pchl und griff nach ihrem
Strickstrumpf.

Demba rhrte sich noch immer nicht fort.

Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?

I glaub' net.

Das Gesprch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem
Strumpf, whrend Dembas Aufmerksamkeit von einer Bchse lsardinen
vllig in Anspruch genommen war.

Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mderl, das Salzgurken verlangte,
und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden
den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da.

Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen? fragte er jetzt.

A Milli fhr' i net.

Also einen Schnaps?

Schnaps fhr' i net. Is dem Herrn leicht net wohl?

Stanislaus Demba blickte auf. Wie meinen Sie. Ja. Gewi. Mir ist nicht
wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie
das nicht gleich gesehen?

A Lackerl Slivovitz htt' i no drben in meiner Wohnung. Vielleicht,
da Ihna davon besser wird, sagte die Greislerin.

Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. Ja, ich bitte Sie
darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste
sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.

Die Katherl, Frau Pchls lteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer
Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr
nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie ber die Schnur hpfte,
fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen:

    Herr von Br
    schickt mich her,
    ob der Kaffee fertig wr'--

Kathi, sagte die Greislerin, geh eina, da wer drin is im Laden.
Weit vielleicht, wo i die Schlsseln hin'tan hab'?

Liegen eh in der Lad', sagte die Katherl und begann weiter zu
springen.

    Morgen um acht
    wird er gemacht,
    morgen um neun
    schaust herein--

Frau Pchl ffnete den Kchenschrank. Aber whrend sie das Schnapsglas
fllte, kam ihr pltzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfllte.
Der Mensch hatte sich so merkwrdig benommen. Zuerst hatte er solche
Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen
gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht
gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn
Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Trkisen,
das Sparkassabchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus
Maria-Zell!

Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand strzte Frau Pchl
schreckensbleich in den Laden.

Natrlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube
gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schne Geld! Frau Pchl
lie sich schweratmend in einen Stuhl fallen und ri wtend die Geldlade
auf.

Aber es war alles in schnster Ordnung! Da stand die Schale mit dem
Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das
Postsparkassabchl und die beiden Heiligenbilder.

Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst
war er durchgebrannt. Dafr hatte sie andererseits den Slivovitz fr
ihre Zehnerjausen gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine
vershnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natrlich hatte er kein Geld
gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie htte es ihm auch
geschenkt, wenn er sie darum gebeten htte. Man ist ja schlielich doch
auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib.

Frau Pchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das
Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Strae, um nach dem Flchtling
Ausschau zu halten.

Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen.

Erst als sie zurckkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und
Kupfermnzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstcke und
zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller.

Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gezhlt und
sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen
htte.




2


Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von
Truxa, und seinem Hunde Cyrus den tglichen Morgenspaziergang in den
Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen
Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorbergehend
auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung
betraut, mu den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem
grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten
Werke ber die Bildung altassyrischer Eigennamen hat er sich in der
Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, whrend seine
scharfsinnigen Untersuchungen ber indische Kachelmotive und ihren
Einflu auf die persische Teppichornamentik seinen Namen auch in
weitere Kreise der Knstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben.

Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der
Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der
Konsular-Akademie, ist weniger bekannt.

Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein
vorzgliches kalmckisch-deutsches Wrterbuch an erster Stelle zu
nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie ber die Hufung der
Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches
Werk: Zur Ethnographie und Sprache der Somalistmme haben auch den Weg
ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.

Die wissenschaftliche Ttigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in
dieser Erzhlung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch
angemerkt, da Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer
mehrmonatlichen Studienreise aus dem nrdlichen Haurangebiet
zurckgekehrt und derzeit damit beschftigt war, die wissenschaftliche
Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener
chettischer und phnizischer Sprachdenkmler, gemeinsam mit Hofrat
Klementi zu bearbeiten und zu verffentlichen.

Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so lt sich seine Rasse mit
absoluter Zuverlssigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht
allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als -- im groen und
ganzen -- zu der Familie der Spitze gehrig bezeichnet. Er konnte
apportieren, Pfotl geben und bitten und besa ein weies,
braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament.

Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im
Gesprche fters, am liebsten in besonders belebten Straen, stehen zu
bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und
behaglich zu fhlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum
Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst
grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang,
konnte gegen diese Schwche des Gelehrten nichts ausrichten, und
Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim berqueren der
Porzellangasse glcklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen
Tramway zu bringen.

Der Liechtensteinpark war um diese Zeit -- es mochte gegen halb zehn Uhr
vormittag sein -- bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mderln und
Buben liefen mit Reifen und Gummibllen ber den Kiesweg,
Kinderfruleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wgen vor sich her,
Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor.
Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an
der sie eine von alten Akazienbumen beschattete und durch dichtes
Gebsch den Blicken der brigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete.
Auf diesem Pltzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem
lrmenden Treiben ringsumher nur wenig gestrt, ein oder zwei Stunden
der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbgen zu widmen.

Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gesprch ber das
Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa
vertrat die Ansicht, da der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer
auf den Orient beschrnkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat
zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.

Sicher ist es Ihnen bekannt, sagte er, da in den prhistorischen
Grbern Sdfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche
Reste der _Canabis sativa L._ enthielten. Unsere Vorfahren haben
zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt.
Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank
Nepenthes erwhnt wird, der 'Kummer tilgt und das Gedchtnis jeglichen
Leides'. Und das '_Gelotophyllis_', das 'Kraut der Gelchter' der alten
Skythen, von dem Plinius spricht.

Ich mchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden
bleiben, warf Professor Truxa ein. Wirth in Mnchen geht ja noch viel
weiter als Sie, ohne brigens auch nur den Schatten eines
ernstzunehmenden Beweises fr seine Theorien zu erbringen. Nach seiner
Behauptung wren die groen Massenpsychosen der Vergangenheit, der
Flagellantismus ebenso wie die merkwrdigen Tanzepidemien, als Folgen
des bermigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von
hnlicher Wirkung anzusehen.

Ich kann mich natrlich diesen Seitensprngen Professor Wirths, der in
seinem eigenen Wissensgebiet brigens Tchtiges geleistet hat, nicht
anschlieen. Ich habe ja nur behauptet, da vereinzelte Flle von
Haschischgenu auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet
worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt:
Vereinzelte Flle! Ich erinnere mich beispielsweise eines
neapolitanischen Hafenarbeiters -- welche Symptome knnten Sie brigens
feststellen, Professor?

Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden
Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs uerste gesteigerten
Einbildungskraft. Ein Limonadenverkufer in Aleppo, den ich im
Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich fr den Erzengel Gabriel.
Ein arabischer Brieftrger in Waran gab sich fr eine Heuschrecke aus
und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das
Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei
sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe
gesehen, wie ein Nachtwchter in Damaskus einem harmlosen Spaziergnger
ohne jeden Anla einen solchen Tritt in den Magen versetzte, da der
arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mute.

Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen
Rassen doch auf verschiedene Art uern, nicht wahr? fragte der Hofrat.

Ich mchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt
sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, drfte jedes einzelne
Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenu reagieren.

Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wre aber
unrichtig, zu glauben, sie wren durch das Gesprchsthema so weit
absorbiert worden, da sie den Blick fr all das, was in dem
menschenerfllten Park rings um sie vorging, verloren htten. Das
Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem
Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Fe des
Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich
und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar
im Glauben, da ihm selbst der Ball eben aus den Hnden gefallen sei.
Professor Truxa lchelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem
Freunde das Spielzeug aus den Hnden, sehr darauf bedacht, den Hofrat in
seinem Gedankengang nicht zu stren. Gleich darauf verga er jedoch
selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos
in den Hnden und wute nicht, was mit ihm beginnen. Der unglckliche
Eigentmer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und
beobachtete mitrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung
der Dinge.

Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?
fragte der Hofrat.

Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und
bekam Magenbeschwerden. Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs
zu einem Entschlu gelangt. Er suberte ihn mit seinem Rockrmel sorgsam
von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubkrnchen weg und legte ihn
dann behutsam auf den Kiesweg zurck. Der kleine Junge strzte sich
sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem
Staube.

Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem
weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes
Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fuweg verengt, fhrte sie zu ihrem
Lieblingspltzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe -- Kinder,
die mit einer Rehkitz spielten -- und Gestruch verborgenen und von zwei
Akazien beschatteten Bank.

Auf der Bank sa Stanislaus Demba.

Er war beim Frhstck. Er sa vornber gebeugt, den Kopf in die Hnde
gesttzt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl
Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner
berzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing
ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, Hnde,
Arme und Beine hinter seinem Faltenflu. Die langen, leeren rmel
flatterten im Wind.

Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war
feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen
nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas
Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten
in groen, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafr, dieser Verwendung
die Korrektur- und Manuskriptbgen zuzufhren, zu deren Durchsicht der
heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates,
der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entri,
war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhtet
wurde.

Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafr vom
Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz.

Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als lstige
Strung zu betrachten. Er hrte zu essen auf, hob den Kopf und bi sich
verdrielich in die Lippen. Er schien enttuscht, als er sah, da
Vorbereitungen zu lngerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und
wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er zgerte,
blieb eine Weile unentschlossen stehen und lie sich dann resigniert
wieder auf die Bank nieder.

Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptbgen geordnet
und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute
Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit
gestrt.

Wrden Sie vielleicht die Gte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?
sagte Demba mit einem unangenehmen Lcheln zum Professor, der ihm
zunchst sa.

Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stcke von
Dembas Extrawurst.

Er ist mir lstig. Ich kann Hunde nicht vertragen. Dembas Stimme
zitterte vor Wut.

Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat! rief der
Professor verlegen.

Ich bitte tausendmal um Entschuldigung! klagte der Hofrat, dem das
Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. Ich mu Sie wirklich um
Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!

Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich fr
gewhnlich mit seinem Hunde verstndigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in
langjhrigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im
Aramischen oder Vulgrarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen
Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der
Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurckzuziehen, hatte nur die
Wirkung, da Cyrus bse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand
schnappte.

Demba folgte mit ngstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rhrte
jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schtzen.

Knnten Sie vielleicht Ihre Ewaren auf die andere Seite der Bank
legen? Dorthin kommt der Hund gewi nicht, bat der Hofrat.

Auf die andere Seite? Demba sah keinen Anla, die Sachen auf die
andere Seite zu legen. Er wre dazu nicht verpflichtet. Und berhaupt
dort sei Sonne und die Wurst wrde zweifellos in der Sonne verderben,
das werde der Herr wohl einsehen.

Der Hofrat sah das natrlich ein, obwohl der Himmel bewlkt und keine
Spur von Sonne zu sehen war.

brigens, fuhr Demba fort, ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht
mehr zu genieen. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund
geben. Brot frit er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich nmlich
selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste
dnische Butter.

Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen? bat der Hofrat. Cyrus
war mit der Wurst fertig und fiel rcksichtslos ber das Butterbrot her.
Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig
mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.

Na! zischte er wtend. Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu
sein. Nicht ein Stckerl lt er brig, nicht das allerkleinste
Stckerl.

Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen? fragte Professor
Truxa.

Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem
Wetter geradezu einen Ekel. Ich htte es ohnedies nicht berhrt.

Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber fr Demba
schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren
etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, da er ihren Hund mit
seinem Butterbrot fttere. Es sei merkwrdig, da manche Leute ihrem
Hunde sein bichen Fressen mignnten, selbst wenn es sie nicht einen
Heller kostete.

Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht fr rtlich halte,
sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen
Streit vom Zaun brechen. -- Um von Demba nicht verstanden zu werden,
bediente Professor Truxa sich des Idioms der nrdlichen Tuaregvlker,
und zwar -- der greren Sicherheit halber -- des Dialekts eines bereits
seit lngerer Zeit ausgestorbenen Stammes.

Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die
Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. -- Ob der Herr vielleicht
etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund
sein Frhstck zu schenken, -- fuhr er in gereiztem Ton den Professor
an. Was denn weiter dabei sei? Bichen Wurst und Brot. Um vierundsechzig
Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube,
da man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzge anwenden msse,
um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen.

Nein. Natrlich nicht, sagte der erstaunte Professor hflich. Und der
Herr sei augenscheinlich ein groer Tierfreund, -- setzte er hinzu.

Aber du bist ja ein liebes Hunderl! rief Stanislaus Demba in pltzlich
erwachter Begeisterung. Du bist ein reizendes Hunderl. Ob die Herren
den Hund vielleicht abgeben wollten. Nicht? Schade! -- Der Hund wrde
es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, -- wenn er sich den Herren
vorstellen drfe. Demba, _cand. phil._ ... Nach so einem Hund sei er
schon lange auf der Suche. Und von wem hat denn der Hund das schne,
rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch
her zu mir! Willst du Zucker haben?

Geh hin, Cyrus! sagte der Hofrat. Gib dem Herrn schn das Pratzerl.

Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die
Vorderpfote.

Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglckliche
Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Futritt und fiel
heulend auf den Rcken.

Und nun sprang Stanislaus Demba auf und strmte ohne Gru davon. Das
untere Ende seines Mantels, den er ber den Armen hngen hatte, geriet
ihm unter die Fe und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises,
metallisches Klirren war pltzlich zu hren, hnlich dem Rasseln eines
Schlsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den
Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fupfads.

Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. So ein
roher Mensch! rief er entrstet dem Hofrat zu.

Der Hofrat war merkwrdig ruhig geblieben. Professor! sagte er leise,
ohne sich um den jammernden Cyrus zu kmmern. Haben Sie das gesehen?

Natrlich! So ein roher Mensch!

Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen? flsterte Hofrat
Klementi geheimnisvoll. Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch
beobachtet. Denken Sie doch: Dieser jhe Umschwung der Stimmungen!
Dieser anfngliche Heihunger, der sich pltzlich in Ekel vor allem
Ebaren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalitt gegen ein
harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefttert hat.
Professor! Merken Sie nichts?

Sie meinen--? fragte Professor Truxa.

Haschisch! schrie der Hofrat. Ein Haschischraucher hier bei uns! In
Europa!

Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht.

Sie knnten recht haben, Herr Hofrat, sagte er. Wie merkwrdig! Ein
Haschischtrunkener! Er wre der erste, dem ich in Europa begegne!

Natrlich hab' ich recht! frohlockte der Hofrat.

Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen, meinte der
Professor nachdenklich. Als ob er etwas Kostbares unter dem berzieher
vor den Augen der Menge zu verbergen htte. Sie wissen, der
Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen
Schatz bei sich zu tragen.

Kommen Sie, Professor! rief der Hofrat, rasch! Wir holen ihn noch
ein, wir drfen ihn nicht aus den Augen lassen!

Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, da sie den Hund
Cyrus ganz vergaen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich
seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern
suchte.

Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten,
war der Haschischtrunkene schon lange im Gewhle der spielenden Kinder
verschwunden.




3


Das Frulein wute genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den
beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie
im Park auf der Bank sa und in ihrem Buch las, whrend der kleine Bub
und das Mderl, die sie spazieren zu fhren hatte, mit ihrem
Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefe und
Formen fllten, so kam es nur selten vor, da sie lange allein blieb.
Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr
gewhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem
andern im Weg war), taten anfangs beraus gleichgltig, so als ob sie
sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hbsch schattig war
fr diese Bank entschieden htten, bezeigten ein forciertes Interesse
fr alles mgliche: fr die Spatzen und Tauben, fr die Leute, die
vorbergingen, oder fr ihre eigenen Stiefelspitzen, -- bis sie
schlielich doch ein Gesprch anknpften: Frulein lesen da sicher
etwas sehr Interessantes! oder: Zwei reizende Kinder, Ihre beiden
kleinen Zglinge, wie heit du denn, Mderl? Oder die Keckeren unter
ihnen: Sie werden sich Ihre schnen blauen Augen verderben, Frulein,
wenn Sie fortwhrend lesen.

Ernstere Bekanntschaften ergaben sich fr das Frulein aus solchen
Anfngen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der
zweiten Zusammenkunft mit Vorschlgen, Wnschen und Anliegen, die weit
ber das hinausgingen, worber ein junges Mdchen aus gutem Hause, --
bitte, Fruleins Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein
Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium--,
worber ein junges Mdchen aus gutem Hause also vielleicht nach lngerer
Bekanntschaft, eventuell, unter Umstnden mit sich reden lassen darf.
Bei manchen Herren mute man berhaupt schon nach zwei Minuten das
Gesprch abbrechen, solche Reden fhrten sie, man mute aufspringen:
Willi! Gretl! Es ist Zeit, da wir nach Hause gehen!, und den
unverschmten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam fters vor, obwohl
das Frulein durchaus nicht prde war, sondern im Gegenteil ein gewisses
Vergngen an vorsichtig-andeutenden Gesprchen ber schlpfrig-pikante
Themen hatte.

Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen
Ansichtskartenverkehr berging. Ansichtskarten lie sich das Frulein
fr ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete fr
sie den Hhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der
Unterschrift eines ihr vllig gleichgltig Gewordenen oder gar
Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben
Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gndige rgerlich ins Zimmer kam
und auf die Frage ihres Mannes, ob der Brieftrger schon dagewesen sei,
verdrossen zur Antwort gab: Ja, aber fr uns war nichts, nur fr das
Frulein zwei Karten.

Heute sa kein junger Mann neben dem Frulein, sondern Frau Buresch,
eine ltere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag fr Tag den Park
besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen;
Frau Buresch und das Frulein tauschten Bemerkungen ber das Wetter aus.

Hat es sich doch aufgeheitert, sagte das Frulein.

Mir ist lieber, es regnet, als man wei nicht, wie man dran ist,
meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre Hkelarbeit hervor.

Wie ich heut frh aus dem Fenster geschaut hab', htt' ich geschworen
darauf, da es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt
ist's doch wieder ganz schn geworden, merkwrdig.

Das Wetterthema war erledigt. Das Frulein bltterte in ihrem Buch. Frau
Buresch hkelte.

Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der
Bnke, erzhlte das Frulein. Vier Heller pro Person.

Alles wird tglich teurer. Ich sag' Ihnen, Frulein, grau in grau ist
das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewhnliches,
ausgelassenes--

Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewhnlichen ausgelassenen
Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger
Mann hatte sich zwischen sie und das Frulein gesetzt. Und wenn sich ein
junger Mann neben das Frulein setzte, dann wollte Frau Buresch um
Gottes willen nicht stren. Dann schob sie sich rcksichtsvoll bis an
das uerste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre Hkelarbeit.

Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern
geworfen und vorne flchtig zugeknpft. Die leeren rmel hingen schlaff
hinunter. Er hatte sich erschpft auf die Bank niedergelassen, wie
einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, da er ein
paar Minuten lang ausruhen kann.

Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, da seine Nachbarin ein
ausnehmend hbsches Mdchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr
aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.

Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.

Dem Frulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte,
nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem
Buche aufzublicken. Er mifiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man
ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen
Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von
andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte.
Vielleicht gehrte er zur Boheme -- dachte sie. -- So sieht er aus. Er
hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen
Menschen. Wenn man es recht berlegte, so konnte man sich diesen
schweren und ungefgen Krper gar nicht in einen feinen, gutgemachten
Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach
-- stellte das Frulein fest. Freilich, die Hosen, die ber und ber mit
Kot bespritzt waren, htte er sich wohl abbrsten knnen, bevor er sich
neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Frulein fand, da irgend etwas an
dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschlo, sich seinen
Annherungsversuchen gegenber, die ja nicht ausbleiben wrden, das
wute sie genau, entgegenkommend zu verhalten.

Stanislaus Demba begann das Gesprch in nicht gerade origineller Weise,
indem er das Frulein nach dem Gegenstand ihrer Lektre fragte. Das ist
ein Ibsen, nicht wahr?

Das Frulein war sehr gebt darin, zusammenzufahren, wenn sie
angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und
ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.

Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. Hab' ich Sie gestrt? fragte
er. Ich wollte Sie nicht stren.

Ach nein, sagte das Frulein, senkte die Augen und tat, als ob sie
weiterlese.

Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstck ist.

Ja. Die Hedda Gabler.

Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wute weiter nichts zu sagen.

Pause. Das Frulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie
wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.

Ein bichen schwerfllig ist er -- dachte das Frulein. Sie kam ihm zu
Hilfe. Sie kennen das Stck? fragte sie. Jetzt lie sie das Buch
sinken zum Zeichen, da ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen
sei.

Ja. Natrlich kenne ich's, sagte Demba. -- Weiter nichts.

Dem Frulein blieb nichts anderes brig, als umzublttern und die
Lektre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wute er nichts weiter zu
sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mifielen
ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum.
Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schnheitsfehler reizend und
apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Frulein entschlo sich,
ihm eine letzte Chance zu geben. Sie lie ihren Regenschirm fallen.

Jeder junge Mann, auch der dmmste und ungeschickteste, wird in einem
solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit
einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswrdigen Redensarten
berreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt,
ist das Gesprch im Gange.

Aber diesmal geschah etwas Unerhrtes. Etwas, was sich in der Geschichte
aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus
Demba lie den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach
ihm. Nein. Er rhrte sich nicht und lie es zu, da sich das Frulein
selbst nach dem Schirm bckte.

Aber das Frulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das
imponierte ihr an Stanislaus Demba, da er so anders als die anderen
vorging. Er verschmhte die abgebrauchten Mittel, mit denen
Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht
galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger
Ritterlichkeit. Des Fruleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht
htte jetzt sogar sie ihn angesprochen -- Frau Buresch hkelte und sah
nicht hin--, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen
htte.

Wenn ich Ihr Vater wre, Frulein, sagte er, wrde ich Ihnen
verbieten, Ibsen zu lesen.

Wirklich? Aber warum denn? Pat er denn nicht fr junge Mdchen?

Weder fr Erwachsene noch fr junge Mdchen, erklrte Demba. Er gibt
Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.

Aber das mssen Sie doch wohl begrnden. Das Frulein kannte die Art
der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Gren zu
strzen, wenn sie durch khne, literarische Behauptungen Interesse fr
sich erwecken konnten.

Es wrde Sie langweilen. Mich langweilt es auch, sagte Demba. Ich
mte Ihnen vor allem erklren, wie wenig und wie Gewhnliches hinter
seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren
Klang ihrer Worte berauschen. -- Aber lassen wir das, mich langweilen
literarische Gesprche. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt?
Seine Menschen sind alle geschlechtlos.

So? Geschlechtlos? -- Das Frulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen.
Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem
guten Buch. Auer Hedda Gabler kannte sie nur noch Gespenster. Aber
sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck groer
Belesenheit und einer lckenlosen Kenntnis der neueren Literatur
hervorzurufen.

Und der Oswald? fragte sie. Finden Sie den etwa auch geschlechtlos?

Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den
Ku im Nebenzimmer nicht! -- Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz
auf. Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im
Nebenzimmer die Regina kt, ein Kulissenschieber, der Inspizient
vielleicht, aber nicht der Oswald.

Das Frulein lachte.

brigens, fuhr Demba fort und rckte nher an das Frulein heran, ist
der Ku ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den
Mann um sein Recht zu prellen.

Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?
meinte das Frulein.

Kssen, Streicheln, Krper an Krper schmiegen, predigte Stanislaus
Demba, sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der
Natur schulden.

Das Frulein berlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die
Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwl zu werden drohte. Aber ihr
Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der
Gegenstand des Gesprchs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte
nach Frau Buresch: die sa und hkelte und hatte sicher kein Wort
verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.

Aber Demba gab jetzt selbst dem Gesprch eine andere Wendung.

Ich habe Hunger, sagte er.

Wirklich?

Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.

So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stck
Kuchen.

Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach, sagte Demba
nachdenklich. Wieviel Uhr ist es eigentlich?

Halb zehn vorber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel, sagte das
Frulein.

Herrgott, da mu ich ja gehen! Demba sprang auf.

Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.

Ich habe mich verplaudert, sagte Demba. Ich habe viel zu tun. Ich
htte mich eigentlich gar nicht setzen drfen. Aber ich war todmde und
die Fe schmerzten mich. Und auerdem -- Demba schwang sich zur
hchsten Liebenswrdigkeit auf, deren er fhig war--, ich konnte ja
gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mute Sie kennen lernen.

Es ist eigentlich schade, da wir nicht weiterplaudern knnen. Das
Frulein wippte leicht mit der Fuspitze und lie einen zarten Knchel
und den Ansatz eines schlanken, schngeformten Beines sehen.

Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fu und blieb sitzen.

Ich mchte Sie gerne wiedersehen, sagte er.

Ich gehe hufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in
diesem Park bin ich nicht immer.

Und wo sind Sie gewhnlich?

Das ist verschieden. Es hngt von meiner Gndigen ab. Ich bin
Erzieherin.

Dann werde ich wieder mal hierher schauen.

Wenn Sie es dem Zufall berlassen wollen -- aber Sie knnen mir ja
schreiben, sagte das Frulein.

Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.

Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn
kaiserlichen Rat Adalbert Fchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien
Strae 18. -- Warum notieren Sie es nicht?

Das merke ich mir auch so.

Das ist unmglich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken.
Wiederholen Sie sie doch einmal.

Stanislaus Demba wute nur noch Alice und kaiserlicher Rat Fchsel.
Alles andere hatte er vergessen.

Also schreiben Sie sich's auf! befahl das Frulein.

Ich habe weder Bleistift noch Papier, sagte Demba und verzog rgerlich
das Gesicht.

Das Frulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und ri ein
Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. So. Notieren Sie sich's.

Ich kann nicht, versicherte Stanislaus Demba.

Sie knnen nicht? fragte das Frulein erstaunt.

Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.

Machen Sie doch keine Scherze!

Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, da
0,0010/00 der Wiener Bevlkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine
Null Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.

Das soll ich Ihnen glauben?

Gewi, Frulein! Sie haben heute die Ehre--

Stanislaus Demba verstummte. Ein Windsto hatte ihm den Hut vom Kopf
gerissen und ber den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba
sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Pltzlich
blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz
zurck.

Dort liegt er, murmelte er, und ich kann ihn nicht holen.

Sind Sie komisch, lachte das Frulein. Haben Sie vielleicht Angst vor
dem Parkwchter?

Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.

Ja, aber warum denn?

Stanislaus Demba holte tief Atem.

Weil ich ein Krppel bin, sagte er mit tonloser Stimme. Es mu
heraus. Ich habe keine Arme.

Das Frulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.

Ja, sagte Stanislaus Demba. Ich habe beide Arme verloren.

Das Frulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.

Bitte, setzen Sie mir ihn auf. -- Ich bin leider auf fremde Hilfe
angewiesen. -- So, danke.

Ich war Ingenieur, sagte Demba und lie sich wieder auf die Bank
nieder. Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen,
mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein!
Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon
gehrt?

Nein, flsterte das Frulein und schlo die Augen. Jetzt verstand sie
manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den
Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert
hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.

In der Dampfmhle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in
die Mahlmaschine. An einem -- nein, es war gar nicht einmal an einem
Freitag. An einem ganz gewhnlichen Donnerstag war's; am zwlften
Oktober.

Mit einem Male bekam das Frulein eine rasende Angst, da er auf den
Einfall kommen knnte, ihr seine verstmmelten Arme zu zeigen. Zwei
kurze, blutunterlaufene Stmpfe -- Nein! Sie konnte nicht daran denken.
Ein kalter Schauer lief ihr ber den Rcken.

Ich mu leider jetzt gehen, sagte sie leise und schuldbewut. Willi!
Gretl! Es ist Zeit, da wir nach Hause gehen.

Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die
leeren rmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau
getragene Originalitt, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens
erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als
mhsam verborgenes Elend.

Und hatte er nicht selbst gestanden, da er Hunger litt?

Sind Sie noch in der Fabrik? fragte sie.

Wo? In der Fabrik? -- Ach so. In den Heurekawerken. -- Nein. Wer kann
denn einen Krppel brauchen, sagte Demba.

Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. -- Viel
Geld hatte das Frulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem
Handtschchen und ein Zehnhellerstck. Die legte sie heimlich neben
Stanislaus Demba auf die Bank.

Dann stand sie auf. -- Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem
unglcklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die
ganze Absurditt dieses Vorhabens zum Bewutsein.

Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch.
Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.

Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, da der arme Mensch das
Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, da ihm
irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorbergehender; oder
Frau Buresch.

                   *       *       *       *       *

Frau Buresch, der kein Wort des Gesprches entgangen war, obwohl sie
sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Hkelarbeit
beschftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie
beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestrzung, des
Ekels und der Enttuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus
seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wtender
Gebrde auf den Boden warfen.




4


Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte
heute keineswegs rege Ttigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am
Morgen hier gewesen, hatte ein bichen mit dem Personal gebrummt, und
speziell den Kontoristen Neuhusl, der sich um eine volle halbe Stunde
versptet hatte, fr den nchsten Ersten die Kndigung in Aussicht
gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige
Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt -- In Wien
spazieren gehen, dafr zahl' ich Sie nicht! Fllt mir nicht ein! hatte
man ihn schreien gehrt. -- Schlielich hatte er dem Frulein Postelberg
unter fortwhrendem Husten und Ruspern zwei Briefe diktiert, und
dazwischen ber den Kohlenstaub in den Stadtbahnzgen geschimpft. Dann
aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, da er in einer Stunde
wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen
seiner Angestellten Eindruck. Man wute, da er mit dem Zehnuhrzug nach
Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.

An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder,
Modewestenstoffe en gros, gemtlich und angenehm zu verlaufen. Denn der
Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte -- Mister
Brown wurde er von den drei Bureaufruleins genannt, obwohl er nach
Mhrisch-Trbau zustndig war und kein Wort Englisch verstand--, Mister
Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an
seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schlo
Konti ab und erffnete neue, aber was rings um ihn geschah,
interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die
neunstndige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die
Unterhaltung zu laut wurde, schttelte er mibilligend den Kopf.

Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine
klapperte. Das war Frulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und
ihren Rckstand aufarbeiten mute. Frulein Springer las aus dem
Tagblatt den Sportbericht vor. Frulein Postelberg hatte zwei Spiegel
auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue
Frisur. Herr Neuhusl beschftigte sich mit der Maltrtierung seiner
Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Versptung beilegte. Der
Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit
blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, da er
ohneweiters zum Gouverneur der sterreichisch-ungarischen Bank htte
ernannt werden knnen. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des
Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwrfe machte,
weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.

Ethel, wie steht sie mir? fragte jetzt Frulein Postelberg, die eben
mit ihrer Frisur fertig geworden war.

La dich anschauen! Wirklich groartig, Claire, sagte Frulein
Springer.

Claire und Ethel sind fr Angestellte einer Manufakturfirma am
Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltgliche Namen. Keine der beiden Damen
htte ihr Recht auf den schnklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-,
Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf wei nachweisen knnen.
Aber dem Frulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich Claire
rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als
schlichte Klara Postelberg in WienII hatte das Licht der Welt erblicken
lassen, so stand sie doch bei dem mnnlichen Personal aller Huser, mit
denen die Firma Oskar Klebinder in Geschftsverbindung stand, in dem
Ruf, etwas Franzsisches, etwas echt Pariserisches, oder, wie der
Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher
ausdrckte, ein gewisses Etwas an sich zu haben. Sie bezog den _Chic
parisien_ im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau
in franzsischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den
Vortrag eines franzsischen Chansons bei einem Vereinsabend einen
auerordentlichen Erfolg erzielt. Frulein Springer, die ungarische
Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im
Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als _sporting girl_. Sie
verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Hndedrucks,
mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs uerste zu mihandeln
pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, da ihr
Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekrzt wurde. Sie fhrte mit
Vorliebe Gesprche ber amerikanische Mdchenerziehung und ber die
Stellung der Frau drben, jenseits des groen Wassers, und wute den
leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich
eingestreute _All rights_ und _Neverminds_ zu verbergen.

Sonja Hartmann hie wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stlpte den
Deckel ber ihre Schreibmaschine und schlo sie ab.

So. Fertig, sagte sie. Zwlf Tage lang rhr' ich jetzt keine Feder
an. Auer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.

Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im
Mittelpunkt der Errterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum
Chef -- zwlf Tage hatte er bewilligt -- war mit Spannung erwartet und
eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute
hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, fr die
notwendigen Einkufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene
Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum
vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem
Sdbahnperron in mrchenhafte Fernen entfhren sollte. Und vor drei
Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem
Glck, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr
Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als
Belohnung fr ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte
sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen
Reisekasse beisteuern. Und fr beinahe vierhundert Kronen lie sich
schon ein ganz hbsches Stckchen Welt besehen. Freilich, das
Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebhrend
angestaunt worden -- war dnn genug und enthielt nicht imponierend viel
Bltter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqus ber
Monarchenzusammenknfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen
Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so
sollten die eigentlichen Gensse der Reise nicht auf den perforierten
Blttern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden.
Schon am Semmering wollte man die Fahrt fr einige Stunden unterbrechen
und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Fr die
Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und fr den
Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von
Triest aus sollten grere und kleinere Ausflge nach Pirano, Capo
d'Istria und Grado unternommen und der mehrtgige Aufenthalt in Venedig
durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua --
hatte Georg Weiner erklrt--, war doch nicht solch ein
Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der
Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der
kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das
Innere, -- hatte auch Herr Zerkowitz besttigt. Padua stand also
gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen lngeren
Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen htte. Von Padua aus sollte dann
jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, ber dessen
Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg
Weiner gekommen wre. Sonja war unbedingt fr einen draufgngerischen
Text gewesen, fr eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von
vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen
diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schlielich hatte man
sich auf die Stilisierung: Durch Unwohlsein Rckfahrt verzgert,
ankomme Freitag geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage
Urlaubsverlngerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der
Heimreise zu einer Fuwanderung durch das romantische Ennstal verwendet
werden.

Sonja zndete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl
zurck, als se sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an
Mrzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.

Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben? fragte sie und lie eine
Rauchwolke zur Decke schweben. Venetia, posta grande. Sie auch, Mister
Brown?

Was soll ich Ihnen denn schreiben? fragte Mister Brown, ohne von
seinem Buch aufzublicken.

Was es Neues gibt im Bureau.

Was wird es denn Neues geben? meinte der Buchhalter und begrub den
Kopf zwischen zwei Kontobltter: Da Koloman Steiner in Gro-Kikinda
sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren.
Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hren.

Die Postelberg wird schon fr Abwechslung sorgen, mischte sich Herr
Neuhusl in die Unterhaltung. Diesen Monat trgt sie das Haar
kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrn darankommen, hab' ich aus
verllicher Quelle erfahren.

Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr
Neuhusl, wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die
Drohung des Chefs. Also kann es Ihnen ganz egal sein. berhaupt hei'
ich fr Sie: Frulein Postelberg, merken Sie sich das.

Kinder, nicht streitet euch fortwhrend! mahnte Etelka Springer. Sag'
mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hrt, da du mit
dem Georg davon bist?

Der? -- Sonja zuckte geringschtzig die Achseln. Der soll sagen, was
er will. Wir sind endgltig fertig miteinander.

Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung, sagte Frulein Postelberg.

Wie kannst du das sagen? fuhr Sonja auf. Bitte, misch' dich nicht
immer in meine Angelegenheiten ein.

Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor
und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.

Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schn, Mister Brown? Ist er nicht
schn?

Mister Brown war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von
seinem Buche aufzublicken. Wie ein Angorakatzerl, sagte er aber auf
jeden Fall. Siebzehn -- sechsundzwanzig -- zweiunddreiig. Wie ein
Seidenschwanz. Er hatte von seiner langjhrigen Ttigkeit in der
Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, da ein Seidenschwanz ein
besonders farbenschillerndes Lebewesen sein msse.

Im Ernst, Mister Brown, drngte Sonja. Sagen Sie, ist er nicht
wirklich schn?

Einundfnfzig -- neunundfnfzig -- vierundsechzig. Wie ein
Karpathenhirsch.

Sonja kehrte ihm gekrnkt den Rcken zu und legte die Photographie auf
ihr Schreibpult.

Mir tut der Stanie leid, sagte Frulein Postelberg. Ich wei nicht,
fort mu ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, lt du Venedig
Venedig sein und den Weiner Weiner, und fhrst zu deiner Tante nach
Budweis wie voriges Jahr.

Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mhe wert, eine Antwort zu
geben.

Wie ein Paradeisvogel, lie sich von seinem Schreibpult her Mister
Brown vernehmen, der whrend des Addierens mechanisch nach dem richtigen
Ausdruck fr Georg Weiners mnnliche Schnheit weitersuchte.

Du hast's bequem. Natrlich, fuhr Klara Postelberg fort. Du bist
morgen schon, wer wei wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht.
Wir knnen uns dann seine Vorwrfe anhren. So wie vorige Woche, wie du
mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz auer Rand und Band war
er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgefhrt,
schade, da du nicht dabei warst, gebrllt hat er mit uns wie--

Wie ein Br in Sibrien, ergnzte Mister Brown, der sich noch immer in
zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wute, wovon im
Augenblick die Rede war.

Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen, sagte Sonja gelassen. Ich
hab' es ihm schon wiederholt gesagt, da es zwischen mir und ihm ein fr
allemal aus ist. brigens knnt ihr ihm ja wirklich sagen, da ich nach
Budweis zu meiner Tante gefahren bin.

Herr Neuhusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige
Verbesserung an dem Rderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der
Hand.

Wenn Sie sich vielleicht einbilden, sagte er zu Sonja, da Ihr
Verflossener nicht ganz genau wei, was Sie vorhaben--

So mag er's wissen, sagte Sonja. Um so besser. Ich habe keine
Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?

Gestern abend hat er sich im Caf Sistiana zu mir gesetzt, sagte Herr
Neuhusl, lie den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die
Westentasche. Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber
nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen
Liebesgram anhren mssen und ab neun Uhr seine Racheplne. Hat mich
=sehr= interessiert, schlo Herr Neuhusl ironisch.

Wie war er? War er sehr aufgeregt? fragte Frulein Postelberg
neugierig.

Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schlu ist ihm dann eine Idee
gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas
gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Frulein
Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.

Auf Sonja Hartmann machte diese Erffnung keinen Eindruck, Frulein
Postelberg hingegen geriet durch die bloe Erwhnung von Paris in
Ekstase.

Sonja! rief sie verzckt, lehnte den Kopf zurck und blickte
schwrmerisch zur Decke empor. Paris! Die Boulevards! Der Pre
Lachaise! Der Montmartre!

Eau de Cologne, ffte ihr Herr Neuhusl mit einer Grimasse nach,
_Chapeau claque! Voil tout!_

Dann stand er auf und begann im Flsterton eifrig auf den Buchhalter
einzusprechen.

Mister Brown schien ihm nicht zuzuhren, schrieb und rechnete
unermdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin,
warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die
Stirne.

Dreiviertel zehn ist schon? Ist das mglich? fragte er. Wieviel Uhr
haben Sie, Herr Neuhusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich
den Prokuristen von Gebrder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf
mich warten lassen. -- Eine geschftliche Besprechung, Herr Neuhusl,
Sie knnen mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft
umgeht. Wenn der Chef zufllig kommen sollte, so rufen Sie mich im Caf
Sistiana an, Frulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist
die Nummer.

_All right_, Mister Brown, sagte Etelka Springer.

Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Frulein Postelberg? stellte
Mister Brown die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef
stumme Blicke eines vergngten Einverstndnisses gewechselt hatte.

Aber wo denken Sie hin? verteidigte sich Klara Postelberg. Ich wei
doch: _Les affaires sont les affaires._

Ich mchte wetten, sagte sie, als Mister Brown mit Herrn Neuhusl
das Bureau verlassen hatte, da er jetzt mit dem Neuhusl Karambol
spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschftliche
Besprechungen im Caf Sistiana und ausgerechnet den Neuhusl nimmt er
jedesmal mit.

Recht hat er, sagte Etelka Springer.

Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.

Was hast du denn gegen den Stanie?

Nichts, sagte Sonja. Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.

Warum eigentlich? Und seit wann?

Seit wann? -- Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder
nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Spter hab'
ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn
ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern mssen, da
er mit irgend jemandem Streit beginnt.

Aber er ist sehr gescheit, sagte Klara Postelberg. Und er versteht
einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlngst hat er mir erklrt,
warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die
Blumenweiber in der verlngerten Krntnerstrae. Ich hab' es wieder
vergessen, aber es war interessant. Auerdem ist er doch gro und ein
hbscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der--

Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte gelutet. Sie sprang auf und
lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen
Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurck.

Sonja, du wirst verlangt.

Georg--?

Ich glaube. Ja.

Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann
mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften,
die 'jenes entzckende Frulein' in Wei, Rosa oder Blau mit stammelnden
Liebesrufen zu betren suchten, sodann die ehrbaren Vorschlge
gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit
ansehnlichem Vermgen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier
Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka
Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und
das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.

Pltzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. Ethel, horch einmal!
Ich glaube, der Chef ist zurckgekommen.

Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau fhrte, knarrte
unter schweren Schritten.

Zwei Schreibmaschinen begannen wtend zu klappern. Zwei Kpfe beugten
sich ber die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr
unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches
umher.

Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam,
sondern Stanislaus Demba.

In der Trffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das
Zimmer ab. Lose ber die Schultern gehngt trug er seinen hellbraunen
Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Hnden zusammen.

Ist Sonja nicht hier? fragte er. Er sah bernchtig aus und schien vom
raschen Gehen und vom Treppensteigen ermdet zu sein.

Sie sind's, Herr Demba? Gr Sie Gott! rief Klara Postelberg. Sonja
ist drben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein. Sie verschwieg
vorsichtig, da Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongesprch fhrte.

Ich werde warten, sagte Demba.

Dann nehmen Sie aber, bitte, geflligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im
Zimmer nimmt man den Hut ab, sagte Etelka Springer.

Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfllig
da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweitropfen glitt ihm
von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervs mit
den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lstiges Insekt verscheuchen wollte.
Den Hut behielt er auf dem Kopf.

Siehst du, Claire, so macht man das, sagte Etelka Springer und nahm
ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen,
aber er lie es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu.
So, jetzt drfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.

Stanislaus Demba starrte haerfllt auf Etelka Springer und dann mit
einem Ausdruck vlliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den
Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehngt hatte. Schlielich
zuckte er die Achseln und lie sich auf den Stuhl nieder.

Mir knnen Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts
getan? sagte Klara Postelberg.

Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und
wurde mit einemmal gesprchig.

Was fr reizende, kleine Hnde Sie haben, Frulein Klara. Nie im Leben
hab' ich so aristokratisch-edle Hnde gesehen. Was gb' ich fr einen
einzigen Ku auf diese Hand!

Aber bitte! ermutigte ihn Frulein Postelberg und hielt ihm auch die
andere Hand hin.

Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle
Illusionen, sagte Demba.

Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba. Klara Postelberg trat
tiefgekrnkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der
Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.

Demba blickte nachdenklich auf ihre Hnde.

Chwoykas Seifensand! sagte er pltzlich. Hlt rein die Hand.

Sie sind wirklich unausstehlich heute.

Heute? Immer ist er unausstehlich, erklrte Etelka Springer. Nicht
wahr, Stanie. Deswegen knnen Sie aber einer alten Freundin doch die
Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.

Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem
jngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und
ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka
Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka
Springer der Ehre eines Hndedruckes nicht fr wrdig erachtet.

Ihnen? sagte Demba und verzog die Lippen. Sie renken den Leuten die
Arme aus.

Sie sind ein Flegel! sagte Etelka Springer. Sonja hat ganz recht,
wenn sie--. Sie brach ab.

Was ist's mit Sonja?

Nichts.

Was ist's mit Sonja? schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem
Sessel in die Hhe und war kreidebleich. Was ist's mit Sonja?

Schreien Sie nicht so! Nichts, sagte Etelka Springer.

Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten! brllte Demba ganz
auer sich.

Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie geflligst aus dem
Spiel. Etelka kehrte ihm den Rcken.

Krachend fielen Stanislaus Dembas Fuste auf die Tischplatte nieder.
Irgend etwas klirrte, als sei eine groe Spiegelscheibe in Trmmer
gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf
und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten
sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt
stehen. Er war offenbar selbst erschrocken ber seinen pltzlichen
Ausbruch. Seine Hnde waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
verschwunden.

Sind Sie verrckt, Stanie? rief Etelka Springer. Sie haben mein
Tintenfa zerschlagen.

Doch das Tintenfa stand unbeschdigt auf dem Schreibtisch. Nur ein
wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der
metallenen Schreibtischplatte.

Aber Sie mssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich
hab' es doch deutlich klirren gehrt! Etelka Springer suchte vergeblich
auf dem Boden nach Glassplittern.

Was ist's mit Sonja? fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.

Da ist sie. Fragen Sie sie selbst, sagte Etelka Springer und wies auf
Sonja Hartmann, die durch den Lrm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.

Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal
von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte -- wei Gott, wer ihm
davon erzhlt haben mochte -- so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen,
da er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurckzuhalten. Diese
Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich
gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwrtigkeiten, die berwunden
werden muten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehrte zu dieser
Reise, genau so, wie das umstndliche Packen der Koffer, wie der
peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen
ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich
das drftig mblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten
teuer genug bezahlen lieen und sich zudem noch fr berechtigt hielten,
eine Art Aufsicht ber das Tun und Lassen der Kontoristin auszuben.

Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glcklich berstanden, und so
hie es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba ber
sich ergehen zu lassen.

Sonja war bereit.

Du bist's? fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck
ngstlicher Verlegenheit. Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr
im Bureau zu besuchen. Du weit, der Chef--

Der rgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba
wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die
Stellung des sich Verteidigenden.

Bitte verzeih, wenn ich dich hier stre, sagte er. Aber ich habe mit
dir zu sprechen.

Mu das unbedingt jetzt sein? fragte sie mit der allergleichgltigsten
Miene, die sie zustande brachte.

Ja.

Wenn es unbedingt sein mu, dann bitte, nimm Platz.

Demba setzte sich.

Nun? La hren, sagte Sonja.

Demba schwieg eine Weile. -- Vielleicht wird es doch besser sein, wenn
die Unterredung unter vier Augen--

Komm, Claire, sagte Etelka Springer. Wir wollen nicht stren.

Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und
ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hren, sagte Sonja rasch.
Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der
Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht
bleiben.

Nein! sagte sie. Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm,
Claire!

_Enfin seul_, konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht
enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verlie. Der
Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur
wenige Worte Deutsch, -- erst vor drei Wochen war er aus seinem
bhmischen Nest nach Wien gekommen -- und so war eine Indiskretion von
seiner Seite nicht zu erwarten. Auerdem war er eingeschlafen.

Nun? sagte Sonja, als sie allein waren.

Demba stand auf. Wo bist du heute nacht gewesen?

Was geht das dich an? fuhr Sonja ihn zornig an. brigens war ich bei
meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht ber allein
bleiben.

Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstrae vielleicht?

Sonja errtete. -- Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die
Liechtensteinstrae?

Sie fiel mir zufllig ein. brigens, sehr schwer krank scheint deine
Tante nicht zu sein, sonst wrdest du wohl kaum mit dem Weiner auf
Reisen gehen.

Weht der Wind daher?

Jawohl. Daher.

Bitte, entschuldige, da ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu
fragen, sagte Sonja spttisch.

Du wirst nicht fahren! rief Demba.

Doch. Morgen frh um neun.

Ich will es nicht! schrie Demba wtend.

Aber ich will es, sagte Sonja immer gleich ruhig.

Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, da es dann zwischen uns fr
immer zu Ende ist.

Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, da es fr mich schon
seit einem Vierteljahr zu Ende ist.

So, sagte Demba. Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab'
ich dir noch zu sagen, da du mir geschworen hast, niemals einen andern
als mich zu lieben.

Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja
begann zu lachen.

Wirklich? fragte sie.

Ja, sagte Demba. Vorigen Herbst. In der Rohrerhtte. Wir gingen nach
dem Nachtmahl in den Park und da--

Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, da ich niemals mehr
Hunger bekommen werde? Das htt' ich ebensogut tun knnen. Ich hab'
wirklich nicht geglaubt, da du so kindisch bist, Stanie.

Willst du es vielleicht abstreiten?

Nein, sagte Sonja. Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du
machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender
Mensch. Das ist doch sehr einfach. Sie zuckte die Achseln. Jetzt ist
eben alles anders.

Demba, der geglaubt hatte, in der Erwhnung jenes Abends in der
Rohrerhtte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen,
wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, da jetzt eben alles anders sei,
war er nicht vorbereitet. Er blickte voll rger auf die Uhr und stampfte
mit dem Fu.

Ich hab' gedacht, da ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft
bringen knnen. Wenn ich dir nur begreiflich machen knnte, wie kostbar
heute jede Viertelstunde fr mich ist. Ich hab' so viel zu tun und mu
hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.

Ich find' auch, da du hier ganz unntz deine Zeit verlierst, sagte
Sonja.

Da hilft aber nichts, sagte Demba entschlossen. Ich gehe nicht fort,
ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es
mein Verderben ist. Und ich glaube -- Demba warf nochmals einen Blick
auf die Uhr und sthnte ganz leise -- es wird mein Verderben sein.

Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr
Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, da Demba irgend
etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf
hatte er da in Vorbereitung?

Du mut nicht glauben, sagte jetzt Demba, da ich dir die Reise
mignne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich
mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen frh knnen wir
abreisen.

Wirklich? spottete Sonja. Zu lieb von dir, zu freundlich.

Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,
sagte Demba unbeirrt.

Jetzt hr' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das
glaubst du doch selbst nicht, da ich mir von dir Briefe an meine
Freunde diktieren lasse. Es wird fr deinen Geisteszustand am besten
sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.

Demba wurde es langsam klar, da er gegen Sonjas khle, berlegene Ruhe
nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mhte er sich und
kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas
festen Entschlu war, wute kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und
sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.

Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag,
stach ihm ins Auge. Der Anblick des glcklichen Nebenbuhlers reizte ihn
zur Wut und er begann ber Georg Weiner loszuziehen.

Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraenaff! In so einen Hohlkopf
hast du dich vergaffen knnen!

Sonja wurde zum erstenmal scharf.

Wenn du anfngst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort
fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafr, da wir beide
nicht zueinander passen.

Schn, sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin
verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rchen, wenn er ihn
auch nur _in effigie_ vernichten konnte.

Er whlte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu
setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Sumen seines Mantels zum
Vorschein, nherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom
Tisch. In der Nhe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter
ihr her und bckte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor
Mihandlungen schtzen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide
haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, da
Sonja Stanislaus Dembas Hand berhrte.

Sie stie einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurck.

Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefhlt und den Bruchteil einer
Sekunde lang einen Blick auf ein weiblinkendes, metallisch glitzerndes
Instrument erhascht.

Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar:
Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte
nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu knnen, ob es ein Revolver
war, oder ein Messer, oder ein Todschlger, sie wute nur, da sich ihr
Leben in hchster Gefahr befand.

Blitzschnell berlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand
zwischen ihr und der Tr. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu
erwarten. Schlug sie Lrm, so erreichte sie nur, da Demba seinen
Mordplan sofort ausfhrte. Sie beschlo, sich zu stellen, als htte sie
nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte.
Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung mglich.

Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflchtet. Jetzt richtete
sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden.
Er stie sie mit dem Fu in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu.
Die Hnde mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
verborgen.

Er bemerkte nicht, da Sonja am ganzen Krper zitterte, und da sie sich
mit beiden Hnden an dem Schreibtisch festhalten mute, um nicht zu
Boden zu sinken.

So, sagte er. Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du
dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?

Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete
keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.

Aber Sonja sagte leise:

Ich wei es noch nicht.

Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht
spttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm
sich nicht die Mhe, nach einer Erklrung fr diese Wandlung zu suchen.

Du bist noch nicht entschlossen? fragte er.

Ich mu es mir erst berlegen. Durch Sonjas Kopf raste ein einziger
Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den
Hnden, er war jhzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr--

Was gibt es denn da lang zu berlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpa
geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.

Vielleicht, hauchte Sonja gengstigt. Wenn... Sie stockte. Was
sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.

Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr? Er
trat nher heran. Sie wich erschrocken zurck, aber er bemerkte es
nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.

Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft, sagte er. Ich erwarte
das Honorar fr den Kolportageroman, den ich ins Polnische bersetzt
habe. Auerdem kann ich in ein paar Husern, in denen ich unterrichte,
Vorschu bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.

Sie hrte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte
nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch htte
sie sie nicht beschreiben knnen. Jetzt aber war sie berzeugt, den
Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte:
Einen Browning, der wie ein groer Haustorschlssel geformt war und sie
aus einer dunklen Mndung mordlustig anglotzte.

Bis zum Abend ist das Geld beisammen, wiederholte Demba. Er warf einen
Blick auf die Uhr. Halb elf ist's! rief er. Der Teufel noch einmal.
Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen mssen.

Jetzt wird er gehen -- dachte Sonja. -- Wenn er doch nur schon endlich
fort wre!--

Jetzt versprich mir also, da du mit mir fhrst, morgen, drngte
Demba.

Ja, hauchte Sonja. Vorausgesetzt, daߠ-- Sie suchte nach irgendeinem
Vorbehalt.

Vorausgesetzt, da ich das Geld habe. Natrlich, unterbrach sie Demba.
Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld
nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:

Ich wute, da wir uns bald einigen wrden, wenn wir erst vernnftig
ber die Sache zu sprechen begonnen haben wrden. Ich komm' am Abend
nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich mu gehen. Ich hab'
keine Zeit zu verlieren.

Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er bi sich in die
Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tr. Auf dem Wege stie er in
einem pltzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege
stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.

                   *       *       *       *       *

Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie
Sonja schluchzend und das Gesicht in den Hnden vergraben.

Was ist geschehen? rief Klara Postelberg.

Er hat auf mich schieen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich
schieen wollen.

Etelka Springer schttelte den Kopf.

Unsinn! sagte sie. Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war
sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.

Nein! beteuerte Sonja. Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit
ber hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall
hab' ich ihn zu sehen bekommen. Sie begann von neuem zu schluchzen.
Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch
gebeten: Bleibt da! -- Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.
-- Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.

Etelka Springer wurde nachdenklich.

Er ist ein gewaltttiger Mensch, das ist richtig, sagte sie. Und sehr
leicht erregbar. Aber-- Sie unterbrach sich. Auf jeden Fall mut du
den Weiner benachrichtigen.

Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, da er
zu seinen Eltern nach Mdling fhrt.

Den Revolver mssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's
nicht anders geht, mit Gewalt, sagte Etelka Springer. Wo ist er denn
jetzt?

Ich wei nicht. Er ist fortgegangen.

Aber nein. Dort hngt doch noch sein Hut.

Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am
Kleiderhaken.

Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wtende Jagd nach Geld.




5


Oskar Miksch dehnte sich, ghnte, rieb sich die Augen und richtete sich
halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wute er nicht,
sicher aber war es noch nicht spt. Er konnte nicht lange geschlafen
haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Gerusch, das wie das
Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte
ihn geweckt.

Er erinnerte sich, da die berbleibsel seines Frhstcks, eine
halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch
liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf
seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die
Frhstckstasse abrumte, whrend er noch schlief, und dazu noch
unntigen Lrm machte.

Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewhnt hatten, -- er
pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu
schlieen, um nicht durch das Tageslicht gestrt zu werden, -- erkannte
er, da er der ehrwrdigen Matrone schweres Unrecht zugefgt hatte.
Nicht sie war es, die Mikschs gestrten Schlummer auf dem Gewissen
hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba.

Demba stand ber den Tisch gebeugt, und Miksch sah ihn undeutlich auf
komische und gravittische Art das Marmeladebrot verspeisen -- er hob es
mit beiden Hnden in die Hhe und zum Mund, es sah aus, als ob er
feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hnde
sinken lie, klirrte der Teller aus irgendeinem rtselhaften Grund, und
eben dieses Gerusch hatte Miksch geweckt.

Auf dem Sessel neben der Tr sa noch eine zweite Gestalt, die sich bei
schrferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen
Schatten vergrerter Havelock erwies.

Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander
sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen
neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba
gewhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag ber lie er sich nur
selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn
Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe
ein halbes Jahr lang und hatten whrend dieser Zeit kaum ein dutzendmal
miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf
zurckgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhltnissen war
Miksch ziemlich vertraut, er wute es genau, wenn Demba in Geldnten
war, in Prfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer
verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kmpfte. Denn der
Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bcher und Notizhefte
herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern
zu erzhlen, tat das brige. Hie und da wandten sie sich mittels
Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte
Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Hhe
von fnf Kronen voneinander.

Guten Morgen! Wnsch' guten Appetit! rief Oskar Miksch den Studenten
an.

Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er
merkte offenbar erst jetzt, da Miksch erwacht war. Der Teller begann
wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch,
so pltzlich, als wre er versunken.

Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen
Sie? Warten Sie, ich mache Licht.

Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu
ffnen. Als ein schchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brllte
Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, pltzlich auf:

Zum Kuckuck, was fllt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden
geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.

Augenschmerzen? Miksch schlo augenblicklich die Fensterladen, und es
war jetzt stockdunkel im Zimmer.

Rasende Augenschmerzen! Ich mu doch endlich zu einem Spezialisten
gehen. Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und
schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem
Tische lag.

Zum Teufel, es geht nicht! fluchte er. Schneiden Sie mir doch ein
Stck Brot ab, Miksch.

So wird's freilich nicht gehen, sagte Miksch. Man nimmt das Brot in
die eine und das Messer in die andere Hand.

Hol Sie der Teufel! brllte Demba in einem Anfall ganz unerklrlicher
Wut. Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stck
Brot ab.

Es ist nur Faulheit von Ihnen, sagte Miksch gelassen und langte ber
den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. Sie lassen sich ganz gern
ein bichen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen mssen
Sie es sich selbst.

Demba a, und wieder bentzte er beide Hnde, um das Brot zum Mund zu
fhren -- in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet
mhsam mit beiden Hnden ein Fnfzigkilogewicht.

Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose
und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden.

Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frhstck weg, sagte Demba.

Aber nein! Ich bin vollstndig satt.

Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit
gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein
Frhstck weggeschnappt.

Wer? Ein Hund?

Ja. Ein hlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mute ruhig
zusehen.

Warum muten Sie das?

Ich hatte im Augenblicke zufllig die Hnde nicht frei. Was kmmert Sie
das brigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine
Hnde nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie brigens um Ihren Schlaf?

Ich bin nicht mde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden
schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. -- Wie kommt es, da Sie
heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?

Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel
auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem
Sohn, der eingerckt ist, zu Hause.

Ihr Mantel ist zerrissen?

Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.

Sie knnen meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat
Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.

Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.

Aber wir haben ja die gleiche Gre.

Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn
der Frau Pomeisl zurckgelassen hat.

Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?

Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig
fahren.

Georg Weiner? Wer ist das?

Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem
spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.

Geben Sie ihm Ihren Segen.

Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen? rief
Demba zornig.

Wer bestiehlt Sie denn?

Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?

Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.

So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im
Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium,
der doch auch 'frei' ist und tun kann, was er will, verdrngen und Ihnen
Ihren Posten wegnehmen wrde -- lieen Sie sich das gefallen? Ich soll
zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel
ein Stck Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese
Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?

Wollten Sie denn das Mdel heiraten?

Nein.

Sehen Sie! In ein paar Wochen htten Sie sie stehen gelassen. Der
Verlust ist also nicht so gro.

In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.

Was heit das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen knnen
doch keine Rolle spielen.

Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll
ich Ihnen das begreiflich machen? -- Hren Sie: Sie essen ein
Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stckchen aus der
Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann
werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie knnen andere Dinge
essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stckchen
Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie
unbewut ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach
jener Birne, nur weil Sie das letzte Stckchen nicht gegessen haben.

Nun. Und?

So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht htt' ich sie in ein paar
Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind,
als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich
heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen -- verstehen Sie das
nicht? -- Miksch, Sie mssen mir Geld verschaffen.

Sechs Kronen knnen Sie sofort haben.

Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.

Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?
Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. Wozu brauchen Sie das Geld,
Demba?

Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.

Ich dachte mir's. Glauben Sie, da es mit dem Geld allein getan wr'?
Wenn das Mdel den andern nun einmal lieber hat!

Wenn ich das Geld habe, fhrt sie mit mir.

Glauben Sie das im Ernst?

Ich glaube nichts. Ich wei es, sagte Demba. Ich war vor einer halben
Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur
Vernunft gebracht. Mit ein bichen Diplomatie und Menschenkenntnis geht
alles. Sie hat seit jeher einen unbezhmbaren Drang, sich die Welt
anzusehen. Sie =mu= diese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das
ist ihr nebenschlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe,
ist der Weiner erledigt.

Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba, sagte
Miksch skeptisch.

Stanislaus Demba hrte nicht auf ihn.

Und heute morgen htt' ich beinahe die zweihundert Kronen gehabt, die
ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen htte! Aber ich
habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich
erschwert worden. Ich knnte mich ohrfeigen, wenn--

Wenn?

Wenn ich es knnte. Auch das geht nicht mehr so leicht. Demba lachte
kurz auf. Genug davon! Also Sie haben kein Geld fr mich. Dann mu ich
schauen, da ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. -- Ja,
richtig: Die Pelerine! -- Frau Pomeisl!

Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte
den Kopf zur Tr herein.

Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel.
Man sieht ja seine eigenen Hnd' nicht.

Frau Pomeisl! bat Demba. Knnen Sie mir fr heute die Pelerine
leihen, die ihr Sohn frher immer getragen hat? In meinen Mantel hab'
ich mir ein Loch gerissen.

Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die
wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der
letzten Zeit, bevor er zum Militr gegangen ist, gar nicht mehr auf die
Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie
Ihnen heraus.

Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar
Augenblicken mit der Pelerine zurck.

So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie
halt.

Das macht nichts. Geben Sie sie nur her, sagte Demba. Ein praktisches
Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knpft sie vorn zu
und mu sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheulichen
Futterale zu zwngen, die der Teufel erfunden hat--

In welche Futterale? fragte Miksch.

In die rmel. Ich vertrage rmel nicht. Machen Sie die Fensterladen
auf, Miksch.

Haben Sie keine Schmerzen mehr?

Schmerzen? Was fr Schmerzen?

Augenschmerzen.

Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und
ffnen Sie die Fensterlden.

Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.

Demba trat vor den Spiegel, der die Tr des Kleiderkastens und das
Prunkstck des drftig mblierten Zimmers bildete. Er besah sein
Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall
zu finden.

Jesses, Sie sind's, Herr Demba! rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt
erkannte. Wenn ich gewut htt', da Sie zu Hause sind. Ich hab'
geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbrieftrger
gesucht.

Der Geldbrieftrger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen
lassen? schrie Demba.

Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er mu gleich
herunterkommen. Er hat einen Geldbrief fr Sie.

Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen. Stanislaus
Demba wandte sich zu Miksch und lachte. Der Herr Weiner wre erledigt.
Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins
Polnische bersetzt habe. Einen Kolportageroman fr Dienstmdchen in
vierhundert Lieferungen __ zwanzig Heller, in jeder Lieferung ein
Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine
Kindesunterschiebung -- er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich
eigentlich schmen, aber Sie wissen, Miksch: _Non olet._ Und er lt
mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere
Menschen.

Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glck,
Demba!

Glck? -- Verdammtes, elendes Pech habe ich! schrie Demba. Warum
konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern
gekommen wre!

Nun, und worin lge der Unterschied?

Da ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir htte, heute -- weiter
nichts, sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck:

Jetzt mu ich hinaus, sonst luft mir der Geldbrieftrger fort.

Nach ein paar Minuten kam Demba zurck. Er ffnete, ohne ein Wort zu
sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen,
Rcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten,
speckig glnzenden, an den Rndern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf,
einen monstrsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in
den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte.

Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen
gehen? rief Miksch.

Ich hab' keinen andern.

Wo haben Sie denn den Ihren?

Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.

Wie kann man denn nur so zerstreut sein.

Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen mssen.

Mssen? Ja, warum denn?

Demba wurde ungeduldig.

Fragen Sie nicht soviel. Sie knnen sich das nicht vorstellen? Sie
werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch rgerlich machen.
Man mu Ihnen alles lang und breit erklren. Also: Es ist windig. Der
Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will
nach ihm greifen -- da kommt der Stadtbahnzug. -- Manchmal ist es
besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Rder
geraten will, Miksch!

Sie mssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie
ja Geld.

Nein, sagte Demba, ich habe kein Geld.

Ist der Brieftrger nicht gekommen?

O ja, sagte Demba.

Oder war das Geld am Ende gar nicht fr Sie bestimmt?

Doch. Es gehrte mir. Aber--

Ein Wutanfall kam ber Stanislaus Demba. Er stie wie irrsinnig nach
Frau Pomeisls rotem Plschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher
nach etwas, was er in Trmmer schlagen knnte. Frau Pomeisls
seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva
dargestellt war, hatte das Unglck, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen. Er erhielt einen Futritt, strzte chzend zu Boden und starb
den Mrtyrertod. Das schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, da er in
seinem Berichte fortfahren konnte.

Er hat mir das Geld nicht geben wollen! tobte er. Nur gegen
Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden
Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und
meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst knne er
mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hren Sie, Miksch?
Mein Geld!

Nun, und?

Ich lasse mir nichts erpressen, sagte Demba. Ich habe nicht
unterschrieben.




6


Dreizehn vier sechsundfnfzig! -- Nein, Frulein, dreizehn vier
sechsundfnfzig. Sechsundfnfzig, Frulein! Sechsundfnfzig! Sieben mal
acht. -- Ja. -- Wer dort, bitte? Ja? -- Ich bitte, kann ich vielleicht
mit Frulein Prokop sprechen? Prokop. Pro--kop. Steffi Prokop. Ja. Ich
werde warten.

Steffi? -- Ja? -- Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab'
ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. -- Ja. -- Gr
dich Gott. Steffi, hr' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womglich
gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch
jetzt, vielleicht lt dich dein Chef -- nein? Herrgott, hat sich heut
alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann
wenigstens allein? Ungestrt? Gut. Ich werde kommen. -- Das kann ich dir
durchs Telephon nicht sagen. Ja, natrlich werd' ich dir's erzhlen,
deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich
nicht. Es steht einer drauen und hrt jedes Wort, und ist schon sehr
ungeduldig, weil er so lange warten mu. Ich lut' jetzt ab. Also um
zwlf Uhr. -- Nach zwlf. -- Gut. -- Gut. Gr dich Gott, Steffi!

Stanislaus Demba trat auf die Strae und lie einen kleinen, dicken
Herrn, der ihn wtend anblickte und unverstndliche Beleidigungen
murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war,
wurde er von der andern Seite der Strae angerufen.

Gr Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stck
mit Ihnen.

Demba wartete. Willy Eisner kam herber.

Demba nickte ihm flchtig zu.

Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, da Sie
vormittags spazieren gehen knnen? fragte er.

Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch
von sich.

Doch, sagte er. Glauben Sie, die Bank liee mich gehen? Aber ich
komme eben von der Brse. Ich hatte dort zu tun.

Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der
Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschftigt. Mit dem
Brsengeschft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit
betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen greren Geldbetrag bei
sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung
dieses Auftrages der Versuchung, ein bichen ber die Ringstrae zu
promenieren -- die Glachandschuhe in der rechten, das Stckchen in der
linken Hand -- nicht widerstehen knnen. Willy Eisner fhlte sich in
seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in
einem freien Beruf ttig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden
waren. Advokaten, Knstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal
schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemchlich seine
Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil
zurckgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Glschen Likr vor sich auf
dem Marmortisch, das Straengetriebe betrachtet. Der mittags zur
Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut,
Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein
paar Bemerkungen ber die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu
Mittag speist und schlielich nachmittags an seinem Schreibtisch ein
paar wichtige Geschfte erledigt. -- Willy Eisner jedoch war gentigt,
von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er
mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu
vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen
Bleistifthkchen zu versehen.

Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen
Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und
war berzeugt, da ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhrte, wenn er es
fr gut fand, eine uerung zu machen.

Ich habe meine Wohnung aufgeben mssen. Eine wirklich schne Wohnung.
Aber sie war mir ein bichen zu eng geworden -- ich brauchte einen Raum
fr meine Bibliothek--

Entschuldigen Sie, sagte Stanislaus Demba. Sie mssen ein bichen
schneller gehen, ich habe wenig Zeit.

Es tut mir leid um die Wohnung, sagte Eisner und setzte sich in Trab.
Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mdchen
haben mich dort besucht, wirklich nette Mdchen--

Ich gehe jetzt in die Kolingasse, unterbrach ihn Stanislaus Demba.
Das ist wohl nicht Ihr Weg?

In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stckchen mit
Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu
tun. Sie mssen wissen, ich disponiere, ich reprsentiere, ich verkehre,
ich wickle Geschfte ab -- alles.

So, sagte Stanislaus Demba zerstreut.

Gestern fragt mich der Baron Reifflingen -- kennen Sie den Reifflingen?
Ich speise manchmal mit ihm im Imperial -- gestern fragt er mich also:
Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung
fr dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen:
Geschftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hnde, aber--

Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen
Begleiter an. Was sagen Sie da? Gebundene Hnde?

Ja. Weil nmlich--

So. Gebundene Hnde haben Sie. Das mu unangenehm sein.

Wie meinen Sie das?

Es mu unangenehm sein, sagte Demba mit einem hmischen Blick.
Gebundene Hnde! Ich stelle mir vor, da die Fingerspitzen anschwellen
infolge der Blutstauung, da man das Gefhl hat, als ob sie bersten
wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht--

Was reden Sie da?

Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein mu, wenn Sie mit gebundenen
Hnden herumlaufen.

Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Hnden, insoferne ich nmlich
das Interesse der Bank...

Genug! schrie Demba. Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts
wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fhlen. Die Worte, die
Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum da sie aus Ihrem
Mund sind, schon wie Aas.

Was fllt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Strae.
Ich hab' ihm ja schlielich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt:
Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst
gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich--

Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet.
Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?
Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanflle zu
unterdrcken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. Nicht wahr, man
blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es mu
sein. Angst bekommt man erst -- furchtbare Angst! -- in der Sekunde, in
der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser
Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich.
Man sprt seine Schweitropfen auf der Stirn. Und dann -- nun, was
geschieht dann? Nun?

Ich wei nicht, was Sie von mir wollen, sagte Willy Eisner verwundert.

He? schrie Stanislaus Demba. Sie wissen nicht--? Wie knnen Sie sich
dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage,
bekomme kalten Schwei auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber
Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fhlen
nichts dabei.

Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba, sagte Willy Eisner. Es
knnen nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder--

Sie haben gebundene Hnde, ich wei. Bei Ihnen verreckt alles, was
einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen
Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das
ist: gebundene Hnde. Mir hat einmal getrumt, da ich einen
widerwrtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen
msse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hnde, wirklich gebundene
Hnde, nicht durch ein Geschftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten
an den Kncheln, eine Hand an die andere gebunden--

Haben Sie immer so lebhafte Trume? fragte Eisner, dem unbehaglich
zumute wurde. Ich mu mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Gr
Sie der Himmel.

Was ist das? sagte Demba und beugte sich ber Willy Eisners
ausgestreckte Hand.

Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich mu schon sagen,
eigentmlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Strae -- Aber es
scheint, da Sie-- Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.

Sehr gut, sagte Demba. Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man
jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hnde hat! Mchten Sie mir
das nicht sagen?




7


Zwischen halb zwlf und zwlf Uhr mittags, wenn die Essensstunde
heranrckte, war es meist sehr still im Caf Hibernia gegenber der
Brse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Brsenbesucher, die
in den Vormittagsstunden das Lokal mit lrmendem Treiben erfllten, die
hier ihr Gabelfrhstck nahmen, ihre Geschfte abwickelten, Konjunkturen
errterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die
Zeitungen studierten, durchbltterten, oder wenigstens durch
Herausreien des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen
Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschft des Kaffeehauses, der
Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst
nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem fr diese Stunde auch das Ressort
des Zahlmarkrs bertragen war -- der Ober war beim Mittagessen--,
lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schlfrig mit den Augen und
kiebitzte den beiden einzigen Gsten, zwei Geschftsreisenden, die ihre
Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Frulein an der Kasse
pickte die Brsel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.

Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das
fiel in dem mitten im Geschftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die
Gste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile
hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.

Demba blickte sich um, musterte das Gelnde mit den Augen eines
Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nhe der Kasse als fr seine
Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit
einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzglicher
Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich
schlielich fr einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei
Kleiderstndern.

Der Kellner kam mit einem Bckling heran.

Befehlen der Herr?

Ich mchte etwas essen, sagte Stanislaus Demba. Was haben Sie?

Portion Salami vielleicht. Schnes, kaltes Rostbeaf wr' da!

Stanislaus Demba schien zu berlegen.

Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen, empfahl Franz in der
hflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeien wrden,
als da sie es bers Herz brchten, den Gast wie irgendeinen
gewhnlichen Sterblichen mit Sie anzusprechen.

Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas--,
rekapitulierte er nochmals.

Bringen Sie mir, entschied sich Demba nach lngerem Nachdenken,
bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.

Ersten, zweiten Band, bitte? fragte der Kellner, der eine Bestellung
von grerem Nhrwert erwartet hatte, verblfft.

Beide Bnde.

Der Kellner holte die dicken Bnde aus dem Bcherkasten, legte sie auf
den Tisch und wartete auf den nchsten Auftrag.

Der lie nicht lang auf sich warten.

Haben Sie ein Lexikon?

Wie, bitte?

Ein Konversationslexikon.

Jawohl. Den kleinen Brockhaus.

Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.

Welchen Band belieben?

A bis K, befahl Demba.

Der Kellner brachte drei Bnde.

Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir
die brigen Bnde auch, sagte Demba.

Der Kellner schleppte die fnf Bnde herbei, der ganze kleine Brockhaus
lag auf Dembas Tisch.

Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe? fragte Demba.

Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.

Warum bringen Sie mir ihn nicht? rief Demba ungeduldig. Ich bentige
die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen
Untersuchungen.

Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll
zurck. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die
Hand an den Mund und flsterte geheimnisvoll:

Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.

Kellner! rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.

Befehlen der Herr?

Haben Sie vielleicht das Handbuch fr Ingenieure?

Leider nicht dienen--

Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch fr Heer
und Flotte und was Sie sonst von militrischen Handbchern haben.

Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.

Gegen die hohen Militrs geht's, sagte er mit einem Blick auf Demba.
Haben Sie gehrt? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's
ihnen nur geben! Wer spielt aus?

Wer sagt Ihnen, da er =gegen= die Militrs ist? Genau so gut kann er
=fr= die Militrs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur
zu wenig Dreadnoughts, sagte der Spielpartner.

Haben Sie auch den Gothaischen Almanach? forschte inzwischen Demba den
Kellner aus.

Jawohl.

Den bringen Sie mir auch.

Was der alles braucht zu seinem Artikel, sagte der Reisende. Und da
hrt man immer: Die Journalisten sind nicht grndlich.

Den Gotha, sagte der andere. Der schreibt etwas gegen den Minister
des ueren. Der ist ja ein Graf von und zu.

Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein
Freiherr von.

Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das grfliche
Taschenbuch auf Dembas Tisch.

Das sind doch nicht alle Bnde! fuhr ihn Demba an. Bringen Sie mir
die anderen Bnde auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf
haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von
Reifflingen aus der lteren Sebastianischen oder aus der jngeren
Cyprianischen Linie stammt?

Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der
freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Huser und dazu ein
Jahrbuch des Vereins ehemaliger Brsebesucher, das ihm mit unter die
Hnde gekommen war.

Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus
Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehuft, hinter der der Student
vllig verschwunden war. Nur sein speckig glnzender Hut allein war noch
sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht
zu gengen. Er lie sich auch den Niedersterreichischen Landeskalender,
den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der
sterreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden
erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.

Kellner, rief er, als er das alles hatte. Was steht dort fr ein Buch
im Kasten. Dort, das groe, schwarze?

Das Fremdwrterlexikon, bitte.

Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich
mu unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche
bersetzt. Leptoprosopie! Oder knnen Sie mir das vielleicht sagen?

Leider nicht mehr dienen, stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf
geworden war.

Jetzt schien Demba endlich alle Bcher zu haben, die er zu seiner Arbeit
bentigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner
trat an ihren Tisch und sah zu.

Kellner! brllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, da das Frulein
in der Kasse das Stck Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen
lie. Kell--ner!

Sofort, bitte! rief der Kellner und warf einen Blick in den
Bcherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte glserne
Tintenfa und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war,
vom Bfett, denn er glaubte den nchsten Wunsch des Gastes erraten zu
knnen.

Kellner! Wo bleiben Sie! rief Demba.

Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?

Nein, sagte Demba. Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im
Glas, Brot und eine Flasche Bier.

Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von
Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des
Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bcherwall bald sichtbar
wurde, bald verschwand.

Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner
nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz
diesen Auftrag ausgefhrt hatte, hielt er es fr seine Pflicht, Herrn
Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu
unterhalten.

Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lfterl, begann er
das Gesprch und deutete auf den Reisenden.

Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehrt, als der Kellner in
seine Nhe kam. Er lie Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte
fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillenglser
ber den Lexikonband Lffelhuhn -- Nebenniere hinweg wtend an.

Was wollen Sie?

Mute leider die Fenster schlieen, weil der Herr dort--

Der Kellner kam nicht weiter.

Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!
brllte Demba. Aber stren Sie mich nicht beim Essen!

Franz verschwand eiligst hinter dem Bfett und kam erst wieder hervor,
als Stanislaus Demba Zahlen! rief.

Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine
Flasche Bier, -- Brote? Zwei? Drei?

Demba sa eigentmlich steif auf seinem Sessel.

Drei Brote.

Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreiig, drei Kronen
zweiundvierzig, bitte--.

Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und
ein paar Nickelmnzen.

Dann erhob er sich und ging zur Tr. Ehe er auf die Strae trat, wandte
er den Kopf und sagte mit verdrielicher Miene zum Kellner:

Ich habe hier eigentlich meine groe Dissertation ber den Stand des
menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben
wollen. Aber es war mir doch ein bichen zu viel Lrm in dem Lokal.




8


Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im
Wohnzimmer ungeduldig wartend.

Gr dich Gott! sagte sie. Bist du schon lange hier?

Seit zwlf Uhr wart' ich, sagte Demba.

Ich kann nichts dafr, da ich mich versptet habe. Man lt mich nicht
eine Minute vor zwlf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn
Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den Hnden 'runter bekomm'.
Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.

Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie
immer umnahm, wenn sie auf die Strae ging. Dann band sie sich die
Schrze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.

Nun? Willst du nicht ablegen? fragte sie. -- Demba hatte seine
Pelerine umbehalten.

Demba schttelte den Kopf.

Nein! La mir den Mantel! Mir ist kalt.

Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon
wieder im Freien sitzen.

Mich friert, sagte Demba. Ich bin krank. Ich glaube, ich habe
Fieber.

Armer Stanie! sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem
man Kinder bedauert und trstet, die beim Spielen gefallen sind und sich
weh getan haben. Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.
Dann nderte sie den Ton und fragte: Du it doch mit uns?

Demba schttelte den Kopf.

Sie ffnete die Tr und rief ins Nebenzimmer:

Mutter, der Herr Demba it mit uns!

Nein! rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. Was fllt dir denn
ein?

Dukatenbuchteln haben wir heut, sagte Steffi Prokop aufmunternd.

Nein, ich danke. Ich kann nicht, sagte Demba.

Also, du mut wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,
sagte Steffi lachend. Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich
werd' gleich mal nachschauen.

Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu
fhlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im nchsten
Augenblick einen Sto, da sie zwei Schritte zurcktaumelte und sich an
der Kommode festhalten mute, um nicht zu fallen.

Demba war aufgesprungen und stand, wei wie die Wand und ganz auer sich
vor ihr.

Woher weit du--? zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi.
Wer hat dir verraten, daߠ--?

Was denn? Warum hast du mich gestoen? Was ist dir denn, Stanie?

Demba sah das Mdchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach
kein Wort.

Ich hab' deinen Puls fhlen wollen, sagte Steffi Prokop klglich.

Was?

Deinen Puls hab' ich fhlen wollen. Und du stt mich!

So, den Puls. Stanislaus Demba setzte sich langsam. Dann ist's gut.
Ich dachte--

Was denn? Was dachtest du?

Nichts. -- Du siehst ja, da ich krank bin. Demba starrte schweigend
auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern
und Lffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen.

Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter.

Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.

Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorber -- so
oder so.

Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.

Es ist nichts. Wirklich.

Aber du wolltest mir doch etwas erzhlen. Etwas Wichtiges, das du mir
durchs Telephon nicht sagen konntest.

Das ist lngst nicht mehr wichtig.

Was war es denn, Stanie?

Ach nichts. -- Da ich morgen frh fortfahre.

So? Wohin denn?

Das wei ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder
nach Venedig.

Mit der Sonja Hartmann fhrst du?

Ja.

Auf lange?

Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.

Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten?

Es ist alles wieder gut.

Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld fr den lustigen Roman
bekommen, den du ins Polnische bersetzt hast. Weit du, den Roman, in
dem gestanden ist: 'Ihre Tochter, Frau Grfin, hat hchstens noch sechs
Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.' Ich hab' damals so
lachen mssen. -- Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? -- Gib
doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?

Demba blickte zerstreut auf.

Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig? fragte Steffi.

Nein. Bei dir.

Geh, lg' mich nicht so an. Ich wei ganz gut, da du dir nichts aus
mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu-- Steffi Prokop
warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige
tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre
Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die
Kohlen im Herd geschttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie
hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff,
hatte auch Steffi ihr Andenken frs Leben davongetragen. Das Feuermal
entstellte sie, das wute sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf
die Gasse.

Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.

Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt mu ich wieder gehen. Ich wollt nur
schauen, wie es dir geht.

Geh! Geh! Geh! sagte Steffi Prokop rgerlich. Schau'n, wie mir's
geht! wie wenn dich das interessieren wrde! Und berhaupt, sag' mir
nicht immer: 'Kind'. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles
erzhlen. Ich wei, dich drckt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein
Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du
zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wtend
bist, wenn du rger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die
Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Frher, wie du
noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in
deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer
geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den
alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?

_Integer vitae scelerisque purus --_, sagte Demba halb in Gedanken.

Ja -- _lerisque purus_. So heit's. Und ich bin im Winkel gesessen und
hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde --
Wovon trumst du, Stanie? Du hrst mir gar nicht zu. Warum starrst du so
auf den Tisch? Wovon trumst du, sag?'

Ja. Vielleicht trume ich, sagte Demba leise. Sicher ist alles nur
ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem
Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein
Fiebertraum der letzten Minuten.

Stanie! Was ist das? Was redest du da?

Vielleicht trgt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die
Straen oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem
Nubaum auf der Erde und hab' das Rckgrat gebrochen und kann nicht
aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen--

Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist
geschehen?

_Integer vitae scelerisque purus --_, sagte Demba leise.

Ich hab' Angst! klagte Steffi. Was ist geschehen? Jetzt mut du mir's
sagen!

Sei still! Es kommt jemand, sagte Demba rasch.

Frau Prokop steckte den Kopf durch die Trspalte.

Str' ich? fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer,
nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr
Demba, essen Sie nicht einen Lffel mit uns?

Ich danke, gndige Frau, ich bin schon nach dem Essen.

Mutter! sagte Steffi. Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann
hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.

Und jetzt sprich! sagte Steffi, als Frau Prokop drauen und die Tr
verschlossen war. Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde mu
ich wieder ins Bureau.

Demba lachte verlegen auf.

Ich wei nicht, was da vorhin ber mich gekommen ist. Heute vormittag
war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht
einen Augenblick lang den Kopf hngen lassen und den Mut verloren,
obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'.
'Angepackt' ist brigens sehr gut. -- Demba stie ein kurzes, heiseres
Lachen hervor. -- Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. 'Angepackt'
ist nmlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir:
Angerhrt--, nein, in die Hand genommen -- auch nicht! Zum Kuckuck,
alles was ich unternommen habe -- so ist's richtig! Also alles, was ich
unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten -- htt' ich jetzt
wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge hlt mich zum Narren. Alles,
was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten.
Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es
war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen
habe, heut vormittag, ist mir miglckt.

Ich verstehe dich nicht, Stanie.

Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich
hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin
ist's ber mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich
will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Scho
zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne
Grund. Wirklich. So tragisch ist nmlich die ganze Sache nicht.

Er sah dem Mdchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen
und fuhr dann fort:

Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist
klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein
bichen merkwrdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schwcheanfall, und
jetzt ist's vorber. Du darfst nicht glauben, da ich mir auch nur
soviel aus der ganzen Sache mache.

Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie, bat das gengstigte
Mdchen.

Demba atmete schwer auf.

Ich bin nmlich--. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.

Die Polizei! -- Steffi Prokop sprang auf.

Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus, mahnte Demba.

Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes
Flstern.

Was hast du getan?

Ein Verbrechen, Kind, sagte Stanislaus Demba in gleichgltigem Ton.
Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu
schmen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine
Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.

Ein Verbrechen.

Ja, mein Kind. Ich habe drei Bcher aus der Universittsbibliothek
einem Antiquittenhndler verkauft. Das heit, verkauft hab' ich nur
zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich
doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natrlich. Da hat
es keinen Sinn, wenn ich weiter erzhle.

Warum hast du das getan, Stanie!

Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie ber die Idyllen des
Calpurnius Siculus und seine _Hapax legomena_ geschrieben. Eine Arbeit
ber ein paar agrarische Fachausdrcke, die dieser Calpurnius Siculus
verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der brigen rmischen
Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht.
Ich bekam einiges aus der Universittsbibliothek. Aber drei alte,
wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich
brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.

Und jetzt ist die Polizei--

Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt ber ein Jahr her. Und kein
Hahn hat in der Universittsbibliothek nach den Bchern gekrht.
Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen wrde, dann vielleicht
wrde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der
erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter
gesagt. Also diese drei Bcher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist
nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer groen
Fachzeitschrift verffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung
gefunden. Eine groe Diskussion hat sich ber ein Wort, fr das ich eine
neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin
angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase
in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung
verteidigt und der berhmte Riemenschmidt in Gttingen hat meine
Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht
eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden lie. Es hat sich um
Ausdrcke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und
Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen
Dingen.

Bezahlt wurde mir die Arbeit so, da Kosten fr Tinte, Feder und Papier
gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich
whrend des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich
bersetzt habe, trgt mir genau das Zwlffache. Dafr hab' ich die
Bcher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie wren nutzlos und
verstaubt in einem dunklen Winkel der Universittsbibliothek gelegen und
nur der Katalog htte von ihnen gewut.

Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei! klagte Steffi Prokop
verzweifelt.

Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes wre, die macht mir keine
Sorge, derentwegen wr' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es
nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erzhlen.
Jetzt geht's viel leichter. Hr' zu.

Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus
und pfiff leise vor sich hin.

Nun? fragte Steffi Prokop.

Er drehte sich um.

Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bcher, richtig. Die
beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte
Schulden. Ich trug sie in die Antiquittenlden in der Johannesgasse und
in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafr geben. Die
Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an.
Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen.

Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bcherliebhabers in
Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Trdler, halb Sammler ist.
Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Bchern. Fr das eine
zahlte er mir fnfzig Kronen; einen Monat spter, als ich wieder Geld
brauchte, bekam ich fr das zweite fnfundvierzig. Die Bcher waren mehr
wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar.

Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller
Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus
der Offizin Enschede & Shne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen
und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern
gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer
Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besaen.

Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die
ganze Zeit ber und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in
Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im Jnner ist es mir so
schlecht gegangen, da ich in der strengsten Klte meinen Winterrock ins
Leihhaus tragen mute. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben.

Bis ich gestern das von der Sonja hrte. Das mu ich dir auch erst
wieder erzhlen. Ich erzhle dir alles. Ich bin so mde, Steffi, und es
tut mir wohl, alles zu erzhlen. Da wir uns in der letzten Zeit fters
gestritten haben, die Sonja und ich, das weit du. Es war nicht mehr
ganz so wie frher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wute,
da Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner lie ich sie
ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser
Weiner irgend etwas wegnehmen? -- dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist
ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen
Gedanken aus seinem Mund gehrt, auf den einzugehen es sich verlohnt
htte. Dabei ist er feig und hinterhltig und selbstschtig. Ich dachte
mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist.

Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause.
Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die
Quartierfrau. 'Ja, das Frulein verreist.' 'So,' sag' ich. 'Wohin denn?'
Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. 'Fr den Urlaub ist's ja
noch viel zu frh,' denk' ich mir. Und auerdem htt' sie mir doch was
davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein
Schreibtischfach offen und drin liegt ein groes Kuvert ganz obenauf von
der Firma Cook & Son.

Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin.
Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, _stud. jur._

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute,
wenn man berfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der
Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, wei ich nicht. Eine
halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen,
herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl
ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin.

Dann bin ich wieder ein bichen ruhiger geworden und hab' die Sonja
gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast tglich ins
Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr
das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau
soll man vier Treppen hoch steigen mssen, mit klopfendem Herzen mu man
an ihrer Tr luten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen
und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttuscht die Treppe
hinuntergeht, dann fhlt man erst, da man sie liebt. Aber eine Frau,
die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus
vorfindet, so sicher, wie den 'Simplizissimus' oder das 'Tagblatt', die
verliert an Wert und wird Alltag.

Die Sonja also hat vier Kaffeehuser, in denen sie verkehrt. Zwischen
neun und zehn ist sie meist im Caf Kobra, dort verkehrt sie mit ein
paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier
Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wute auch schon
von ihrer Reise. Der hat mir besttigt, da sie mit dem Weiner nach
Venedig fahren will.

Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch
immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab
gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht
da war, sah ich ein, da es keinen Zweck hatte, lnger zu stehen. Der
Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstrae, dort htte
ich warten mssen.

Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, ber die Sache ruhig
nachzudenken. ber Sonjas Beweggrnde. An dem Georg Weiner selbst konnte
sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere
Menschenform. Da er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige
Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert
er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm
begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewut hab', wer das ist, immer
hab' ich ganz unwillkrlich den Gedanken gehabt: 'Dieser Mandrill hat
doch eigentlich einen ganz menschenhnlichen Gang'. Weit du, nicht aus
Gehssigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, da er so gut aufrecht
gehen konnte, und dachte mir, das mu ihm doch groe Mhe machen, warum
plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der
Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum
Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die
Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas groe Leidenschaft. Sie mchte
die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgltig, sie ginge als
Stewarde auf ein Schiff, wenn man sie nhme, sie ginge als
Lokomotivfhrer oder als Handgepck, wenn es nicht anders zu machen ist.
Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich frher oft gebeten,
mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt,
die eine Reise gekostet htt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater
ist ein Lederhndler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich
heute dreihundert Kronen aufbringe, so lt sie den Weiner sofort stehen
und fhrt mit mir.

Stanie! sagte Steffi Prokop. Ist das dein Ernst?

Natrlich.

Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, da es sich
ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat
ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.

Stanislaus Demba lachte.

Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, da du ihn nie gesehen hast.

Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind
anders, als ihr Mnner. Euch stt es ab, wenn eine hlich ist. Aber
eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder
entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen
Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir
fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.

So, sagte Demba. Du weit es natrlich besser. Und ich sag' dir, sie
wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen. --
Demba lehnte sich in seinen Sessel zurck und geno seinen Triumph.

Wirklich? Hat sie dir das gesagt? fragte Steffi.

Jawohl.

Dann tut sie mir leid, sagte Steffi Prokop leise und verzagt. Erzhl'
weiter.

Ja. -- Also wie ich drber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll,
da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht
sechshundert oder achthundert Kronen.

Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich
bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem
kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem
Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt
getragen.

Der Hndler wohnt in der Klettengasse 6. Man fhrt durch die
Heiligenstdter Strae, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in
die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fnf
Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweistckigen Vorstadthaus
mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort
gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal
vorberging. Es mu irgendwo in der Nhe eine Brauerei sein, denn die
ganze Gasse ist erfllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den
ich nicht vertragen kann. Er macht mich wtend.

Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die
Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis
auf die Treppe.

Ich lutete, mute eine Weile warten, lutete noch einmal, und dann
hrte ich Schritte und eine Stimme: 'Ja, ja. Ich komme schon.' Dann
machte der Alte selbst die Tre ein klein wenig auf und schaute durch
den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein
und er fhrte mich in sein Arbeitszimmer.

Dieses Arbeitszimmer ist der merkwrdigste Raum, den ich je gesehen
habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und
scheinbar auch Atelier -- der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste
Kunstmobiliar und der erbrmlichste Trdel stehen wst durcheinander.
Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nuholz, vielleicht Frhbarock, mit
wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte
nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen
Wschekorb. Ein schnes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem
adeligen Wappen, das frher einmal vergoldet gewesen sein mu, steht im
Zimmer, aber sein Besitzer schlft auf einer schmutzigen, roten
Matratze, die in einem Winkel auf dem bloen Erdboden liegt. Ein
franzsischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der
Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes,
glsernes Tintenfa steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen
Papier und sein Geschftsbuch, in das er die Ein- und Verkufe eintrgt.
Und berall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte
Drucke und Kristallglser und Porzellanfiguren. Auch ein 'Heiliges Grab'
aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das mu er billig gekauft
haben und er mchte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er
ist ein galizischer Jud und hat an dem 'Heiligen Grab' sicher keine
rechte Freude.

So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefhl der
Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die schnsten,
wertvollsten Stcke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das
Loch einer siebenkpfigen Taglhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist
stilvoller.

In das Zimmer also fhrt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das
Buch gleich aus der Hand. Er blttert darin herum, nickt mit dem Kopf,
sieht's durch die Lupe an und fragt: 'Woher haben Sie das?' Ich sage:
'Aus einer Auktion.' Er nickt wieder, setzt sich und fngt an, in dem
Buch zu studieren. Dann fragt er: 'Warum verkaufen Sie das Buch? Nur
weil Sie brochen Geld?' Er fragt das mit so einem galizischen Akzent,
ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich
berlegte rasch, da er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer
Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: 'Nein. Mich freuen alte Drucke
nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln,
wissen Sie?'

Ich wei nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich htte ebensogut
sagen knnen: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die
ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne.

Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wschekorb und whlt eine Weile in
den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische
Fayancefliese zum Vorschein: Einen Jger auf einem Schimmel mit einem
groen, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er
reitet ber ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als
wte er ganz genau, da er keine von den Tulpen zertreten drfte.

'Was wollen Sie dafr?' frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende
Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurck in den
Wschekorb. Er hat sich von mir nicht tuschen lassen. Er hat sofort
erkannt, da ich ein armer Teufel bin, der Geld 'brocht'.

Dann blttert er wieder in dem Buch und fragt: 'Was wollen Sie dafr?'

'Sie mssen wissen, was es wert ist,' sag' ich.

Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem
Buch zu blttern. Er trug einen weien Spitzbart, aber man sah trotzdem,
da er kein Kinn hatte. Das weit du doch: manchen Menschen fehlt das
Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals ber. Sie sehen
aus wie Hhner. Auch der Weiner gehrt zu diesen Menschen. Sie tragen
entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt
rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein
Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen
so ausgesehen haben. -- Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich
einmal in einem Aufsatz ber den prhistorischen Menschen gelesen. Mir
sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt
mir der verrckte Gedanke, da vielleicht ein Geheimbund aller dieser
Kinnlosen besteht gegen die brige Welt, da sie zusammenstehen, und da
vielleicht der alte Trdler mit dem Georg Weiner im Einverstndnis ist
und mir nur eine Bagatell fr das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit
der Sonja nach Italien fahren kann.

Du hltst mich jetzt fr verrckt, weil ich dir das sage. Ich wute
natrlich sehr gut, da das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke.
brigens wurde ich sofort sehr angenehm enttuscht. Er bot mir
zweihundertunddreiig Kronen fr das Buch und wir einigten uns auf
zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mut
wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit
weniger fr sie interessieren, als fr andere Antiquitten.
Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war
zufrieden.

Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich
wieder zurck und fing an, nervs herumzusuchen. Er rckte die Sthle
von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und whlte im Wschekorb. Dann
sagte er, er fnde den Schlssel zu der Kassette nicht, in der er sein
Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes brig, als einen
Schlosser kommen zu lassen. Ich mge ein bichen warten oder ich knne
auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich
zge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen.

Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich hrte ihn mit jemandem sprechen
und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurck, einem mageren
Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich
war ein Narr, da ich darauf einging. Wenn ich gesagt htte, ich knne
nicht warten und darauf bestanden htte, das Geld sofort zu bekommen,
wre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.

Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner
Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
eine Delfter Vase mit Landschaften und ein schnes, altes
Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei
kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwrdigerweise,
ich erinnere mich, da ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck
eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit
sich gefhrt haben mochte. Ich mute ziemlich lange warten, aber ich
wurde nicht mitrauisch. Das hngt damit zusammen, da ich niemals auch
nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was
ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen
geworden. Ich hab' das Buch aus der Universittsbibliothek nach Hause
genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie
ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit
dem Vorsatz getan, das Buch zurckzubringen, sobald ich es nicht mehr
brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber
entliehene Bcher gibt man doch selten zurck; Bcher sind gleichsam
vogelfrei. Man lt den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und
schlielich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's
vergit. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich
auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch
lag immer in meinem Zimmer, tglich hatte ich's in der Hand, und auf
einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten
Gewissen der Welt trug ich es zum Hndler. Den Bibliotheksstempel hatte
ich lngst ausgemerzt; auch nicht in einer betrgerischen Absicht,
sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines frheren Besitzers
entfernt, einfach weil es einem nicht gefllt. Der alte Trdler mu aber
doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann
auch sein, da er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor
verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es lutete, der Alte
ging ffnen und kam mit zwei Mnnern ins Zimmer zurck. Er sagte: 'Das
ist er' und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die
Hand auf die Schulter und sagte: 'Im Namen des Gesetzes.'

Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht
zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die
Empfindung, da der alte Jude mich bertlpelt hatte. Sein kinnloses
Gesicht machte mich pltzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden
Hnden in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf
mich und rissen mich zurck, und der eine von ihnen sagte:--

Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstrt drein, Steffi! Wenn ich
ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schlielich ist die Sache
doch mir passiert und nicht dir. -- Willst du, da ich nicht weiter
erzhl'? -- Also.

Wo war ich stehen geblieben? Ja. -- Der eine der beiden Polizisten
sagte: 'Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.' Und der
andere sagte: 'Mir scheint, er will Handschellen.' -- Da lie ich mich
abfhren.

Als wir durch die Glastr ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurck und
sah den Trdler, der seelenruhig an seinem Tisch sa und weiterschrieb.
Was mit mir geschah, kmmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgltigkeit
brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn strzen, aber
die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei
Sessel fielen um und die Glastr ging in Splitter. Aber sie waren zu
zweit strker als ich und wurden schlielich mit mir fertig.

Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und fhrten mich die Treppe
hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und
gewunden, und man mute vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in
dem alten Haus ziemlich finster war. Pltzlich glitt der Mann, der
hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nchsten Augenblick gab
ich dem andern mit beiden Hnden einen Sto in den Rcken, da er sieben
oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf.
Ich wei nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von
einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf
den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine
eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt.
Ich wollte blo frei sein, die beiden Mnner los sein, einen anderen
Gedanken hatte ich nicht.

Die Tr zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlssel
ab und sperrte von innen zu.

Es war ein enger Raum mit zwei Tren, deren jede in eine ebenso enge
Kammer fhrte. Alle drei Rume waren mit Germpel angefllt. Zerbrochene
Mbel, Bretter, Strohscke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck.
Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen htte, in ein
paar Minuten htte man mich gefunden. Ich sah keine Mglichkeit von hier
zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Tre.

Und jetzt kam pltzlich die Verzweiflung ber mich. Bis jetzt war ich
unfhig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewutsein, was mir
bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, weit
du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle knnt' ich gar
nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde
aufstehen mssen, wenn man mich aufstehen heit. Mitgehen mssen, wenn
man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben
mssen, wenn man mich fragt. Mu essen und schlafen und arbeiten, wenn
es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das
ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was
mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Plne schossen mir
in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir
herumgeschleppt und niemals ausgefhrt hab'. Zwecklose und unwichtige
Dinge: da ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm
ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Snde ein; es heit, da
man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert.
Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen
auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er
sein Brot verdient und wie sein Tag verluft. Da ich mich htte heute
auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein
Mdchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken knnen, da
ich schon immer einmal den Bauernfngern beim Bukispielen hatte
zuschauen wollen, -- alles das scho mir durch den Kopf, alles das htte
ich noch gestern tun knnen, unwichtige Dinge, gewi, lcherliche Dinge,
aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all
meiner Armut, da ich Souvern meiner Zeit gewesen war, es wurde mir
deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt
war ich gefangen, war ein Strfling, die Schritte, die ich in der engen
Dachkammer zwischen dem Germpel machte, waren meine letzten freien
Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit!
Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch:
Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zwlf Stunden Freiheit!
Zwlf Stunden! -- und dabei hrte ich die Polizisten am Trschlo
arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschlo
ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben -- Sei ruhig,
Steffi, Vorwrfe haben doch jetzt gar keinen Sinn.

Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bichen Rasen, blhende
Fliederbsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder
Stiefmtterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen
Fenster tnte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle
Ritter.

Und das Lied machte mir Mut. Ich fate den Entschlu bei den Worten:
Stadt und Festung Belgerad, bei 'Belgerad' wollte ich -- wollte ich
hinunter. Ich schlo die Augen, und dann kam 'Belgerad' viel zu bald,
und ich verschob es bis: 'Brucken', 'er lie schlagen eine Brucken.' Und
im nchsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: 'Hinber
rucken', 'hinber', ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort,
wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf
den Kopf, und ich schlrfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann
kam's: Hinber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich hrte noch,
wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und
dann--

Und dann? schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter
gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

Nichts, sagte Demba. Ich verlor das Bewutsein.

Gleich verlorst du das Bewutsein? hauchte das Mdchen, bleich vor
Entsetzen.

Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das wei ich
noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der
Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hrte, und ich hatte
im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr
gefhlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nmlich, vor vielen Jahren,
als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen
lassen. Und damals hatte ich ein Gefhl, halb Angst, da ich mir etwas
tun wrde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das
gleiche Gefhl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das
Bewutsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo
angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.

Als ich wieder zu mir kam, wute ich nicht, was geschehen war. Ich
bemhte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken
fassen. Es war qualvoll. Aber dann pltzlich ging's wieder. 'Wer bin ich
eigentlich?' fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in
Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch qulendes Haschen und
Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wsten Leere. Dann
wute ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: 'Wo bin ich denn?'
Und es kamen Antworten: 'Zu Hause in meinem Bett, der Miksch -- das ist
mein Zimmerkollege -- wird gleich kommen, aufstehen!' Und dann wieder:
Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank.
Nein, wie kann einem das nur passieren, da man bei hellichtem Tag im
Kaffeehaus einschlft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich
her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Huser drehten sich im Kreis,
ich erinnerte mich an den alten Trdler, an den Senftiegel aus
Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wute pltzlich genau,
was geschehen war und wo ich mich befand.

Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei:
Hinber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschlge, neun Uhr.
Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewutsein hatte
zusammen nicht lnger als zwei Sekunden gedauert.

Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es
ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk
des Nubaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert.
Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen sprte ich jetzt einen
leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschrfungen
davongetragen.

Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich
gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten.
Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem
Trschlo der Dachkammer.

Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir
auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die
merkwrdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, da ich auf einen
Sandhaufen gefallen war, und brstete mir den Rock und die Hosen ab, so
gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor
hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war
frei!

Stanislaus Demba erhob sich und lie sich langsam wieder nieder. Er
blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:

Bis auf die Handschellen.




9


Ja, sagte Demba. Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch
gesagt, da sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal
auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastre.
Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfnglich gar
nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewutsein, da ich gefesselt war,
auch nicht, als ich mir den Rock abbrstete. Ich war frei. Ich konnte
gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte
verschwinden. Das war alles, was ich fhlte.

Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hnde
zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering
wertete ich das Migeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr,
die in den Handschellen auf mich lauerte.

Ich sprte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit
den Hnden zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein
altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit
einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie
erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geffnet und starrte mich an,
sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich
selber ber dieses entsetzte Gesicht und ber mich selbst und versteckte
die Hnde unter dem Mantel, den ich ber den Arm gelegt trug. Dann bog
ich um die Ecke.

Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte hufig die
Richtung und war bald sicher, da mich die beiden Polizeiagenten nicht
mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich
trachtete nun rasch aus dem Heiligenstdter Bezirk fortzukommen. Als ich
an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte
ihm ein paar Kreuzer schenken. Fnfzig Heller, dachte ich mir, als Dank
an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick
fiel mir ein: 'Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit
meinen Hnden in die Tasche fahre.' Ich lie ihn stehen. Er hatte schon
Dankworte und Segenswnsche hergeleiert, und war wahrscheinlich
enttuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb fr ein paar im
voraus erhaltene 'Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr' in seiner
Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fhlte ich zum erstenmal, da
die Handschellen mehr waren, als ein kleines, rgerliches Migeschick,
wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine
furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen
wrde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des
Seefahrers Rcken hing.

Ich hrte das Luten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen
Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein
Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch
schon der Gedanke: 'Lieber Gott, ich kann doch unmglich zahlen mit
meinen gefesselten Hnden.' Zum Glck war der Wagen voll Menschen und
der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stck Wegs
mit, und als dann der Schaffner in meine Nhe kam, stieg ich aus, als
htte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fu bis zur nchsten
Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich
kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.

Und sie knnen dich gewi nicht finden, Stanie? fragte Steffi Prokop
ngstlich.

Darber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist gro.
Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bsartigen Zufall doch in
den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewi nicht. Sie haben mich
nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen.
Auerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist,
glaub' ich, eigens fr Leute, die ihre Hnde verstecken wollen,
erfunden. -- Und schlielich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch
stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht
wahr?

Ja. Ein bichen verndert.

Nun also. Siehst du, sagte Demba befriedigt. Es war brigens nicht
gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich
htte leicht in die allergrte Verlegenheit kommen knnen. Ich war
nmlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in
einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Whrend ich rasiert
wurde, hielt ich die ganze Zeit ber die fnfzig Heller in der Hand. Als
ich fertig war, stand ich auf und lie, whrend mich der Gehilfe
abbrstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde
fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon ber meine
gute Idee und will gehen, da sagt er:

'Noch zehn Heller, bitte.'

'Wieso denn?' frag' ich.

'Vierzig Heller macht's,' sagt der Gehilfe.

'Nun. Und mir sind fnfzig Heller auf die Erde gefallen.'

'Nein. Es waren dreiig,' sagt er und zeigt mir die offene Hand, da
waren wirklich nur dreiig Heller darin. Ein Zwanzighellerstck hatte
sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: 'Zwanzig Heller mssen noch
irgendwo auf der Erde liegen.' Er bckte sich, und whrend er suchte und
nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen
und auf den Tisch legen. Aber zum Unglck geht gerade in diesem
Augenblick die Tr auf und ein Herr kommt herein -- ich konnte gerade
noch rechtzeitig die Hnde verschwinden lassen. Inzwischen hat der
Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: 'Es liegt nichts da,
der Herr mu sich irren.'

'Es mu aber da sein. Ich wei es bestimmt, suchen Sie nur,' so antwort'
ich ihm.

Aber er wollte nicht lnger suchen. 'Dreiig Heller sind dem Herrn
gefallen. Ich hab's ja gesehen.'

Ich war ganz verzweifelt. 'Es waren bestimmt fnfzig Heller,' wiederhole
ich. 'Suchen Sie nur, es mu sich finden.' -- Und jetzt mischt sich noch
der Herr ein und brummt, wie er dazukm', meines schbigen Sechserls
wegen warten zu mssen. Da er Eile habe. Ich wute nicht, was anfangen,
und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: 'Haben Sie
schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.' Der
Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld
liegt tatschlich dort. -- Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war
zumut, wie einem, den beinahe ein Auto berfahren htt'. -- Ich habe nie
vorher gewut, da man so oft im Tag seine Hnde braucht. Viel fter als
das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.

Und was wirst du jetzt tun?

Ja, sagte Demba. Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens mu
ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht,
Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen mu ich los werden,
und das ist's, wobei du mir helfen sollst.

Steffi Prokop schwieg und dachte nach.

Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du
magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir
alles erzhlt. Die Beweggrnde, alles. Sprichst du mich frei?

Steffi Prokop schttelte den Kopf.

Nein.

Demba bi sich in die Lippen.

Du willst mir also nicht helfen?

O ja. Helfen will ich dir. La mich die Handschellen sehen!

Nein, sagte Demba. Wenn du findest, da ich unrecht habe, dann
brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich
verurteilst?

Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie, sagte Steffi leise und bittend.
Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er hlich ist und wenn er
dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. La mich die
Handschellen sehen.

Nein, sagte Demba und rckte mit dem Sessel von Steffi fort. Wozu?

Aber ich mu sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.

Stanislaus Demba sphte unruhig nach der Tr.

Es wird jemand kommen.

Nein. Jetzt essen sie noch, sagte Steffi Prokop. Erst wenn sie mit
dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa.
La doch sehen.

Stanislaus Demba brachte langsam und zgernd die Hnde unter der
Pelerine hervor.

Im Grunde ist's mir gleichgltig, ob du mich fr einen Verbrecher
hltst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter ber mich
an, sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ngstlichen Blick an, der
seine selbstsicheren Worte Lgen strafte.

So sehen Handschellen aus! sagte Steffi Prokop leise.

Hast du dir sie anders vorgestellt? fragte Demba und verbarg die Hnde
eilig wieder unter dem Mantel. Zwei Stahlspangen und eine dnne Kette.
Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich
habe immer, wenn ich das Wort hrte, an eine Schlittenfahrt im Winter
gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hbsch:
Handschellen. Und ist doch rger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn
Abner an den Hnden htt'.

Es ist eine ganz dnne Kette, stellte Steffi Prokop fest. Es kann
doch nicht schwer sein, die durchzufeilen. Sie stand auf. Vater hat
einen Werkzeugkorb. Wart' ein bichen, ich geh eine Feile holen.

Sie kam mit zwei Feilen zurck, einer greren und einer kleineren.
Jetzt mut du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut.
Jetzt, rasch. Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten.

Und was wrde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich fnden, fragte sie.
Du mut die Hnde ruhig halten, sonst geht es nicht.

Zwei Jahre Kerker, gab Demba zur Antwort.

Zwei Jahre? Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf.

Ja. Soviel ungefhr. Zwei Jahre Kerker.

Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mhte sich mit wilder Energie,
die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht
mde.

Ja, sagte Demba. Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses
Miverhltnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre
ununterbrochene Tortur.

Still! mahnte Steffi Prokop. Nicht so laut. Sie hren drinnen im
Zimmer jedes Wort.

Zwei Jahre Folter! sagte Demba leise. Man mu die Sache bei ihrem
Namen nennen. Gefngnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr
rgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind
abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben
wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten
werden, wie ein Tier im Kfig -- ist das nicht Folter?

Du mut stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.

Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins
Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und
keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, da zur selben Zeit
tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es
zustande brchten dieses Wort 'Zwei Jahre Kerker' bis auf den Grund
nachzufhlen, bis ans Ende durchzudenken, so mten sie aufbrllen vor
Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist
nur einmal gestrmt worden.

Aber es mu doch Strafe geben.

Wirklich? Natrlich. Es mu Strafe geben. Hr' zu, Steffi, ich will dir
ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es mu keine Strafe
geben.

Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch
fuhr er fort:

Es mu keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der
Notausgang, der gestrmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht.
Die Strafe ist's, die Schuld trgt an jedem Verbrechen, das geschieht
und geschehen wird.

Das versteh ich nicht, Stanie.

Da die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder
geistigen Rckstndigkeit. Gb' es keine Strafen, so htte man lngst
Mittel gefunden, jedes Verbrechen unmglich, berflssig und
aussichtslos zu machen. Wie weit wren wir in allem, wenn wir Galgen und
Kerker nicht htten. Wir htten Huser, die nicht Feuer fangen und es
gbe keine Brandstifter. Wir htten lngst keine Waffen mehr und es gbe
keine Meuchelmrder. Jeder htte, was er braucht und was er sich
ersehnt, und es gbe keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie
gut es ist, da Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst htten wir keine
rzte, nur Richter.

Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.

Immer mu ich an das kleine Mderl der Frau denken, mit der ich Tr an
Tr wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden
Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und
gestrzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nchsten Wagens
geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mute ihm abgenommen
werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglcklich genug, Mutter und
Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst
die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen
Fahrlssigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen
Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie.
Die hatte sie fr ihr Kind zurckgelegt. Und das Kind, das ein Krppel
ist, mu jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit.
Das Kind mu hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter
strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niedertrchtigen Irrwahn 'Strafe'
htte ich mich in die Hnde geben sollen? -- Bist du jetzt endlich
fertig, Steffi?

Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!
schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf
Stanislaus Dembas unglckselige Hnde.




10


Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn
geschehen?

Herr Stephan Prokop war so pltzlich ins Zimmer getreten, da Demba
nicht Zeit gefunden hatte, die Hnde unter den Mantel zurckzuziehen.
Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand fr den
Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl fr seine Hnde.

Hat's was gegeben zwischen euch? erkundigte sich Herr Prokop bei
Demba.

Nichts hat's gegeben, sagte Demba hastig. Steffi weint, weil mein
kleiner Hund berfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt. Er sah
mit groem Unbehagen, da Herr Prokop sich dem Sofa nherte, von dem aus
man unter die Tischplatte sehen konnte.

berfahren? fragte Prokop.

Ja. Von einem Fleischerwagen. -- Dembas Hnde suchten Deckung hinter
einer Stuhllehne zu gewinnen, muten sich jedoch, da Herr Prokop seinen
Rundgang durchs Zimmer pltzlich unterbrach, und er vor ihm stehen
blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurckziehen.

Das hab' ich gar nicht gewut, da Sie einen Hund haben, Herr Demba.
Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau,
da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen knnen? -- Herr
Prokop legte sich auf das Sofa.

Er ist mir zugelaufen, sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte
erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.

Wie hat er denn ausgesehen? wollte Herr Prokop wissen.

Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht,
ich hab' ihn doch mal hergebracht, erzhlte Demba und versuchte, die
breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.

Mir scheint, ja. Ich erinnere mich. Herr Prokop blies aus seiner
Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. Wie hat er denn nur g'schwind
geheien?

Cyrus, sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines
Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife
aus, und dieser Moment mute rasch ausgentzt werden.

Cyrus. Richtig, sagte Herr Prokop. Komischer Name fr einen Hund.
Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hr' auf,
zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden. Er ghnte. Nach
Tisch wurde er immer schlfrig. berhaupt. Hast du denn kein Bureau
heut nachmittag?

Steffi stand auf, glttete ihre Schrze und warf einen verstohlenen
Blick auf Dembas Hnde, die gerade wie Fchse in ihren Bau unter die
Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere
Zimmer. Die Tr blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und
zerlassener Butter drang herein.

Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der
Kommode standen. Den Gnomen mit dem weien Patriarchenbart, der einen
roten Fliegenpilz als Regenschirm bentzte, die Katzenfamilie aus
Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das
Steffis Vater aus Korkstpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
Arbeiten dieser Art. Ein Nhzeugschrnkchen, das ganz aus alten
Zndhlzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und
an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.

Aff, geh, bring' mir mein Bier herein! befahl jetzt Herr Prokop. Ich
hab's auf dem Tisch stehen lassen.

Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife
fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten
spter war er eingeschlafen.

Jetzt schlich sich Steffi auf den Fuspitzen zu Stanislaus Demba.

Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!

Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lge
seit heute morgen, meinte Demba.

Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.

So ein Unglck! So ein Unglck!

Aber wein' doch nicht! sagte Demba unwirsch. Das hat gar keinen Sinn.
Wir mssen es nochmals versuchen.

Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis
ich nicht mehr hab' knnen, und die Kette ist genau so geblieben, wie
sie war. Sie lt sich nicht durchfeilen. Sie mu aus einem besonderen
Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?

Wein' doch nicht! Hr' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.
Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Hnden streichelnd ber
Steffis Haar zu fahren. Es sah klglich aus und komisch zugleich: Diese
beiden Hnde, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel
aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der
starrsinnig mitgeht und sich nicht abschtteln lt -- so war Stanislaus
Dembas linke Hand.

Demba lie die Arme sinken, Steffi hrte zu weinen auf und sagte
pltzlich:

Aber das Ding hat ja Schlssellcher. Es mu ja aufzusperren gehen.

Natrlich.

Wir haben eine Menge so kleiner Schlssel zu Hause. Im Vorzimmer an der
Wand hngt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreiig solcher Schlssel
drin. Einer wird doch passen! Wir mssen sie durchprobieren.

Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlssel und legte sie geruschlos
einen neben den andern aufs Fensterbrett.

Sie versuchte es mit dem ersten.

Das ist der Schlssel vom Uhrkasten drben im Speisezimmer. Der taugt
nicht. Der ist zu gro.

Sie griff nach dem zweiten.

Das ist mein Violinkastenschlssel. Der ist auch zu gro. Der geht
berhaupt nicht ins Schlsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht.
Das ist der Schlssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe
eingesperrt hat und ihre beiden Lose. -- Auch nicht.

Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlsseln. Keiner pate. Ein
einziger lie sich im Schlsselloch umdrehen, aber das Schlo wollte
trotzdem nicht aufspringen.

Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zgernd in die
Schrzentasche und brachte noch einen kleinen Schlssel zum Vorschein.

Das ist der Schlssel zu meinem Tagebuch. Weit du, mein Tagebuch hat
Schlieen und lt sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt
passen.

La es doch. Er pat sicher auch nicht.

Doch! Doch! La mich nur erst mal versuchen. Siehst du -- nein! Der
pat auch nicht. Er ist zu klein.

Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.

Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?

Wir mssen einen Schlssel anfertigen lassen, sagte Demba. Vom
Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab -- wo bekommt man Wachs?

Wachs hab' ich zu Hause.

Wieso denn?

Ich male doch. Du weit ja: Blumen und Vgel und Ornamente auf
Seidenbnder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der
braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in
Berhrung kommen sollen, kommt flssiges Wachs. Ich hab' noch ein groes
Stck zu Hause. Wart', ich bring's gleich.

Sie kam mit einem Stck Wachs zurck und machte Abdrcke beider
Schlsser.

Das mut du zu einem Schlosser tragen, sagte Demba. Aber du mut
vorsichtig sein und dir gut berlegen, was du sagst, damit er nicht
Verdacht schpft.

Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenber von uns wohnt eine
Familie, und der lteste Sohn ist Lehrling in einer groen Werksttte.
Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon fter Schlsser repariert.
Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, da ich den
Schlssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich
ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er
nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, -- werd'
ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schpfen. -- Also wart', ich
geh' gleich hinber.

Es whrte fnf Minuten, ehe sie zurckkam. Aber sie war rot im Gesicht
vor Freude und ganz aufgeregt.

Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen,
er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weit du, er macht mir heftig
den Hof, und mcht' gern wissen, ob etwas ber ihn im Tagebuch steht.
Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr,
wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlssel.

Erst um acht Uhr?

Ja. Um acht Uhr. Frher geht es nicht. So lange mut du warten. Aber
weit du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und lt keinen
Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und
bring' dir den Schlssel. Du mut mir selbst aufmachen, wenn ich lut'.
Wird mich jemand sehen?

Nein.

Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.

Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.

Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner
Wohnung. Sicher hast du ein groes Durcheinander. Ich werd' Ordnung
machen. Frher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug
Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen
und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst
verrtst du dich. Versprich mir's, Stanie.

Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit
Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er verga darber alle
Klugheit und alle Vorsicht.

Das geht nicht, sagte er. Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist
der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch
inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich mu mir das Geld
beschaffen.

Fr die Sonja. Ich wei, sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.

Demba setzte sich auf umstndliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer
grotesk gleichmigen Bewegung beider Hnde, die an die Darstellung auf
Wandgemlden gyptischer Knigsgrber erinnerte. Dann stand er auf.

Stanie! sagte Steffi Prokop. Stanie, du solltest dich doch irgendwo
einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher
Gefahr, wenn jemand entdeckt--

Sie unterbrach sich. Drben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine
Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.

Hat er etwas gehrt? flsterte Demba.

Nein, gab Steffi leise zurck. Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie,
folg' mir! Wenn jemand sieht, da du--

Kind! Gerade das ist's, was mich reizt, sagte Demba mit gedmpfter
Stimme. Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt.
Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur
einen Blick auf meine gefesselten Hnde erhascht, der ist von dieser
Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der
friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht,
was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler
pltzlich ber die Strae liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, knnte
die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein
Mantel zu Boden fiele und meine Hnde sichtbar wrden.

Siehst du! sagte Steffi. Das wollt' ich ja sagen.

Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher
zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte
sie aus. Heute morgens htte ich mich vielleicht noch verraten knnen.
Da war ich ein Anfnger. Aber jetzt -- du glaubst nicht, was fr eine
Routine ich schon darin habe, die Hnde nicht zu zeigen. Es tut mir
beinahe leid, da der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um
acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.

Steffi begleitete ihn bis vor die Tr der Wohnung.

Und wohin gehst du jetzt? fragte sie.

An die Arbeit! sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.




11


Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der
Elinggasse, kam ein wenig auer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.
Sie lie sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, fr
Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stie
einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten
hin.

Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.

Ich hab' da grad die Akten ber die Zwangsfeilbietung der Villa
'Elfriede' in Neuwaldegg. Zwlf Wohnrume, Dienerzimmer, Garage,
herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen -- geh' hin und biet'
mit!

Nein. Spa beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich wei nicht, ob ich
das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt fr Georgs
und Erichs Hauslehrer, fr den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir,
will ihn nicht nehmen.

Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?

Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.

Und will ihn nicht nehmen? Der Advokat streifte die Asche von seiner
Zigarre ab.

Nein. Ich will dir erzhlen, was vorgefallen ist. Also hr' zu. Vor
einer Viertelstunde lutet's und die Anna kommt herein: Gndige Frau,
der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn
jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule,
das wei er ja. Ich habe gerade mit der Kchin verrechnet und so hab'
ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten,
ich komme gleich, er mcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der
Kchin fertig war, bin ich hineingegangen.

Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stie einen ihrer
leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch
die vielfachen Anforderungen des tglichen Lebens sei. Dann fuhr sie
fort:

Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie
das Stubenmdchen, wenn ich sie ber der Zuckerbchse ertappe. Du weit,
sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie
nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas
Verbotenes getan htt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie
nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so
verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.

An welche Zigarre? fragte der Advokat.

Warte. Du wirst gleich hren. Er setzt sich also und ich frag' ihn:
'Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?' Er sagt: 'Gndige Frau, ich
wollte Ihnen nur mitteilen, da ich auf vierzehn Tage verreisen mu.' --
'Das ist aber sehr unangenehm,' sag' ich. 'Mitten im Schuljahr. Und vor
der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so
Dringendes?' -- 'Wichtige Familienangelegenheiten,' sagt er. 'Und der
Georg wird in den beiden nchsten Wochen keine Nachhilfe bentigen und
der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenstnden gut,
und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die
nchste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.'

'Also bitte,' sag' ich. 'Wenn Sie glauben, da die Buben Sie nicht
brauchen -- eventuell knnen Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie
vertritt.'

'Das wird nicht ntig sein,' gibt er zur Antwort, 'Aber ich mcht' die
gndige Frau bitten--' also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute
das Geld fr den ganzen Monat zahlen knnt'. Also, weit du, ich fhr'
mir das nicht gern ein, Vorschu an den Hauslehrer, aber ich hab' doch
gesagt: 'Bitte, sehr gerne', weil er doch das Geld fr die Reise
braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen
heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden fr die
Zeit, wo er verreist ist, mu ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber
ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir
haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba
den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu
soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafr.
Hab' ich recht?

Natrlich, mein Kind, sagte der Advokat.

Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es
wieder einsteck', -- auf einmal spr' ich so einen merkwrdigen,
brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: 'Herr
Demba, riechen Sie nichts?' Und er zieht auch die Luft durch die Nase
ein und sagt:

'Nein, gndige Frau, ich rieche nichts.'

'Aber es mu irgendwo im Zimmer brennen,' sag' ich, und in dem Moment
seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel
gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezndet gehabt, whrend er auf
mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie
er mich kommen gehrt hat, warum, das wei ich nicht. Anfnglich dacht'
ich, er htte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel
genommen, -- du lt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich
hab' dir hundertmal gesagt, la das Kastl nicht offen herumstehen, die
Anna hat einen Feuerwerker, da lt sie doch sicher jeden Abend, wenn
sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stck mitgehen, aber du lt dir ja
nichts sagen! Hab' ich recht?

Ja, mein Kind, sagte der Advokat.

Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen
Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und
darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: 'Herr
Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.' Der Demba
springt auf und lt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar
keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar
nicht, die mu er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie
dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem
Wort, er lt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und
qualmt, auf dem kleinen Teppich, weit du, den wir von der Tante Regine
bekommen haben aus Revanche dafr, da du ihr vor zwei Jahren den
Ehrenbeleidigungsproze gegen ihren Hausherrn gefhrt hast. Also auf den
Teppich fllt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber
der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und
sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine
Miene, sie aufzuheben.

Ich ruf: 'Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen
doch, da sie mir den Teppich ruiniert!' Der Demba wird feuerrot im
Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein
Wort heraus und endlich sagt er: 'Entschuldigen Sie, gndige Frau, ich
darf mich nicht bcken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort
Blutsturz, wenn ich mich bcke, hat der Arzt gesagt.' -- Hast du schon
so etwas gehrt? Was sagst du dazu?--

Der Advokat sagte hm dazu.

Also, was bleibt mir brig, ich hab' halt selbst die Zigarre
aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bcken kann, sagte Frau Dr.
Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der
kurzatmigen, starkgeschnrten, korpulenten Dame anzusehen, da das
Aufheben der Zigarre fr sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten
verbundenes Turnkunststck ersten Ranges dargestellt hatte.

Der Teppich war aber schon ganz versengt, fuhr sie nach einer Weile
fort, und hatte einen groen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war
natrlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu
unterhalten, das begreifst du ja. Ich zhl' ihm also das Geld auf den
Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, da geschieht:
Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er lt es liegen. Ich sage: 'Also
bitte, hier sind die achzig Kronen!' Er schttelt den Kopf und macht ein
so verzweifeltes und unglckliches Gesicht, da er mir beinahe wieder
leid getan hat. 'Aber, Herr Demba!' sag' ich. 'Sie werden mir doch nicht
den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.'
Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. 'Also, das ist doch
lcherlich, so nehmen Sie doch das Geld,' sag' ich. -- 'Nein. Ich kann
das Geld leider nicht nehmen', gibt er zur Antwort und ist wieder
blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht
nehmen will, weit du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrngen
werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag'
also: 'Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es
ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schlielich--' und will das Geld
wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich
so bse und wtend an, wie wenn er mich mit den Zhnen zerreien wollt'.
Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld
liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will
er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: 'Gndige Frau!
Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen
Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen
Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten
Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, da ich nicht verpflichtet bin,
Schadenersatz fr den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne
weiteres nehmen.'

'Gut,' sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weit du,
ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten
gehen fortwhrend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen,
wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?

Gewi, mein Kind, sagte der Advokat.

Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die
achzig Kronen zahlen lassen?

Natrlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden
zu ersetzen, nicht der Hauslehrer, sagte der Advokat und strich sich
den Bart. Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist
merkwrdig, was fr ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei
Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.

Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die
Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer
war leer.

Der Advokat besah sich den beschdigten Teppich.

Weit du, sagte er, eigentlich ist der Sachschaden nicht so gro, mit
achtzig Kronen ist er weitaus berzahlt. Der Teppich ist nmlich ganz
billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, da deine Tante Regina
mehr als dreiig Kronen fr ein Geschenk ausgibt?

Robert! Was ist das? schrie Frau Dr. Hirsch pltzlich auf und zeigte
entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem
Kaminsims auf dem Fuboden lag.

Es war die Nippesfigur eines Brieftrgers, an der Demba, erbittert
darber, da es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer
zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes
verbrochen, als da sie dem Betrachter mit einladendem Lcheln einen
groen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.




12


Herr von Gegenbauer! rief die Haushlterin. Herr von Gegenbauer, so
wachen's doch auf! Drauen ist ein Herr, der Sie sprechen mcht.

Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort
munter, als er von dem Herrn hrte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in
der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und
erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den
scharfgebgelten Hosenfalten.

Ein Herr oder zwei?

Einer, sagte die Wirtschafterin.

In Uniform oder in Zivil?

In Zivil.

Wie sieht er aus? Ist er elegant?

Na, sagte die Haushlterin im Tone ehrlichster berzeugung.

Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser.
Dann trocknete er sich eilig ab und brstete sich mit wilder Energie
seinen Scheitel zurecht.

So. Jetzt knnen Sie den Herrn eintreten lassen.

Er lehnte sich in lssiger Haltung an das Rauchtischchen, sttzte eine
Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den
Spiegel die Gewiheit, da er wie ein Mann aussah, der mit berlegenheit
und khlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten lt.

Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur
Stanislaus Demba war es, dem die Haushlterin die Zimmertr ffnete.

Sie sind's, Demba? rief Fritz Gegenbauer. Ich war auf anderen Besuch
gefat, auf einen weit weniger angenehmen.

Str' ich vielleicht? fragte Demba.

Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch,
alter Freund.

Demba setzte sich.

Nun? Haben Sie sich endlich getrstet ber unser Pech? fragte
Gegenbauer.

Unser Pech hatte darin bestanden, da Gegenbauer vor einem Vierteljahr
bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis
freilich nicht berrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf
Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums klglich im Stich
gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man
eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prfung
vorbereitet hatte, mochte sich den grten Teil der Schuld beigemessen
haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen.

Nehmen Sie eine Zigarette, Demba, ermunterte Gegenbauer den Kollegen.
Eine ganz neue Sorte hab' ich da: 'Phdra'. Kosten Sie einmal, von der
algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra
mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie ber die Grenze geschmuggelt.
Kosten Sie!--

Nein. Danke, sagte Demba.

Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten.
Sie sind Kenner.

Danke, ich rauche nicht.

Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stck im Tag
verqualmt?

Ich bin verkhlt, sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen
Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wre, wenn nicht das Luten
der Trglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines
Schwindschtigen unterbrochen htte.

Jetzt sind sie da, sagte Gegenbauer.

Wer denn? fragte Demba.

Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir
kommen.

So! sagte Demba. Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?

Ich kann mir nicht helfen. Im Frhjahr werd' ich immer stssig. Das
knnten die Leut' schon wissen und sich ein bichen in acht nehmen.

Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der
Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte.

Sie entschuldigen, sagte Gegenbauer und begann zu lesen.

Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Trglocke lutete, einen Feldzugsplan
entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht.
Nie im Leben htte er eine Bitte dieser Art ber die Lippen gebracht.
Nein. Das Geld mute ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrngt
werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit Kollegienhefte geliehen.
Vorlesungen, die Demba im Hrsaal sorgfltig mitstenographiert und zu
Hause mit Bienenflei in Schnschrift bertragen hatte. Sie stellten
einen ziemlichen Wert dar und Demba hoffte zuversichtlich, da
Gegenbauer die Hefte lngst verloren oder als unntz fortgeworfen haben
werde. Denn Gegenbauer war niemals im stande gewesen, Entliehenes
aufzubewahren, dagegen aber immer bereit, fr Schaden, den er
angerichtet hatte, in generser Weise aufzukommen. Darauf hatte Demba
seinen Plan gegrndet.

Ich bin eigentlich gekommen, begann er, als Gegenbauer den Brief auf
den Tisch warf, ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte
noch brauchen, die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.

Welche Hefte? fragte Gegenbauer zerstreut.

Die Vorlesungen Steinbrcks ber das rmische Kunstepos--

Gegenbauer dachte nach. Vier braune Hefte und eines ohne Deckel?

Ja. Das sind sie.

Mssen Sie die unbedingt haben?

Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nmlich wieder einen Schler
bekommen.

Das ist unangenehm, sagte Gegenbauer. Die hab' ich nmlich
verbrannt.

Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten Ton, der ihm zu
Gebote stand, schrie er:

Was sagen Sie? Verbrannt?

Ja, nickte Gegenbauer ohne eine Spur von Zerknirschung.

Es ist nicht mglich, rief Demba.

Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie an meinen Durchfall durchs
Rigorosum erinnerte. Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte, hab'
ich eingetrieben.

Lieber Gott, was machen wir jetzt! klagte Demba.

Sie sind ein Pechvogel, stellte Gegenbauer fest. Haben Sie kein
zweites Exemplar?

Nein.

Das macht nichts, sagte Gegenbauer. Dann wird er halt auch
durchfliegen.

Wer denn?

Ihr neuer Schler.

Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit fr hchste Zeit,
mit praktischen Vorschlgen hervorzutreten.

Mller hat auch ein Exemplar, sagte er nachdenklich.

Wer?

Ein gewisser Egon Mller. Aber der leiht es nicht her. Er will es nur
verkaufen.

Wieviel verlangt er?

Siebzig Kronen.

Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt,
Sie Unglckswurm. Er zog seine Brieftasche.

Nein ich danke. Geld will ich nicht, sagte Demba rasch.

Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende Nhe.

Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstnde. Die Hefte kann ich Ihnen
nicht herzaubern. Also nehmen Sie das Geld.

Auf keinen Fall.

Warum nicht?

Ich mache keine Geldgeschfte mit meinen Kollegienheften.

Aber das ist doch kein Geschft. Ich ersetze Ihnen doch nur Ihren
Verlust.

Bitte, reden Sie selbst mit dem Mller und geben Sie mir dann die
Hefte. Er wohnt Pazmanitenstrae, elf. Demba zitterte bei dem Gedanken,
da Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen und das Geld wieder
einstecken knnte.

Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das mit ihm aus, sagte
Gegenbauer.

Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er schttelte den Kopf.

Es lutete.

Das sind sie, sagte Gegenbauer. Wissen Sie, Demba, Ihr Feingefhl in
allen Ehren, aber ich kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen
machen. Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschlo die
Banknoten darin und stopfte es in die Tasche, die in Dembas Pelerine
einladend offen stand.

So, sagte er. Ich hab' Ihnen das Geld gegeben. Machen Sie jetzt
damit, was Sie wollen.

Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das Geld befand sich in seiner
Tasche. Er hatte keine seiner Hnde hervorziehen mssen, um es in
Empfang zu nehmen. Und nun war es an der Zeit, an einen geordneten
Rckzug zu denken.

Zwei Herren sind drauen, meldete die Haushlterin und legte die
Visitkarte auf den Tisch. Wladimir Ritter von Teltsch. Dr. Heinrich
Ebenhch, Leutnant in der Reserve, las Gegenbauer. Ich lasse die
Herren bitten.

Also, ich werde mich jetzt drcken, sagte Demba eilig. Ich danke
Ihnen bestens, die Sache ist in Ordnung.

Servus! Servus! sagte Gegenbauer zerstreut. Lassen Sie sich wieder
mal bei mir blicken.

Und Demba verlie, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei
unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in
dsterer Entschlossenheit auf den Fuboden starrten.

Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mhe, ganz
programmig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba
fhlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz
enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war
zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich
bewiesen, da man die Hnde nicht braucht, um Geld zu erwerben. -- Es
ist nicht leicht, -- dachte Demba, -- aber es geht. Es geht! Er mute an
einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er
einmal sich rhmen gehrt hatte: 'Heut hab' ich, ohne eine Hand zu
rhren, fnfhundert Kronen verdient!' Ohne eine Hand zu rhren! Welch
eine freche bertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand
genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten
zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung
unterschrieben und dem Geschftsfreund die Hand geschttelt. Und das
alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rhren. Lcherlich. Wenn er
eine Ahnung htte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben,
ohne die Hnde zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig
nicht. Man mu die Menschen durch List, durch berlegenheit des Geistes,
durch volle Ausntzung der Situation, durch die Macht des Willens, durch
die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So
wie ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrngen,
das ich nicht nehmen konnte.

Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorber gingen und lachte
leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen htte,
die meinen Mantel durchdringen knnten! Diese alte Dame mit dem
eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wre auch dann nicht gefhrlich.
Die wrde sich schreiend in ein Haustor flchten und in ihrem Schreck
zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht
energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der wrde sofort auf mich
losgehen. Ich wrde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er
wrde schreien: Aufhalten! Aufhalten!

Wie sich im Nu das Straenbild verndern wrde. Dieser Tumult! Alle
wren sie sofort hinter mir her. Keiner wrde fliehen. Wenn sie in
Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hnde
gefesselt sind. Der Einspnnerkutscher dort, der wrde sofort vom Bock
herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im
Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so
etwas lt man sich nicht entgehen. Und der Bckerjunge wird mit seinem
leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem
Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich
an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die
Handschellen an meinen Hnden sieht. Und ich hab' nur einen einzigen
Menschen, der zu mir hlt, einen einzigen Verbndeten: die Steffi. Nein.
Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling. Der Narr hilft mir, ohne es
zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, whrend ich an ihn
denke, den Schlssel, der am Abend meine Ketten ffnen wird. Und noch
einen dritten Verbndeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave
Pelerine. Die beschtzt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe.
Niemand sieht mich.

Der Wachmann dort. Wie gutmtig-stupid er aussieht mit seinem dnnen,
braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kmmert sich nur um den
Wagenverkehr. Da kein Auto in eine Elektrische hineinfhrt und kein
Fiaker in einen Mbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der
nur einen ganz leisen Verdacht schpfen wrde -- ich wre verloren. Aber
er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spa ganz nahe an
ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen knnte! Man sollte nur
Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Variets
gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im
Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se.
Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu
lassen, da knftighin tunlichst--

Sie, Herr!

Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als htte er einen Schlag
vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die
Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. -- Ach
Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lcherlich. Der Wachmann
hat ja gar nicht mich gemeint 'Sie, Herr!' hat er gerufen, und ich hab'
das gleich auf mich bezogen. Wei Gott, wem das gegolten hat.
Wahrscheinlich--

Sie, Herr! rief der Wachmann nochmals.

Demba blieb stehen, pltzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein
erstarrt wre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zhne schlugen
aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. -- Nein.
Tuschung war nicht mglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und
jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu--

Unfhig, ein Glied zu rhren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus
Demba das Ende seiner Freiheit.

Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und ma ihn mit den Augen und eine
Sekunde lang sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Sto. Demba
fhlte, da er im nchsten Augenblick niederbrechen werde. Und jetzt,
jetzt kam's.

Sie haben etwas verloren, Herr, sagte der Wachmann hflich.

Demba verstand nicht gleich.

Haben Sie nichts verloren? wiederholte der Wachmann.

Langsam fand Demba sich zur Welt zurck. Sprechen konnte er nicht, er
schttelte nur den Kopf.

Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen? fragte der Wachmann
nochmals.

Demba sah ein weies Kuvert in den Hnden des Polizisten, aber es gelang
ihm nicht, einen Gedanken damit zu verbinden. Er fhlte nur, da er
wieder atmen konnte und sog in langem Zug die Luft ein. Irgendein
schwerer Druck lste sich und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt
dmmerte es ihm auf, da das Kuvert in den Hnden des Polizisten das
Geld, sein Geld enthielt, da er es verloren hatte, und da er es
zurckhaben msse.

Natrlich, das gehrt mir, wollte er sagen, aber im gleichen
Augenblick stieg ihm ein furchtbares Bedenken auf.

Er konnte es nehmen. Gewi. Er konnte das Kuvert geschickt und
nonchalant mit den Fingerspitzen fassen, dem Wachmann wird das
vielleicht gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache ja nicht zu
Ende! Um Gotteswillen, dann mute er mit ins Kommissariat, mute seinen
Namen nennen, Erklrungen abgeben, irgend etwas unterschreiben, und auf
dem Tisch des Polizeikommissrs lag vielleicht schon die
Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa
fnfundzwanzigjhriger Mensch, anscheinend den besseren Stnden
angehrend, gro, krftig, rtlicher Schnurrbart, -- und der Kommissr
fat mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die Personsbeschreibung,
sieht mich wieder an--

Stanislaus Dembas Entschlu war gefat. Er verleugnete sein Geld.

Mir gehrt das nicht, sagte er zu dem Polizisten und gab sich Mhe,
da seine Stimme nicht allzusehr zitterte.

Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche gefallen? fragte der
Wachmann erstaunt.

Mir nicht, sagte Stanislaus Demba.

Kopfschttelnd besah der Wachmann das Kuvert. Dann kann es nur der Herr
drben verloren haben.

Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vor Stanislaus Demba die Strae
berquert hatte und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschftes
stand.

Der Wachmann salutierte und der Herr vor dem Schaufenster zog hflich
seinen englischen, steifen Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin
und sprach ein paar Worte und der Fremde hrte ihn mit Aufmerksamkeit
an. Dann sah Demba, wie der elegante Herr die Silberkrcke seines
Malagarohres an den Arm hngte, dem Wachmann das Kuvert aus der Hand
nahm und die Banknoten zhlte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch
aus der Tasche hervorholte, die Banknoten sorgfltig hineinlegte und das
Buch in seiner Brusttasche verwahrte.

Und wie er dann dankend den Hut zog und sich gemessenen Schrittes
entfernte.




13


Herr Kallisthenes Skuludis trat in das groe Herrenmodewarengeschft auf
dem Graben ein und lie sich von der Verkuferin Krawatten zeigen. Er
prfte die einzelnen ihm vorgelegten Stcke mit Sorgfalt und
Kennerschaft, warf die Bemerkung hin, da er sich die Auswahl grer
vorgestellt habe und da man etwas wirklich Neues und zugleich
Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr zu sehen bekme und entschied
sich schlielich fr eine orangefarbene Krawatte aus schwerer,
schillernder Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher in anderen
Geschften erstandenen Stcken, in Seidenpapier einschlagen lie.

Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat er auf die Strae. Es war
das dritte Geschft dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag mit
seinem Besuche beehrt hatte. Man mge aber nicht glauben, da er einen
besonders dringenden Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein,
Herr Skuludis besa eine beinahe lckenlose Sammlung von fast
sechshundert Krawatten in allen Ausfhrungen und Farbennuancen, in der
alle Formen, von der einfachen weien Frackschleife an bis zu den
Exemplaren von der feurigen Farbenpracht eines Topaskolibris vertreten
waren. Aber eine Schwche des Herzens, die jeder Verlockung eines schn
ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag, drngte ihn immer wieder zu
neuen Ankufen.

Als er auf der Strae stand und sich eine Figaro anzndete, konnte er
feststellen, da seine elegante Erscheinung und sein distinguiertes
Auftreten berechtigtes Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen Eindruck
schien er aber auf einen jungen Mann gemacht zu haben, der unweit von
ihm auf dem Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener Bewunderung
betrachtete. Stumme Ovationen dieser Art waren Herrn Kallisthenes
Skuludis nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in solch naiver
Form zu uern pflegten. Er war es gewhnt, da die lssig-charmante
Art, wie er beim Gren den Arm einbog oder wie er den Stock in den
Fingern hielt, schon nach kurzer Zeit -- Herr Kallisthenes Skuludis
verweilte berall nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen--,
von den Elegants der Stadt kopiert wurde, und da die vornehm zerstreute
Geste, mit der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und in Brand
steckte, in den Salons der groen Welt immer vorbildlich wirkte.

Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken Gefhl fr
gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht, und der junge Mensch dort
schien seinem ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehren oder
nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis bewegte. Dieser setzte daher,
ohne Stanislaus Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang fort, denn
unter den Eigenschaften, die ihm die Sympathien der guten Gesellschaft
von Paris, Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert hatten, war
seine vornehme Zurckhaltung sicherlich eine der hervorstechendsten.

Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslage eines Blumengeschftes,
nahm in einem Delikatessenladen eine kleine Erfrischung und berquerte
sodann die Strae, um eine Dame zu begren, die er, er wute nicht mehr
recht woher, wahrscheinlich von einer Schiffsreise im Mittelmeer her
kannte. Whrend er im Gesprche stand, fiel ihm Stanislaus Demba von
neuem auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber
lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis besa ein vorzgliches
Personengedchtnis -- das erforderte sein Beruf -- und er erkannte
sofort den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem Krawattengeschft
stumme Huldigungen erwiesen hatte.

Er verabschiedete sich von der Dame und betrat einen Friseursalon.
Rasiert und mit frischgezogenem Scheitel trat er nach einer
Viertelstunde auf die Strae, und der erste Mensch, dem er begegnete,
war wieder Stanislaus Demba.

Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenber ein wenig zu
Mitrauen. Er dachte immer gleich an einen Detektiv -- das brachte sein
Beruf mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus Demba allerdings
nicht aus. Dennoch wollte Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person,
das Stanislaus Demba so hartnckig an den Tag legte, nicht recht
behagen. Er fand, da Wien im Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt
sei, ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene Fremde wie ein
Meerwunder angestaunt wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang,
indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses an einem der Tische
niederlie.

Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei.

Er blieb stehen, zgerte ein wenig und schien zu berlegen. Im nchsten
Augenblick trat er an Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis,
Platz nehmen zu drfen.

Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich unangenehm berhrt. Es
waren ja noch mehrere Tische frei, und er legte besonderen Wert darauf,
seinen Tee in wohltuender Zurckgezogenheit nehmen zu knnen. Neue
Bekanntschaften pflegte er nur auf Bahnhfen, Haltestellen und anderen
belebten Orten anzuknpfen -- und das auch nur, weil es sein Beruf
erforderte.

Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft, sagte er darum zu Stanislaus
Demba.

Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut sein, wenn wir die
Erledigung unserer Angelegenheit nicht lnger aufschieben, sagte Demba
und setzte sich.

Herr Skuludis blickte ihn in hchstem Grade befremdet an.

Ich meine, da wir unser kleines Geschft vorher in Ordnung bringen
sollten, wiederholte Demba.

Das Wort Geschft besa fr Herrn Skuludis einen anheimelnden Klang.
Er fate sein Gegenber genauer ins Auge.

Darf ich fragen, fr welche meiner mannigfaltigen Unternehmungen Sie
Interesse haben? fragte er.

Das werden Sie gleich hren, sagte Demba. Bis hieher bin ich Ihnen
nachgegangen. Erst hier war es mir mglich, Sie unauffllig und unter
vier Augen zu sprechen.

Unauffllig und unter vier Augen -- diese beiden Worte machten auf
Herrn Skuludis einen guten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenber
als einen Mann von Diskretion, und Diskretion ging Herrn Skuludis ber
alles -- das lag im Wesen seines Berufes begrndet.

Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstrae? fragte Demba.

Ach so, sagte Skuludis und nickte mit dem Kopf. Jetzt ging ihm ein
Licht auf.

Vor einer Stunde hatte er in der Praterstrae eine Unterredung sehr
delikater Natur mit einem befreundeten Juwelenhndler gehabt, dem er
Schmuckstcke jener Art, die man nur ungern dem grellen Licht des Tages
aussetzt, zum Kaufe angeboten hatte. Die Verhandlungen hatten sich
jedoch unglcklicherweise zerschlagen, und Skuludis hatte sich entfernt,
nicht ohne bittere Worte ber den Eigennutz und die Gewinnsucht des
Hndlers fallen zu lassen. Und es stellte sich nun heraus, da der Mann
einen seiner Angestellten mit der Aufgabe betraut hatte, ihn nicht aus
den Augen zu verlieren, und die Verbindung bei Gelegenheit von neuem
anzuknpfen.

Sie sind von allem unterrichtet? fragte Herr Skuludis.

Gewi, sagte Demba. Ich war Augenzeuge.

Und Sie meinen, da die Angelegenheit noch nicht vllig erledigt ist?

Der Ansicht bin ich tatschlich, sagte Demba grimmig.

Nun, fr mich ist die Sache gegenwrtig keineswegs dringend, meinte
Herr Skuludis.

Fr mich um so mehr, sagte Demba heftig.

Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage. Ich mute Geld haben, und
das wollte man sich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhltnisse
gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.

Das vereinfacht die Sachlage auerordentlich, sagte Demba erfreut.

Ich kann jetzt einige Tage warten und gnstigere Angebote einholen,
erklrte Herr Skuludis.

Das verstehe ich nicht.

Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes Notizbuch, und legte mit der
ihm eigenen eleganten Handbewegung ein weies Kuvert, durch dessen
dnnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf den Kaffeehaustisch.

In diesem Kuvert befinden sich achthundert Kronen. Ein glattes
Geschft. Sie sehen, die Verlegenheit, die Ihr Chef fr sich ausntzen
wollte, war nur eine augenblickliche, sagte er stolz.

Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von welchem Chef, welcher
Verlegenheit und welchem Geschfte die Rede war. Er liebugelte nur mit
seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der Seite an. Da in dem
Kuvert jetzt achthundert Kronen sein sollten, erfllte ihn jedoch mit
Verwunderung.

Achthundert Kronen? Ein glattes Geschft, wiederholte Herr Skuludis.

Achthundert Kronen? rief Demba. In diesem Kuvert sind siebzig Kronen.
Nicht mehr und nicht weniger.

Diese Feststellung berraschte Herrn Skuludis aufs hchste. Er war zwar
aberglubisch, aber da dem Angestellten eines Hehlers aus der
Praterstrae bernatrliche Krfte zu Gebote standen -- diese Erfahrung
warf ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht.

Es sind achthundert Kronen darin, sagte er in ziemlich unsicherem Ton.

Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das werd' ich doch wissen,
zischte Demba ber den Tisch hinber. Und jetzt werden Sie die Gte
haben, mir das Geld zurckzugeben.

Ich verstehe Sie nicht, sagte Skuludis.

Sie verstehen mich nicht? brach Demba los. Nun, Sie werden mich
gleich verstehen. Sie haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehrte, von
einem Wachmann bernommen, der irrtmlich annahm, Sie htten es
verloren. Verstehen Sie mich jetzt?

Herr Kallisthenes Skuludis besa die Gabe rascher Auffassungskraft in
hohem Grade. Blitzschnell fand er sich in die genderte Situation. Er
erkannte mit Schrecken, da er fast daran gewesen war, einen Unberufenen
Einblick in seine Geschftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte aber
im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest, da er vorsichtig genug
gewesen war, keinen Namen zu nennen und von der Art seiner Geschfte nur
in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das gab ihm seine Sicherheit
wieder. Vor allem galt es festzustellen, ob sein Gegenber nicht doch
ein Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt hatte.
Darber mute er sich Klarheit verschaffen, ehe er ber seine weitere
Taktik schlssig wurde.

Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen? fragte er und
nickte Demba vertraulich zu. Zeigen Sie doch gleich die Legitimation
und die Situation ist klar.

=Was= soll ich Ihnen zeigen? fragte Demba.

Statt zu antworten, beugte sich Herr Kallisthenes Skuludis ber den
Tisch und begann, berlegen lchelnd, Dembas Pelerine aufzuknpfen. Er
suchte Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene Legitimationskarte
des Detektivs vermutete.

Demba erschrak heftig. Sie! Lassen Sie meinen Mantel in Ruhe! rief er
drohend.

So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife? riet Herr Skuludis
und arbeitete an dem obersten von Dembas Mantelknpfen.

Ich wollte, Sie lieen Ihre Scherze, sagte Demba und rckte von Herrn
Skuludis fort.

Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm sich kein Polizeiagent.

Was wollen Sie eigentlich von mir? fragte er.

Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben, will ich zurck. Seit einer
Stunde gehe ich Ihnen auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld
zurckzubekommen. Oder glauben Sie, da es mich interessiert hat, zu
erfahren, bei wem Sie Ihre Einkufe machen, wo Sie sich rasieren lassen,
und mit welchen Kokotten Sie verkehren?

Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner Betrger, der zufllig
Zeuge jenes Vorfalles gewesen war und dies ausntzen wollte, um einen
Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis berlegte, wie er ihn
loswerden knnte.

Sie behaupten also, da ich auf unrechtmige Weise in den Besitz
dieses Geldes gekommen bin? fragte er in scharfem Ton.

Demba lie sich nicht einschchtern. Jawohl, das behaupte ich, gab er
ebenso scharf zurck.

Und Sie behaupten weiters, da das Geld Ihnen gehrt.

Jawohl. Es gehrt mir.

Dann bleibt uns nichts anderes brig, als den ungeklrten Fall dem
nchsten Wachmann vorzutragen, sagte Herr Skuludis mit verbindlichem
Lcheln und erhob sich, um anzudeuten, da die Verhandlungen an einem
toten Punkt angelangt seien.

Das wird das beste sein, sagte Demba, sehr gegen seine berzeugung.

Also doch ein Detektiv -- dachte Herr Skuludis. Mit seiner Drohung war
es ihm keineswegs ernst. Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur
geringen Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache zu
schiedsrichterlicher Ttigkeit. Er hatte unter den Funktionren der
Polizei etliche gute Bekannte -- das brachte sein Beruf mit sich--,
denen seine Anwesenheit in Wien vorlufig noch ein streng gehtetes
Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in seiner Rocktasche zwei goldene
Uhren, ein Anhngsel, zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe --
kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen des Eilzugs
Wien-Budapest -- bei sich, deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine
Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion wre ihm im hchsten Grade
ungelegen gekommen.

Zahlen! rief Herr Skuludis, und beglich seine Zeche boshafterweise mit
einer der Banknoten aus dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprche
erhoben hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba den denkbar
schlechtesten Eindruck und versetzte ihn in hellen rger.

Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen gekommen zu sein, bemerkte
er bissig.

Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkung mit Schmerz, da Demba
nicht die Umgangsformen der groen Welt besa. Aber Ruhe und
Selbstbeherrschung gehrten zu seinem Berufe, und er begngte sich,
seinen Gegner mit einem verchtlichen Blick zu messen.

Gegenber der Oper stand ein Polizist. Aber beide Herren schlugen ganz
von selbst eine Richtung ein, in der auf tausend Schritte Entfernung
weit und breit kein Wachmann zu sehen war. Und beide sphten, gnzlich
unabhngig voneinander, nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen
Situation eine neue Wendung zu geben. Herr Skuludis studierte mit
Aufmerksamkeit die vielfachen Mglichkeiten des Wiener Verkehrswesens,
whrend Demba, um sich einen guten Abgang zu sichern, die Vorteile
erwog, die ein dem Gegner unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte.

Herr Skuludis war es, der auch hier wieder seine Entschlossenheit und
seine Neigung zu rascher Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen
versah, hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische Tramway
geschwungen. Er befand sich bereits in voller Fahrt, als Demba sein
Verschwinden bemerkte.

Nur eine Sekunde lang war Demba verblfft. Dann begriff er: Herr
Skuludis gab seine Sache verloren, und diese Flucht bedeutete den
moralischen Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance, die siebzig
Kronen zurckzuerlangen, stieg.

Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine triumphierend-hhnische
Grimasse, zu der sich Herr Skuludis unberlegterweise hinreien lie,
spornte Demba, indem sie seine Gefhle aufs tiefste verletzte, zu
hchster Kraftleistung an. Wtend keuchte er hinter dem Wagen her. Er
kam ihm nher. Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis auf
Armlnge an ihn heran. Er stie mit zwei Passanten zusammen, rannte
weiter und holte den Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden lang
mit ihm Schritt, und dann sprang er, als der Wagen in einer Kurve sein
Tempo verlangsamte, mit einem khnen Satz auf das Trittbrett und stand
oben -- erschpft, mit pfeifendem Atem, nach Luft schnappend, und
dennoch siegreich und triumphierend.

Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen, beschmt und
grenzenlos verlegen anzutreffen. Aber jetzt, da er ihm gegenberstand,
sah er, da das Gesicht des Gegners einen seltsamen Ausdruck angenommen
hatte. Nicht Angst, nicht rger, nicht Zerknirschung war in ihm zu
lesen, sondern malose Verblffung, fassungslose Verwunderung malte sich
in Herrn Skuludis Zgen. Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit der
ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich wie ein steinerner Apoll,
starr vor Staunen auf Dembas Hnde.

Auf die Hnde! Auf Dembas Hnde!

Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange des Tramwaywagens
verfangen, seine Hnde waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen
Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis lag offen.

Aber nur einen Augenblick lang. Und von all den Menschen, die
dichtgedrngt den Wagen fllten, hatte nur Herr Skuludis Dembas Hnde
gesehen.

Und im nchsten Augenblick waren beide, Demba und Skuludis, vom Wagen
abgesprungen.

Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer wute sein Geheimnis,
und diesem einen galt es zu entkommen.

Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich
umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend,
hinter ihm her.

Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen
Autoomnibus zu entziehen.

Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschttelnd und mit Bedauern
nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen.
Er mibilligte diese kopf- und sinnlose, berstrzte Flucht. Seine
anfngliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen.
Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wre er ihm mit
Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen
Anfnger in seiner Zunft erkannt, der, wei Gott auf welche Art in eine
miliche Situation geraten war.




14


Stanislaus Demba verlie den Omnibus und ging langsam die
Mariahilferstrae hinunter. Er berlegte. Steinbchlers? Nein. Das geht
nicht. Bei Steinbchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da
kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschu bitten. Auerdem,
sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbchler ebenso wie seine
Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', -- es waren ohnehin nur
fnfundfnfzig Kronen fr sechs Stunden in der Woche--, haben sie mir
fnf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine
Lektion ausfllt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und
dabei sind es vermgende Leute. Er ist Prokurist in einer
Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten
mu ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten
herum mit dem Geld herausrcken. Auch ihrem Stubenmdchen bleiben sie
schuldig. Nein, mit Steinbchlers ist's nichts.

Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind
vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine
Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', da
ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht
sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da mu ich
einen zwingenden Grund fr mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den
Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich
hab' ja noch fnf Minuten zu gehen.

Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses.
Neben dem Haustor ber der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R.
Becker, ordiniert von zwei bis fnf.

Stanislaus Demba bentzte den Lift nicht, sondern stieg langsam die
Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er
stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.

Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.

Jetzt fuhr Demba mit den Hnden in seine Rocktasche und zog ein
Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlssel aus der Tasche,
und er bckte sich rgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick
stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Hhe.

Sofort fuhren Dembas Hnde zurck unter den Mantel. Erschrocken blickte
er dem Aufzug nach. Aber die Tr des Aufzugs war von Milchglas, sah er
zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmglich die Handschellen
gesehen haben.

Jetzt lutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba
wartete, bis die Wohnungstr im dritten Stock geffnet und wieder
geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun--

Zum Kuckuck! Gerade jetzt mu jemand die Treppe herunterkommen. Wieder
verbarg Demba die Hnde. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die
sich auf den Arm ihres Stubenmdchens sttzte. Und just neben Demba
blieb sie stehen und ruhte aus. -- Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber
da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!

Die Zeitungsaustrgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine
Zeitung vor die Tr des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten
Stock hinauf.

Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heit's
einfach warten--, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung
hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Fen lag, las gleichgltig
eine in groen Lettern gedruckte Aufschrift: 'Rcktritt des ungarischen
Ministerprsidenten', und pltzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon--.
Wie, wenn schon etwas in den Abendblttern steht von meiner Flucht
durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles
ganz genau, 'der Tter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen
Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof', steht vielleicht drinn, und
'anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flchtling auf der
Spur.' -- Oder vielleicht steht gar dort: 'Der Verdacht der Tterschaft
lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universittshrer. Seine
Verhaftung steht unmittelbar bevor.'

Voll Ungeduld und in maloser Aufregung wartete Demba, bis die
Zeitungsaustrgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er
die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.

Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen mu es
stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog ber die Spalte.

Musikalischer Zapfenstreich. -- Die Generalversammlung des
niedersterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten,
verschoben. -- Filmbrand auf der Strae. -- Oberinspektor Hlawatschek
gestorben. -- Ein seltenes Jubilum. -- Ein Selbstmordversuch, halt. Was
ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,
hat gestern in ihrer in der Babenbergerstrae gelegenen Wohnung
Veronal--, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerksttte der
stdtischen Straenbahnen. -- Die Tat einer Mutter. -- Schlu.

Nichts steht noch in der Zeitung. Natrlich. Das htt' ich mir gleich
denken knnen. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich
nicht mit der Verffentlichung. Lustig. -- Demba faltete die Zeitung
zusammen und legte sie vorsichtig zurck auf die Trschwelle.

Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glttete es, faltete es
zusammen, da es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal
um seine rechte Hand, da nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er
fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den
Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die
Knchel aneinandergefesselt hat. -- So, jetzt war er fertig.

Eine vorzgliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter
Einfall. -- Demba beglckwnschte sich selbst zu dem ausgezeichneten
Einfall. Wirklich eine vortreffliche Idee, sagte er, trat vor die
Fensterscheibe und machte Verbeugungen gegen sein Spiegelbild. Meine
Anerkennung! Gestatten Sie, da ich Ihnen die Hand drcke. Wie? Sie
wnschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie frchten, der Verband knnte
sich verschieben? Natrlich! Natrlich! Schade! Htte Ihnen gern die
Hand geschttelt fr die wirklich vorzgliche Idee!

Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger
Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb
stehen und blickte Demba verwundert an.

Zwei Fliegen auf einen Schlag, dachte Demba und stieg die Treppe
hinauf. -- Jetzt sieht jeder sofort, da ich die Hnde nicht gebrauchen
kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine
Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren
Brandwunden an den Hnden kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand
von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte
man meinen. Aber nun vorwrts! Keine Zeit verlieren!

Im vierten Stock lutete Demba. Das Dienstmdchen ffnete.

Ist die gndige Frau zu Hause?

Nein.

Und der Herr Dozent?

Der ordiniert.

Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.

Zwei Damen und ein Herr saen dort und lasen die Zeitschriften.

Wann kommt die gndige Frau zurck?

Ich werde das Frulein fragen, die wird es wissen. Das Stubenmdchen
ging in Elly Beckers Zimmer. Demba hrte ein paar Walzertakte und die
hellen Stimmen lachender Mdchen.

Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig
und beguckte Demba durch ihr Lorgnon.

Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen
gegangen.

Das ist unangenehm, sagte Demba. Ich htte dringend mit ihr zu
sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben?

Regnet es schon drauen? fragte Elly.

Ja.

Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht
inzwischen zu uns hereinkommen?

Sie haben Gste, Frulein Elly.

Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.

Ich bin gar nicht danach angezogen.

Aber keine Umstnde! Elly ffnete die Zimmertr. Noch ein Besuch!
rief sie hinein.

Ein Tnzer? fragte das eine der beiden jungen Mdchen.

Leider nein, sagte Demba in der Tr.

Tnzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas, sagte Elly
und stellte vor. Doktor Stanislaus Demba. -- Meine Freundin Viky, meine
Freundin Anny.

Weder Frulein Viky noch Frulein Anny schienen entzckt zu sein,
Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner
alten, vom Regen durchnten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine
unmgliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit
kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrung
nur nachlssig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres Mdchen mit
Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr
Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende
Benehmen der beiden jungen Mdchen nicht zu merken oder nicht zu
beachten.

Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung
zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stie zu diesem Zweck ihre Freundin
Viky mit dem Ellbogen an und flsterte: Wenn er deklamiert, ficht er
mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spa.

Demba hrte sie flstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erhhte sich,
als das Stubenmdchen Sandwiches, Bckereien und eine Tasse Tee vor ihn
hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und
wute nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn
zum Zugreifen aufzumuntern.

Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht
ab?

Jetzt entschlo sich Demba, die erste Probe auf die Tragfhigkeit seines
ausgezeichneten Einfalles zu machen.

Ich lege lieber nicht ab, Frulein Elly. Es wre kein angenehmer
Anblick fr Sie.

Warum denn?

Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe
Brandwunden auf beiden Armen und mu einen Rock ohne rmel tragen.

Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoen?

Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze
zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir haben die
brennenden Stcke mit den Hnden losgerissen, und dabei hab' ich mir die
Brandwunden zugezogen. Sehen Sie! Demba steckte die mit dem Taschentuch
umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor.

Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht! rief Elly ngstlich.
Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.

Sie nahm eines der belegten Brtchen, hielt es Demba vor den Mund und
lie ihn abbeien.

Demba, der tagsber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu
sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrckt und behindert
durch das Gefhl, beobachtet zu werden, a jetzt mit Appetit und empfand
lebhafte Genugtuung ber den Erfolg seines Experiments. Als ihm die
Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fhlte er
sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genu
den ganzen Tag ber schwer entbehrt.

Haben Sie Schmerzen? fragte Elly.

O ja, sagte er. Die Knchel taten ihm weh. Sie muten durch den Druck
der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern
fhlte er ein Brennen und Stechen, als whlten hundert Nadelspitzen in
seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an
die Schultern.

Anny und Viky waren nhergekommen und betrachteten Demba mit Interesse.
Auch das Stubenmdchen, das den Tisch abrumte, warf mitleidige Blicke
auf die verbundene Hand.

Anny nherte ihre Brille dem Verband.

Das sind keine Brandwunden, sagte sie pltzlich.

Demba lie die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als
wre ihm eine Mcke ins Auge geflogen.

Mir machen Sie nichts vor, sagte Anny und rckte ihre Brille zurecht.

Demba warf einen Blick auf die Tr und berechnete, da er im Notfall in
zwei Stzen drauen sein konnte.

Sie haben ein Duell gehabt, erklrte Anny mit Bestimmtheit.

Ach so, sagte Demba mit merklicher Erleichterung.

Hab' ich recht oder nicht? fragte Anny. Mir mssen Sie keine Mrchen
erzhlen. Mein Bruder ist nmlich grner Alemane.

Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden, versicherte
Demba.

Kann schon sein, da Sie sich die Finger verbrannt haben, meinte Viky
ironisch.

Prim oder Terz? fragte Elly mit der sachverstndigen Miene eines
Fechtmeisters.

Eine Sext, erklrte Demba.

Also gestehen Sie's doch ein! riefen alle drei wie aus einem Mund.

Aber nein! sagte Demba. Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer
des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.

Ist er blond oder brnett? wollte Viky wissen.

Wer denn? Miksch?

Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.

Alle drei begannen zu lachen.

Ist er alt oder jung, der Leichtsinn? fragte Elly.

Hast du denn nicht gehrt? rief Viky. Der 'jugendliche Leichtsinn'
hat er doch gesagt.

Also, wie war es, Herr Demba, drngte Elly. Erzhlen Sie! Fangen Sie
an. Wir hren alle zu. Also: So stand ich und so fhrt ich meine
Klinge--

Demba fand, da man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person
beschftigte. Er versuchte das Gesprch auf das Duell im allgemeinen
hinberzulenken. Viky gab die Erklrung ab, da das Duell vom Standpunkt
eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz,
aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber,
man msse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfllten sie ihren
Zweck. Anny erzhlte eine lngere Geschichte von einem Bekannten, der an
einem einzigen Tag drei Gegner abgefhrt htte, und lie durchblicken,
da sie selbst der unschuldige Anla dieser Affre gewesen sei. Sie
nannte den Namen dieses verwegenen Kmpfers und wollte wissen, ob Demba
ihn kenne.

Demba hatte nicht zugehrt. Er hatte mit Ellys Hilfe die
Sandwichesschssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit
stark gewrzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt versprte er
pltzlich heftigen Durst. Er bentzte die Gelegenheit, da die
Aufmerksamkeit aller drei Mdchen durch einen Fcher mit zahllosen
Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in
Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Hnden an ein
Wasserglas heranzuprschen, als die Tre aufgestoen wurde und ein
Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchntes Fell
schttelte und von Anny, Viky und Elly strmisch begrt wurde. Gleich
darauf kam das Stubenmdchen und teilte Herrn Demba mit, da die gndige
Frau nach Hause gekommen sei.

Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprgtem Wohlttigkeitssinn. Sie
war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine,
versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschuberatungen,
Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die
Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergnge kleine Straenhausierer und
bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit
Grndlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschchtert und dann durch
Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschdigt wurden. Auch heute
standen zwei kleine Buben mit ngstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der
Nhe der Tr. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in
den Hnden. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesubert, denn aus
der Kche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der
Kchin.

Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, sa in ihrem Zimmer und
trank Tee, als Demba eintrat.

Ja, was sind das fr Sachen! rief die kleine, bewegliche Dame Demba
entgegen. Das Stubenmdchen hat mir schon erzhlt -- was ist denn
eigentlich geschehen?

Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gndige Frau. Demba erzhlte seinen
Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein
paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte
die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer
gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr
des Lebens samt dem Kfig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit
gebracht htte, hinzuzudichten, sah aber schlielich davon ab, um seiner
Erzhlung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.

Sollte man denken, da solche Unvorsichtigkeit mglich ist? sagte Frau
Dr. Becker. Sie knnen wirklich Gott danken, da Sie so davongekommen
sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.

Das war Demba nicht recht. Mitrauisch brachte er seine Hand zur Hlfte
aus dem Mantel hervor.

Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hnde zusammen. Aber ist denn das
ein Verband? rief sie. Das kann Ihnen doch unmglich ein Arzt gemacht
haben!

Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.
Demba sah mit Verdru, da seine Idee, sich Verletzungen an den Hnden
anzudichten, keineswegs eine sehr glckliche gewesen war. Alle Welt
beschftigte sich jetzt ausschlielich mit seinen Hnden, denen er doch
ein gewisses Ma von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen
wollen.

Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinber und
lassen sich einen anstndigen Verband machen, entschied Frau Dr.
Becker.

Demba wurde bleich wie Kse.

Das geht nicht, stotterte er. Ich kann doch nicht--

Glauben Sie nicht, da mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr
Kollege?

Demba wand sich auf seinem Sessel.

Das schon, sagte er. Ich mchte nur nicht die Zeit des Herrn
Dozenten--

Ach, Unsinn! unterbrach ihn die Frau des Arztes. In zwei Minuten ist
mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.

Sie nahm das Hrrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem
Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Kche verband.

Rudolf! sagte sie. Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm
ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den Hnden zugezogen. -- Ja.
-- Also er kommt gleich. -- Sie legte das Hrrohr fort. So, Herr
Demba.

Ich bin eigentlich nur gekommen--; Demba schluckte und suchte nach
Worten. Ich wollte Sie bitten, gndige Frau, ob ich nicht mein
Monatssalr schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja--

Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff
dann wieder nach dem Hrrohr.

Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er
kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht
bei der Hand.

Geschlagen auf der ganzen Linie verlie Demba das Zimmer.

Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die
Vorhlle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot
in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm
horchte unruhig nach der Kche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an
ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bndel Schuhriemen vom
Fuboden auf, ffnete rasch die Wohnungstr und machte sich aus dem
Staub.

Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tr hinaus.

Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba
stehen, ri das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in
die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er
es mit einem Fluch zu Boden.




15


Dr. Rbsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten mssen.
Es regnete in Strmen, und frher als sonst fanden sich die andern zu
der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten
Zimmer des Caf Turf, in das man durch eine sorgfltig verhngte und von
einem Pikkolo bewachte Tr eintrat, saen heute elf Personen.

Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen
hatte, da er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von
Bauernfngern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschftsreisende,
der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der
Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche
ber eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte.
Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der
Gegend zwischen der Augartenbrcke und dem Praterstern berall bekannt
und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere bergegangen war,
aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus
ablehnend gegenberstand. Der Huseragent, der Durchlaucht genannt
wurde -- ohne ersichtlichen Grund brigens, denn er bezahlte seine
Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Grofrsten. Der
Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte,
wenn statt seiner ein anderer gewann. Der Herr Redakteur, der auf die
Frage, fr welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebrde zur
Antwort gab: Fr alle. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und
seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthute, der Freundin
ein paar zerlesene Zeitschriften bringen lie, um sie dann beide im
Eifer des Spieles gnzlich zu vergessen; und schlielich Hbel, der
halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rbsam, der schon
lange nicht mehr Doktor war.

Dr. Rbsam hielt die Bank und gewann natrlich wieder einmal. Zu Beginn
des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der
Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch
gelegt, eine lcherlich geringe Summe fr eine Partie, in der er dem
Gewinner dreifaches Geld auszahlen mute. Mit dem Geld will ich heut
sechshundert Kronen gewinnen, hatte er zu Beginn der Partie mit
aufreizender Offenheit gesagt. Ich geb's nicht billiger. Genau soviel
hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das mu ich wieder
hereinbringen. Und jetzt, whrend des Spiels, fragte er, so oft er den
Einsatz der anderen einstrich: Hab' ich schon gesagt, da ich heut
sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen!
Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!

Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn
Dr. Rbsam gewann wirklich. Auf seinem Platz hufte sich das Geld. Hie
und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in
seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine
Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit
halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er
hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen,
nicht eine Minute lnger. Um acht Uhr abends mute er zur Sitzung,
hatte er gesagt. Niemals versumte Dr. Rbsam, sich solch einen Termin
zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drngen nach Revanche, bei der
er das gewonnene Geld htte hchst berflssiger- und unntzerweise
nochmals aufs Spiel setzen mssen, und entzog sich gleichzeitig den
Herzenstnen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit
beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.

An die Sitzung glaubte natrlich niemand. Seit seiner Verurteilung,
die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausbung der Advokatur gekostet
hatte -- er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen--,
lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug
er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner
Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei:
der Sparkassenbeamte lieferte ihm pnktlich seine Gehaltsvorschsse ab;
die Untersttzungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau
erhielt, fanden auf dem Umweg ber das Bukidomino gleichfalls den Weg in
Dr. Rbsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinknfte des
Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genufrohen
_Jeunesse dore_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und rar, Kommerz
und Lebewelt wirkten eintrchtig zusammen, um Dr. Rbsam eine
standesgeme Lebensfhrung zu ermglichen.

Die Dominosteine klapperten, die wtend auf den Tisch geschleuderten
Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den
berziehern und Schirmen an der Wand flo das Regenwasser in dnnen
Bchen, die sich auf dem Fuboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr.
Rbsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein hchst zufriedenes
Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den
sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer
hufiger auf seine goldene Uhr.

Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tr herein.

Herr Doktor werden verlangt.

Wer? Ich? Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren
Strungen whrend seiner Geschftsstunden sehr unwillkommen.

Nein. Herr Doktor Hbel.

Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen
den Fingern, und berlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner
Barschaft auf einmal riskieren sollte.

Mich will jemand sprechen? fragte er zerstreut.

Ja. Der Herr wartet drauen.

Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen, entschied er auf alle
Flle.

Ich hab' aber schon gesagt, da Herr Doktor hier sind!

Esel! schrie Hbel und ging voll bser Ahnungen hinaus.

Richtig. Da stand Stanislaus Demba.

Servus, Demba, begrte ihn Hbel ohne groen Enthusiasmus. Woher
weit du, da ich hier bin?

Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, da ich
dich hier finden werde.

Dein Scharfsinn ist bewunderungswrdig. Aber gib dich um Gottes willen
keinen bertriebenen Hoffnungen hin. Er zeigte die zerknitterte
Zehnkronennote. Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich
habe.

Demba wurde bla. Aber du hast mir doch fr heute das Geld
versprochen!

Du httest eine Stunde frher kommen mssen, eh' ich mich zum Spielen
niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rbsam in Kost und Quartier
gehabt. Das kommt von deiner Unpnktlichkeit, erklrte Hbel mit einem
schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.

Ich hab' auf das Geld gerechnet! sagte Demba und bekam einen starren
Blick.

Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig? fragte Hbel
zerknirscht.

Vierzig Kronen, sagte Demba.

Es tut mir leid! sagte Hbel. Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden
Fall diese zehn Kronen, sonst frit sie der Dr. Rbsam, dieser schwere
Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.

Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, da
unter Granat ein Halsabschneider und unter den Galeristen
Spielratten von Beruf zu verstehen waren.

Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. Was mach' ich mit
zehn Kronen! sagte er bekmmert. Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!

Hbel wute keinen Rat.

Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen? fragte Demba
mit einem Blick auf die Tr.

Von denen? Hbel winkte abwehrend mit der Hand. Da kennst du diese
Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.

Was jetzt? fragte Demba ratlos.

Weit du was? rief Hbel. Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht
hast du mehr Glck als ich.

Demba schttelte heftig den Kopf.

Beim Buki ist alles nur Glck, versicherte Hbel. Da knnen aus zehn
Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.

Nein, sagte Demba, ich rhre keine Karten an.

Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du
Ignorant.

Ich verstehe das Spiel ja gar nicht, sagte Demba.

Da gibt's nichts zu verstehen, erklrte ihm Hbel eifrig.
Gewhnliches Domino. Das kennst du doch. Nur da man auf die vier
Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mut gar nicht mitspielen,
du brauchst blo zu setzen.

Demba war unentschlossen.

Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger
zu rhren, erzhlte Hbel.

Ohne einen Finger zu rhren! Das gab den Ausschlag.

Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,
meinte Demba.

Also komm! sagte Hbel und schob ihn zur Tr hinein.

Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfnglich wenig Beachtung. Fremde
Gesichter wurden zwar beim Bukispiel hchst ungern gesehen, da aber
Demba von Hbel eingefhrt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die
Aufnahmeformalitten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich
glatt:

Hat er Marie? erkundigte sich Dr. Rbsam.

Hbel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, da Demba Geld genug habe.
Wie Mist, setzte er hinzu.

Dann ist's gut, sagte Dr. Rbsam, und die Sache war erledigt.

Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech! schrie in diesem Augenblick der
Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da
er kein Geld mehr besa, auer Gefecht gesetzt war.

Das ist Musik in meinen Ohren, sagte Dr. Rbsam vergngt und strich
das Geld ein. Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Geschft geht
flau. Er rieb sich die Hnde, zwinkerte Demba zu und fragte: Haben Sie
schon eingekocht, junger Mann?

Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, da Zeige- und
Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrppelt waren.

Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor, erklrte
Hbel. Auf wen soll ich setzen?

Auf wen du willst, sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf
des Doktors Finger, die ihn ngstigten und erschreckten.

Alles auf einmal?

Ja. Setz' alles auf einmal.

Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht
teil. Jede Reihe reprsentierte einen der Spieler. Hbel schob den
Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und
hatte damit auf den Sieg Semmelbrsels gewettet, des Kellners, der
diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die
ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen
Anfang, und der Herr Redakteur startete unter allgemeiner Spannung mit
dem ersten Stein.

Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld
geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen
und nicht hren zu mssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt.
Aber nur eine Nummer der sterreichischen Kaffeesiederzeitung hing an
der Wand. Und die begann Demba zu lesen.

Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfnfzig grne Sthle fr
einen Gasthausgarten bot einer an. Schnpse, prima Qualitt, wollte ein
zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben.
Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanznder!
Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder
verdienen, alles schrie, alles drngte sich vor, die Welt war ein
groer, runder, grnberzogener Spieltisch, von Schnpsen befleckt, von
Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter
jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige
Hnde her, Hnde, behaarte Hnde mit verkrppelten Fingern, die dennoch
zu greifen verstanden, wie Polypenarme, -- und in all dem Wirrsal von
Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich
unterfangen, seine Hnde schchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach
einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte
Fuste rauften, die ihn fortstieen und beiseite drngten. Und Demba
wurde pltzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte
sich voll Scham ber seinen klglichen Versuch heimlich zur Tr
hinausschleichen.

Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lrm und Geschrei. Die
Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinren Gauner, der dem
Rbsam einen Zund gegeben habe. Der Redakteur rief: Jetzt versteh'
ich alles! Semmelbrsel zeterte unausgesetzt: Mein Geld will ich
endlich haben! Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der
Hand und sagte:

Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.

Wieviel? fragte Demba ohne aufzusehen.

Dreiig Kronen. Dreifaches Geld.

Demba schwieg.

Was jetzt? fragte Hbel.

Weiter setzen, sagte Demba.

Alles?

Ja.

Herrschaften, Ruhe! schrie jetzt Dr. Rbsam. Ruhe! sekundierte ihm
Hbel. Der Lrm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging
sich noch eine Weile in Anklagen und Verdchtigungen, aber das Spiel
nahm seinen Fortgang.

Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen. Er starrte in die
Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach
dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende schlrfte
geruschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte
pltzlich ernst und feierlich wie ein Gebet:

Hallum-Drallum.

Wieso denn Hallum-Drallum? protestierte der Postbeamte. Sind denn auf
beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!

Wer ist das: Hallum-Drallum? -- fragte sich Demba seltsam erregt. Wer
ist das: Hallum-Drallum? -- bohrte es ihm qulend im Hirn. Und pltzlich
wute er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen,
dickbuchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit
fahlem Gesicht, das ber und ber mit gelben Pickeln berset war, mit
wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behngt stand
er da, mit haarigen Hnden, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in
den Nacken -- Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren -- nein! Der
Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da
stand er, und blickte ihn grinsend an und grhlte: Du willst mein Geld,
du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartensthle?
Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bcke dich vor mir, bcke
dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer!

Und Stanislaus Demba bckte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und
demtig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein
eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen
Stcks Tapete.

Ich bin fertig! rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort
brach ein Lrm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit
gellender Stimme: Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!

Schwindel! brllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den
Tisch.

Aber der Doktor hat doch 'weiter' gesagt, jammerte der Kellner.

Betrug! Betrug! heulte der Postbeamte.

Ruhe! berschrie ihn Dr. Rbsam. Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch
auch mein Geld!

Wieder stand Hbel neben Demba, zupfte ihn am rmel und sagte:

Du hast zum zweitenmal gewonnen.

So? -- Demba war nicht berrascht und nicht erstaunt.

Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?

Ja, nickte Demba.

Wieviel?

Alles.

Bist du toll? fragte Hbel.

Ja.

Du hasardierst!

Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.

Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht
gewinnen.

Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Enttuschung
war vorber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Einstze wurden
gemacht, und Dr. Rbsam fuhr sich nervs mit der Hand ber den kahlen
Schdel: Er hatte in der letzten Partie mehr als die Hlfte seiner
Barschaft verloren.

Was ist damit? fragte er und wies auf Dembas Geld.

Bleibt liegen, sagte Demba.

Also: Geld auf Geld! sagte Dr. Rbsam. Sprechen Sie geflligst
deutsch!

Ja. Geld auf Geld, besttigte Hbel.

Dann ist's gut, sagte der Ex-Advokat. Ich wollt' nur wissen-- Er
legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann.

Fort mit Schaden, sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an.

Ich hab' alles, erklrte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an
Dominosteinen.

Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu.

Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei
Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besa er
zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das
durch hundert schmutziger Hnde gegangen war, und dennoch -- Proteus
Geld! -- jedem der Menschen da, die ber den Tisch gebeugt standen und
es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen
lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, fr
den zweiten war es die lngst schon fllige Wohnungsmiete. Fr den dort
hie es: Sich satt essen knnen, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder
wird es Nacht fr Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da
wird es verspielen, beim Rennen oder an der Brse, die vergrbt es unter
dem Strohsack ihres Bettes -- und fr ihn, fr Demba, was war es fr
ihn? Er gab sich Mhe, sich das auszumalen. An altersgraue Trme wollte
er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute
spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch
die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder
wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Trme, nicht die Geige
spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerflo in
nichts. Dafr kamen andere Visionen, -- die Gespenster der Wnsche, der
Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt
an. Dr. Rbsam sa lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor
Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war pltzlich da, kein Stck Mbel
stand darin, nur ein Bett, ein riesengroes Bett, in dem Raum war fr
die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der
Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus
Steingut mit Brot, Wurst und Kse vor sich auf einem ungedeckten Tisch
und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stck auf Stck
hinunter. Und als die Wnsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen
grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld
zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewiheit, da
es verspielt war und da es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm
gehrte, sondern dem Rbsam oder der Suschitzky.

Gesperrt! rief pltzlich der Redakteur, und die Suschitzky stie im
gleichen Moment ein Wehgeschrei aus:

Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.

Gesperrt? Wer sagt Ihnen das? schrie der Kellner triumphierend und
setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. Den fr
Sonntag und den fr Montag! Ich bin aus!

Mensch! Glckspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig
Kronen! schrie Hbel Demba in die Ohren.

Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.

Bitte. Ich zahl' alles aus, sagte er mit belegter Stimme und griff in
die Tasche.

Ich bekomm' sechzig Kronen, rief der Feldwebel.

Ich fnfundvierzig! schrie der Huseragent.

Ich auch fnfundvierzig. Ich wollt', ich htt' sie schon, sagte der
Reisende.

Ich zahl' alles aus, rief Dr. Rbsam und fuhr sich mit der Hand ber
den kahlen Schdel. Aber die Bank wird dann ein anderer bernehmen
mssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.

Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.

Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld.
Auer, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.

Ein Hohngelchter war die Antwort auf diese Zumutung.

Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr, sagte Dr. Rbsam, der jetzt
unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. Meine Uhr ist unter
Brdern--

Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf
den er sie gelegt hatte.

Wo ist meine Uhr? fragte er, fuhr sich nervs in alle Taschen und
rckte den Sessel zur Seite.

Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne, sagte er dann, indem er
gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. Mit meiner Uhr, bitte,
keine Scherze.

Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern.

Also, da hrt sich jeder Spa auf, rief er, als er keine Antwort
bekam. Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder
haben.

Ich hab' sie nicht, versicherte der Postbeamte.

Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze, erklrte der
Redakteur.

Ich habe nicht einmal gewut, da Sie eine Uhr haben, rief der
Feldwebel.

Wo ist sie zuletzt gelegen? fragte Semmelbrsel.

Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,
riet der Huseragent.

Dr. Rbsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle
seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zndhlzchen unter den Tisch,
fand auch da nichts und gab das Suchen auf.

Es ist ein Skandal! rief die Suschitzky.

Dr. Rbsam stellte sich jetzt in die Tre und erklrte:

Kein Mensch geht zur Tr hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist.
Das mcht' ich doch sehen, ob es mglich ist, da einem am hellichten
Tag--

Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden! rief der Redakteur. Das
haben Sie doch gesehen, Doktor?

Gar nichts hab' ich gesehen! rief Dr. Rbsam wtend. Jetzt geht mir
keiner hinaus!

Ich mu doch um acht in meiner Redaktion sein.

Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine
Uhr wieder hab'.

Wollen Sie sagen, da ich sie Ihnen gestohlen hab'? protestierte der
Sparkassenbeamte.

Meine Herren! Einen Vorschlag! rief Hbel. Es liegt ja allen daran,
festzustellen, da unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, da wir uns
einer nach dem anderen von Dr. Rbsam untersuchen lassen. Ich bitte,
schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, das soll fr
niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.

Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rbsam untersuchte
ihn. Nicht allzu sorgfltig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die
Suschitzky war einmal whrend des Spieles lngere Zeit hinter ihm
gestanden.

All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht
gehrt. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt
eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu,
zweihundertsiebzig Kronen, und die gehrten ihm. Wie eine Katze strich
Demba um den Tisch herum. Wie mute er es anstellen, da das Geld in
seine Hnde und in seine Tasche kam! Den gnstigen Augenblick abpassen
und blitzschnell danach langen -- es sah so leicht aus und dennoch!
Demba wagte es nicht.

Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner
Taschen frderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader
Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitten und eine Broschre: Die
Kunst zu plaudern und ein Gesprch anzuknpfen zutage. Dann kam
Semmelbrsel, der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend
Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer
ltlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht.
Und jetzt wandte sich Dr. Rbsam an Stanislaus Demba.

Darf ich bitten? fragte er hflich.

Demba fuhr zusammen. Was wollen Sie?

Nur eine Formalitt natrlich, sagte Dr. Rbsam. Ich bin
selbstverstndlich vollkommen berzeugt -- aber--

Was wollen Sie denn? fragte Demba, rgerlich ber die Strung. Ihm war
gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu
bringen, eingefallen. Er wollte Hbel bitten, das Geld vorlufig zu sich
zu stecken, und das Weitere wrde sich dann leicht finden.

Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen, sagte Dr. Rbsam.
Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie -- aber--

Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben.

Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel--?

Ja. Ich bitte, ihn abzulegen. Dr. Rbsam wurde ungeduldig.

Ausgeschlossen, sagte Demba.

Was soll das heien? fragte Dr. Rbsam. Sie wollen nicht?

Unsinn, sagte Demba. Lassen Sie mich in Ruhe.

Sehr verdchtig! schrie der Postbeamte.

Aha! lie sich Frau Suschitzky vernehmen.

Wirklich, sehr merkwrdig, stellte der Reisende fest.

So also ist die Sache, sagte Dr. Rbsam.

Demba! rief Hbel. Du hast die Uhr?

Welche Uhr? fragte Demba verwirrt.

Die Uhr des Herrn Doktor.

Sie meinen doch nicht, da ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe? rief
Demba entsetzt.

Nicht? fragte Dr. Rbsam erstaunt und in nicht sehr berzeugtem Ton.
Ein Scherz vielleicht, dachte ich--

Aber das ist ja Unsinn! beteuerte Demba.

Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.

Nein, stie Demba hervor.

Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalitt. Alle Herren werden
sich--

Nein! brllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an.

So, sagte da Dr. Rbsam. Sie wollen nicht. Dann wei ich, was ich zu
tun habe.

Er drehte Demba den Rcken und nherte sich dem Tisch.

Ich werde mich nicht streiten, sagte er ganz ruhig. Wozu?

Und mit einem pltzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem
Tisch lag, versichert.

Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rbsams Hnden sah. Die
Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal ber ihn. Nein. Es durfte nicht
sein! Es konnte nicht sein, da der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt
-- sich auf ihn strzen, die Hnde frei bekommen, ihm das Geld
entreien! Die Ketten muten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht
unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen
Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten, die Muskeln dehnten sich,
die Adern schwollen, in hchster Not wurden seine Hnde zu zwei
Giganten, die sich emprten, die Kette knirschte--

Das Eisen hielt.

Ich mu doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann, sagte
Dr. Rbsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine
Tasche. Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.




16


Und nun stand Demba auf der Strae, genarrt, gestrandet, um das Geld
geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen.

Es regnete. Er versprte brennenden Durst und die Hnde schmerzten ihn,
die Knchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so mde, da er
keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den
Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu
schlafen.

Er hatte sich seinen gefesselten Hnden zum Trotz um des Geldes willen
in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn
ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nuschale
hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba mde, gab den
Kampf auf und wollte schlafen.

Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst
du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren, hatte er am Morgen
gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte
keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen.

Sie mag fahren, sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die
Achseln. Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie
verpflichtet, auf mich zu warten. Lnger nicht. _Fair play._ Ich habe
getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe
Organisation tckischer Zuflle stand gegen mich, ein Trust bsartiger
Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte
mein Wort. _Fair play._

Ein Gefhl der Genugtuung berkam Demba bei dem Worte '_fair play_' und
er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der
eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von
betrchtlicher Hhe zu begleichen.

An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glcklicherweise
desinteressiert, sagte Demba leise und beflgelte seine Schritte.
Vllig desinteressiert. Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es
nochmals. Ich erklre hiemit mein Desinteressement, sagte er und bekam
den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame
Erklrung von groer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch
eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, da er
an dem weiteren Verlauf der Dinge vllig desinteressiert sei.

Jawohl. Vllig desinteressiert, wiederholte er nochmals, denn er
konnte sich von diesem Worte nicht losreien, das die merkwrdige
Fhigkeit zu besitzen schien, alles in einem trstenden und beruhigenden
Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine
Spur von Ha, Zorn und Schmerz daran zu denken, da Sonja Hartmann
morgen mit einem Anderen fortfahren und da er selbst allein
zurckbleiben werde.

Ich habe mein Wort nicht einlsen knnen, und nun heit es eben die
Konsequenzen ziehen, versicherte er sich selbst. Er blieb an einer
Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mute sich unbedingt
dabei beobachten, wie er khl, unbewegt und zu Allem entschlossen die
Konsequenzen zog.

Das lt sich nicht mehr ndern. Es war so ausgemacht, sagte er und
suchte sich selbst die berzeugung von der zwingenden Natur der Umstnde
beizubringen. Und der Dienstmann an der Straenecke, der
Geschftsdiener, der eben den Rolladen herunterlie und das
Dienstmdchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle
blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf,
achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straen eilte.

Und jetzt nach Hause! sagte Demba und blieb stehen. Wohin geh ich
denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein.
Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald
kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.

Er bog in die Liechtensteinstrae ein, denn er sah wirklich nicht ein,
warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem
krzesten Weg nach Hause zu gehen. Da dieser Herr Weiner gerade in der
Liechtensteinstrae wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg
zu machen. Jede Minute war kostbar.

Der Regen war strker geworden. Demba hllte sich fest in seinen Mantel.
Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den
Regenlachen.

Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,
erzhlte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pftze. Es ist Zeit,
da ich meine Engagements lse. Und auch diese Redewendung tat ihm auf
seltsame Weise wohl. Sie klang so geschftsmig khl, so kaufmnnisch
berechnend und log die Gefhle weg, die schlecht verborgen hinter all
den tnenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.

Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und
stellte fest, da das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon
erleuchtet war.

Nun ja, sagte er und ging nicht weiter. Er ist zu Hause, und sie ist
bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit
zu verlieren. Es kmmert mich nicht; ich bin anderweitig prokkupiert.

Er seufzte und fhlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines
hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren
Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er berwand dieses
Gefhl und flchtete sich in den Schutz der schn klingenden Worte, die
seinen Schmerz betuben sollten.

Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet, murmelte er. Wir
werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.

Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen.

Nun ja, sagte er. Weiner wohnt recht hbsch. Morgensonne, Ausblick
auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was ber den Fall zu sagen
wre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also -- Allons!

Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf.

brigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb acht. Steffi kann noch
nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bichen
stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant, wiederholte er nochmals mit
Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines
khlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Auenstehenden zu
betrachten vermochte. Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafr
interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf
die Bhne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag
amsant sein oder auch langweilig, -- keinesfalls ist es sehr wichtig.
Man knnte beinahe--

Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann
dann wild und ungestm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es
und ein wrgender Schreck nahm ihm den Atem.

Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen.

In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.

Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!

Der mhselig errichtete Bau khlen Gleichmutes brach in Scherben
zusammen.

Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners.
Sie war es, die das Licht ausgelscht hatte, und jetzt gehrte sie ihm.
Eine Stunde begann jetzt fr die beiden oben, von der die Welt nichts
wissen sollte. Stummes Einverstndnis, Gewhrung und Erfllung, das war
es, was das Erlschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten
klglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich
wider Schmerz und Zorn gerstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie
welkes Laub. Verzweifelt, tief unglcklich, zitternd vor Leid und Ha,
von Neid geschttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Strae.

Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen
liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, da sie sich vor Demba
und der ganzen Welt verbergen knnten.

Er mute hinauf. Er wute nicht, was er oben tun und was er sagen wrde.
Die Tre aufreien wollte er und pltzlich wie ein Vorwurf, wie eine
Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen.

Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fusten und dennoch: das
Herz voll Angst -- so ging er auf das Haustor los.

Aber da trat pltzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Strae.
Es war Georg Weiner, und er war allein.

Er trat an den Rand des Trottoirs, sphte nach rechts und nach links,
die Strae hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei.

Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in hchster Verwunderung an.
Dann atmete er sehr erleichtert auf.

Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei
ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht gekt im
Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem
Zimmer ausgelscht.

Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen!
Daran war nichts gelegen. Aber da Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba
in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen
war, das machte Demba glcklich. Da das pltzliche Erlschen des Lichts
nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als da Georg Weiner seine
Wohnung verlie, das machte Demba dankbar und zufrieden.

Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich
hinter das Rstzeug der schnen Redensarten zu flchten. Aber die
glatten Worte hatten ihre trstende und tuschende Kraft verloren.

Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal
mute er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr
gegenbersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hren und stummen
Abschied von ihr nehmen.

Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es
eilig zu haben.

--Wahrscheinlich fhrt er zu ihr, -- dachte Demba. -- Und jetzt wird er
mir sagen mssen, wo sie zu finden ist.--

Guten Abend, Herr Kollege! sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor.

Georg Weiner wandte sich um.

Guten Abend, Demba! sagte er khl.

Wohin? fragte Demba mit klopfendem Herzen.

In den Residenzkeller! sagte Weiner.

In den Residenzkeller? Man it gut dort, nicht wahr?

Passabel.

Vorzglich it man im Residenzkeller! sagte Demba eifrig. Es ist
mglich, da ich auch hin komme.




17


Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Tre ffnete. Er
hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mute, um in das
Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle
angestoen. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen
Tre, halb verdeckt durch einen mit Hten und berrcken beladenen
Kleiderstnder, stehen.

Das kleine Zimmer war berheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah
Demba sofort, da Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen
saen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast
immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen Mdchen waren
Schauspielschlerinnen. Der Tr gegenber sa Dr. Fuhrmann, ein
vierschrtiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge
und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes,
durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war
versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der
andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenber, sa, in eine Wolke von
Zigarettenrauch gehllt und sein ewiges, nichtssagendes Lcheln auf den
Lippen, zu Dembas groem rger Emil Horvath.

Demba wurde wtend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei
Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins
Zimmer, grte nicht, hrte nachsichtig lchelnd zu, wie Demba den Buben
die unregelmigen Verba erklrte und ging dann mit berlegenem Lcheln
wieder hinaus. Unverschmt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba
zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps,
fragte, ob die Ella zu Hause sei -- die Ella! Einfach die Ella
nannte er Frulein Becker. Aber dem Hauslehrer -- dem wird Herr Horvath
doch nicht die Hand geben! Der gehrt zum Dienstpersonal, siebzig Kronen
monatlich und die Jause, der ist Luft fr Herrn Horvath. Was ist der
Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der
lindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium,
keine Staatsprfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher
denn. Unter seiner Wrde! Demba sprte, wie ihm vor rger das Blut zu
Kopf stieg.

Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswrdig, freundlich, zuvorkommend
sein, sich nichts anmerken lassen von seinem rger. Was ging ihn Horvath
an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich
zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als se er alle Tage mit ihnen.
Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzhlen,
amsant sein, den jungen Mdchen geistvolle Liebenswrdigkeiten sagen;
und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in
angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.

Er ffnete vollends die Tre, trat hinter dem Kleiderstnder hervor und
verbeugte sich nach allen Seiten.

Guten Abend die Herren! Kss' die Hand den Damen! Er nherte sich dem
Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und
unwiderstehlichen Charmeurs. Wnsch' guten Abend den Herrschaften, ich
habe die Ehre.

Die drei Herren unterbrachen ihr Gesprch und sahen verwundert Demba an,
der in kotbespritzten Hosen und durchnter Pelerine von Regenwasser
triefend im Zimmer stand. Er strte. Man war nicht mehr unter sich. Die
beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit
neugierigen Augen.

Guten Abend! sagte Horvath endlich. Wie kommen Sie her?

Ein wenig ausgegangen, ein bichen Zerstreuung gesucht, sagte Demba
leichthin. Ein bichen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es
erlaubt, Platz zu nehmen oder stre ich vielleicht?

Bitte, sagte Georg Weiner sehr khl und Demba lie sich, nachdem er
eine Weile unschlssig umhergeblickt hatte, schchtern und ungeschickt
am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, rusperte sich und drehte
sich dann mit seinem Sessel geruschvoll nach Georg Weiner hin.

Sag' mir, wer ist der Mensch da? fragte er ungeniert.

Einer von Sonjas unmglichen Bekannten, gab Weiner leise zurck.

Genau so sieht er aus, sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas
leer.

Demba hatte die beiden flstern gehrt und wurde blutrot. Er wute ganz
genau, wovon jetzt die Rede gewesen war. Da er Sonja nachlaufe und da
sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natrlich
anvertraut und darber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese
Meinung, da er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls
aufkommen lassen. Dieser lgenhaften Behauptung mute sofort auf das
Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? Lcherlich! Davon
kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner!
Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin brigens erfreut, Sie hier zu
treffen, lieber Horvath--

Demba erhob sich.

Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem
Gasthaus gehrt, es soll ja eine ausgezeichnete Kche fhren, sagte er
zu Georg Weiner gewendet in jenen wohltnenden Redewendungen, deren er
sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Zglinge sprach.
Bin nmlich gezwungen, hufig auer Haus zu speisen. Jawohl, beruflich
gezwungen, erklrte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit
Horvath an, als befrchtete er von dieser Seite Widerspruch. Kche und
Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Geniet in der Tat
ein vorzgliches Renommee, versicherte er dem Dr. Fuhrmann.

Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schttelte
den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und
Horvath wuten nicht, was sie auf diesen Ergu erwidern sollten und
lchelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller
hinein.

Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu
berzeugen, da er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten
Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen
klarzumachen und redete eigensinnig weiter.

Die vorzgliche Qualitt der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit
Wochen berall das Tagesgesprch. Von allen Seiten hrt man nur Lob
ber--

Er brach jh ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte
hin.

Speisen gefllig?

Spter! Spter! stotterte Demba in hchster Verlegenheit und warf
einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. Kommen Sie spter. Ich
pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.

Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich ber die Dringlichkeit
der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter
vlliger Ausschaltung der Hnde direkt vom Teller in den Mund befrdern
sollte.

Zu trinken gefllig? Bier oder Wein? fragte der Kellner.

Trinken! Ja, bei Gott, trinken mute er endlich. Die Zunge klebte ihm am
Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen
Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja
nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den
er einmal in einem Variet gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas
mit den Zhnen erfat und in die Hhe gehoben, und es geleert, ohne
einen Tropfen zu vergieen. Er sah ihn ganz deutlich vor Augen, er
erinnerte sich sogar an den Applaus. Hndeklatschen in allen Rngen,
bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht
einen Scherz vorgeben, eine Wette -- erlauben Sie, da ich ihnen ein
kleines Kunststck vorfhre, meine Herrschaften, -- ein Kunststck mit
einem vollen Bierglas -- sehen Sie: so. -- Bravo, bravo, bravo! Alles
applaudiert.

Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unertrglich.
Hilfesuchend blickte er umher. Dort fhrte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas
zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein
alter Couleur. Und er, Demba, mute dasitzen und zusehen mit
ausgetrockneter Kehle.

Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.

Warum war ihm das nicht schon frher eingefallen! Ein so einfacher
Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst qulen lassen!

Kellner! rief Demba. Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem
Strohhalm darin.

Wie, bitte?

Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin! rief Demba und wurde ganz
erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. Gehen Sie
und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor
jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt htte!

Kopfschttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der
resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen
seiner Mitmenschen gewhnt ist und den nichts mehr wundert.

Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an
dem Strohhalm zu saugen. Es ging! Das Bier stieg in die Hhe und
feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zgen, setzte
ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst,
als wre er der Knockabout im Variet und das Publikum zugleich.

Bringen Sie mir gleich noch ein Bier! befahl er dem Kellner ganz
heiser vor Durst und vor Erregung.

Drben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken
aufmerksam geworden. Die beiden Mdchen flsterten miteinander,
kicherten, stieen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den
seltsamen Zecher.

Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba spttisch lchelnd
an und fragte:

Demba! Was treiben Sie da?

Sehr originell! Sehr originell! sagte Dr. Fuhrmann ironisch.

Demba lie den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, fr
seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum,
den er nicht wegwischen konnte.

Ich bitte, sagte er in sehr bestimmtem Ton. Das ist durchaus nicht
originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann mu ich wohl
annehmen, da keiner der Herren jemals in Paris war. Er verzog
hochmtig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu
tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.

Oho! protestierte Horvath. Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber
das habe ich noch niemals gesehen, da man Bier durch einen Strohhalm
trinkt.

Demba fand es fr geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches
schleunigst zu wechseln.

In Petersburg! rief er heftig. Da kmen Sie schn an, wenn Sie dort
versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verstt
geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!

Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es
konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von
den Mdchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie
eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des
Strohhalms ein Stck weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher
auerhalb des Bereiches einer Kontrolle lag.

Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad, erklrte er. In Bagdad und
Damaskus knnen Sie an jeder Straenecke und vor den Moscheen Araber
dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.

Er war in diesem Augenblick vllig durchdrungen von der Wahrheit seiner
Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit
jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu uern wagen sollte. In
seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Trken, der den Turban auf dem
Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks
beschaulich einen Strohhalm schmauchte.

Also die Araber trinken Bier? Sehr gut! sagte Horvath lachend.
Ethnographie: Nicht gengend.

Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs uerste
in Harnisch. Er blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig
an und sagte giftig:

berhaupt. Man grt, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden?
Merken Sie sich das.

He? Wie meinen Sie? fragte Horvath erstaunt.

Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch
den Vorsatz gefat gehabt, bescheiden, hflich und liebenswrdig zu
sein, um die Sympathien aller Anwesenden fr sich zu gewinnen. Und jetzt
hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, wrde sie
ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrngt und aus jedem
Gesprche ausgeschaltet vorfinden. Nein. Er mute seine Unberlegtheit
wieder gut machen, mute aufstehen, sich entschuldigen.

Er stand auf.

Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich mu Sie um Entschuldigung
bitten. Meine Bemerkung hat nmlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner
war sie gerichtet.

Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths
suffisantes Lcheln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unertrglich.
Die Gasflammen summten auf qulende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum
Husten. Demba drehte sich in nervser Hast um und suchte den Kellner;
aber der war nicht mehr im Zimmer.

Es ist unglaublich, was fr Manieren dieser Kellner hat! ereiferte
sich Demba. Es wundert mich, da Sie sich das gefallen lassen! Er grt
niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er berhaupt, eben war er ja
noch da.

Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu
wirken. Das Blut pochte ihm in den Schlfen und er versprte einen
leichten Schwindel, Ohrensausen und belkeit im Magen. Er mute sich
setzen.

Horvath schwieg noch immer und lchelte, Demba sprach in seiner
Verwirrung unaufhaltsam weiter.

Ich hoffe, Sie haben die Rge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein
Miverstndnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern--

Schon gut, sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort.

Der spinnt, sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem
Zeigefinger auf die Stirn.

Er ist betrunken, erklrte Georg Weiner.

Wollen wir nicht gehen? fragte das eine der beiden Mdchen ngstlich.

Wir mssen auf Sonja warten, meinte Weiner.

Wo bleibt denn Sonja heute so lange? fragte Horvath.

Sie mu jeden Augenblick kommen, sagte Weiner.

Demba horchte auf. Natrlich! Das war wieder auf ihn gemnzt. Mu jeden
Augenblick kommen, hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich
bitte, was kmmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen
hier? Sehr gut! Mu jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige
Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr
Weiner. Sie befinden sich in einem groen Irrtum. Ganz andere Grnde
fhren mich hierher. Triftige Grnde. Eine ganze Reihe triftiger Grnde.
Mu den Herren doch sagen, was fr wichtige Grnde--

Demba rusperte sich.

Ein Zufall eigentlich, da mich die Herren hier treffen, sagte er.
Komme sonst selten hierher. Mu Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso
ich heute hier bin.

Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus
dem Mund und sah Demba an. Horvath lchelte.

Nun, die Sache erklrt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte
besondere Grnde, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Grnde. Eine
ganze Reihe sehr wichtiger Grnde.

So, sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.

Grnde verschiedener Art, sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen,
und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Grnde verschiedener Art
wollte ihm in seiner Bedrngnis einfallen.

Die Sache ist die, da ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht
kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen
seiner auergewhnlich gnstigen Lage. Fr alle Beteiligten leicht zu
erreichen. -- Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas
eingefallen.

Ich erwarte nmlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten
Angelegenheit, flsterte er geheimnisvoll. Eine Ehrenaffre, Sie
werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht
ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den
Einundzwanziger-Jgern.

Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Tre.

Kellner! schrie er. Haben nicht zwei Herren nach mir gefragt? Nach
Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit
grnen Aufschlgen.

Der Kellner wute von nichts.

Noch nicht? fragte Demba und war wirklich erstaunt, enttuscht und
verdrielich, weil die Herren noch nicht da waren. Das wundert mich.
Offiziere pflegen in solchen Dingen pnktlich zu sein.

Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tr und stampfte mit dem
Fu auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschlo
sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen.

Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?
fragte er.

Lassen Sie mich in Ruhe! sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner
Zeitung weiter.

Wie meinen Sie? fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich pltzlich und
hchst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaffre sah, war er
nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu
lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur
Rede:

Ich bin gentigt, Sie um sofortige Aufklrung zu ersuchen.

Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus! brllte ihn
Dr. Fuhrmann an. Sie sind ja betrunken! Den Trottel mcht' ich sehen,
der sich durch Sie vertreten lt.

Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurck. Betubt, mde und mit
schwerem Kopf brtete er vor sich hin.

Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn fr betrunken. Hatte es ihm gerade
heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an
und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der
Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Mte erst bewiesen werden,
verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in
dieser Sache gtigst gestattet ist -- bin bei Gott noch niemals so
nchtern gewesen, wie jetzt. Wei alles, was vorgeht, seh' alles ganz
genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat
sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht
mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners berzieher, aus
der Tasche schaut die Zeitung heraus, -- zweimal gefaltet -- sehe alles.
Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath -- pat
sich nicht in Damengesellschaft -- sehe alles. Mte doch erst wohl
bewiesen werden. Mu die Herren doch drber aufklren. Betrunken! Werde
einmal rckhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr!
Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da mu ich denn doch--

Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf
die rechte Tischecke, setzte sorgfltig Schritt auf Schritt und landete
wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.

Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektre stre, begann er
und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. Steht ohnedies nichts in der
Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militrischer
Zapfenstreich. Ein seltenes Jubilum. Ein Selbstmord in der
Babenbergerstrae. -- Wei alles. Mu gar nicht hineinsehen. Steht aber
doch nicht alles in der Zeitung. -- Demba lachte gut gelaunt in sich
hinein. Der Gedanke, da nicht immer alles in der Zeitung stand, machte
ihm groen Spa.

Was wollen Sie schon wieder? fragte Dr. Fuhrmann.

Mchte Ihnen nur sagen--, erklrte Demba. Er rusperte sich und
begann von neuem: Ich lege Wert auf die Feststellung--. -- Die
belkeit im Magen machte sich wieder fhlbar. Er versprte ein Sausen in
den Ohren, einen Druck in den Schlfen und die Gasrohre schwankten auf
bengstigende Art ber seinem Kopf. Er fand, da er nicht sicher genug
stand und lehnte sich krftig mit dem Rcken an einen Sessel. So. Jetzt
war ihm besser.

Mchte nur feststellen--, begann Demba nochmals, aber da gab der
Sessel nach und strzte um. Das Handtschchen der Schauspielerin fiel zu
Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmnzen, ein Notizbuch, eine Spule
Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei
Bleistifte und ein kleiner Teddybr verliefen sich ber den Fuboden.

Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rckhalt
an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er
beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fnfkronenstck war
hinter den Kleiderstnder gerollt.

Sie Tlpel! schrie Weiner. Sie werden noch das ganze Zimmer
demolieren.

Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen
gesagt! rief Dr. Fuhrmann.

Der Spiegel ist zerbrochen! klagte die Schauspielerin.

Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem
Fuboden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit
nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte
unaufhrlich ntzliche Winke bei.

Das Fnfkronenstck ist hinter den Kleiderstnder gerollt, sagte er.
Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner! --
Betrunken? Lcherlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen.

Horvath richtete sich auf und sah Demba verblfft an.

Also das ist doch die hhere Frechheit, schrie er wtend. Schmeit
alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich
plage.

Er trat hart an Demba heran.

Vielleicht haben Sie die Gte, die Sachen aufzuheben, die Sie
hinuntergeworfen haben. Aber rasch!

Demba bckte sich nach dem Teddybren, berlegte sich die Sache jedoch
und richtete sich wieder auf.

Also wird's oder wird's nicht? rief Horvath.

Demba schttelte den Kopf. Nein, sagte er. Lieber nicht. Er fand es
hchst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen.

Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.

Das ist doch -- das geht denn doch ber die Hutschnur. Emil, worauf
wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Schdel.

Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an.

Weiner lchelte amsiert.

Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, sagte Horvath. Provozieren
lassen wir uns nicht. Ich zhle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die
Sachen nicht alle aufgehoben haben, so--! Das Weitere werden Sie
sehen.

Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf, bat das junge
Mdchen, dem die Sachen gehrten, ngstlich.

Eins, sagte Horvath.

Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts
an seinen Tisch zurck.

Zwei, zhlte Horvath.

Was wollen Sie denn von mir! rief Demba. Lassen Sie mich doch in
Ruhe.

Drei! rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem
Weinglas und schttete den Inhalt Demba ins Gesicht. So. Da haben Sie.

Die Mdchen schrieen auf.

Demba fuhr in die Hhe. Er war totenbla, der Wein strmte ber sein
Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah klglich aus und lcherlich
und furchtbar zugleich.

Der kalte Gu hatte ihn mit einem Male nchtern gemacht. Er sah alles
ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan,
was hatte er geschwtzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen
dort den Narren abgeben knnen und den Hanswurst den ganzen Abend
hindurch! Sie hatten ihn verhhnt, gereizt, wie einen Hund behandelt,
und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu knnen, und jetzt stand er
da, allen zum Gelchter.

Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Enttuschung, die er
den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewrgt hatte, -- das alles kam
jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel.

Sie lachten! Sie lachten ber ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie
seine Fuste spren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann
der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath.

Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue
und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit bloen Hnden zu
erwrgen.

Aber pltzlich blieb er stehen und bi sthnend die Zhne zusammen.
Seine Hnde waren gefesselt! Seine Hnde waren wertlos. Seine Hnde
muten versteckt und verborgen bleiben.

Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.

Gott gab sie ihm.

Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier,
knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnmchtig, allen zum
Gesptt. Sie lachten ber ihn, lachten aus vollem Hals, schttelten sich
vor Lachen ber seinen hilflosen Zorn.

Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spa zurckzustehen, sein Weinglas in
die Hand genommen und rief:

Noch ein Glas gefllig? Zur Abkhlung!

Da erklang pltzlich von der Tre her Sonjas helle Stimme:

Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in
der Hand!




18


Im nchsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte
einen Revolver. In jher Hast stoben alle auseinander und so gro war
der Schreck, so gro die Verwirrung, da keiner zur Tr hinausfand.
Weiner lie das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergo
sich auf den Fuboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an,
stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb
er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf.
Die beiden Mdchen hatten sich in die Fensternische geflchtet und
starrten, eng aneinander gepret, voll Entsetzen hinter den Falten des
Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand,
stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen.

Stanie! Was willst du tun? rief Sonja angstvoll. Sie zitterte fr das
Leben Weiners.

Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch
furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von
Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum
schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich ber ihn
lustig machen? War das alles verabredet? Gehrte es zu den Scherzen, die
man eben noch mit ihm getrieben hatte?

Er stand, regte sich nicht und wartete.

Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg! bat Sonja mit
verstrtem Gesicht.

Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, da er einen
Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mute es erproben.

Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er
stellte sich, als she er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und
unbefangen, trank gemchlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut.

Also, gehen wir, meine Herren! schlug er in gleichgltig klingendem
Ton vor. Auf was warten wir noch? Zahlen knnen wir auch drauen. --
Er wollte zur Tr.

Zurck! rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem
Zgern. Denn natrlich, jetzt wird der Spa ein Ende haben, jetzt werden
sie alle anfangen zu lachen und zu brllen, so wie vorhin. Demba reute
es, da er zurck gerufen hatte und er htte sich ohrfeigen mgen.

Aber nein! Keiner lacht. Und -- wie sonderbar -- der Mensch dort
gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurck, Schritt um Schritt, wie ein
Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der
Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechslufigen Revolver.

Nein, sie spielen alle nur Komdie. Gut ausgedacht, schlau eingefdelt,
damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen knnen. Oder
nicht? Die Mdchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen,
das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die
Hnde zittern ihm.--

Die erstaunliche Tatsache, da Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte
Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Ha. Er verbi und
verstrickte sich in den Gedanken, da er eine Waffe schubereit in
Hnden hielt, und erprobte, zgernd vorerst und ngstlich, die Gewalt,
die ihm ber die anderen gegeben war.

Er wandte sich Horvath zu und stie mit dem Fu an den Schildpattkamm
und den zerbrochenen Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und sein
Mifallen erregten.

Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll jetzt ich bis drei zhlen?

Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit herbei und beeilten sich,
die Gegenstnde, die auf dem Fuboden verstreut waren, aufzulesen. Auch
Dr. Fuhrmann hielt es fr geraten, mitzuhelfen. Demba war betrunken und
hatte einen Revolver. Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als
alles tun, was er verlangte, und wre es das Tollste. Und abzuwarten, ob
sich Gelegenheit bot, ihn unschdlich zu machen.

Demba freute sich ber diesen Eifer. Jetzt hatte er Genugtuung, volle
Genugtuung fr die schmhliche Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden
war. Wie sie sich vor ihm bckten und duckten und zu verstecken suchten!
Das Bewutsein seiner Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung in
seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen wollte er das Leben schenken. Er
begnadigte sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen hatte, der sollte
seiner Waffe nicht entgehen, dem sollte alles Bcken und Ducken nicht
helfen, der kam jetzt an die Reihe.

Weiner! rief Demba mit einer Stimme, die nichts Gutes verhie.

Weiner tat, als hrte er nicht, und fuhr fort, auf dem Erdboden nach
Kupferkreuzern und Bleistiften zu suchen.

Weiner! brllte Demba und bekam einen Wutanfall, als er sah, da
Weiner nicht hren wollte.

Bestrzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba mit stumpfen Augen an. Er sah
voll Entsetzen, wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte,
blutgierig und bereit, sein tdliches Werk zu verrichten. Er stand und
wartete, wie der Verurteilte den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle
holt.

Sonja machte einen ngstlichen Versuch, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen.

Kellner! schrie sie pltzlich laut. Kellner!

Aber schon stand Demba vor ihr.

Still! befahl er. Keinen Laut mehr, oder--

Sonja verstummte. Demba drehte sich um und ging auf Weiner los.

Was wollen Sie von mir? rief Weiner gengstigt und machte einen
Schritt zurck. Lassen Sie mich hinaus.

Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will, sagte Demba.

Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja kaum! zeterte Weiner.

Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja? brach Demba los. Sein Gesicht
war verzerrt, Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn in Aufruhr
gebracht.

Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will ich wissen!

Und Weiner, der die Mndung des Revolvers gegen seinen Leib gerichtet
fhlte, -- nur eines Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel
bohrte sich in seine Brust, -- Weiner, der sah, da in diesem Augenblick
sein Leben vllig in die Hand eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um
sich zu retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und gab sie, ohne
zu zaudern, Dembas rasender Rachgier preis.

Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja! rief er. Nur du bist an allem
schuld. Hundertmal hab' ich dir gesagt--

Er unterbrach sich und wandte sich an Demba.

Hren Sie mich an, ich schwre Ihnen, ich wute bis gestern nachts gar
nicht, wie Sie mit ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon
gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr oder nicht, Sonja?

Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der frchtete, da Demba seinen
Beteuerungen keinen Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter.

Ich hab' mich nie um sie gekmmert. Aber sie hat mich zehnmal im Tag
angerufen. Sie hat mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen zwlf
Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.

Sonja wurde rot, prete die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Weiner
sah mit angstvoll irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber Dembas
Gesicht hatte einen unerbittlichen und grausamen Ausdruck bekommen. Ekel
und Verachtung waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen, den
Feigling niederzuschieen um dessentwillen, was er da sprach.

Ist es etwa nicht wahr? rief Weiner, der die Nhe der Gefahr fhlte.
Hast du mich nicht Tag fr Tag geqult, da ich zu dir kommen soll,
vierhndig spielen? Bist du nicht auf die Universitt gekommen, wenn ich
in der Vorlesung war? Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.

Genug! rief Demba. Er fhlte pltzlich Mitleid mit Sonja, die stumm
dastand und Weiners Vorwrfe ber sich ergehen lie.

Aber Weiner war nicht zu halten.

Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht nachgegangen auf Schritt und
Tritt--

Ja, es ist wahr, sagte Sonja. Und jetzt sind wir fertig miteinander.

Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig, schrie Weiner erbost,
und seine Stimme berschlug sich. Und jetzt--

Und jetzt -- da hast du dein Geld zurck. Sonja ri ihr grnes
Krokodilledertschchen auf und schleuderte ein schmales, rtlichgelbes
Heftchen in Weiners Gesicht.

Da hast du es zurck! rief sie. Du Feigling! Du Feigling! Pfui, du
Feigling.

Das Rundreiseheft fr die Fahrt nach Venedig fiel zu Boden. Und in
diesem Augenblick war es Demba, als ob sich etwas Schweres, Drckendes
von seinem Herzen lste.

Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen gehetzt und getrieben,
dieses Heft in seine Hnde zu bekommen, um es in Stcke zu zerreien und
fortschleudern zu knnen. Einen ganzen Tag hatte ihn die Furcht
gefoltert, da er zu spt kommen, da dieses Heft ihm Sonja entfhren
werde. Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser Jagd hinter dem
Gelde hergewesen, das ihm helfen sollte, dieses Heft zu erobern und zu
vernichten. Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tcke, vor ihm
versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und jetzt, am Abend, da er sich
mutlos und mit leeren Hnden, ein Geschlagener und Besiegter,
hierhergeschlichen hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehat und
gefrchtet hatte, am Boden, wertloses Papier, das er mit dem Fue
beiseite stoen konnte. Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte
erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch gewnscht hatte, ohne
Mhe, ohne Kampf hatte er es erreicht, nur weil er seine Hnde unter dem
Mantel versteckt hatte.

Und jetzt, um seinen Sieg zu einem vlligen zu machen, trat Sonja zu
ihm. Denn, zwiespltig in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurckgezogen,
weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen, sondern um
ihretwillen rasend geworden und bereit war, einen Mord zu begehen.

Komm, Stanie! Gehen wir, sagte sie leise. Ja, du hast recht gehabt:
Er ist nichts wert. Komm, la den Feigling! Geh, wisch' dich doch ab.
-- Sie nahm eine Serviette vom Tisch und wischte ihm den Wein aus dem
Gesicht.

Demba sah Sonja an und wunderte sich ber alle Maen. Was war in ihn
gefahren gewesen da er um dieses Mdchens willen wie toll durch den Tag
gerast war, da er gelogen, gestohlen und gebettelt hatte um
ihretwillen? Sie stand vor ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn
frhlich oder traurig machen konnte, sie war sein, aber er fhlte
nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe des Besitzes, nicht die
Angst, sie zu verlieren.

Er war ihrer satt.

Was wollte er noch hier? Was hatte er hier noch zu suchen? Er wandte
sich zum Gehen und konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht
gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, hliches Tier. Aber der
Ha lebte, der lie sich nicht verscharren, der war gro und mchtig und
zwang ihn, seine Rache zu vollenden.

Die Waffe, die er in seinen Hnden zu halten vermeinte, hatte ihn zu
ihrem Sklaven gemacht. Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die
Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht frei. Sollte er
gehen und denen dort ihr Leben schenken? Da sie, wenn er zur Tr hinaus
war, ihn wieder verlachten oder verhhnten wie zuvor? Nein, sie sollten
nicht lachen. Keiner durfte lebendig aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah
sich im Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei hintreten und
Schu auf Schu in totenblasse Gesichter feuern.

Er beugte sich ber den Tisch.

Es ist fnf Minuten vor halb neun. Ich gebe den Herren fnf Minuten
Zeit, sagte er, und seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer
Entschlossenheit, da ihm selbst ein Schauer vor der Furchtbarkeit des
Augenblicks ber den Rcken lief. Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem
Gutdnken.

Demba! Sind Sie denn verrckt? Was wollen Sie tun? rief Horvath.

Ich habe wirklich nicht lnger Zeit, ich bedaure, ich werde erwartet,
sagte Demba und wurde sogleich rgerlich und verstimmt, weil man seine
Zeit so ungebhrlich in Anspruch nehmen wollte. Nein. Hinaus drfen Sie
nicht. Zurck! befahl er. Oder ich schiee!

Die drei standen starr und unbeweglich. Der Trunkene machte Ernst. Es
gab keine Rettung vor dem geladenen Revolver. Sie standen und wagten
sich nicht zu rhren. Nur die Gasflammen sangen und die Uhr tickte und
ihre Zeiger krochen ohne Erbarmen dem Ziele zu.

Demba blickte von einem zum andern, prfte, auf wen er zuerst anlegen
sollte, es war Zeit, die Uhr mute gleich schlagen und er entschied sich
fr Horvath.

Horvath. Ja. Der mute der erste sein. Nie hatte er ihn leiden mgen. In
seinem Innern begann er mit Horvath noch einen letzten Zank auszutragen.
Dieser hochnasige Flegel! Ist die Elli zu Hause? Nein, die Elli ist
nicht zu Hause, aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben mich
wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt -- halb neun--

Ein Gerusch lie Demba aufhorchen.

Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer getreten.

Demba drehte sich um.

Packen Sie ihn! rief Dr. Fuhrmann und sprang ihm an die Gurgel.




19


Ich hab' ihn!

Halten Sie fest!

Die Hnde! Packen Sie seine Hnde! schrie Weiner dem Kellner zu.

Lassen Sie los! brllte Demba auf und wehrte sich wie ein Wtender
gegen die Arme, die ihn umklammert hielten.

Geben Sie acht! Er schiet!

Er hat einen Revolver!

Den Arm! Weiner, pack' den Arm!

Achtung!

Demba war es gelungen, sich loszureien. Er teilte nach allen Seiten
Ste und Futritte aus und rannte in seiner Wut wie ein Stier mit dem
Kopf gegen den Kellner.

Festhalten! Festhalten.

Ich hab' ihn!

Doktor! Packen Sie seine Beine!

Loslassen! tobte Demba und stie mit dem Fu aus.

Ich bin getroffen! heulte Weiner und fiel in einen Sessel.

Die beiden Theaterschlerinnen kreischten laut auf und hielten die Hnde
vor das Gesicht. Sonja stand schon bei Weiner.

Georg! Was ist dir geschehen? schrie sie angstvoll.

Ich bin getroffen! Hilfe! chzte Weiner.

Wo? Um Gottes willen! -- Alle Feindschaft war vergessen und Sonja
mhte sich totenbla vor Schrecken um den wimmernden Weiner.

Lassen Sie los! Ich ersticke! keuchte Demba; der Kellner prete ihm
mit beiden Hnden den Hals zusammen.

Den Revolver fort! befahl Dr. Fuhrmann.

Ich hab' ihn! Ich hab' seine Hnde! schrie Horvath triumphierend.

Lassen Sie los! Sie brechen mir den Arm! gurgelte Demba, blaurot im
Gesicht.

Ich hab' den Revolver.

Achtung! Er ist geladen.

Vorsicht! Er geht los!

Ein letzter, kurzer, verzweifelter Kampf.

Dann stie Demba einen Schrei aus. Horvath hatte ihm die Hnde im Gelenk
gedreht.

Da ist er. Und Horvath brachte triumphierend Dembas Hnde unter dem
Mantel hervor, zwei unselige, hilflose, jammervolle Hnde, mit Ketten
klglich aneinander gefesselt.

Einen Augenblick lang war alles starr.

Dann gelang es Demba, sich loszureien.

Er blickte wild um sich, sthnte leise, schpfte tief Atem und rannte
zur Tr hinaus.

Ein paar Sekunden lang hrte man ihn im Dunkeln zwischen Sthlen,
Tischen und den leeren Kleiderstndern poltern.

Dann krachte eine Tr und alles war ruhig.

Dr. Fuhrmann war der Erste, der die Sprache wiedergewann.

Was war das? fragte er, noch immer auer Atem.

Habt Ihr das gesehen--? keuchte Horvath, erschpft von der
Anstrengung des Ringkampfes.

Der mu wo aus'kommen sein, sagte kopfschttelnd der Kellner.

Wir mssen ihm nach, rief Dr. Fuhrmann.

Zur Polizei! Zur Polizei! schrie Weiner und rieb sich sein Schienbein.

Der Gedanke, da sie sich alle von einem Schatten, einer Lge, dem
Phantom einer Waffe hatten betrgen und in Furcht setzen lassen, brachte
sie in Wut. Weiner hob das Rundreiseheft vom Boden auf und wischte
sorgfltig den Staub von seinen Seiten.

Es ist am besten, wir gehen aufs nchste Kommissariat, sagte Dr.
Fuhrmann entschlossen. Wei vielleicht jemand, wo der Kerl wohnt?

Ich, sagte Sonja mit harter Stimme und sie nahm das hhnische Lcheln,
die spttischen Blicke und die Verachtung aller auf sich, um Demba zu
verraten. Ich wei, wo er wohnt.




20


Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstr
stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.

Stanie? rief sie ihm leise entgegen. Da du doch kommst! Endlich!
Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spt!

Wartest du lang?

Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die
Tr aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrckt und sie hat
mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, fr dich.

So, sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt
unten.

Gehen wir nicht hinein? bat Steffi.

Ja. Nimm den Trschlssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf.
Aber leise -- leise! Es mu niemand wissen, da ich nach Hause gekommen
bin.

Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tr und zog den Schlssel
ab.

Also da wohnst du, sagte Steffi leise. Wo ist dein Freund, nicht zu
Hause? Wart', ich werde Licht machen.

Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein.
Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anznden. Hast du
den Schlssel?

Ja. -- Ich glaube.

Du glaubst? Was soll das bedeuten?

Ich hab' den Schlssel. Gewi hab' ich den Schlssel, sagte Steffi.
Gib mir die Hnde her. Schau, da liegt der Brief.

Demba ri den Umschlag auf. Der Brief war von Hbel. Er enthielt die
Mitteilung, da Dr. Rbsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der
Suschitzky. Dr. Rbsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das
Geld zurck, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hbel, sich
erlaubt, fnfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am
nchsten Ersten.

Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm
jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam
zu spt.

Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich mu nach Hause, drngte Steffi
Prokop. Gib die Hnde her, ich will versuchen, ob der Schlssel
sperrt.

Versuchen? fragte Demba.

Natrlich, er mu sperren, das ist ja klar, sagte Steffi und holte den
Schlssel hervor. Ich brauch' mehr Licht. Sie schob die Kerze an den
Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.

So viel Geld! sagte sie und suchte das Schlsselloch. Was wirst du
machen mit dem vielen Geld?

Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spt.

Zu spt? Warum?

Es ist gleichgltig, warum, sagte Demba mde. Der Schlssel kommt
zurecht. Gebe Gott, da ich im rechten Augenblick die Hnde frei
bekomme.

Steffi blickte unruhig auf.

Im rechten Augenblick? fragte sie.

Sie sind wieder hinter mir her, sagte Demba.

Wer denn, Stanie, wer denn?

Ich glaube, sie werden gleich da sein.

Wer denn, Stanie? Die Polizei?

Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort
sind, frcht' ich die Polizei nicht. Die Hnde mu ich frei haben. Die
Handschellen mssen fort!

Ja. Die Handschellen mssen fort, stammelte Steffi. Die Handschellen
mssen fort! Die Handschellen mssen fort! Stanie, er pat nicht! Er ist
zu gro.

Wer? Der Schlssel? -- Demba fuhr erschrocken auf.

Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt. Sie lie
die Hnde in den Scho sinken und blickte hilfesuchend in Dembas
Gesicht.

Wie ist das mglich! stie Demba hervor.

Ich bin nicht schuld, schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung
bittend. Dieser dumme Mensch!

Was ist denn geschehen?

Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, whrend ich im Bureau
war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weit du, der Bub
von nebenan. Er hat gesagt, da er meinen Wachsabdruck verloren htte
und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlssel
ffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlssel zu meinem
Tagebuch gemacht!

Es ist gut, sagte Demba leise zu sich selbst.

Stanie! Was werden wir tun?

Ich wei, was ich tun werde, sagte Demba mit einem Seufzer.

Stanie! begann Steffi. Du mut mir folgen, ich mein's mit dir gut.
Schau, wr' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles,
was geschehen ist? Du bekmst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein
paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du
hinauskommst, bist du frei, hrst du, Stanie, dann bist du frei! Frei,
Stanie--

Bis auf die Handschellen, sagte Stanislaus Demba.

Bis auf die Handschellen?

Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behlt ein jeder, der aus dem
Kerker kommt. Weit du's nicht, Steffi? Strafen werden von der
Gerechtigkeit immer lebenslnglich verhngt. Wer aus dem Kerker kommt,
der mu seine Hnde verstecken, denn sie sind fr immer geschndet. Er
kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er mu mit
ngstlich versteckten Hnden durch sein Leben schleichen, so wie ich
heute zwlf Stunden lang die Hnde unter dem Mantel -- horch! Da sind
sie schon.

Es hatte gelutet.

Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.

Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie
mich hier finden!

Es lutete nochmals. Die Tr der Wohnung wurde geffnet. Mnnerschritte,
zwei harte Schlge an die Zimmertr. Im Namen des Gesetzes, ffnen
Sie!

Wenn sie mich hier finden, klagte Steffi.

Demba sthnte. Ein Windsto kam durchs Fenster und lschte die Kerze
aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trbes, kaltes
Dmmerlicht.

Heute morgen, sagte Demba, als ich in der Dachkammer am Fenster
stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war
bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewnscht,
da du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich
bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglck gerissen. Jetzt wollte
ich, du wrest weit fort von hier.

Der Druck der Arme lie nach. Steffis Bild sank, als htte sie auf
dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, lste sich
und verflog in nichts.

Das Pochen und Klopfen hatte aufgehrt. Harte Instrumente arbeiteten an
der Holzfllung der Tr.

Es gibt Menschen, sagte Demba, die macht die Freiheit nicht
glcklich, Steffi. Nur mde.

Es kam keine Antwort.

Ich hab' mir die Freiheit gewnscht. Mit jeder Fiber meines Krpers,
Steffi. Aber ich bin nur mde geworden und jetzt will ich nur noch
eines: Ausruhen.

Keine Antwort.

Wo bist du, Steffi?

Stille.

Nur das Holz der Tr knirschte und krachte.

Demba stand auf. Er stie mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens.
Er machte zwei Schritte vorwrts, stolperte ber einen zusammengerollten
Teppich, stie mit dem Kopf an die Wscheleine und fiel auf einen
Strohsack. Die staubgesttigte Luft der engen Kammer legte sich ihm
drckend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.

Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher?
Eine Turmuhr schlgt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich?
Wie lange steh' ich schon hier und hr' die Turmuhr schlagen? Zwlf
Stunden? Zwlf Sekunden?

Die Tr springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den Prinz
Eugen. -- Jetzt -- das Schieferdach glnzt so frhlich in der
Morgensonne -- zwei Schwalben schieen erschreckt aus ihren Nestern --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als die beiden Polizisten -- kurz nach neun Uhr morgens -- den Hof des
Trdlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus
Demba.

Sie beugten sich ber ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er
wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit--

Er sank sogleich zurck. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer
Wunde am Hinterkopf flo Blut.

Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten
ruhelos durch die Straen der Stadt, schweiften ber Grten und Pltze,
tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, strmten Treppen
hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken,
klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten
Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum
letztenmal von Glck und Schmerz, von Jubel und Enttuschung, wurden
sehr mde und fielen zu.

Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und
Dembas Hnde, die Hnde, die sich in Angst versteckt, in Groll emprt,
im Zorn zu Fusten geballt, in Klage aufgebumt, die in ihrem Versteck
stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal
gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, -- Stanislaus
Dembas Hnde waren endlich frei.




  Leo Perutz
  Die dritte Kugel
  Roman. 5. Auflage
  Geheftet 5M., gebunden 8M.

=Klnische Zeitung=: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach
alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende
Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden.
Reiche kulturgeschichtliche Studien sind knstlerisch lebensvoll
verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung
geltend, ... kein Geschenkbuch fr junge Damen, sondern ein solches fr
Mnner, und zwar ein richtiges Meisterstck.

=Wiener Allgemeine Zeitung=: In schlaflosen Nchten, die einem dieser
Krieg so freigebig und berreichlich beschert, mag unter tausend
wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedrngen und fr die man
doch nie eine Antwort gewut, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das
Buch dann beschaffen sein, spter, nachher, wenn alles vorber ist?...
Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende -- aber das Buch ist schon da.
Es heit Die dritte Kugel, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein
unbekannter Mann und heit Leo Perutz. Ein Buch, das einen berrascht,
das einen berrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft blich war, um
den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhlt und berhaupt nicht mehr
loslt. Auch dann nicht, wenn man lngst damit zu Ende ist. Und das ist
das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann
geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angehrt ... Kein Buch fr
Frauen; eines fr Mnner. Vor allem eines, das im ganzen deutschen
Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande wre.

Auerdem erschien:
Leo Perutz und Paul Frank
Das Mangobaumwunder
Eine unglaubwrdige Geschichte
11. Auflage. Geheftet 4M., gebunden 7M.

=Zeit im Bild, Berlin=: Das Mangobaumwunder gehrt zu jenen Bchern,
die man in einem Zuge bis zu Ende lesen mu. Die Grundidee der Erzhlung
ist konsequent, geist- und humorvoll durchgefhrt, und die Verfasser
verstehen es meisterlich, unsere Spannung und unser ... Gruseln
ununterbrochen wachzuhalten.

  Verlag von Albert Langen in Mnchen

  Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
  Einbnde von E.A. Enders in Leipzig.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  leeren Armel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
  leeren rmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte

  dazwischen ber den Kohlenstaub iu den Stadtbahnzgen geschimpft. Dann
  dazwischen ber den Kohlenstaub in den Stadtbahnzgen geschimpft. Dann

  Rundereisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
  Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon

  und eine Besteigung des Sonnwendeines unternehmen. Fr die
  und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Fr die

  Besichtigung Laistbachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und fr
  Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und fr

  Drohung des Chefs. Also kann es Ihnen ganz egal sein. Uberhaupt hei'
  Drohung des Chefs. Also kann es Ihnen ganz egal sein. berhaupt hei'

  umgeht. Wenn der Chef zufllig kommen sollte, so rufen Sie mich im Caf
  umgeht. Wenn der Chef zufllig kommen sollte, so rufen Sie mich im Caf

  Besprechungen im Caf Sistinia und ausgerechnet den Neuhusl nimmt er
  Besprechungen im Caf Sistiana und ausgerechnet den Neuhusl nimmt er

  Was geht das dich an? fuhr Sonja ihn zornig an. Ubrigens war ich bei
  Was geht das dich an? fuhr Sonja ihn zornig an. brigens war ich bei

  Es tut mir leid um die Wohnung, sagte Eisner und setzte sich in Trab.
  Es tut mir leid um die Wohnung, sagte Eisner und setzte sich in Trab.

  alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?
  alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?

  Matratze, die in einem Winkel auf den bloen Erdboden liegt. Ein
  Matratze, die in einem Winkel auf dem bloen Erdboden liegt. Ein

  sagte er, er fnde den Schlssel zu der Kasette nicht, in der er sein
  sagte er, er fnde den Schlssel zu der Kassette nicht, in der er sein

  Sachen: Einen Senftigel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
  Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,

  htte leicht in die allergrte Verlegenheit kommen knnen Ich war
  htte leicht in die allergrte Verlegenheit kommen knnen. Ich war

  Steffis Vater aus Korksstpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
  Steffis Vater aus Korkstpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte

  Elinggasse, kam ein wenig auer Atem in das Privatkontor ihres Mannes
  Elinggasse, kam ein wenig auer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.

  Personsbeschreibung. Der Polzeibericht von heute morgen: Junger, etwa
  Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa

  der Detektivs vermutete.
  des Detektivs vermutete.

  ist das? 'Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,
  ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,

  Der Leichsinn Ihres Zimmerkollegen.
  Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.

  _Jeunesse dore_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und rar, Kommerz
  _Jeunesse dore_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und rar, Kommerz

  Demba fuhr zusammen. Was wollen Sie?
  Demba fuhr zusammen. Was wollen Sie?

  ein vorzgliches Renomnee, versicherte er dem Dr. Fuhrmann.
  ein vorzgliches Renommee, versicherte er dem Dr. Fuhrmann.

  Mchte nur festellen--, begann Demba nochmals, aber da gab der
  Mchte nur feststellen--, begann Demba nochmals, aber da gab der

  an der masiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er
  an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er

  Versuchen? fragte Demba.
  Versuchen? fragte Demba.

  Wo bist du, Steffi?
  Wo bist du, Steffi?

  letzenmal von Glck und Schmerz, von Jubel und Enttuschung, wurden
  letztenmal von Glck und Schmerz, von Jubel und Enttuschung, wurden

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN ***

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     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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ways including checks, online payments and credit card donations.
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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