The Project Gutenberg EBook of Seeteufel, by Felix v. Luckner, Graf

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Title: Seeteufel
       Abenteuer aus meinem Leben

Author: Felix v. Luckner, Graf

Release Date: May 17, 2014 [EBook #45670]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEETEUFEL ***




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Aus der Zeit des Weltkrieges




  Aus Dankbarkeit
          meinen Jungs!

  [Illustration: _Fritz Mller, Halle a. d. S., phot._
  Jungs holt fast!
  Graf v. Luckner]




                       Seeteufel

               Abenteuer aus meinem Leben

                          von

                 Graf Felix v. Luckner

                 Korvettenkapitn a. D.
  ehemaligem Kommandanten des Hilfskreuzers Seeadler

          Mit 133 Abbildungen und einer Karte

                Neue, vermehrte Auflage

                 101. bis 160. Tausend

                     [Illustration]

                        Leipzig
                Verlag von K. F. Koehler
                          1923




  (Schutzformel fr die Vereinigten Staaten:)
  Copyright 1921 by K. F. Koehler, Leipzig.

  Druck vom Bibliographischen Institut, Leipzig.




Inhaltsverzeichnis


                              Erster Teil                      Seite

   1. Kapitel: Wie ein Seemann entsteht                            1
   2. Kapitel: Auf der Suche nach einem passenden Beruf           19
   3. Kapitel: Als Matrose rund um die Welt                       31
   4. Kapitel: Wieder auf der Schulbank                           69
   5. Kapitel: Kaisers Rock                                       75
   6. Kapitel: Offizier und immer mal wieder Matrose              83
   7. Kapitel: In Kamerun                                        100
   8. Kapitel: Krieg und Seeschlacht                             110


                             Zweiter Teil

   9. Kapitel: Das Segelschiff als Kreuzer                       132
  10. Kapitel: Blockadebrecher                                   147
  11. Kapitel: Eine peinliche Untersuchung                       156
  12. Kapitel: Kaperfahrt                                        169


                             Dritter Teil

  13. Kapitel: Schiffbruch und Robinsonleben                     200
  14. Kapitel: Zweitausenddreihundert Seemeilen im offenen Boot  219
  15. Kapitel: Im Zuchthaus                                      237
  16. Kapitel: Auf Motuihi                                       249
  17. Kapitel: Flucht und neue Kaperfahrt                        276
  Letztes Kapitel: Der Vogel im Kfig                            291


  Die Besatzung des Seeadler                                   310
  Die Besatzung der Kronprinzessin Ccilie und der Moa       311
  Verzeichnis der Abbildungen                                    315




Das Umschlagbild mit Darstellung des Seeadler wurde mit gtiger
Erlaubnis des Marinemalers =Christopher Rave= nach einem im Besitze des
Grafen =Luckner= befindlichen lgemlde gedruckt.

Neben dem Verfasser haben hauptschlich die Herren =Karl Kirchei=, =Alfred
Kling=, =Franz Pfeil= und =R. Hofmann= durch bermittlung der in ihrem
Besitz befindlichen Photographien den reichen Bilderschmuck ermglicht.

Seit Erscheinen der 1. Auflage ist das von =I. K. H. der Kronprinzessin=
dem Seeadler bei seiner Ausfahrt gestiftete Bild in Deutschland
eingetroffen. Auf Seite 151 findet sich eine getreue Reproduktion des
Originals. Die Wiedergabe erfolgt mit Erlaubnis der Firma W.
Niederastroth, Kgl. Hofphotograph, Potsdam.

Allen Genannten sei auch an dieser Stelle verbindlichster Dank
ausgesprochen.

Auf Grund von Aufzeichnungen, die Leutnant z. S. =Kling= nach seiner
Rckkehr aus Chile in freundlicher Weise zur Verfgung stellte, konnten
die Erlebnisse des in Mopelia verbliebenen Hauptteiles der
Seeadler-Besatzung in der vorliegenden Auflage (Seite 247/48)
ausfhrlicher behandelt werden. Den vielen Freunden des Buches wird
diese Ergnzung willkommen sein.


Die Verlagsbuchhandlung.




Erster Teil.




Erstes Kapitel.

Wie ein Seemann entsteht.


Seitdem ich das vielleicht letzte Segelschiff der Kriegsgeschichte auf
seiner Piratenfahrt gefhrt habe, werde ich hufig von Freunden und
Fremden nach meinen Lebensschicksalen gefragt. Man vermutet, da nicht
ganz normale Entwicklungslinien zu dem ungewhnlichen Gedanken
hingefhrt haben, im zwanzigsten Jahrhundert den Krieg per Segel auf das
Weltmeer hinauszutragen.

In der Tat habe ich mancherlei rund um die Welt erlebt und aus
besonderen Tiefen mich emporarbeiten mssen. Heute als Seeoffizier in
der deutschen Reichskriegsmarine sollte ich vielleicht verheimlichen,
was alles ich schon in meinem Leben gewesen bin. Aber da nun einmal
meine besondere Art und Weise, Krieg zu fhren, nur aus meiner
Jugendentwicklung zu verstehen ist, so will ich ruhig bekennen, wie mich
der Seeteufel von frhen Tagen an beim Schopf gefat und hin und her
geschleudert hat.

Ihr, in glckliche Lebenslagen Hineingeborene, seid nicht zu streng mit
armen Schelmen, die ihren Geburtsschein eine Zeitlang in den Strumpf
wickeln mssen; vielleicht ziehen sie ihn spter wieder mit Ehren
heraus. Und ihr, die ihr hart und mhselig arbeitet, um einen Weg aus
der Niederung des Lebens emporzuklimmen, verzaget nie! Das Mauseloch
findet sich. Vielleicht steht auch ihr noch einmal auf der
Kommandobrcke.

Und ihr deutschen Leser insgesamt, denen das Herz blutet beim Gedanken
an die weite, herrliche, groe See, wo jetzt die deutsche Flagge nicht
mehr fahren soll, seid getrost! Ein Volk, das die blauen Jungens vom
Seeadler hervorgebracht hat, wird auch die See wieder gren drfen,
dessen seid in Not und Schmach gewi!

Wenn ich nun so unbescheiden sein darf, von mir zu erzhlen, ersuche ich
den geduldigen Leser, sich zunchst in die Quinta des Gymnasiums zu
Dresden zu versetzen, und zwar genauer in die Seele eines bereits recht
hoch aufgeschossenen, in Quinta doppelt sehaften Jnglings.

Als ich nicht nach Quarta versetzt wurde, wie ich versprochen hatte, gab
es zu Hause das Jack voll.

Meine Gromutter aber hatte eine andere Erziehungsart als mein Vater.
Sie war viel sanftmtiger und weicher.

Es ging ihr immer wie ein Stich durchs Herz, wenn man mich mit brutaler
Gewalt bessern wollte. Eines Tages sagte sie zu meinem Vater: Ich will
mal versuchen, den Jungen mit Liebe zu erziehen.

Du wirst den Bengel noch mehr verderben, aber versuch' es, war die
Antwort.

Gromutter nahm mich beiseite und sprach: Kind, wenn du versprichst,
fleiig zu sein, erhltst du fr jeden Platz, den du in der Klasse
hinaufkommst, fnfzig Pfennige.

Im Augenblick war ich auerstande auszurechnen, wieviel Geld ich dabei
verdienen konnte, aber ich sagte: Gromtterchen, ich verspreche dir,
fleiig zu sein.

Das gengt, sagte sie.

Ich war so stolz, da man mir solches Vertrauen schenkte, und fing an
tchtig zu arbeiten. Das erste Extemporale kam, aber ich ging enttuscht
nach Hause und sagte: Nicht versetzt.

Macht nichts, mein Kind, sagte Gromtterchen, ich merke, dein
Ehrgeiz rhrt sich.

Das nchste Mal: Vier Pltze hher. Siehst du, sagte sie, das ist der
Lohn deines Fleies. Also zwei Mark.

Das nchste Mal: Zwei Pltze herunter. Macht nichts, meinte die
Gromutter. Du kannst dich noch nicht auf solcher Hhe halten, bewahre
nur deinen Ehrgeiz.

Sie zog aber die heruntergekommenen Pltze nicht ab. Ich entdeckte, da
ich somit aus allen Geldverlegenheiten kommen knnte. An Gewinnsucht
habe ich nie besonders gelitten, aber die Sache hatte auch ihre
sportliche Seite. Ich wollte mir nmlich eine Karnickelzucht anlegen und
einen Kaninchenbock kaufen. Der kostete 7 Mark, dazu mute ich also
mindestens 14 Pltze springen.

Und es gelang!

Freilich nur ganz vorbergehend. Der Mammon machte mich zu einem ganz
abscheulichen Kerl. Die Sprnge hinauf und hinunter wurden infolgedessen
immer grer, immer gewagter. Ich wurde auf diese Weise eines Tages
sogar Primus.

Gromutter selbst legte mir nahe, es dem Vater noch nicht zu erzhlen.
Aber als sie in jenen Tagen einmal den Gymnasialdirektor Oertel traf,
konnte sie ihren Stolz doch nicht zurckhalten: Was sagen Sie nun zu
Felix? Das Kind ist durch meine Methode, durch diese bescheidene Sache
mit den fnfzig Pfennigen, sogar Primus geworden. Ich bin so glcklich.
Was steckt doch in dem Kinde.

Da sagte der Direktor erstaunt: Felix Primus? Das mu wohl ein Irrtum
sein. Der Ordinarius hat ja in keiner Konferenz etwas davon erwhnt. Ich
glaube, Felix ist immer noch der Letzte.

Gromtterchen war auer sich. Sie eilte nach Hause und machte mir die
bittersten Vorwrfe, doch so, da Vater nichts hrte. Denn sie wollte
sich nicht mit ihrer Erziehungsweise blamieren. Nun besa sie zwei
Mpse. Georg, der jngere, war 13 Jahre alt, Friedrich, der ltere, 14
Jahre; beide waren starke Asthmatiker. Georg fuhr immer Schlitten auf
dem Teppich, wenn er unten gewesen war. Dem Friedrich mute das wohl
gefallen und er ahmte es nach, gerade als Gromtterchen mich vorhatte.
So wurde sie von dem Thema abgelenkt und bemerkte dabei, da der
Friedrich eine unverdauliche Wurstschnur gefat hatte, die ihn genierte
und die er eben abschleppen wollte. Georg lag seines Asthmas wegen am
Sessel und pumpte Luft. Gromtterchen, als sie Friedrich sah, war ganz
entsetzt, denn ihre Mpse standen ihr nher, und dabei entschlpfte ich
ihrer Strafpredigt. Nachdem Gromutter sich wieder mir zugewandt hatte,
erklrte sie nur noch kurz: Mit uns beiden ist es aus! und so stand
ich in meiner ganzen Schlechtigkeit wieder auf neutraler Zone, ihr nicht
zu nahe und dem alten Herrn nicht zu nahe. Aus einem solchen Bsewicht
konnte alles werden, nur nichts Ordentliches.

Als Ostern herankam, wurde ich versuchsweise versetzt, aber mir
nahegelegt, die Schule zu verlassen. So kam ich nach Halle a. Saale, zu
Htter & Zander, einer berhmten Presse, die vielerlei versprach und
mich durchaus noch nicht verloren gab. Versetzt mute ich ja schlielich
noch ein paarmal werden, um die Offizierslaufbahn einschlagen zu knnen.
Mein Vater nahm mir noch einmal das Versprechen ab, mich ernstlich
dahinterzusetzen, um Kaisers Rock tragen zu knnen.

Das ging mir sehr nahe. Ich versicherte: Ja Vater, ich werde versetzt!
Ich verspreche dir, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.

Ich ahnte damals so wenig wie mein Vater, da ich den zweiten Teil
dieses Gelbnisses einmal auch ohne den ersten Teil erfllen konnte.
Freilich nur nach ungewhnlichen Krisen.

Vater versprach mir seinerseits, da ich in den Ferien zu meinem Vetter
reisen drfte, wenn ich zu Ostern versetzt wrde. Die Ferien begannen;
ich aber fiel durch.

Meine Eltern waren verreist. Der Hauslehrer, ein Student, der Vollmacht
erhalten hatte, mir die Reiseerlaubnis zu erteilen, kam mir schon
entgegen: Bist du versetzt?

Ich bi auf die Zhne und erwiderte: Jawohl, aber der Rektor ist
verreist und hat die Zensur noch nicht unterschreiben knnen. Sie wird
nach der Unterschrift per Post an Ihre Adresse gehen.

Der Student war hocherfreut, da sein Unterricht Erfolg gehabt hatte und
beglckwnschte mich. Ich durfte reisen.

Ich traf nun in Ruhe meine Vorbereitungen.

Mein Bruder und ich besaen jeder eine Kasse, da wurde, wenn Onkel oder
Tante zu Besuch kamen, zuweilen je ein Goldfuchs hineingesteckt. Diese
Kasse sollte schon immer mein Retter in der Not sein. Ich holte meine 80
Mark heraus, nahm aus meines Bruders Kasse auch 40 Mark ... sollten sie
liegen bleiben? Etwas wollte ich ihm ja lassen ... Aber es handelte sich
jetzt fr mich um das Betriebskapital zur Grndung einer Existenz, und
ich hoffte, ihm diese Zwangsanleihe dereinst mit Zins und Zinseszins
zurckzahlen zu knnen. Mein Plan war einfach und beruhte auf angenehmen
Vorstellungen, die das wenige, was ich vom Seemannsleben wute, in mir
erweckt hatte (das Landleben war mir in meinem bisherigen Schuldasein
ber groe Strecken hin reichlich trocken vorgekommen). Insbesondere war
mir einmal eine Speisekarte des Schnelldampfers Frst Bismarck in die
Hand gefallen. Was, so feine Sachen gibt das auf See? Und Offizier auf
einem solchen Schiff kann jeder werden? Man hat Geschichten gelesen vom
listenreichen Odysseus, der im Meer so viel herzkrnkende Leiden
erduldet, von Sindbad, dem Seefahrer. Aber diese greren Vorgnger
knnen dem ewigen Tertianer, der weder ein griechischer Knig noch ein
arabischer Kaufmann ist, wenig praktische Winke fr die Laufbahn
hinterlassen. Seemnnische Erfahrungen hatte ich bisher nur auf der
Saale sammeln knnen, insbesondere in der Badeanstalt, wo mir Paddel- und
Rammversuche mit einem selbstgezimmerten Kistenboot den Spitznamen
Seeruber eingetragen hatten.

Nun packte ich die Koffer, Jagdzeug vom Vater, Revolver und Dolch, und
alles, was man in dieser Richtung brauchen konnte, dazu auch eine
Tabakspfeife. Dann ging ich zum Bahnhof und fuhr nach Hamburg. Ich
wollte gleich von unten anfangen und dachte: IV. Klasse ist das
richtige. Ein Schlachtergeselle wurde mein Sitznachbar; der wollte auch
zur See gehen. Weshalb, begriff ich nicht ganz. Bei mir wre ohne Latein
nie dieser Schwung in das Leben gekommen.

Als wir abends um 11 Uhr am Klostertorbahnhof ankamen, sah ich ein
groes Schild: Concordia-Schlafsle, Bett 50 Pfennig und 75 Pfennig.
Ich fand das fr meinen Barbestand schon reichlich vornehm. Ein
Dienstmann mit zweirdrigem Karren bietet sich mir hilfreich an. Wohin
soll das Gepck? Nach Hotel >Concordia<. So! Na de Concordia! Denn
komm man mit, min Jung, di hevt se woll na See to jagt? Ich war nicht
wenig erstaunt ber die pltzlich vertrauliche Tonart und den feinen
Riecher, den dieser olle Hamburger hatte. So kam ich zum erstenmal in
meinem Leben ber St. Pauli und war erstaunt ber das riesenhafte
Tingeltangel-Getriebe dieser internationalen Vergngungszentrale der
seefahrenden Nationen. Hier sah ich Chinesen, Schwarze. Wie ist das
alles interessant! Vor allem belustigten mich die Schwarzen, die in
bunten Rcken als Reklamefiguren vor den Lokalen standen.

Als wir in der Concordia ankamen, die sich im Hinterhaus befand,
bestelle ich bei dem Portier ein Bett fr 75 Pfennig. Der Dienstmann
schleppt den Koffer nach oben. Der Portier ffnet die Tr und zeigt mir
ein Zimmer, worin sich sechs Betten befanden. Ich sage ihm darauf: Ich
habe doch ein Bett fr 75 Pfennig bezahlt. Ja Mensch, schlafen dir da
noch nicht genug darin? Da nimm schon lieber ein Zimmer zu 50 Pfennigen,
da hast du das Vergngen, mit 50 zusammen zu schlafen. Ich zog denn
doch vor, das Zimmer zu behalten. Darauf berreichte er mir den
Schlssel, an dem sich ein riesiges Brett befand. Zunchst dachte ich:
Du bist jetzt ein freier Mann, sieh dir doch zunchst einmal das
Hamburger Leben an, das solch groen Eindruck auf dich gemacht hat. Als
ich den Portier passierte und das Schlsselbrett ellenlang aus meiner
Tasche herausschaute, bemerkte er in seiner rohen Art: Fr di kann man
wohl 'n Balken an 't Schltelbrett hngen, dann steckst du den ok noch
in. Denkst du, da wir fr alle Menschen, die da kampieren, einen
Extraschlssel zur Hand haben?

Am nchsten Morgen erkundigte ich mich, wie man zu einem Schiff kommt.
Mir wurde gesagt, ich mte zu einer Reederei gehen.

Die warten schon auf dich, sang es in meinem Herzen, und ich begab
mich zu Laeisz.

Dort wurde mir gesagt, man wollte mich gern vornotieren, ich mte aber
einen Erlaubnisschein vom Vater mitbringen, eine Urkunde ber mein
Lebensalter, gengend Geld fr die Ausrstung usw.

O weh, einen Erlaubnisschein? Aber es gab noch andere Reedereien am
Platze. Ich ging also zu Wachsmuth und Krogmann, zu Dalstrm. berall
dieselbe Frage.

Nun dachte ich bei mir: Geh lieber selber auf ein Schiff und sprich mit
dem Kapitn. Ich pirsche mich also nach dem Segelschiffshafen durch. Da
lag das mchtige Becken mit seinem Mastenwald, und im stillen
berstrmte mich der Gedanke: Jetzt gehrst du in diesen Kreis.

  [Illustration: (Mit Genehmigung der Firma Glckstadt & Mnden, Hamburg.)
  .. Da lag das mchtige Becken mit seinem Mastenwald.]

Aber wie sollte ich nun auf ein Segelschiff kommen? Denn wider mein
Erwarten lagen diese nicht am Kai, sondern drauen an Pfhlen.

Ich erfuhr, in dem Huschen dort am Landungssteg se ein Jollenfhrer,
der wrde mich rberbringen. Ich sehe durch die Scheiben in das enge,
gemtliche Innere der Bude und gewahre ein altes Seemannsgesicht. Der
Alte fragt: Wat willst, Jung?

Ich will auf ein Segelschiff.

Ich trat zu ihm ein; er trank seinen Kaffee zu Ende, danach gingen wir
zum Boot, und er brachte mich hinber. Er wriggte mit einem Riemen[1];
ich war sprachlos ber diese Rudertechnik. So kamen wir lngsseit
irgendeines Schiffes, das er mir auf meine Bitte erklrte. Da sah ich
die hohen Masten aus der Nhe und hatte einige Furcht, da man da hinauf
mte. Indessen beruhigten mich die Taue und Rahen, denn ich dachte, das
wr eine Art Rouleausystem, das man gemchlich von Deck aus auf- und
niederzieht. Zweifelnd wagte ich die Frage: Mssen da Menschen hinauf?
Aber natrlich, sagte mein Fhrer, mt de Minschen da herop, un ganz
boben, da hrt de Schipjung hen. In Hobn (Hafen) is dat nich slimm, aber
wenn dat Schip op See is un hen un her kullert un stampen deit, denn
denkst du wat anners.

  [Illustration: ... un ganz boben, da hrt de Schipjung hen.]

Da fhlte ich doch einen gewissen Block auf dem Herzen sitzen.

Alles wurde mir erklrt; durch die hohen Masten hatte ich trotzdem etwas
die Begeisterung verloren.

Als wir wieder an Land kamen, schttete ich dem Alten mein Herz aus. Da
sagte er mir: Min Jung, lot dat no (la das nach)! Ik fohr all
fiefuntwinting Johr na See to un bn nich wider kamen, wie as Kaptein op
min lttje Joll. Wat is denn din Vadder?

Gutsbesitzer.

Wie heetst du denn, min Jung?

Graf Luckner.

Wat, en Grof, sagt er, du bst 'n Grof? Un willst no See to? Min
Jung, en Grof is doch 'n Mann, de 'n Bondsche (Geschft) bi 'n Knig
hett? Dank din Vadder op Kneen, dat he so 'n feines Bondsche hett. Lat
di dat Jack full hauen, un dank em bi jeden Slag dafr. Ik wull, ik kunn
fr 'n Jack full so 'n Vadder mit so 'n Bondsche kriegen, denn wull ik
woll ruhig hen holln.

Aber da ich den Eltern entlaufen war, gab ihm doch zu denken, und er
meinte: Ik heet Pedder, segg du man >du< to mi, ik will di wol torecht
helpen. Du sallst nich no See to. Da kmmst du nich wider. Kik mi ollen
Mann an, ik mt op so 'n ltt Schip fohren un krieg kein Penn fr de
Ladung.

  [Illustration: (Mit Genehmigung der Firma Ludwig Carstens, Hamburg.)
  ... Ik heet Pedder, segg du man >du< to mi.]

Pedder, ich will aber doch zur See.

Ich kam den nchsten Tag wieder, brachte ihm einen Priem Kautabak mit
und lernte bei ihm das Wriggen. Er riet andauernd dringend ab. Du
sallst nich to See gahn. Allgemach kam ich so weit, da ich ihm das
Fahren abnehmen konnte, und wriggte fr ihn die Passagiere, whrend er
den Kaffee kochte. So wurden wir Freunde. Meine Eltern wissen noch
nicht, da ich fortgelaufen bin, sagte ich, aber ich will nicht
zurck, denn wenn ich wieder auf die Schule gehe, dann wei ich schon,
wie es kommen wird; in Obertertia heben sie mich zum Militr aus, lange
bevor ich das Einjhrige habe.

Jung, Jung, lat dat Schipfohren sin. Bliev hier, min Jung.

Er versicherte mir wiederholt, das Fahren wre unmglich, ich mte die
Erlaubnis dazu beibringen und zwei- bis dreihundert Mark fr die
Ausrstung. Heutzutage wrde aus den Schiffsjungen nur Geld gemacht und
dergleichen.

Ich lie mich aber nicht abbringen. Als ich nun am fnften Tag morgens
wieder zu ihm kam, da winkte er mir schon von ferne und rief mir
freudestrahlend zu:

=Jung, ik hev en Schip fr di.= Ik hev 'n russischen Kaptein versett nah
sin Schip. Ik hevn fragt, ob he en dchtigen Jung hebben wull. >Ja,
gern,< seggt de Kaptein, >wenn he kein Heuer[2] hebben will.<

>He will bloot en Schip,< harr ik seggt. >Denn lat em man an Bord kamen,<
seggt de Kaptein.

Am liebsten htte ich oll Pedder bei dieser Nachricht umarmt.

So min Jung, jetzt bring ik di rver op dat russische Bullschip >Niobe<
un stell di vr.

Der russische Kapitn machte einen wenig vertrauensvollen Eindruck auf
mich, sah gelb und hlich aus, halb Mephisto, halb Napoleon III., mit
einem fiesigen Ziegenbart.

Du kannst mitkommen, sagte er in gebrochenem Deutsch. Finde dich
morgen ein.

Er gefiel mir nicht.

Min Jung, dat is ganz egal, sagte oll Pedder und klopfte mir auf die
Schulter, ob dat en dtschen odern engelschen Schip is oder 'n Russen
is, dat blievt sick glik. Seefahrt is verall datslwige. So, min Jung,
nu wllt wi an Land gahn un di 'ne Utrstung besorgen.

Er machte sich landfein, schlo sein Huschen ab und wankte mit mir nach
Hamburg hinber.

Es waren noch etwa 90 Mark, die ich hatte. Davon kaufte er bedchtig
prfend alles ein, was ich brauchte, warmes Zeug, lzeug, Messer mit
einer Scheide und eine sachgeme Pip mit Tobak. Wie war ich stolz. Aber
fr eine Seekiste und fr einen Seesack langte es nicht mehr. Oll Pedder
sagte: Ick gew' di min Seekist, mit de ik all 25 Johr um de Welt seilt
bin. Ick hev damit glcklich fohren, un dat sallst du ok.

Wir biegen in eine schmale, graue Strae im ltesten Hamburger
Hafenviertel, in den Brauerknechtsgraben ein. Eine schmale, steile
Holztreppe fhrt nach oben. Peter steigt schwer, sich an dem Gelnder
festhaltend, hinauf. An der Tr steht auf einem Messingschild Peter
Brmmer. Er grabbelt umstndlich nach seinem Schlssel, fhlt mit dem
Finger nach dem Schlsselloch und schliet auf. So, min Jung, hier bin
ik to Hus, komm mal rin. Zunchst fllt mir ein geschwrztes
Dreimastvollschiff an der Wand auf, das ich anstaune. Ich frage:
Pedder, hast du das gemacht?

Ja, min Jung.

Ferner hing ein ausgestopfter fliegender Fisch an der Decke, ein auf
Segeltuch gemaltes Schiff mit einem selbst an Bord verfertigten Rahmen
an der Wand, auf der Kommode standen verschiedene chinesische Sachen und
sonstige Reiseerinnerungen. In der Ecke stand ein Kfig mit einem
Papagei, der ziemlich zerrupft war und ebenso alt aussah wie Pedder.
Ja, sagt er, den hew ik von Brasilien mitbrcht, de snackt blot
span'sch. Dann: Hier is min Kist. Er schlo die Kiste auf, kramte aus
und zeigte mir noch verschiedenes, was er frher an Bord an Flechtwerk
gemacht hatte, packte alles bedchtig heraus und bemerkte: Min Jung, de
Kist' swemmt, de hlt waterdicht. Whrend er meine Sachen in die Kiste
verstaut, werde ich auf das bescheidene Sofa gentigt, dessen Bezug mit
weien Porzellanknpfen angenagelt war. Als die Kiste gepackt war,
trugen wir sie gemeinsam an den Griffen zum Hafen hinab.

Nachdem ich den letzten Tag ganz mit ihm verbracht hatte, fuhr er mit
mir an Bord. Er fhrte mich an die Koje, wo ich schlafen sollte, packte
Matratze und Keilkissen hinein und sagte: Un noch eins, min Jung, een
Hand fr 't Schip un een Hand fr die slwsten[3].

Dann gab er mir noch den Rat, nicht unter meinem Namen zu fahren. Als
Graf ginge das nicht. Dat is all datslwige, as wenn en Oldenburger
Faut (Fu) in Pariser Schohtg (Schuhzeug) sett. Wie denn meiner Mutter
Mdchenname hiee. Danach riet er mir, ich sollte mich Luckner genannt
Ldicke nennen. Das war fortan mein Name, sieben lange bunte Jahre
hindurch. Pedder drckte mir zum Abschied die Hand mit den Worten: Min
Jung, verget din oll Pedder nich! Das Schiff warf los. Der Schlepper
war vorgespannt, und oll Pedder wriggte neben dem sich langsam in
Bewegung setzenden Schiff bis nach St. Pauli Landungsbrcken. So, min
Jung, wider kann ik nich, und mit Trnen in den Augen: Goode Reis' nah
Australien. Min Jung, ik seh di nie wedder, du geihst mi doch nah. Ich
wollte was sagen, aber die Trnen kullerten mir runter. Ich hatte nicht
Heimweh nach Hause, aber nach meinem alten, braven Seemann. Wie ich
nachher die Kiste aufmache und sehe, wie er alles gepackt hat, da liegt
ein Bild von ihm obenauf mit einer Widmung drauf: Verget din Pedder
nich. Ne, min oll, good Pedder, ik verget di nich!

Ich verstand nichts von der Sprache der Leute auf dem Schiffe und der
Kapitn zeigte auch bald bse Miene, denn ich war natrlich sehr
unbeholfen. Der Steuermann, der etwas englisch sprach, fragte, was mein
Vater wre.

Ich sagte: Landwirt.

Na, dann knnen wir dich ja gleich zum Oberinspektor machen. Der
Steuermann bedeutete mir, ihm zu folgen. Ich war sehr neugierig, was das
fr eine Wrde wre. Dann hielten wir am Schweinestall.

Gewi, das kann ich machen.

Und dann bist du ferner noch Direktor der Steuerbord- und
Backbord-Apotheke.

Darunter versteht man, wie ich bald erfuhr, einen Ort, den sich jeder
allein denken mag.

  [Illustration: Wie eine Takelage von Deck aussieht.]

Ich hatte mich dort mit der Kanalisierung vertraut zu machen, da die
immer klar wre. Die Schweine durfte ich nicht herauslassen, sondern
mute zu ihnen hinein. Das eine Schwein schubberte sich stets an meiner
Seite ab, wenn ich mit Eimer und Schrubber einstieg, um Reinlichkeit zu
verbreiten. Das Schmutzwasser lief beim Scheuern in die Stiefel. Ich sah
schlimmer aus, als die Schweine selbst. Seife und Wasser muten gespart
werden. Zwei Paar Beinkleider hatte ich nur zum Wechseln. Jeder gab mir
einen Futritt, weil ich so wie ein Schwein aussah. Dazu die Apotheke!
Kurz, ich war mir selbst bel.

Nach dem Mast wagte ich mich nicht hinauf, machte hchstens die ersten
Versuche zum Mars. Ich klammerte mich auf jeder Stufe fest, glaubte,
obwohl es gar nicht hoch war, in schwindelnder Hhe zu stehen, und rief,
sie sollten mal gucken, was ich fr ein couragierter Kerl wre! Aber das
Klettern machte wenig Fortschritte, bis einst ein Matrose mir sagte:
Was du kannst, kann auch eine alte Kchin.

Das verletzte meinen Ehrgeiz. Lieber von oben kommen,[4] als das noch
einmal hren!

Dazu sah ich, wie die anderen Jungs oben herumwippten. Wir lagen vor
Cuxhaven vor Anker und warteten auf gnstigen Wind. So hatte ich noch
Gelegenheit, mich bei ruhigem Wetter an die Masten zu gewhnen, und
zwang mich mit aller Gewalt: Rauf.

  [Illustration: ... und zwang mich mit aller Gewalt: >Rauf<.]

Wenn ich abends Wache an Deck ging, 4 Stunden Wache und 4 Stunden Schlaf
abwechselnd, und ich sah in Cuxhavens Straen die Kinder spielen, dann
berkam mich das Heimweh. War ich selbst doch noch ein halbes Kind. Kein
Mensch, der mich verstand, und mit dem ich mich aussprechen konnte. Ich
fhlte mich verlassen, und der abgeschttelte Druck der Schule ward
vergessen ber der verlorenen Schnheit des Elternhauses.

Endlich kam guter Wind, die Segel wurden gesetzt, und wir nahmen Kurs
auf Australien. Zehn Tage, nachdem ich von zu Hause weg war, verlieen
wir die deutsche Heimat. Bald hatten wir den Kanal hinter uns und
schwammen auf dem Atlantik, und die guten Eltern glaubten immer noch,
ich verlebte meine berechtigten Ferien bei den Verwandten.

Das war ein hartes Schiff, was ich unter den Fen hatte; viel Keile
gab's und wenig Brot. Die Speisekarte des Frsten Bismarck fand ich
nirgends vor. An Stelle des Frhstckskaffees gab es Wutki; darin wurde
das Hartbrot aufgeweicht. An das scharfe Salpeterfleisch habe ich mich
auch nur langsam gewhnt.

Allmhlich verwuchs ich mit meinem Beruf und mit dem Schiff und lernte
einiges von der Sprache der Besatzung. Der Steuermann war mir
wohlgesinnt, der Kapitn aber mein Feind, der Feind aller Deutschen.
Trotzdem war ich bestrebt, auch ihn fr mich zu gewinnen.

  [Illustration: quatortaufe auf Seeadler.]

Ein wichtiger Einschnitt im Leben des Seemannes ist die quatortaufe,
die jeder, der zum erstenmal den Trennungsstrich der beiden Erdhlften
berfhrt, empfngt. Am Abend vorher knden bereits groe Vorbereitungen
die Wichtigkeit dieses Ereignisses an. Am Bug des Schiffes, wo eine
Plattform gelegt ist, kommen graue Gestalten herauf und rufen: Schip
ahoi! Wie heet dat Schip? Niobe. Der Kapitn ruft hinber: Kommt mal
her! In ihrem Meereskostm klettern die Gestalten an Seilen hoch, als
wenn sie aus dem Meer tauchten. Es ist Neptun mit seinen Gesandten und
Kundschaftern, durch die er feststellen lt, wer das Schiff ist und wie
die Tuflinge heien, die schmutzig von der Nordseehlfte zum erstenmal
in seine Gewsser kommen. Eine Liste wird ihm berreicht; er dankt und
geht mit seiner Gefolgschaft wieder in die Tiefe bis zum nchsten Tag.
Da kommt er wieder, um die Taufe zu berwachen, weibrtig, mit
Dreimastszepter, in einem Talar, der von Meerschlinggewchsen
berwuchert ist, hinter ihm seine Frau in prchtiger Aufmachung und dann
der Pastor, der Friseur, der die Tuflinge rasiert, da er den
Erdenschmutz von ihnen abkratzen soll. Ihm folgt der Einseifer mit einer
Rasierquaste und einem Teerpott. Zuletzt kommt die Polizei in Gestalt
von Negern. Aufs wrdigste wird Neptun von dem Kapitn begrt. Die
Tuflinge mssen Aufstellung nehmen und an ihm vorbeiziehen, damit er
prfen kann, ob sich keiner versteckt hat, und noch einmal untersucht
die schwarze Polizei grndlich das Schiff. Eine Riesenbalge steht an
Deck, das sogenannte Taufbecken, mit einem langen Sitzbrett darauf.
Einzeln werden die Tuflinge herangefhrt; der Pastor liest jedem eine
Epistel vor ber das, was geschieht, und fragt sie, ob sie die
Taufgelbde halten wollen. Beim jedesmaligen Ja wird dem Tufling die
Teerquaste durch den Mund gezogen und dann mit den groen
Rasierholzmessern der Teer abgekratzt. Darauf zieht man das Sitzbrett
pltzlich unter ihm los, und der Tufling fllt hinterrcks in die
Balge, wo er noch sechsmal untergetaucht wird. Damit ist der Taufakt
beendet, ber den ein Schein ausgestellt wird, und der nchste Tufling
steht zur selben Prozedur bereit.

Den ganz naiven Jungs gibt man auch noch ein Fernrohr, ber dessen Glas
ein Haar gezogen ist, das sie dann, wenn sie hindurchsehen, fr den
quator halten.

In frheren Jahren soll die Taufzeremonie in dem sogenannten Kielholen
bestanden haben. Mit einem Tau wurden dem Tufling die Fe
zusammengebunden, ein Tauende wurde um seine Arme geschlungen, das
andere um das Schiff herumgenommen und der Tufling unter dem
Schiffskiel hindurchgezogen, zuweilen drei- bis viermal. Diese grausame
Prozedur, bei welcher mancher Tufling durch Haie den Tod fand, ist, wie
mir die Kameraden erzhlten, mit der Zeit zu der jetzigen Form der
quatortaufe abgemildert worden.

Neptun hat aber bei mir offenbar eine grndlichere Taufe fr ntzlich
gehalten.

Eines Tages, als wir schweren Sturm gehabt hatten, auf welchen starke
Dnung folgte, war alles, bis auf Sturmsegel festgemacht, und die
Obermarssegel sollten gesetzt werden, damit das Schiff ruhiger lge.
Ich wollte dem Kapitn zeigen, wie schnell ich das knnte und begab mich
nach oben, das Segel loszumachen. Da verga ich das Wort des alten
Pedder: Eine Hand frs Schiff und eine Hand fr dich, das Segel
schiet infolge eines Windstoes los wie ein Ballon, ich verliere den
Halt, falle hintenber, will mich halten, an dem halb aufgeschossenen
Seising. Das Tau saust mir durch die Hnde, verbrennt sie, und ich falle
ber Bord, dicht an der Bordwand entlang, an welcher ich also um ein
Haar zerschmettert wre. Meine Mtze fiel noch auf Deck.

  [Illustration: Wer kennt die Taue?]

Das Schiff sauste mit acht Meilen Fahrt davon. Ich komme am Heck hoch,
im Kielwasser, das mich umdreht, sehe eine mir nachgeworfene
Rettungsboje und hre noch den Ruf: Mann ber Bord, dann verschwand
ich im Wassertal und sah nichts mehr von dem Schiff.

Als ich nach Minuten, die einer Ewigkeit glichen, wieder hochgeworfen
wurde, erblickte ich das Schiff weitab. Das Schiff kriegst du nicht
wieder, aber vielleicht kommt ein anderes. In solch unbegreiflichen
Hoffnungen wiegte einen der liebe Wunsch zu leben. Als ob gerade auf dem
weiten Ozean ein Schiff da entlang kommen mte, wo ich ins Wasser
gefallen war.

Um mich her flatterten die Albatrosse, jene riesigen Seevgel, die immer
des Glaubens sind, alles, was im Wasser liegt, sei fr sie zum Fressen
da. Sie stieen auf mich zu, einer, der dicht an mir vorbeistrich,
kriegt mich mit dem Schnabel an der ausgestreckten Hand zu fassen, ich
will ihn festhalten ... in der Angst des Ertrinkens klammert man sich an
allem fest, sogar an einem Vogel ... da hackt er mir jene tiefe Wunde,
deren Narbe ich noch als Andenken an jenen Kampf im Wasser trage, in die
Hand.

Ich lste die Stiefel und das lzeug von mir; der Sweater aber, der sich
vollgesogen hatte, ging nicht ab. Da fielen mir die Worte meiner Mutter
ein, die einmal, als ich von meiner Neigung zur See sprach, gesagt
hatte: Da hast du dir den richtigen Beruf erwhlt; du wirst nichts
weiter werden als Haifischfutter. Als mir jetzt beim Wassertreten diese
Worte durch den Sinn gingen, stie ich zufllig mit dem einen Fu gegen
den andern. Mich durchzuckte die Vorstellung, das wre ein Hai, der mich
fate. Das traf mich wie ein Nervenschlag. Ich wute nicht mehr, wie mir
geschah und was vor sich ging, bis ich pltzlich auf einem Wellenkopf
hoch ber mir ein Boot sah, das im gleichen Augenblick schon tief unter
mir vorbeiglitt. Ich schrie: Hier, hier. Es war der Steuermann.

Bald sa ich zitternd im Bug des Bootes, und die stmmigen Matrosen
ruderten zum Schiff zurck. Blutberstrmt von meiner Wunde erzhlte ich
dem Steuermann den Zweikampf im Wasser. Da meinte er, den Albatrossen
htte ich mein Leben zu verdanken, denn sie allein htten ihm angegeben,
wo ich war. Man hatte zuerst den Rettungsgrtel gefunden, dann mich.

Die Matrosen waren sichtbar erfreut, mich gerettet zu haben, und selbst
dachte ich bei mir, wie wird sich erst der Kapitn freuen, da er mich
wieder hat. Er geht auf dem Achterdeck hin und her, siedend vor Wut. Er
schreit mir entgegen: Du verfluchter Deutscher, ich wollte, du wrest
versoffen. Sieh, wie die Segel kaputtgegangen sind durch deine
Untauglichkeit.

Wir kamen lngsseit des Schiffes, aber jetzt begann erst die
Hauptaufgabe, das Boot wieder an Bord zu bringen. Wenn das Schiff
herunterstampfte, wurde das Boot hochgedrckt, und wenn das Schiff
hochging, wurde das Boot nach unten gezogen. So tanzte es immer hin und
her, und man bemhte sich vergebens, die Bootstaljen hineinzubekommen.
Ich war so aufgeregt, da ich, wie das Boot hher als die Reeling stand,
hinbersprang auf Deck und bewutlos zusammenbrach.

  [Illustration: Schwere See.]

Den Seeleuten gelang es nicht, an Bord zu kommen. Das Boot wurde
zertrmmert, die Mannschaft sprang ins Wasser und kletterte an
zugeworfenen Tauen an Bord.

Der Kapitn nahm eine Flasche Wutki, prete sie mir zwischen die Zhne
und rief: Hier sauf, du deutscher Hund. Am nchsten Tage war ich beim
Aufwachen ganz benommen und habe von diesem Schreckenstag noch heute
einen leichten Tatterich. Der Kapitn, als er mich am andern Morgen noch
in der Koje fand, haute mich heraus mit den Worten: Ob ich zum Fressen
und Schlafen an Bord sei, obwohl ich kaum aufrecht stehen konnte.

Mir wurde erzhlt, als ich ber Bord fiel, htte der Steuermann gerufen:
Freiwillige ins Boot. Aber der Kapitn htte mich nicht retten lassen
wollen; er hatte das auch nicht ntig, denn nach den Bestimmungen
braucht er von sich aus kein Boot auszusetzen, wenn er glaubt, da dabei
andere gefhrdet werden. Er hatte mit einer Harpune dagestanden und den
Steuermann bedroht: Wenn du das Boot herunterlssest, stoe ich dir die
Harpune in den Bauch. Aber der hatte sich einfach umgedreht: Ich habe
meine Freiwilligen, sto zu, und fuhr ab. Das hatte die Wut des
Kapitns noch gesteigert.

Der Kurs ging um das Kap der Guten Hoffnung, und endlich kamen wir nach
Australien. Meine erste Seereise war vollendet. Ein harter Anfang. Aber
zurck zur Schule? Nein. Ist man schon ein Lausbub, soll man nicht
andern zur Last fallen. Lieber zusehen, was sich eben mit eigener Kraft
aus dem Leben machen lie.

[1] Aus der Seemannssprache in Landdeutsch bersetzt: er paddelte mit
    einem Ruder (Riemen = Ruder), hinten im Boot stehend, durch
    schraubenhnliche Bewegung.

[2] Lohn.

[3] D. h.: Wenn du oben in der Takelage arbeitest, halte dich immer mit
    der einen Hand fest.

[4] Seemnnischer Ausdruck fr Abstrzen.




Zweites Kapitel.

Auf der Suche nach einem passenden Beruf.


In Freemantle ging ich viel an Land und bereitete mich zu einem
Fluchtplan vor. Geld verdiente ich ja keins. Auch hatte ich mir
Australien interessanter vorgestellt, lauter Neger mit Pfeil und Bogen
und Palmen dort erwartet. Der Anblick einer kahlen, langreihigen Stadt
wie Freemantle enttuschte mich.

Ich sah auch ein deutsches Schiff dort und hrte, wie gut es die Leute
darauf htten. Es tat mir wohl, mich wieder mit Deutschen unterhalten zu
knnen. Die Landsleute luden mich gelegentlich ins Hotel Royal ein. Dort
schttete ich der Tochter des Hauses mein Herz aus: Ich wre ein freier
Mann und wollte von dem abscheulichen Russen ausreien, ihr Vater sollte
mir helfen.

Der Vater sagte: Ja, ich knnte aber hchstens als Tellerwscher
bleiben.

Ich antwortete, auf dem Schiff htte ich so vielerlei gemacht und auch
das. Ich wrde bleiben.

Ich erhielt  Schilling am Tag, freie Station und Kleidung.

Deutsche Kameraden halfen mir, meine Seekiste von Bord zu schmuggeln
gerade am Tag, bevor die Niobe in See ging. Die Flucht gelang. Der
russische Kapitn bte sein Recht, mich durch die Polizei suchen zu
lassen, nicht aus.

Nun war ich in meinem neuen Beruf. Ich merkte aber bald, da er nicht
fr mich war.

Das Seemnnische sagte mir doch mehr zu.

Meine Feierabendstunden benutzte ich dazu, die Heilsarmee aufzusuchen.
Selten hat mich etwas so berrascht und angezogen, wie ihre Gesnge.

Auf ihrer Station besa die Heilsarmee ein Grammophon, das ich nie
vorher gesehen hatte.

Ich komme hierher nach Australien, um ein Land mit wilden Menschen zu
sehen, und finde ein solches zivilisiertes Teufelsding. Ich denke immer,
da sitzt doch einer darunter, der den Kopf im Kasten hat, denn das
Grammophon stand auf einem Tisch.

Ich mu ausfindig machen, wer da spricht, und wie er das machte, gucke
wie verrckt darauf. Nun zeigt es sich, da, wenn man von der Heilsarmee
als Seele aufgenommen wird, man auf die vorderste Bank zu sitzen
kommt, whrend die bloen Zuschauer die hinteren Reihen fllen. Ich
lasse mich also mit einem Kameraden vom deutschen Schiff zusammen als
Seele aufnehmen. Ich berzeuge mich dann, da niemand unter dem
Grammophon sa. Bei der Aufnahme versprach ich natrlich auch, keinen
Alkohol zu trinken.

Die ganze Geschichte gefiel mir aber so, da ich meinen Beruf als
Tellerwscher aufgab und zur Heilsarmee berging. Da ich nun frommen
Boden betrat, glaubte ich die Wahrheit sagen zu mssen und gab an, ich
wre ein Graf. Da benutzte man mich gleich als Reklameartikel.

Es hie nun: _We saved a German count. Before he came here, he drank
whisky like a fish water._ (Wir haben einen deutschen Grafen gerettet.
Bevor er hierher kam, hat er Schnaps getrunken, wie ein Fisch Wasser.)
Da kamen die Leute aus der Stadt und wollten den Grafen sehen.

Ich mute zuerst mit Mottenpulver arbeiten und die durch wohlttige
Leute geschenkten Kleider einmotten.

Da ich rasch Englisch lernte, erhielt ich dann eine hhere Aufgabe. Ich
hatte die fr die verschiedenen Staaten Australiens einzeln gedruckten
Kriegsrufe nach ihrem Erscheinen durchzuarbeiten und herauszusuchen,
wieviele Seelen Kapitn Soundso gerettet hatte usw. Nach sechs Wochen
bekam ich eine Uniform und verkaufte Kriegsrufe, die ich glnzend los
wurde. Ich dachte: Hier kannst du ja auch Kapitn werden von der
Heilsarmee! Die Menschen waren gut zu mir. Den Alkohol, den ich kaum
kannte, zu entbehren, wurde mir auch nicht schwer. Aber ich wurde
furchtbar in Versuchung gefhrt mit Limonade. Kaum betrat ich mit meinem
Kriegsruf eine Wirtschaft, so riefen die Leute: _Halloh, count! Do you
like a ginger-ale?_ (Graf, nehmen Sie eine Ingwer-Limonade?) Ich
antwortete: _Yes, behind the bar._ (Ja, aber hinter dem Schenktisch),
denn ich glaubte irrigerweise, es wre Alkohol, da es so gut schmeckte.
Und so machte ich den Leuten groen Spa, ohne recht zu wissen wodurch.

Es kam aber die Zeit, da ich mir sagte, das ist doch nichts solch ein
frommer Kapitn oder Leutnant; du willst doch lieber Seemann werden. Ich
legte das den guten Leuten dar, und sie waren auch einverstanden. Da ich
aber noch so jung wre, bemhten sie sich, fr mich etwas Verwandtes zu
finden. Und wirklich! Nach drei Tagen war ich Leuchtturmwrterassistent
auf Cape Lewien.

Assistent, das klang ganz fein. Und Leuchtturm? Auf einem Leuchtturm
sitzen, wenn die Schiffe in tosendem Sturm vorbeifliegen, das war mein
Ideal.

Ich wute ja, wie es dann an Bord aussah.

Also die Heilsarmee tat ihr Bestes und rstete mich noch rhrend aus mit
tadellosen Anzgen, Wsche und dergleichen.

Ich fuhr mit einer Postkutsche von Freemantle nach Port Augusta. In Cape
Lewien wurde ich auf das herzlichste empfangen.

Jeder der drei Leuchtturmwchter bewohnte ein Huschen an der Klippe,
die hundert Meter hoch war und steil abfiel zum brausenden Meer. Der
Leuchtturm hatte sein Fundament dicht ber Wasser, aber das Licht stand
in Hhe der Klippe, damit man es bei diesigem Wetter besser sehen
konnte.

Ich bewunderte alles, und meine Pflichten wurden mir mitgeteilt. Das
Fensterputzen, das ist ein bichen langweilig, und dann wird das
Gewichtaufwinden deine Aufgabe sein. Am Tage kannst du oben sitzen und
Nachricht geben, wenn ein Schiff signalisiert.

Mir wurde ein kleines Zimmer angewiesen, sauber und nett. Jeder Wrter
bezahlte 3 Pence fr mich, zusammen also 9 Pence, das war mehr, als ich
bisher verdient hatte. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich die vielen
Scheinwerfer sah, die Tausende von geschliffenen Glsern des Reflektors.
Da hatte ich nun allerdings beim Putzen fast den ganzen Vormittag zu
tun, und nachts mute ich alle 4 Stunden hinauf, um das Gewicht 80 Meter
hoch zwanzig Minuten lang ohne Unterbrechung heraufzukurbeln. Mit der
Zeit gewhnte ich mich auch daran. Meine Lieblingsstunden waren es, wenn
ich am Tage die Wrter oben ablsen durfte, um mit dem Kieker in der
Hand ber das Meer zu schauen. Wie schn war es dort oben, wenn der
Sturm tobte! Eigentlich nahm ich den Leuten fr die 9 Pence ihre ganze
Arbeit ab.

Es gefiel mir aber sehr. Besonders gut gefiel mir die Tochter des einen
Wrters. Eva hie sie dazu. Wir haben uns schlielich einmal ganz
harmlos ein bichen gekt. Dies geschah, da auf kahler Klippe weit und
breit kein lauschiges Pltzchen war, an einem vielleicht nicht ganz
passenden, verschliebaren Ort, der nach auen offen ber den Felsen
vorragte, dort, wo unten bei Flut das Wasser bis an die Klippe
heransplte. Da sa einer der Wrter unten beim Fischefangen, sah uns
oben und benachrichtigte seinen Kollegen. Auf einmal wurde an der Tr
gerttelt. Aber wir machten nicht auf, denn ich schmte mich doch.
Drauen wuchs die Wut. Die Drohungen wurden immer krftiger. Ich sagte
mir: ein kurzer Entschlu ist der beste, also die Tre auf und weg!

Gesagt, getan. Der Leuchtturmwrter flog zur Seite, ich war weg und habe
mich nie wieder sehen lassen. Nur am Abend schlich ich mich noch einmal
zurck, um mir eines von den Pferden zu holen, die ich so gern leiden
mochte, und die damals dort hchstens dreiig Mark das Stck kosteten.
Dafr lie ich meine ganze sonstige Ausrstung in Cape Lewien und ritt
los in die Welt.

In Port Augusta befand sich ein Sgewerk. Dort fing ich an, in der
Holzmhle zu arbeiten. Als Tagelohn wurden 20 Mark geboten. Doch das war
ein Locklohn, denn erstens war es zu schwere Arbeit, das Holz zu
schleppen, und zweitens waren die Preise dort so hoch (sogar das Wasser
mute man bezahlen), da man kaum einige Mark tglich brig behielt.
Aussichtsvoll war die Bezahlung eigentlich nur fr die Chinesen, die
dort arbeiten, bei deren gengsamer Lebensweise.

In vierzehn Tagen, die ich dort blieb, hatte ich etwa sechzig Mark
erspart. Dann hielt ich es nicht mehr aus und zog weiter.

Als ich auf der Landungsbrcke sitze, um auf den Wochendampfer zu
warten, der mich zum nchsten groen Hafen und dort zu einem Segelschiff
bringen sollte, sitzt neben mir ein Jger, ein langer Norweger, mit
einem Martini-Henry und vielen Patronen. Er erzhlte mir, da er
Knguruhs und Volopies gejagt und genug Felle davon verkauft htte. Ich
fragte ihn, was er fr seinen Martini haben wollte. Er antwortete fnf
Pfund.

Soviel besa ich nicht. Aber ich gab ihm all mein Geld und dazu meine
Uhr, ein gutes Stck. Er war sofort einverstanden.

Wie ich nun das Gewehr hatte, regte sich die Weidmannslust in mir und
ich ging in das Innere auf Knguruhjagd.

Aber der Norweger hatte bertrieben. Es gab hchstens ein paar kleine
Volopies. Ich holte mir Rat bei einem dortigen Lotsen, einem Deutschen,
der gab mir Bescheid, wohin ich gehen sollte. Auf dem Wege fand ich eine
verlassene Farm, dort kampierte ich mich ein.

Aber die Einsamkeit bedrckte mich bald. Ich gab das Weidwerk wieder
auf, kehrte nach Port Augusta zurck und verkaufte mein Gewehr. Als ich
im Hafen ankam, wurde gerade ein Dampfer gelscht, dem eine indische
Fakirgesellschaft entstieg. Man fragte mich, was ich wre. Ich sagte
Seemann. Da meinten die Fakire, so einen knnten sie gerade gut
gebrauchen zum Aufschlagen der groen Zelte und Pferdeputzen und
dergleichen. Sie erklrten, sie wren eigentlich so ziemlich dasselbe
wie Seeleute, nur da sie auf dem Land umherzgen. Das lockte mich. Dazu
kam, da eine Anzahl dunkelugiger Hindumdels dabei war. Die zogen mich
auch an. Ich wurde also Fakirgehilfe.

Als wir nun durch Australien reisten, baute ich berall auf den Pltzen
die Schaubuden und Zelte auf. Mit der Leinewand umzugehen, das erinnerte
so an die Seefahrt.

Als wir in Freemantle waren, und ich die Reklamezettel austrug, ging es
auf einmal an: _Halloh, count, no more Salvation Army?_ (Nicht mehr bei
der Heilsarmee?) Meine Anwesenheit steigerte sofort den Zuspruch der
Leute.

Ich versuchte es mit allen Listen, mir die Fhigkeiten der Fakire
anzueignen. Aber sie hielten ihre Wissenschaft streng geheim. Ich kam
hinter nichts. Schlielich dachte ich bei mir, du mut es anders
anfangen, und bndelte mit einer kleinen Malaiin an. Anfnglich war sie
sehr zurckhaltend, aber nach vierzehn Tagen kam sie mir schon etwas
entgegen, und ich erfuhr den Hergang einiger Kunststcke. Nun wurde es
mir leichter, meinen Brotherren selbst etwas abzugucken. Wenn ich auch
nur Pferdeputzer war, so bekam ich jetzt doch nach und nach eine
Schlagseite vom Fakir. Freilich, die eigentlichen virtuosen Fakirknste
zu erlernen, drfte fr einen Europer so gut wie unmglich sein. Die
alten Meister dieser Kunst, gewohnt, von der Menge angestaunt und als
sozusagen bernatrliche Wesen verehrt zu werden, verhalten sich auch
ihren Angestellten gegenber unnahbar. Die zwei Oberhupter unserer
Truppe machten mit ihren langen Brten und ihrer durch langjhrige
Schulung der Willenskraft durchgebildeten Haltung einen erhabenen
Eindruck. Unter ihren Leistungen war besonders berraschend das Wachsen
eines Mangobaumes. Der Fakir hatte einen Kern, den er in die Erde
steckte. In kurzer Zeit sieht man, wie die Erde bricht und ein Blatt
zum Vorschein kommt und ein kleiner Stiel. Der Fakir deckt ein Tuch
darber und spricht einige Worte. Auf einmal ist der Mangobaum ein Meter
gro. Das Tuch wird wieder darber gedeckt und der Mangobaum wchst
weiter und bekommt 3-4 Bltter. Ich selber habe beim Wegrumen nicht
entdecken knnen, da irgend etwas in Vorbereitung war.

Irgendein Zuschauer kommt und der Fakir fragt ihn: Was haben Sie denn
da fr einen Ring, der ist sehr wertvoll, den drfen Sie nicht
verlieren. Aber Sie haben ihn ja schon verloren. Sehen Sie, ich habe ihn
hier, und der Fakir hat den Ring an seiner Hand. Ich habe dies oft mit
angesehen und genau darauf geachtet, aber es ist unmglich, sich zu
erklren, wie es gemacht wird, welche geheimnisvolle Kraft den Leuten
das ermglicht. Man wrde Hypochonder werden, wenn man darber
nachgrbelte. Sie haben als Apparat eigentlich nichts weiter als den
Wagen, mit dem sie sich fortbewegen.

  [Illustration:
  ... Man wrde Hypochonder, wenn man darber nachgrbelte.]

Ganz besonders hat mich folgendes berrascht. Eine groe Schale mit
Wasser wird gebracht, die zeigt der Fakir dem Publikum. Der Fakir setzt
sich so, da die Schale mit Wasser nicht zu sehen ist. Nach einer Weile
tritt er zurck und die Schale ist voll lebender Goldfische.

Meine Herren kletterten auerdem an Tauen in die Luft. Das Tau hatten
sie in der Hand und warfen es hoch, und dort blieb es in der Luft
stehen, trotzdem kein Balken oder hnliches da war. Dann kletterten sie
an dem Tau in die Hhe. Doch ich will mich hierber nicht weiter
verbreiten, denn das Zaubern ist nur unterhaltend, wenn man es mit
ansehen kann. Auch die Kunststckchen, die ich damals mir aneignen
konnte, wrden dem freundlichen Leser nur Vergngen bereiten, wenn ich
einmal den Vorzug haben sollte, ihn persnlich in diese kleinen
Geheimnisse einzuweihen.

Die Fahrt mit den Fakiren ging durch das ganze australische
Staatengebiet. Aber in Brisbane mochte ich nicht mehr mitmachen, wollte
wieder auf ein Schiff, Seemann werden und nicht meinen Beruf verfehlen.

Ich komme auf eine englische Bark und sitze da eines Sonntagsmorgens am
Strand und wasche mein Zeug. Da kommen drei Herren auf mich zu; meine
Muskulatur bewundernd, fragen sie nach meinem Alter. Ich sage
fnfzehn.

Ob ich Lust htte, das Boxen zu lernen?

Ja, dazu htte ich Lust. Wenn man boxen kann, kriegt man nicht so leicht
Prgel.

So ging ich nach Feierabend in die Boxschule, um mich prfen zu lassen.
Nach genauer Untersuchung wurde mir angeboten, ich sollte sechs Pfund
Sterling erhalten und ausgebildet werden, mich dafr aber verpflichten,
nur fr Queensland zu schlagen. Die Australier geben sich alle Mhe,
wenn sie einen Menschen gefunden haben, dessen Krper etwas verspricht,
ihn zum Preisboxer auszubilden. Mit allen mglichen Apparaten erhielt
ich nun eine hervorragende Pflege. Nachdem der Krper ein Vierteljahr
mit allem durchgebildet war, durfte ich zum erstenmal Schlagbewegungen
ausfhren. Ehe man Schlge austeilt, wird man aber selbst geschlagen,
damit die Partien des Krpers, besonders die Brust, abgehrtet werden.

Es gefiel mir dort ausgezeichnet. Ich sollte bald nach San Franzisko
geschickt werden, um dort weitere Grundlagen zu gewinnen. Als ich aber
soweit war und als Boxer berall htte auftreten knnen, hatte ich den
Preisboxer fr Queensland genug und wollte wieder zur See.

Wo immer ich war, welche Ablenkung sich mir bot, die Sehnsucht nach dem
Schiff kam stets zurck.

  [Illustration: ... die Sehnsucht nach dem Schiff kam stets zurck.]

Ich strebte diesmal nach einem amerikanischen Schiff und kam auf die
Golden Shore, einen Viermastschoner, der von hier nach Honolulu und
spter die Route San Franzisko-Vancouver-Honolulu fuhr, die eine Fahrt
mit Zucker, die andere mit Holz.

Es war eine ideale Zeit. Ich wurde gut bezahlt, 45 Dollar den Monat, und
gleich als Vollmatrose angenommen. Eigentlich geht das nicht so schnell.
Die regelmige Laufbahn fhrt vom Schiffsjungen ber den Jungmann und
Leichtmatrosen zum Vollmatrosen. Es gab harte und schwere Arbeit,
namentlich beim Laden und Lschen, whrend auf einem Schoner seemnnisch
leichtere Arbeit an Deck ist wie auf einem Rahschiff.

An Bord des Schoners war mein besonderer Freund ein Deutscher, Namens
Nauke, ein verkrachter Geigenmacher, der als Kajtsjunge an Bord war.

Eines Tages, als wir in Honolulu ankern, fordert mich Nauke auf, mit an
Land zu gehen, und bringt mir gleich eine Dose kondensierte Milch aus
der Kajte mit, weil ich die so gern mochte. Wir sahen uns dann den
Knig an, der im Park eines ihm von Amerika gebauten Palastes in einem
bequemen Rohrsessel, umgeben von zwei oder drei Weibern, beim Tee sa,
und erprobten darauf die Ebarkeit der Rokastanien, die vor des Knigs
Parkgitter wuchsen, in der Annahme, auf Hawaii wre alles ebar. Da
kommt ein besser gekleideter Herr auf uns zu und fragt auf Englisch:
Was treiben Sie hier?

Wir sehen uns den Knig an.

Ach was, Knig, ihr solltet den Hulla-Hulla-Tanz sehen.

Hast du Lust, Nauke?

Ja, wenn nette Mdels dabei sind, antwortete Nauke.

Da fragt der Herr auf einmal, ob wir keine besseren Anzge htten? Ich
sage: Nein, wir haben nichts Besseres.

Na, war die Antwort, dann ist das gleichgltig, dann bekommt ihr
einen Anzug von mir.

Wir steigen nun zusammen den Schloberg hinunter und wurden eingeladen,
in einem vierspnnigen Eselwagen Platz zu nehmen. Ich sagte zu Nauke,
das schiene ja ein recht wohlhabender Mann zu sein. Da drehte sich der
Herr um und rief: Sie mssen sich nicht so viel mit Ihrem Freund
unterhalten, ich kann auch deutsch.

Als wir in die Zuckerplantagen auerhalb des Ortes gelangt sind, gibt
der Herr dem Kutscher das Zeichen zu halten. Wir gehen durch einen
Feldweg in die Plantage hinein und kommen zuletzt an ein vornehmes
Europerhaus. In einer Einzunung weideten junge Fohlen. Wie ich durch
die Riesenfenster der vornehmen Villa ins Innere blicke, bemerke ich
eine Reihe groer schwarzer Tische wie in einem Kollegsaal. Whrend ich
neugierig hineinschaue, bietet der Mann Nauke ein Stck Pudding an und
ersucht ihn, vor dem Hause zu warten. Ich warne ihn noch, er mchte
nicht weggehen.

Wie ich nun eintrete, wird mir sonderbar zumute. Der Mann fhrt mich in
einen Raum neben dem Saal mit den vielen Tischen. Dieser Raum hatte drei
Fenster und enthielt einen groen Tisch. Der Mann will die Tr
abschlieen. Ich sage: Nein, nicht schlieen.

Am Kopfende des Tisches war seltsamerweise ein Moskitonetz gespannt,
darunter lagen zwei Kopfkissen. Eine Seitentr fhrte zu einer Treppe,
die nach der Mansardenwohnung hinaufging.

Der Mann wollte nun ein Meterma holen, wie er sagte, zum Anmessen des
neuen Anzugs. _Allright,_ sage ich.

Er geht die Treppe hinauf und ich setze mich neben die Tr auf einen
Koffer. Wie ich sitze, da gewahre ich unter dem Tisch zwei lange Kisten,
gro und schmal mit starken Verschlssen auf beiden Seiten. Ich sage
mir: Menschenskind, das kommt mir unheimlich vor. Wenn du nur nicht in
eine solche Kiste gertst. Ich verlie mich aber auf meine Krfte,
hatte ja auch boxen gelernt. Da kam der Fremde wieder herunter, hatte
ein Ma, sprach mit mir und fing an, am Arm zu messen, seltsamerweise
von unten nach oben, und sagte: _Thirty_. Wiederholte es, murmelte noch
einmal Zahlen, drehte mich herum, klappte mir den Rock ber den Rcken
herunter, so da meine Arme behindert waren. Er sagt, die Beleuchtung
wre ungnstig, und schiebt mich so, da ich mit dem Rcken gegen die
uere Tr stehe. Ich hre aber am Knirschen des Sandes, da sich da
einer hinter der Tr bewegt.

In diesem Augenblick sehe ich am Fuende des Tisches auf dem Boden eine
Menge altes Zeug liegen, das Seeleuten gehren mochte, unordentlich
hingeworfen. Da kriege ich wieder Mut und denke: es mag doch mit dem
Anzug stimmen.

Er nimmt wieder Ma und schnallt dabei den Grtel auf, legt ihn zusammen
mit meiner leeren Messerscheide auf den Tisch. Ich denke: du hast doch
ein Messer darin gehabt, hast noch dem Koch Kartoffeln schlen helfen;
solltest du es haben liegen lassen? Wie ich noch umhersehe, gewahre ich
auf dem Fensterbrett zwischen leeren Flaschen zu meinem Entsetzen einen
abgeschnittenen menschlichen Daumen, an dem noch eine lange Sehne hing.

Gerade habe ich noch Zeit zum Luftholen, der Mann wollte mir eben das
Beinkleid ffnen, dann htte ich mich nicht mehr rhren knnen. Ich
schiebe den Rock wieder hoch, ergreife meine Milchdose und Messerscheide
vom Tisch, werfe den Kerl mit einem wuchtigen Stoe beiseite, gebe der
ersten besten Tr einen Tritt, da sie aufspringt, und rufe drauen aus
Leibeskrften: Nauke!

Nauke kommt kauend an, ich kriege ihn zu fassen, laufe in die Plantage
und werfe mich mit ihm zwischen die Rohre.

Er fragt: Was ist denn los?

Ja Nauke, wenn ich das wte.

Ein Pfiff ertnt, Pferdegalopp, und etwa vier Menschen laufen zu Fu
hinterdrein. Sie vermuteten uns auf dem Weg, den wir hergekommen waren.
Wir liefen aber am Haus vorbei nach der entgegengesetzten Richtung und
kamen nach lngerem Umherirren wieder in Honolulu an den Strandweg. Ich
erzhlte alles einem Polizisten. Der zuckte mit den Achseln. Wenn er
ausfindig machen sollte, wie oft hier Seeleute verschwnden, mte eine
ganz andere Organisation erst neu geschaffen werden. Wir erzhlten es
dem Kapitn, der sagte aber: Sie htten euch ruhig das Jack vertobacken
sollen, was treibt ihr euch auch drauen herum?

Wir Kameraden verabredeten, am nchsten Sonntag die Bude in der Plantage
zu strmen, und legten uns allerlei Waffen dafr zurecht. Aber am
Freitag kam der Befehl: Quarantne! Da war eine ansteckende Krankheit
ausgebrochen.

So blieb fr mich das Rtsel dieses Erlebnisses bis heute ungelst wie
ein wirrer Traum. Ich wei nicht, ob einer meiner Leser ber den
Schlssel des Verstndnisses verfgt.

Das Messer hatte ich brigens tatschlich beim Koch liegen lassen.

So war alles ganz klug eingefdelt: Nauke bekam als der Schwchere den
Pudding. Erst sollte ich allein abgefertigt werden. Ein lterer Herr,
der Honolulu gut kannte, erzhlte mir spter, da schon viele Seeleute
verschwunden wren, aber ein so genauer Bericht, wie der meinige, war
ihm noch nie bekannt geworden. Vielleicht haben alle anderen, die in
jenes Haus kamen, keine Gelegenheit mehr gehabt, zu berichten.

Ich sollte noch eine sehr peinliche Erfahrung durchmachen, bevor mein
brennender Drang, neue Berufe kennenzulernen, sich endgltig legte. Ein
Freund vom Schiff, August H., ein Neffe des berhmten Schfers Ast, aus
Winsen an der Luhe, heckte einen Plan aus, an dem ich groen Gefallen
fand. Der Leser wird dem, was ich jetzt zu berichten habe, nur mit
Kopfschtteln folgen, auch wenn er bedenkt, da ich noch in dem Alter
stand, welches Schlerstreichen eine gewisse Straflosigkeit verleiht,
und wenn man hinzurechnet, da meine Erziehung doch stark aus den Fugen
gegangen war und das Herumschweifen unter immer neuen Menschen und
Vlkern zur Festigung der moralischen Begriffe nicht gerade beitragen
konnte. Bei der Erinnerung an jene Tage kecken Schiffsraubs ist klar,
da nicht nur uere, sondern auch innere Gefahren meine Entwicklung
bedroht haben, und da ich dem Geschick danken mu, das mich durch diese
verschlungenen Pfade doch nach oben gefhrt hat.

Also, mein Freund August und ich fanden es notwendig, einmal aus der
abhngigen Stellung an Bord hinberzuwechseln zu einem selbstndigen
Beruf, bei dem wir unser eigener Herr waren. Als Ideal erschien uns
diesmal das Fischerleben. Die Fische wollten wir schon besorgen, aber es
fehlte uns zunchst an einem dazugehrigen Fahrzeug. Es ist keine
Fischerei so ergiebig wie bei Vancouver. Ferner mute ich ein Gewehr
haben. Wir wollten heute ein bischen fischen und morgen ein bischen
jagen und zugleich ein Schiff haben, damit wir uns sagen konnten, wir
htten eine Heimat. Ein Gastwirt an Land, ein Stettiner, der uns viel
von den Rocky Mountains erzhlte, hatte uns auch ein Gewehr gezeigt,
zwlfschssig, System Winchester Rifle. Er sagte, da es fr drei
Dollar zu bekommen wre. Es stand fest, da wir ein Winchester Rifle
haben muten. Bald waren wir glckliche Besitzer; das Gewehr wurde an
Bord versteckt. Wenn wir dann im Schiff den Rost zu klopfen hatten,
machten wir beim Schein der Petroleumfunzel in der Vorpik die
phantastischsten Plne. Wir kamen auf die Idee, in dem Fischerdorf
Modeville eines der Segelboote an uns zu nehmen, dann htten wir eine
Heimat, knnten Fische fangen und hinfahren, wo wir hinwollten. Wir
hielten uns den ganzen Abend in Modeville auf; man sah die Lagerfeuer
der Eingeborenen, die Halbindianer sind. Ich bekam Angst, weil die Hunde
so klfften. Kleine Boote lagen am Ufer, wir nahmen eins, steuerten ein
Segelboot an, gingen leise hinauf und kappten einfach den Anker; das
Segel hatten wir schon losgemacht, es war zum Trocknen nur leicht
befestigt. Da nur wenig Wind war, trieben wir ganz langsam vom Land ab.
Kaum sind wir in Bewegung und haben das Segel gerade hoch, da sieht es
einer vom Land und glaubt, das Boot treibe ab. Sie machen ein Boot klar,
eilen sich noch gar nicht, denn das nur halb geheite Segel war ihnen
nicht verdchtig. Da reien wir noch einmal an der Gaffel, und das sehen
sie. Sie kommen immer nher. Was machen? Da endlich kommt das Boot aus
dem Lee der hohen Berge frei, und wir erhalten Wind. Ausgerissen sind
wir wie der Teufel. Da schossen sie an Land, aber wir sind glcklich
durchgekommen und die ganze Nacht gefahren nach Seattle herunter. Da
liegt ein deutsches Segelschiff, das auenbords gemalt wird. Wir kommen
vorbei und bitten um Schwarzbrot, Schiffszwieback und weie Farbe. Mit
der Farbe haben wir das Boot wei gestrichen und dann Fischerei
getrieben. Aber wir waren doch Zugvgel, die nicht an einem Platz
bleiben konnten. Nach kurzer Zeit hatten wir vom Fischen genug und
wollten das Boot heimlich wieder nach Modeville zurckbringen. Dabei
wurden wir entdeckt und als jugendliche beltter vors Frsorgegericht
gebracht. Die Taugenichtse wurden noch glimpflich behandelt und ein paar
Wochen unter Aufsicht gestellt. Wenn die Englnder freilich gewut
htten, da sich mit diesem Schiffemausen ein Talent fr spter regte,
so htten sie die Frsorgeerziehung wohl ber den Weltkrieg hinweg
ausgedehnt.

  [Illustration: Phylax Ldicke.]




Drittes Kapitel.

Als Matrose rund um die Welt.


Nach diesen bsen Erfahrungen zog es mich wieder nach der Heimat. Darum
musterte ich auf dem englischen Viermaster Pinmore an. Auf ihr habe
ich nun die lngste ununterbrochene Seereise meines Lebens gemacht, 285
Tage von San Franzisko bis nach Liverpool. Wir hatten lange
stillgelegen und wurden dann bei Kap Horn durch viele Strme
aufgehalten. Das Unangenehme war, da wir nur fr 180 Tage Rationen
mithatten und auch das Wasser knapp und brackig wurde, da die Wellen in
die Wassertanks eingedrungen waren. So starben unterwegs sechs Mann an
Skorbut und Beriberi. Die Krankheit ging so weit, da die Beine und der
Unterkrper wsserig anschwollen und beim Druck darauf die Druckstelle
nicht mehr zurckging. Wir fuhren nur mit Sturmsegel, weil keiner von
uns mehr imstande war, in die Takelage zu gehen. Wir lebten von halben
Rationen.

  [Illustration: ... Es war, als ob der Teufel auf >Pinmore< wre.]

Es war, als ob der Teufel auf dem Schiffe wre. Kein Schiff, das wir um
Proviant htten bitten knnen, begegnete uns auf dieser Fahrt. Keine der
Regenben, die wir in der Ferne vorberziehen sahen, senkte sich auf uns
nieder, um Wasser zu spenden. Als wir vor England auf der Hhe der
Scillys waren, wurde die letzte Portion Erbsen ausgegeben, und als im
Sankt Georgskanal der Schlepper kam, schrien wir alle: Wasser, Wasser!
Wenn man jetzt auch so viel trank, da man sich bergeben mute, der
Durst war nicht im mindesten gelscht, so ausgedrrt war der Krper. So
verlie ich die Pinmore; unter welch eigentmlichen Umstnden ich sie
als Pirat wieder betreten sollte, werde ich spter erzhlen.

Nach vierzehntgigem Lazarettaufenthalt ging es per Bahn nach Grimsby,
von da mit einem Wochendampfer nach Hamburg. Ich hatte gut verdient und
an die tausend Mark Erspartes mitgebracht. Die lie ich mir in Silber
einwechseln, um recht viel zu haben.

Stolz schlenderte ich als Vollmatrose durch die Stadt. Es war Dezember,
die Zeit des Hamburger Doms, an welchem Volksbelustigungen aller Art
stattfinden.

Da war auch Lipstulian, der Ringkmpfer, 50 Mark waren ausgesetzt, fr
den, welcher ihn wrfe.

Die Kameraden sagten: Mensch, das la dir doch nicht zweimal sagen, du
schmeit doch den Kerl.

Das mache ich nicht, meinte ich, wir sind doch in Hamburg.

Aber Lipstulian rief: Mensch, bring di en Bdel (Beutel) mit, dat du
din Knoken da drin wedder nah Hus nehmen kannst.

Diese uerung fasse ich doch als Beleidigung auf und steige aufs
Podium. Der Ausschreier ruft: Hereinspaziert, meine Herrschaften, das
Opfer hat sich gefunden. Lipstulian luft wie ein Stier auf und ab.

Meinen Geldbeutel hatte ich unserem Segelmacher zur Aufbewahrung
gegeben.

Ich werde in eine kleine Bude gefhrt, bekomme ein rot und wei
gestreiftes Hemd an und einen Grtel.

Das Zelt fllt sich. Man hatte das Eintrittsgeld rasch erhht.

Wie ich auf das Podium herauskomme, schaut Lipstulian meine Arme an und
wird stiller. Der Ausrufer verkndigt: Noch sind es Freunde, noch
reichen sie sich die Hand. Dann ging es los. Es war aber kein
technischer Ringkampf, sondern lediglich eine Kraftprobe. Er will mich
zu sich heranziehen und berkippen, als ich noch dastehe, bevor das
Zeichen gegeben war. Da wurde ich wtend. Es ging immer abwechselnd mit
dem Angriff. Ich setzte an, konnte ihn aber nicht lften. Die Leute
riefen: Du bist doch ein Hamburger, du mut doch den Kerl kriegen! Ein
Schiffsmaat setzte noch 50 Mark, wenn ich ihn runterbrchte. Beim
dritten Male ziehe ich ihn hoch, drehe ihn herum, er will sich mit dem
Fu gegen eine Zeltsttze halten, rutscht aber dabei aus. Ich werfe ihn,
er liegt auf dem Boden. Da behauptet der Ausschreier, ich htte ihn
nicht auf dem Rcken gehabt. Aber da bewegte sich das Zelt geradezu in
Diagonalen vor Emprung des Publikums. Man bezahlte mich in Silber, gab
mir aber nur 20 Mark statt der vereinbarten 50. Ich sollte darber kein
Aufsehen erregen, wurde von den Kameraden auf den Schultern in eine der
nchsten Zeltwirtschaften getragen und mute hier feste als Sieger
ausgeben.

  [Illustration: Als Meisterschaftsringer von St. Pauli.]

Das blieb mein einziges ffentliches Auftreten als Athlet. Aber die in
Queensland erworbene Kraft habe ich mir auch spter durch bungen zu
erhalten gesucht und ihr verdanke ich es, da ich krzlich in
Dsternbrook, selbst unbewaffnet und allein, zwei Straenruber, die
mich mit zwei Parabellumpistolen und einem Totschlger anfielen,
entwaffnen und niederschlagen konnte. Bei der bedauerlichen
Unsicherheit, die sich in Deutschland verbreitet hat, kann ich
wenigstens diesen Teil meiner ungewhnlichen Erziehung zur allgemeinen
Einfhrung empfehlen.

Nach vierzehntgigem Landaufenthalte musterte ich an Bord der Csarea
an; das war mein erstes deutsches Schiff.

  [Illustration:
  ... musterte ich an Bord der >Csarea< an. ( Phylax Ldicke.)]

Freund Nauke kam mit. Die Reise ging wieder nach Australien, und zwar
nach Melbourne mit einer Ladung Stckgter. Der Kapitn war in vielem
tchtig, aber ein Genie an Knickrigkeit, und der Koch arbeitete in
seinem Sinn und untersttzte ihn, indem er uns mangelhaft verpflegte.
Der Schiffskoch heit in der Schiffssprache Smutje, d. h.
Schmierlappen.

Ich sitze eines Tages im Top auf der Bramrahe und denke an gar nichts,
und Smutje hantiert in der Kombse unten und pfeift das Lied: Mein
Herz, das ist ein Bienenhaus so recht s und selig vor sich hin. Da
auf einmal werden zwei Arme sichtbar und zwischen ihnen ein Tablett. Was
schiebt der Smutje denn da aus der Kombse heraus auf das Dach? Ich
traue meinen Augen nicht, ein ganzes Tablett voll Pfannkuchen.

Was? denk ich, Pannkauken auf hoher See, tausend Meilen ab vom Land,
frisch und warm ...

Die schrien mich ja ordentlich an. Ich von oben herabgerutscht,
rangeschlichen, die Pannkauken in die offene Brust gestopft ... was war
das hei, aber einerlei ... und wieder auf den Mast zu meinem Platz. Ich
verbrannte mir das Fell, aber was tat das. Vierzehn Pannkauken, was ist
das fr ein Genu.

Smutje fltet immer weiter. Na, du wirst schon merken, was dein Herz fr
ein Bienenhaus ist!

Nach einer Weile greift Smutje mit einem sicheren Griff herauf nach den
inzwischen gengend gekhlten Kuchen, ganz vorsichtig, damit blo kein
Pfannkuchen herausfllt ... Man hrt einen langen Durchreierauspfiff
und dann den erstickten Schrei: Min Pannkauken ...

Er geht auf das Kombsenhaus, in der Meinung, da sie vielleicht durch
das Rollen des Schiffes aus dem Tablett gerutscht seien. Auch das nicht!
So ein Spitzbubenpack, verdammtes!

Ich rufe von oben herunter: Wer ist hier Spitzbubenpack?

Da du dat nich west bist, Filax (so wurde ich an Bord genannt), dat
knnt mi mine fief Sinn'n seggen.

Dat will ik meinen, rief ich beruhigt zurck.

Als die Wache beendet war und ich vom Mast herunter kam an der Kombse
vorbei, ruft mich Smutje: Filax!

Wat is los? sag' ich.

Ik will di wat seggen: de eenzigste ehrliche Kirl hier an Bord bst
du!

Dat weet ik! wat is los?

Ik will di wat seggen, Filax. Ik bn vun Natur en upmerksamen Minsch,
dat weetst du (das Gegenteil war richtig), un ht hett de Kaptein
Geburtsdag, ik hev em 'n poor Pannkauken backt, du weetst jo, ik bn de
eenzige Minsch, de em wat schenken kann, un da is so en Lump west, de
klaut mi alle vertein weg.

Gott, sag' ich, vertein Pannkauken?!

Un wenn du mi versprechen deist, den Kirl utfindig to maken, denn gah
hen un fret dat Preielbeerkompott. Dat hett doch keen Zweck mehr fr
mi.

Whrend ich das Kompott ausschlecke (das war gerade so ein feiner
Happen), frage ich, wie ich das machen solle, den Kerl herauszusuchen?

Jo, meint er, du mst tosehn, wer nich to Middag fret, wer keen
Apptit hett, de is de Lump.

Nach dem Mittag kommt er auf mich zu: Hest em funnen?

Ne, de hebbt all freten.

Awwer du krigst em rut?

Man en beten twen (warten), ik krig em rut.

Mit der Zeit beruhigte Smutje sich. Eineinhalb Jahre spter wurden wir
in Liverpool abgemustert. Da ldt er mich zu einer Painexpeller
(Bittern) ein; wir wollten den Abschied feiern. Nun rhrte mich doch das
Gewissen und ich sagte ihm Bescheid. Er hatte gerade zwei Glas bezahlt,
die standen eingegossen vor uns.

Ik weet, Smutje, wer de Kirl west is, de di din Pannkauken opfreten
hett. Wi gaht jetzt utenanner, do mt ik di 't seggen: Ik bn dat west.

Bst du dat west? guckte er mich gro an, machte kehrt, lie die
beiden Bittern stehen und hat mich nicht wieder angeblickt.

Die beiden Glser konnte ich natrlich nicht stehen lassen, und mute
sie beide selber austrinken.

Nach langen Jahren hat sich Smutje mit mir brigens wieder vershnt. Ich
traf ihn einmal in Hamburg, als ich eben im Begriff war, ein Auto zu
besteigen, um zu einer Abendgesellschaft zu fahren. Auf einmal ruft mich
jemand Filax an. Ich sehe mich um und erkenne meinen Smutje.

Hallo, Filax, Minsch, so fein in Tg? Bst du bi de Marin? Un damals
harst du kee heile Bx an 'n Lief.

Ich gab die Gesellschaft auf, um den Abend mit meinem wiedergefundenen
Smutje zu verleben, nahm ihn mit mir ins Hotel Atlantik, wo ich ihn zu
einer Flasche Champagner einlud, um das Wiedersehen zu feiern. Als der
Kellner den Sekt auftrgt, will Smutje gleich mit dem Kellner anbndeln.
Als dieser mich aber nach meinen Wnschen fragte und mich dabei mit
meinem wirklichen Namen anredete, ging ein Strahl der Verklrung ber
Smutjes Gesicht. Der Zusammenhang meiner Laufbahn war ihm zwar im
Augenblick noch dunkel. Als ich ihm aber auf seine Frage: Filax, bst
du denn en wirklichen Grof? antwortete, da ich einer sei, sagte er:
Na, denn kann ik ja stolz up sin, dat mi en Grof de Pannkauken klaut
hett!

Da war noch eine andere Geschichte mit Smutje passiert, als wir mit der
Csarea in Melbourne waren. Der Kapitn hatte den deutschen Konsul
eingeladen und sagte zu Smutje: Wir geben ein Diner.

Dat knt wi jo don, Kaptein.

Awwer wie mten wat Ornlichs gewen, de Konsul kmmt.

Smutje setzte sich sofort aufs hohe Pferd. Bei solchen Anlssen kann er
alles.

Aber, meint der Kapitn weiter, wir wollen doch nicht so teure
Ausgaben machen.

Jo, Kaptein, denn gewen wi Aantjes (Enten), dat is doch so wat Good's,
un kost nich veel hier an Land.

Awwer, meint der Kapitn, dat is doch so 'ne Sak. Denn denken de Lud,
ik harr Geburtstag un se kreegen Aantjesbraten.

Dat laten Se man min Sorg sin, Kaptein, ik koop de Aantjes in 'n Sack.

Wie Nauke, der Schiffsjunge, das hrt, wickelt er mich in das erlauschte
Geheimnis ein.

Da hre ich, wie der Kapitn den ersten Steuermann einldt: Ich lad Sie
zum Diner ein.

Dank schn, Kaptein, dank schn.

Awwer de Kragen umbinnen, de Konsul kmmt.

Dank schn, Kaptein, sagte der Erste, und streicht schmunzelnd den
Bart. Dann geht der Kapitn zum zweiten Steuermann. Ich lad Sie ein,
heut abend um acht Uhr, der Konsul kommt.

Dank schn, Kaptein, sagte der Zweite und wischt schmunzelnd den
Handrcken lngs des Bartes.

Es war ein Sonnabend. Ich sehe die Enten da, wie sie in die Pfanne
gebracht werden. Ich sitze an der Luke und setze einen Flicken auf meine
Hose, tue, als ob ich nichts weiter vorhabe, beobachte heimlich die
Enten, die jetzt gerade mit Pflaumen und pfeln gefllt werden (das mag
ich ja so gern), und warte nur auf den Augenblick, wo Smutje nach
achtern geht und Zutaten holt.

Ich ahne gar nicht, da der Kapitn auf der Brcke sitzt, die Zeitung
liest und dabei die Enten unter Auge hlt. Er hat ein Loch in die
Zeitung gebohrt und peilt dadurch auf die Enten.

Mich konnte er nicht gewahren, weil Kapitn, Mast und ich in einer
Peilung stehen, aber da sieht er die berstehende Hose, an der ich
flicke, und auf einmal fliegt mir ein Lukenkeil ins Genick: Du
Spitzbube, du riechst wohl Heimatklnge? Hast dir die Bx zum Einpacken
gleich mitgebracht. Aber tw man!

Ich verlie also meinen Platz und brummte: Ich brauche Ihre Enten
nicht, ich habe mehr Enten gegessen in meinem Leben wie Sie. Dieser
Angriff war abgeschlagen.

Abends kommt der Konsul. Der Kapitn empfngt ihn. Man hat sich fein
gemacht zum Diner, Wsche angezogen und so weiter, die Ngel geputzt.
Der Konsul wird in die Kajte gebracht. Er ist der einzige, der eine
Serviette bekommt. Nauke und ich hatten uns auf den Lichtschacht gesetzt
und guckten zu, wie da die drei Enten auf dem Tisch lagen. Wir hatten
uns schon einen Bootshaken mitgebracht fr den Augenblick, wo sich der
Konsul verabschiedete, und ordentlich Tabak fr die Zwischenzeit und
warteten und hrten zu.

Der Kapitn a recht wenig und infolgedessen hielten sich auch die
Steuerleute zurck. Sie wurden berhaupt nicht gewahr, da die Enten
gefllt sind mit Plum und Appels.

Als sie fertig sind, werden die Enten nicht weggenommen. Smutje will sie
zwar abholen, aber der Kapitn winkt ihm ab. Wie der Konsul geht und der
Kapitn ihn hinausbringen mu, lt dieser mitrauische Geizkragen erst
die Steuerleute aus dem Raum gehen; sie htten sich sonst am Ende eine
Keule von dem Vogel herunterreien mgen. Der Kapitn befiehlt nunmehr
Smutje, er solle die Enten in die Pantry[5] setzen. Da ging uns ein
Licht auf!

Also der Konsul ging von Bord und der Kapitn sagte: Na, gute Nacht,
erster Steuermann, hoffentlich ordentlich satt geworden!

Dank schn, Kaptein, war die etwas zweifelnde Antwort.

Ebenso der Zweite.

Nach einer Weile wird's still.

Nun auf zur Pantry! Da konnten wir ja von Deck aus durch das Bullauge[6]
hineinlangen.

Wir warteten, bis alles zu Bett war, Smutje war nach vorn gegangen, dann
greife ich rein ins Bullauge.

Richtig: Ich hab' einen Vogel.

Ich taste ihn ab, hole mir erst mal die Fllung raus, ahne aber nicht,
da da in der Pantry der Kapitn drinsitzt und sich satt it. Ich lange
also von oben runter, hole die Fllung raus und stecke sie in die
Hosentasche, fhle auch, da drinnen ein anderer, noch ganzer Vogel ist
und nehme ihn weg.

Und als ich ihn halb hoch habe, da gewahrt das der Kapitn, wie der
Vogel hochgeht, und schreit, eine halbe Keule zwischen den Zhnen, voll
Entsetzen:

Min Vagel!

Er kriegt mich zu fassen und drckt mir den Arm runter. Ich konnte ja
auch nichts sagen und mute mich zusammenkneifen. Er rief: La den
Vogel los, langt aus dem Spind ein besseres Tauwerk fr
Liebhaberknpfarbeiten, bindet meinen Arm damit fest an den Messinggriff
der Schublade, um heraus zu kommen und sich zu berzeugen, wer der
Spitzbube ist. Nauke greift unterdessen in meine Hosentasche und holt
die Fllung heraus, damit die nicht durch die bevorstehende Keile auch
noch zerkloppt wird.

Der Kapitn kommt an. Ach so, du, Filax! Du magst keine Enten, nicht?
Aber Tauenden magst du!, holt das dickste Tauende und haut auf meinen
Ischiatikus.

An allen Gliedern hinkend schleiche ich mich schlielich nach vorn und
rufe: Nauke! Er kommt an ... Gib mir mal von der Fllung, Nauke! Da
hat der Kerl die Fllung aufgegessen. Na, so kaputt wie ich war, so
kriegte ich doch einen Wutanfall, und Nauke bezog an diesem Abend noch
ebensoviel Ischias, wie ich selbst.

brigens, Smutje ist doch mit dem Kapitn einmal auseinander gekommen
wegen einiger Schinken, die wir heimlich aus der Kajte
herausbugsierten, whrend der Kapitn den Smutje in Verdacht hatte, da
er sie beiseite geschafft htte. Schlielich war der Koch so gekrnkt,
da er in Newcastle vom Schiff weglief.

Nun war kein Koch, kein Smutje da. Die Kameraden wurden gefragt, aber
keiner von ihnen wollte Koch sein. Die Smutjes spielen sich im
allgemeinen furchtbar auf als unentbehrliche Personen, als ob sie die
einzigen wren, die ihr Fach verstehen. Dabei knnen sie zuweilen nicht
viel mehr als Erbsensuppe kochen und allenfalls ein paar Pfannkuchen
backen. Schlielich sagte der Kapitn: Wenn eben keiner Koch sein will,
dann mu ich einen kommandieren. Er fragte mich: Filax, kannst du
Water koken?

Ja, Kaptein!

Dann rin in de Kombs. Und wehe, wenn du die Arften (Erbsen) anbrennen
lt.

Ich war ganz erfreut, da ich Smutje wurde, dachte zuerst natrlich an
de Plums und Pannkauken. Mir wurde alles gezeigt vom zweiten Steuermann,
der heit an Bord der Specksnider, weil er das Salzfleisch und
Proviant herausgibt und verwiegt, als Vertrauensmann, der ein Examen
hinter sich hat und vor dem Gesetz verantwortungsvoll ist. Ick frett nu
so in de Plums herum, in de Appels, den gedrrten Ringpfeln, und lie
mir kaum Zeit, bei den Plums die Steine auszuspucken. Dann berholte
ich die Kajte vom Kapitn mal ganz genau; er hatte da Obst in Glsern,
und ich habe gleich zwei Flaschen mit Preiselbeeren den Hals abgedreht,
dann eine Dose Mixpickles und was ich da so fand. Ich dachte nur an das
Sattwerden: Du hest dat verdeent, Filax; wer weet, wie lang du Smutje
bliwwst, denn hest du din goode Dag' hadd.

Den ersten Tag habe ich dann Erbsen gekocht. Die gerieten sogar sehr
schn. Ich hatte gleich etwas Liebe darauf verwandt und einen
Schinkenknochen mit hineingesteckt, um mich beliebt zu machen, auch eine
halbe Flasche Rotspon (vom Kaptein) zugegossen. Da sagten der Kapitn
und die Leute: Ah, wat is dat fr 'ne feine Supp! Filax, bliw du man in
de Kombs, du versteihst den Kram.

Das machte mich gleich sicher, und am andern Tag brannten infolgedessen
die Erbsen an. Ich hatte gehrt, in solchem Falle gibt man Soda hinein,
wute aber nicht, wieviel. Da dachte ich: Tu mal ordentlich einen
Schlag rein, und so warf ich zwei Handvoll rein und wieder eine halbe
Flasche Rotwein hinterher. Da sagten sie: Filax, die sind ja noch viel
besser als gestern: die sind ja ordentlich smig worn. Wie hast du das
gemacht? Mensch, Filax, du bist ja der geborene Koch.

Aber ... um sechs Uhr abends, da hatte das Soda gewirkt. Ich flieg' aus
der Kombse, der Kapitn war drei Tage krank, und die Folge war; da
Nauke in die Kombse kam.

Ich war nun wieder der Verantwortung ledig. Nun nahmen wir fr die
Kajte Dauerwurst ber, die sollte fr die Reise in Segeltuch eingenht
und mit Kalk bestrichen werden, damit sie sich besser hielt. Dazu werden
die Leichtmatrosen genommen, weil die Meinung besteht, da sie die
ehrlichsten sind, noch nicht verdorben. Ich war fr so etwas nicht
beliebt.

Die Leichtmatrosen bekamen aber aus der Ferne einige geheime
Anweisungen. Da wurde ein Besenstiel zersgt, von der Wurst auf beiden
Seiten das Ende abgeschnitten, beiderseits an das Besenstielstck
angesetzt und das ganze dann fest in Segeltuch eingenht und verkalkt.
Der Kapitn hielt ber die 160 Wrste die Kontrolle ab, sah hinten und
vorn auf die Wurstenden, und sagte: Gott sei dank, Jungens, da ihr
noch ehrliche Kerls seid. Bei einem halben Dutzend der Wrste hat er
sich nachher beim Anschnitt aber verwundert.

Vier Wochen, nachdem Smutje weggelaufen war, bekamen wir ihn wieder. Da
hatte die Hafenpolizei ihn in einem Hotel aufgefunden, worein er sich
grospurig als Koch gesetzt hatte. Gewhnlich geht ja, wer ausrcken
will, erst am Tag vor der Abfahrt davon, da ist dann keine Zeit mehr zu
Nachforschungen.

  [Illustration:
  Die Mannschaft der Csarea, unter ihr Phylax Ldicke (vom Beschauer
  gesehen der zweite Mann von links in der mittleren Reihe der Stehenden).]

Die Schiffskost ist sehr einfach und gleichmig: Montags Erbsen,
Dienstags Bohnen, Mittwochs Erbsen, Donnerstags Kabelgarn
(Konservenfleisch), Freitags Bohnen, Sonnabends gibt es Graupen, Sonntag
ist der Tag des Herrn, da gibt es Plum un Klten (Pflaumen und Kle).
Am Sonntag besteht die Sitte, da jeder der Reihe nach einmal anfangen
darf, sich sein Teil aus der Schssel heraus zu holen. Derjenige der so
an der Reihe ist, der darf den groen Schpflffel, den Politikus, so
voll nehmen, wie er kann, damit sich jeder einmal ordentlich satt it;
aber dies Vorrecht hatte eben nur der, der anfing. Ich hatte lange
geklgelt, wie ich das wohl am besten machen sollte, wenn ich daran kam,
um oll Fischermann sin Shn zu sein, wie es von dem hie, der tchtig
viel fassen konnte. Und so hatte ich mir ein Verfahren ausgedacht. Wie
ich nun rankomme, da habe ich mit dem Politikus alles in der Suppe erst
mal in Drehung gebracht, in volle Fahrt. Die Suppe, worin die Plum un
Klten herumschwammen, war ein Brei, der von dem Lffel ja bald
herunterlief, wenn man zufate. Ich brachte also das Zeug in Bewegung,
drehte dann den Lffel in entgegengesetzte Fahrt und fate zu. Min God,
was hatte ich da fr einen vollen Lffel! Den Leuten, die da sagen
wollten, ich wre oll Fischermann sin Shn, denen blieb das Wort
ordentlich in der Kehle stecken. Aber was hatte ich davon? Jeder, der
nach mir rankam, nahm von jetzt ab meine Kltentheorie auch an.

In Melbourne wurde die Ladung gelscht und mit Ballast nach Newcastle,
dem grten Kohlenplatz Australiens, weitergesegelt. Hier wurden Kohlen
eingenommen mit der Bestimmung nach Caleta Buena in Chile.

Neujahr habe ich in einem chilenischen Gefngnis zugebracht. Das kam so.
Wir waren an Land und feierten Neujahr, den grten Feiertag in der
dortigen Gegend. Der Seemann feiert gern mit, aber er kann nicht viel
vertragen. So ging es auch mir. Als ich es endlich doch vorzog, an Bord
zu gehen, bildete ich mir ein, da ich in einer bestimmten Richtung am
schnellsten an Bord kme. Ich berkletterte deshalb eine Mauer ... und
landete in einem Schweinestall; er war ziemlich gro, die Schweine
grunzten mich an. Ich wei nicht mehr, wo ich bin und steuere nach einem
Laden zu, aus dem einige Lichtstrahlen herausdringen. Ich klopfe an den
Laden, worauf ein alter Mann herausruft: Was wollt Ihr? Ich sage:
_Buenas noches, Seor._ Das war alles, was ich auf Spanisch erklren
konnte. Er sagte: Warte ein wenig. Ich warte. Die Tr ging auf und der
Mann fragte mich, wohin ich wollte. Ich sage: Ich will an Bord.

Warte, ich werde dich an Bord bringen.

Der Mann ist sehr freundlich zu mir; in ein paar Brocken Englisch
versuchen wir uns zu verstndigen. Auf meine Frage: Ich komme doch ganz
sicher hier an Bord? antwortet er: Jawohl. Da fhrt mich der Mann zu
meinem grten Erstaunen in ein Haus, vor dem eine Polizeiwache steht.
Ich ahne noch nichts. Er bringt mich zur Wache hinein. Wie sich spter
herausstellt, hat er der Polizei erzhlt, ich htte ihm Schweine stehlen
wollen. Ich wurde festgehalten, protestierte stark; sagte Schweinerei,
ich will an Bord. Es ntzte nichts. Smtliche Sachen, die ich bei mir
hatte, wurden mir abgenommen. Ich kam in einen Empfangsraum, wo mehrere
Leute bereits auf dem Fuboden lagen, Seeleute und andere, berhaupt
alle, die das Neujahrsfest zu gut gefeiert hatten.

An den vier Wnden war eine schmale Bank zum Sitzen. Ich setzte mich
darauf, schimpfte noch, Mdigkeit berwltigte mich, ich schlief ein.
Mit einemmal wird die Tr aufgerissen und in hohem Bogen fliegt ein
Frauenzimmer herein, groen Spektakel machend. Ich wache auf, nehme
wenig Notiz und penne wieder ein. Diese Person schien nun den
geeignetsten Platz zum Schlafen auf der schmalen Bank zu finden, denn
als ich wieder aufwache, liegt sie mit ihrem Kopf auf meinem
Oberschenkel und schlft fest. Ich bin nicht wenig erstaunt und gehe
nicht sanft um mit dem zarten Geschlecht, sondern schiebe sie weg. Sie
fngt an frchterlich zu schreien: _Robadores, Carajo!_ Da kommt die
Wache herein, fragt, was los ist; Seora klagt mich an, ich htte sie
geschlagen. Der Kerl von der Wache packt mich und schmeit mich in einen
dunklen Arrest. Die Tr wird aufgeschoben, es geht steil hinunter. Ich
hatte noch keinen Halt, schiee nach vorn, da ich nicht stoppen konnte,
und falle ber Esel- und Maultierkummets in dicken Salpeterstaub. Ich
lege mich auf die Eselkummets und schlafe weiter.

Morgens wird eine Schssel hereingeschoben. Ich fhle in der Finsternis
mit den Fingern, was das ist, und merke: gesalzener Reis. Pfui Teufel!

Wenn ich blo wte, wie spt es ist. Da hre ich Ratten in meinem
Reispott; sie kmmern sich gar nicht um mich. Sie sind anscheinend die
Gesellschaftstiere dort und warten nur, bis wieder einer Dunkelarrest
bekommt. Ich denke, da ich bald herausgeholt werde. Aber ich sitze ein,
zwei, drei Tage und wei berhaupt nicht, woran ich bin. Endlich nach
drei Tagen holte mich der Steuermann heraus. Der Kapitn hatte zwar
erfahren, da ich in dem Kallabus sa, aber keine Eile gehabt, mich zu
erlsen: Ach Filax, der versumt ja nichts, wir haben doch drei
Feiertage.

In Chile wurde Kohle gelscht und Salpeter geladen. Beide Mal mute
jeder mit Hand anlegen, da es keine Arbeiter gab. Was war das fr eine
Hitze und unglaubliche Anstrengung! Es war so hei, da man es schon an
Deck kaum aushielt. Der dunkle Schiffskrper aber fing vollends die
Strahlen auf, dazu die Tropenhitze von auenbords und heie Ausstrahlung
der Kohle. Die Nasenschleimhute entzndeten sich infolge des trockenen
Kohlenstaubes. Wenn man erst Grund hatte mit der Kohlenschaufel auf dem
Schiffsboden, dann ging es; aber ehe man so weit war! Dazu die
furchtbare Schiffskost und die lange Arbeitszeit. Man war so dumm, da
man fr einen Schnaps, der vielleicht 10 Pfennig kostete, eine Stunde
lnger arbeitete.

Als in nicht minder harter Arbeit Salpeter geladen war, ging es nach
Plymouth. Auf dieser Reise wurde ich zum Vollmatrosen befrdert. Auf
amerikanischen Schiffen war ich schon vorher Vollmatrose gewesen, auf
deutschen mute ich aber wegen ungengender Fahrtzeit nochmals
Leichtmatrose sein. Nun wurde ich also Vollmatrose, da ich laut
Logbuch[7] die Oberbramsegel ganz allein festgemacht hatte.

Als wir zu den Falklandsinseln kamen, setzte ein mchtiger Orkan ein.
Erst konnten wir vor dem Wind wegsegeln. Das Schiff war ein guter
Lenzer, d. h., es lief gut vor dem Winde. Das Mitlaufen des Wassers am
Heck ist sehr verschieden, mitunter saugt es sich geradezu fest, andere
Schiffe werden es gut los. Anderseits darf man, wenn Sturm und See zu
stark werden, nicht zu lange vor dem Winde herlaufen (lenzen), sonst
kann man nicht mehr beidrehen. Verpat man den richtigen Moment, so geht
das Schiff dadurch verloren, da die See hinten ber das Deck luft und
von achtern bis vorn klar Deck macht und alles wegreit.

Wir lenzten also und standen in bangen Minuten, wenn die See von
hinten aufkam und dann rechts und links mitlief. Wir standen jetzt in
uerster Gefahr, da Brechseen ber das Schiff liefen, und steckten
alle Trossen, die wir hatten, achtern heraus, so da sich die See darin
verfing und brach.

Unser Schiff machte in diesem Orkan mit nur vier Segeln tchtige Fahrt,
denn wir liefen zehn Meilen durchs Wasser und noch mehr ber Grund.
Letzteres nennt der Seemann die Strecke, welche das Schiff noch durch
die See vorwrts geschoben wird, whrend durchs Wasser dasjenige
bedeutet, was lediglich durch die Segel vorwrts gebracht wird.

Nun kamen wir in das Zentrum des Orkans, das sich dauernd in einer
gewissen Richtung fortbewegt. Zuerst dieser wahnsinnige Sturm, und nun
im Zentrum pltzlich Totenstille, sternklarer Himmel, aber um uns her
rollt das Wasser von allen Seiten wie in einem kochenden Kessel. Drauen
aufgewhlt strmt es nach innen. Der Laie glaubt, im Zentrum wre der
Orkan am strksten, aber da herrscht gar kein Wind und gerade darum ist
hier die Gefahr am furchtbarsten. Denn das Wasser schiet und strzt aus
allen Richtungen an Deck, das Schiff hat beim Fehlen des Windes in den
kreuzweisen Seen keinen Halt mehr, und kann nur gerettet werden, wenn
man das Zentrum schnell passiert. Eine Bordseite nach der andern taucht
ins Meer und es ist die Frage, wie lange es die Takelage in dem Hin- und
Herschlingern der wechselnden Seen aushlt, ohne ber Bord geworfen zu
werden.

Wir verloren nun die ganzen Stengen von den Masten nicht durch den
Sturm, sondern eben durch das Schlingern. Nach einer halben Stunde,
whrend der uns die Seele frmlich aus dem Leib geschlingert wurde, sind
wir aus dem Zentrum, der Sturm setzt pltzlich wieder mit doppelter
Gewalt ein und alles aus der Takelage bis auf die Mars- und Unterrahen
kommt von oben, verfngt sich im Ruder, hngt drauen ber Bord. Das
Deck ist voll Wasser, und jetzt springt der Wind um 8 Strich herum ...,
wir hatten gerade zur rechten Zeit die Rahen gebrat. Wie durch ein
Wunder kamen wir so aus dem Orkan heraus. An Deck war alles kaputt
geschlagen, im Schiff stand hohes Wasser ... wir hatten aber durch das
lange Lenzen eine gute Meilenzahl hinter uns, was fr ein Schiff, das
nach Hause geht, ja doppelt viel wert ist. Tag und Nacht gab es zu tun,
durch Aufbringen von Notstengen die Takelage auszubessern.

Wir kamen also mit 120 Tagen Reise in Plymouth an, die Mannschaft
musterte ab und nur ich blieb an Bord mit dem alten Steuermann und mit
Nauke. Smutje verlie das Schiff. Die Ladung wurde gelscht, wir nhten
die Segel, setzten das Schiff instand, klopften Rost und taten alles, um
wieder reisefertig zu werden. Von Hamburg wurde ein Teil der Besatzung
geschickt. Den Rest derselben musterten wir in England an, aber es waren
nur Heizer und Trimmer, die noch nie auf einem Segelschiff gefahren
hatten. So war es eine jammervolle Besatzung und die wenigen Guten von
uns muten sich vollkommen einsetzen.

Der Schiffsboden, der durch die lange Fahrt mit Gras und Muscheln
bewachsen war, wurde im Dock gereinigt und neue Ladung eingenommen,
Kreide in Fssern. Infolge des groen Gewichts derselben war das
Zwischendeck freigeblieben. Nur hinten hatten wir eine Ladung Arsenik,
300 Gewichtstonnen in kleinen Fchen, die aber ihres schweren Gewichts
wegen nur geringen Raum einnahmen. So gab es eine ungnstige
Verstauung.

Mit diesem Schiff hoffte der Kapitn schnelle Reise nach Neuyork zu
machen. Aber wir hatten einen Sturm nach dem andern und kamen nicht
vorwrts. Die Trimmer und Heizer konnten weder steuern, noch Segel
festmachen. Sie bekamen mehr Heuer als wir, und wir sollten ihre ganze
Arbeit fr sie tun. Die Folge war, da man ziemlich derb mit den Leuten
verfuhr. Sogar unsre Hamburger Schiffsjungens, deren Pflicht es war, das
Logis instand zu halten und zu waschen, wollten dies nicht mehr fr
diese Dampferjochens besorgen, die weniger konnten, als sie selber.

Diese wahnsinnigen Strme! Endlich kommt Weihnachten, und zum erstenmal
ist es schn Wetter und gnstiger Wind. Wir haben nach langer Zeit
wieder Bramsegel stehen. Es war ein wunderbares Gefhl, einmal trockenes
Deck zu haben. Der Kapitn sagte: Das ist ein Zeichen von Gott, wir
wollen auch ordentlich Weihnachten feiern.

Wir bauen einen Weihnachtsbaum nach alter Seemannsweise aus einem
Besenstiel, schmcken ihn mit buntem Papier, Staniol und Flittertand,
beschenken uns jeder mit einem Pfund Tabak, der Kapitn schickt uns
einen Schinken und eine Bowle nach vorn. Als die Lichter angezndet
sind, geht eine Abordnung nach achtern, wnscht dem Kapitn frohe
Weihnachten, eine gute Fahrt, und bittet ihn, sich den Baum anzusehen.
Der Kapitn kommt nach vorn, Smutje bringt die Bowle; und wir stehen da,
haben unsre Mock (Trinkgefe) klar, um auf das Wohl des Kapitns
anzustoen; da auf einmal fllt eine weie Be von vorn ins Schiff.

Sie heit wei߫, weil sie bei ihrer Annherung nicht zu sehen ist.

Sie kommt direkt von vorn, das Schiff macht Fahrt ber den Achtersteven,
die Vorstengen krachen ber Bord, da eine Rahe durch meine Koje rast,
die Grostengen gehen ber Bord, alles strzt zusammen, nur die
Untermasten stehen noch.

Wir hinaus, sehen das Tohuwabohu an Deck, rechts und links hngt die
groe Takelage herunter. Der Kapitn strzt zum Ruder, da liegt der
Rudersmann unter dem Rad, total zerschlagen. Er starb zwei Tage spter.

Jetzt begann der Kampf mit dem Element. Mit xten und Beilen wurde
gekappt, die Segel an den Unterrahen, die einzigen, die oben geblieben,
muten in den Wind geprat werden, um das Schiff berhaupt zu halten.
Nach vier Stunden harter Mhe waren wir so weit, da wir das Schiff
einigermaen in der Hand hatten. Da dabei keiner totgeschlagen wurde,
whrend die Brechseen fortwhrend ber das fhrungslose Schiff rollten,
war ein wahres Wunder.

Die schlechte Mannschaft hatte sich einfach verkrochen; die Wut auf sie
war so gro, da sie sich nicht sehen lassen durfte. An Bord wird nicht
gefragt, wie lange Arbeitszeit ist, da gibt es keine berstunden. Bei
Gefahr mu jeder heran. Der Matrose schickt keinen Jungen nach
gefahrvollen Stellen hin, sondern er geht selbst, das ist ihm
Ehrensache. Das Deck hatten wir einigermaen klar, der Sturm steigert
sich allmhlich zum Orkan. Wir kmpfen uns durch die ganze
Weihnachtsnacht und den ersten Feiertag. Am zweiten Feiertag nachmittags
vier Uhr bricht das Zwischendeck zusammen infolge der schweren
Arsenikladung. Mehrere Nieten sind gesprungen und das Schiff leckt
stark. Alle Mann eilten, den Arsenik umzustauen, viele Fsser waren
zerborsten. Wir wuten gar nicht die Gefahr, in der wir arbeiteten. Denn
in diesem Arsenikstaub bekamen wir alle die furchtbarsten Entzndungen.
Wir wurden davon frmlich dick und aufgeschwemmt nach einigen Tagen.
Kurz und gut, der Arsenik wurde getrimmt, und dann ging der Kampf mit
dem Element weiter. Das Schiff liegt vorn ganz tief. Beim Peilen stellt
der Zimmermann drei Fu Wasser im Schiff fest. Klar bei Pumpen. Wir
pumpen und pumpen, aber das Wasser nimmt zu, wie drauen der Sturm. Um
uns frisch zu halten, gab es dauernd Sprit. Wenn durchgehalten werden
mu, heit es seemnnisch: Hei geit op Sprit. Wir wuten genau, da es
fraglich war, ob wir durchhalten konnten, pumpten aber, was wir
vermochten.

Da fegt auf einmal eine Brechsee mit voller Macht ber Deck und nimmt
die ganze Kombse weg; unser Koch, der gerade Kaffee fr uns klar hielt
und die Beine ber die Herdgelnderstangen liegen hatte, um sich zu
wrmen, geht ber Bord, mit ihm Herd, Kessel, Potten und Pannen und der
Kohlenkasten. Im letzten Augenblick saust der Koch heraus, hlt sich am
Kombsenschornstein fest und will gerettet werden. Wir konnten seine
Schreie im heulenden Sturm nicht hren. An Rettung war nicht zu denken.
Ich hre noch, wie ein alter Segelmacher neben mir schreit: Smutje,
holl di fast. Kohlen fr die Reis' zum Dwel hest du ja.

Das ging mir durch und durch, den eignen Tod vor Augen. ber
achtundvierzig Stunden standen wir an den Pumpen. Wenn man wenigstens
gesehen htte, da es half; aber das Wasser stieg immer hher. Wir
konnten nicht mehr. Durch den Schnaps waren wir auch ermdet. Wir waren
fertig.

Der Kapitn stand da: Wenn ihr nicht mehr wollt, dann schmei ich mit
der Harpune nach euch. Da ruft eine Stimme von achtern: Achtung,
Brecher! Wir konnten an den Pumpen nichts sehen, hrten es aber schon
rauschen. Da kommt die Brechsee mit solcher Gewalt, da sechs Mann von
den Pumpen losgerissen werden; zwei gehen gleich ber Bord, einer wird
gegen die Wanten geschlagen, verliert einen Arm und wird ber Bord
gesplt. Einem anderen wird der Schdel eingeschlagen, und einer liegt
mit zerschmetterten Knochen da, rollt an Deck hin und her. Ich habe
Unglck, das auf der anderen Seite Glck war. Die Brechsee drckt mich
zwischen den losgerissenen Reservemast beim Pumpenrad, mein Bein wird
dazwischen gepret und bricht.

Wir knnen nicht mehr pumpen. Das Schiff rollt hin und her. Die
Wassermassen splen an meinem zerbrochenen Fu; ich war festgeklemmt,
und so wre ich beinahe an Deck ertrunken. Der Reservemast hatte sich
fest geblockt, und mein Bein war dazwischen. Der Steuermann und ein
Matrose befreien mich mit einem Brecheisen, der Kapitn lt mich in die
Kajte kommen. Der Stiefel wird aufgeschnitten. Der Kapitn sieht sich
die Sache in Ruhe an und sagt: Sieben Mann haben wir verloren, mehr
drfen wir nicht verlieren. Timmermann, nu pa god op. Er tat
sorgfltig einen Taustrop um den Fu, setzte einen Flaschenzug an,
befestigte das eine Ende an der Bfettschublade; Steuermann und
Zimmermann mssen ganz langsam ziehen. Der Kapitn als erfahrener Mann
berwacht die Sache und gibt seine Befehle: Hol noch etwas! Noch ein
wenig! Noch einmal! So! Ik glv, de Foot is wedder op sin Platz. Es tat
weh, aber auf diese seemnnische Weise wurde vermieden, da das
Zusammensetzen der gebrochenen Teile ruckweise geschah. Jetzt ist es
gut. Dann sagte er: Timmermann, nu guck her. Nimm ein ordentliches
Kernholz, mi die Wade und pack sie zwischen Holzbacken.

Zwei ausgehhlte Hlzer umfaten das Bein vollkommen, Schraubengewinde
kamen hinein und schnrten das Holz zusammen. So hatte ich Halt, konnte
auftreten und hatte geringere Schmerzen, da der Sttzpunkt des Beines
nach oben verlegt war.

Unterdessen wurde der Zustand des Schiffes immer hoffnungsloser. Es
blieb nichts anderes brig, als Klar bei Boote!

Ein Boot ging mit dem ersten Steuermann, eins mit dem Kapitn. Sie
wurden an langen Tauen ber Bord geworfen, whrend die See mit l
beruhigt wurde. Ein Mann nahm ein Tau um sich, sprang ins Wasser und
schwamm zum Boot hin. Der nchste sprang nun an dem Tau ins Wasser und
wurde vom ersten ins Boot hineingeholt.

  [Illustration:
  Wrack der Csarea, bei den Bermudas angetrieben und eingeschleppt.]

Als die Boote besetzt waren, trieben wir vom Schiff ab, das Boot nur mit
den Riemen gegen die schwere See haltend, denn an ein Vorwrtsrudern war
ja nicht zu denken. Tag und Nacht wurde diese Aufgabe von uns verlangt,
solange der Sturm anhielt, damit das Boot nicht querschlug. Trotz meinem
gebrochenen Bein konnte auf Schonung nicht geachtet werden. An Proviant
war nur etwas Hartbrot, stark von Salzwasser durchtrnkt und eine
sprliche Ration frisches Wasser vorhanden. Die bittere Klte und die
schlaflosen Nchte erschpften den Krper derart, da man sich am
liebsten den Tod gewnscht htte. Vier Tage haben wir uns zunchst so
durchgekmpft. Endlich, am vierten Tage, wird ein Dampfer gesichtet.
Frohe Hoffnungen steigen auf. Alle Krfte werden noch einmal
zusammengenommen. Ein Beinkleid wird an den Riemen angebunden, um uns
erkenntlicher zu machen. Gespannt sehen wir auf den Dampfer. Sieht er
uns oder nicht? Wir bilden uns schon ein, da er Kurs auf uns hlt, dann
aber, nach lngerem Warten, mssen wir uns von den Tuschungen befreien,
da der Dampfer immer mehr aus Sicht kommt. Diese Hoffnung auf Rettung,
die sich nun als vergeblich herausstellte, nimmt uns alle Energie und
den Willen, weiter zu leben.

Der Kapitn als erfahrener Mann redet uns Mut zu mit der Bemerkung:
Smit ju junges Leben nich so weg, kikt op mi ollen Kerl, hollt dr,
Jungs, und mokt nich slapp.

Er mute uns abhalten, da wir nicht Seewasser tranken, was unseren
Untergang beschleunigt htte. Wir waren so durstig, da wir an den
Hnden saugten, um die Speichelabsonderung zu beleben.

Glcklicherweise wurde das Wetter einigermaen ruhig, so da wenigstens
ein Teil im Sitzen schlafen konnte. Die sprliche Ration an Wasser nach
all den langen Entbehrungen entkrftete uns aber derart, da wir selbst
die Riemen kaum noch bedienen konnten. Wir wuten, wenn nicht Rettung in
nchster Zeit kam, waren wir verloren. Wir kommen schon auf die Idee,
ein Los zu ziehen, wer sich von uns zuerst opfern soll, damit wir an
dessen Blut unseren Durst lschen. Jeder beschftigt sich in Gedanken
mit dieser Idee, keiner wagt sie jedoch auszusprechen, jeder schreckt
davor zurck, da ja keiner wei, wen das Los treffen wird, und ob er
selbst nicht zuerst drankommt.

Bis zum spten Nachmittag hatte der Kapitn mit seinen Ermutigungen
Einflu auf unser Leiden, bis wir schlielich dem geringen Rest unseres
Trinkwassers nicht mehr widerstehen konnten, ber den wir herfielen, um
ihn mit einem Male auszutrinken. Uns war es einerlei, was danach kam.

Am nchsten Morgen wird ein Dampfer gesichtet. Sichtet er uns oder
dampft er wieder an uns vorbei? Wir winken matt, und tatschlich, er
kommt auf uns zu.

Die herrliche Stimmung: Rettung!

Aber in demselben Moment verlt uns auch der letzte Funke von Energie.
Wir fallen hintenber und warten auf die Dinge, die da kommen sollen.
Der Dampfer -- das italienische Schiff Maracaibo -- lt seine
Sturmleitern herunter, an denen wir heraufklettern sollen, aber
unmglich. Unmglich, berhaupt sich aufzurichten! Wir berlieen uns
dem Retter, mochte er jetzt mit uns machen, was er wollte. Der Dampfer
mute die Ladebume ausschwenken und uns an Taustroppen wie ein Stck
Ladung hochheien. Wir sind nicht davon aufgewacht. Wie wir an Deck des
Dampfers gebracht worden sind, ist uns nicht mehr in Erinnerung.
Sechzehn Stunden hintereinander haben wir geschlafen, ohne zu wissen, wo
wir waren.

Als mein Bein aufgemacht wurde, war alles schwarz, und sie meinten, es
wre der Brand hinzugekommen, verheimlichten es mir aber.

Als wir in Neuyork sind, komme ich ins deutsche Hospital. Der junge Arzt
sieht sich den Knochen an, der offen daliegt in der Wunde, beklopft den
Knochen und geht kopfschttelnd fort, in der Meinung, da Brand
eingetreten wre. Aber der alte Professor, der am anderen Morgen kommt,
sagt: Nein, das Bein ist gut. Das Blut war gestockt, die Gelenkbnder
waren gerissen, eine groe Blutstauung von innen nach auen getreten,
und davon war das Bein so schwarz geworden.

Als ich nach acht Wochen das Hospital verlassen hatte, kam ich auf den
kanadischen Dreimastschoner _The flying Fish_. Wir gingen mit einer
Holzladung nach Jamaika. Kurz vor der Ankunft dort brach ich mir durch
eine Unvorsichtigkeit beim Lukenffnen abermals das Bein.

Da ereignete sich etwas, das viele Jahre spter fr mich von Bedeutung
sein sollte. Als ich Seeoffizier auf Seiner Majestt Schiff Kaiser war
und Majestt allerhand erzhlen mute von meinen Abenteuern, da fragte
er mich eines Tages: Luckner, wann ist es Euch denn eigentlich am
schlechtesten ergangen?

Als ich auf Euer Majestt Schiff >Panther< war!

Plessen, der korrekte alte Herr, sah bei dieser Bemerkung gestreng
darein; Majestt selbst lchelte und sagte: Donnerwetter, das erzhlen
Sie mal ...

Also, ich hatte mir auf dem kanadischen Schoner das Bein gebrochen und
man brachte mich in Jamaika ins Lazarett, wo ein Gipsverband angelegt
wurde. Ich kam nur mit Beinkleid, Jacke und einem Stiefel an, alles
brige war auf dem Schiff geblieben. Nach vierzehn Tagen fragte mich der
Lazarettinspektor, ob ich auch ein Guthaben auf dem Schiff htte. Ja,
sagte ich, sechs Pfund. Na, dann ist es ja gut. Eine Woche spter
schickte er nach dem Konsulat, um das Guthaben holen zu lassen. Da hie
es denn: Sie haben ja nur drei Pfund Guthaben. Das Schiff war weg, der
Kapitn hatte nicht nur mein Zeug mitgenommen, sondern auch das halbe
Geld einbehalten. Ich besa auer dem, was ich auf dem Leibe trug,
nichts mehr. Deshalb warf man mich einfach aus dem Hospital hinaus.

So lag ich mit meinem gebrochenen Bein im Gipsverband auf der Strae.
Ich verschaffte mir einen Stock und ging dann an den Strand. Dort schlug
ich mein Quartier auf und deckte mich mit Sand zu.

Mit dem Quartier war ich soweit zufrieden, aber am nchsten Tag erhob
sich die Frage: wo etwas zu essen zu bekommen wre.

Zunchst nhrte ich mich von Kokosnssen, aber das halte der Teufel aus,
wenn er davon leben soll. Ich habe zwei, drei Tage so durchgebracht.
Endlich kam ein Dampfer. Jamaika ist kein Endhafen wie Hamburg, London
oder Rotterdam, wo die Schiffe ihre Reise beendigen und neue Mannschaft
anheuern. So konnte man nicht damit rechnen, ohne weiteres ein Schiff zu
bekommen. Die Erfahrung hatte ich noch gar nicht gemacht.

Da kommt also der Dampfer herein. Ich bemhte mich gleich, an Bord zu
kommen mit meinem Knppel und Gipsverband. Ich besa keine Mtze, war
unrasiert und ungewaschen, mein Gesicht so verbrannt, da die Hautfetzen
herunterhingen; dazu das lange ungeschnittene Haar, ich sah ziemlich
verboten aus.

Das Schiff war dabei, Kohlen zu lschen, und zwar in Scken. Da gehe ich
an Bord und will den Steuermann sprechen. Der weist mich mit einem
derben englischen Schimpfwort ab. Wie siehst du Schwein aus? Was willst
du hier auf diesem Dampfer?

Herrgott, ging mir das nahe. Dabei war es nur ein Kohlenschiff.

Wie ich wieder am Kai bin, nehme ich mir einen leeren Kohlensack mit,
ohne genau zu wissen, was ich damit wollte.

Ich gehe wieder an Land und habe wahnsinnigen Hunger. Ein Neger
schneidet mir auf meine Bitte den Gipsverband los. Bald macht sich aber
der Nachteil fhlbar, denn die Strahlen der Tropensonne brannten das
Bein und verursachten tchtige Schmerzen. Da hat mir der Kohlensack
brave Dienste geleistet, indem ich ihn ums Bein nhte. Nachts diente er
als Kopfkissen.

So verbrachte ich drei weitere Tage mit Kokosnssen und Bananen. Wie ich
da lngs eines kleinen Flusses humple, der auf der andern Seite der
Stadt flo, komme ich in ein Bambusrohrgebiet. Dort sitzt ein alter
Westindienneger und schneidet Bambus. Da ich mein Schiffsmesser noch
habe, bin ich ihm behilflich. Am Abend gibt er mir sechs Pence fr
Essen. Wie ich ihm erzhle, was mit mir los ist, scheint er es nicht
recht zu glauben und betrachtet mich sehr mitrauisch. Schlielich frage
ich ihn nach Quartier, ich wnschte gern weiter mitzuarbeiten, aber er
wollte nicht recht darauf eingehen. Er murmelte allerlei von erst mal
sehen und dergleichen, bot mir aber endlich seinen Wagenschuppen zum
bernachten an, nicht etwa seine eigene Htte, wenn diese auch nur im
Negerstil war.

Ich machte keine Ansprche und bettete mich mit ein paar Matten zwischen
die Negerkarren. Man glaubt nicht, wie es anstrengt, dauernd unter
diesem feuchten Tropennachthimmel zu schlafen, ganz klamm vor Nsse. In
meiner Schilfrohrbude liefen die Riesenkakerlaken zu Hunderten umher;
das knisterte ununterbrochen. Danach jagten die Ratten. Kein Tier ist
mir widerlicher als die Ratte. Dennoch schlief ich, denn ich war
hundemde.

Am Morgen gab mir der Neger etwas Maisfutter und dann ging es wieder an
die Arbeit. Wie ich nun da Bambus schneide, sehe ich ein weies Schiff
sich dem Hafen nhern. Aus war es mit dem Bambusschneiden und stracks
zum Hafen. Jedes Schiff, das hereinkam, war ja eine Hoffnung fr mich.

Als ich nun auf die lange Pier[8] hinauskomme, ist es mir wie ein Schlag
ins Gesicht. Ein schimmernd weies Schiff, wie eine Jacht, zwei
Schornsteine ... und zum allerersten Male im Leben sehe ich ein
deutsches Kriegsschiff! Es war der Panther, wunderbar kraftvoll und
strahlend wie ein geharnischter Bote des Vaterlandes durchschnitt er die
See und hielt auf die Pier zu.

In solchem Aufzug, in solcher Verfassung soll ich die deutsche
Kriegsflagge zum erstenmal sehen?! Ich hatte mich noch nie von Scham so
niedergedrckt gefhlt. Das war ein deutsches Kriegsschiff, so sauber
und blank; Mensch, wie siehst du dagegen aus.

Mein Aufenthalt hier kam mir jetzt wie eine Verdammnis vor. Aber ich
konnte mich doch nicht enthalten, mich ans Ende der Pier zu setzen, um
Landsleute sprechen zu hren.

Da kommen vier Herren an, weies Zeug, weie Mtze, weie Schuhe;
Offiziere! Sie gehen vorbei, keiner hat einen Blick fr mich. Da sag ich
mir: Mensch, Phylax, solch feiner Kerl wolltest du in deinen Trumen
auch einmal werden, was hast du da fr eine Phantasie gehabt. Ich
heulte los. Kann ich etwas dafr? Ja, wenn der Englnder mich so vom
Schiff heruntergejagt hat und auch meine Landsleute verachtend
vorbeigehen, das mu wohl die Strafe sein fr mein Weglaufen von der
Schule. Ich kam mir ordentlich schuldbewut vor, der ich sonst so stolz
war auf meinen Beruf. Ich ging langsam fort von der Pier.

  [Illustration: S. M. S. Panther.]

Nachmittags sehe ich mehrere Matrosen an Land; einen riesigen Kerl
darunter hre ich stark schseln. Da machte ich mich an ihn heran:
Halloh, Landsmann!

Ich habe mich nie so zusammengenommen, zu schseln, als da, wo ich von
dem guten Mann Rettung erwartete.

Es war ein Heizer vom Panther und stammte aus Zwickau. Ich erzhlte
ihm mein Erlebnis und bat, ob er ein bichen Brot fr mich htte.

Ei freilich, sei nur heute abend um sechs am Ende der Pier, jetzt habe
ich nicht mehr Zeit, ich mu an Bord.

Ich stelle mich schon eine Viertelstunde frher ein, damit der Mann
nicht umsonst dahin luft, falls es eine Uhrdifferenz gibt. Er kommt und
drckt mir ein deutsches Schwarzbrot in die Hand; wie wunderbar das tat!
Ich bi ohne anzuschneiden hinein und dankte dem Mann. Er sagte gleich,
ich sollte jeden Abend um sechs da sein, und ich sagte: Was bist du fr
ein feiner Kerl! Mehr konnte ich nicht sagen, aber da lag auch alles
drin.

Ich ging wieder auf meinen Schlafplatz und arbeitete mein Schwarzbrot
hinunter, Bissen fr Bissen. Heimatshoffnung lag in dem Geschmack.

Am nchsten Tag gehe ich wieder hin: Mensch, kannst du mir nicht eine
Mtze besorgen, oder wenigstens ein paar Schuhe? Er antwortete: Morgen
ist Sonntag, da kommst du an Bord. Ich mochte nicht recht, aber er
redete zu, und ich schleiche mich am Sonntag nachmittag um 3 Uhr wie ein
Verbrecher hin. Da sitzen sie auf der Back und trinken Kaffee mit
Kuchen! Da steht eine Kanone unter Segel. Ich versuche immer darunter zu
schielen, um einmal eine Kanone zu sehen. Wie ich da so sa und recht
befangen war, kam es mir vor, ich armer linkischer Kerl wre in einem
feinen Haus bei wohlhabenden Leuten.

Da geht der junge wachhabende Offizier ber Deck, sieht mich sitzen. Die
Leute springen auf und nehmen militrische Haltung ein. Auch ich stehe
auf und versuche meinen Kohlenfusack zu verdecken. Da ruft der
Offizier: Bootsmaat der Wache!

Herr Leutnant!

Schmeien Sie mir das Individuum da von Bord und passen Sie ein
andermal besser auf, da solch Gesindel nicht an Bord kommt.

Der Mann von der Wache kommt auf mich zu. Machen Sie, da Sie runter
kommen!

Die Leute, die mich schon etwas kannten, murmeln allerlei und einer
raunt mir zu: Filax, pa auf, du hast morgen feines Zeug!... Dem
Leutnant klau ich seine Bx und seine Mtze, die hast du morgen.

Schmeien Sie das Gesindel von Bord! Das Wort klang in mir nach. Wie
war mir zumute! Das hat mir Wunden gefressen! Wo ich Muttersprache
hrte, wo ich unter deutscher Flagge war, nach der ich mich immer
gesehnt hatte, und nun werde ich von dem Offizier, der mich sieht, da
heruntergeworfen. Verbittert schlich ich mich nach der Pier, um von
keinem mehr gesehen zu werden, und immer wieder klingt's in meinem Ohr:
Schmeien Sie das Gesindel von Bord!

Meine Freunde auf dem Panther hatten mir noch Biskuits in die Tasche
gesteckt. Du bist morgen um sechs wieder da, hatte der Heizer gesagt.
Ich war natrlich wieder da, bekam mein Schwarzbrot und sollte um 10 Uhr
noch einmal kommen. Um diese Zeit schleichen zwei Gestalten die Pier
herunter; was tragen sie? Segeltuchschuhe, eine blaue Hose, eine
Marinemtze, Strmpfe, Hemden usw. Nun mach dich fein, Filax!

Solche Freude habe ich in meinem Leben noch nicht wieder empfunden.
Jetzt besa ich etwas, womit ich weiter vorwrts kommen konnte. Jetzt
durfte ich mich auf jedem Schiff vorstellen ...

Als ich das viele Jahre spter dem Kaiser auf seinen Wunsch erzhlte, da
guckte er mich so merkwrdig an und bemerkte zu den Anwesenden: Was
wrde fr eine Poesie fr ihn darin liegen, wenn er jetzt wieder auf den
>Panther< kme!

Keine paar Monate vergingen, und ich erhielt das Kommando auf Panther.

Das erste, als ich an Bord des Panthers kam, war, auf die Back zu
gehen, auf das Vorschiff, dorthin, wo man damals gesessen hatte als
dankbarer Gast liebevoller Matrosen und Heizer. Wie deutlich berkam
mich die Erinnerung, wie ich damals als Gesindel heruntergewiesen wurde.
Jetzt stand das Individuum hier als Offizier kommandiert. Wenn ich an
Land ging, trug ich weie Schuhe und weie Mtze -- der Traum hatte sich
verwirklicht --, und wenn ich an das Ende einer Pier kam, so sah ich
mich unwillkrlich nach rechts und links um, ob da nicht einer se, der
unschuldig heimatlos geworden war. Wie manche Stunde habe ich mich
hingesetzt, ganz allein, und mir aus der Ferne den Panther betrachtet,
oft so vertieft, da einem die Vergangenheit deutlicher vor Augen stand
als die Gegenwart. Welch ein weltenferner Abstand ist doch zwischen
Mensch und Mensch, zwischen den weien Schuhen und dem Kohlensack; nie
mehr im Leben htte ich damals geglaubt, in jene Sphren zu passen. --

Mein dem Leutnant geklauter guter Anzug verschaffte mir indes nun
zunchst eine vierwchige Anstellung beim Kaiinspektor. Ich durfte
behilflich sein, bei den ankommenden Schiffen die Leine festzumachen.
Ich wurde gut bezahlt, hatte mein regelrechtes Essen und strkte mich
auch moralisch, wurde wieder ein ganzer Kerl. Ich war gar nicht mehr
besorgt, ein Schiff zu bekommen, denn ich hatte nun gewissermaen die
Empfehlung des Kaiinspektors.

So kam ich auch bald auf den Schoner _Nova Scotica_, der zwischen den
westindischen Inseln fuhr.

Der Leser hat sich vielleicht schon gewundert, da ich so lange ohne
Unterbrechung im Matrosenleben stand, ohne mir eine kleine Abschweifung
zu gnnen. Ich will deshalb ruhig gestehen, da ich zwischendurch einmal
ein paar Tage lang mexikanischer Soldat gewesen bin und das Hinterportal
am Schlo des groen Porfirio Diaz, des Diktators, unter welchem Mexiko
seine goldenen Tage gehabt hat, bewachen half. Am Vorderportal standen
allerdings nur eingeborene Truppen. Diese erste Bettigung im
kriegerischen Handwerk entstand aus einem Ausflug. Unser Schiff lag
nmlich einige Zeit unttig in Tampico. Da bat ich mit einem
Schiffskameraden den Kapitn um Urlaub. Das wildromantische Leben der
Gauchos mit ihren fabelhaften Viehherden, Lassos, schnen Pferden und
noch schnerem silberstrotzenden Zaum- und Sattelzeug hatte es uns
angetan. Ein Deutscher stellte uns zwei Pferde zur Verfgung, und so
tummelten wir uns eine Zeitlang allen Verleumdungen, da der Seemann
nicht reiten knne, zum Trotz.

Der Ausflug dauerte ein paar Tage ber den Urlaub hinaus, und als wir
zum Hafen zurckkamen, war unser Schiff abgefahren. Es wird einem nun in
jenem von der Natur so begnstigten Land nicht schwer gemacht, sein
Leben zu fristen. Man braucht sich nur auf den Markt zu stellen und
einige Handreichungen zu tun, so hat man schon sein Essen verdient und
noch ein Stck Silbergeld fr die Spielhlle brig. Nachdem wir das
Marktkorbtragen ber hatten, lieen wir uns, wie gesagt, beim Militr
anwerben. In Mexiko kann jeder Soldat werden, Ausbildung gibt es nicht,
allerdings auch nur drftiges Quartier. Die Dienstauffassung ist
gemtlich. Nach ein paar Wochen nahmen wir unsern Abschied aus der Armee
und halfen einige Zeit bei einem Bahnbau im Innern Sand und Erde nach
der Baustelle fahren und Schwellen auf den leeren Wagen
zurcktransportieren. Italiener, Polen, Deutsche und Englnder waren
dort unsere Kameraden. Dann lebten wir eine Zeitlang bei einem Deutschen
namens Fede Lder auf der Farm, zchteten Geflgel und handelten mit
Frchten.

  [Illustration:
  ... nahmen wir unsern Abschied aus der Armee und halfen bei einem
  Bahnbau im Innern Mexikos Sand fahren.]

Die Bummelei durch Mexiko endete zuletzt damit, da wir uns in Veracruz
auf einem Petroleumdampfer anheuern lieen. In Havanna musterte ich ab
und kam auf einen Norweger. Da ging es wieder die alte Trip
Neuyork-Australien. Mein Leben hat mich immer wieder nach Australien
gefhrt. Dann fuhren wir weiter nach Honolulu, Vancouver und von dort
mit Holz nach Liverpool. Auf dieser Reise habe ich gut Norwegisch
gelernt, ohne zu ahnen, wozu ich es spter einmal ntig gebrauchen
wrde. Auf meinem ersten Schiff, der Niobe, hatte ich auer Russisch
und Finnisch erst etwas Schwedisch gelernt.

Von Liverpool kam ich nach Hamburg. Dort verkehrte ich bei Mutter
Schroth, in einer alten Stammwirtschaft. Es gab darin nur drei, vier
Tische, sonst wurde das Bier stehend an der Bar getrunken. Die Schroth,
eine richtige alte Seemannsmutter, sorgte in ihrer Art rhrend fr uns,
klagte aber viel ber Asthma, denn sie war etwas umfnglich geworden.
Sie wollte gern einmal in ein Bad fahren. Da machte ich ihr mit meinem
besten Schiffsmaaten Uhlhorn den Vorschlag, sie sollte ruhig fortgehen,
wir wrden die Wirtschaft schon bernehmen.

Knnt ihr das denn auch? fragte sie.

Ja, aber gewi, Mutter Schroth.

Das Geschft war auch ganz einfach zu handhaben, denn es gab ja nur Bier
aus Flaschen. Das Essen wurde aus einer Speiseanstalt gebracht, gleich
warm in Eimern, zwei Portionen fr eine Mark zwanzig. Man hatte nur um
die Gste zu sein und zu sorgen, da sie Bier tranken, indem man ihnen
dabei Gesellschaft leistete. Abends kam ein blinder Handharmonikaspieler
und brachte Stimmung in die Gste. Hinten war ein kleiner Verschlag mit
einem Sofa und einem Petroleumofen, auf dem man Grog brauen konnte. Dort
schlief Mutter Schroth.

Uhlhorn & Phylax hie die Wirtschaft, in Vertretung von Mutter
Schroth.

  [Illustration: (Mit Genehmigung der Firma Wilh. Junge, Altona.)
  ... Uhlhorn & Phylax hie die Bierwirtschaft.]

Der Betrieb geriet auch gleich in vollen Schwung, die Seeleute kamen,
und die, welche eintraten, wurden ordentlich verankert. Denn jeder
konnte ja Geschichten vertellen. Voll Haus wurde und viele Kasten Bier
muten heran. Am nchsten Tag war der Fuhrmann erstaunt, da er das
Doppelte an Bier abladen mute. Die Firma blhte also auf, und Mutter
Schroth konnte ihre Entfettungskur in Karlsbad ordentlich vornehmen.
Aber nur mit der Abrechnung wollte es nicht stimmen, wir hatten am
nchsten Morgen Unterbilanz.

Wir malten nmlich jede Flasche Bier, die getrunken wurde, mit Kreide an
die Wandtafel. Das ging auch ganz gut, solange wir selber nchtern
waren. Aber wenn die allgemeine Stimmung auf die Hhe kam, bettigte
sich in der Stille irgendein guter Maat, indem er ein paar Striche
einfach wieder weglschte. Vier Wochen hatten wir die Wirtschaft, die
Einnahmen waren gleich Null. Die zehn Prozent, die wir Mutter Schroth,
wie vereinbart, abgeben muten (was darber war, durften wir behalten),
gaben wir aus unserer Tasche und zogen uns aus der Branche wieder
zurck.

Wenn Jan Maat an Land etwas unternimmt, so fehlt ihm meistenteils die
Ausdauer. Er verliert, wenn er das Festland verlt, auch den
Zusammenhang mit dem meisten, was dort wichtig genommen wird. Kommt er
nach Monaten in einen fremden Erdteil, so begehrt er Nachrichten aus der
Heimat, die schon alt sind, wenn er sie erhlt, aber die Neuigkeiten des
betreffenden Landes interessieren ihn gar nicht. Er lernt philosophisch
denken ber den Wert der jeweiligen Gegenwart, ihrer Moden und ihrer
Geschfte, und empfindet, da die See ihm als besondere Gunst immer
wieder die Kraft gibt, von dem nichtigen Tagestreiben sich zu den
einfachen, groen Stimmungen des Lebens emportragen zu lassen.

Kommt der Seemann nach langer Reise in die Heimat zurck, so sind
inzwischen viele Begebenheiten, die die andern bewegten und von denen er
nichts erfuhr, bereits wieder in Vergessenheit geraten. Blttert er
einmal alte Zeitschriften durch, so findet er vieles, was ihm unbekannt
ist, und er fragt: Was habt ihr denn hier gemacht?, worauf er die
erstaunte Antwort erhlt: Das wit ihr nicht?, und jeder schttelt den
Kopf.

Auf der langen Fahrt sehnt sich der Seemann aber doch nach der Heimat
und malt sich aus, was er alles tun will, wenn er an Land kommt. Das
Unangenehmste, was ihm, besonders aber dem Kapitn, geschehen kann, ist
Windstille, wenn das Schiff nach Hause fhrt. Auch wenn sie nur ein bis
zwei Tage anhlt, werden alle Hilfsmittel in Bewegung gesetzt, denn, wie
der Mensch ist, bildet sich der Kapitn in solchen Tagen ein, da nun
berhaupt nie mehr Wind kommen werde. Zunchst sieht er seine
Ladungsprozente schwinden. Er hatte, solange es gut ging, angenommen,
da der vorige Wind berhaupt nicht aufhren und er mit der
augenblicklichen Geschwindigkeit in der Heimat ankommen werde. Nun diese
Stille! Er fngt an, zuerst den Jonas, den Unglcksraben an Bord zu
suchen. Der nchste, an dem er seine Laune auslt, ist der Mann am
Ruder. Er hat alles mgliche an ihm auszusetzen, ist innerlich
berzeugt, da, wenn der am Ruder steht, nie Wind kommen wird, weil er
den Wind vertreibt. Schlielich nimmt er seine Mtze ab, tritt darauf
vor Ungeduld und fngt an zu pfeifen, was an Bord eines Segelschiffes
verpnt ist, weil es bedeutet, da man den Sturm heranpfeife. Dann ruft
er einen Schiffsjungen, der an dem Mast kratzen soll, weil dies auch
Wind bedeutet, und wenn das nichts hilft, jagt er den Kajtenjungen aus
der Kajte, drckt ihm einen Besen in den Arm mit dem Befehl, sich auf
den obersten Topp des Mastes zu setzen und den Himmel zu fegen.
Schlielich nimmt er selbst eine alte Bx oder einen alten Stiefel und
wirft ihn ber Bord, um auch mit diesen Mitteln Wind heranzulocken. Dann
geht er wieder runter, setzt sich einen Augenblick in seine Kajte in
der Hoffnung, da mittlerweile Wind im Anzug ist. Wenn er wieder
herauskommt und noch dieselbe Stille herrscht, macht er Krach mit dem
Rudersmann, rgert sich ber das grinsende Gesicht dieses Jonas und ruft
einen andern Mann ans Ruder: Na, Jan, du bst doch 'n Keerl, sh du mal
to, dat Wind kmmt, du steihst di doch sonst god mit Petrus. Bestimmt
erwartend, da dies nun etwas gentzt hat, geht er auf und ab.
Tatschlich: Da kommt ein leichter Luftzug. Man erkennt fern am Horizont
ein Kruseln des leicht dnenden Meeres. Einer atmet auf, der Kapitn.
Jan, du bst 'n fixen Keerl! hev ik dat nich seggt? Du salst ook en
half Pund Tobak hebben.

Monatelang sieht Jan Maat kein Geld und findet keine Gelegenheit, etwas
auszugeben. So denkt er hufig an die Zukunft, da er an Land pltzlich
eine groe Summe in Hnden haben wird. Schon an Bord beschftigt sich
die mige Phantasie mit dem groen Augenblick, da er mit seinem Bdel
voll Geld als Kapitalist die Schtze des Landes mustern wird. An Bord
wird keine noch so veraltete Zeitschrift weggeworfen. Alte Modebltter
gehen von Hand zu Hand. Du, Tedje, dat is en Anzug, do shst du no wat
ut. Mglichst weiter Westenausschnitt, aus dem das sonntgliche weie
Vorhemd breit hervorquillt, wird bevorzugt. Die Kataloge der Warenhuser
werden sorgfltig gewlzt. Wat, so 'n Grammophon blot vertig Mark, dat
mut ik hem, mit all die feinsten Platten und Leeder. Eine Binnenreis'
wird geplant. Na Mnchen mut ik mal hen, do sall dat ja grotartig sin.

Wenn er dann an seinem vollgerundeten, tropenverbrannten Gesicht fr
jedermann kenntlich als einer der von de lange Reis' kommt, an Land
gestiegen ist, zerrinnen die ganzen Plne. Vieles Hin- und Herkreuzen an
Land und insbesondere in Sankt Pauli nimmt ihn in Anspruch, und die Fata
morgana, die ihm an Bord vorgegaukelt war, wird bald vergessen.

Wenn Hein und Tedje, welche auf einem andern Schiff angemustert haben
und klar zur zweiten Reise sind, sich wieder begegnen, fragt Hein: Na
Tedje, wie sht dat in Mnchen ut? Tedje, der berhaupt nicht auf die
Eisenbahn und von der Wasserkante weggekommen ist, fragt nur dagegen:
Hest du din Grammophon?

Nicht nur die Plne, die der Seemann abends auf der Wache geschmiedet
hat, zerflattern ihm jetzt. Er hlt es auch selbst nicht lange an Land
aus. Von seinen Maaten hat er Abschied genommen, die Menschen, mit denen
er zusammenkommt, sind ihm fremd. Was sie ihm erzhlen, interessiert ihn
nicht, denn er ist ein Jahr weggewesen und versteht den Zusammenhang
nicht. Das Telephonieren, das Hasten auf der Untergrundbahn, das ganze
Hinundher des Stadtlebens mit seinen fortwhrenden Unterbrechungen und
unbersichtlichem Getriebe ist ihm zuwider. Der Stdter ist auf
Hetzprobe eingestellt, der Seemann auf Geduldsprobe. Ihm scheint es, da
der Stdter das Warten nicht gelernt hat und da es ihm schwer fllt,
eine Sache ausreifen zu lassen. Auch auf See hat ja jeder sein Ziel,
aber mit Drngen ist dort nichts gedient. So erscheint es dem Seemann
bald einsamer an Land als auf See. Es fehlt ihm die gewohnte
Plauderstunde abends an Deck, whrend das Schiff langsam dahin zieht.
Dort wird die Unterhaltung nicht unterbrochen durch neu Hinzukommende,
es bleibt immer gemtlich, Abend fr Abend dasselbe, man kann plaudern,
solange die Wache dauert.

Dazu kommt noch ein anderes: der Seemann ist harmlos, er kennt nicht die
Schliche, womit man den andern betrgt. An Bord wrde das die
Kameradschaft nicht dulden, Diebstahl ist zwischen Maaten das grte
Verbrechen, keine Seekiste darf abgeschlossen werden. An Bord herrscht
die Selbsterziehung und das Vertrauen zu den Kameraden. So hat der
Seemann wenig Menschenerfahrung, wenn sich die Landhaie an ihn
heranschleichen. Sie benutzen es, da er nicht viel Alkohol vertragen
kann, und nehmen ihm heimlich sein Geld ab, welches er sich in
monatelangem Kampf drauen mit den Elementen erworben hat. Was werden
doch arglose Seeleute auf dem Lande geneppt! Ich kann auch ein Liedchen
davon singen.

Nach 1jhriger Seereise geht man in Hamburg an Land. Mit vollen
Segeln sucht man nach St. Pauli zu kommen. Halloh, was ist denn hier
los? Warum stehen hier so viele Menschen? Man tritt dazwischen und
sieht, da hier ein Pferd gestrzt ist, welches sich ein Bein gebrochen
hat. Whrend man sich den Neugierigen angliedert, hrt man pltzlich
hinter sich jemand sthnen. Ich drehe mich rum und nun sagt einer:
Guten Tag, junger Herr, knnen Sie mir nicht sagen, wie ich am
schnellsten hier nach dem Leihhaus komme?

Nach dem Leihhaus, nein, ich bin noch nicht in die Verlegenheit
gekommen.

Sie knnen Gott danken.

Was haben Sie denn?

Ich bin gezwungen, das letzte Erbteil meiner seligen Mama zu versetzen.
Ich will es deshalb versetzen, weil einem immer Gelegenheit geboten
wird, es wiederzubekommen.

Was ist es denn? frage ich.

Ein Diamantring.

Er zieht den Ring vom Finger, denselben noch einmal kssend, reicht er
ihn mir. Whrend ich ihn betrachte, tritt pltzlich ein gut gekleideter
Herr auf mich zu mit den Worten: Verzeihen Sie, da ich so indiskret
war, Ihr Gesprch zu belauschen. Es gehrt aber wohl zu den
Seltenheiten, da ein Juwelier gerade da ist, wo jemand betrogen werden
soll. Echte Brillantringe bietet man nicht auf der Strae an.

Darauf sagt der erstere: Sie knnen ganz unbesorgt sein, mit
Gegenstnden meiner Mutter treibe ich keinen Betrug.

Ich habe nichts mit Ihnen zu tun, ich untersttze den jungen Mann.

Ich reiche dem Juwelier den Ring, der ihn von allen Seiten betrachtet
und bemerkt: Das Gold ist echt und mir leise zuflstert: Fragen Sie
mal, was er dafr haben will.

Was wollen Sie dafr haben?

Ach, 10 Mark.

Der Juwelier erwidert mir flsternd: Der Kerl hat den Ring gestohlen.
Mit einer Lupe betrachtet er den Brillant und sagt: Der Stein ist echt.
Geben Sie dem Kerl ruhig das Doppelte und kommen Sie nach meinem
Geschft, ich gebe Ihnen das Zehnfache.

Erfreut ber das glnzende Geschft greife ich schnell in die Tasche und
reiche ihm 20 Mark. Dann entferne ich mich schnell aus der Menge in dem
Glauben, mein Juwelier folgt mir. Erstaunt sehe ich mich um, als ich ihn
nicht finde. berall suche ich nach ihm, zuletzt auch nach dem, der mir
den Ring verkauft hat. Keiner ist zu finden. Mitrauisch betrachte ich
nun meinen Ring. Um schlielich doch ganz sicher zu sein, da ich noch
immer nicht verstehen kann, da ich wirklich einem solchen Schwindel zum
Opfer gefallen sein soll, gehe ich zu einem wirklichen Juwelier nach St.
Pauli, der mir lchelnd sagt: Echt ist der Ring nicht, aber fr'n Taler
ist er ganz gut gemacht.

Tedje und ich schlendern weiter ber den Hamburger Dom. Dutzendweise
ertnen von beiden Seiten der Budenstrae her Verheiungen von noch nie
dagewesenen Jahrmarktsfreuden. Pltzlich hren wir von einer Bude eine
besonders klare, krftige Stimme: Kommen Se rinn, kommen Se rinn, hier
ist zu sehen, was noch kein Mensch gesehen und gefressen hat. Tedje
fragt: Wat hest du denn? -- Hier ist zu sehen ein Kanarienvogel, der
plattdtsch snakt. -- Hast du gehrt, Tedje, de mt 'n bannigen Ba
hebben. 500 Mark Belohnung, wenn der Vogel nicht plattdtsch snakt.
Nu ward' ja rieten (nun wird's ja reien); den Vogel mssen wir doch
sehen. Ein Haufen Menschen hat sich vor dem Eingang aufgestellt. Ein
groer Teil zgert einzutreten, weil sie nicht recht wissen, ob es
dummer Scherz ist, und lassen zunchst den Dummen den Vortritt. Wir
gehen 'rein; die Vorstellung beginnt. Der Kanarienvogel im Bauer wird
auf die Bhne gebracht mit der Bemerkung: Gestatten Sie, meine Herren,
da ich Ihnen den Vogel vorstelle. Hans heet he. Ach wat, schreit
eine Stimme aus dem Hintergrund, wi will nich weeten, wie he heet, wi
will em snaken hren. Einen Augenblick, meine Herren! -- Hans segg
mol, wat sall ik smken, 'ne Zigarre oder 'ne Pip? Worauf der Vogel
prompt antwortet: Piiip. Meine Herren, he snakt platt. Ein helles
Gelchter rauscht durch das Zelt und die neugierige Menge derer drauen,
welche die Klugen sein wollten, fragt die Heraustretenden: Snakt he
plattdtsch? -- Ja, dat deit he, aber grotartig. (Warum sollten wir
die Dummen gewesen sein? Dieser famose Scherz sollte auch die andern
berzeugen.) So ging es den ganzen Tag, wobei der Mann ein
Bombengeschft machte.

Der nchste Budeninhaber versprach, ein groes Rtsel zu zeigen und
denen, die es rieten, das Eintrittsgeld zurckzuzahlen. Und wirklich,
aus dem Innern der Bude lt sich durch das Zelttuch immer wieder die
laute Stimme eines Mannes hren, der anscheinend unter den Zuschauern
herumgeht: Richtig geraten, dreiig Pfennig zurck. Hier scheint also
nicht allzuviel gewagt. Die Heraustretenden, die wiederum nicht die
Miene von Hereingefallenen aufsetzen, besttigen, da sie ihr Geld
wiederkriegten. Die Bude wird getrmt voll. Wir bezahlen unsere dreiig
Pfennig und treten ein. Vor jedem Platz steht ein Waschbecken, weiter
nichts. Die Augen werden allen verbunden, dann kommt ein Mann, der einen
Eimer trgt, in dem das Rtsel ist, und verlangt, da man hineingreift.
Flsternd fragt er: Was ist das? Pfui Teufel, Pech! Worauf er laut
ruft: Richtig geraten, dreiig Pfennig zurck, und dann mit leiser
Stimme hinzufgt: Hndewaschen kostet fnfzig Pfennig. Einer alten
Dorffrau, die es absolut nicht raten konnte, hat der Spa also achtzig
Pfennig gekostet.

Nicht alle Betrgereien aber waren so harmlos wie die der kleinen
Schiffer- und Bauernfnger auf dem Dom.

Hat der Fahrensmann das Landleben so eine Zeitlang genossen und
vielleicht auch eine trgerische Verlobung mit der Tochter des
Heuerbas erlitten, ergreift ihn die Verbitterung, und er ist froh, wenn
er wieder die Anker lichten und hinaus zu seinem Meere gehen kann[9].
Mag auch die Nordsee nicht der Freund des Seemanns sein, er freut sich
doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn gren, er
wei, da sie ihm mehr sind wie die Menschen an Land. Er atmet wieder
die Meeresluft, die den ganzen Menschen durchdringt und ihn in ganz
anderer Weise schtzt als auf Land. Sie trgt keine Infektionen; wenn
die ersten Tage der Fahrt vorber sind, bleiben Krankheiten fern,
solange nicht etwa durch Entbehrung frischen Proviants der Seemann an
Skorbut erkrankt. Es gibt keine Erkltungen auf dem Meere, Wind und
Nsse sind ohne Einflu auf das Befinden -- der Rheumatismus kommt erst
spter heraus -- und Staub ist auf dem Segelschiff etwas Unbekanntes.
Das Waschen hat nur die Bedeutung, die salzige Schicht von der Haut zu
entfernen.

  [Illustration:
  ... Er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der
  Mond ihn gren.]

Man hat auf dem neuen Schiff wieder andere Maaten, mit denen man sich
anfreundet. Die erste Frage ist immer, wie es auf dem letzten Schiff
war. Es war immer das beste, und man schwrmt von dem damaligen Kapitn.
Erinnerungen werden ausgetauscht, der eine kennt den, der andere jenen;
es gibt viel zu plaudern, wenn man mit neuen Schiffsmaaten zusammen ist.

Des Seemanns Gesellschaft sind aber nicht nur die Kameraden an Bord; in
einem besonderen Vertrauensverhltnis steht er zu der Natur, mit der er
zusammen lebt. Er kennt alle Fische, die ihm begegnen. Es gibt nur
wenige Arten, die mit der Angel von Bord aus zu fangen sind. Kommen
Delphine oder, wie der Seemann sie nennt, Tmmler (Schweinsfische), so
heit es: Klar an die Harpune! Es gehrt ein erfahrener Harpunenwerfer
dazu, die Delphine sicher zu treffen, denn oft geht das schwere Tier in
voller Fahrt in entgegengesetzter Richtung des Schiffes. Groe Freude
herrscht an Bord, wenn ein Delphin gefangen ist, denn jetzt gibt es
frisches Fleisch.

Bei Kap der Guten Hoffnung, Kap Horn und in der Nhe von Inseln fliegen
die Vgel, die treuen Begleiter heran, Albatrosse, Kaptauben, Mulehogs
und viele Arten von Mwen. Sie begleiten den Kapfahrer bis halb nach
Australien und nhren sich von den Abfllen, die ber Bord geworfen
werden. Es tut wohl, wenn man lange auf See ist, andere Lebewesen um
sich zu sehen. Man begrt sie als alte Freunde und Kameraden, die man
vor einem Jahr gesehen hat und jetzt wieder trifft. Besonders die Mwe
ist dem Seemann heilig, weil er glaubt, spter in Gestalt einer Mwe
fortzuleben; man sieht eine Seemannsseele in jeder Mwe, die weien
Mwen sind die guten Seeleute, die schwarzen die bsen, die Seedwels.
Man schiet keinen dieser Vgel, denn es sind ja die einzigen Freunde,
die einen besuchen und mit einem fliegen. Wenn sdlich vom quator nach
dem Passat der erste Albatros kommt, wird das ereignislose Einerlei
freudig unterbrochen. Majesttisch wogt er hin und her; bald dicht ber
den Wellen, bald hher, bald vor dem Bug umkreist er das Schiff. Der
Albatros ist der grte fliegende Vogel, den wir haben, der Beherrscher
der sdlichen Meere. Auf dem Schiff ist er seekrank und kann nicht mehr
fortfliegen, da er keine Luft unter den Flgeln hat. Es ist brigens,
wie die Seeleute glauben, noch niemandem gelungen, einen Albatros lebend
in unsere nrdliche Erdhlfte zu bringen.

  [Illustration:
  Teckel Schnuzchen soll sich auf Seeadler mit einem Albatros
  anfreunden, der zu Besuch gekommen ist.]

An der afrikanischen Kste lassen sich zuweilen Hunderte von Schwalben,
die sich im Nebel verflogen haben, erschpft auf dem Schiff nieder. Auch
Dutzende von Strchen verirren sich manchmal auf das Schiff. Die Tiere
kommen nie wieder hoch, und es ist traurig, ihren Untergang mit
anzusehen, da an Bord kein fr sie ebares Futter ist. Man kann ihnen
nicht helfen; sie sterben den Seemannstod wie der Schiffer, dem mitten
in der Wasserwste der Proviant oder das Trinkwasser ausgeht.

So lebt der Seemann mit der Natur, die ihm Kamerad und Gegner ist. Wer
die freie See kennt, mag ihren Hauch nicht mehr entbehren.

[5] Schiffssprache fr Anrichte (englisch).

[6] Rundfenster.

[7] Schiffstagebuch.

[8] Landungsbrcke (englisch).

[9] Heuerbas heit der Makler, der zwischen Reeder und Maaten vermittelt.
    Der, den ich meine, wird sich erinnern!




Viertes Kapitel.

Wieder auf der Schulbank.


In Hamburg erzhlte man mir, wenn ich mal das Steuermannsexamen machen
wollte, mte ich auf einem Dampfer gefahren haben. So musterte ich also
mit meinem alten Schiffsmaaten Uhlhorn auf einem Sloman-Dampfer an, auf
der Lissabon. Damit ging es nach dem Mittelmeer. Nach dieser Reise,
die etwa zwei Monate dauerte, ging es auf einem Kstendampfer, der
Cordelia nach Rotterdam und Amsterdam, und dann glaubte ich, die
Seefahrt so weit hinter mir zu haben, da ich auf Schule gehen konnte.

Ich begab mich nach der Seemannsmission, um mir mein erspartes Geld zu
holen. Ich wute genau, da ich 3200 Mark eingezahlt hatte, und da hie
es nun zu meinem Staunen, da ich 3600 Mark bekommen sollte. Ich wute
doch nichts von Zinsen! Zuerst glaubte ich, es wre reine Gutmtigkeit
von den Leuten. Nahm also mein Geld und ging auf Schule. Ich hatte mir
die Navigationsschule in Lbeck ausgesucht.

Zuerst schaffte ich mir nettes Zeug an. Man mute jetzt ja weie Wsche
tragen und Schlipse, nicht mehr den ewigen Gummikragen, den man an Bord
immer mit dem Freunde teilt, der gerade an Land geht, sowie den
amerikanischen Blechschlips mit einem Revolver als Schlipsnadel
daraufgeltet.

Ich war schon erklecklich ber zwanzig Jahre alt, als ich auf Schule
kam. Alle unsere alten Kapitne sind diesen Weg gelaufen. Er ist das
Musloch fr jeden Matrosen, der sich hoch arbeiten will. Die neueren
Seeleute wollen dies Musloch ja gern dicht stoppen; sie wollten die
Bildung auf See verbreiten und heben. Nur Kadetten, nicht mehr
Matrosen sollen auf der Handelsmarine Offiziere werden drfen. Ich bin
immer gegen diese Tendenz angegangen. Die Kadettenerziehung als solche
ist gut, und was die seefahrende Jugend Mnnern wie meinem lieben
Professor Schulze verdankt, wei niemand besser zu schtzen als ich. Die
Gefahr ist nur, da der hhergebildete junge Mensch sein Wissen mit
praktischem Knnen verwechselt, und fr noch gefhrlicher halte ich es,
wenn allen nicht mit hherer Schulbildung versehenen strebsamen Matrosen
der Zutritt zur hheren Laufbahn versperrt wird. Man erwartet doch keine
Bildung auf See. Es ist doch besser, auf der Kommandobrcke einen
krftigen Menschen zu sehen, als einen feinen Kerl mit hohem Kragen.
Stehen die groen Kapitne, die echten, alten, nicht wrdiger da? Gewi,
ich habe unter den modern gebildeten Schiffsoffizieren viele Seeleute
ersten Ranges kennen gelernt. Aber wenn ich erst einmal Kapitn bin,
habe ich immer noch Mue genug, mich fr die Wissenschaften zu
interessieren. Vor dem Mast, d. h. als einfacher Matrose gefahren zu
haben, kann keinem schaden. Auf einen tchtigen Seemann verlt sich der
Passagier lieber, als wenn da einer mit Lackbotten als Gigerl
einhergeht. Was heit berhaupt Bildung auf See? Man hat genug damit zu
tun, die Seewissenschaft zu pflegen und sich das praktische Knnen zu
erkmpfen, wie man am besten Herr der Elemente wird. Bei der Frage, was
man tut, wenn einem die Takelage von oben kommt, ntzt einem kein
Schopenhauer.

Ich kam also mit meinem Gelde in Lbeck angefahren und suchte mir eine
angenehme Wohnung, die ich bei einer freundlichen alten Dame fand. Dann
bewegte ich mich zur Navigationsschule und wurde vorstellig beim
Professor Dr. Schulze, einem ganz hervorragenden Manne, der auf mich
einen selten vertrauenswrdigen Eindruck machte, obwohl mein Herz mir
ziemlich beschwert wurde, als ich Schulluft roch. Als Seemann war ich ja
recht grospurig; hier aber wurde ich wieder ein ganz kleiner Matz. Ich
zog den Professor ins Vertrauen, erklrte ihm meinen Namen und meine
Vergangenheit, da doch meine Papiere auf den Namen Luckner genannt
Ldicke lauteten. Da streckte er mir eine warme Rechte entgegen und
sagte, ich mchte unbesorgt sein, denn viele Volksschler mit noch
mangelhafterer Bildung htten die Prfung mit Glanz bestanden.

Ja, erwiderte ich, die knnen auch rechnen und sind in Wirklichkeit
weniger zurckgeblieben als ich.

Ich erzhlte ihm, wie weit ich in der Schule gekommen war, und er fragte
mich ein bichen nach der Bruchrechnung. Als ich die aber ableugnete, da
stutzte er doch.

Ich wute ja nicht, was ein Fnftel ist.

Ein halb, ein viertel, das wute man ja nach der Uhr, aber ein Fnftel,
das hatte ich nie gebraucht.

Na, sagte er, macht nichts. Ich sollte nur nicht befangen sein, nur
ein bichen Flei ...

  [Illustration:
  Professor Dr. Schulze, Leiter der Seefahrtsschule zu Lbeck.]

Herrgott, kam es mir durch den Sinn, da ist wieder der alte Flei߫, es
ist doch immer dasselbe. Ich habe mich aber in diesem prchtigen Mann
nicht getuscht, er strkte meine Hoffnung und gab selbst
Nachhilfeunterricht, wo es fehlte. Nach einem Monat taute ich auf. Ich
fhlte, da ich die Hoffnung hegen durfte, mein Examen zu machen. Die
Zukunft lag rosiger vor mir.

An jenem Tag, an welchem ich mich beim Direktor angemeldet hatte, ging
ich nachher zum Caf Niederegger, das wegen seines Marzipans berhmt
ist, weil ich das Bedrfnis empfand, nun in besseren Lokalen zu
verkehren. Dort sah ich einen dnischen Grafenkalender liegen. Ich
denke: Minsch, du bst doch ook 'n Grof, blttere nach und wirklich:
ich stehe drin, als verschollen. Das ist ja groartig, denke ich. Herr
Ober, noch ein Pilsner. So wute ich doch wenigstens, wie es in der
Heimat war. Dort jammern sie also lngst nicht mehr um dich.

Geschrieben hatte ich nie nach Hause, denn wer war denn stolzer als ich
als Matrose, wenn ich hoch oben im Mast sa und mich fhlte: was bin
ich, was kann ich, und was kann ich noch werden. Doch schmte ich mich,
diesen Stolz zu zeigen. Denn in der Heimat wren die ollen Klostertanten
doch entsetzt gewesen, wenn sie gehrt htten, einen Matrosen zum Neffen
zu haben.

Einmal, es war nach dem Sieg ber Lipstulian, hatte ich einen Anlauf
genommen, mich meinen Eltern wieder zu nhern. Unter meinen alten
Photographien finde ich ein verblichenes und abgegriffenes Bildchen, das
ich damals auf dem Spielbudenplatz hatte anfertigen lassen als
Meisterschaftsringer von St. Pauli. Auf der Rckseite steht mit meiner
ungelenken Schrift: Meinem lieben Vater zur freundlichen Erinnerung an
seinen treuen Sohn Felix. Hamburg, den 1. 4. 1902. Das Bild wollte ich
als erstes Lebenszeichen nach der Flucht meinem alten Herrn schicken; er
sollte sich seines stattlichen Jungen freuen, aber kaum hatte ich die
Widmung geschrieben, entsank mir der Mut, der Abstand zu den
Familienbildern daheim war doch zu gro. In spteren Jahren, als ich
mich meinen Eltern wieder entdeckt hatte, trug mein Vater freilich
gerade dieses Bild mit seiner Widmung bis an sein Lebensende in der
Brusttasche.

In Lbeck hielt ich mich als einfacher Seemann zurck und verkehrte fast
mit niemand. Auer dem Professor, dem ich es gesagt hatte, wute also
niemand, wer ich war. Der Grafentitel hinderte ja nur. Was ntzt es,
wenn man einen Namen hat und nichts ist? Aber man sah in jenen Tagen
schon mehr auf sich selbst, auf reine Hnde. Die teerigen Runzeln und
Schwielen verschwanden allmhlich. Man wurde richtig ein frnehmen
Kirl, die braunverbrannten Backen wurden schmler, von Monat zu Monat
mute ich eine Kragennummer enger nehmen.

Die Hauptfcher waren fr mich privatim vorerst einmal das groe
Einmaleins und grammatisch richtig Deutsch schreiben, dann Bruchrechnen.
Die ganze liebe Familie Schulze half und sorgte mit. Den Nenner des
Ganzen suchen, eine verfluchte Sache. Wie ich das mit eisernem Flei
intus hatte, kam die Mathematik, der pythagorische Lehrsatz, den ich
von der Schule her zwar noch kannte, aber nicht beweisen konnte. Dann
kam die hhere Mathematik, die sphrische Trigonometrie, von Sonne und
Sternen, nautische Astronomie: Chronometerlngen, Monddistanzen ...
Waren doch allein 21 astronomische Aufgaben beim Examen zu lsen! Die
Seepraxis wurde ja vorausgesetzt, wenn man die Bescheinigung als Matrose
hatte.

Ich habe nie geglaubt, da ich so fleiig sein knnte, wie ich es in
Lbeck war. Ich war stolz darauf, da ich etwas verstand, das Zutrauen
zu mir selbst wuchs bedeutend. Whrend der neun Monate, die bis zum
Examen vergingen, habe ich etwa achthundert Mark verbraucht,
einschlielich der Kosten fr das Examen.

Ich ging ins Examen, nicht um es als erster zu machen, sondern um als
letzter fertig zu werden! Denn ich wollte ganz sorgfltig alle Aufgaben
durchrechnen. Wenn sich einer ber meine Fortschritte freute, so war es
der Direktor Schulze, der sich alle Mhe mit mir gegeben hatte. Ich fing
damals an, etwas zu dichten und gestand ihm das. Sie dichten auch,
Phylax? sagte er, das ist ja wundervoll, dann knnen Sie Sonntag
nachmittag mal zu mir kommen und mit mir dichten. Ich ging hin und
bildete mir auf mein Talent etwas ein. Da ging er mit mir hinunter zum
Travekanal und sagte: Nun kommen Sie mal, nun wollen wir mein Boot
dichten, das ist leck.

Als der Examenstag da war und alle die Herren prfend im Frack bereit
saen, bekam ich doch etwas Angst. Ich hatte mir, um guten Eindruck zu
machen, rote Tinte mitgenommen, um die Hauptresultate zu unterstreichen.
Denn bei der Anfertigung einer Aufgabe ist ja die gute bersicht die
Hauptsache. Glcklicherweise gab es damals noch ordentliches Papier! Das
heutige Kriegspapier htte ich mit meiner schweren, ungebten Hand ganz
durchgeschrieben beim festen Aufdrcken. Ich gebrauchte den dicksten
Federhalter, den ich erstehen konnte, fast so stark wie ein
Spazierstock, der sich so in die Hand legte, da ich sie nicht
zuzudrcken brauchte. Nur konnte man ihn nirgends recht hinlegen, da er
wie eine Birne war und berall herunterrollte. Es war ein Federhalter
fr Leute mit einem Schlaganfall, die mit zwei Hnden schreiben.

  [Illustration:
  ... Das Examen dauerte sechs Tage.
  (Original im Besitz von Prof. Dr. Schulze.)]

Das schriftliche Examen dauerte sechs Tage, und danach kam mit dem
mndlichen erst die Hauptaufregung. Aber es ging vorbei, und nachher
zwinkerte der Direktor mir zu, drckte mir die Hand und sagte, was er
eigentlich nicht durfte: Phylax, das Examen hast du in der Tasch'. Da
war ich aber froh! Ich habe zwei Nchte nicht geschlafen. Wir haben
derartig gefeiert, da ich mich eines Morgens in einer Gartenlaube
wiederfinde. Da ist ein Mann, der will seinen Garten sprengen und ist
erstaunt, da einen verschwiemelten Steuermannsschler liegen zu sehen.
Was liegen Sie denn hier? Ich wute nicht, was los war und vermochte
nur zu antworten: Was sprengen Sie denn hier?

Donnerwetter, das war also das erste Examen! Am liebsten wre ich gleich
zu meinen Eltern hingelaufen. Mein Professor hatte ja heimlich
nachgeforscht und festgestellt, da meine Eltern lebten, und mein Bruder
Fhnrich war. Alles das erfuhr ich unter der Hand. Aber ich verbi mir
noch einmal den Wunsch, heimzukehren, denn ich hatte seinerzeit gelobt,
Kaisers Rock mit Ehren zu tragen. Nun setzte ich mir in den Kopf, erst
wieder aufzutauchen, wenn ich sagen konnte, ich wre Offizier.




Fnftes Kapitel.

Kaisers Rock.


Nach dem Examen suchte ich Stellung bei den grten Hamburger Reedereien
und wurde von der Hamburg-Sdamerika-Linie als Wachoffizier angenommen.
So kam ich an Bord der Petropolis. Ich hatte mir jetzt an Stelle der
Seekiste einen Koffer angeschafft und kam mir damit vor wie ein Kapitn.
Ich hatte mir Glachandschuhe besorgt und weie Schuhe und sehe mich
noch, wie ich mir die ersten Manschettenknpfe kaufe. Auch eine
Extrauniform hatte ich neben der Freiuniform bestellt. Als ich in
Uniform auf der Petropolis spazieren ging, fhlte ich mich wie ein
junger Gott. Als ich zum letztenmal ein Schiff verlassen hatte, da war
ich noch ein Matrose, mute Rost schrapen und alles dergleichen. Jetzt
kam mir der Unterschied so sonderbar vor. Ich ging an Deck auf und ab
und hatte nirgends mehr Hand anzulegen.

Der Kapitn, Feldmann, war ein famoser Kerl, der sich meiner sehr
annahm. Ich blickte fters in den Spiegel und dachte: Jetzt siehst du
ihm schon hnlicher. Ich gab viel auf mein ueres, pflegte meine
Hnde, was hllisch schwer wurde, denn die alten Taudrcker waren doch
recht vierkant geworden. Ich berlegte lange hin und her, ob es besser
wre, einen kurzen oder langen Schnurrbart stehenzulassen. Mensch,
Phylax, dachte ich, jetzt hast du es geschafft. Wie hast du dich
verndert!

Nachdem ich drei Wochen Wachoffizier gewesen war, ging die Reise los. Es
kam nun darauf an, auf der Brcke Offiziersdienste zu leisten. Der
Kapitn belehrte mich herzlich. Es wrde mir wohl vieles neu vorkommen,
aber jeder Anfnger, der vorher Matrose war, kme sich furchtbar dumm
und ungeschickt vor; ich sollte darber nicht untrstlich sein, sondern
es als Erfahrung hinnehmen, die er bei allen jungen Offizieren gemacht
htte. Ich dachte: das ist ein vernnftiger Mann.

Die Fahrt ging elbabwrts. Ich sprach mit den Lotsen ber dies und
jenes. Die Manschetten rutschten mir noch, das Handanlegen an die Mtze
kam mir komisch vor.

Dann kam die erste Navigation in der Praxis. Ich rechnete also los, mit
dem Schulsystem, und brauchte dreiviertel Stunden. Da war ich schn
berrascht, als die andern schon fertig waren, whrend ich noch
rechnete und es berdies 50 Seemeilen verkehrt herausbekam! Man fragte
aber merkwrdigerweise gar nicht nach meinem Ergebnis. So ging es Tage
und Wochen; niemals wurde nach meiner Navigation gefragt. Endlich lernte
ich mich aber ein und ging stolz meine eigene Wache. Ich fhlte mich
auch nirgends wohler, als wenn ich allein auf der Brcke war und an
frhere Zeiten denken konnte. Immer wieder tauchte die Sehnsucht nach
den Eltern auf. Wenn die jetzt wten, wo du bist! Nie habe ich mehr die
Elternliebe empfunden. Wie brutal kam ich mir vor, da ich nicht zu
meinen Eltern ging. Aber noch blieb ich dickkpfig.

Auf der Petropolis fuhr ich dreiviertel Jahr. Jetzt konnte ich als
Einjhriger zur Kriegsmarine gehen. Als am 1. Oktober Einstellung war,
meldete ich mich. Auf der Petropolis hatte ich mich in manches gute
Buch vertieft, wenn ich auch nicht viel davon verstand. Jetzt fuhr ich
also mit einem Kameraden von der Navigationsschule zusammen nach Kiel.
Zum erstenmal in meinem Leben leistete ich mir eine Fahrkarte zweiter
Klasse. Wir kamen uns vornehm vor; uns gegenber sa ein Herr mit einem
Spitzbart, das mute unserer Meinung nach unbedingt ein Marineoffizier
sein. Deshalb benahmen wir uns angestrengt reserviert.

Dann kam die Einstellung. Die ersten Tage wurden wir tchtig auf dem
Kasernenhof umhergehetzt. Als wir so eines Tages langsamen Schritt
bten, was mir meines gebrochenen Beines wegen saure Schmerzen
bereitete, kam eine Ordonnanz von der Station und fragte den
Oberleutnant, ob hier ein Einjhriger Graf Luckner wre? Groes
Aufsehen. Der Oberleutnant fragte mich, ob ich einen Verwandten auf der
Station htte? Ich meldete: Nein. Dann wurden mir zwei Unteroffiziere
mitgegeben, die sollten mich erst einkleiden, denn wir hatten ja bisher
nur Drillichzeug getragen.

Whrend ich schn gemacht wurde, ging mir die Station im Kopfe herum.
Was ist das, Polizeistation, Wachstation? Was mochte jetzt von meinem
Sndenregister herausgekommen sein, die Marine kriegt ja alles heraus.

Schlielich kamen wir zu einem roten Gebude. Ich lese in meiner
Beklemmung die Aufschrift: Ackermann, Adjutant. Der eine Unteroffizier
trat ein und meldete. Dann mute ich eintreten. Ich soll zum Admiral
Graf Baudissin kommen. Ja, wie wird denn solch ein hoher Herr angeredet?
dachte ich bei mir; die Hauptsache ist wohl: immer stramm stehen.
Drinnen sitzt der Admiral mit groen goldenen Streifen. Ich stehe da,
die Ellenbogen und die Hnde fest angelegt.

Sagen Sie mal, was sind Sie fr ein Luckner?

Der Sohn von Heinrich Luckner.

Wie heien Sie mit Vornamen?

Felix.

Aber der ist doch verschollen.

Nein, das bin ich.

Wie kommen Sie denn hierher?

Ich bin in der Schule nicht versetzt ... Hatte meinen Eltern
versprochen, durchs Einjhrige zu kommen ... habe ich versucht, mit
eigenen Krften mein Versprechen in Erfllung zu bringen.

So, und was soll nun hier werden?

Ich habe mein Steuermannsexamen gemacht, was zum einjhrigen Dienst
berechtigt; ich wollte Reserveoffizier werden durch gute Fhrung.

Warum haben Sie Ihren Eltern nicht geschrieben?

Ich wollte nicht vorher kommen, weil ich da nicht fr voll angesehen
worden wre und wollte auch nicht vorher schreiben, weil es dann
geheien htte: Matrose, weiter ist aus dir nichts geworden? Ich glaubte
meinen Eltern ein greres Vergngen bereiten zu knnen, wenn ich als
gemachter Mann kme.

Wovon wollen Sie denn das bestreiten?

Ich habe mit allen Auslagen und Wiederzuverdientem imganzen noch 3400
Mark.

Soviel haben Sie verdient?

Ja.

Da sagte der Admiral: Ich bin Onkel Fritz.

Wat, denk ich, einen so vornehmen Onkel?

Ich hatte von dieser Verwandtschaft vorher nie gehrt, gucke rechts und
links und denke fast, ich soll ihn gleich Onkel nennen, weil ich einen
so guten Eindruck auf ihn gemacht habe. Ich sagte: Exzellenz -- in
Wirklichkeit war er noch gar nicht Exzellenz -- ich mchte gern
vermeiden, da meine Eltern vor der Qualifikation etwas von meinem
Hiersein erfahren.

Da antwortete er: Vorausgesetzt, da ich dir, was Diensttchtigkeit
anbelangt, nicht behilflich zu sein brauche, will ich dir gern zu
Gefallen sein. Aber in dienstlicher Hinsicht hast du keinen Freund an
mir.

Ich konnte doch nicht sagen Onkel, ich beteuerte also nur: Nein.

Und dann, Felix, kannst du zweimal die Woche zu mir kommen. Meine
Tochter soll dir etwas Aufsatz beibringen, denn Junge, Junge, du
sprichst ja ein frchterliches Deutsch.

Ich hatte mich schon fr einen ganz gebildeten Menschen gehalten, aber
mein mir und mich mu doch anderen noch auf die Nerven gefallen
sein, und bei den Aufstzen war die Kritik immer: Deutsch mangelhaft.
Jetzt fing ich aber an zu lernen: Mit, nach, nchst, nebst, samt, bei,
seit usw., und legte es mir zurecht, wann mir, wann mich zu setzen
wre. Einen Lebenslauf sollte ich jetzt verfassen, obwohl ich in meinem
Leben noch nie einen Brief geschrieben hatte. In dem Lebenslauf habe
ich sie aber tchtig verkohlt, denn ich konnte doch nicht schreiben, da
ich bei der Heilsarmee war oder Leuchtturmwrter. Meine ganze Laufbahn
htte ich mir damit verdorben.

Ich lebte mich schnell bei der Marine ein und die Sache ging gut als
Rekrut zuerst, dann auf dem Mars zum Artilleriekursus. Als ich von
dort in die Flotte kam, stie mir bald ein schwerer Unfall zu. Ein Boot
mit Beurlaubten, das zum Kaiser Wilhelm dem Groen zurckfuhr, war im
Begriff, in das unglcklicherweise ungeheite Fallreep des
Kriegsschiffes hineinzufahren, als ich gerade auf diesem die Wache ging.
Ich versuchte, das Boot mit Hilfe seiner Vorleine zu stoppen, und
verlie mich dabei zu sehr auf meine eigene Kraft. Ich erreichte auch,
da der Zusammensto stark gebremst wurde, aber das Fahrtmoment war doch
viel zu schwer, und das Boot zog mich gegen das Kettengelnder, wo eine
eiserne Sttze war. Diese ging mir durch den Leib und durchri den Darm
zweimal. Die Operation durch Professor Helfferich gelang vorzglich; als
ich aber nach acht Tagen aus dem Zimmer der Schwerkranken in das
Leichtkrankenzimmer berfhrt worden war, habe ich eine groe Dummheit
begangen. Ich ahnte gar nicht, wie zerrissen mein Darm war, und fhlte
mich durch das lange Fasten so ausgehungert, da ich mir eines Sonntags,
als mein Bettnachbar von Besuchern Pflaumen bekam, auch davon ausbat.
Als Einjhriger htte ich mich ja mehr beherrschen sollen, aber die
Pflaumen taten mir wohl. Als aber der Verband am nchsten Tag erneuert
wird, schlgt der Stabsarzt die Hnde berm Kopf zusammen, denn da lag
die ganze Pflaumengeschichte im Verband. Ich hatte nicht gewut, da der
Darm abgebunden war; der war nun gerissen. Ich sollte sofort in Arrest
kommen, wenn ich gesund wre, und bekam zunchst mal eine Wache, damit
ich nicht wieder in die Plum ginge.

Die im Lazarett verlorene Zeit wurde mir infolge meiner
zufriedenstellenden Leistungen an Bord geschenkt. Ich wurde
Unteroffizier; dann kam der Tag, wo ich die bung als Vizesteuermann
machen durfte, und nun wurde ich als Leutnant zur See der Reserve
entlassen. Da mute ich nochmals bei Onkel Fritz antreten, der mir
Anweisung gab, wie ich es machen sollte, wenn ich nach Hause kme.

  [Illustration:
  Auf der Reichskriegsmarine
  (an Bord S. M. S. Kronprinz, im Jahre 1915).]

Ich zog mir kleine Uniform an, kaufte mir einen Dreimaster, Epauletten,
Sbelschrpe und Visitenkarten und ging nach so viel Jahren zum
erstenmal to hus.

In Halle a. Saale angelangt, stellte ich mein Zeug in einem Gasthof
unter und zog mich sorgfltig an. Ich gehe zu dem stillen Haus auf der
Alten Promenade; es hat sich in all den Jahren nichts verndert. Ich
steige die Treppe hinauf und gebe die Karte ab.

Da hre ich die wohlbekannte Stimme des alten Herrn: Leutnant zur See
Felix Luckner? Gibt's ja gar nicht, aber ich lasse den Grafen bitten.

Nun trete ich ein und sage ganz kurz: Tag, lieber Vater! Glaube meine
uerung verwirklicht zu haben, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.

Der alte Herr wei nicht, wie ihm ist und was er machen soll.
Marineoffizier? Der Bengel ist nicht versetzt, man wre froh, wenn er
Armeeleutnant geworden wre und jetzt im kaiserlichen Rock?! Alles das
saust ihm durch den Kopf, und ich hre nur, wie er mit erstickter Stimme
ruft: Alte!

Die Mutter kommt, sieht mich, setzt sich vor Schreck auf die Treppe und
fllt mir dann in die Arme, und wenn ich in der Erinnerung nachsuchen
soll, so ist es mir, als ob sie eine halbe Stunde darin gelegen htte.

Dem alten Herrn laufen jetzt auch die Trnen herunter. Nun mute ich
erzhlen: Wie hast du gelebt? Was hast du getan? Das waren so viele,
viele Fragen, ehe ich berhaupt geantwortet hatte. Aber nachdem sich der
alte Herr etwas gefat hatte, fing er gleich sich zu brsten an: Siehst
du, Alte, ich hab' es doch immer gesagt! Ist es ein Luckner, so wird
etwas aus ihm, da braucht man keine Bange zu haben. Und geht er
verloren, dann ist es auch kein Luckner. Dann ist es kein Schade. Und
was ist er? Ein Luckner.

berall wurde nun hintelegraphiert zu den Geschwistern, Vettern, Onkeln,
Klostertanten. Ich wurde von den Lehrern in den Schulen als gutes
Beispiel hingestellt! Man hatte berall nach mir geforscht, hatte sich
den Kopf zerbrochen, auf welche Weise das Kind wohl untergegangen wre.
Leben konnte es ja nicht mehr, denn sonst htte es ein Lebenszeichen
gegeben. Und jetzt stand ich vor ihnen, der ewige Tertianer, der, ohne
Kadett geworden zu sein oder das Einjhrigenexamen gemacht zu haben, auf
den Schiffsplanken Offizier geworden war.

Seit dieser Zeit war ich nicht mehr das Sorgenkind, sondern der Verzug.
Keine Mutter hat je ihr Kind so umsorgt, wie die meinige.

Das war der Abschlu meiner Wanderjahre. Jetzt kamen die Jahre, die
normal verliefen.

  [Illustration:
  Graf Nikolaus von Luckner, geb. 11. Januar 1722 als Sohn des
  Hopfenhndlers und Stadtkmmerers Samuel Luckner in Cham, gest.
  3. Januar 1794 als Marschall von Frankreich auf dem Schafott.]

In den Scho der Familie aufgenommen, wurde ich auch in die
Familiengeschichte eingeweiht. Dabei entdeckte man einiges, was auf die
eigene Entwicklung Licht warf. Man war doch nicht so aus der Art
geschlagen, wie man gedacht hatte. Unser Stammvater Nikolaus Luckner,
1722 in Bayern geboren, erhielt als Schler im Passauer
Jesuitenkollegium wegen einigen Leichtsinns und Wildheit den Beinamen
Libertinus. Er entlief aus nicht nher bekannten, aber sicher zwingenden
Grnden mit fnfzehn Jahren der Schule, trat in ein bayrisches
Infanterie-Regiment und kmpfte gegen die Trken. Dann wurde er, da ihm
das Zufugehen zu langsam ging, Leutnant in einem Husarenregiment, das
aus dem bayrischen Dienst 1745 als gemietete Truppe in den hollndischen
bertrat. Der Deutsche hatte damals ja leider noch kein Vaterland,
bestenfalls Vaterlnder. Als aber der alte Fritz gegen die Franzosen
kmpfen mute, bernahm Major von Luckner 1757 die selbstndige Bildung
eines hannverschen Husarenkorps, das unter preuischem Oberbefehl
focht. Die Lucknerhusaren, die der Ahnherr Mann fr Mann nach Ablegung
einer Mutsprobe persnlich anwarb, waren bald in ganz Norddeutschland
durch unzhlige Waffenstreiche berhmt, und ihr Fhrer wurde der Ziethen
des westlichen Kriegsschauplatzes. Als aber nach Beendigung des
Siebenjhrigen Krieges das Regiment durch seinen Landesherrn, den
englischen Knig, aufgelst wurde, entgegen den Versprechungen, die man
ihm gegeben hatte, nahm General v. Luckner gekrnkt seinen Abschied aus
hannverschen Diensten. Der Feind wute seinen Degen besser zu schtzen:
der Knig von Frankreich bot dem sagenumwobenen Kmpfer ein neues
Wirkungsfeld. Sein Herz schlug deutsch wie das eines Johann von Weerth
oder Derfflinger; aber Deutschland hatte fr sein Soldatenblut keine
Verwendung. So wurde Herr Nikolaus, der einmal in der Schlacht inmitten
eines franzsischen Regiments einen berlufer erkennend, in die
enggeschlossenen Glieder hineingesprengt war, um dem Ausreier den Kopf
zu spalten, selber ein Sldner des Auslandes, nicht der erste und leider
auch nicht der letzte deutsche Haudegen, der diesen Weg gegangen ist.
Er, der kaum franzsisch konnte, als er bertrat, mute nun zuletzt als
Marschall von Frankreich und Fhrer der franzsischen Nordarmee 1792
gegen sterreicher und Preuen kmpfen. Er hatte aber als Franzose
ebensoviel Unglck, wie er frher als preuischer Parteignger Glck
entwickelt hatte, und als der Greis 1794 nach Paris fuhr, um seine
Pension abzuholen, die ihm die Republik nebst vielen Vorschssen an
seine Armee schuldig geblieben war, legte man seinen Kopf unter die
Guillotine, ungeachtet dessen, da der Dichter der Marseillaise sie ihm
gewidmet hatte.

Er selbst war willens gewesen, sein Leben in Holstein zu beschlieen, wo
er durch Heirat Gutsherr geworden war. Schiffskapitne und
Husarenoffiziere, die leichtbeweglich sind und viel durch die Welt
streifen, siedeln sich auf ihre alten Tage gern dort an, wo auf ihren
Wanderzgen ihr Herz hngen geblieben ist. So kamen die Luckners nach
Holstein und wurden dnische Grafen. In Holstein ist mein Vater geboren.
Als er das kritische fnfzehnte Jahr erreicht hatte -- es war gerade im
Jahre 1848 -- lief auch er von der Schule weg. Er wollte gegen die Dnen
fechten, nahm jahrelang an allen Kmpfen teil und kehrte 1850 als
Dragonerleutnant nach Hause zurck. Den Geschmack an den Studien hatte
er verloren. Er wurde Landwirt und war bald in ganz Holstein durch
Gastfreundschaft und allerhand lustige Streiche bekannt. In Bramstedt
wird noch das Denkmal gezeigt, dessen Sockel der tolle Luckner auf dem
selbstgezchteten, edlen Hengst im Sprunge nahm. So oft der Knig rief,
1864, 1866, 1870, trat mein Vater in die Armee ein. Aber nach beendetem
Kriege kehrte er jedesmal nach Hause zurck. Er wollte im Frieden nicht
Soldat sein, nur Schtze und Jger. Gute Freunde nutzten den
liebenswrdigen Herrn und seine Sportleidenschaft aus; er verlor
schlielich seine Besitzung und siedelte nach Dresden ber, wo sein
Vetter lebte, der gleichfalls nur der tolle Luckner hie. Dieser fuhr
gern mit knallroter Equipage sechsspnnig durch Dresden -- auch
hinderten ihn dabei nicht die Stufen der Brhlschen Terrasse --, und als
ihm der Knig das Sechsspnnigfahren verbot, nahm er fnf Pferde und
einen Maulesel. Eines Tages sa er mit einem Freund im Gasthof bei
Tisch, als eine schne junge Dame, Grfin X, den Saal betrat. Mein
Onkel, der ihr noch nicht vorgestellt war, fing Feuer und wettete sofort
mit seinem Freund um ein Rittergut, da er sich die Hand der Dame
erringen werde. Wenige Wochen darauf war das Paar aufgeboten; er hatte
aber inzwischen bei nherer Bekanntschaft die Lust verloren und zog es
vor, anstatt zur Trauung auf die Festung Knigstein zu wandern, um wegen
Pistolenzweikampfs mit einem Verwandten der Dame in Haft zu ben. Auf
Knigstein war es langweilig, und so vertrieb er sich die Zeit, indem er
in die vorbeiflieende Elbe mit Talern warf, um herauszubekommen, ob sie
rikochierten.

Kavalleristisch galoppiert es durch die Lucknersche Familiengeschichte.
Einsetzen der Person und ein frhliches Lachen ist vom Ahnherrn erblich;
irdische Gter sind gekommen und gegangen, das Herz ist auf dem alten
Fleck geblieben. Viel deutsche Geschichte drngt sich schon auf den
wenigen Blttern unserer Familienchronik durcheinander. Aber sollte
Deutschland noch einmal ums Dasein kmpfen mssen, sind hoffentlich auch
die Luckners wieder zur Stelle.




Sechstes Kapitel.

Offizier und immer mal wieder Matrose.


Ich fuhr nun zwei Jahre bei der Hamburg-Amerika-Linie. Whrend dieser
Fahrten bereitete ich mich aufs Kapitnsexamen vor. Ich bin nicht mehr
auf eine Schule gegangen, sondern habe mich privat vorbereitet. In
Hamburg nahm ich einige Zeit Privatstunden zu diesem Zweck. Nachmittags
pflegte ich dann auf der Unterelbe hinter Altona bei Neumhlen mit
einigen Kameraden zu segeln. Es ereignete sich einmal, da in einem vor
uns segelnden Boot ein Mann, der weder ordentlich segeln, noch schwimmen
konnte, ein Klner Kaufmann, durch den Besanbaum von Bord geschlagen
wurde. Ich schwamm nach der Stelle, wo er hineingefallen war. Wie ich
hinkomme, ist er untergegangen, so da ich tauche und ihn in ziemlicher
Tiefe fasse. Ich schiebe ihn hoch, und er gelangt dadurch frher an die
Oberflche als ich. Wie ich nun nachkomme und Luft hole, umkrallt er mit
Armen und Beinen meinen Krper. So werde ich mit ihm hinuntergezogen.
Endlich werden durch Zufall meine Beine frei, ich stoe mich von ihm ab
und komme dadurch los und gelange wieder hoch. Es wurde mir schon
schwarz vor den Augen, aber ich erholte mich und tauchte nochmals. Lange
blieb ich mit dem Unglcklichen auf der gleichen Hhe des Flusses, da
der Strom uns mit gleicher Geschwindigkeit fortri. Endlich bekam ich
den schon Bewutlosen zu fassen und arbeitete mich gut 500 Meter ber
die breite Elbe ans Ufer. Als ich drben ankomme, hat sich eine groe
Menschenmenge gesammelt. Ich bin ganz erschpft und will meinen Mann
abgeben, als ich Grund spre. Da brach ich infolge der Kraftanstrengung
bewutlos zusammen. Ein alter Herr will mich da mit dem Regenschirm
herangestakert und herausgeholt haben. Der Verunglckte wurde wieder
belebt und nach einer halben Stunde kam ich auch wieder zum Bewutsein
und fuhr nach Hause.

Lebensrettungen sind verhltnismig langweilig zu erzhlen. Ich mu sie
nur erwhnen, weil sie in meiner Laufbahn eine gewisse Rolle gespielt
haben. Im brigen lernt man nie einen Menschen richtig retten, da man ja
nicht wie ein Bademeister immer auf der Hut steht, sondern zufllig dazu
kommt, dann ist man selber so aufgeregt, da man die rtlichkeit und die
Besonderheiten des Falles nicht lange berlegen kann. Im Reglement Wie
man Ertrinkende retten soll, ist das alles so rosig und einfach
dargestellt. Zum Beispiel: man soll den Ertrinkenden von hinten her bei
den Haaren fassen. Aber abgesehen davon, da man oft nicht wei, ob der
Betreffende Haare hat, ist in den Vorschriften der Fall nicht
vorgesehen, wenn ein Ertrinkender in trbem, undurchsichtigem Wasser
untergetaucht ist, wobei es leicht vorkommt, da er einen unter Wasser
schneller anfat, wie man ihn selbst packen kann, und das sind die
hufigsten Flle, denen man bei Rettung Ertrinkender begegnet.

Acht Tage spter lud mich das Bezirkskommando vor; sie hatten die
Geschichte aus den Zeitungen erfahren, und ich sollte nun Zeugen
angeben, damit ich die Rettungsmedaille bekme. Ich erwiderte, da ich
nicht nach Zeugen suchen mchte. Es hie aber, da die Bestimmung Zeugen
verlangte. So konnten wir uns nicht einigen.

Inzwischen hatte ich mich zum Examen vorbereitet und meldete mich bei
Professor Bolte in Hamburg. Er fragte: Wo sind Sie auf der Schule
gewesen? Ich erzhlte ihm, da ich privat gearbeitet htte. Das war ihm
sichtlich unangenehm. Wozu haben wir unsere Schulen?, fragte er, wir
mssen Sie zum Examen annehmen, aber da wir Ihnen auf den Zahn fhlen,
kann uns nicht verwehrt sein.

Da Sie mehr wissen als ich, Herr Professor, davon bin ich berzeugt,
erwiderte ich und ging nach Altona. Dort war meine Hoffnung der alte
Direktor Jansen. Augenscheinlich war er aber schon durch Fernsprecher
unterrichtet.

Wo waren Sie auf der Schule?, fragte er mich.

Ich habe mich privat vorbereitet.

Sie sind Abiturient, nicht wahr, mit guten Grundkenntnissen?

Nein, ich bin Tertianer.

So, sagte er, ich bin bis zur Prima gekommen, habe es aber doch fr
ntig gehalten, sieben Monate noch zur Schule zu gehen. Nun, kommen Sie
in drei Wochen zum Examen.

Ich uerte die Befrchtung, man wnschte wohl diejenigen auszumerzen,
welche die Schule umgingen.

Er meinte zwar, das htte er nicht gerade gesagt, aber er interessierte
sich natrlich in besonderem Mae dafr, was dabei herausgekommen wre.
Meine Selbstsicherheit war doch so sehr erschttert, da ich wiederum
weiterzog nach Flensburg, zum Oberlehrer Pfeifer. Der wollte mich gleich
annehmen, aber ich mte mich erst in Altona bei Direktor Jansen
vorstellen. Das wre ein so gemtlicher Mensch!

Nein, sagte ich, da komme ich ja gerade her. Der Herr interessiert
sich so sehr fr hohle Zhne. Knnen Sie mir nicht sagen, wo noch eine
Schule ist, an die ich mich wenden kann? In Lbeck paten mir nmlich
die Termine damals nicht.

Da riet er mir, nach Timmel bei Papenburg in Ostfriesland zu gehen, da
wrden so schwerfllige Menschen unterrichtet. Papenburg ist ein kleines
Nest mitten in Ostfriesland, wo es nur Torf gibt. Es ist eigentlich die
grte Stadt der Welt, nmlich die lngste, denn man braucht 2 Stunden,
um hindurchzulaufen. Sie hat drei Postmter. In frheren Zeiten war es
eine Torfkolonie. Ein Kanal luft hindurch und die Kolonisten haben sich
rechts und links angebaut.

Ich gehe also dorthin zur Schule. Da war ein alter, wrdiger Herr mit
einem weien, fusseligen Bart. Ich war schon gewitzigt und erzhlte ihm,
ich htte aus Gesundheitsrcksichten keine Schule besuchen knnen, daher
die Zeit auf meinem Krankenlager benutzt, um mich privat vorzubereiten.
Ich wre pekunir nicht in der Lage gewesen, die Schule noch nach meiner
Krankheit zu besuchen, wre aber sehr fleiig gewesen usw. Ich verstand
es schon besser, mich auszudrcken.

Er meinte, das wre ja sehr nett, es wre ihm auch ganz angenehm, denn
sie htten augenblicklich nur einen Schler. Ich dachte, das hast du ja
gut getroffen. Der Schler wre auch recht schwach. Ach, dachte ich, das
konnte sich ja gar nicht besser treffen. Dann fragte er mich nach meinen
Personalien.

Das ist ja eine groe Freude und Ehre fr uns; wie sind Sie denn gerade
auf Papenburg gekommen?

Hm ja! Ich hatte einen guten Freund, der hat die Schule hier besucht
und mir davon vorgeschwrmt.

Wie hie er denn?

(Du lieber Himmel) ... Meier!

Von welchem Jahrgang war er denn?

Das wei ich nicht mehr.

Hat er schon das Kapitnsexamen?

... Nein.

Na, das mu er aber auch bald machen.

Ich erhielt einen Brief mit zu dem Direktor in Geestemnde, dort mute
ich mich erst vorstellen. Das war ein reizender Herr, der sich sehr
freute, da ich mein Examen machen wollte. Er knne mir das nachfhlen,
nach meiner Krankheit, da ich schnell in die Prfung wolle; es werde
auch schon gehen, das Examen sei in drei Wochen, ich solle da und dort
noch etwas Nachhilfeunterricht nehmen.

Dieser Nachhilfeunterricht frderte mich gut; es wurde dabei gern
zusammen eine gemtliche Pulle Rotspon getrunken. Ich war der einzige
Trost der Schule, denn der andere war immer in Schwei gebadet vor
lauter vergeblichem Flei.

Das Examen nahte. Direktor Prahm und Oberlehrer Neptun, wie wir ihn
nannten, hatten die Aufsicht, und ich war wirklich als der erste fertig,
und der andere brtete da herum und schmorte. Bei mir stimmte alles, ihm
wurde noch ein bichen unter die Arme gegriffen. Einer mute
durchkommen, das war fr die Schule ja ntig, aber schlielich kam der
andere auch noch durch. Zuletzt kam das Maschinenexamen. Das war wenig
verwickelt und beschrnkte sich auf solche Fragen: Womit Dampf erzeugt
wird? Durch Hitze. Wie die beiden Rauchkammern vorn und hinten heien?
Vordere Rauchkammer und hintere Rauchkammer. Richtig. So wurde die
Prfung bestanden, kraftvoll mit dem Lehrer gefeiert, und dann reiste
ich stolz nach Hamburg.

Dann fuhr ich bei der Hamburg-Amerika-Linie weiter bis zum Sptjahr
1911. Dann bin ich aktiver Seeoffizier in der Kaiserlichen Marine
geworden. Der Anla dazu war meine fnfte Lebensrettung, die am
Weihnachtsabend dieses Jahres passierte. Ich war bei einer Feier in
Hamburg gewesen und komme nachts zurck und will an Bord meines
Schiffes, des Meteor. Ich stehe auf dem Fhrponton und warte auf den
Fhrdampfer. Neben mir steht ein Zollbeamter. Da sehe ich im trben
Lampenscheine der Hafenbeleuchtung im Wasser einen Kerl treiben und will
mich in das Wasser strzen. Da hlt mich der Beamte zurck: Ist es denn
nicht genug, wenn da einer ersuft? Aber ich kann den Menschen doch
nicht ertrinken lassen! Sie sind wohl ganz verrckt, in das eiskalte
Wasser gehen zu wollen. Er hlt mich am berzieher fest, aber ich reie
mich heraus aus dem berzieher und springe hinunter. Donnerwetter, wie
ich in das Wasser komme -- es waren 13 Grad Klte in der Nacht -- war
es mir, als wenn mir einer einen glhenden Draht in den Nacken hielte.
Ich mute noch etwa 25 Meter schwimmen, bis ich den Ertrinkenden fate.
Die Klte und sein Weihnachtsrausch waren sein Glck gewesen, denn er
war steif, und wer ruhig im Wasser liegt, der geht nicht so leicht
unter. Ich bringe ihn zurck zum Ponton. Das ist aber etwa einen
Meter ber Wasser, und ich htte nicht mehr die Kraft gehabt, dort
hinaufzukommen, wenn der Zollbeamte mich nicht zu fassen gekriegt und
mir herausgeholfen htte.

Solch oll dsiger verrckter Kerl, sagte er, wenn ich nich west wr,
denn wrt ji all beid' versopen.

Man brachte mich und meinen Mann (es war der englische Matrose Pearson)
in eine Grogstube; da roch es frchterlich nach Tabak und allem
mglichen: es waren nmlich die alten Hoppenmarkt-Lwen gemtlich beim
Weihnachtsfeiern. (Hoppenmarkt-Lwen nennt man die Mnner, die den
Fischweibern die Krbe auf den Markt tragen.) Sie wickelten uns in
wollene Decken und pumpten uns einen Grog nach dem andern ein. Ich
erholte mich auch wieder und berwand den Schrecken von dem kalten
Wasser, desgleichen auch mein Mann, der nun seine zweite Ladung bekam.

Eigentmlich ist es, da ich beim Retten Ertrinkender beinahe mehr Angst
habe als der Ertrinkende selbst. Mein Krper fliegt und zittert, wenn
ich jemandem nachspringe. Das Baden im freien Wasser ist mir deshalb
frmlich zuwider, weil mir dabei stets die Eindrcke wieder wach werden,
die ich beim Retten habe. Es ist mir beim Schwimmen, wie wenn sich einer
an einem Leibgericht einmal ordentlich berprpelt hat; man mag es
schlielich nicht mehr. Wenn ich erst einmal im Wasser drin bin, ist mir
wieder wohler. Stoe ich aber im Wasser an irgend etwas, so geht es mir
durch und durch, und ich denke dabei stets an einen Toten.

berall stand seit der Weihnachtsgeschichte in den Zeitungen: Hoch
klingt das Lied vom braven Mann usw. Es hie, ich htte fnf Menschen
das Leben gerettet und noch immer nicht die Medaille. Einer von den
fnfen war zudem eine bekannte Persnlichkeit. Aber das Bezirkskommando
beharrte immer noch bei seinen Zeugen und ich weigerte mich aus reiner
Dickkpfigkeit, sie zu beschaffen. Dem Hamburger Fremdenblatt verdanke
ich es in diesem Zusammenhang, da ich aktiver Offizier geworden bin.
Denn als ich kurz nachher in Kiel eine dreimonatige Reserveoffiziersbung
mitmachte, bekam Prinz Heinrich von Preuen von mir zu hren.

Eines Tages erhalte ich eine Order und werde gefragt, ob ich Lust htte,
aktiv zu werden. Ich erwiderte, da dies mein sehnlichster Wunsch wre,
ich glaubte nur, dafr zu alt zu sein. Darauf wurde mir geantwortet, das
sollte ich nicht meine Sache sein lassen. Am 3. Februar 1910 erhielt ich
ein Telegramm des Inhalts: Graf Luckner kommandiert zur Marine zwecks
spterer Aktivierung. Was war ich glcklich; Welt, was bist du schn!

Jetzt galt es zu arbeiten: Ich mute ja nachholen, was Seekadetten und
Fhnriche sonst in 3 Jahren lernen.

Nach dem Infanteriekursus ging es zum Torpedokursus. Diese enorme
Technik! Die Vollkommenheit des Apparates, der ganz allein arbeitet, mit
dem Tiefensteller, der erhitzten Luft, und allem, was damit
zusammenhing: nun hrte ich noch, da es sogar vier verschiedene
Torpedos gab, die wir alle durchnehmen muten.

Es sind hundertfnfzig Schrauben an solch einem Ding. Die Namen aller
Teile mu man behalten und den Apparat so kennen, da man ihn selbst
zusammensetzen knnte. Ich dachte bei mir: Das lernst du nie, jetzt
bist du wieder der Dumme wie damals in Tertia.

Kapitnleutnant Kirchner interessierte sich fr mich und half mir nach
Krften. Ferner war da als Lehrer Kapitnleutnant Pochhammer, dessen
Vater zu gleicher Zeit Vortrge ber Dante hielt. So ging ich fleiig
auch zu diesen Vortrgen und studierte Dante. Was wute ich vorher
davon! Ich verstand ja auch jetzt nicht viel, aber die Beatrice hat mir
doch gefallen, das eigentmliche Mdel. Meine Danteinteressen machten
einen guten Eindruck, man drckte darauf hie und da ein Auge zu. Ich
bekam die ntige Sicherheit und bestand wieder einmal ein Examen.

  [Illustration: Auf Kronprinz.]

Auch die Schiebungen gingen gut. Auf der Schiffsartillerieschule in
Sonderburg gab es viel Neues zu lernen, leichte, mittlere und schwere
Artillerie, die hydraulischen und die elektrischen Funktionen usw.
Junge, wat wirst du fr'n kloken Keerl! Ich bekam eine wilde
Begeisterung fr allen technischen Kram, so da ich mich da wie in einen
Pott voll Erbsen hineinschmuddelte. Ich wollte immer noch mehr lernen
und dachte: Wenn du Hasen schieen kannst, dann kannst du doch auch mit
der Artillerie schieen. So habe ich auch diesen Kursus bestanden.

Mit meinen Kameraden und den Lehrern bin ich gut Freund geworden, obwohl
ich viele Neider hatte. Ich gehrte ja nie zu denen, welchen das
Begreifen leicht fiel, und nun entwickelte ich nach so viel
Hindernissen auf einmal so viel unglaubliches Glck. Ein
Korvettenkapitn hat es damals fertig gebracht zu uern, die Marine
hielte sich jetzt gut genug als Aufnahmesttte fr solche Elemente, die
aus dem Elternhaus hinausgeworfen wren. Das war seit den sechziger
Jahren auch nicht mehr vorgekommen, da einer so wie ich in die Marine
kam.

Die Kurse machte ich aus kaiserlicher Schatulle, da an sich kein
Reserveoffizier nach den Bestimmungen aktiv werden konnte. Als Offizier
beteiligte ich mich an den Fhnrichskursen und erhielt obendrein 300
Mark monatliche Kommandozulage auf private Kosten Seiner Majestt.

  [Illustration: Auf Kronprinz.]

Mein erstes Schiff war die Preuen, da war ein wirklich bedeutender
Mann erster Offizier, der Korvettenkapitn v. Blow, der sich meiner
annahm. Durch sein erweckendes Interesse arbeitete ich mich wunderbar
ein. Ich lernte alle die Rollen aufbauen, die es gab, Reinschiff,
Bootsrolle, Klar Schiff zum Gefecht usw., die Flut- und Lenzeinrichtung:
kurz alles, was dazu gehrt, holte ich in Blde nach. Die Hauptsache ist
der resolute Entschlu, der bei vielen Menschen fehlt. Die Kritik macht
es nicht. Man mu nur die Richtung haben, wohin man will, den freien
Willen darauf lenken und nicht fragen, ob es so oder anders kommen
knnte. Das habe ich immer empfunden, auch als ich spter auf meinem
Seeadler war.

Mein Jahr Probedienstleistung war um, und vom Kabinett wurde Bericht
eingefordert. Darauf teilte man mir mit, da ich drei Jahre
vorpatentiert wre, und so lauteten die gndigen kaiserlichen Worte:
Bei weiterer gnstiger Berichterstattung ber den genannten Offizier
behalte Ich Mir vor, sein Dienstalter abermals zu erhhen.

  [Illustration: Auf Kronprinz.]

Als die endgltige Aktivierung gekommen war, hatte ich doch das Gefhl:
jetzt bist du nicht mehr abhngig von der Reederei, vom Inspektor, der
einen einfach an die Luft setzen kann. Der olle Seemann war abgetan.
Jetzt durfte man nicht mehr mit dem Lffel einhauen. Die Gesellschaft
lag nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Man fhlte, wie man gewandter
wurde und fand sich in die neue Rolle. Die Kieler Woche ward mitgemacht
und mancher sportliche Preis dabei geholt. Je mehr ich aber so
hineinkam, um so mehr sprote auch die Sehnsucht nach dem Vergangenen
wieder im Stillen. Nachdem ich mein Steuermannsexamen gemacht hatte, war
mein Fu ja auf kein Segelschiff mehr gekommen. Aber die heimliche Liebe
verlie mich nicht. Auf der Preuen habe ich meinen ersten Rckfall
gehabt und in meiner freien Zeit das Modell eines Segelschiffes
geschnitzt.

Jetzt wurde ich Wachoffizier. Das ist der wichtigste Posten fr einen
jungen Marineoffizier, wo er selbstndig Wache gehen, das Schiff im
Verbande fhren mu usw. Ich hatte anfangs einige Schwierigkeiten mit
den Leuten, die mir den Aufstieg nicht gnnten und uerst mitrauisch
aufpaten, wie ich meine Sache machte. Endlich kam meine Befrderung zum
Oberleutnant heraus, und ich trat meinen ersten Urlaub an.

Ich fuhr wie blich nach Hamburg.

Dort sitze ich mit einem Bekannten zusammen, der eine Reederei hatte,
und sage zu ihm: Ich mchte doch einmal wieder an Bord eines
Segelschiffes. Wie ich heute durch den Hafen fuhr, merkte ich, wie man
an den Schiffen hngt. Ich denke an den Feierabend an Bord, wo man die
Handharmonika hrte, wenn die Sonne unterging, und hatte Heimweh nach
meinen schnsten Stunden.

Er sagte: Du bist wohl verrckt. Jeder strebt doch vorwrts. Man denkt
wohl gern an die Zeiten, die man erlebt hat. Aber das habe ich doch nie
gesehen, da ein Diplomingenieur wieder Sehnsucht hat, am Ambo zu
stehen.

Dann war er aber einverstanden, mich wieder auf ein Segelschiff zu
bringen.

Wenn ein Segelschiff in den Hafen kommt, wird es gelscht, die Leute
mustern ab. Wird es neu beladen, so mustert man die Mannschaft
allmhlich wieder an. Die einzelnen werden zunchst vorgemustert, und
erst wenn eine ganze Mannschaft beisammen ist, werden sie alle auf
einmal vom Seeamt angemustert. Ich lie mir also von meinem Bekannten
einen Vormusterungsschein geben fr das Schiff Hannah, ging in ein
Ausrstungsgeschft fr Seeleute und kaufte mir Arbeitshose und Hemd,
Matratze und Decke. Letzteres lasse ich an Bord schicken. Das Zeug und
eine blauweie Bluse, wie die Seeleute sie tragen, ferner eine Mtze
nehme ich persnlich mit, packe alles in meinem Hotel in die Handtasche
um und lasse mir eine Droschke kommen. Ich sage dem Kutscher, er solle
mich nach der Rosenbrcke fahren, nach dem Baumwall. Whrend der Fahrt
ziehe ich meine Uniform aus, die Arbeitshose an, binde den Riemen um den
Leib und packe die Uniform in die Handtasche und schliee sie ab.

Wir kommen am Ziel an, ich steige aus.

Der Kutscher macht groe Augen: Wat is denn dat? Sind Se de
Seeoffizier, de mit mi von Hotel Atlantic kamen is?

Jawohl.

Se, Se! Wat wllt Se don? Se wllt sik afsupen (ertrnken) hier! So'n
junges Leben! Don Se mi dat nich an! Warom hewwt Se sik anner Tg
antrokken? Se wllt sik unkenntlich moken.

Ich versuche ihn zu beruhigen und sage, ich htte hier etwas zu
besorgen. Aber er lie sich nicht begtigen: Ne, Se wllt sik afsupen.
Seggn Se mi doch, wat Se hebben, Se bruk sik doch nich glik Ehr junges
Leben to nehmen!

Ich sagte ihm, er sollte ruhig meine Tasche nach dem Hotel zurckfahren,
ich gbe ihm das Doppelte, was die Fahrt kosten sollte.

Un Se komm' nich wedder?

Doch ich komme wieder.

Schlielich mute ich ihm im Vertrauen sagen, ich htte hier eine Sache
aufzuklren und mte da als Matrose auftreten, knnte nicht in Uniform
hinkommen. Er fragt, ob er denn das auch glauben drfte? Ich versicherte
es ihm. Da, wie er losfhrt, dreht er sich noch einmal um und sagt: He
=deit doch dat nich=?

Ich gehe also auf einen Jollenfhrer los, mache mir unterwegs die Hnde
schmutzig, reibe mir Staub in die Poren, wiege mich beim Gehen, wie ein
Seemann, mache mir das feine Benehmen ordentlich aus, versuche, ob ich
noch spucken knne, und rauche meine Piep an. So trollte ich an Bord,
die Hnde in den Hosentaschen. Gu'n Tag segg ick zum Steuermann und
zeige ihm meinen Vormusterungsschein. Er fragte mich, wo ich gefahren
htte, wie lange ich zur See wre, und alle solche Fragen.

Wie lange seid Ihr an Land?

Drei Wochen.

Na, Filax Ldicke denn komm man un mak di an de Arbeit.

Ne, ik hev doch min Tg noch nich hier. Do sind doch blot ok drei Mann
an Bord.

Ja, dat deit doch nix.

Un wenn ik nu nich kamen wr?

Denn wr eben 'n annern kamen.

Ne, vormittags trn ich nich to.

Dabei blieb es. Ich gehe noch nicht an die Arbeit, sondern schlendre
nach vorn, da sehe ich auch schon den Smutje stehen, einen breiten Kerl
mit rotem Bart. Er fragt mich: Wat war din letztes Schip? und meinte
dann: N' feinen Kaptein, n' fein Schip. Ik mak schon de tweete Reis'
hier.

Da seh ich auch so einen ltjen Nauke beim Tellerabwaschen und denke bei
mir: Der ist genau wie du damals so ungeschickt.

Ich komme nach vorn ins Logis, da sitzen ein Hein und ein Jan auf einer
Kiste mit ihrer Piep. Beide haben sich von der Arbeit gedrckt. Ich
wollte sehen, ob sie was merken, und fange an, mich mit ihnen zu
unterhalten. Hein fragt: Wie heest du?

Filax.

Du bst woll lang an Land west?

Wo so?

Du shst so fein ut. Du hest de Hoor so fein sneden und bst so fein
rasiert. Wo hest du fohrt?

Op de Persimon. Das Schiff hatte ich gerade da liegen sehen.

Da fahr ik nich mehr. Bei Laeisz, da gibt et nix to freeten. Hast du
nich 'n Olsch (Alte)?

Ne.

Ik hev 'n Olsch, de wr all dreimal verheirat, un hett nie den
Richtigen kriegen knnen, awwer jetzt, seggt sie selbst, hett se 'n
ganzen Kerl.

Wat is se denn?

Pltterolsch. Die kann pltten! Und hett mi all in Stand sett, und nu
is se so glcklich. Dat kann ik di seggn, abends, da bringt se mi warm
Eten. Dat is ne feine Deern, de hett Sneid.

Ik freu mi ja bannig, dat se an Bord kmmt, sag ich.

Wir unterhalten uns so, da kommt der Steuermann: Mokt dat Ji rut kmmt,
de Filax kann sin Tg utpacken un an de Arbeit gohn.

Ne, sag ich, ik hebbt seggt, erst Nachmittag. Ich dachte, du mut
ordentlich grospurig sein; das ist nmlich beim Seemann ein Zeichen,
da er was kann.

Dann kommt der Kapitn von Land und fragt den Steuermann: Wat hevt wi
fr Ld kregen?

Een Mann is ht kamen, de lang na See to fohrt, awwer he is hll'sch
altbacksch.

He soll mal rut komm'.

Nauke wird geschickt: der Filax soll mal achtern rut komm'n taun
Kaptein.

Ich komme nach achtern rut: Tag, Kaptein!

Tag. Wann sind Se an Bord kamen?

Klock tein ht Morgen.

Wie lang fohrt Se no See to?

Fftein Johr.

Ik will Ju man seggen; wi hevt vel to dohn mit de Seils, knnt Se Seils
neihn?

Jo, dat kann ik.

Wir haben nicht Zeit genug, die Segel an Land auszubessern, das mu auf
See geschehen.

Jo, dat doh ik.

Hevt Se Ehr Tg an Bord?

Ne, noch nich mal min Matratz.

Na, denn gehn Se man nachher an de Arbeit.

Ich esse ordentlich wieder mal Bohnen in Bouillon, richtig wieder im
Logis, ber meinen groen Emailletopf, den Mock, ber den Tisch gelehnt.
(Blo nicht zeigen, da du Offizier bist. Ich habe ja fnfzehn Jahre zur
See gefahren.) Ich lege mich nach dem Essen in die Koje und frage: Ist
denn keine Handharmonika da?

Jo, Hein hett een'.

Geihst du von Bord ht abend, Hein?

Ne, ik hev keen Geld.

Denn spel man! Ik giw ok 'n Kasten Beer ut.

... Richtig, abends wird Feierabend gemacht, Handharmonika gespielt, die
Motorbarkasse kommt heran, wo Bier in Kisten verkauft wird, und ein
Kasten wird heraufgeholt. Um halb sieben kommt die Pltterin. Sie war
ein ganz nettes Mdchen, hatte so ein bichen die Blattern gehabt, hatte
so eine hochsitzende Fladuse, einen gewissen _flying jib_, aber sonst
war sie ganz nett. Ihren Hein, den mochte sie ganz gern; sie hatte einen
tchtigen Pott mit Essen mitgebracht. Dat magst du wohl, Jung.

Wir sitzen so, da sehe ich, wie er einen Tuschkasten herausholt. Und
whrend wir drauen sitzen und das Abendlicht auf dem Wasser glitzert,
malt er ihr eine Ttowierung auf den Arm. Ein tchtig groes Herz mit
einer groen Flamme daraus; dann mute der Name rein. Er machte mal eine
kleine Pause, denn sie konnte es nicht ganz aushalten. Dat is ne feine
Deern, de lt sik alles gefallen, de is so treu wie Gold. (Nur sah der
Vogel nicht so treu aus.) Er hatte ihr schon viel vorgeredet, Plne
gemacht. Sie wollten nach Australien, Gold suchen.

Ich bin ganz vergngt, absolut in meinem Fett. So geht es den einen wie
den andern Tag. Mit dem Steuermann konnte ich nicht gut umgehen, ich war
ihm zu altbacksch. Er verpetzte mich immer. Ich wollte aber auch kein
Freund vom Steuermann sein, sondern ein richtiger Matrose. Mit dem
Kapitn unterhielt ich mich auch dann und wann einen Augenblick. Den
dritten Tag kommt mein Freund, der Reeder, und will mich mit dem
Motorboot abholen. Er will nach vorn kommen. Ich rufe: Blo mich nicht
verraten. Wann kommst du an Land? Um sieben Uhr. Wir treffen uns im
Commercial Room.

Der Steuermann und der Kapitn hatten schon gemerkt, wie der Reeder
ankam, aber nicht, da er mit mir sprach.

Tag, Herr Direktor.

Tag, Kapitn, na, was gibt es Neues? Geht das Laden gut vorweg? Wieviel
Leute haben Sie schon?

Wir haben fnf Mann mit dem Steuermann.

So gingen sie auf und ab. Kapitn, ich lade Sie zu heute abend ein,
seien Sie um acht Uhr im Englischen Hotel.

Jawohl, Herr Direktor. -- --

Wie ich den Reeder treffe, bitte ich ihn, den Kapitn zum Atlantic
mitzubringen, aber nichts zu verraten. Ich komme in meiner Seemannskluft
ins Atlantic, da gucken die Leute mich von oben herab an, und ich
witsche in mein Zimmer. Der Geschftsfhrer erkennt mich und zwinkert
mit den Augen. Ich ziehe meine Uniform an, gehe noch ein wenig
spazieren, und allmhlich wird es halb neun. Im Hotel ist eine prchtige
groe Halle mit blumengeschmckten runden Tischchen. Wie ich
zurckkomme, sitzt der Kapitn schon da. Er ist ein wenig befangen. Der
Reeder stellt vor: Kapitn Erdmann von der Hannah. -- Graf Luckner.
Dann sitzen wir bei einer Pulle Wein.

Erdmann guckt mich immer so an und dreht mit dem Weinglas hin und her
und entdeckt wohl eine gewisse hnlichkeit. Man sieht es ordentlich
seinem Gesicht an, da ich nach seiner Meinung einem Matrosen hnlich
sehe, aber er kmpft es offenbar nieder, denkt wohl, da es gerade keine
Schmeichelei fr einen Seeoffizier sei, wenn er das sage.

Wie ich einmal hinausgegangen bin, fragt er den Reeder: Wie rede ich
ihn eigentlich an, er ist doch Oberleutnant und Graf?

Ja, sagt der Reeder, man nennt ihn nur Graf.

Sie mssen denken, ich bin beinahe herausgeplatzt mit der Sprache, denn
er sieht einem Matrosen so hnlich, ich dachte, es wre sein Bruder,
denn so was von hnlichkeit habe ich noch nie gesehen.

Wir sitzen da, essen und trinken, er guckt mich immer so an, der olle
Kaptein, kommt aber nicht aus sich heraus.

Wie ich nun in gute Stimmung komme, frage ich: Kennen Sie mich wieder?

Wat? Wat is los??

Wie auf dem Sprunge war er.

Ich sage: So, ich dachte, Sie kennen mich wieder.

Was meinen Sie damit, da wir uns schon mal gesehen haben?

Ja, wir haben uns doch mal gesehen.

Er rang noch einmal mit sich selbst und zwang es nieder.

Ja, Herr Graf, Sie kommen mir auch so bekannt vor, aber wo haben wir
uns gesehen?

Kennen Sie mich nicht?

Nun sa er da, drckte hin und herber, der Direktor hatte gesagt, er
drfte das mit der hnlichkeit nicht herausreden. Er sa, wie man zu
sagen pflegt, mit de Vorbeen' im Trog. Ich sage:

Kennen Sie Filax?

Mensch ... Mensch. Sind Sie Filax??

Aber Herr Kapitn, sagt der Direktor.

Ach, Herr Direktor, dat is mi man blot so rutlopen.

Ich besttigte, da ich es wre.

Nein, Sie sind das gewesen? Sie sind bei mir an Bord gewesen? Sie sind
doch ein Marineoffizier, wie kommen Sie an Bord?

Ich erzhle ihm meine Laufbahn, und da sind dem Mann die Trnen
heruntergelaufen: Jetzt gebe ich eine Pulle aus, das freut mich so, das
kann ich gar nicht verstehen. Ich war doch immer nett zu Ihnen, nicht
wahr? Der Steuermann htte aber gesagt, ich wre altbacksch. Ach was,
der Steuermann, das ist ja aber gar nicht wahr, da Sie altbacksch
sind.

Da kam der gute Kerl so in Schwung, da er uns einlud nach Sankt Pauli.
Ich mte doch noch einmal an Bord kommen, das sollte ich ihm
versprechen.

Dann sind wir mit vollem Winde nach Sankt Pauli gezogen. Da ging es hoch
her! Er war so stolz: Mi glwt dat ja keen, wenn ik dat min Matrosen un
Strlt vertell. So einen ulkigen Graf, den hab ich mir doch nicht
vorgestellt. Der Kaptein hat sich an diesem Abend tchtig beschnobbert.
Ich konnte leider nicht mehr an Bord kommen, und so habe ich ihm
wenigstens ein Bild von mir zugeschickt zum Dank fr die drei Tage an
Bord, die mich so aufgefrischt hatten.

In Hamburg ist ein Heim, wo die armen Seefahreralten auf Staatskosten
untergebracht werden. Unten am Eingang hngt ein Gemlde mit der
Aufschrift: Helft den Seefahrern um Gotteswillen! Oft bin ich
hineingegangen zu den Alten, von denen manche 50 Jahre auf See gefahren
waren. Es sind knochige Gestalten mit verwetterten Gesichtern und
Kranzbrten. Jeder hat einen kleinen Raum, eine Kajte und Koje, die
Wnde mit Erinnerungszeichen geschmckt. In der Messe versammeln sie
sich um einen groen Tisch. Wenn man hinkommt, um sie zu besuchen, tritt
einer nach dem andern aus seiner Kajte, die Pfeife im zahnlosen Munde,
brennt sich die Pip an und hrt zu, was man als junger Seemann erzhlt.
Meistens nahm ich ihnen ein wenig Plattentabak mit, wenn ich hinging,
und dann hie es: Na Filax, wat giwwt dat Ni'es? Die alten Leute
klagten besonders, da man ihnen die Hochbahn vor die Nase gebaut htte.
Sie hatten nun keinen freien Ausblick mehr und konnten nicht wie frher
sehen, wenn ein Segelschiff raus ging. Mit der neuen Zeit sind die alten
Leutchen gar nicht recht einverstanden, es gibt nichts mehr, was sie
interessiert. Eigenartig ist es, wie sie ihre Strmpfe stopfen. Sie
stecken eine Flasche in den Strumpf und stopfen dann. Der Seemann legt
bekanntlich groen Wert auf das Stopfen und stopft genau nach den
Maschen, so da es nachher nicht zu sehen ist.

Ein anderer malt Schiffe auf lsegeltuch. Ein ganz blauer Himmel oder
ein ganz schwarzer.

Die alten Seeleute haben nichts weiter als ihre Seekiste, die ihr
einziger treuer Begleiter ist, mit dem sie die See befahren haben, die
Auenwelt kmmert sich nicht mehr um sie. Ab und zu, alle halben Jahre
einmal, bekommen sie einen Brief von einem Maaten, der vielleicht zehn
Jahre jnger ist als sie. Ein solcher Brief wird erst allgemein
vorgelesen und dann liest ihn jeder fr sich allein. Und dann geht es
los:

Minsch, weetst du noch, as wi in Buenos Aires wren, wo wi uns do
dropen dh'n? Viele Erinnerungen tauchen auf, un weetst du noch, da un
da, wo du so besoopen wrst?

Einmal habe ich ein Boot genommen und die alten Leutchen eingeladen zu
einer Spazierfahrt im Hafen. Ach Gott, wie waren sie begeistert! Erst
eine Hafenrundfahrt. Wie sie so alle langsam ins Boot klettern. Und
dann geht es los. Nu, man nicht so gau (jh), dat Schip mt wi uns erst
mal ansehn. Minsch, wo ward dat hengahn? Jung, kiek, de htt noch ne
ornlich stramme Takelag'. So wird jedes Schiff bewundert oder
kritisiert. Schlielich kommen wir an einen alten Segler, der auch seine
Pflicht getan hat. Dat oll Schip, mit de ik in Rio tosom' leggen hev.
Knn' ik doch noch mal mit so 'n Schip rut! Die neuen Schiffe waren
ihnen zu modern, da konnten sie keinen rechten Gefallen daran finden.

Einen Veteranen meines Berufes aber habe ich nie wieder gesehen, meinen
lieben Oll Pedder. Als ich nach meiner Flucht zum erstenmal wieder
Hamburger Boden betrat, hatte es mich vor allen Dingen natrlich zum
Haus am Brauerknechtsgraben hingezogen. Peter Brmmer stand noch an
der Tr. Ich klopfe an und trete ein, aber nur seine alte gebrochene
Schwester kommt mir in gebckter Haltung entgegen. Ich frage: Wo is
Pedder?

Pedder, de is dod. Und dann: Bist du dat, bist du sin Jong?, den he
no See to brcht hett? Wie manchmal hett he an di dacht, wie oftmal hett
he seggt: Wo is wohl de Jong? Pedder is nich meh, he is nu all drei Johr
dod.

Wo liggt he denn begraben?

In Ohlsdorp.

So konnte ich meinen alten lieben Pedder nur auf dem Friedhof besuchen,
und da das Grab doch zu karg gepflegt war und ich ihm so viel zu
verdanken hatte, habe ich ihm in einem Altwarengeschft einen eisernen
Anker gekauft mit einer Messingtafel. Darauf steht eingegraben: Ik hev
di nich vergeten. Din Jong.

Als ich nun zuletzt nach Hamburg kam, nach der Unterzeichnung des
Friedens, der auch die deutsche Elbe ihrer Schiffe beraubt hat, fand ich
meine alten Fahrensleute niedergedrckter als jemals. Jetzt, wo wi keen
Scheepen meh hevt, denkt keen Minsch meh an uns. Wenn wi man blot noch
'n Strmel to smken han! Man hat ihnen, als man dies hrte, einen
Zentner Tabak hingeschickt, und meine Freunde blieben auch nicht mig.
Es wre ein schlechtes Zeichen fr die deutsche Jugend, wenn sie die
Alten verge, die mitgeholfen haben, da unsere Schiffahrt die grte
der Welt nach der englischen wurde. Wie ein Mrchen ist es uns heute,
da diese stolze Zeit, die eben noch da war, verschwunden sein soll!
Aber fr Deutschland zur See zu arbeiten, ist auch heute eine Ehre, und
ich hoffe es noch zu erleben, da der hchste Traum deutscher Jungens
wieder der sein wird, unter unserer Flagge zur See zu gehen als Matrose
oder Offizier auf Handels- oder Reichskriegsmarine. Darum mchte ich
bitten: Verget auch die Alten nicht, und denkt in der Armut, die ber
uns alle hereingebrochen ist, an die rmsten, die sich keine neue
Zukunft mehr zimmern knnen! Ihnen Liebes zu erweisen, findet dankbare
Herzen. Denn die Seeleute, die diesen rauhen Beruf haben, sind in ihrem
Innern zumeist weiche Menschen. Die See hat in ihnen ein Stck
Kindlichkeit gehtet.




Siebentes Kapitel.

In Kamerun.


Im Jahr 1913 war ich auf Braunschweig und auf Kaiser, dem
Flaggschiff Seiner Majestt, das ganz neu als erstes in einer Klasse der
Grokampfschiffe in Dienst gestellt war. Darauf habe ich an wundervollen
Reisen nach Norwegen teilgenommen und auch die Einweihung des
Frithjof-Denkmals mitgemacht, welches der Kaiser den Norwegern geschenkt
hat.

Danach kam ich, wie bereits erzhlt, auf den Panther, der zur
westafrikanischen Station gehrte. Da habe ich unsere herrliche deutsche
Kolonie kennen gelernt mit ihren unerschpflichen Reichtmern fr
naturfrohe, junge Gemter. Mit einigen gleichgestimmten Kameraden ging
ich auf Elefanten- und Bffeljagd. Das war nicht so einfach, da unser
Kommandant dagegen war und es nicht gerne sah, wenn seine Herren ihr
Leben, wie er meinte, unntig riskierten. Wir muten also unter einem
Vorwand an Land gehen und unsre Gewehre heimlich mitnehmen.

Mit einem 35 Meter langen Kanu fuhren wir hinauf, von 12 bis 15
Schwarzen gerudert. Mit sieben bis acht Meilen Fahrt jagten sie dahin,
den Hauptflu Kameruns, den Mungo, aufwrts. Der Wasserweg ist die
einzige Strae, den Urwald zu durchqueren, der sich links und rechts des
Flusses wie Mauern erhebt. Darin ist dunkle Nacht. Baumriesen, mehr als
hundert Meter hoch, sperren mit ihren gewaltigen Kronen jedes Licht ab.
Und alles strebt nach dem Licht, es herrscht nur der Kampf um das Licht.
Die Liane schlingt sich an den Urwaldriesen hoch, verwchst mit ihnen so
eng, da dem Baum die Lebenskraft ausgesogen wird; und wenn sie endlich
das Licht erreicht hat, strzt sie mit dem morschen, sftelosen Stamm
zusammen. Die freie Stelle der Baumkrone wird sofort wieder ausgefllt.
Die Liane macht einen neuen Versuch, an einem andern Baum wieder
hochzukriechen, bis auch der zusammenbricht. Die Stmme liegen in dem
feuchten Dunkel, vermodern in kurzer Zeit, geben der Urwalderde Kraft
und neuen Schlinggewchsen Nahrung. Kein Mensch kann auch nur einen
Meter in solchen Urwald eindringen. Farrenkruter und Lianen, die sich
nach beiden Seiten ausdehnen, hindern jeden Schritt. Auch das Leben
schweigt im dumpfen Innern des Urwaldes, abgesehen von niederen Tieren,
Schnecken, Wrmern und Insekten, die sich allein dort halten knnen. Nur
wo das Licht ist, kennt der Urwald hheres Leben. In den Kronen der
gigantischen Bume nisten die Vgel in unendlicher Zahl, und lngs den
Flulufen turnen die Affen kreischend von Baum zu Baum.

  [Illustration: S. M. S. Kaiser.]

Nach achtzehnstndiger Fahrt kamen wir nach Mondame. Die Jagdbeute
bestand aus einem einzigen Krokodil -- sie sind schwer zu schieen, da
sie gewandt tauchen --, Geiern, Seeadlern und Affen. Das leckere
Affenfleisch, das die Neger lieben, haben wir nicht recht zu essen
gewagt, obwohl der Affe, wenn er abgezogen ist, gar nicht mehr dem
Menschen hnelt, sondern eher einem Hund oder anderen kleinem Tier.

In Mondame, wo wir angesagt waren, riefen uns die Farbigen schon
entgegen: Massa, Massa, plenty Elefant. Da haben mein Freund Breyer
und ich uns alles andere als weidmnnisch benommen, denn die
Elefantenjagd ist anders, als man sie sich vorstellt.

Auf Morgenschuhen, um leise pirschen zu knnen, zogen wir einzeln los,
jeder mit einem Neger als Fhrer. Da hren wir ganz dicht bei uns die
Elefanten, die in die Negerpflanzung eingebrochen waren. Sehen konnte
ich noch nichts. Mein Schwarzer sagte immerzu: Massa, Elefant, Look,
Massa, Elefant. Aber wenn man das noch nie gesehen hat, kann einem
zehnmal gesagt werden, da sei ein Elefant, man sieht das Stckchen graue
Wand nicht, das durch die Plantage durchschimmert. Man hlt es fr alles
eher, als fr einen Elefanten. Endlich wie sich das Tier, keine zwanzig
Schritt von mir entfernt, in Bewegung setzt, erkenne ich es durch das
Gebsch hindurch. Ich schwitze vor Aufregung, da das Wasser den
Gewehrkolben entlangluft, ziehe mit meinem Mohren durch zwei Reihen
gepflanzter Bananen, aber komme dem Tier nicht nher, da es weiter
vorausging.

Nun kam ich an einen Termitenhgel und nahm ihn im Sprung. Von dort
konnte ich eine ganze Strecke berblicken, und denke, das sind ja
Straue. Die Elefanten pflcken nmlich die Bananen Stck fr Stck, und
wie sie da mit den Rsseln hinauflangten, dachte ich, es wren
Strauenkpfe. Wie ich mich umsehe, schiebt sich ein Riesenkolo vor mir
aus dem Gebsch, andere hinter ihm her. Ich lege an, im letzten
Augenblick kommt mir die Erinnerung, da man auf den Rsselansatz
schieen soll, etwas tiefer als die Lichter. Ich lege an, drcke ab, im
selben Augenblick dreht sich der Riese im Kreise, man hrt ein
frchterliches Trompeten. Rechts und links bricht eine Kavalkade los und
saust an mir vorber. Wie schnell, gewandt und wuchtig solche Kolosse
von vier Meter Hhe laufen, kann man sich nicht vorstellen. Ich konnte
nur zusehen, da ich von meinem Hgel nicht herunterfiel, und dabei
beging ich das unglaublich Unweidmnnische, da ich meinen
angeschossenen Elefanten aus den Augen verlor. Glcklicherweise lieen
sich die Neger durch die vielen Fhrten aufgescheuchter Herden nicht
irre machen und sprten das Tier wieder auf, das gestrzt war und die
Stozhne beim Fall tief in die Erde gerammt hatte. Wir haben ihm noch
mehrere Schu in den Kopf gejagt, bis es tot war. In einer Stunde
hatten sich dort viele hundert Neger angesammelt, die auf den Ruf der
Palavertrommel von allen Seiten wie Gazellen angerannt kamen, um Fleisch
zu holen. Ein Huptling bezahlt ohne weiteres fr einen Elefanten
achthundert Mark und verkauft ihn weiter an seine Leute.

  [Illustration: Mein Begleiter bei seinem Elefanten.]

Da die Eingeborenen keine Gewehre haben drfen, verscheuchen sie die
Elefanten, die bei ihnen einbrechen, durch Lrm oder jagen sie so, da
sie sich von hinten an sie heranschleichen und ihnen die Fusehnen
durchschneiden; wenn sich der Elefant dann nicht mehr rhren kann,
rammen sie ihm Speere in den Leib, bis er verendet. Jedes Dorf besitzt
eine Palavertrommel, ein Signalinstrument mit drei Tnen, das die
Nachrichten mit fabelhafter Geschwindigkeit von Dorf zu Dorf weitergibt.
Man kann keinen Elefanten schieen, ohne da die Nachricht davon alsbald
an die Kste kommt.

Niemand, der Kamerun bereist hat, versumte es, den berhmten Huptling
von Bamum Joja zu besuchen, wohl einen der intelligentesten Huptlinge
von ganz Afrika, der sogar fr seinen Staat eine eigene Schriftsprache
erfunden hat. Er war ein groer Bewunderer der Deutschen, der vor
Jahren selbst seinen knstlerisch geschnitzten alten Thron einem
deutschen Museum vermacht hat.

  [Illustration:
  ... Wir staunen, wie seine hohe Gestalt sich uns nhert.]

Eine ganze Strecke fuhren wir von Banaberi mit der Nordbahn ins Innere,
und zwar bis in das Gebiet von Bamum. Joja, der durch Palavertrommeln
seiner Untergebenen schon ber das Nahen von Europern, und zwar
Offizieren, unterrichtet war, kommt uns mit seinem Stabe entgegen. Von
der Hhe gewrtigt man einen langen Zug. Vorweg Rinder und Ziegen und
sonstiges Vieh, der Beweis seines Reichtums. Bei unserer Annherung
steigt Joja aus seiner Tragbahre. Es ist dies eine Hngematte, die von
zwei Schwarzen getragen wird an einer langen Stange. Wir staunen, wie
seine hohe Gestalt sich uns nhert, umkleidet mit praller roter
Husarenuniform, Krassierhelm und einem frchterlichen Schlachtschwert,
geschmckt mit einem Kronenorden mit Schwertern, die schwarzen Beine
aber von oben bis unten nackt. Sein Stolz als Beherrscher wird noch
gehoben durch unser sichtbares Staunen ber seine Erscheinung. Joja
kommt uns entgegen, tritt auf uns zu und mit kurzen Worten in
Pitschin-Englisch, vermischt mit seiner eigenen Landessprache, deutet er
uns an, da wir herzlich willkommen sind. Um ihn herum stehen seine
Unterhuptlinge, alle geschmckt, die hohen Gestalten, auch mit
Beinschmuck unter den bloen Knien. Dann folgen alle seine Krieger,
muskulse Krper, fast alle in gleicher Gre, ein wundervolles Bild von
Kraft. Die schweren Schilde, die sie tragen, sind mit Rindshaut bezogen,
vier Speere haben sie in der Hand. Joja fhrt uns, und wir nhern uns
seiner Hauptstadt Bamum, einem riesenhaften Negerdorf. Von seiner
Bevlkerung werden ihm beim Passieren begeisterte Zurufe
entgegengebracht. An allen Ecken und Kanten arbeiten die
Palavertrommeln.

Joja fhrt uns in seinen Palast, der in einem groen Hof steht, umgeben
von einer gewaltigen Lehmmauer, die riesige Front mit den wundervollsten
bunten Schnitzereien als Fassade. Wir treten in einen groen Raum ohne
Sthle mit vielen Matten, und begeistert zeigt er uns jetzt die
gerucherten Kpfe von seinen und seiner Vorfahren Gegnern, dann ein
groes Elfenbeinhorn, das mit den Unterkiefern der erschlagenen Feinde
geschmckt ist. Die Tonfabrikation scheint hoch entwickelt zu sein,
berall sieht man Tonarbeiten. Sogar eine Art Kamin befindet sich in der
einen Ecke des Saales. Als einziger Schmuck prangt darauf der Deckel
einer europischen Butterdose, eine brtende Henne darstellend.

Hier wurden wir nun bewirtet zunchst mit Palmenwein, ferner mit Saft
von ausgepreten Frchten, von Ananas, Mango, Apfelsinen, Popeyen, alles
zusammengemischt und dann wieder mit Palmenwein vermengt. Ein Getrnk,
das uns ausgezeichnet mundete. Joja sa etwas unruhig. Sichtlich hatte
er etwas vor, um uns weiter seine Macht zu zeigen. Dauernd kommen
Unterhuptlinge zu ihm herein, welche Berichte und Meldungen bringen,
die wir nicht verstehen. Er gibt wieder Befehle zurck.

Nach einer Viertelstunde erhebt sich Joja und fhrt uns in den groen
Hof, dessen Boden aus festgetretenem Lehm besteht, mit einem Baum in der
Mitte, dem sogenannten Palaverbaum. Er selbst schreitet majesttisch
einen andern ausgehhlten Baum empor, in den eine Treppe eingeschnitzt
ist. Auf ihm befindet sich die Kriegstrommel, die nur der Knig anrhren
darf. Mit dumpfem Rollen ertnt die Trommel unter der Hand des
Monarchen. Pltzlich fliegen vier Tore auf, und hereingebraust kommen
3000 Krieger, ein wundervolles Bild. Im Augenblick ist alles
exerziermig aufgestellt. Da stehen die prchtigen, gleichgroen
schwarzen Gestalten mit den Unterhuptlingen an der Spitze sich
gegenber, die Huptlinge in Pantherfellen mit Bffelmhnen an den
Knien, groen Speeren mit Bronzespitzen, unbeweglich, bis Joja das
Zeichen gibt, die Kampfspiele vorzufhren. Das Kriegsgeheul ertnt: Oho
ho, owahu, ua! Mit den groen Schilden aus Bffelfell prasseln sie
zusammen. Ein berwltigender Anblick fr den Europer. Man ist erstaunt
ber die vielen gleichmigen Bronzegestalten und erfhrt, da sich der
Huptling in allen Fragen, welche die Kriegerkaste betreffen, ber die
Frauen, die sie sich whlen usw. die Entscheidung vorbehlt. Die Rasse
soll gleich bleiben. Alle Krppel, die zur Welt kommen, werden sofort
beiseite geschafft; sie sind hier nicht daseinsberechtigt.

Nach dem Kriegstanz findet ein Speerwerfen statt. Ich war erstaunt, mit
welcher fabelhaften Energie und Wucht die Speere durch die Luft gegen
den Baum sausten. Das Schild, das getroffen werden mute, war 1 m
breit und 2 m hoch. Hier und da flogen Speere vorbei, aber die meisten
trafen doch ihr Ziel.

Nach diesen Vorfhrungen kamen die Frauen, um einige Tnze vorzufhren.
Die Krieger standen auen herum und die Mamis in der Mitte. Dann tanzten
abwechselnd die Frauen um die Mnner und die Mnner um die Frauen.

Im Laufe des Nachmittags erlie der Huptling eine besonders freudige
Bekanntmachung zur Erhhung des Festes. Er stiftete seinen Kriegern
Palmenwein. Bald darauf ein groer Jubel berall, und man sah die
Krieger in feuchtfrhlicher Stimmung beim Palmenwein.

Sehr interessant waren unsere Unterkunftsverhltnisse beim Huptling.
berall waren Korbmbel, Korbtische, Korbbettstellen. Sehr originell war
auch die Einrichtung zum Duschen. Die Boys, die zur Bedienung bestimmt
waren, pumpten Wasser in ein Rohr, das aus einem ausgehhlten Baumstamm
bestand. Von da aus lief das Wasser durch bereinander gelegtes
Schilfrohr und tropfte daran hernieder. Die beste und erfrischendste
Dusche, die man sich denken konnte.

Es wurde uns auch eine Bffeljagd vorgefhrt. Sie kann nur stattfinden,
wenn das Gras reif und trocken ist, das so hoch wchst, da darin Ro
und Reiter verschwinden. Der Wechsel der Bffel, die gejagt werden
sollten, wird in der Suhle festgestellt, dann wird ein ziemlich groes
Grasgelnde bestimmt, und rechts und links von ihm werden Schneisen
geschnitten. In der Richtung des Windes wird Feuer angelegt; die
Schneisen, in denen die Treiber laufen, dienen gleichzeitig dazu, das
bergreifen des Feuers auf das brige Land zu verhindern. Vor der Front
steht ein Dutzend Neger mit groen Schilden aus Bffelfell.

Durch das Feuer zieht sich der aufgestberte Bffel nach vorne. Er
schaut mit seinen schwarzen Augen durch das Grasland, geht aber noch
nicht heraus. Rckt das Feuer nher, und ist er gezwungen
herauszutreten, dann greift er auch gleich an, sobald er seine Khe in
Sicherheit gebracht hat. Im gleichen Augenblick sausen ihm die Speere
der Neger von vorn in den Leib. Er greift nun wtend an, da werfen die
Neger sich wie der Blitz herum auf die Erde und liegen still auf dem
Rcken unter dem Schild, der sie deckt. Ihre Gewandtheit darin ist
fabelhaft. Der Bffel kann ihnen jetzt nichts mehr anhaben, er stutzt.
Das Laufen ist ihm erschwert, denn die Speere, die ihm im Leib hngen,
sperren sich gegen die Erde. Er dreht sich herum, da sind die Schwarzen
sofort wieder auf, und er bekommt von hinten die zweite Ladung Speere.
Er tobt, wirft sich hin, will auf die Feinde los, der Schwei tritt in
Strmen heraus, aber er kann nicht mehr vor noch zurck. Eine Anzahl
Speere brechen wohl ab, aber im Augenblick sind die Neger heran, erheben
ein Festgeheul, und einer stt ihn ins Blatt, da er verendet.

Die Huptlinge mssen fr die notwendigen Arbeiten, Bahnbauten usw.
Leute stellen; dafr wird ihnen der Lohn von der Regierung berwiesen,
den sie unter Zurckbehaltung eines gewissen Anteils an die Leute
ausbezahlen. Die Erziehung der Leute ist erstaunlich straff. Sie
trainieren sich in jeder Hinsicht. Es gibt nmlich zwlf Aufgaben, die
jeder aus dem Stamm fhig sein mu zu lsen, wenn er ins Mannesalter
tritt. =Eine= Aufgabe wird ihm gestellt, aber da er nicht wei, welche er
bekommt, mu er auf alle zwlf eingebt sein. Deshalb trainieren diese
Leute sich von Kindheit an, um im gegebenen Fall die gestellte Aufgabe
zu lsen, z. B. 150 Speere hintereinander werfen, eine bestimmte Strecke
schwimmen, laufen, rudern, mit Pfeil und Bogen schieen, einen
aufgegebenen Gegenstand schnitzen und einen gewissen Schmerz aushalten
zu knnen. Mit den bungen beginnen sie im achten bis zehnten Lebensjahr
und werden so prachtvolle Athleten.

Auch ber religise Fragen unterhielt ich mich mit den Leuten. Der
evangelische Missionar verlangt, da sie sich einen Gott vorstellen
sollen. Das knnen diese Leute aber nicht; ohne da sie etwas sehen,
knnen sie sich nichts vorstellen. Der katholische Missionar geht
deshalb stets in das Gebiet, in dem der evangelische schon war. Er kommt
nun mit seiner groartigen Aufmachung an. Ein Wunderwerk wird aufgebaut,
Spiegelbilder mit viel Goldverzierung aufgestellt. Die Gottesmutter
Maria mit dem Jesuskind sitzt in der Mitte, rechts die Weisen aus dem
Morgenland. Diese Geschichte zieht die Leute besonders an: es sind ja
Schwarze dabei. Sie sehen Knige vor der Krippe knien, der Pfarrer
selbst kniet nieder und betet den Jesusknaben an, und da denken sie:
Das ist der richtige Gott, der ist viel reicher als der des
evangelischen Missionars.

Joja ist ein Skeptiker gegenber der christlichen Lehre. Er fragte mich,
ob unser Gott ein weier oder ein schwarzer wre; es knne doch nicht
nur ein weier sein, da er auch die schwarzen Menschen gemacht htte.
Wenn alle dem Ebenbild Gottes gleich sehen, warum werden wir dann nicht
wei? fragte er. Auch da die Engel wei sein sollten, wollte ihm nicht
in den Sinn. Dann fragte er mich, wann Jesus auf die Erde gekommen wre.
Vor 1914 Jahren. Da fragte er weiter, wann wir Amerika entdeckt htten
und warum uns das Jesus nicht gleich gesagt htte, da wir dort auch
hingehen mten und seine Lehre verknden.

Zu der Zeit, als ich in Kamerun war, kam die auf der Weltreise
befindliche detachierte Division, bestehend aus Kaiser, Knig Albert
und Straburg dorthin. Als die herrlichen Schiffe in ihrem stolzen
Glanz dicht bei Duala einliefen, erschienen die Huptlinge aus dem
Innern, die eingeladen waren, die Schiffe anzusehen. Sie kamen mit
Hunderten von Rindern und Ziegen an, denn der Reichtum eines Huptlings
stellt sich immer dadurch an den Tag, da er dem Gastfreund Herden als
Geschenk entgegenschickt.

So wallten die schwarzen Machthaber in ihrer ganzen Wrde und Pracht
herunter an die Kste. Ihnen zu Ehren wurde ein Bordfest angesetzt. Sie
bestaunten die Kanonen in den Trmen, die bewegt wurden, und fragten, ob
die Geschtze wohl ber den Kamerunberg schieen knnten. Als ihnen dies
besttigt wurde, war ihre Achtung gro. Sekt erhhte die Begeisterung.
Als sie ins Innere zurckzogen, sprachen sie in hohen Tnen von den
Schiffen, die der Kaiser hatte. Aber die Englnder lieen durch die
Haussa, das sind sozusagen die Negerjuden, die handeltreibend das ganze
Land durchziehen, unter den Stmmen verbreiten, die Deutschen htten
sich jene Schiffe von den Englndern geliehen.

  [Illustration: Unsere Rikschas bei einem Besuch in der Kapkolonie.]

Dann nahte fr unser Schiff die Werftberholungszeit, welche fr die
Auslandskanonenboote alle drei Jahre eintrat. Die Strecke von Duala zu
dem frher bentzten Kapstdter Dock war ebensoweit wie nach
Deutschland, und so wurde bestimmt, da der Panther nach der Heimat
sollte. Ungern schieden wir von dem kostbaren Stck schwarzen
Deutschlands, das keiner von uns als deutsche Erde hat wiedersehen
drfen, erreichten die Heimat am 6. Mai 1914 und gingen auf die Danziger
Werft. Die notwendigen Bauten schritten schnell voran, und am 17. Juli
sollten wir wieder auslaufen. Da bekamen wir unerwartet ein offenes
Telegramm: Nicht auslaufen. Wir blieben also liegen.

Und nun kam der Krieg.




Achtes Kapitel.

Krieg und Seeschlacht.


Am 2. August Mobilmachung. Das war eine Begeisterung fr die Marine! Wir
selber waren zuerst recht enttuscht, da wir keinen wrdigen Gegner zur
See htten, zumal unsere Regierung bei den ersten Verhandlungen mit
England garantieren mute, den englischen Kanal nicht als
Kriegsschauplatz gegen Frankreich zu bentzen. Die groe Armee nimmt
uns wieder alle Aussicht war das allgemeine Thema in der Marine. Aber
es war doch ein wundervolles Bild, als das dritte Geschwader in Kiel von
der Boje wegging. Acht Tage vorher war die Kaiserin als erstes Schiff
durch den erweiterten Kanal gegangen. Welcher Schwung lebte auf den
groen Schiffen! Auf dem Panther dagegen herrschte etwas gedrckte
Stimmung. Was blieb uns zu tun brig mit unserer schwachen Armierung,
unsern zwei kleinen Kanonen, auf dem Fahrzeug, das zur Hlfte aus Holz
bestand? Unsere erste Aufgabe war, die bei Langeland ausgelegte
Minensperre zu verteidigen. Es war doch wenigstens eine Aufgabe, und man
gab sich zufrieden. Man hoffte auch, gelegentlich etwas zu tun zu
bekommen. Man erwartete, da der Russe einen Vorsto gegen Kiel machen
wrde und wir ein kleines Gefechtsbild erleben drften.

Von Langeland aus kamen wir spter zur Verteidigung von Aroe im kleinen
Belt, der damaligen Nordgrenze des schleswigschen Ostseegebietes.
Vormittags und nachmittags fuhren wir je dreimal um die Insel, also
Karussellfahren. Ich setzte mich schlielich mit dem Doktor in
Verbindung. Meine eigentliche Krankheit konnte er allerdings nicht
heilen, denn die bestand in der heien Sehnsucht, auf ein groes
Kriegsschiff zu kommen. Ich erkundigte mich aber nach entbehrlichen
Krperteilen. Die Wahl fiel auf den Blinddarm. Die Symptome einer
Blinddarmentzndung begannen sich bald zu melden, so da der Arzt mich
nach Kiel schickte zur Operation. Ich wurde ins Lazarett gesteckt, und
selbst der Chirurg meinte, als er die Stelle befhlte, und ich meine
Empfindlichkeit uerte, es wre Blinddarmreizung. Am nchstfolgenden
Tag wurde ich operiert, und da nach der Operation ein lngerer
Erholungsurlaub ntig war, wurde ich abkommandiert von Panther. Das
Opfer des berflssigen Eingeweidezipfels hatte sich gelohnt: ich war
den Blinddarm und Panther los und kam auf das neueste Schlachtschiff
Kronprinz. Mein heiester Wunsch war erfllt.

  [Illustration: Auf Kronprinz.]

Kronprinz war das zuletzt in Dienst gestellte Schiff der Knigsklasse.
Welch ungeheure Arbeit ist ntig, bis ein neues Schiff mit seiner ganz
frischen Besatzung gefechtsklar geworden und als gleichwertige Einheit
dem Geschwaderverbande eingereiht werden kann. Es wird gleichsam als
rohes Material von der Werft bernommen. Die Werft hat das Schiff
aufgebaut, aber das lebende Element ist noch nicht darin. Es gilt, den
rohen Stoff nun erst einzuspielen. Acht Wochen dauern die vorbereitenden
Indienststellungsarbeiten. Kein Offizier, kein Mann findet sich zunchst
auf einem solchen Schiff zurecht, das etwa 800 wasserdichte Rume in
sich birgt. Die Mannschaft mu mit ihm vertraut gemacht werden, da sie
sich heimisch fhlt; die Heizer und Maschinisten mssen die Maschinen
kennenlernen und ausprobieren, die Mannschaften sind an den Geschtzen
und verschiedenen Gefechtsapparaten einzuexerzieren; die Flut- und
Lenzvorrichtungen mssen aufs genaueste beherrscht werden. Spter kommen
die Artillerie- und Torpedoschiebungen, sowie das Fahrtexerzieren
hinzu. Wenn Mannschaft und Offiziere mit allen diesen Funktionen
vertraut sind, ist das Schiff gefechtsbereit und wird dem
Geschwaderverbande angegliedert. Das Kriegsschiff ist die strkste
Krafteinheit, die es gibt. Es birgt an Gefechtskraft soviel in sich wie
die ganze Festung Metz. Die zum Betrieb des Schiffes erforderliche
elektrische Energie ist so gro wie die einer greren Stadtzentrale,
etwa von Kiel.

Whrend meiner ersten eineinhalb Jahre auf Kronprinz bis zum Mai 1916
war unsere Haupttigkeit in der Flotte: Verbandsbung, Kriegswache auf
der Jade, Artillerie- und Torpedoschiebungen, sowie die blichen
Vorste nach der englischen Kste und in die Nordsee. Wir hatten immer
gehofft, da der Feind einmal die deutsche Kste bombardieren wrde als
Revanche; wir hatten doch oft genug an seine Tore geklopft mit der
Beschieung seiner Kste; sie war Herausforderung genug. Doch immer nur
Kriegswache gehen unter den gewaltigen Gefechtsapparaten, den riesigen
Kanonen! Wie oft fragt man sich auf einsamer Wache: Wann schieen sie?
Wann kann man die Geschtzmndung von der Scheibe reien? Knnen wir
unsere Kolosse nicht gegen den Feind probieren? Nicht sehen, wer es
besser kann? Wir hatten doch gebt im Frieden, wir wuten, jeder
einzelne Mann ist ein Kerl. Wenn auch unsere Flotte zahlenmig den
Englndern unterlegen war und im Durchschnitt auch nicht so schwere
Kaliber besa, so wuten wir doch, da wir viele andere Vorteile hatten:
zunchst unsere Mittelartillerie und die Torpedowaffe, ferner die
Unterwassereinteilung. Die hhere Geschwindigkeit seiner Schiffe hatte
der Englnder auf Kosten ihrer Sicherheit ermglicht durch die
lfeuerung. Uns boten auer dem Panzer noch die fnf Meter breiten
Schutzbunker gegen etwaige den Panzer durchschlagende Geschosse Schutz.
Tirpitz' Werk war gut. Und so hofften wir immer: Wann kommt der
Gewaltmensch, der den wunderbaren Geist in der Flotte ausntzt und uns
an den Feind bringt?

Wenn ich nun die Seeschlacht am Skagerrak schildere, so bernehme ich
selbstverstndlich manches aus den Berichten von Kameraden, die auf die
verschiedenen Gefechtsabschnitte verteilt waren. Mir liegt vor allem
daran, eine Darstellung der Seeschlacht zu bringen, die sich nicht als
ein trockener Admiralsstabsbericht gibt, sondern in dem Laien die
lebendige Vorstellung erweckt von der herrlichen, historischen Tat
unserer Flotte, wie wir Mitkmpfenden sie empfunden haben. Ich selbst
habe aus dem Sehschlitz des von mir befehligten Geschtzturmes auf S. M.
S. Kronprinz die Kampfvorgnge beobachtet.

Es war am 30. Mai. Das dritte Geschwader lag auf Kriegswache auf der
Unterjade. Es war ein diesiger Nachmittag, als pltzlich auf dem
Flottenflaggschiff das Signal hochgeht: Smtliche Kommandanten zur
Besprechung auf das Flottenflaggschiff!

Das hat etwas zu bedeuten, hrt man aus dem Mund der Kameraden und den
Unterhaltungen der Matrosen. Von allen Schiffen werden die kleinen
Dampf- und Motorbarkassen ausgesetzt; sie umwimmeln das
Flottenflaggschiff. Was ist los?, neugierig fragt einer den andern.
Gerchte tauchen bereits auf. Der eine hat gehrt, das Geschwader solle
nach Kiel zum Torpedoschieen; es ist so der Lieblingswunsch derjenigen,
die zur Ostsee gehren. Dort taucht wieder ein Gercht auf, wir sollten
von jetzt ab nach der Unterelbe verlegt werden, kurz und gut,
willkommene und unwillkommene Nachrichten fegen durch das Schiff. Jeder
glaubt das, was er im Stillen erhofft.

  [Illustration: Mit uerster Kraft ran an den Feind!]

Nach etwa einer Stunde ist die Sitzung beendet. Jeder ist gespannt auf
die Rckkehr des Kommandanten. Die Boote kommen lngsseit, der
wachhabende Offizier springt ans Fallreep, der erste Offizier eilt
ebenfalls heran in der Hoffnung, etwas ber das Ergebnis der Sitzung zu
erfahren. Ernst und schweigend kommt der Kommandant an Bord und geht in
seine Kajte. Nichts wird bekannt. Die Spannung legt sich allmhlich,
man denkt: Es ist wieder nichts.

  [Illustration: Auf Kronprinz.]

Die Schiffe liegen klar fr halbe Fahrt, wie bei Kriegswache blich. Die
Backbordwache geht abends auf Kriegswachstation, die Steuerbordwache
schlft auf Hngematten. Da pltzlich morgens um zwei Uhr Trommel und
Horn: Klar Schiff zum Gefecht! Man fegt wie der Teufel aus der Koje:
Was ist los? Halb angezogen strmt man an Deck auf seine
Gefechtsstation. Man mutmat den Feind dicht an unseren Ksten, fragt
den ersten Matrosen oder Unteroffizier von der Backbordwache: Was ist
los? Kopfschtteln, keiner hat eine Ahnung. Die Gefechtsstation wird
klargemacht, die Munitionsaufzge probiert, die hydraulischen
Einrichtungen der Hhenrichtmaschinen untersucht, die elektrische
Abfeuerung wird nachgesehen, die Bereitschaftsmunition, die schweren
Granaten, werden in den Turm gefrdert, und endlich geht die Meldung
nach der Kommandozentrale: Turm Dora klar zum Gefecht. Immer dabei die
Frage: Was ist los? Sind feindliche Streitkrfte gemeldet? Niemand
wei etwas; so unvorbereitet war noch nie der Befehl Klar Schiff zum
Gefecht gekommen. Nachdem die Gefechtsstation klar gemeldet, geht man
an Deck. Da bietet sich im Grau der Morgendmmerung ein berwltigendes
Bild: die Zerstrer kommen flottillenweise aus der Reede von
Wilhelmshaven hervor, die Schwarzen Husaren, mchtig qualmend. Drei
bis vier Flottillen, jede zu zehn Booten, haben uns schon passiert. Die
kleinen Kreuzer setzen sich langsam in Bewegung; weit drauen auf
Schilligreede sieht man die Schlachtkreuzer Anker lichten und sich
entwickeln in breiter Formation, umschwrmt von den schnellen
Torpedobooten. Langsam und bedchtig kurbelt das Schlachtschiffgeschwader
an und mahlt sich in Kiellinie wuchtig aus der Jade heraus: S. M. S.
Knig, Kurfrst, Markgraf und Kronprinz, die neuesten und
strksten Schlachtschiffe. Sie bilden den Kern der Flotte. Rechts und
links gruppieren sich die Zerstrer als U-Bootsicherung; die kleinen
Kreuzer, gleichsam die uere Schale, geben seitliche und achterliche
Deckung, damit der Kern der Flotte nicht berraschend angegriffen
werden kann. Auf der Hhe von Cuxhaven stt das zweite Geschwader
heraus und hngt sich dem Gros an. Mit groer Fahrt durchwhlt die
Schlachtflotte die Nordsee gen Norden. Die Panzerkreuzer verschwinden
fern am Horizont. Es sind die Einheiten, die zuerst an den Feind
herankommen und die Aufgabe haben, sich vermge ihrer Geschwindigkeit
und schweren Artillerie an dem Feind festzubeien und ihn auf das Gros
zu ziehen. Sie gehen mit uerster Kraft voran, um den Feind
aufzustbern, begleitet von den schnellsten kleinen Kreuzern. Niemand
ahnt, wohin es geht. Diesig und grau ist die Nordseeluft, die verdickt
wird durch die gewaltigen Rauchschwaden. Lngs der deutschen, lngs der
jtlndischen Kste geht es immer weiter gen Norden in 15 km langer
Schlachtlinie. Niemals ist solch weiter Vorsto unternommen worden. Es
ist vier Uhr nachmittags; da meldet ein kleiner Kreuzer feindliche
kleine Streitkrfte. Endlich etwas vom Feind! Vor allem aber wartet man
gespannt auf die drahtlosen Telegramme von den Panzerkreuzern, deren
Meldung die magebendste ist. Nur ein kleiner Bruchteil von den 1200 bis
1300 Menschen der Besatzung des Schiffes, hchstens 25-30, haben
Gelegenheit, den Feind mit Augen zu schauen, die andern sind im
Schiffsinnern auf ihren Gefechtsstationen und warten nur gespannt ihrer
Aufgabe und der Nachrichten, die von oben kommen. Man mu sich
vergegenwrtigen, was der einzelne Mann zu tun hat, z. B. der Mann
in der Munitionskammer, die weit unter der Wasserlinie liegt; er hat
nicht nur seine Munition zu frdern; wenn eine Granate einschlgt und
Brand entsteht, hat er die Flut- und die Feuerlscheinrichtungen in
Ttigkeit zu setzen, die Schotten zu schlieen und vor allem auch die
Lfter anzustellen gegen giftige Gase. Alle diese Gedanken bewegen
den Mann in dem Augenblick, in dem die Meldung kommt: Kampf! Er
berlegt sich: Was hast du zu tun, wenn eine Strung kommt, wenn
soundsoviele von deinen Kameraden tot oder verwundet liegen? Dann gilt
es zunchst fr die Sicherheit des Schiffes zu sorgen. Erst das Schiff!
und dann die Krankentrger rufen, dem verwundeten Freund helfen,
Wiederbelebungsversuche anstellen. Nicht Kommandos knnen ihm sein
Handeln vorschreiben, sondern eigener Entschlukraft bedarf es. Jeder
Mann ist eine Persnlichkeit, wenn seine Station in Frage kommt. Der
Gedanke an ihre Aufgabe durchzieht die Gemter derjenigen, die den Feind
nicht sehen, sondern nur die Begeisterung durchleben knnen. Sie sehen
nicht das Kampfbild, auf das jeder doch am meisten begierig ist, und
jeder wei sich doch abhngig von der Sicherheit des Schiffes. Sie haben
auszuhalten auf ihrer Gefechtsstation, in jedem Augenblick gewrtig,
durch einen Treffer erledigt zu werden.

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  ... Die andern sind im Schiffsinnern.
  (Heizraum eines Grokampfschiffes.)]

Um 5 Uhr kommt der Funkspruch: Deutsche Panzerkreuzer im Kampf mit
englischen! Die Stimmung im Schiff wogt auf, und die Meldung geht von
der Gefechtsstation hinunter bis zum Heizer und Trimmer im dunkelsten
Bunker.

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  Breitseite.]

Jetzt kam's darauf an fr die =Flotte=, ihr uerstes herzugeben, um den
Panzerkreuzern zu Hilfe zu kommen. Der Heizer jagt die Schaufel bis an
den Ellbogen in die Kohlen, schmeit sie in die Feuer und schrt die
Glut auf. Der Trimmer im Bunker schleift bergeweise das Brennmaterial
heran. Alles geht auf uerste Kraft. Feuersulen steigen aus den
Schornsteinen von den berhitzten Rauchkammern auf, die
Sicherheitsventile der Kessel ffnen sich und blasen. Niemals haben die
Maschinen auf Probefahrten das geleistet wie heute; das Schiff fngt an
zu beben infolge der erhhten Schraubenumdrehungen. Alles ist voller
Begeisterung, der langersehnte Wunsch ist erfllt: Jung, nu geit 't
los, nu kamt wi an 'n Feind, ditmal krigt wi em to faten! Die
Ausguckleute sphen scharf aus, ob sie Rauchwolken sehen.

Unsere Schlachtkreuzer drehen nach Sden, um den Feind auf das deutsche
Gros zu ziehen; Admiral Beatty dreht auf gleichen Kurs. Die Geschtze
sind geladen, die Torpedos im Rohr, die Entfernungsmesser stehen an
ihren Apparaten, der Artillerieoffizier im Kommandoturm wartet auf den
Augenblick, wo er Entfernungen geben und die Geschtze auf den Gegner
richten kann. Mit wilder Fahrt nhern sich die Kolosse, und es beginnt
ein laufendes Gefecht. Mit hchster Feuergeschwindigkeit sucht einer den
andern niederzukmpfen. Was an Eisen auf den Gegner geschleudert werden
kann, wird aus den Geschtzen herausgefeuert. Mit 50000 bis 60000 kg
Stahl in der Minute behmmert sich Geschwader gegen Geschwader. Beide
Kreuzergruppen sind durch die Geschoeinschlge eingehllt in 100 bis
120 Meter hohe Wassersulen. Ltzow, auf dem die Flagge des Admirals
Hipper weht, hat die Fhrung unserer Kreuzer. Nur der Steven und der
schneeweie Gischt der weit vorgeschobenen Bugwelle ist sichtbar,
aufgewhlt durch fast 100000pferdige Maschinenkrfte. Das ganze brige
Schiff bleibt verdeckt durch den immer neu aufschieenden Fontnenwald.
Stichflammenartige Mndungsfeuer, doppelt so lang wie die Geschtze,
blitzen bei ihm auf; es sind die vollen Breitseiten, die er schleudert.
Hinter ihm jagen Derfflinger, Seydlitz, Moltke und Von der Tann.

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  ... Die einschlagenden Granaten bilden einen Fontnenwald.]

Auch die grauen englischen Kolosse Lion, Prince Royal, Queen
Mary, Tiger, New-Zealand und Indefatigable werfen an Eisen
heraus, was mit hchster Feuergeschwindigkeit mglich ist. Stahl prallt
auf Stahl; ein dumpfes Rollen drhnt unaufhrlich ber das Meer. Da, was
ist das? Bei dem grauen Kolo vom Feind, dem Indefatigable, dem
letzten Schiff der feindlichen Schlachtkreuzerlinie? Zwei Salven von S.
M. S. Von der Tann schlagen kurz hintereinander ein. Dann luft eine
Feuerschlange lngs der Bordwand. Kurz darauf steigen zwei Feuerarme
steil aus dem Schiffskrper, in eine schwarze Rauchmasse bergehend. Man
begreift noch nicht, was es bedeutet, man hat ja noch keine Schlacht
mitgemacht, noch kein Kriegsschiff untergehen sehen. Da erkennt man, wie
dieser gepanzerte Krper stckweise auseinandergerissen wird, wie alles,
was bisher von ihm ber Wasser war, in der Luft wirbelt. 300000 kg
Pulver, die das Schiff in sich barg, haben die Explosion hervorgerufen.
Alles, was an Menschen und Material an Bord ist, wird mit
hochgeschleudert, Granaten, Maschinen, Kanonen. Die Geschtze, die noch
geladen sind, ihre vollen Breitseiten auf uns abzufeuern, berschlagen
sich in der Luft. Der gewaltige linhalt des Schiffes bluwwert nach oben
und breitet sich, in Brand gesetzt, ber der Wasserflche aus. In dieses
brennende Meer schlagen die hochgeschleuderten, glhenden Eisenteile,
die letzten Reste des Schiffes zischend hinein; die Nordsee brennt und
kocht ... ber der Trmmersttte steht unbeweglich noch lange Zeit ein
ungeheurer Rauchkegel wie nach dem Ausbruch eines Vulkans.

Im Anblick dieses Schaurigen wird der Kampf mit rcksichtsloser
Heftigkeit fortgesetzt. Die noch eben gewesene Lcke fllt der
Hintermann aus und Von der Tann sucht neues Ziel. Salve auf Salve
rollt, und eine zweite Katastrophe befllt die britische Linie. Mit
einer gewaltigen Explosion, von einer deutschen Salve getroffen, fliegt
die Queen Mary in die Luft. Als ihr Hintermann, der Tiger, im
Kielwasser aufschliet, regnet es Eisenteile auf sein Deck; das war
alles, was nach dem Feuer von Seydlitz und Derfflinger von der
Queen Mary brig war.

In diesem schweren Artillerieduell setzen von beiden Seiten die
Torpedoboote ein. Der kleine Kreuzer Regensburg bricht vor dem
deutschen Flaggschiff mit zwei Flottillen mit uerster Kraft durch, ein
unbeschreibliches Bild von Kraft und Schneid. Ein neuer Kampf der
Torpedoboote entwickelt sich zwischen den Linien der groen Kreuzer und
tobt mit gleicher Heftigkeit.

Gegen sieben Uhr abends stoen unsere Panzerkreuzer auf unsere
Schlachtflotte und setzen sich vor deren Spitze. Auch die deutschen
Linienschiffe sichten jetzt feindliche Panzerkreuzer an Backbord. Die
englische Absicht, unsere Schlachtkreuzer vom Gros abzuschneiden, ist
nicht gelungen, Hipper und Scheer vereinigen sich. Alles klar auf
Gefechtsstation! Wie durchzuckt das die Gemter! Alles rennt, strzt,
jeder gibt's von Mund zu Mund: Habt ihr's gehrt? Minsch, Jung, dat
givt ht wat! Alles wird noch einmal geprft, jedem noch eine Warnung
gegeben: Ruhe behalten! Keine Strung an den Sachen! Die Fahrsthle der
Geschosse nicht verfahren! Beim Sichten der deutschen Flotte drehen die
englischen Panzerkreuzer ab und Scheer gibt Befehl: Alles zur Jagd nach
Norden ansetzen. Schnell erfolgt die Zielverteilung und in wenigen
Sekunden krachen die ersten Salven der Knig- und Kaiser-Schiffe.
Ein furchtbares Kanonengebrll drhnt ber das Meer. Da pltzlich
schieben sich vier graue Kolosse an Backbordseite der bisher von uns
beschossenen Schlachtkreuzer hervor, um ihren Rckzug zu decken. Es sind
die strksten und schnellsten Linienschiffe der feindlichen Flotte, die
Queen Elisabeths, die schnelle Division, dem Kreuzergeschwader Beatty
zugeteilt. Jetzt gab's Feuer. Prasselnd und mit furchtbaren Explosionen
schlugen ihre gewaltigen 38-cm-Geschosse von fast 1000 kg Gewicht bei
uns ein. Kurfrst, Markgraf und Knig bekommen Treffer; aber zu
unserm Erstaunen ben diese unsre anscheinend unbesiegbaren Schiffe
dadurch nichts von ihrer Gefechtskraft ein. Vorne, hinten, rechts und
links von uns standen die turmhohen Wassersulen, es war, als wenn das
Wasser gen Himmel gesogen wrde und wir als Einzigstes zurckblieben.
Sauste eine volle Salve dieser Stahlriesen ber das Schiff, so entstand
ein derartig ohrenbetubendes Surren, als wenn Staffeln von Flugzeugen
dicht ber unsere Kpfe flgen. Zuweilen fuhr Kronprinz durch dicht
vor dem Bug einschlagende Salven. Einem gigantischen Wasserfall gleich
strmten die Wassermassen unter drhnendem Getse ber das Schiff. Es
bebte ununterbrochen durch die Explosionen der in das Wasser
einschlagenden Granaten.

Der Feind, begnstigt durch seine berlegene Geschwindigkeit, hlt sich
in Entfernungen auerhalb unserer Reichweiten und strebt die vorliche
Stellung an; wir drngen mit allen Mitteln heran. Warspite luft aus
dem Ruder und wird mit Treffern berschttet; man beobachtet, wie eine
weie Stichflamme aus dem Achterschiff hervorschiet: das Schiff mu die
Linie verlassen. Die unserige schwenkt langsam auf Ostkurs. Der
Artilleriekampf rast jetzt wie ein Orkan. Es ist kein Zweifel, weitere
englische Geschwader mssen eingegriffen haben, denn auch von Osten her
erhalten wir jetzt Feuer. Infolge der Unsichtigkeit der Luft hatten wir
von der Stellung des Feindes kein genaues Bild hier. Rauchschwaden von
Explosionen, dort Qualm aus den unzhligen Schornsteinen aller Gren,
gleich einer riesigen Fabrikstadt, da knstliche Nebelbnke von
Zerstrern und kleinen Kreuzern, all dieses untermischt mit dem
Wasserstaub von ununterbrochenen Geschoeinschlgen verhllte die
Bewegungen der Geschwader mit dichten Schleiern. Nur fr Augenblicke
taucht aus dem Dunst das Wrack der Invincible auf. Unsere Spitze liegt
unter schwerstem Geschtzfeuer. Ltzow hat starke Schlagseite, sein
Bug ist tief eingetaucht. Zerstrer umgeben ihn, die Rauchfahnen
entwickeln, um ihn jetzt den Augen des Feindes zu entziehen. Weitab ist
Wiesbaden sichtbar, manvrierunfhig auf der Seite liegend, stark in
Rauch gehllt; nur das Hinterschiff ist zu erkennen, von wo ein Geschtz
feuert, das einzige, das unbeschdigt war. Ununterbrochen wird sie vom
Feind unter konzentrisches Feuer genommen. Man sieht, wie von den vielen
einschlagenden Geschossen ganze Teile aus der Wiesbaden gerissen
werden, aber trotz alledem, ihr Geschtz schweigt nicht.

  [Illustration:
  ... Mit hchster Salvenfolge werden sie unter Feuer genommen.]

An Backbord tauchen pltzlich mehrere englische alte Panzerkreuzer auf.
Mit hchster Salvenfolge werden sie unter Feuer genommen. In wenigen
Minuten sind zwei der Gegner vernichtet. Es war kein Untergehen, sondern
ein in Atome Zerreien gepanzerter Krper. Dicke Rauchwolken sind das
einzige berbleibsel von Menschen und Schiff. Pltzlich, was ist das?
Vor uns am Horizont taucht ein halbkreisfrmiges Feuermeer auf wie ein
Gasrohr, an dem der Reihe nach die kleinen Flmmchen entlang laufen.
Jetzt erst wird uns klar, da das Gros der englischen Flotte
eingegriffen hat. Um aus dieser taktisch ungnstigen Stellung
herauszukommen, gab es nur ein Mittel. Herumwerfen der Linie. Whrend
100000 kg Stahl alle dreiig Sekunden auf unsere Spitze saust, das Meer
wie ein kochender Kessel brodelt und die Schiffe in der aufgepeitschten
See zu rollen beginnen, wird das unendlich schwierige Manver wie auf
dem Exerzierplatz ausgefhrt. Um es zu decken, weht an allen Masten das
Signal: Torpedoboote 'ran an den Feind! Die Flagge Schwarz-wei-rot
um die Brcke gewunden, sechs Meter lange Wimpel an den Rahen, preschen
sie mit uerster Kraft, 30 Meilen Geschwindigkeit, den Bug hoch, das
Heck tief im Wasser, hervor und verschwinden hinter den Fontnen. Welche
prchtigen Kerle, wir sehen sie nie wieder! Eine der ersten Flottillen
war die berhmte IX. (Steinbrinck-) Flottille, deren Devise es war:
Es gibt nichts, was unklar geht. Im vollen Anlauf der Flottille an den
Feind wird Steinbrincks Boot von einer schweren Granate getroffen. Es
verschwindet in den Wellen, und das Rottenboot, das hinter ihm folgt,
nimmt von den berlebenden auf, was es bekommen kann, darunter den
Kommandanten. Zum Zeichen, da er weiter bei der Flottille ist, schwingt
Steinbrinck seine Mtze heraus, auch hier getreu seiner Devise: Es gibt
nichts, was unklar geht. Die Flottille kommt zum Angriff. Sie feuert,
und da ereilt ihn sein Schicksal. Zwei, drei, vier Granaten schlagen in
Steinbrincks Boot und vernichten alles.

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  Torpedoboote 'ran an den Feind!
  (Sie brechen zwischen den Linienschiffen durch.)]

Whrend des Vorstoes der Torpedoboote entsteht um uns Grabesstille: der
Feind erkennt die grere Gefahr und hat das Feuer seiner Geschtze als
Sperrfeuer gegen unsere Torpedoboote gelegt. Der Zweck ihres Einsatzes
ist erfllt, unsere Wendung konnte unbelstigt vom feindlichen Feuer
ausgefhrt werden.

Wir drehten also nach Sden in der Erwartung, da sich der Feind am
nchsten Morgen zum Gefecht stellen wrde, und da wir dabei gnstigere
Bedingungen erringen knnten, als es an diesem Abend noch mglich war.
Aber auch Sir John Jellicoe zog es vor, den Kampf nicht mehr
aufzunehmen, denn er fhlte das englische Weltreich auf seinen Schultern
und wollte es durch keine zweite Begegnung mit der deutschen Flotte mehr
aufs Spiel setzen. Bald nachdem er in den Kampf eingetreten war, hatte
sein echt englisches Siegesbewutsein harte Ste erlitten durch das,
was er zu sehen und zu hren bekam. Er selbst erzhlt, wie er beim
Entwickeln der Flotte zur Gefechtslinie pltzlich ein Schiffswrack
erblickt und natrlicherweise auf ein zerstrtes deutsches Schiff
geraten habe; erst bei nherer Betrachtung mit dem Kieker wurde ihm und
seinem Stabe zur grten Enttuschung klar, da dort alles lag, was von
seinem Invincible briggeblieben war.

Im Glauben, da das ganze Deck von Sprengsplittern berst wre, schickt
man einen Matrosen heraus auf die Suche nach Sprengstcken, besorgt, da
vielleicht der schnste Briefbeschwerer verlorengehen knnte. Der Mann
kommt zurck, den Arm mit Blumenkohl beladen und bemerkt:
Sprengsplitter hev ick nich funn, ick glv, de Englnners hevt mit
Blomenkohl schoten. Man meint, der Mann macht einen Scherz und geht
selbst hinaus: Tatschlich, das ganze Deck ist berall voll Blumenkohl.
Infolge des Luftdrucks der schweren Geschtze war das Gemsespind
geplatzt, und der ganze Kohl lag ber das Deck zerstreut. Aber kein
Sprengstck ist zu finden. Man kann nicht verstehen, da unser Schiff,
das so furchtbar eingedeckt war von Granaten, keinen einzigen Treffer
bekommen hat, whrend Vorder- und Hintermann, die das Schiff in seiner
Lngsrichtung bersehen konnten, berschttet von den heransausenden
eisernen Koffern, geglaubt hatten: Der arme >Kronprinz<, da bleibt
kein Stck auf dem andern.

Whrend der Gefechtspause gehen wir in die Messe, um uns durch ein Glas
Portwein zu strken. Man ist nicht in erhobener Stimmung, da wir nach
der Heftigkeit des Kampfes unsere eigenen Verluste, die wir noch nicht
bersehen konnten, grer schtzten, als es sich spter herausstellte.
In der Messe ist ein ziemliches Durcheinander; Scherben und Glser
liegen herum, alle Bilder sind von den Wnden gefallen durch den
Luftdruck und die Erschtterungen. Doch sonderbar, ein Bild hngt, das
Bild unserer Frau Kronprinzessin, und darauf steht: Gott schtze S. M.
S. Kronprinz. Unser Schutzengel! Jeder empfindet das gleiche;
ehrfurchtsvoll blicken wir hinauf mit einem stillen Dank.

Die Nacht kommt, man steht auf Kriegswache. Das erste Geschwader ist vor
uns, das zweite in der Mitte, am Schlu das dritte, so da Spitze und
Queue geschtzt waren von den strksten Schiffen.

Vor uns wird die dunkle Nacht pltzlich grell erleuchtet. Wir sind
geblendet, als wenn der Himmel voller Blitze wre. Lang anhaltendes
gewaltiges Donnern durchdrhnt die Nacht. Die Pommern flog in die
Luft. Auffallend weie Feuerarme stoen aus ihr hervor. Der Hintermann,
der wenige Sekunden spter an die Stelle kam, hat nichts mehr gesehen.
Niemand wurde gerettet, nur hier und dort sieht man Stcke ins Wasser
schlagen. Der Rest des schnen deutschen Panzerschiffes! Nichts mehr als
Atome von allem, was froh und freudig zurcksteuerte. Hier begriffen wir
den Unterschied zwischen den lteren Schiffskonstruktionen und den ganz
modernen. Die alte Pommern war durch einen einzigen Torpedotreffer
erledigt worden, whrend die kleine aber moderne Wiesbaden stilliegend
die ganze englische Flotte an sich vorbeipassieren und von jedem Feind
sich befeuern lassen mute und trotz allem noch bis morgens 3 Uhr
geschwommen hat. An Bord ist ernste, auf alles gefate Stimmung. Die
Wachen stehen hinter geladenen Geschtzen. Offiziere und Ausguckleute
halten scharfen Ausguck. Alles lauscht gespannt auf die einlaufenden
Funkentelegramme. Vorn an der Spitze lebt das Gefecht mit uerster
Heftigkeit wieder auf. Feindliche Zerstrer, die an unserer ganzen
Schiffslinie entlanggefahren waren und uns fr das englische Gros
hielten, werden von Westfalen erkannt und vom ersten Geschwader unter
frchterliches Feuer genommen. Im Nu gleichen sie brennenden Fackeln,
aus den lbunkern schlagen Flammen heraus, die Hitze drckt das l durch
die durchlcherten Bordwnde. Wasser und Boote brennen. Wirr laufen die
Menschen durcheinander, einen Rettungsweg suchend, um den Flammen zu
entkommen. Die schwersten Entladungen hrt man in kurzen Intervallen,
hervorgerufen durch die an Deck liegenden Torpedos, die sich entznden.
Das Ganze gleicht einer brennenden Allee. Ein Anblick wundervoll und
schaurig zugleich. Die englische Massenberlegenheit war hier durch eine
deutsche Tugend berwunden, die erst bei Nacht in Ttigkeit tritt: der
Englnder hat nmlich schlechtere Nachtaugen als der Deutsche. Ob das
vom vielen Beefsteak kommt, wie man behauptet, wei ich nicht. Aber die
Tatsache hat der Krieg fters bewiesen.

Der Morgen graut, die Spannung wchst, jeden Augenblick mu sich der
Feind stellen. Ein feindlicher Panzerkreuzer wird gemeldet. Alles ist
klar zum Kampf. Da voraus Scheinwerfer-Erkennungssignale. Als Antwort
brllt ihn Thringen mit einer vollen Breitseite an. Diese Antwort war
seine Vernichtung. Es war Euryalus, die uns fr das englische Gros
hielt.

Wir erreichen die deutschen Gewsser, ohne irgend etwas vom Feinde
gesehen zu haben. Zwar stand Jellicoe bei Hellwerden in der Nhe von
Helgoland, aber eine Linienschiffsdivision, seine Schlachtkreuzer, die
leichten Kreuzer und Zerstrer waren ihm abhanden gekommen; die
vielgerhmte Seemannschaft der Briten war der Aufgabe des Nachtmarsches
unter stndigen Gefechten nicht Herr geworden. In diesem reduzierten
Zustand seiner Streitkrfte wagte er keinen neuen Angriff.

Welch freudige berraschung fr uns, als die gegenseitigen Verluste
bekannt wurden: auf englischer Seite drei Grokampfschiffe, auf
deutscher nur eins; auf englischer Seite alle Grokampfschiffe im
deutschen Feuer gesunken, dagegen Ltzow in der Schlacht nur schwer
beschdigt, aber noch schwimmfhig, erst auf der Rckfahrt mit zwei
Torpedos von seiner eigenen Besatzung versenkt und diese gerettet. Auf
englischer Seite auer den Grokampfschiffen drei Panzerkreuzer,
zusammen sechs Schiffe, auf deutscher auer Ltzow nur das alte
Linienschiff Pommern, durch einen Torpedotreffer erledigt.

Die Verluste an kleineren Schiffen betrugen auf unserer Seite vier
kleine Kreuzer und fnf Torpedoboote, auf englischer Seite acht
Flottillenschiffe bzw. Zerstrer. Das einzige Schiff, das in der
Schlacht durch Artilleriefeuer des Feindes verloren ging, ist
Wiesbaden, und nur Frauenlob ist neben Pommern in der Nacht durch
Torpedotreffer verloren gegangen.

Die Schlacht hat die berlegenheit der deutschen Schiffe an Material und
Feuerwirkung erwiesen, wie sich bei einem Vergleich der beiderseitigen
Personalverluste ergibt: Auf unserer Seite hatten wir 2586 Tote, die
Englnder aber 6446. 180 Mann haben wir als Gefangene zurckgebracht,
whrend der Englnder nicht einen von uns gefangen hat.

Einige Tage spter lief der zerschossene Seydlitz durch eigene Kraft
in Wilhelmshaven ein. Ich besuchte den Kommandanten, Kapitn z. S. v.
Egidy, auf seinem Schiff, das tief ber lag, aber in wenigen Monaten
wieder dienstfhig gemacht worden ist, und bat ihn, mir den Untergang
der Queen Mary zu erzhlen. Egidy berichtete:

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  Einige Tage spter lief der zerschossene >Seydlitz< durch eigene Kraft
  in Wilhelmshaven ein.]

Nie werde ich den Augenblick vergessen: wir waren um 6^{20} nachmittags
in einem bergang begriffen von der Staffel zur Kiellinie. Meine Augen
waren auf das Schiffsmanver gerichtet, mein Ohr gehrte dem, was im
Artillerieturm, halb ber, halb hinter mir vorging. Das Schiff ist ja,
wenn man's recht betrachtet, eine groe Laffette fr seine schweren
Geschtze und das Manver mu sich, wenn man treffen will, soweit das
irgend angeht, dem Schieen anpassen. Also: >Recht so. -- Schumann< (so
hie mein Gefechtsrudergnger), weil eben eine Salve fallen und dazu die
Drehung des Schiffes aufgehalten werden soll. Immer wird mir die
nselnde Hupe der Aufschlag-Melde-Uhr im Ohr klingen, nach =dieser= Salve.
Ich sehe nach vorn, aufs Flaggschiff und den Vordermann -- die Ohren
weiter gespannt nach hinten-oben. Ein Augenblick Stille, als ob alles im
Schiff den Atem anhielte, dann von irgendeinem Artilleriebeobachter, der
als Erster die Stimme wiedergefunden hatte, im halb singenden,
eintnigen Melde-Stakkato: >=Die Nummer drei fliegt in die Luft=< -- und
als einzige Reaktion auf das Ungeheure, das diese Meldung in sich barg,
die ruhige, klare Stimme meines braven Artilleristen, Kapitn Richard
Frster: >=Zielwechsel rechts!=< -- genau wie bei einer Schiebung. Wre
der dicke Panzer nicht zwischen uns gewesen, ich htte den Mann umarmt
fr =dieses= >Zielwechsel rechts<. Vielleicht hat's der zweite
Artillerist, der Axel Lwe getan, ich hrte aber nur ein Zwiegesprch
von vier Worten: >Richard, sauber!< und >Was! Axel!< -- Dann waren sie
beide wieder nur der stumme Geist, der seine Instrumente meisterte zur
Vernichtung des Feindes.

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  ... Die Nummer drei fliegt in die Luft.
  (Vernichtung des engl. Schlachtkreuzers Queen Mary in der
  Skagerrakschlacht.)]

Und wie sah es aus, als die >Queen Mary< in die Luft flog?

Ja, bester Luckner, ich sagte Ihnen ja schon, ich war beim
Manverieren, sah also aufs Flaggschiff und auf den Vordermann, jetzt
kam es erst einmal darauf an, sauber ins Kielwasser des BdA.
einzuscheren.

Als ich dann aber durchs Torpedozielfernrohr, das sie mir solange
eingerichtet hielten, zum Feind herbersah, da hat mir wohl einen Moment
das Herz im Halse geschlagen!

Da stand auf einer Entfernung von 13 Kilometern gegen den mattblauen
Himmel eine riesige, unbewegliche graue Sule. Im unteren Teile
wirbelten schwarze Massen herum. Am oberen Rande schwelte dicker
schwarzer Qualm. Darber standen wie eine Aureole glutrote
Strahlenbndel von Stichflammen. Und an der Basis vorbei schob sich
etwas wie ein Torpedoboot. Ein Torpedoboot? Nein, das war ja die Nr. 4
der Schlachtkreuzerlinie, der >Tiger<. Unverkennbar an seiner
Silhouette! ber 200 m lang, und erscheint doch winzig im Verhltnis zu
der Riesensule dort am Horizont, deren Basis mu danach 600-800 m und
die Hhe wenigstens 3000 m gemessen haben. Fabelhafte Dimensionen!
>Tiger< aber fuhr sozusagen unter seinem unglcklichen Schwesterschiff
durch; denn whrend er die Stelle berfuhr, auf der vorher >Queen Mary<
geschwommen hatte, prasselten um ihn aus der Luft deren Reste nieder. --

Und der zweite Hhepunkt der Schlacht, das war am Abend, nach 9 Uhr, als
Scheer uns zum zweiten Sto mitten auf die englische Linie zu ansetzte.
Wir waren umbraust von einem wahren Feuer-Orkan. Treffer auf Treffer
hagelte ins Schiff. Meldung auf Meldung kam von schweren Havarien, von
Feuer, von Wassereinbrchen. Dazwischen immer wieder die gespannte Frage
in den Artillerieturm: >Frster, hat die Artillerie =kein= Ziel?< -- >Kein
Ziel, Herr Kapitn.< -- Vor uns stand von Nordwesten ber Norden bis gegen
Osten hin eine ununterbrochene feuernde Linie, aber kein Schiff war
auszumachen, nur aufblitzende Salven, an denen man die Lage des
Horizontes wenigstens erkennen konnte, alles brige in ein schwefliges,
giftiges Gelbgrau getaucht -- ein schauerlich gewaltiger Eindruck. Der
Feind war in einer graugelben Himmelswand verschwunden, wir dagegen
fuhren vor dem klaren Osthorizont fr ihn Scheibe. Ungleicher konnte das
Glck seine Gaben nicht verteilen.

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
  ... Treffer auf Treffer hagelte ins Schiff.
  (Durchgehender Volltreffer auf Seydlitz von der Back bis zur
  Proviantlast.)]

Da, Meldung von der Funkenbude: >FT vom Flottenchef: Die Panzerkreuzer
ran an den Feind.< Das bedeutet aus der Signalsprache bersetzt: Der
Verband ist selbstndig, die Schiffe sind zur Entscheidung voll
einzusetzen. >Donnerwetter, dachte ich, noch mehr ran an den Feind?? --
nun geht's nach Walhalla!< Gleich daneben drngte sich der Gedanke: >Wie
kannst du deinen braven 1300 Leuten unten im Schiff noch eine letzte
Freude machen, ihnen noch eine letzte Begeisterung in die Knochen gieen
-- da sie hochgestimmt, mit innerem Schwung auf die groe Reise gehen?<
-- Mir fiel nichts Besseres ein als: >Vom Kommandanten an alle im Schiff:
Signal vom Flottenchef, die Panzerkreuzer ran an den Feind.<
-- Gleichmtig gaben's die Befehlsbermittler weiter durch Sprechrohre,
Schallrohre, Telephone. Die Wiederholung durch die Empfnger unten im
Schiff tnte ebenso seelenruhig zurck. Dann einige Sekunden Stille,
wieder hielt das Schiff den Atem an -- und nun kam ein Echo zurck ans
Ohr des Kommandanten, in seiner Allgewalt das gewaltige Tosen der
Schlacht bertnend: ein einziger Freuden- und Jubelschrei: >Hurrah!
-- drauf Seydlitz< (der Ruf, mit dem die Seydlitz-Krassiere vor 170
Jahren attackierten, und den auch wir uns als Schlachtruf gewhlt) -- die
>Wacht am Rhein< -- >Haltet aus< -- eine Harmonika setzte ein -- mit den
Kohlenschaufeln machten die Heizer einen Hllenlrm gegen die
Bunkerwnde -- das ganze Schiff ein Jubel! Wahrhaftig, mir wrgte es
hei die Gurgel herauf. In einem einzigen beseligenden Augenblick kam
mir so die soldatische Arbeit von Jahren als Dank und Quittung meiner
Besatzung zurck. Ja, =dies= Schiff, =diese= Besatzung war in meiner
Hand! -- Herrliches Deutschland! Ein einziger Impuls umfing und trug uns
alle. --

  [Illustration:
  (Mit Genehmigung der Firma W. Krger, Rstringen.)
  Hurrah! -- drauf, Seydlitz (Seydlitz brennend whrend der
  Seeschlacht).]

Und kurz darauf ein pltzliches Nachlassen, dann bald Aufhren des
englischen Feuers! Es war der Augenblick, da unter dem Eindruck unseres
gesammelten Stoes Jellicoes Nerven zusammengebrochen und mit ihnen die
englische Linie auseinandergebrochen war, vor dem berlegenen Willen und
Knnen Scheers. Es war der Augenblick, da unsere angreifenden
Torpedoboote keinen Gegner mehr fanden!

Luckner, da hab ich's gefhlt -- und wir wollen's unseren Kindern und
Kindeskindern bermachen als stolzes Erbe --: Wir sind den Englndern
berlegen gewesen. Also werden wir's auch wieder sein -- wenn die
Vorsehung es wieder drauf ankommen lassen will. --

Das ist der Tag vom Skagerrak, da so herrlicher deutscher Seemannsgeist
dem groen Gegner solche Wunden geschlagen hat. Wie bedauern wir, die
wir heute auf keinen Planken mehr stehen, da dieser Geist und Tirpitz'
Werk erst nach jahrelanger erzwungener Zurckhaltung der Schiffe sich
bettigen durften, als es zur Auswirkung solcher Erfolge in weiteren
Kmpfen bereits zu spt geworden war.

  [Illustration:
  (phot. E. Bieber, Hofphotograph, Berlin.)
  Tirpitz, der Schpfer der deutschen Flotte, der in seinen Erinnerungen
  die Entstehung und den tragischen Untergang unserer Marine erzhlt.]




Zweiter Teil.




Neuntes Kapitel.

Das Segelschiff als Kreuzer?


Bald nach der Seeschlacht wurde ich zu besonderer Verwendung
abkommandiert, kam nach einiger Zeit wieder zurck und wurde
Artillerieoffizier auf dem Hilfskreuzer Mwe.

Was hat man nicht alles versucht, ausgedacht und ausgefhrt, um die
bermacht des Feindes da und dort zu durchlchern und den eisernen Ring,
mit dem die ganze Welt unser Deutschland umschnrte, ein wenig zu
lften!

In Hamburg sollte wieder einmal mein Leben eine neue Wendung nehmen.

Wir lagen mit der Mwe auf der Vulkanwerft und bereiteten uns zu neuen
Reisen vor. Eines Abends war ich an Land gegangen zu meinem Freund, dem
Reeder Dalstrm. Wir unterhielten uns bei einer Flasche Schwedenpunsch
im bequemen Ledersessel behaglich ber meinen Lieblingsplan, nach
Kriegsende mal ein paar Monate ein Segelschiff als Kapitn zu fahren,
was mir noch nie zuteil geworden war. Da meldet das Dienstmdchen den
Adjutanten der Mwe. rgerlich brumme ich: Kaum ist man einmal in
seinem Element, gleich wird man mit Dienst belmmert. Es wre ein
dringendes Telegramm vom Admiralstab fr mich da. Was, Admiralstab? Wo
de Kloken sitten? Was habe ich mit dem Admiralstab zu tun?

Ich htte mich morgen Nachmittag im Admiralstab zu melden.

In gespannter Erwartung geht es nach Berlin. Nirgends hat mein Herz mehr
gepuppert, als damals im Vorzimmer des Kapitns Toussaint in Erwartung
der Antwort auf die Frage: Was sollst du im Admiralstab?

Endlich werde ich vorgelassen. Trauen Sie sich zu, ... (Was sollte ich
mir nicht zutrauen?) ... ein Segelschiff als Hilfskreuzer durch die
englische Blockade zu bringen?

Darf ich Ihnen um den Hals fallen? Das Schiff, das man vor dem Mast
als Schiffsjunge und Matrose gefahren, das Schiff, das mein einziges
Musloch gewesen war, jetzt als Kapitn fahren und dazu als selbstndiges
Kriegsschiff! Wie schnell war mein Herzenswunsch erfllt.

Was halten Sie fr die Hauptsache?

Die Hauptsache ist Glck.

Na, dann sind Sie Kommandant der _Pass of Balmaha_.

Die _Pass of Balmaha_ war seinerzeit unter amerikanischer Flagge mit
Baumwolle nach Archangelsk unterwegs gewesen, von einem englischen
Kreuzer aufgegriffen und mit Prisenbesatzung nach Kirkwall zur
Untersuchung geschickt, unterwegs aber von einem deutschen Unterseeboot
angehalten worden. Der amerikanische Kapitn hoffte, als er das
Unterseeboot sieht, sein Schiff als neutrales freizubekommen,
verschliet die englische Prisenbesatzung in den Luken und lt die
Waffen ber Bord werfen. Unsere U-Bootleute kommen an Bord. Wo fahren
Sie hin? Nach Archangelsk. Aber das ist doch nicht der Kurs nach
Archangelsk. Was habt Ihr an Bord? Baumwolle. Die knnen wir auch
gebrauchen. Der deutsche Steuermann wird an Bord geschickt; er soll das
Schiff nach Deutschland segeln. Die englische Prisenbesatzung macht
unerkannt und unfreiwillig die Reise nach Cuxhaven, statt nach Kirkwall
mit und steigt nach viertgiger Hungerkur blawangig aus den Luken
hervor, zur grten Verblffung des deutschen Steuermanns -- Lamm heit
er --, der ganz allein die deutsche Kriegsmacht an Bord verkrpert hat.
So war die _Pass of Balmaha_ ein deutsches Schiff geworden, und nun war
sie seit heute mein Schiff!

Am schwierigsten war es, meinen Jubel geheim zu halten, was doch
durchaus ntig war. Ich trank eine halbe Pulle Portwein ganz allein und
htte mich am liebsten selber umarmt, weil ich keinen anderen hatte.
Dann fuhr ich nach Geestemnde, wo unter Leitung von Leutnant Kling das
Schiff bereits auf der Tecklenborgschen Werft umgebaut wurde. Dort
erfuhr ich Nheres ber die Vorgeschichte des Gedankens. In mehreren
Eingaben hatte Kling auf den Vorzug des Segelschiffs fr Kaperfahrten
infolge seiner Unabhngigkeit von Kohlen hingewiesen. Nachdem dieser
Vorschlag im Admiralstab gutgeheien war, hatte man im Hamburger Hafen
jenes Dreimastvollschiff ausgewhlt, das sozusagen schon an gefangene
Englnder gewhnt war.

Vor allem mute nun vor den Werftarbeitern verschleiert werden, da das
Schiff ein Hilfskreuzer wrde. Es wurde gesagt, wir bauten das Schiff
zum Schulschiff um, und lieen durchsickern, das wre doch eine
wunderbare Idee, ein Segelschiff mit einem Motor auszursten, um darauf
gleichzeitig Motorschler auszubilden; im brigen htte der Krieg
gelehrt, da die Ausbildung der Schiffsjungen ohne Takelage mangelhaft
wre, und so kme man infolge der Erfahrungen immer mehr zum Segelschiff
zurck. Das leuchtete den Leuten ein. Die Rume, die fr unsere
zuknftigen Gefangenen bestimmt waren, erhielten in dicken Buchstaben
die Aufschrift: Raum fr soundsoviel Schiffsjungen.

Ich selbst durfte nicht als Offizier erscheinen, sondern trat in
Geestemnde als Baurat von Eckmann aus dem Reichsmarineamt auf. Ich kam
nur gelegentlich hin, um dem Fortgang des Schulschiffes Walter
zuzusehen. Die Herren von der Tecklenborgschen Werft verwandten auf den
Bau auerordentliche Liebe, so da ich es ihnen vor allem verdanke, da
uns ein so massives Schiff unter die Fe gegeben wurde. Die
Komplikationen, die sich beim Einbau des 1000pferdigen Motors ergaben,
wurden glnzend berwunden. Eine ltonnage fr 480 Tonnen wurde im
Unterraum eingebaut, gleichzeitig Wassertanks fr 360 Tonnen frisches
Wasser. Das Schiff hatte 1852 Registertonnen, das sind ber 5000
Ladungstonnen. Proviant sollte ich fr zwei Jahre mitnehmen. Das ganze
Zwischendeck stand fr die Gefangenen bereit; deswegen war erstaunlich
viel Platz fr etwa 400 Gefangene da. Fr die gefangenen Mannschaften
wurden die Rume, wie in der Marine blich, mit Backregalen, die unter
Deck aufgefangen werden konnten, und mit Hngematten ausgestattet.
Besondere Sorgfalt wurde darauf verwandt, den gefangenen Kapitnen und
Offizieren wrdige Rume einzubauen. Unter dem Salon wurden Kabinen
geschaffen, jede fr zwei bis drei Bewohner, eingerichtet mit
Waschtischen und allem Zubehr. Auerdem hatten die Kapitne eine groe
Pantry fr sich und eine gerumige Messe. Fr englischen und
franzsischen Lesestoff fr die Gefangenen wurde gesorgt, ein Grammophon
mitgenommen und Gesellschaftsspiele. Ein besonderer Raum war vorgesehen
fr die Bedienung der Kapitne, die aus ihrem eigenen Personal zu
ergnzen war.

Gleichzeitig galt es, unter kundiger Beihilfe die ntigen Papiere
herzustellen. Von der Schwierigkeit dieser Arbeit macht man sich nicht
leicht einen Begriff.

Zunchst kam es darauf an, ein Schiff zu finden, das unserem knftigen
Kreuzer im Alter und Schnitt ungefhr glich. Vor allem sollte es
ein Schiff sein, das mit Holzladung fuhr, da diese infolge ihrer
Leichtigkeit eine Deckslast gestattet, welche, mit Ketten befestigt,
bei einer feindlichen Untersuchung nicht weggerumt werden kann, den
Zutritt zu den Luken verhindert und so das Verstecken eines geheimen
Schiffsinhaltes erleichtert. Nach langem Suchen fanden wir den
gewnschten Doppelgnger in dem norwegischen Vollschiff Maletta,
welches zurzeit in Kopenhagen lag und den Feinden unverdchtig war,
weil es nach Melbourne gehen sollte. Unsere ganzen Schiffspapiere
muten jetzt nach der Maletta gestaltet werden, und nicht nur die
Papiere, sondern auch unser Schiff selbst. Barometer und Thermometer
wurden aus Norwegen besorgt, ebenso Photographien von Mnnern und
jungen Mdchen, die den Matrosen in die Kojen gehngt wurden. Unser
Vorbild, die Maletta, hatte in Kopenhagen einen neuen Ankerlichtmotor
bekommen; da wir infolgedessen einen ebensolchen auf Deck stellen
muten, schrieben wir ins Logbuch: In Kopenhagen heute bei Knudsen eine
Ankerlichtmaschine bekommen und eingebaut und setzten auf den Motor ein
Schildchen mit dem echt dnischen Namen Knudsen. Nun stimmte alles
wieder, wir konnten Rede und Antwort stehen. Viel Hilfe fanden diese
Vorarbeiten durch Kapitn Kirchheim, whrend ich selbst es bernahm, die
Leute auszusuchen. Es waren zwei Besatzungen zu unterscheiden, eine
wirkliche Gesamtbesatzung, fr die uns der Admiralstab 64 Mann genehmigt
hatte, und eine fr die Maletta-Komdie; diese bestand aus 23 Mann, d.
h. aus denjenigen Mitgliedern der Gesamtbesatzung, welche norwegisch
sprachen. Jeden Offizier und Mann habe ich persnlich ausgewhlt und
darf sagen, da ich mich in keinem geirrt habe. Die Motorbesatzung,
welche ausgebildet werden mute, ohne da sie ahnte wofr, wurde von der
U-Bootsabteilung gestellt. Als Mannschaft holte ich lauter gute
Seeleute, die auf Segelschiffen gefahren haben. Ich ging zuerst zu der
Matrosendivision und sah mir die Leute an, fragte, wo sie gefahren
htten. Wenn einer lange auf Segelschiffen gewesen war, dann horchte ich
auf, berging aber den Mann mit gleichgltiger Miene. Kam ich an einen,
der nur auf Dampfern gefahren hatte, dann forschte ich ihn grndlich aus
und setzte scheinbar Kreuze in die Liste hinter seinen Namen. Auf diese
Weise konnte niemand ahnen, fr welches Sonderkommando ich den
allmchtigen Befehl vom Admiralstab hatte, da mir jeder Mann zu
bewilligen wre, den ich fr geeignet hielt. Auch lie ich mir nicht
merken, da ich nach solchen angelte, welche auf Schweden und Norwegern
gefahren hatten. Frhere Steuerleute nahm ich besonders gern. So wurde
den Mnnern durchs Auge ins Herz geschaut und sie genau angesehen.

Alle Ausgewhlten wurden sofort auf Urlaub nach Hause geschickt. Dann
sind die Leute auer Verbindung mit Kameraden, knnen nicht fragen und
kombinieren. Inzwischen wurde fr die 23 Maletta-Leute das Zeug aus
Norwegen beschafft, norwegische Landschaftsbilder fr die Kajten,
Lexika, Sextanten, Karten, Inventarlisten, Tpfe und Tassen mit
norwegischen Stempeln, Bleistifte und Federhalter, norwegisches Geld,
Proviant wie Butter und Fleisch, Schuhzeug, kurz alles, worauf das Auge
fallen knnte, war Original. Es durfte nichts deutsches da sein. Im
Salon hngt der norwegische Knig und _or Dronning_, die Knigin, auch
der Schwiegervater vons Ganze, King Edward, lchelt milde von der Wand
herab. Norwegische Kissen lagen da, mit der Landesflagge drauf,
Hardanger Arbeiten, Briefe, die aus Norwegen an mich und meine Leute
geschrieben waren, wurden besorgt, weil jeder Seemann die Zigarrenkiste
voll Briefe stets mit sich herumschleppt. Ich brauchte Geschftsbriefe
und die Leute Liebesbriefe. Wir muten damit rechnen, da unser Schiff
dem untersuchenden Feind verdchtig erschien, und er infolgedessen nicht
allein die Schiffspapiere, sondern auch die Mannschaft grndlich prfte.
Angenommen, der untersuchende Offizier lt sich vom Kapitn die Papiere
irgendeines Mannes geben und stellt an diesen dann persnlich allerlei
Fragen ber das Aussehen seines Heimatsortes, wie die greren
Nachbarorte heien, welche Bahnverbindungen bestehen, wie der
Brgermeister oder Ortsvorsteher heit, wo sein Bruder, Onkel oder Tante
wohnt, auf welchem Schiff er vor drei Jahren war, welche Reise er mit
diesem Schiff gemacht hat, oder er lt sich einen Brief von seinen
Angehrigen aus der Zeit geben: Auf jede solche Stichprobe muten wir
vorbereitet und jede verfngliche Mglichkeit aus dem Wege gerumt
werden. Auch die Photographien der Leute muten echte Firmennamen
tragen, denn jeder Photograph macht sich auf seinen Werken breit.
Wieviel Originalphotos waren zu beschaffen. Ob die Braut schn, war ja
egal, denn das ist Geschmackssache; wenn sie nur echt war.

Die schwierigste Arbeit waren die Briefe, da, wie gesagt, ein Seemann
das Wenige an Post, was er bekommt, jahrelang aufbewahrt. Die
Briefmarken muten mit Abgangs- und Ankunftsstempeln versehen sein, fr
Hongkong, Honolulu, Yokohama, wo der Betreffende eben frher gewesen war
und Briefe hinbekommen hatte. Kurz und gut, Stempel aus allen Weltteilen
waren erforderlich und machten raffinierte Mhe. Dann muten die Briefe
in verschiedenen Graden alt gemacht werden. In den norwegischen
Papieren und Seefahrtsbchern, die wir schufen, stand nicht nur, da
jeder von uns jetzt auf Maletta fuhr, sondern auch die anderen
Schiffe, auf denen er frher gewesen war. Solch alter Seemann, der fhrt
seine fnfzehn oder zwanzig Jahre, da mu doch alles stimmen. Einer war
mal im Lazarett gewesen, einer hatte sich das Bein gebrochen usw. Man
mute in allem sehr gewissenhaft sein. Wenn z. B. Henrik Ohlsens Vater
nach dem Buche tot sein soll, so mssen seine Briefe von der Mutter und
den zwei Schwestern kommen, die Daten mssen stimmen und aus den Orten,
wo er abgemustert war, mu er auch ein paar Andenken haben. Mit
deutscher Grndlichkeit konnte man sich nicht genugtun, Maletta Nr. 2
hieb- und stichfest zu machen.

In Geestemnde wohnte neben mir in Beermanns Hotel ein alter Kapitn von
der Schiffsbesichtigungskommission, der interessierte sich fr mich, der
ich, wie gesagt, als Baurat von Eckmann dort auftrat, und fragte den
Baumeister seiner Kommission, ob er mich kenne. Der antwortete, es gbe
keinen Baurat von Eckmann im Reichsmarineamt. Habe ich das nicht gleich
gedacht? platzt mein Kapitn heraus. Habe ich ihn nicht immer fr
einen Spion gehalten? Der Kerl hat ein ganz englisches Gesicht. Ihm
schwillt der Kamm.

Nun will es das Unglck, da ein unaufmerksamer Beamter aus Berlin zwei
Briefe, die ich dringend haben mu, statt unter Deckadresse, wie blich,
unter meinem vollen Namen nach Geestemnde ins Hotel nachschickt. Ich
verhandle mit dem Oberkellner, ob er mir die Briefe fr meinen
Bekannten, den Grafen Luckner, herausgeben will. Er lehnt es ab, der
alte Kapitn aber hat alles von ferne gesehen und geht zum Kellner: Was
wollte der Kerl? Er wollte die Briefe haben fr den Kapitnleutnant
Luckner. -- Ha!

Ich ahnte von nichts und fahre um sieben Uhr mit dem Zuge nach Bremen
als kaiserlicher Kurier im Abteil erster Klasse. Da kommt ein Herr in
mein Abteil und fragt nach meinem Ausweis. Ich zeige ihn, er ist ganz
verdutzt: Entschuldigen Sie, wir suchen aber einen Spion aus
Geestemnde.

Ein Todesschreck um mein Schiff durchzuckt mich; sollte der Feind schon
durch Agenten den Kreuzer beobachten lassen?

Hoffentlich kriegen Sie ihn auch.

Ja, wir hoffen es. Es ist schon alles besetzt in Richtung Bremen,
Hamburg und jenseits.

Wo war denn der Kerl?

Er ist fter in Beermanns Hotel gesehen worden.

Zum Donnerwetter, fangen Sie ihn ja. Leider hat man bei uns fter den
Falschen gekriegt.

Ich komme nach Bremen in Hillmanns Hotel. Dort tritt schon wieder ein
Herr auf mich zu und fragt nach meinem Ausweis. Ich dachte:
Donnerwetter, was ist denn das mit mir? und zeige meinen Ausweis. Er
erzhlt von dem Spion, die Beschreibung she mir hnlich, aber es shen
sich ja so viele Menschen gleich. Haben Sie Hoffnung, den Kerl zu
fassen? Wir wissen nur, da er in Richtung Bremen ist.

Ich denke, das ist eine ganz verfluchte Sache, gehe ins Trokadero und
bestelle mir eine Pulle Wein. Kaum sitze ich hier, kommt ein Offizier
mit zwei Mann in Uniform: Folgen Sie mir, Sie sind verhaftet. Jetzt
werde ich wtend: Wollen Sie Ihre eigenen Offiziere verhaften?

Kommen Sie nur mit, Sie knnen sich nachher ausweisen.

Allgemeine Aufregung im Lokal; man wollte mit Sthlen auf mich los.
Haut den Spion!

Wir kommen zum Hotel. Dort hole ich meinen Ausweis vor. Er zeigt mir den
Steckbrief: englisches Aussehen, kaffeebrauner Mantel, Mtze, Pfeife.
Ich sage: Unter welchem Namen geht denn der Gesuchte?

Unter dem Namen Baurat von Eckmann.

Aber das bin ja ich!

Na, Sie haben doch eben gesagt, Sie wren Graf Luckner?

Die Reihe, wtend zu werden, war an ihm, whrend ich mich sehr
erleichtert fhlte und ihn auf die Mglichkeit hinwies, an den
Admiralstab zu telefonieren.

Nun galt es, fr unsere Maletta auch einen Namen zu finden, unter dem
sie als Kriegsschiff fahren sollte. Mir wurde die Gnade zuteil, dem
Schiff selbst den Namen zu geben. Der machte das meiste Kopfzerbrechen!
Ich wollte es erst Albatros nennen, weil die Albatrosse mich gerettet
hatten, damals, als ich in den Wellen lag. Aber es gab schon einen
Minenleger dieses Namens, der an der schwedischen Kste aufgelaufen
war. Dann war ich fr Seeteufel, aber meine Offiziere meinten, es
mte etwas von den weien, rauschenden Segeln hinein, und so wurde
unser Kreuzer Seeadler getauft.

  [Illustration:
  ... Der leitende Ingenieur Krause und sein Personal waren selten
  hervorragende Menschen.]

Das Schulschiff war gebaut, die Papiere in Ordnung, die Probefahrt auf
der Weser gelungen. Nun wurde die Mannschaft vom Urlaub zurckgerufen.
Was hatte ich fr eine prchtige Besatzung! Der I. Offizier Kling hatte
die Filchner-Expedition mitgemacht und verfgte ber reiche Erfahrungen.
Der Prisenoffizier war ein frherer Mit-Einjhriger von 1,92 Meter Hhe,
dem ich zufllig auf einem Dock begegnete. Auf meine Frage: Willst du
mit? meinte er: Ist es ein Himmelfahrtskommando? Ja! Da mache ich
mit. Pries heie ich und Prisen brauchst du, da bin ich doch der
Richtige. Mein Artillerie- und Navigationsoffizier war Leutnant d. R.
Kirchei, ein kluger Kopf und Navigateur ersten Ranges; mein Steuermann
Ldemann, ebenso der Bootsmann, der Zimmermann und der Koch, die drei
Pole des Segelschiffes, alterfahrene Leute. Der leitende Ingenieur
Krause und sein Personal waren selten hervorragende Menschen. Mit der
Mannschaft konnte man, was Tchtigkeit und Zuverlssigkeit betrifft,
gegen zehnfache bermacht kmpfen. Es waren alles brave, biedere
Seeleute, die ihr Leben jederzeit in die Schanze schlugen, wenn es ihr
geliebtes Vaterland galt.

Das Schiff war fertig. Da verschwindet es in einer stockdunklen
Novembernacht von der Weser und legt sich still drauen in der Nordsee
vor Anker. Zu gleicher Zeit sammle ich meine Leute in Wilhelmshaven in
dem entlegensten Punkt des Hafens selbst. Bei dem Schein einer sprlich
brennenden Laterne prfe ich an Hand der Papiere, ob alle meine Leute da
sind. Alle sind sie zur Stelle. In den kleinen Dampfer, der am Kai
liegt, steigen wir ein, und hinaus geht's, die Jade abwrts. Keiner von
meinen Jungs wute, wohin und wofr. Anfangs vermuten sie, da es nach
Helgoland geht. Wir passieren Helgoland. Die Dnung der Nordsee rollt
uns entgegen. Der kleine Dampfer stampft. Die Jungs fragen sich
untereinander. Wo geit dat hen, wo seilt wi hen? Keine Antwort.

Da pltzlich taucht aus der Dunkelheit ein Segelschiff vor Anker auf.

Halloh, wat fr'n Schip?

An den fachmnnischen Bezeichnungen der Takelage erkennen sie, da sie
alle segelschiffsbefahrene Leute sind. Die Sache scheint ihnen
rtselhaft. Als der Dampfer Kurs auf den Segler nimmt, erraten sie, da
sie die Besatzung dafr sind. Schnell entern sie auf und auf allen
Mienen sieht man die neugierige Frage. Wat sall dat?

Sie kommen an Deck. Keine Geschtze sind zu sehen, statt dessen aber ein
groer Motor unten im Schiff.

Wat is denn hier los?

Ein Teil der Mannschaft geht nach unten. Dort entdecken sie ihre schnen
Wohnrume. Fr die Unterbringung der Leute war besonders gesorgt, da man
ihnen auf Jahre hinaus die Heimat ersetzen mute. Keine Hngematten,
sondern Kojen, besondere Merume fr die seemnnischen und technischen
Unteroffiziere. Der andere Teil der Ankmmlinge ging nach vorn, wo ihnen
ihre Wohnrume angewiesen waren. Fix und fertig finden sie ihre Kojen.
Erstaunt bleibt jeder vor der seinigen stehen und wird nicht klug, was
das alles zu bedeuten hat. Norwegische Landschaften, norwegische
Mdchen, die Wnde mit norwegischen Flaggen bemalt. Auerdem findet
jeder eine volle Seekiste mit Zivilzeug, was bisher wohl noch keinem
Seemann begegnet war.

Mensch, alles norwegisch. _Taler du norsk??_

Ja!

Du auch?

Ja!

Und du?

Ja!

Da ward wi nich klog ut.

Auf dem Tisch steht das Leibgericht des Seemannes, Snuten und Poten, und
auerdem fr jeden Tabak und Pip.

Dat geiht hier wohl al ganz von slwst?

Der gesunde Appetit unterbricht erst mal das Fragen, und nach dem Essen
findet ein allgemeines Beschnuppern statt.

Neugierig gehen sie zu den anderen, die in den unteren Rumen ebenso
gemtlich wie die oben wohnen, nur hngt unten nichts Norwegisches,
dagegen Hindenburg und Ludendorff.

Kannst du _norsk_?

Nee!

Und du?

Nee!

Dat is ja puppenlustig! Wat is denn hier blo los?

Jetzt beginnt das Kombinieren.

Sonderbar, wenn man in die unteren Rume will, mu man erst durch einen
Schrank kriechen, denn der Zugang zu den Rumen der nur deutsch
sprechenden Mannschaft besteht aus geheimnisvollen Luken, welche auch
einer gewissenhaften Untersuchung des Schiffes verborgen blieben. Um
diese Luken fr die Augen des Feindes noch mehr zu verschleiern, hatten
wir sie in den Fuboden des lzeugschrankes, des Besenschrankes usw.
geschnitten. Die Schrnke wurden gro gewhlt, damit im Notfall sich
sechs bis sieben Menschen darin sammeln konnten, um gleichzeitig aus dem
Schiffsraum hinauszutreten. Alles, was verdchtig war, die zwei alten
Kanonen (mehr hatte man uns nicht zubilligen mgen) und das
Kriegsmaterial war im Schiffsraum verstaut.

Die Neugierigsten gingen, als sie diese ersten Eindrcke von dem
merkwrdigen Schiff gesammelt hatten, nach hinten zur Kajte, um in
Erfahrung zu bringen, fr welchen Zweck das Schiff bestimmt wre. Da
wird ihnen zunchst der Befehl mitgeteilt: Anker lichten! Und hinaus
geht's durch die Nordsee in unser Versteck, hinter Amrum, hinter Sylt,
die Norderaue rauf, wo uns kein Mensch sehen konnte und die Verbindung
mit der Heimat gelst war. Hier werden die letzten Vorbereitungen
getroffen und den Leuten endlich mitgeteilt, welche Aufgabe unser Schiff
hat. Die Holzladung wurde an Deck gestaut. Kunstgerecht schichteten wir
sie in achttgiger Arbeit so, da kein Einblick in das Schiffsinnere
mglich war.

  [Illustration: ... Die Holzladung war an Deck gepackt.]

Im Mast oben waren geheimnisvolle Tren, dahinter lagen im Hohlraum des
Mastes Pistolen, Handgranaten und Gewehre, ebenso deutsche Marinemtzen
und -jacken. Die Tren gingen nach innen auf, hatten nach auen keine
Angeln und konnten nur durch einen verborgenen Magnetdrcker geffnet
werden.

Nun wurde die Verschleierungsrolle mit der norwegischen Besatzung
eingebt. Jeder bekam seinen norwegischen Namen. Auch mute jeder genau
im Bilde sein ber seinen neuen Heimatsort; aus Bdeker und anderen
Reisebeschreibungen wurden Erkundigungen eingeholt. Die Photographien
wurden ausgehndigt und die vielen Briefe.

Mit allem war man fertig, wir warteten nur auf gnstigen Wind zum
Auslaufen. Da wird uns auf einmal ein roter Strich durch alles gemacht.
Ein drahtloses Telegramm befiehlt uns: Nicht auslaufen, warten, bis
U-Deutschland zurck ist. Die Sperren der englischen Blockade waren
augenblicklich des Handels-U-Bootes wegen doppelt stark besetzt.

Wir warten Tage, Wochen, die Maletta, mit der wir unter Aufbietung
aller Krfte bisher hinsichtlich des Aufbaues Schritt gehalten haben,
luft aus Kopenhagen aus, luft uns davon! Was nun? Der ganze Plan war
zerstrt. Wir hatten einen Tag vor der Maletta abfahren wollen, damit,
wenn die englische Blockadebewachung drahtlos in Kopenhagen anfragt, die
Antwort kommen mute: Stimmt, Schiff ist abgefahren. Die drahtlose
Rckfrage war ja die gefhrlichste Klippe, die zu umgehen war, und
dieses technische Hilfsmittel der Neuzeit komplizierte unsere Kriegslist
am allermeisten.

Der einzige Behelf, den wir nun noch hatten, war Lloyds Register, worin
alle Schiffe nach Gre und Eigentmer angegeben sind. Wir konnten
danach ein beliebiges Schiff nehmen, aber wir wuten nicht, wo sich
dieses Schiff befand. Nach den Vermessungen stimmte mit uns die Carmoe
berein. Wir muten sie also nehmen.

Was das heit, die Schiffspapiere ndern! Name des Reeders, Baudaten,
Werft, Lnge, Tiefgang und Breite, die verschiedenen Eigentmerangaben,
Versicherungsklassen, alle diese Zahlen muten in zehn verschiedenen
Papieren gendert werden, ohne die Druckschrift der Vordrucke zu
schdigen. Jetzt ging es mit Tintentod ran an die Arbeit. Dem Leutnant
Pries gelang es mit groer Sorgfalt und Liebe. Man konnte ungefhr
sagen, es ging an, wenn die Beleuchtung nicht sehr hell war, und dafr
konnte man durch Segeltuchbezge vor den Lichtern sorgen.

Aber was wollte das alles sagen, wenn uns die drahtlose Telegraphie
dazwischen kam? Wir wuten ja nicht, wo sich das Schiff befnde. Da
brachte uns ein Zufall darauf, die neuesten norwegischen Handelsbltter
durchzusehen, die wir aus Echtheitsgrnden mitgenommen hatten, und wir
lasen unter den Schiffsrouten: Carmoe nach Kirkwall zur Untersuchung
eingeschleppt.!!

Welches Pech! Nun scheint alles vorbei. Pessimismus will sich regen.
Neue Papiere knnen wir nicht herstellen, da die Verbindung mit der
Heimat fehlt. Einerlei! Ich bin ein krasser Optimist. Weg mit dem
Lloydsregister, es gibt noch ein anderes Register, und das ist besser
und versagt nicht, das Liebesregister! Irma hie mein Sonnenschein,
Irma soll das Schiff heien! Das mu gehen!

Carmoe wird ausradiert, alle andern Angaben stehengelassen. Das
zweimalige Wegradieren des Namens blieb aber mchtig augenfllig; die
Buchstaben liefen aus. Der Adjutant sagte: Wir drfen den Feind nicht
fr dumm verkaufen. Aber was tun? Hier kann nur eine Hand helfen, die
grbste Hand an Bord.

Schiffszimmermann, bring' die Axt her und hau die ganzen Bullaugen in
der Kajte ein!

Der Zimmermann stutzt, er sieht den Zusammenhang nicht. Es tut ihm weh,
er wei nicht, was es bedeuten soll, aber dann schlgt er los.

Nachdem die Bullaugen eingeschlagen, wurden grobe Holzverschlge
eingesetzt, wie sie der Seemann nach einem Sturmschaden zum notdrftigen
Ersatz einbaut. Nasses Unterzeug wird in der Kajte aufgehngt und alles
durchfeuchtet, selbst die Schiebladen und Matratzen mit Eimern voll
Seewasser. Man mute grndlich sein, es durfte nichts trocken bleiben.
Die Schiffspapiere selbst wurden nun smtlich in nasses Lschpapier
gepackt, damit die ganze Tinte gut durchsog bis zur etwaigen feindlichen
Untersuchung. Man braucht ja dann dem Englnder nichts zu erklren,
dafr waren die zerschlagenen Bullaugen und die Nsse in der Kajte da.
Ausgelaufen war die Tinte nun mal an den radierten Stellen; so sollte
sie denn nun vollstndig auslaufen. Fr diesen zwar kleinen, aber
erhabenen Zweck stellte uns der Ozean unbegrenzte und unverdchtige
Mengen feuchten Stoffes zur Verfgung.

Wir liegen nun und warten auf Befehl zum Auslaufen. Da, am 19. Dezember
kommt ein Torpedoboot nach Norderau, wo wir lagen. Was will denn das? Es
kommt heran, geht in der Nhe vor Anker. Wir lagen unter norwegischer
Flagge mit dem Neutralittsabzeichen auenbords.

Das Torpedoboot setzt ein Boot aus, ein Offizier kommt an Bord der
Irma, in Uniform und Pelz, tiptop. Wo ist der Kapitn? Ich habe einen
Befehl fr ihn.

Wir hatten vollkommenen Zivilbetrieb eingefhrt, behaglich und ein wenig
schmuddlig, fr die norwegische Gruppe war nur norwegisches Kommando,
und ich hie der Gubben (Kapitn). Die drei Wochen, die wir da gelegen
hatten, waren insofern gnstig, als unsere Brte an Gre und Gestalt
zugenommen hatten. Ich gewhnte mir ordentlich das olle Seemnnische
wieder an, hatte ein paar groe Holzschuhe, dicke, wollene Strmpfe,
eine alte norwegische Hose und eine Mtze mit zwei oben
zusammengebundenen Ohrenklappen.

  [Illustration:
  ... Wir hatten vollkommen Zivilbetrieb eingefhrt, behaglich und ein
  wenig schmuddlig. (Die norwegisch sprechende Besatzung.)]

Phlegmatisch antwortete also der Steuermann dem patenten Offizier: Der
Gubben ist achter.

Der Offizier mit dem Pelzkragen, tadellos, kommt zu mir: Sind Sie der
Kapitn? Er starrt mich an und schreit: Luckner ...!!

Wat heet hier Luckner, wat is los?

Halten Sie mich nicht zum Narren!

Herr, knnen Sie nicht meine Flagge sehen? Ich bin Norweger.

Luckner, was haben Sie denn fr eine Aufgabe?

Ik fohr nimehr bi de Marin, ik fohr Holt for Norwegen, mit de Marin is
't doch nix mehr.

Sie waren doch im Admiralstab? Und um mit Holz zu segeln, dazu braucht
man doch nicht beim Admiralstab gewesen zu sein.

Na, durch die Minenfelder zu fahren, scheint doch wohl eine
Admiralstabsaufgabe geworden zu sein.

Ich bitte Sie, haben Sie Vertrauen zu Ihrem Kameraden.

Wat heet hier Vertrauen, ik fohr jetzt Holt. Hollen Se dat fr en anner
Schip?

Da sagt er: Machen Sie mich nicht konfus, bereiten Sie mir keine
schlaflosen Nchte! Was soll ich mir daraus machen? Wenn mir das
Vertrauen geschenkt wird, Ihr Schiff zu sehen, dann knnen auch Sie mir
sagen, was Sie fr eine Aufgabe haben.

Ik fohr Holt no Norwegen ...

Ich habe hier einen Brief abzugeben.

Ich lade ihn in meine Kajte und er schaut umher.

Dat is min neu Landesherr, und dat min Keunigin, de Keunig Edward is ok
dor, dat is de Verwandte von min'n Keunig.

=Luckner=, sagt er, ich bitte Sie, was soll ich denken, wenn ich von
Ihrem Schiff komme! Ich gehe hier weg und soll mir das zusammensetzen,
was mir unmglich ist. Sie knnen mir glauben, ich halte es geheim.

Sollen Sie direkt nach Hause fahren?

Nein, ich soll warten in Helgoland.

Da war also vorgesorgt; gut, da er warten sollte.

Setzen Sie sich mal hin, ich werde es Ihnen sagen, ich bin ein
deutscher Hilfskreuzer.

  [Illustration: Auf Piratenkurs!]

Da sagt er khl, indem er aufsteht: Wollen Sie mich fr einen Narren
halten? Dann danke ich Ihnen und wnsche Ihnen alles Gute.

Damit geht er kurz zur Tr und lt mich stehen.

Das war ihm zu viel, als ich ihm das erzhlte. Die Wahrheit konnte er
nicht vertragen. Ein Segelschiff als Kreuzer? --!

Wie ich den Befehl aufmache, da steht zu lesen: Auslaufen nach eigenem
Ermessen.

Das war der schnste Augenblick, da ich dies den Leuten bekanntgab.




Zehntes Kapitel.

Blockadebrecher.


Jetzt hatten wir uns selbst in der Hand. Freude brauste durch das
Schiff. Die bsen Ahnungen, die uns schon durchzogen hatten, wichen, und
der sehnschtige Wunsch aller war: Sdwestwind komme nur.

Am 20. Dezember wurden nochmals alle Vorkehrungen getroffen, die
Schottenketten und Brassen berholt und die Verschleierungsrolle noch
einmal gebt. Wir untersuchten jeden Raum des Oberschiffs bis in den
Kohlenkasten, ob nirgends etwas Deutsches vorlugte, und spielten uns
gegenseitig den englischen Untersuchungsoffizier vor. Da haben mich die
Jungens gehrig ausgequetscht: Wo haben Sie den Bleistift gekauft?
Davon habe ich mir ein halbes Dutzend in Christiania besorgt. Haben
Sie Geschwister? Die mute ich alle hersagen. Wir hatten ja alle
Mglichkeiten in Betracht zu ziehen. Wolf und Mwe hatten so etwas
nicht ntig, sie fhrten an Stelle der Verschleierung Torpedos und
Geschtze. Wenn ein feindlicher Hilfskreuzer nahte, whrend sie unter
neutraler Flagge fuhren, dann lieen sie ihn herankommen, hiten die
Kriegsflagge, pfefferten ihm einen Torpedo in den Leib oder pengten ihn
mit Kanonen hinunter. Wir hatten nichts dergleichen und muten damit
rechnen, bei schlechtem Winde wochenlang in der Blockade zwischen
England und Norwegen hin- und herzufahren.

Am 21. Dezember kam leichter Sdwestwind auf. Die Anker wurden
gelichtet, das Ruder probiert, der Motor angewrmt, und nochmals alles
berholt. Der Motor zndete krachend, und wir verlieen das enge
Fahrwasser der Norderaue. Das Schiff haute auf eine Sandbank auf, denn
es war dort bei Hochwasser nur ein Fu Wasser mehr, als das Schiff
Tiefgang hatte. Die Masten zitterten, bewiesen aber beim Auflaufen ihre
Strke. Denn die Werft hatte gewut, was es heit, einen tchtigen
Seeadler zu bauen.

Die Norderaue hatten wir glcklich passiert, drauen vor der Boje
setzten wir Segel. Es war schmuddlige Dezemberluft, nakalt und
unfreundlich; die griesgraue Nordsee frischte langsam auf. Voll standen
die Segel, 2600 qm Segelflche, an den 50 m hohen Masten. Mit voller
Fahrt ging es lngs der deutschen Kste unter den Klngen von
Deutschland, Deutschland ber alles und des alten Seemannsliedes La
Paloma dahin.

Von hinten wurde die deutsche Vorpostenkette durchbrochen, die auf Wache
lag gegen pltzliche feindliche Angriffe. Wie waren sie berrascht, als
sie pltzlich ein Schiff des Friedens durch die graue Wand des Nebels
hervortreten sahen.

  [Illustration: Wir passieren die deutsche Vorpostenkette.]

Ein Segelschiff? wo sall dat hen, wo geit de hen? Sie vermuteten, da
wir ein deutsches Schiff waren und aus der Heimat kamen. Die
Vorpostenboote waren gerade verstrkt, weil die Ablsung fr die
Weihnachtszeit angekommen war; so standen viele Boote drauen, und
trotzdem sie nach Hause wollten und Weihnachten feiern, machten sie sich
in ihrer Begeisterung auf und folgten dem vollen Segler. Sie begleiteten
uns ein Stck, aber wir gingen mit Segel- und Motorkraft so schnell, da
sie nicht mitkamen. Mancher von den Kameraden, den man gefragt htte, ob
er mitkommen wollte, htte doch wohl das Weihnachtsfest vorgezogen,
statt auf dem alten Windjammer ins Ungewisse zu fahren, in den Himmel
oder in die Gefangenschaft. Mensch sei froh, da du nach Hause darfst,
fhl dich doppelt mollig bei dem Gedanken! Was lauerten da fr Gefahren
in dem trben Morgen! Minen, feindliche und eigene U-Boote, die einen
abschieen konnten, Blockade und feindliche Kreuzer. An alles das
dachten wir nicht, sondern Durch!! war unsere Devise. Wohin, war
einerlei fr uns.

Abends gegen zehn Uhr hatten wir schon Hornsriff. Dann kamen wir lngs
der dnischen Kste. Um acht Uhr morgens sollten wir vor dem Skagerrak
stehen, um fr den Feind den Eindruck zu erwecken, da wir tatschlich
aus einem neutralen Hafen kmen. Da pltzlich springt der Wind um nach
Norden. Was tun? Wir knnen nicht weiter nach Norden. Es bleiben uns nur
noch drei Wege offen. Zurck wollten wir nicht, rechts war Land, links
lagen die Minenfelder. Land hat keine Lcken. Minen haben Lcken! So war
der einzige Weg der nach links. Der resolute Entschlu ist die beste
Weisheit. Hart backbord! Alle Mann in Schwimmwesten an Deck! Und das
Glck lie uns die Lcken treffen. Wir haben den Minengrtel durchfahren
und kamen unversehrt in die freie Nordsee. Der Wind frischte immer mehr
auf. Wir fuhren nicht etwa an der norwegischen Kste, auch nicht in der
Mitte, sondern, wer das reinste Gewissen hat, geht dem Feind am
nchsten! In Sicht der englischen Kste sausten wir lngs.

Wir hatten Glck und der Seemann ist aberglubisch. In jenen Tagen,
als ich den Seeadler bekam, war ich in Erinnerung an die wunderbare
Erhaltung und Unverletzlichkeit von S. M. S. Kronprinz und seiner
Mannschaft in der Skagerrakschlacht zu unserer Frau Kronprinzessin
gegangen mit der Bitte, ob sie nicht auch unser Schutzengel sein
wollte auf der weiten, gefahrvollen Fahrt. Whrend der vielen
Vorbereitungsarbeiten hatte man nicht mehr Zeit, an dieses und jenes zu
denken. In der Nacht aber, als ich an Bord ging und man der Heimat
Lebewohl sagen sollte und von ernsten Gedanken bewegt war: Die Leute
ahnen nicht, wohin es gehen soll, man ist der einzig Verantwortliche,
und man kmpft mit der Frage: Wird auch alles gelingen? Dort drauen
liegen die Minenfelder und Sperrfahrzeuge, die man durchbrechen soll
..., da, kurz vor der Abfahrt, eilen pltzlich in der dunklen Nacht zwei
Ordonnanzen heran mit dem Ruf: Hofpost. Hofpost? Ein Paket
Eingeschrieben und Eilt, Potsdam, Marmorpalais. Der Schlepper hat
schon losgeworfen und ri uns von der Heimat ab. In der Kajte erbrach
ich mit aufgeregter Hand das Paket; wie ich das Siegel lste, da hielt
ich das Bild unserer Frau Kronprinzessin mit meinem Patenkind, der
Prinzessin Alexandrine in Hnden. Darunter las ich im trben Licht der
Laterne: Gott schtze S. M. S. Seeadler! Wie wohl das tat! Ich empfand
eine wundervolle Freude: Jetzt kann kommen, was da will, wir hatten
Vertrauen zu allem! Das Bild unserer Frau Kronprinzessin war das
einzige, das in der Kajte hing neben dem dicken Eduard und Knig
Haakon, so, da wir es jederzeit herabnehmen konnten, wenn uns die
Kriegslist zwang, unsern Stolz als Deutsche zu verhllen. Sie war unser
Schutzengel in Sturm und Krieg, nicht nur fr uns, sondern auch fr die
Feinde: Es gab keinen Toten, keinen Verwundeten, auch nicht beim Feind.
Als unser Schiff spter verloren ging, wurden alle meine Jungs gerettet,
und sie haben aus den Trmmern das Bild mit in die Heimat
zurckgebracht.

  [Illustration: Gott schtze S. M. S. Seeadler.]

Am 23. Dezember kam der Tag, an den sich noch mancher erinnern drfte,
der im Norden Deutschlands lebt, der Tag, an welchem einer der
schwersten Strme unsere Ksten heimsuchte. Auch wir haben die Gewalt
dieses Orkans zu spren bekommen. Der sdliche Wind hatte uns bisher ein
gutes Stck von der Heimat vorwrtsgebracht, als er unter starkem Fallen
des Barometers pltzlich auf Sdwest umsprang. Von Stunde zu Stunde
frischte er strker auf und wuchs allmhlich zum Sturm. Alle Leinwand
war gesetzt bis auf Roils-, Oberbram- und die kleineren Stagsegel. Der
Sturm bot die gnstige Gelegenheit, um alles aus dem Schiff
herauszuholen. Gerade in dieser Nacht, wo es darauf ankam, die
Hauptblockaden zu durchbrechen, muten wir ihn als ein gnstiges
Geschick ansehen. Mit Sturmsegeln sausten wir lngs. Das Schiff lag so
schwer ber, da die ganze Leebordwand unter Wasser war. Der Verkehr
ber Deck war nicht mehr mglich, sondern die Leute muten an der
Auenbordseite an Strecktauen laufen. Alles stand zum Biegen und
Brechen. Die Masten zitterten, das Schiff bebte; Preventerketten wurden
zur Verstrkung an die Vor- und Groschoten aufgesetzt. Wir muten alles
wagen, wir konnten es auch, denn wir waren vor keinem Handelsherrn
verantwortlich, sondern nur vor unserm obersten Kriegsherrn. Wir muten
den Wind ausntzen, er war ein Geschenk des Himmels. Auch wenn Topp und
Takel von oben kam, so war die Gefahr nicht so gro als eine
Untersuchung mit unseren schmierigen Papieren. Der Sturm pfeift und
heult durch die Takelage. Hier und da brechen Schotenketten von den
oberen Segeln; in wenigen Minuten ist die Leinwand aus den Liken
gerissen, und ehe man die Segel festmachen kann, sieht man sie als
zerfetzte Lappen hoch in der Luft ber das Meer hinwegflattern. Wir
laufen 15 Meilen Fahrt.

  [Illustration:
  ... der Tag, an den sich noch mancher erinnern drfte.]

Abends 11 Uhr passieren wir die erste Blockade. Alles stiert mit den
Glsern in der Hand durch die Dunkelheit, um ein Blockadeschiff
ausfindig zu machen. Die Augenblicke hchster Spannung setzen ein. Kein
Schiff zu sehen. Dem Feind war das Fallen des Barometers eine Warnung
gewesen, und er hatte es vorgezogen, sich in Lee der Inseln von England
in Sicherheit zu bringen. Aber ein Schiff war da, das khn die
Gelegenheit ausntzte, der Seeadler. Stampfend durchbrach er die
Wogen, ein weies Kielwasser hinter sich lassend, der Gischt wurde mit
aller Kraft auseinandergepeitscht, Motor, Segel und der gute Geist,
alles half und schob am Schiff; es war ein wundervolles Gefhl. Immer
schwerer wird der Sturm, immer mehr Kraft liegt auf allem, was die
Takelage hlt und trgt, Pardunen, Wanten und Brassen, alles knarrt und
zittert, angespannt wie zu straff gezogene Saiten. Viel kann man nicht
mehr geben, aber man wagt!

Auch das Schiff legt sich immer mehr ber. Man konnte nicht an Deck
stehen, sondern sa auf der Reeling oder gegen die Lichtschchte
gelehnt. Die zwei kleinen Hunde, die ich mit an Bord hatte, Piperle und
Schnuzchen, lagen, als ich einmal hinunterkam, auf der Seitenwand der
Kajte, auf einem norwegischen Kissen zusammengepfercht; der Fuboden
war ihnen zu schrg. Das starke berliegen bedeutet aber fr ein
Segelschiff nicht viel, da es wie ein Stehauf ist, der wieder auf die
Fe kommt. Es kann ber ein gewisses Ma hinaus nicht gedrckt werden.
Der Sturm ist nicht das Gefhrliche, sondern die See, und diese konnte
uns nicht viel schaden, da wir unter Lee von England fuhren. Durch
blieb unsere Devise.

Wir fuhren mit brennenden Positionslampen, steuerbord grn und backbord
rot: Denn hier ist reines Gewissen, wir wollen ja nur durch. Gewaltig
rollt und tobt die See von achtern auf. Hier und da schlagen schwere
Brechseen ber Deck, die aber infolge des berliegens des Schiffes wie
ein Wasserfall darber hinbrausen und auf der anderen Seite ins Meer
herabstrzen. Die beiden Rudersmnner sind am Steuer festgeschnallt,
alles schttert von dem Druck, der auf der Takelage liegt. Von vier zu
vier Stunden durchmessen wir einen Breitengrad. Mit der Uhr in der Hand
rechnen wir: Jetzt ist die Sperre passiert, jetzt jene und heute nacht
12 Uhr kriegen wir Hauptsperre zwischen Shetland und Bergen. Noch eine
Stunde, wenn wir die erst hinter uns htten! So oft Wachablsung war,
hie es: Wir haben keinen Englnder gesehen. 12 Uhr, nichts, 12
Uhr nichts, Mitternacht nichts. Jetzt passieren wir die Hauptsperre,
aber was heit Sperre, wenn niemand da ist? Wir geben noch eine viertel,
noch eine halbe Stunde zu: Kein Feind weit und breit! Der Wind war unser
Freund. Wir dachten: Der gerade Weg ist der krzeste; wenn wir den Orkan
ausnutzen, durch die Orkneys und Shetlands hindurchgehen, dann haben
wir ein paar Meilen gespart. Fahren wir also direkt hindurch!

Im Begriff, den Kurs zu ndern, springt der Wind um acht Strich nach
Westnordwest. Das war uns wie ein Finger Gottes: Hier gehst du nicht
durch, Seeadler! Und so wurden wir hinaufgeworfen bis Island.

Wir konnten nichts tun, als uns treiben lassen, immer hher hinauf.
Lieber in Eis und Schnee stecken bleiben, als zur Shetlandssperre zurck
oder in die Nhe von Kirkwall! Naturgewalt ist weniger schlimm als
Feindesgewalt, insonderheit seine drahtlosen Rckfragen. Am nchsten
Tage fingen wir einen Funkspruch auf, der mitteilte, da der Orkan
daheim Huser abgedeckt und besonders in Emden und Wilhelmshaven viele
Schiffe losgerissen htte.

  [Illustration: Beginnende Vereisung.]

Jetzt begann die bittere Klte. Wir gerieten aus dem Golfstrom heraus in
die Gegend, wo nur eine halbe Stunde Tag war und die Sonne, die um 11
Uhr aufging, um 12 Uhr schon wieder verschwand. Die See wurde immer
schwerer, weil sie weiter ausholen konnte, und die Wellen, die ber Deck
gingen und durch die Ritzen der Ladung liefen, erstarrten in dem
grimmigen Frost; das ganze Vorschiff war bald vereist. Das Schlimmste
war, da die Taue vom Eis so verdickten, da sie nicht mehr durch die
Blcke gingen. Wir versuchten sie mit Sauerstoffapparaten aufzutauen,
aber es half nichts. Die unteren Segel, auf welche das Wasser gespritzt
war, standen wie Bretter. Die geheimnisvollen Luken waren zugefroren und
die vierzig Menschen unten eingepfercht, die vierundzwanzig oben aber
ohne gengende Decken, der Mglichkeit beraubt, zu ihren Kojen zu gehen.

Vierthalb Tage stand man an Deck. Die Spannung erlaubte nicht, ins Bett
zu gehen, nur im Kartenhaus habe ich ein bichen gegessen und geruht.
Die Finger konnten wir nicht mehr aufkriegen, der Mund war steif von
Klte. Man rutschte auf dem spiegelblanken Deck umher, das so glatt war,
da man sich nirgends auf den Fen halten konnte. Wohin man griff, war
Eis. Aber eines war noch warm, eines dampfte, vorn und achtern, der
Grogkessel. Das surrte und das schnurrte; der Deckel snackerte so mit.
Ordentlich Rum hinein, und dann mal her, das tut gut! Wenn einer von
drauen hereinkam, konnte er nichts mehr fassen, er prete das Grogglas
zwischen die Hnde, lie sich nichts von dem Duft entgehen, die Dmpfe
muten den Mund erst beweglich machen. Man taute sich tatschlich daran
auf.

Wie dankte man dem, der den Grog erfunden hatte! Wenn ich an die
Hamburger Bezeichnung des Grogs als Eisbrecher denke, dort oben habe ich
erst die wahre Bedeutung des Wortes empfunden. Denn dort fror alles
zusammen, der Dampf der Nase und des Mundes. Es federte alles um das
Gesicht umher, wie um ein Walromaul. Leute, die daheim mit Grog
renommieren, haben ja keine Ahnung davon. So richtig schmeckt er erst,
wo die Sonne nicht aufgeht.

Wir muten das Schiff sich selbst berlassen, konnten kein Tauwerk
bedienen. Ein seltsames Gefhl, auf dem erstarrten Fahrzeug nicht mehr
Seemann zu sein, sondern als ohnmchtiger Passagier in der Gnade des
Himmels zu fahren! Wir berlieen uns dem arktischen Klabautermann und
durften nur damit rechnen, da der Wind endlich nrdlich umsprang. Er
tat uns auch schlielich den Gefallen, und nun kamen wir sdlich und
wurden mit Axt und Picke der Eislast Herr, um das Schiff wieder zum
Manverieren zu bringen. Wir setzten nun alle Segel und gingen zwischen
den Frer und Island in den Atlantik.

  [Illustration:
  ... und gingen zwischen den Frer und Island in den Atlantik.
  (Aufnahme des unerkannten Seeadlers von Bord eines feindlichen
  Schiffes aus, das wir gleich darauf versenkten.)]




Elftes Kapitel.

Eine peinliche Untersuchung.


Der 25. Dezember brach an. Wir fhlten schon alles berstanden, die
Blockade durchbrochen, die Eiszeit hinter uns, das freie Meer um uns,
Kriegshandwerk vor uns. Da ruft morgens um 10 Uhr, whrend wir
nichts Bses ahnten, der Ausguck von oben: Dampfer achter aus!

Was, hier ein Dampfer? Das kann in dieser Gegend nur ein Kreuzer sein.
Ich kletterte etwas hher hinauf und gewahre einen groen Hilfskreuzer.
Welches Pech nach soviel Glck. Nun kam die Ernstprobe; nun konnten wir
uns frchterlich blamieren.

=Klar zur Verschleierung!= war jetzt das Kommando.

Das bedeutete: Die nicht norwegisch sprechende Besatzung in Uniform klar
bei Handwaffen unter Deck, wer nicht Gewehre oder Handgranaten hatte,
legte Sprengpatronen an in der Geschokammer vorn, mitschiffs im
Motorraum und achtern in der Sprengkammer. Dann wurden die Leute unter
ihren geheimnisvollen Luken in Gruppen verteilt.

Aber zunchst sollte nicht die Waffe, sondern die Maske sprechen. Noch
einmal werden die Jungs versammelt. Wir haben uns geprft, als wir
durch die Minen gingen, im Sturm, in Eis und Schnee. Jetzt gilt es noch
einmal eine Prfung. Habt ihr Vertrauen zu euch? Blo nicht aufgeregt
scheinen! Backbordwache zur Koje. Steuerbordwache an Deck, denn je
weniger wir sind, desto besser. Jeder soll etwas Beschftigung haben,
keiner sich umgucken. Da mir keiner durchdreht! Selbstbeherrschung und
echt norwegischen Benimm!

Der Kreuzer signalisiert. Da ihr mir das Signal nicht etwa zu rasch
erkennt, Jungs! So ein Norweger hat blo alte unscharfe Glser.

Unterdessen wird die Kajte in Empfangszustand gesetzt, Matratzen raus,
Schiebladen raus, alle nochmals tchtig voll Wasser, die Unterbxen
ausgehngt, die Papiere aus dem nassen Lschpapier in der Kajte zum
Trocknen ausgelegt, kurz die nasse Rolle wird gespielt.

Un nu, Jeanette, mak di kloar!

Unsere Hauptstrke nmlich, wodurch wir den Feind in besonderem Mae
entwaffnen wollten, war die verschleierte Frau. Gegen Damen ist man
artig, besonders der englische Offizier. Und wenn man als Kapitn seine
Frau mitnimmt, dann tut man es nur unter Umstnden, wo die Hnde rein
sind, man keine Bannware fhrt und sicher ist, der Frau keine
unangenehmen Lagen zu bereiten. Dazu kam die Seemannssitte; in Norwegen
und anderen Lndern ist es im Gegensatz zu Deutschland ganz
gebruchlich, da der Kapitn auch sin Olsch an Bord hat. Da war ein
Matrose von achtzehn Jahren, der das geeignete Gesicht besa. Keine
Ahnung hatte der Mann vor seiner Einschiffung gehabt, da er diesem
Umstand das Kommando auf Seeadler zu verdanken hatte. Aber heimlich
waren an Land schon fr ihn Frauenkostme und eine blonde Percke
gekauft worden. Alles pate dem Mann, nichts fehlte an den zugehrigen
Formen und Umrissen, nur einen schicklichen Schuh konnten wir nicht
kriegen. Schmidt hatte eine solche Nummer von Fu ... Das war unsere
Sorge. Das Kleid mute also mglichst lang sein, nicht im modernen
fufreien Stil.

Nu also antrekken!

Jeanette wurde rasch aufgetakelt, ganz leicht und zart war sie
geschminkt, auf die Chaiselongue gepackt, eine Decke ber die groen
Fe, darauf wurde Schnuzchen gelegt. Der bellte wenigstens nicht und
lag hbsch ruhig, wenn er einen so weichen Platz hatte, whrend Piperle
losgefahren wre, wenn Fremde kamen.

  [Illustration:
  ... Wir hatten Jeanette nicht zum erstenmal aufgetakelt.]

Die Frau sah recht gut aus. Nun kann man alles verschleiern, nur die
Stimme nicht. Aber auch hier wurde Rat gefunden. Bei Zahnschmerzen
nmlich kann der Mensch nicht reden. Einen Schal um die Backen, zwischen
Zahn- und Backenwand Watte hineingepfropft, na gemacht, und die
Geschwulst war da. Der arme Kerl hat was ausgehalten, die Backe stand
infolge der Spannung ganz prall, und es entstand ein wirklich leidendes
Gesicht.

Wir hatten Jeanette heute nicht zum erstenmal aufgetakelt und von ihrer
Schnheit frher schon eine Photographie genommen. Die hing jetzt
vergrert an der Kajtenwand, damit, wenn der untersuchende feindliche
Offizier die Dame vor jeder Indiskretion behten wollte, er nur zur Wand
zu blicken brauchte, wo sie mit der Unterschrift hing: _Mange hilsner_
(viele Gre) -- _Din Dagmar_, 1914.

Soweit war alles gut. Nun bemerkten wir aber, da es frchterlich nach
dem Motor roch. Wir hatten ihn ja die ganze Zeit laufen lassen, und der
Geruch, welcher infolge der aufgestapelten Holzladung nicht abziehen
konnte, lag schwer in der Kajte. Da konnten wir keine Rucherkerzchen
gebrauchen oder klnisch Wasser, sondern wir haben den Petroleumofen
tchtig schmkern lassen und die Lampe hochgeschraubt, da sie mit
krftiger Dosis gegen den Motordunst anarbeitete, bis die richtige
Mischung entstand. Leider wurde Jeanette dabei ein bichen verrut.

Wie ich wieder an Deck kam, war das Signal deutlich zu sehen. Der
Englnder hatte auch nicht lnger Geduld, sondern scho uns eine Granate
vor den Bug. Das muten wir verstehen. Wir drehen in aller Gemtlichkeit
den Grotopp back, dann kommt der Kreuzer auf. Es ist der 18000 Tonnen
groe britische Kreuzer Avenge. Alle Geschtze stellen ihre
Feuermndungen auf uns ein, alle Glser sind auf uns gerichtet. Was soll
das? Gegen ein Segelschiff, einen friedlichen kleinen Kauffahrer? (Ein
deutscher Kreuzer wrde seine Geschtze nicht gegen einen Segler
gerichtet haben, der dazu noch neutrale Flagge und Neutralittsabzeichen
fhrte.) Ist das nicht verdchtig? Sind wir verraten? Der Atem stockt.
Als der Ozeanriese quer ab von uns ist, wird mit Sprachrohr
herbergerufen: =Sie werden untersucht=. Huh, wie durchschauert es
einen, wie kalt lief es einem den Buckel herunter! Schnell ging ich in
die Kajte, um mich noch einmal von allem zu berzeugen. Die Unruhe, da
wir mglicherweise doch verraten sein knnten, tobte schwer in mir. In
der Kajte stand Kognak, den mir mein Freund Conrad Jger, der groe
Hamburger Weinhndler, mitgegeben hatte fr den Fall, da ich noch
einmal ins Examen mte. Der Fall lag vor. Der Kognak war 100jhrig, es
war noch ein Napoleon mit seinem N darauf. De Alkohol, de den ollen
Napoleon good dohn hett, wenn he mit de Englnders anbunn, de kannst du
ok bruken. Ich korke den Napoleon auf, setze ihn an den Mund. Schon
wirkt der Gegenschrecker. Noch einmal gluck gluck und alles, was das
Herz bepackt hat, ist fest unterdrckt. Dann der Priem in den Mund ...
ich bin kein Gewohnheitspriemer, aber ein alter Kapitn mu Tabak kauen,
in dem Vollbart soll ein wenig Priemsauce stehen ... und nun wieder auf
Deck. Meinen Jungs dort schenkte ich auch einen ordentlichen Kognak ein
zur Beruhigung. Jungs, jetzt kommt's drauf an, die Nerven
zusammenreien! Sich nicht verblffen lassen! Den Feind, den wir
bekmpfen wollen, auf unsern Planken als wohlwollende Neutrale zu
begren, ihm mit deutschen Augen unter norwegischer Maske furchtlos ins
Gesicht zu sehen. Einer fr alle, alle fr einen! Spielt ihr eure Rolle,
ik speil de oll Kaptein.

Auch unsere Messe hatte inzwischen ihre Vorbereitung vollendet. Dort
stand ein Grammophon: _It is a long way to Tipperary_ ... Wir wollten
den Feind gleich sympathisch stimmen. Das reine Gewissen guckte ja jetzt
aus allen Ecken hervor, aber auch wo man nicht hinsah, mute man es
wenigstens hren. Vor der Messe stand eine Ordonnanz mit einer Pulle
Whisky und einem Bierglas. Wir ahnten, da die Tommys gleich nach der
Pantry streben wrden. Da konnten sie sofort das Zielwasser nehmen und
ihnen die Sehschrfe genommen werden. Wir waren freundliche Leute.

Ein Boot ruderte vom Kreuzer herber. Unsere Jungs taten vollkommen
gleichgltig und machten die Vorleine klar, um das Boot wahrzunehmen. Es
kam lngsseit mit zwei Offizieren und 15 Mann. Ich schimpfte, als wenn
meine Jungs nicht flink genug funktionierten, tchtig, wie so ein oller
Kaptein schimpft, damit sie gleich die norwegische Sprache hrten. Der
Offizier, der zuerst an Bord kam, begrte mich:

_Happy christmas, captain._

_I am the captain, mister officer._ (Diese Anrede pate besser zu mir
einfachem Mann, als wenn ich Sir gesagt htte.)

_Happy christmas, captain?_

_O, happy christmas, mister officer!_ Wenn Sie in meine Kajte
herunterkommen, dann werden Sie sehen, was fr ein glckliches
Weihnachten wir gehabt haben!

Haben Sie den Sturm gehabt?

Jawohl, den haben wir gehabt.

_Poor captain._ Wir haben hinter den Inseln gelegen.

Da dachte ich bei mir: Ja, das haben wir auch gemerkt, wir haben keinen
von euch gesehen.

Ich mchte gern Ihre Papiere sehen, _captain_.

Wie wir hinuntergehen (auch der zweite Offizier hatte mir ein Frohes
Weihnachten in die Hand gedrckt), schnarrt die Platte los: _It is a
long way to Tipperary_. Sie freuten sich und summten mit, denn
Sympathieluft wehte ihnen entgegen. Es konnte jeder fhlen: Das Schiff
ist gut.

Als sie in die Kajte eintreten, mssen sie gebckt unter dem nassen
Unterzeug hindurch, die Mischung macht sie hsteln. Da stutzt der
erste Offizier und sieht Jeanette.

_Your wife?_

_My wife, mister officer._

Er ist ritterlich, geht auf sie zu mit den Worten: Verzeihen Sie, da
ich Sie stre, aber wir haben unsere Pflicht zu tun, worauf Jeanette
das eingebte hohe _All right_ fltete. Darauf fallen seine Blicke auf
die zerschlagenen Bullaugen und auf all die Nsse in der Kajte, und er
uert: Wei der Himmel, Kapitn, was haben Sie fr ein Wetter gehabt!
Worauf ich zu ihm sagte: Ach, gucken Sie nicht dahin, Mister Officer,
das kann mein Zimmermann wieder machen. Was mir aber Sorge macht, das
sind meine nassen Papiere.

Na, na, Captain, da Ihre Papiere nicht trocken sein knnen, wo hier
das ganze Schiff eingeschlagen ist, das ist doch selbstverstndlich!

Ja, fr Sie vielleicht, aber wenn ein anderer kommt, der macht mich
womglich verantwortlich. Die Papiere sollen doch schlielich
ebensolange halten wie das Schiff.

Dann haben Sie ja meine Bescheinigung, beruhigte er mich, seien Sie
doch froh, da Ihnen Ihr Schiff nicht ganz und gar zerschlagen ist.

Fr die Bescheinigung wre ich allerdings dankbar, erwiderte ich.

Er nimmt ein Buch aus der Tasche, worin all die Papiere vorgedruckt
sind, die er nachzusehen hat. Er hat schon viele Schiffe untersucht und
alles Verdchtige eingetragen. S. M. S. Seeadler bekommt jetzt auch
seine Seite im Buch, hoffentlich mit guten Nummern. Und so, wie er die
Papiere aufruft, lege ich sie ihm vor, worauf er immer verstndnisvoll
nickt. Whrenddessen sah sich der andere Offizier den Knig Eduard an
und die schnen Landschaften und verglich respektvoll das Bild meiner
Frau mit dem Original. Drauen kicherten die Matrosen und kriegten ihr
Zielwasser, der Mann am Grammophon zog immer wieder die Tipperarywalze
auf, da blo keine Pause dareinkam, ich hrte meine Leute lachen und
sprechen, whrenddessen schob ich dem Offizier einen Beleg nach dem
andern hin: er schaute kaum mehr darauf und schrieb: _All right, thats
all right, captain._ Zwischendurch spuckte ich einmal krftig in den
Salon und reichte weiter: _Here, please, mister officer, please here._
Die Stimmung war berall vorzglich, es funktionierte buten und binnen.

Wenn der Mann ahnte, da er auf Bajonettspitzen stand! Denn unten
warteten ja meine deutschen Jungs in voller Uniform mit aufgepflanztem
Seitengewehr.

Neben mir stand mein Adjutant Pries, der den ersten Steuermann
darstellte, eine kolossale, echt norwegische Gestalt. Mit ernstem
Gesicht stand er da und spielte seine Rolle hervorragend.

_Where are your Cargo Papers?_ fragte der Englnder. Der Steuermann ging
langsam hin und holte sie. Denn dazu ist er da. Der Kapitn darf nicht
alles selber tun. Pries brachte also unsere einzigen Papiere, in welchen
nicht mit Tintentod gearbeitet worden war; darin stand die Ladung genau
spezifiziert. Es war bescheinigt, da sie fr die englische Regierung in
Australien bestimmt wre. Unterschrift: _Jack Johnson, british
vice-consul._

_Captain, your papers are all right._

Ich freue mich so, da meine Papiere in Ordnung sind, das sollen sie ja
wohl auch! und da erlebe ich den ersten Versager. In der Freude rutscht
mir der Priem weg, ich will ihn stoppen, kann aber nur die
Geschwindigkeit abbremsen und fhle, wie er langsam die Speiserhre
hinunterluft. Ich mu ihn niederkmpfen, damit der Englnder nicht
merkt: dem Kapitn wird bel. Wie kann ein alter Norweger seekrank
werden! Nun will er das Logbuch sehen, mein Steuermann Ldemann bringt
es heran. Der Englnder sieht es genau durch. Verflixt, da wir drei
Wochen stillgelegen haben! Hiervon hngt dein Schiff ab. Der Mann mu
mit Vertrauen erfllt werden, und nun dieser innere Kampf. Immer rauf
und runter in der Speiserhre. Lieber in Nacht und Eis, als dies
erleben. Um mich abzulenken, bemerke ich zu Ldemann: Solch einen
Kameelhaarberhang mit Kapuze, wie der Offizier hat, mten wir auch
haben gegen die Klte.

Nein, sagte der Offizier, gegen die Nsse.

Der Englnder beschftigt sich lange mit dem Logbuch, mit der Vorreise,
mit dem Ankerlichtmotor, den wir bekommen haben, und fragte: Was ist
denn hier, warum haben Sie drei Wochen da gelegen?

Ich, der ich mit dem Priem herumarbeite, fhle das Entsetzen ber diese
Frage und denke: Nun ist alles zu Ende. Da fllt Ldemann trocken ein:
Jawohl, wir sind vom Reeder gewarnt worden, nicht auszulaufen wegen der
deutschen Hilfskreuzer. Wie wohl wird mir ber die Unerschrockenheit
dieses einfachen Mannes. Der Offizier stutzt, wendet sich nach mir um
mit der Frage: Deutsche Hilfskreuzer? Wissen sie etwas ber deutsche
Streitkrfte?

Jawohl, sag ich, und zu mir selbst: Jetzt wirst du dem Kerl mal was
einschenken. (Ich fhlte mich auch im Magen etwas beruhigt, seit mein
Ldemann in die Bresche sprang.) Wissen Sie gar nichts von >Mwe< und
>Seeadler<? Fnfzehn deutsche Unterseeboote sind auerdem unterwegs, so
haben wir vom Reeder gehrt. Wir waren doch selber besorgt, weil wir
englische Ladung haben. Deshalb sind wir unterrichtet.

Der andere Offizier hatte es mit einem Male eilig. Er sah auf die Uhr
und sagte zu seinem Kameraden: _Well, we are in a hurry_ (wir haben
Eile). Der untersuchende Offizier erhob sich, klappte die Bcher zu und
bemerkte: _Well, captain, your papers are all right._ Aber Sie haben ein
bis anderthalb Stunden zu warten, bis Sie das Signal zum Weitersegeln
bekommen.

Wie der Offizier hinausgehen will, zeigt er auf Schnuzchen: _Looks like
a german dachshound!_ (Der sieht aus wie ein deutscher Dachshund.)

Ich denke: Ach Gott, la den nur auf Jeanettes Fen liegen. Wenn du
nicht mehr Deutsche gefunden hast als den Dachshund dann ist ja alles
gut. Wir kommen auf Deck, die Englnder gehen zu ihrem Boot, ich jage
rasch den Priem ber die abgelegene Bordwand und fhle mich in jeder
Hinsicht erleichtert. Aber die ernstesten Augenblicke standen erst
bevor.

Sie mssen anderthalb Stunden warten! Whrend ich die Offiziere nach
dem Boot hinbringe, hat ein Pessimist die Worte aufgefangen und sagt vor
sich hin: Na, dann ist alles verloren. Meine Leute unten im Schiff
sitzen unter Kommando von Leutnant Kirchei in grter Spannung, wie die
Untersuchung abluft, und lauschen auf alles, was sich oben abspielt.
Sie fangen das Wort auf: Alles verloren! und geben es weiter; von
achtern, mittschiffs nach vorn pflanzt der Ruf sich von Mund zu Mund
fort. Die sieben Minuten brennende Zndschnur wird angeschlagen, um das
Schiff in die Luft zu sprengen. An Deck ahnt man nicht, da unten im
Schiff die Zndschnur glimmt. Im Gegenteil, man ist so befriedigt, da
alles glcklich abgelaufen ist. Mit einem Hndedruck verabschiedet sich
der feindliche Offizier, nochmals mit der Bemerkung: Also, Sie warten,
bis Signal vom Kreuzer kommt zur Weiterreise.

Mein erster Offizier Kling mit seiner viereckigen Polarfigur und seinen
achtzehn Wrtern Norwegisch, die er mit Kunst anbrachte, drehte dem
Feind den Rcken und gab den Matrosen Anweisung fr die Takelage. Als
die Offiziere im Boot sitzen, entsteht eine peinliche Situation: man
kann ein Segelschiff nicht so auf der Stelle halten wie einen Dampfer,
der einfach seine Schraube stoppt, sondern es wird immer mit langsamer
Fahrt vorausgehen. Das Boot der Englnder, das dicht an unserer
Schiffswand liegt, kommt nicht frei, es wird vom Schiff angesogen und
treibt nach achtern heraus. Welche ungeahnte Gefahr erhob sich in diesem
Augenblick! Wenn der Feind nach hinten ans Heck kam, mute er die
Schraube des Schiffes sehen. Ein Segelschiff mit Propeller, das mute
uns verraten! Davon war nichts vermerkt in unseren Papieren, da wir
einen 1000pferdigen Motor im Leibe hatten!

Jeden Glauben meiner Leser an Geistesgegenwart bei meinem jetzigen
Handeln weise ich zurck; Verzweiflung war alles. Ich laufe nach hinten,
ergreife ein x-beliebiges Tau und lasse es mglichst ungeschickt ber
den Kpfen der Feinde hin- und herbaumeln, damit sie besser von der
Bordwand freikommen sollten: _Take that rope, mister officer,_ nehmen Sie
dieses Tau! Die Folge war, da die Feinde nach oben schauten, um von
dem Tauende nicht getroffen zu werden, und dadurch wurden ihre Blicke
von unten weggerissen, von der Schraube abgelenkt. Das Boot kommt frei.
Der Offizier dankt mir noch einmal fr meine Hilfsbereitschaft und
rgerlich, da seine Leute im Boot nicht schneller von der Bordseite
absetzten, ruft er: _I only got fools on my boat._ (Ich hatte nur Narren
in meinem Boot.) Ich dachte: Ja, da hast du recht und bist selbst nicht
schlecht zum Narren gehalten. Aber der Mann hatte nur seine Pflicht
erfllt, und ich wre wohl an seiner Stelle ebenso hereingefallen. Eine
britische Akademie hat freilich hinterher in einer Sitzung ber
Sprachstudien erklrt, da der Hereinfall nur mglich gewesen sei
infolge der bemerkenswerten britischen Unkenntnis fremder Sprachen.

Wie atmet man auf, da die Gefahr abgewendet war. Man luft schnell nach
unten, um den Kameraden, die im Heldenkeller, abhngig von unserem
Spiel, auf das Gespannteste warten, mitzuteilen, wie befriedigt der
Feind abgezogen ist. Als ich mit dem Stiefelabsatz auf die
geheimnisvolle Luke trete und rufe: Macht auf! erhalte ich keine
Antwort. Ich rufe noch einmal: Macht auf! Pltzlich hre ich den Ruf:
Flutventile auf, Schieber auf! Was ist das? Was ist da los? Sind die
verrckt geworden? Ich rufe noch einmal, auf die Luke tretend: Macht
auf, alles klar! Da ffnet einer die Luke und ein verstrtes Gesicht
sieht mich an, der Mann luft weg, und ein Rennen beginnt von achtern,
mittschiffs nach vorn. Was ist los? Ich kann nicht verstehen. Endlich
erfahre ich: Sie laufen, um die Flutventile zu schlieen und die
Zndschnur abzuschneiden, die das Schiff in drei Minuten in die Luft
sprengen sollte. Wie ist einem da zumute! Die Zndschnur? Angeschlagen?
Das Vorkommnis zeigte, wie auch die besten Vorkehrungen im Kriege durch
pltzliche Verwirrung zunichte gemacht werden knnen. Aus dem
Schreckensruf Alles verloren! hatten die Leute geglaubt, schlieen zu
mssen, da wir verraten wren, und im Gedanken an die gefechtsmige
Haltung des Hilfskreuzers hatten sie zu der Manahme gegriffen, die ein
Kriegsschiff trifft, um dem Feind nicht in die Hnde zu fallen.

Endlich erfahre ich aus dem Wirrwarr heraus diesen Zusammenhang. Man
forscht nach, von wem der Ruf gekommen ist: Alles verloren! Man findet
den Betreffenden, macht ihm Vorwrfe, wie er dazu komme: Jawohl, ich
habe nichts nach unten gerufen, ich habe nur vor mich hin geuert:
Anderthalb Stunden warten, dann ist alles verloren, das bedeutet Anfrage
nach Kirkwall, ob >Irma< ausgelaufen ist. >Irma< gibt's ja nicht.

Der Mann hatte recht! Die Papiere waren doch in Ordnung gefunden worden,
weshalb also anderthalb Stunden warten? Man eilt an Deck; es ist, als
wenn einem das Herz zusammengepret wrde. Man eilt zum Steuermann; auch
der vermutet dasselbe. Wir stellen unsere drahtlose Telegraphie ein,
deren Antennen unsichtbar in die Taue verkleidet waren. Im Geist hrt
man schon die Telefunken sausen: Ist >Irma< ausgelaufen? Man hat das
Signalbuch und das Glas in der Hand, um sofort das Signal, wenn es
hochgeht, zu erkennen. Man bedauert, nicht 25 Finger zu haben, um bei
jedem Buchstaben einen Finger hineinzukrallen; der Schwei der Hand
drckt sich in die Seiten des Buches. Man stiert auf den Kreuzer, hngt
frmlich an der Bordwand: Retten wir unsere Planken? Man sprt jetzt die
schlaflosen Nchte, die Krfte versagen. Die Minuten werden zu
Viertelstunden. Da pltzlich geht ein Signal hoch. Man reit das Glas
an die Augen, aber die Hand tattert, man sieht kein Signal, sondern
drei, vier Kreuzer flimmern. Mein Adjutant nimmt das Glas; auch er kann
nicht sehen. Da nimmt der alte ruhige Ldemann das Glas, legt es
bedchtig auf die Reeling und hlt das Signalbuch in der Hand. Man hngt
frmlich an seinen Augen. Was sieht er, was wird er sprechen? Die Nerven
knnen nicht mehr, man hat sich zusammengerissen, jetzt ist's, als wenn
alles auseinander fliegt. Endlich hat er das Signal erkannt.

T M B

Nachblttern! Was heit das? Was kann das sein?

Steuermann, das kann nicht stimmen! Hier steht: =Planet=. Unsinn! Lesen
Sie das Signal noch einmal ab.

Wieder wird die Geduld auf die Probe gestellt. Man versucht, den Atem
anzuhalten, um die Sehschrfe zu erhhen.

T X B

Noch einmal nachgeblttert! Ich hole Atem, einen kurzen Zug. Dann:

=Fortstte reisen!=

Die Erlsung! Es ist, als wenn alles stehen bleibt im Krper ... ein
unbeschreibliches Gefhl, wie die =Freude= einstrmt und die =Aufregung=
aus dem Krper wegdrckt, zwei Faktoren, die mit so krassem Gegensatz
gegeneinander toben. Man fhlte frmlich, da das Herz zwei Klappen hat.
Nun runter, wo die Jungs sind, wo Kirchei mit seinen Leuten brave Wache
ging, schnell, damit sie aufgefrischt werden, und da keine Zndschnur
wieder anbrennt.

Leute, gerettet, =Reise fortsetzen=!

Wie drckten sich die Hnde! Sie muten sich meistern, sie durften noch
nicht herauf, damit nicht durch eine Unvorsichtigkeit alles wieder aufs
Spiel gesetzt wurde. Da ging der Kreuzer an uns vorbei, keine Glser,
keine Kanonen mehr auf uns gerichtet. Da, wieder ein Signal, geheit in
der Gaffel, das Signal, das jeder Seemann dem andern wnscht; da
brauchten wir kein Signalbuch mehr, das Signal: =Glckliche Reise=.
Konnten wir mehr verlangen vom Feind, wie =Glckliche Reise=? Wir
dippten unsere norwegische Flagge dreimal so recht vertrauenbesttigend,
und dann ging von uns das Signal auf =Danke=.

Der Kreuzer kam auer Sicht. Meine Jungs, die ihn noch einmal sehen
wollten, kamen herauf und schauten sich durch die Bullaugen den Feind
an.

John Bull, wat hest du di verkeken! Du hest den Richtigen >Glckliche
Reis< wnscht, di knn wi bruken.

Ein Glckwnschen! Jeder drckt seine Hand fest in die des andern:
Glckliche Reise, Kapitn!

Jungs, jetzt lat uns Wihnachten fiern! Jetzt hevt wi de Berechtigung.

  [Illustration:
  ... Unter der Flagge, auf >Seeadler<, wollen wir feiern!]

Ich stelle es ihnen frei: Feiern wir auf >Irma< oder unter deutscher
Flagge auf >Seeadler<, in Maske oder in kaiserlicher Uniform?

Unter der Flagge, op Seeodler, wllt wi fiern!

Jungs, wit ihr, was dann noch zu tun ist vorher? Die ganze Deckladung
ber Bord zu werfen.

Sie waren ja mde, aber wie die Heinzelmnnchen gingen sie an die
Arbeit; die Laschings werden gesprengt und die Deckladung fliegt ber
Bord. In drei Stunden war das Deck rein, an dem wir acht Tage gebaut
hatten. Unser Geschtz wurde aufgestellt, ein Probeschu abgefeuert, ob
de olle Kanon auch ging.

Meine Aufgabe war es inzwischen, den Weihnachtsbaum, den wir aus der
Heimat mitgenommen hatten, zu schmcken. Wenn je ein Weihnachtsbaum
aufgeputzt worden ist mit Liebe und aller Herzlichkeit, so tat ich es da
fr meine Jungs. Liebesgaben aus der Heimat hatten wir die Menge. Da
wurde aufgebaut! Und als ich fertig bin, wird gemeldet: Die Flagge
weht, die Kanone steht, S. M. S. >Seeadler< ist klar. Schmuck in blauen
Uniformen wurde Weihnachten gefeiert. Dicht gedrngt saen wir im Salon,
in dem engen Raum; es war kaum Platz, man setzte sich auf den Tisch,
damit man ja mit allen Jungs zusammensitzen konnte. Die Bilder, die da
nun nicht mehr hingehrten, wurden von der Wand genommen und diejenigen
aufgemacht, die hingehrten. Um unsern Schutzengel kam ein
Weihnachtskranz und ein zweiter um unsern obersten Kriegsherrn. Nun
ruhten aller Gedanken daheim bei den Angehrigen aus. Keiner von ihnen
wute, wo wir waren. Jede Meile brachte uns weiter weg, umringt von
Feinden, keine Hilfe von der Heimat konnte uns mehr kommen. Aber, wo ein
Wille ist, da ist auch ein Weg, und wir wollten dem deutschen Namen Ehre
machen und den Feinden zeigen, was deutsch ist, wenn wir auch nur eine
kleine Schar von 64 waren.

Und dann kam der Tag nach Weihnachten, an dem uns der Wind nach Sden
brachte. ...

Welche Vorkehrungen htten wir gehabt, fr den Fall, da das Schiff als
verdchtig gegolten htte? Wir waren darauf vorbereitet, denn wir
kannten die Art und Weise, wie die Englnder verdchtige Fahrzeuge
handhaben. Der englische Kreuzer wrde uns ein Prisenkommando an Bord
geschickt haben, unter dessen Befehl ich das Schiff nach dem
Untersuchungshafen htte navigieren sollen. Um in diesem Falle das
Schiff mglichst ohne Blutvergieen dem Prisenkommando wieder
abzunehmen, hatte Dr. Clauen von der Tecklenborgwerft folgende
Vorbereitungen vorgesehen.

Der Salon sollte aus dem Schiffskrper ausgeschnitten und fahrstuhlartig
in einer hydraulischen Presse aufgehngt werden. Sein Fuboden war unter
Deck diagonal durch eiserne Trger untersttzt, damit er Halt htte. War
das Schiff in Feindeshand, so wrden die feindlichen Offiziere und die
Besatzung in diesem Salon wohnen. An Deck wren sechs oder sieben
Englnder zur Bewachung meiner Zivilbesatzung.

Wenn nun der britische Kreuzer auer Sicht war, dann wre Alarm gegeben
worden, um das Schiff wieder in unsere Hand zu bringen. In einem
Waschraum war ein kleines Schrnkchen, worin meine Uniform mit Orden und
Ehrenzeichen hing. Ich htte meinen Zivilmantel darbergezogen und an
Deck laut das Stichwort gerufen: Mars fallen, durchholen. Im selben
Augenblick sollte die Freiwache (unsere norwegische Besatzung) in die
Takelage gehen zu den geheimnisvollen Tren, wo ihre Waffen und
Uniformen hingen. Die Mannschaft unter Deck erhlt durch ein leichtes
Klingelzeichen Bescheid. Dann wre durch das einfache Drcken auf einen
Knopf der Salon in die Tiefe gesaust, mit Sofa, Tisch und Sthlen, und
drunten wren die englischen Offiziere pltzlich fnfzehn Mann gegenber
gesessen, die sie mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr angelegt,
empfangen htten. Im gleichen Augenblick ging die deutsche Kriegsflagge
hoch, die in einem Sack eingenht war. Oben auf Deck wren meine Leute
unter Trommelklang aus allen Rumen hervorgetreten, die Gewehre auf die
britische Wache angelegt. Ein Maschinengewehr stand vorn, auch oben im
Mast eines. Was htten die Armen machen wollen? Es wre glimpflich
abgegangen.

Dieser Clauensche Plan war glnzend, aber es war doch gut, da die
Verschleierungsrolle gelang, denn infolge der verfrhten Abfahrt der
Maletta war diese Saloneinrichtung nicht mehr ganz fertig geworden.




Zwlftes Kapitel.

Kaperfahrt.


Wir gingen gen Sden und steuerten mit vollen Segeln ohne Motor auf
Madeira zu. Der Motor hatte trotz unserem tchtigen Personal viele
Pannen. Da ein Segelschiff durch den Druck der Segel stets nach einer
Seite berliegt, wurden die Kolbenringe des Kompressors stark einseitig
abgenutzt, und die Gebrauchsfhigkeit des Motors wurde besonders dadurch
sehr herabgesetzt, da das uns mitgegebene Schmierl bereits schon
einmal gebraucht war. Im Vaterlande war das Schmierl, wie so vieles
andere knapp geworden, und da unser Unternehmen nur bei wenigen, wie
Kapt. z. S. Grahoff und Toussaint, Vertrauen fand, und fast von
jedermann sonst als ein verlorenes angesehen wurde, so wollte man nicht
viel an uns wenden. So liefen wir meist mit ausgekuppeltem Motor.

Jetzt durfte man den Salon und alle Kammern wohnlich herrichten, die
schnen Teppiche, Bilder, Sessel wurden ans Licht gebracht. Was hatte
die Werft brav vorgesorgt; alles hatten wir an Bord bis zu Meyers
Konversationslexikon, das uns besonders wertvoll war, denn es sagte uns
jeden Fisch und war Schiedsrichter in den gelehrten Streitfragen, die
menschlicher Frwitz bei so langem Bordleben aufwirft. An Deck und in
den Rumen wurde berall gemalt, das Teakholz auen gescheuert, damit
man sich wieder auf einem deutschen Kriegsschiff fhlte. Das
Schmuddelige wurde hinausgebracht und das Schne, Saubere, Glnzende,
das mute heran. Jetzt fhlte man sich, wenn die Plumbm, so nannten
wir die Masten, sich unter den Segeln bogen. Alles war froh und frei und
ohne Sorgen auf unserem Schiff. Wir hatten Weisung, nur Segelschiffe
anzugreifen. Segler gegen Dampfer, das geht doch nicht! Vielleicht war
auch dies der Grund, weshalb man uns so schlechte Armierung mitgegeben
hatte. Von unseren zwei Kanonen konnte natrlich immer nur eine in
Aktion gegen den Feind treten; mit einer Kanone konnte man kein
Trommelfeuer machen. ber das Wenige, was wir hatten, wollten wir aber
vollkommen Herr sein. Die Geschtzmannschaft exerzierte aus eigener Lust
an der Sache und war so eingeschult, da kein Schiff eine bessere hatte.
Durch Drill und Przision waren wir ein nicht zu verachtender Gegner.
Unsere Armierung war und blieb freilich schwach, und strategische Regeln
und normale Kriegskunst zur See konnten ein Segelschiff nicht zu
erfolgreichem Krieg befhigen, so da das geringe Vertrauen in unsere
noch nie erprobte Sache am Ende nicht so unbegreiflich war. Aber wir
verlieen uns auf Treue, Willen und deutschen Geist, der, wenn er frisch
ist, allen ber ist. Dazu die Kriegslist. Bluff und Schneid sollten
unsere eigentliche, aber unsichtbare Armierung sein.

Wir hatten zwei Ausguckposten. Eine Ausgucktonne mit einem bequemen Sitz
darin befand sich hoch oben im Mast. Nur ein Mann, der gemtlich und
geschtzt sitzt, pat auch gut auf. Zweitens sa im Vormast einer von
den Unteroffizieren. Derjenige, der zuerst ein Schiff meldete, bekam
eine Flasche Champagner. So war da stets ein Wettgucken, denn einer
gnnte dem andern die Meldung nicht. berall arbeiteten die Augen umher,
jeder hatte das Bedrfnis, die Pulle Schum zu sehen.

Es erwies sich, da wir ein vorzgliches seemnnisches Personal an Bord
hatten, biedere Leute, denen keine seemnnische Arbeit zu viel war und
die Hand anlegen konnten, wo es galt.

In der Hhe der Strae von Gibraltar wurde am 11. Januar ein Dampfer an
Backbord gemeldet. Das Jungfernschiff! Welche Aufregung. Einen Dampfer
sollten wir doch nicht angreifen. Ja, man kann vieles versprechen, aber
wenn vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten ein frischer Geist weht,
dann hlt man es nicht.

Wir heien das Signal: =Bitte um Chronometerzeit!=

Ein Segelschiff ist meist knapp mit Uhrzeit, wenn es lange von Land fern
war.

Wir zeigten uns zunchst als Norweger; der Zivilmantel, der immer im
Kartenhaus hing, wurde angezogen. Der Teil der Besatzung, der Waffen
trug, lag hinter der Reeling an Deck.

Der Dampfer kam auf uns zu, zeigte das Verstanden-Signal, den
Antwortwimpel. Er kam von luvwrts, da konnten wir nicht hin. Ist es ein
Englnder? Er hat keinen Namen. Dann ist es aber sicher einer, denn die
sind namenlos geworden im Krieg! Auch der Bau sah nach England aus.

Er kommt nher heran und will dem alten verschlafenen Norweger die
erbetene Chronometerzeit geben. Wollen wir ihn angreifen? frage ich
die Mannschaft, die sich durch die Speigatten den Feind anguckt. Jo,
sicher, wi gripen em, he is 'n Englnder. Klar Schiff zum Gefecht!
Die Trommel rhrt an, die Pforte fllt herunter, denn das Geschtz stand
so, da ein Teil der Reeling heruntergeklappt werden konnte.
Kriegsflagge hoch, Signal herunter, und dann: Schu vor den Bug! Endlich
der erste Schu auf den Feind.

Was ist denn das? Er reagiert gar nicht, heit aber die englische
Flagge. Noch ein Schu, bumssssss ... da auf einmal dreht er ab. Halloh,
jetzt will er ausreien. Noch ein Schu ber den Schornstein hinweg,
dann noch einen ber den Bug, und nun dreht er bei. Ehe wir's uns
versehen, hatte er sein Boot zu Wasser, und Kapitn Chewn von der
Gladys Royal, der mit 5000 Tonnen Kohle von Cardiff nach Buenos Aires
unterwegs war, kam herber, was eigentlich unsere Aufgabe war.

Der alte, schneeweie Mann bittet mich: Lassen Sie doch mein altes
Schiff, ich fahre nach einem neutralen Hafen, =ich= habe Frau und Kinder
daheim.

  [Illustration:
  ... Ehe wir's uns versahen, hatte er sein Boot zu Wasser.]

Glauben Sie, Mister Chewn, da ein deutsches Schiff, das hier gefunden
wrde, Schonung erfhre?, fragte ich ihn.

Es erklrte sich jetzt, warum er auf den ersten Schu nicht reagiert
hatte. Er war der Meinung gewesen, wir schssen mit einem Bller, um
nach altmodischer Art Uhrvergleich zu machen. Deswegen hatte er die
britische Flagge geheit; diese und nicht der Bllerschu sollte die
Uhrzeit angeben, wenn sie wieder herabgeholt wrde. Beim zweiten Schu
hatte sein Koch eine Granate einschlagen sehen und ein U-Boot gemeldet,
daher die Flucht. Erst beim dritten Schu hatten sie unser Mndungsfeuer
gesehen und dann auch die Kriegsflagge beachtet. _By Jove, that's the
best catch I ever saw._ (Beim Himmel, das ist die beste Falle, die ich
je sah.)

Ich schickte den Kapitn wieder an Bord seines Schiffes. Dann wurde von
ihm, seinen Leuten und unserer Prisenbesatzung unter Leutnant Pries
alles Wnschenswerte zusammengepackt und herbergeholt, insbesondere der
feine Proviant, den ich ja fr unsere neuen Gste brauchte. Dann wurden
die 26 Englnder und Farbigen bei uns einlogiert; der Dampfer, der
unserem Admiralsschiff Seeadler im Kielwasser gefolgt war, rasch noch
photographiert. Der war ja mehr wert, als der ganze Seeadler, und
unsere Fahrt begann sich zu lohnen. Als der Abend heraufdunkelte, wurde
die Sprengbombe angelegt, denn wir muten damit rechnen, da Kreuzer in
der Nhe wren.

  [Illustration: Unsere erste Prise verlt die Oberflche.]

Nach zehn Minuten ging der Bug unter Wasser. Das Heck trotzte eine
ziemliche Weile. Wie es noch herausschaut, nhert sich ein Dampfer, den
wir nach seinen Seitenlichtern fr einen neutralen hielten, der
Unfallstelle. Es war ein Zeitraum hchster Spannung. Aber gerade noch
zur rechten Zeit gibt es eine zweite Explosion, der Luftdruck reit das
Heck auseinander, eine Wasserfontne springt auf, das Schiff
verschwindet in der Tiefe und steuert seinen letzten Kurs. Eine Menge
Hlzer und Bretter zeigt die Versenkstelle an, und wir fahren als
harmloses Segelschiff weiter und wissen von nichts. Neutrale oder fr
neutral zu haltende Schiffe bedeuten fr uns eine groe Ungelegenheit.
Hielten wir sie an und untersuchten sie, dann konnten sie uns nachher,
nachdem wir sie freigegeben hatten, verraten; denn unsere Strke bestand
ja vor allem darin, da der Feind keine Ahnung von einem Segelschiff als
Hilfskreuzer hatte.

Mister Chewn war sehr erstaunt, da ihm eine so nette Kajte vorgesetzt
wurde, noch mehr aber darber, da er darin der erste war. _Only me?_,
fragte er recht unglcklich. Wir versprachen ihm, mglichst bald fr
Gesellschaft zu sorgen. Bootsmann Dreyer freute sich am meisten, Feinde
an Bord zu haben; endlich waren Arbeitshnde genug da, um das
Zwischendeck und die groe Mannschaftskche einzurichten.

  [Illustration: Leider ein Neutraler!]

Wir vermuteten in einer guten Gegend zu sein und steuerten weiter auf
Madeira zu. Am nchsten Mittag wurde ein Dampfer gesichtet, der quer zu
unserem Kurse fuhr. Auf unsere Signale reagiert er nicht. Der Motor wird
klar gemacht, die Schraube eingekuppelt. Wir fahren auf den Dampfer zu,
bis unsere Kurse sich beinahe kreuzen. Ausweichen konnten wir nicht
mehr, nur das Schiff durchdrehen und im Winde schieen lassen. Wir
werden dazu gezwungen, da der Dampfer seinerseits nichts veranlate, um
einen Zusammensto zu vermeiden, obwohl nach dem Straenrecht auf See
ein Dampfer jedem Segelschiff ausweichen mu. Wir erkennen in ihm einen
Englnder; er passiert dicht bei 300 Meter Entfernung. Alle Segel werden
aufgegeit, Kriegsflagge geheit und sofort geschossen. Er geht mit
uerster Kraft weiter. Wieder ein Schu. Er dreht sein Schiff in den
Wind, weil er ganz richtig glaubt, ein Segelschiff kann gegen den Wind
nicht folgen. Wir fangen an rcksichtslos zu schieen, um zu treffen,
sehen auch wiederholt Einschlge am Schiff, bis endlich ein Treffer an
Deck einschlgt. Man sieht die Menschen an Bord hin- und herlaufen, hrt
die Dampfpfeife heulen. Die Schraube stoppt. Wir fahren nher, und weil
der Kapitn das Leben seiner Mannschaft so kalt gefhrdet hatte, setzten
wir kein Boot aus, sondern lieen sie zur Strafe selbst herberkommen.

Es war die Lundy Island, ein schner groer Dampfer, offenkundig auf
der Heimreise, denn die Deckmalerei war schon berall fertig.

Die Ruderkette des Dampfers war von der Granate getroffen, er gehorchte
dem Steuer nicht mehr. Schon nach dem ersten Schu war der schneidige
Kapitn gezwungen gewesen, selbst ans Ruder zu gehen, weil alles
davonlief. Nachdem dann alle seine Leute planlos ihre Boote zu Wasser
gelassen hatten, war er allein an Bord zurckgeblieben und lief mit
seiner Handtasche auf der Brcke hin und her.

Die feindliche Mannschaft ruderte so schlecht, da wir Erbarmen fhlten
und schlielich ein eigenes Boot aussetzten.

Im letzten Boot kommt der Kapitn an, ich lasse ihn nach Achterdeck
bitten und halte ihm seinen Leichtsinn vor. Weshalb er sich nur so
benommen htte?

In diesem Augenblick kommt unser Schiffsarzt, Dr. Pietsch, der schon auf
Mwe eine Kaperfahrt mitgemacht hatte.

Die beiden stutzen und sehen sich an.

Hallo, Kapitn!

Hallo, Doktor!

Kapitn Barton hatte schon einmal durch die Mwe sein Schiff verloren
und befand sich nun wieder auf seiner ersten Ausfahrt nach der
Freilassung von der Mwe. Er hatte sich eingebildet, wir wrden ihn
hngen, weil er bei seiner ersten Gefangennahme einen Revers
unterschrieben hatte, sich nicht mehr im Kriege zu bettigen. Aus diesem
Grund hatte er alles daran gesetzt, zu entkommen. Er fhlte sich
erleichtert, als ich ihm sagte, der Revers bezge sich nur auf
kriegerische Handlungen, auf einem Dampfer knnte er ruhig fahren. Sein
tapferes Verhalten fand berall Anerkennung.

  [Illustration: ... Er fhlte sich erleichtert.
  Kapitn Barton, zum zweitenmal Kaptein ohn' Schip.]

Die Lundy Island hatte 4500 Tonnen Zucker aus Madagaskar. Da sehr
rauhes Wetter war, wurde das Schiff nicht durch Sprengbomben, sondern
durch Granatfeuer versenkt. Wer sich auer uns am meisten ber den
Gstezuwachs freute, war Kapitn Chewn. Auch die Mannschaften fanden
Bekannte untereinander. Wir hatten nun schon verschiedene Rassen an
Bord, Weie, Schwarze und Malayen. Die Leute uerten weit weniger
Kummer ber die versenkten Schiffe als vermutlich die franzsische
Regierung empfand, fr welche der Zucker bestimmt gewesen war.

Eines Morgens tauchte im Nordostpassat ein Schiff mit vollen Segeln auf
und kam schnell nher. Wir erkannten eine groe Bark, die, wie sie uns
sah, stolz die Trikolore heite, und das Signal: Was gibt es Neues vom
Krieg? Wir steuern dicht heran, heien Kriegsflagge und das Signal:
Drehen Sie bei. Er gehorcht sofort. Das Prisenboot setzt hinber;
nachdem die feindliche Besatzung all ihr Hab und Gut gepackt, wird sie
zu uns herbergenommen.

Man mu den Franzosen kennen: Es ist ihm stets besonders schmerzlich,
sein Schiff zu verlassen, mit dem ihn eine besondere Heimatsliebe
verbindet. Kein franzsischer Matrose fhrt auf einem fremden Schiff und
kein Nichtfranzose auf einem franzsischen, whrend bei den anderen
Nationen die Schiffsmannschaft bunt durcheinander geht. Auch hat der
Franzose ein anderes Seemannsgesetz; das Desertieren ist bei ihm ein
auerordentlich schweres Vergehen, whrend es auf manchem anderen Schiff
hchstens mit zwanzig Mark gebt wird.

  [Illustration: Charles Gounod steuert ihren letzten Kurs.]

Es war die Charles Gounod, die mit Mais von Durban kam. Ich habe ein
sehr bescheidenes Musikverstndnis, aber mein Lieblingslied ist Gounods
Liebchen komm' mit in das duftige Grn. Nun mu ich also gerade meinen
Lieblingskomponisten versenken! Der Kapitn imponierte mir
auerordentlich, nicht nur durch seine hohe Bildung, sondern vor allem
durch die Aufrichtigkeit, mit welcher er zu verstehen gab, da er unser
Feind sei. Er verhielt sich peinlich korrekt, respektvoll gegen den
Feind, aber vermied den leisesten Hauch einer Annherung.

  [Illustration: Der letzte Augenblick ber Wasser.]

Es erfolgte nun die bernahme des Proviantes. Viel Rotwein und drei
groe fette Schweine wurden herbergebracht. Piperle war wieder der
erste mit im Boot gewesen. Sobald ein Schiff in Sicht kam, wich er nicht
von der Stelle, wo das Boot ins Wasser gelassen wurde. Klffend raste er
dann an Bord des gekaperten Schiffes umher, ob nicht ein Kollege zu
finden wre. Piperle war ein Original von Tier, der Liebling von Freund
und Feind an Bord. Es war ein Hund, der nie das Gefhl hatte, das ist
mein Herr, sondern alle sind meine Freunde. Er kannte jeden
einzelnen. Morgens war sein erster Weg durch das Schiff, um jeden zu
begren und wieder von jedem begrt zu werden. Selbst an die Uhrzeiten
hatte er sich gewhnt. Besonders, wenn Proviantausgabe ist, wird er nie
fehlen, um mit dem Proviantmeister in den Proviantraum zu gehen, wo
allerlei Leckerbissen fr ihn abfallen. Von hier hat er's bereits wieder
eilig, dem Schnuzchen guten Tag zu sagen; trotzdem sie ihn immer,
sowie er die Kajte betritt, als neidischer Teckel anknurrt, bleibt er
stets der alte, brave, entgegenkommende Kerl. Lange hlt er sich nicht
auf; eine kurze Visitenkartenabgabe an die Portiere, zum Zeichen, da er
da war, und er verschwindet wieder, ob sich nicht mittlerweile an Deck
etwas ereignet hat, wo er dabei sein mu. Da steht er dann, hier und
dort mal ber Bord und mit der Nase in der Luft schnffelnd, ob er nicht
auch einmal ein Schiff entdecken und melden kann.

Unser Kurs fhrte uns zunchst nach unserem Piratenrevier, das sich auf
5 Grad nrdlich vom quator und 30 Grad westlicher Lnge befand. Es war
insofern hier unser gnstigstes Gebiet, als alle Segelschiffe, die aus
dem Sdostpassat kommen und nach Norden steuern, die Gegend dieser
Lngen- und Breitengrade schneiden mssen. Da hier ein steter
gleichmiger Passat weht, kein schlechtes Wetter vorkommt und die Luft
weithin sichtig ist, so hatten wir die Mglichkeit, von unseren hohen
Masten 30 Seemeilen nach jeder Seite zu bersehen.

Auch ein Kapitn, der sich gerade auf der Hochzeitsreise befand, lief
dem gemtlich zwinkernden Seeteufel in die Arme. Wir sahen einen
Dreimastschoner und glaubten zunchst, es sei ein Amerikaner, weil die
Yankees diesen Schonertyp bevorzugen. Es konnte mglicherweise aber auch
ein kanadischer Schoner sein. Da wir uns damals noch nicht mit Amerika
im Krieg befanden, hielten wir es fr richtig, um unerkannt zu bleiben,
ihn nicht anzugreifen, sondern heiten nur die norwegische Flagge, um
ihn zu veranlassen, auch die seinige zu zeigen. Der Kapitn auf dem
Schoner antwortete nicht mit derselben Hflichkeit, sondern mochte bei
sich denken: Was geht mich der Norweger an? Wir holten die Flagge zum
Gru herunter und heiten sie wieder auf. Seine junge Frau, die das sah,
warf ihrem Manne vor, da er doch reichlich unhflich sei, und forderte
ihn auf, wenigstens seine Flagge zu zeigen. Wir selbst dachten schon bei
uns: La den Flegel laufen, da ruft pltzlich der Ausguck: Das ist
kein Amerikaner, die englische Flagge geht hoch! Hart Steuerbord! Er
war ziemlich weit ab. Kriegsflagge hoch, Schu vorn Bug! Es erfolgt
nichts: noch einen Schu! Der Schoner dreht bei. Es war der kanadische
Schoner Perc.

Der Kapitn hatte anfangs geglaubt, als die Granate auf 500 bis 600
Meter vor ihm einschlug, es sei ein Walfisch, und hatte deshalb keine
Notiz genommen. Durch unsere Glser erkennen wir, da ein weibliches
Wesen sehr nervs an Deck hin- und herluft. Das Prisenboot wird
ausgesetzt, und unser hflicher Prisenoffizier, der es auerordentlich
versteht, durch sein korrektes Verhalten, seine riesige, imposante
Erscheinung und sein ruhiges Wesen aufgeregte Gemter zu beruhigen,
trstet ritterlich die junge Frau. Obwohl wir anfangs nicht sehr
angenehm berhrt waren, bei unserm rauhen Handwerk zartes Geschlecht an
Bord zu bekommen, so hat uns doch diese junge Frau mit ihrem sonnigen
Wesen manche Abwechslung gebracht. Sie wurde auch sehr verwhnt und
geno jede Bequemlichkeit, und sie selbst war in keiner Weise verzagt,
sondern betrachtete auch dieses Flitterwochenereignis vom sportlichen
Standpunkt. Den Perc zu versenken, war schwierig, da er Klippfisch
geladen hatte; wir schossen ihn leck und lieen ihn treiben; er mu dann
durch Vollsaugen mit Wasser schlielich weggesunken sein.

  [Illustration: ... Schiff auf Schiff wurde so versenkt.]

Schiff auf Schiff wurde so versenkt, viele tausend Tonnen lagen bereits
auf dem Meeresboden, als der Ausguck eines Morgens wieder einmal
Dampfer achteraus ruft. Man erkennt ein groes Schiff, das mit
uerster Kraft das Meer durchfurcht. Wir bleiben zunchst Segelschiff
und bitten wie blich um Chronometerzeit. Der Dampfer reagiert nicht
darauf, er denkt sich erst, lat diesen Windjammer anderswo seine
Uhrzeit herholen. Aber wir hatten andere Mittel, unser Rauchapparat
tritt in Ttigkeit. Schwarze Rauchwolken mit rotem Magnesiumfeuer
steigen aus dem Schiff, so da es den Eindruck erweckt: Das Schiff
brennt. Der Dampfer reagiert, er kommt auf uns zu, wir vermindern den
Rauch. Vorbereitung zu Klar Schiff, d. h. 30 meiner Jungs liegen mit
Gewehren hinter der Bordwand, so da sie von auen nicht zu sehen sind.
Vier weitere stehen in Zivil an Deck. Jeanette, mak di kloar! In
weiem Kleid und blonder Percke, die hell in der Tropensonne leuchtet,
wandelt sie an Deck. Oben, 50 Meter hoch auf der obersten Rahe, im Vor-,
Gro- und Kreuzmast stehen diejenigen meiner Jungs, welche die
krftigste Stimme im Leibe hatten, ein Megaphon, ein weittnendes
Sprachrohr zur Hand. Wir verhielten uns zunchst als neutrales Schiff,
um den Dampfer nahe herankommen zu lassen, und auch festzustellen, ob es
nicht unter Umstnden ein feindlicher Hilfskreuzer wre. Die alte Kanone
war maskiert durch den Schweinestall.

  [Illustration: ... Wir verhielten uns noch als neutrales Schiff.]

Als der Dampfer quer ab ist, ruft der dicke Kapitn ganz nah herber:
Was ist los mit euch?

Keine Antwort. Wir drehen den Rauchaugust zu.

Die Offiziere und Mannschaften werfen Stielaugen auf die schne Frau des
Segelschiffskapitns und denken bei sich: Der hat einen feinen
Geschmack. Der Dampfer liegt gnstig und dicht heran. Jetzt ist der
Moment ihn zu fangen.

Klar Schiff zum Gefecht. Kriegsflagge und Kommandozeichen gehen hoch,
der rotweie Freibeuter wird geheit. Wir waren das einzige Schiff des
Weltkrieges, das unter Piratenwimpel fuhr. Es ist dies ein meterlanger,
roter, schmaler Wimpel, der am Ende einen weien Totenkopf fhrt.
Frchterlich! Jeanette reit die Druckknpfe ihres Kleides auf, steht im
Nu als blauer Junge da und winkt mit der Percke.

Ein Entsetzen! Auf dem Dampfer ruft alles _Germans, Germans._ Die Heizer
aus dem Heizraum und die Maschinisten aus dem Maschinenraum strzen an
Deck, alles rennt an die Rettungsboote, es entsteht ein Wirrwarr, denn
wer htte geahnt, da dieser harmlose Segler ein Hilfskreuzer sei? Da
pltzlich fllt ein Schu. Unsere alte Kanone schiet und trifft die
drahtlose Station; der Dampfer ist nicht mehr in der Lage, Notsignale zu
geben. Der Kapitn arbeitet am Maschinentelegraph hin und her, um mit
uerster Kraft vorauszugehen, aber vergeblich, das Maschinenpersonal
ist an Deck. Zu bewundern ist doch der Kapitn, der mit gewaltiger
Kommandostimme seine Befehle durchdrckt. Wir sehen Leute nach hinten
laufen und vermuten, da es Geschtzmannschaften sind, welche die
Geschtze klar machen wollen. Die Gelegenheit durfte man ihnen nicht
geben. Im selben Augenblick brllen aus dem Mast drei krftige Stimmen
durchs Megaphon diesen Bullen von Dampfer an, da der Schall wie ein
lautes Echo zurckprallt:

Klar bei Torpedos!!

Vielstimmig ruft es zurck vom Dampfer _No torpedos, no torpedos!_, und
jeder fhlt, da im nchsten Moment drei Torpedos in den Schiffsbauch
gejagt werden. Alles, was wei an Bord ist, wird geschwenkt,
Tischtcher, Handtcher, und der Koch wedelt mit seiner weien Schrze.

Bleibt so liegen, sonst bekommt ihr Torpedos!

Keiner muckste mehr, und schnell war unser Boot mit Prisenoffizier und
15 Mann zu Wasser und ruderte nach dem Dampfer. Nun war er in unserer
Gewalt. Der Offizier und die Mannschaften werden herber geholt. Welch
ein herrliches Schiff! Die eleganten Saloneinrichtungen, die wunderbaren
Teppiche, die Klubsessel, alles rber auf den Piraten. Ein
Steinway-Flgel, ein Harmonium, warum sollten die Instrumente versenkt
werden, da sie doch in unserer Abgeschlossenheit Freund und Feind
erquicken konnten? Hatten wir nicht an Bord unter der Mannschaft einen
der besten Violinspieler Bayerns?

  [Illustration: Eine Prise als bungsscheibe.]

Als wir die Landungspapiere nachsahen, fanden wir, da der Dampfer eine
Ladung von vielen Millionen beherbergte, unter anderm auch 2000 Kisten
Champagner _Veuve Cliquot_, 500 Kisten Kognak _Meukow_. An die
Arbeit! Auch dieser Riese wurde durch Sprengbombe versenkt und er
steuerte seinen letzten Kurs rckwrts, den Bug aus dem Wasser in die
Tiefe. Der Kapitn, der mittlerweile sich umgesehen hatte, tritt auf mich
zu und fragt: Kommandant, ist das alles, was Sie an Bord haben, die alte
Kanone?

Jawohl!

Wo sind Ihre Torpedos?

Torpedos? Wir haben keine Torpedos, fr euch gengten Lufttorpedos, die
wir mit der Stimme rberschieen.

_No Torpedos?_

Sein Gesicht war zu rot, um bla zu werden, es wurde blau, und seine
Augen schauen mich entsetzt an: _By Jove, Commander, don't report that,
please._ (Melden Sie das, bitte, nicht.)

Weiter ging es nach Sden.

Es ist eine wundervolle Tropennacht. Die lustige Piratenschar sitzt
infolge der herrlichen Beute froh zusammen. Vorn alles bei Sekt, hinten
alles bei Sekt. Die Sternlein blinken uns an. Der Mond, das olle
Gesicht, schmunzelt uns zufrieden zu, die Wellen murmeln um den Bug.
Voll stehen die Segel. Mittschiffs spielt die Kapelle auf Cello,
Violine, Harmonium und Steinway-Flgel das Lied Ach, lieber Sdwind
blas, whrend uns der Sdwind anhaucht. Obwohl wir umringt sind von
Feinden, ist die Natur um uns so vershnt. Die Gefangenen stehen vor
Ehrfurcht still, als von den Planken des Piratenschiffes die wunderbaren
Melodien aufsteigen. Dazu um sie die zauberhafte Stimmung der
Tropennacht. Hier hren sie die Instrumente, die bei ihnen nur zur
Zierde standen, wie sie von Knstlerhand gerhrt werden. Wir genossen
die Nacht, denn wir wuten nicht, was uns die nchsten Tage bringen
wrden, ob wir nicht dann schon ein paar tausend Meter tiefer lgen,
denn unsere Verteidigungswaffen waren so gering. Wir waren guter Dinge,
denn unser Gewissen war frei. Zwar ist der Mensch dazu auf der Welt,
andern wohlzutun, und wir raubten Schiffe. Wir waren Piraten gegen die
Nationen, mit denen das Vaterland in schwerem Kampfe lag. Welch
menschlicher Krieg aber war es, den wir fhrten, verglichen mit dem
Hungerkrieg der Englnder gegen unsere Frauen und Kinder daheim! In
diesem rauhen Zeitalter hielten wir die deutsche Ehre rein. Aus dieser
frohen Daseinsstimmung werden wir pltzlich herausgerissen, als der
Ausguck ruft: Licht an Steuerbord.

Halloh! ein Licht! Weg die Trinkglser, das Augenglas in die Hand!
Tatschlich, man sieht in dem hell erleuchteten Mondhorizont einen
stolzen Dreimaster. Hart Steuerbord! Wir drehen auf ihn zu. Wir selbst
knnen nicht erkannt werden, da wir an der dunklen Seite des Horizontes
sind. Durch Lichtsignal fordern wir auf:

Drehen Sie bei, groer deutscher Kreuzer.

Wir warten auf die Dinge, die da kommen sollen. Pltzlich hren wir ein
Rucksen und aus der Dunkelheit kommt ein Boot, von dem eine Stimme
ruft:

Halloh, Kapitn, ich glaubte einen Hunnenkreuzer vor mir zu haben und
sehe jetzt einen Kameraden, einen Mitsegler. Warum habt ihr mir einen
solchen Schreck eingejagt? Ihr wollt mir wohl was vom Krieg erzhlen?

Natrlich, kommen Sie rauf, wir haben viele Neuigkeiten!

Unsere weien Uniformjacken ziehen wir aus, damit dem Kapitn nicht die
Abzeichen auffallen, und begren ihn in Hemdsrmeln. Der Kapitn kommt
die Treppe herauf, begrt uns und sagt: Ich bin Franzose.

Oh, groartig! Was macht Frankreich?

Es geht ihm gut. _Ravi de vous voir._

Wir laden ihn zu einer Flasche Sekt ein, die er begeistert annimmt. Er
hat Appetit auf alles, denn er ist auf der Heimreise. Als wir die Treppe
hinuntersteigen, schlgt er mich auf den Rcken mit den Worten:

Kapitn, Ihr seid doch ein grlicher Kerl, da Ihr mich so zum Narren
gehalten habt. Aber mir ist jetzt zumute, als wenn mir ein Felsblock vom
Herzen gefallen wre.

Na, denk ich, la ihn dir mal nicht doppelt schwer zurckfallen,
denn nur noch eine Wand trennte ihn ja von dem Raum, wo ihm alles
offenbar wrde.

Er tritt in die Tr der Kajte und prallt vor Schreck zurck, als er
Hindenburgs Bild an der Wand sieht; er knickt in sich zusammen und ruft
sthnend aus: _Des Allemands!_

Man muntert ihn auf, indem man sagt:

Mensch, sei kein Frosch, du bist doch nicht der einzige, der sein
Schiff verliert in diesem Kriege. Wissen wir, ob wir morgen noch
schwimmen?

Darauf erwidert er:

Nein, da ich mein Schiff verliere, geht mir nicht so nah wie die
Vorwrfe, die ich mir zu machen habe. Ich komme von Valparaiso und habe
dort mit zweien meiner Landsleute zusammengelegen, die mich gewarnt
haben auszulaufen, ohne die Antwort auf ihre Telegramme abgewartet zu
haben, worin ihnen mitgeteilt werden sollte, ob sie besondere Kurse
wegen der Hilfskreuzer- und U-Bootsgefahr steuern sollten. Statt dessen
hielt ich es fr richtiger, den gnstigen Wind auszunutzen, um schnelle
Reise zu machen. Und was ist nun mein Erfolg? Ich bin in Ihre Arme
gelaufen, bin Ihr Gefangener. Wenn meine Kameraden nach Hause
zurckkehren und mein Reeder davon erfhrt, da ich ihren Rat nicht
befolgt habe, werde ich nie wieder ein Schiff bekommen. Das ist es,
worunter ich leide.

Auf meine Frage, mit welchen Schiffen er denn da zusammengelegen htte,
antwortet er:

Mit der >Antonin<.

Mit der >Antonin<? Mit dem Kapitn Lecoque?

Jawohl!

  [Illustration: ... Mit der >Antonin<?!]

Und mit welchem Schiff noch?

Mit der >Larochefoucauld<.

Mit der >Larochefoucauld<?

Jawohl.

Ordonnanz, bringen Sie mal Kapitn 5 und 9 rauf!

Indessen bietet man dem Kapitn den versprochenen Champagner an, welchen
er aber jetzt verweigert.

Es klopft.

Herein!

Voil, der Kapitn von der >Antonin< und hier der Kapitn von der
>Larochefoucauld<. Sie sind bereits seit zehn und drei Tagen an Bord.
Begeistert greift der Kapitn der >Dupleix< jetzt nach dem Sektglas,
prostet seinen Kameraden zu und mit herzlichem Hndedrcken bekunden sie
die Freude ihres Wiedersehens. Es ist schwer zu sagen, was grer war,
diese Freude oder die angenehme berraschung, da die Kapitne, deren
Rat ihm auf dem Magen lag, dasselbe Schicksal getroffen hatte, wie ihn
selbst. Freilich hatten die franzsischen Pulverfabriken ber 10000
Tonnen Chilesalpeter eingebt, als _toute la France_ sich auf deutschen
Planken wiederfand.

Eines Sonntags morgens taucht eine groe englische Viermastbark auf, die
zuerst ein Wettlaufen mit uns versucht, dann aber, als wir mit dem Motor
nachhalfen und zu ihrem Erstaunen immer nher kamen, auf Befragen auch
ihren Namen signalisiert:

Pinmore.

Pinmore? -- --

Das Schiff, auf welchem ich als Leichtmatrose gefahren habe?! Im
Augenblick, als ich dies hrte, ging es mir so nahe, da ich zu meinem
Offizier nichts uern konnte. Dann dachte ich: Es hilft nichts, das
Schiff mu versenkt werden. Es war fr uns berhaupt immer ein Stich
durchs Herz, ein Segelschiff zu versenken. Die Poesie des Meeres! Jeder
Segler, der untergeht, kommt ja nicht wieder, da keine mehr gebaut
werden.

Eindreiviertel Jahr Erinnerung arbeitet sich durch meinen Geist hindurch
in diesem seltsamen Augenblick. Das Schiff drehte bei, das Prisenboot
ging an Bord, das Schiff wurde ausgepackt, die Leute kamen an Bord und
der Kapitn, Mister Mullen, betrat den Seeadler mit gutem Humor: Wir
haben Pech, ihr habt Glck! Er war ein alter, unerschrockener Seemann
und wurde die gute Laune fr unseren ganzen Kapitnsverein. Als alle die
Pinmore verlassen hatten, lie ich mich hinberfahren und das Boot
wieder absetzen.

  [Illustration:
  ... Eindreiviertel Jahr Erinnerung arbeitet sich durch meinen Geist
  hindurch.]

Meine Leute staunten: Was will der Kommandant dort allein an Bord?

Zuerst ging ich in das Logis, wo meine Koje war. Da befand sich noch ein
Kojenbrett, das ich selbst angebracht hatte. So manche Nacht hatte ich
hier geschlafen, war manche Nacht dort herausgeschlpft, wenn es hie:
Alle Mann an Deck. Ich schritt die Planken ab, wo ich so oft gegangen
war. Es tat weh, das Knacken der Rahen zu hren, denn das Schiff lag
herrenlos und rollte hin und her, da es nicht mehr im Steuer lag. Es
war, als wenn mich alles von oben anrief: Was hast du mit uns vor? Wo
bist du so lange gewesen? Wo sind die Leute? Was willst du hier?

Dann ging es in die Kajte. Ich erinnerte mich einer netten kleinen
Katze, die ich damals an Bord gehabt hatte und welche die Frau des
Kapitns sich einmal durch den Steward hatte bringen lassen. Ich war auf
den Steward wtend geworden und drohte ihm, wenn er mir das Tier nicht
wiederbrchte, wrde ich dem Kapitn den Sachverhalt berichten. Der
Steward tat nichts, und so machte ich mich auf den Weg zur Kajte. Aber
ich kam nicht weiter. Der Respekt vor dem Salon hielt mich zurck, als
ich die Tr etwas geffnet fand und gerade hineinsehen konnte. Ich fgte
mich in das Geschehene und grollte dumpf dem Steward, dem ich die Schuld
zuschob. Aber jener Blick in den Salon war mir in Erinnerung geblieben.
Jetzt ffnete ich die Tr halb, um einen Blick hineinzuwerfen. Ich sah
die bunten Decklichtfenster und sagte zu mir selbst: Jetzt darfst du
hineingehen. Hast du damals in deinem Respekt getrumt, einmal die Macht
zu haben, dies Schiff zu vernichten?

Dann ging ich auf das Halbdeck, die Pupp, stellte mich ans Ruder und
fand halbverwischt meinen Namen wieder, den ich dort einstmals
eingegraben hatte. Ich blickte auf den Kompa, vor dem man manchmal
stundenlang gestanden hatte. Dies Schiff hatte mich sicher getragen in
Sturm und Wetter, und mein Dank war nun ... So zog die Erinnerung
vorbei. Dann lie ich mich wieder an Bord meines Kreuzers zurcksetzen
und blieb in meiner Kajte, whrend drben die alte Heimat in den Wellen
verschwand. ...

  [Illustration: ... whrend die alte Heimat in den Wellen verschwand.]

Ich pflegte mir fters die Zeit damit zu vertreiben, da ich mit dem
wachthabenden Offizier auf die Bramrahe des hinteren Mastes kletterte
und mit Ausguck hielt. Wir hatten uns dort Sitzbacken vom Zimmermann
anfertigen lassen und sahen mit guten Glsern bewaffnet ber das Meer
hinweg. Eines Tages (es war nicht sehr sichtig) klarte es im Westen
durch Zufall etwas auf und Pries glaubte ein Schiff zu sehen. Ich
bemerkte nichts. Wir gaben aber dem Rudermann an, er sollte in dieser
Richtung zusteuern. Als wir eine Viertelstunde gesegelt sind, zeigt sich
wirklich eine groe Bark. Wir halten darauf zu, kommen ihr von hinten
auf und fahren dicht vorber. Alle unsere Gefangenen sind an Deck und
gucken mit der ganzen Spannung, womit man auf hoher See jedes
vorberkommende Stck Leben mustert. Drben steht der Kapitn mit seiner
Frau und schaut zu uns herber. Halloh, fragt er durchs Sprachrohr,
wit ihr etwas Neues vom Krieg?

Jawohl antworten wir.

Ich mchte doch rberkommen zu einer Tasse Kaffee! rief von drben
seine Stimme, worauf von uns geantwortet wurde, da wir ihn selber zum
Whisky einlden.

Wie er das Farben- und Rassengemisch der vielen Gefangenen sah, fragte
er, ob wir Kriegsfreiwillige von den Atlantischen Inseln
zusammensuchten? Es war auch alles so fidel bei uns, die Musik spielte
den Tipperary, alles winkte und schien zu rufen. Und noch einmal ruft er
rber: Was gibt es Neues vom Krieg?

Wir werden es signalisieren kam von uns die Antwort und wir heien das
Signal: I D (Drehen Sie bei oder ich schiee).

Der Kapitn und seine Frau sehen durch die Glser, dann schlgt er das
Signalbuch nach. Wie er hineingeblickt hat, kommt er schnell wieder mit
dem Glas hoch und gewahrt jetzt die deutsche Kriegsflagge.

Er lt das Glas fallen. _By Jesus Christ! Such a catch!_

Eine schne Neuigkeit vom Krieg. Wir hatten die Geschtzpforten bereits
heruntergerissen, und die Mndung der Kanone schwankte hin und her. Die
Frau, entsetzt, luft in die Kajte, der Rudersmann nimmt Reiaus und
die vielen neugierigen Gesichter an Deck sind wie weggepustet. Nur der
Kapitn wahrt seine Selbstbeherrschung, lie sein Schiff beidrehen und
machte alles andere von uns abhngig. In Erwartung, wieder neue Gste zu
bekommen, herrschte unter unseren Gefangenen groe Freude. Besonders die
kleine Frau von dem kanadischen Schoner freute sich, da sie nun auer
unserer Jeanette nicht mehr die einzige Frau an Bord sein sollte. Sie
kleidete sich besonders nett, ein Bukett aus Kunstblumen aus der Kajte,
um das sie bat, wurde ihr gegeben. Wie berrascht war die Frau des neuen
Kapitns, als sie von einer Dame begrt wurde, die ihr einen
Blumenstrau berreichte, und wie angenehm berhrt, eine solch lustige
Gesellschaft vorzufinden.

Das Schiff hie British Yeoman; sie kam von Amerika, hatte wundervolle
Proviantausrstung und sehr viel lebendes Viehzeug an Bord, Schweine,
Hhner, ein Kaninchen und eine Taube. Diese hie bei uns die
Friedenstaube, war auerordentlich zahm und ist auch spter bei uns
geblieben. Zwischen Taube und Kaninchen bestand ein merkwrdiges
Freundschaftsverhltnis. Die Taube ging nicht von dem Kaninchen weg, und
wenn es sich einmal zu weit entfernte, trommelte sie es stets zurck,
worauf es auch sofort gehorchte. Als Quartier hatten sie sich Piperles
Hundehtte ausgesucht. Dieses Sonnentierchen schien am glcklichsten
ber die neuen Bordgste, besonders als es sah, da sie ihr Heim in
seiner Htte aufgeschlagen hatten. Er leckte das Kaninchen, wodurch er
anfangs allerdings die Eifersucht der Taube erregte. Aber der
Freundschaftsbund der drei war bald geschlossen. Man hat kaum je im
Leben etwas gesehen, das einen so herzlich berhrt htte als das
Zusammenleben der drei Tiere, wie sie, Piperle das Kaninchen zwischen
seinen Schenkeln, die Taube auf seinem Rcken, zu dritt in der Htte
schliefen. Schnuzchen als verschmitzter Teckel machte stndig Versuche,
Kaninchen oder Taube heimlich zu verspeisen oder wenigstens
anzuknabbern. Trotz der Warnungen, die sie erhielt, versuchte sie
nachts, blutige Abenteuer zu erleben, und es wre ihr einmal tatschlich
gelungen, wenn nicht Piperle ihr knurrend den Eintritt in die Htte
verwehrt htte. Mit der Zeit aber hat auch sie sich an die beiden neuen
Bordgste gewhnt, und wenn sie sich auch nicht gerade mit ihnen
anfreundete, so waren sie doch wenigstens vor ihr sicher.

In acht Wochen hatten wir 40000 Tonnen Schiffsladungen versenkt. Unser
Schiff war voll: 263 Gefangene an Bord. Es war ein rasch heranblhendes
Gemeinwesen. Alles fhlte sich wohl, Unterschiede wurden nicht gemacht,
es gab gleiche Kost auf dem ganzen Schiff fr Gefangene, Mannschaften
und Offiziere. An Bord ist nicht das geringste vorgefallen. Keiner der
Gefangenen muckte auf, obwohl wir uns stets ohne Waffen bewegten. Ich
htte fr zweihundertsechzig Deutsche von der Art meiner Jungs in
solcher Lage nicht brgen mgen, da sie nie etwas gegen den Feind
versuchen wrden. Aber die Achtung vor meinen Jungs verlieh uns
unbedingte Sicherheit.

  [Illustration:
  ... Es war ein rasch heranblhendes Gemeinwesen.
  (Der erste Teil unserer Gefangenen.)]

Da wir indes abhngig vom Proviant waren, muten wir daran denken, die
Bevlkerungszunahme zu stoppen, denn die Masse zehrte sehr an unsern
Wasserbestnden, von denen unsere weitere Kreuzerfahrt abhing. Das
nchste Schiff, die franzsische Bark Cambronne benutzten wir also, um
unsere Gefangenen darauf in Freiheit zu setzen. Wir hatten die
Cambronne berholt und zunchst geprft, ob sie geeignet wre, so
viele Gefangene an Bord zu nehmen. Der Entschlu wurde gefat, da sie
als Freiheitsschiff Verwendung finden sollte. Als wir dies dem Kapitn
mitteilten, der schon alles verlorengegeben hatte, war er so erstaunt,
da er kaum wagte, seine Freude zu uern.

Eine schwierige Frage war, wer von den 12 Kapitnen, die wir an Bord
hatten, das Kommando auf der Cambronne bernehmen sollte. Auf
Vorschlag meiner Offiziere whlte ich den ltesten, Kapitn Mullen von
der Pinmore, entschieden auch den tchtigsten. Da es nun ein
englischer Kapitn war, wurde die Trikolore heruntergeholt und die
englische Flagge gehit, was eine ziemliche Verbitterung unter den
Franzosen gab, denn wir hatten ja mehr Franzosen als Englnder an Bord.
Alle Gefangenen wurden abgelohnt, und zwar erhielten sie in deutscher
Whrung dasselbe Gehalt weiter, das sie in der ihrigen bekommen hatten.
Schiffsweise wurden sie nach der Cambronne hinbergesetzt, nachdem sie
herzlichst von meinen Leuten Abschied genommen hatten. Jedes Boot, das
abgesetzt worden war, brachte drei Hurras auf den Seeadler aus. In der
Kajte gaben wir den jetzt in Freiheit steuernden Kapitnen eine
Abschiedsfeier, und mit herzlichem Hndedruck schieden sie dann,
nochmals versichernd, da sie der Welt mitteilen wrden, wie gut sie's
gehabt und welch ganz andern Eindruck sie von uns mitnhmen, als sie
bisher durch Pressemitteilungen erhalten htten.

  [Illustration: Cambronne, das Freiheitsschiff.]

Jetzt kamen auch fr uns die greren Gefahren, denn mit dem Augenblick,
in dem die Gefangenen landeten, wrde der Feind erfahren, da ein
deutsches Segelschiff als Hilfskreuzer auf der See ttig wre. Da wir
nun im Groen Ozean unser Revier suchen wollten, kam es darauf an, einen
weiten Vorsprung zu gewinnen und die Cambronne nicht zu frh in Rio de
Janeiro eintreffen zu lassen. Deshalb kappten wir die oberen Masten, so
da das Schiff nur Untersegel fhren und somit unter gnstigen
Bedingungen erst in etwa 10 bis 14 Tagen Rio de Janeiro erreichen
konnte. Mit allen Segeln im Topp steuerten wir unter frischer Brise nach
Sden.

Wir Deutsche waren wieder unter uns auf dem gerumigen Schiff. Der nicht
seemnnische Leser kann sich wohl kaum vorstellen, wie lange sich der
Seemann auf der Fahrt beglckt und zufrieden fhlt, ohne Land zu sehen.
Er entbehrt nichts, weil das Meer ihn unterhlt und mit ihm spricht.
Darum ist er selbst auch so wortkarg. Er sieht das Meer vor sich in
seinem ewig neuen, niemals eintnigen Ausdruck, jede Windstrke gibt
ein neues Bild, selbst die Windstille, die vielleicht dem Seemann, der
nach Hause steuert, das Unangenehmste ist, hat ihre Reize, wenn der
gewaltige Ozean wie flssiges Blei leicht dnt. Stundenlang kann man, an
die Bordwand gelehnt, diesem Spiel der Wellen zusehen, die verschiedenen
Reflexe beobachten, wenn das Meer jetzt in wundervollem Sonnenschein
leuchtet, dann wieder durch eine Wolke verdunkelt wird. Es hat etwas
Trumerisches an sich, es vertieft den Menschen und ist ihm die schnste
Unterhaltung.

  [Illustration: Ein Sonntag an Bord.]

Wundervoll ist die Nacht auf dem Meere. Ringsum khles Dmmern und das
Meer weithin als weie, leuchtende Flche, lebendig, leicht
aufgepeitscht, bald verdunkelt und bald vom Mond, der durch die Wolken
bricht, wieder erhellt. Wenn ein Schiff stark berliegt, gleien die
Segel in schneeweiem Licht, die ganze Takelage erscheint vergrert;
plastisch hebt das Mondlicht die Schatten der Taue aus den Segeln
heraus. Eine weiche Stimmung ergreift den Seemann, wenn er in einer
solchen Nacht unter dem Mast an Deck in der Hngematte liegt, den klaren
Sternhimmel ber sich, der an Land, wo der weite berblick fehlt, nie so
zu beobachten ist wie in der Wste und auf dem Meer. Die Mastspitzen
fegen am Himmel hin und her, die gleichmige Bewegung des Schiffes
schlfert ein, und unmerklich naht sich der bergang vom Wachen zum
tiefen, ruhigen Schlaf.

Einer der schnsten Reize auf der See ist ein Sturm bei Sonnenschein,
wenn die Sonne dem Wasser die verschiedenen Farben gibt, wenn die
schwere See heranrollt, der Sturm die weien Wellenkpfe
auseinanderkmmt und wei getigerte Streifen von Welle zu Welle sich
bilden. Dazu das tiefe Azurblau des Wassers. Vor dem Schiff zerschlgt
die Welle und luft in eine weie Gischtmasse aus. Bald ruht das Schiff
auf Wellenkpfen, bald taucht es ins Tal, und die Welle steht hoch ber
ihm.

Es gibt zuweilen furchtbare Gewitter auf See, wahnsinnige Blitze,
gewaltiges Donnern. Schlgt ein Blitz ins Wasser, wie ein
Peitschenschlag, so setzt augenblicklich eine Wassersule, dnn und
scharf wie ein Rasiermesser, meterhoch aus der getroffenen Stelle empor.
Wenn man in solchen schwarzen Gewitternchten oben auf dem Mast ist, und
pltzlich schlgt ein Blitz hernieder und erleuchtet das ganze Seefeld
grell, wird man stark geblendet und verliert die Sicherheit. Enorme
Wassermengen strzen aufs Meer, die gewaltigen Regengsse schlagen die
See nieder. Wenn das frische Wasser vom Himmel herabstrmt, dann
phosphoresziert das Meer wie eine glnzende Flche und das Kielwasser
wird erleuchtet von unzhligen Infusorien; in seinen Wirbeln entsteht
ein Streifen, der sich wie ein goldenes Band hinzieht.

Wir hatten keine Sorgen um Kohlen, der Wind war unser Freund, die Natur
mit uns im Bunde. Wir hatten alles, was wir brauchten.

Wir segeln an den Falklandsinseln vorbei, ber die Grber unserer
gefallenen Helden von Scharnhorst, Gneisenau, Leipzig und
Nrnberg. Die Achtersegel backgebrat; die Trauerflagge halbstock
gesetzt, senken wir als einzige Kameraden, die ber ihnen stehen, ein
eisernes Kreuz mit den Gren von den Lieben aus der Heimat und dem Dank
des Vaterlandes in die Tiefe zu den Grbern, die 6000 Meter unter uns
liegen. Das Denkmal taucht in die Tiefe, und weiter geht's; wir durften
uns nicht lange aufhalten.

Auf dem Weg nach Kap Horn fingen wir den Funkspruch eines britischen
Kreuzers auf: Ich warne Sie! Steuern Sie frei von Fernando Noronha;
dort liegt die >Mwe<.

Ich dankte ihm.

(Einen Gru ber die Wasser, du unsichtbare, ferne deutsche Mwe!)

Kurz vor Kap Horn passierten wir einen gewaltigen Eisberg. Wir wuten
aus der Segelanweisung, da in dieser Jahreszeit die Gegend durch
Eisberge gefahrvoll war, und hatten berall scharfen Ausguck. Ein
starker Temperaturwechsel und viele Vgel anderer Art, als man sie sonst
dort findet, lieen uns auch die Nhe eines solchen Eisriesen vermuten.
Eines Morgens sahen wir im Grau der Dmmerung weit vor uns an Steuerbord
den gewaltigen Berg, mit sonderbarem Rollen auf- und niedergehend. Er
war viele Meter hoch und doch nur mit einem Neuntel seiner Gre ber
Wasser ragend. Seine eigenartigen Umrisse wechselten mit jeder Ansicht;
an den zerklfteten Stellen leuchtete er grnlich bis tiefblau. Es war
der einzige Eisberg, dem wir begegneten.

  [Illustration: Vor dem Sturm.]

Dann begann der Kampf um Kap Horn, die Heimat der Strme. Dreieinhalb
Wochen haben wir mit Orkanen gerungen. Was wir mhselig durch tagelanges
Aufkreuzen erreicht hatten, verloren wir durch wiedereinsetzende Strme
oft in wenigen Stunden. Das Schiff arbeitete unablssig und schwer.
Gewaltige Wellen, wie sie nur Kap Horn kennt, rollten ber Deck, die
Segel rissen zu Fetzen und das Deck wurde mehrmals eingeschlagen.
Ruhelos saen meine Jungs im Zwischendeck beim Segelnhen. Es war ein
harter Kampf zwischen dem Vernichtungswerk des Wetters und dem
fieberhaften Streben der Mnner. Welche mhselige Arbeit, mit der Nadel
und schwerem Segelhandschuh bei dem zu Kehr gehenden Schiff das dicke
Segeltuch zu nhen! Mancher Stich ging in die Hand. Keine schlaflosen
Nchte wurden gescheut, wir brauchten Segel, und wenn der Sturm sie auch
noch so oft zerri. Immer wieder wurden am nchsten Morgen die
zerrissenen Segel ab- und die in der Nacht genhten untergeschlagen.
Beim Sturm geht nicht wie auf einem Dampfer alles unter Deck, sondern
alles in die Masten. Selbst bei gewhnlichem Wetter mssen ja zu jeder
Kursnderung ber 20 Grad alle Mann der Wache an die Taue ran, um die 24
Segel herumzudrehen.

  [Illustration: Nach dem Sturm.]

Wo ein Wille ist, da ist ein Weg: Kap Horn war umkmpft.

Wir sind glcklich, diese strmische Ecke hinter uns zu haben. Da meldet
am 26. April der Ausguck einen der britischen Hilfskreuzer, die hier
bereits auf uns lauerten. Augenblicke hchster Spannung kommen: Hat er
uns gesehen? Alle Mann an Deck! Mit hart Backbord das Schiff
herumgerissen! Alles, was wir an Segeln setzen konnten, wird gesetzt,
der Motor eingekuppelt und vom Wind ab, was aus dem Schiff herauszuholen
war, gen Sden. Die Takelage stand zum Brechen. Alles was Glser hat,
sitzt in den Masten und beobachtet mit aufgeregtem Pulsschlag den
Kreuzer, denn wenn Englands Wchter den einsamen Deutschen entdeckt, ist
unsere Freiheit verloren. Leicht diesiges Wetter half uns und so kamen
wir schnell aus Sicht. Unser Auge war wachsamer und schrfer als das des
Feindes. Es gehrt wohl mit zu den schnsten Stunden an Bord unseres
Schiffes, als wir dieses Entkommen vor dem Feind feierten. In der Nacht
segelten wir dann wieder nrdlich und unter gnstigem Wind steuerten wir
in den Stillen Ozean.

Eines Morgens bringt unser tchtiger Funkentelegraphist ein sonderbares,
englisches Telegramm folgenden Inhalts:

>Seeadler< mit wehenden Flaggen untergegangen. Kommandant und ein Teil
der Mannschaft als Gefangene auf dem Weg nach Montevideo.

Was heit denn das? Der Englnder lgt nicht ohne Grund und Zweck. Die
Nachrichten vom Seeadler, die sich durch die abgesetzten Gefangenen
verbreitet hatten, beunruhigten die Schiffahrt stark, da man uns beim
Kap Horn wie beim Kap der Guten Hoffnung vergeblich aufgelauert hatte.
In Kapstadt und Sdamerika, in Australien und Neuseeland lagen die
vollbefrachteten Schiffe in den Hfen still und wagten nicht
auszulaufen. Die Versicherungsraten stiegen. Um sie wieder
herabzudrcken, funkte der Englnder unsern Untergang durch die Welt.
Das nationale Interesse hat ihm stets hher gestanden als die Wahrheit.

Auf einen Schelmen mu man anderthalbe setzen. Wir funkten also drahtlos
hinaus: Hilfe, Hilfe, deutsches U-Boot.

Infolgedessen tauchten jetzt berall Gerchte auf, da U-Boote im
Pazifik kreuzten. Die Versicherungsraten kamen wieder ins Steigen.




Dritter Teil.




Dreizehntes Kapitel.

Schiffbruch und Robinsonleben.


Lngs der Kste Sdamerikas, vorbei an Juan Fernandez, wo wir dauernd in
naher funkentelegraphischer Verbindung mit dem englischen Kreuzer Kent
standen, steuerten wir ber den Groen Ozean an den Marquesasinseln
vorbei herauf bis Honolulu, ohne ein Schiff gesehen zu haben. Wir
verlegten jetzt unsere Kreuzerfahrt in den Track der Segelschiffe, die
zwischen San Franzisko und Australien fahren. In der Nhe der
Weihnachtsinseln dauernd auf dem quator hin- und herkreuzend, den wir
zeitweise zwei- bis dreimal am Tage schnitten, kaperten wir noch drei
amerikanische Segler: A. B. Johnson, Slade und Manila. Die
Ausbeute hatte aber nicht unsern Erwartungen entsprochen. Wochenlang
sahen wir kein Schiff. Die drei gefangenen Kapitne und ihre
Mannschaften sehnten sich fast noch mehr wie wir nach neuem Zuwachs, der
nicht kommen wollte.

  [Illustration: Slade.]

Auf was fr sonderbare Ideen die Menschen doch verfallen, um eine
Situation auszuntzen! Einer unserer Gefangenen wnschte sehnlich, von
uns auf einer einsamen Insel abgesetzt zu werden, er htte vom Seefahren
genug, seine Hinterbliebenen wrden die Versicherung ausbezahlt
bekommen, und er wnschte, als Verschollener seine Ruhe zu haben.

Die furchtbare Hitze, der Mangel an Bewegung und Beschftigung, das
schlechte Wasser und der Mangel an frischem Proviant drckten die
Stimmung darnieder. Es gab ja noch neutrale Hfen in Sdamerika, aber
der edle Begriff der Unparteilichkeit war in diesem Krieg der Welt gegen
unser Volk von bsen Wolken umschleiert; kein gastlicher Hafen zog uns
an, denn wir Deutschen haben keine Freunde, keine Gerechtigkeit zu
erwarten. Hchstens 24 Stunden wrden wir geduldet, und sind dann vom
Feind umstellt. Niemand ffnet uns seine Tr, wir mssen uns selber
helfen. Seit zweihundertfnfzig Tagen kein erneuertes Wasser an Bord!
Wenn man wenigstens sich einmal ein erfrischendes Bad htte erlauben
drfen! Der Landbewohner kann sich kaum den Ha vorstellen, welcher den
Seemann gegen die Haifische beseelt, die ihn von dem khlen Element
absperren und auf sein hlzernes Gefngnis beschrnken. Der Hai wird als
ganz persnlicher Feind empfunden, und da die Langeweile ohnehin zu
kindlichen Scherzen aufgelegt macht, so lt man seine bse Laune gern
an den Scheusalen des Meeres aus. Haifischfang war die einzige
Abwechslung, die wir hatten. Manchmal banden wir ein paar gefangene Haie
mit Schwnzen aneinander und lieen sie wieder schwimmen, wobei sie sich
nie ber die Fahrtrichtung einigen konnten. Mitunter befestigten wir
besonders groen Haifischen eine leere Tonne am Steert. Zunchst glaubte
der Hai dann, wenn er nach einer grndlichen Tracht Prgel von Bord
entlassen war, an unsere Gromut, versuchte, die neugewonnene Freiheit
eiligst auszuntzen und scho gierig in die Tiefe; aber schon nach drei
Metern (dies war die Lnge der Leine am Fa) bemerkte er seine Fesselung
und jagte nun in wilder Fahrt bald rechts bald links, um die Tonne
abzuschtteln, die im vollen Sprung immer hinterherrollte.

  [Illustration: ... Haifischfang war die einzige Abwechslung.]

Zuweilen banden wir auch eine mit Speck umnhte Handgranate an den
Angelkder; bi ein Haifisch an und schwamm mit dem dicken Bissen, um
den ihn jeder Kollege beneidete, zur Verdauung weiter, so war beim
Anbeien der Znder herausgerissen, und nach fnf Sekunden flog der Hai
in Fetzen, die sofort von seinen zahllosen Spiegesellen verzehrt
wurden.

35000 Meilen hatten wir gekreuzt, monatelang nur Himmel und Wasser
gesehen. Obwohl noch willig an Geist, unsere Kaperfahrt fortzusetzen,
fhlten wir doch jetzt den grten Feind des Seemannes: Beriberi, die
Krankheit, in der das Blut zu Wasser wird. Verschiedene Leute hatten
schon dicke Glieder und Gelenke infolge des schlechten Proviantes und
mangelhaften Wassers. Wir muten eine Insel anlaufen, um etwas Frisches
zu finden. Dort wollten wir ausruhen, und dann sollte unser nchstes
Kreuzergebiet ein Schlag um Neuseeland und Australien sein, von dort
wollten wir die englische Wal- und Transtation auf Sdgeorgien zerstren
und schlielich unser Handwerk in dem besser blhenden Geschft des
Atlantischen Ozeans fortsetzen.

Unseren ersten Gedanken, eine der greren Cookinseln anzulaufen, muten
wir verwerfen, weil wir eine feindliche Funkenstation vermuteten und
auch der sonstige Verkehr unser Inkognito gefhrden konnte. Um unsern
Motor zu schonen, von dessen Lebensdauer unser Erfolg beim Kapern
abhing, wollten wir uns auch nicht stlich von unserer augenblicklichen
Lnge entfernen. Uns war besonders darum zu tun, eine unbewohnte Insel
aufzusuchen und wir whlten deshalb Mopelia, zur Gruppe der
Gesellschaftsinseln gehrig. So traumhaft schn die herrlichen
Sdseeinseln sind, so nachteilig sind sie fr den Seemann, da er nur in
den seltensten Fllen eine Reede und sicheren Ankerplatz vorfindet. Es
gibt fast nichts Lieblicheres und nichts Heimtckischeres auf der Welt.

  [Illustration: ... Es gibt nichts Lieblicheres als die Sdseeinseln,
  aber auch nichts Heimtckischeres.]

Am Morgen des 29. Juli kam uns die Insel in Sicht; wir steuerten sie an.
Es war uns, als wenn wir ein Mrchenland vor uns htten. Die Insel
begrte uns mit ihren hohen Palmen und Gummibumen wie ein wahres
Paradies. Die vorgelagerten Korallenbnke stiegen treppenfrmig
unterhalb des Wasserspiegels zur Tiefe hinab und gaben im Reflex des
sonnenbeschienenen Wassers auf jeder Stufe neue Farben und Bilder
infolge des Durchschimmerns der weien Korallen. Da waren hundert
bergnge von Wei zu grnlichen und in der Tiefe blulichen
Schattierungen von der wunderbarsten Mannigfaltigkeit. Das kreisrunde
Riff, auf dessen Grat sich dort, wo Humus entstanden war, vier kleinere
Inselchen und eine bandfrmige Hauptinsel erheben, umschliet die
kreisrunde Lagune. Dieses kesselfrmige Stckchen Ozean, ebenso tief wie
die umliegende See, unterscheidet sich von ihr durch seine Stille;
spiegelglatt und ohne Bewegung gibt es das Gefhl des Geborgenseins. Das
Korallenriff hat eine kleine Durchfahrt nach der Lagune, nicht weit
genug, um mit dem Seeadler hineinfahren zu knnen. Sonst wre uns der
schnste, sicherste Hafen geboten gewesen. Ein starker Strom setzte
durch die Einfahrt. Wir brachten unsern Anker auf das Korallenriff, und
an einer langen Drahttrosse lagen wir infolge des Stromes gut frei von
der Insel.

Boote wurden ausgesetzt. Nachdem wir so lange kein Land gesehen hatten,
fhlten wir uns ungefhr wie Kolumbus. Jan Maat, der neun Monate lang
nur Mastenklettern, Segelmanver, Rudern und Ausguckposten erlebt hatte,
bis seine Arme vom stndigen Tauziehen noch einmal so lang geworden
waren, eilte nun dem Genu tropischen Tier- und Pflanzenlebens zu. Wir
Haifische der See, die selbst in unserm schweren Dienst unablssig noch
strkere Raubtiere, die nach uns suchenden Kreuzer auf unserer Spur
wuten, verwandelten uns nach langer Nervenanspannung in friedliche
Sommerfrischler als Gste der Franzosen, die uns ihr Mopelia zur
Verfgung stellen muten. Wie berrascht waren wir, als wir an Land
kamen, ber das, was wir hier alles fanden. Millionen von Seevgeln der
verschiedensten Arten nisteten hier. Die Schildkrte hat dort ihre
Heimat und Brutsttte. Fische waren in Unmengen vorhanden, auch viele
verwilderte Schweine, die vor Jahren einmal ausgesetzt waren und sich
von den heruntergefallenen Kokosnssen nhrten. Mehr Mglichkeiten,
frischen Proviant zu finden, konnten wir nicht erwarten. Auch drei
Eingeborene fanden wir, die von einer franzsischen Firma hier abgesetzt
waren, um Schildkrten zu fangen. Die Kanackers waren anfangs sehr
besorgt, als sie uns als Deutsche erkannten, aber durch unser herzliches
Entgegenkommen gewannen wir bald ihr Vertrauen, und sie boten uns ihre
Untersttzung an.

  [Illustration: Skizze der Insel Mopelia]

Meine Jungs verteilen sich zunchst gruppenweise, um ihre Neugier zu
befriedigen, laufen hierhin und dorthin; einige fangen Fische, die sich
in den ausgewaschenen Korallenbecken aufhalten, die andern sammeln
Vogeleier; dort haben verschiedene den Arm voll Kokosnsse; unser Koch
ist dabei, eins der verwilderten Schweine zu schlachten; dort sieht man,
wie fnf bis sechs eine groe Schildkrte auf den Rcken geworfen haben
und an einem Tau ber den Sand hinziehen. Andere wieder fangen
Langusten, kurz und gut, jeder hat irgend etwas, um ein gutes Mahl
herzurichten. Wie wir mit dem Boot wieder an Bord zurckfahren, ist es
schwer beladen mit den schnsten Delikatessen. Ein frmliches Diner
stand als Abendbrot auf dem Tisch: Schweinebraten, Schildkrtensuppe mit
Eiern, Langusten, Mweneier; selbst der wohlhabendste Mann konnte sich
nichts Besseres leisten. Wir erholten uns schnell und trafen unsere
Vorbereitungen fr die weitere Kreuzerfahrt. Eine Fischrucherei wurde
ausgemacht, Schildkrten und Schweinefleisch eingesalzen und Eier zu
Tausenden in Salz eingelegt.

  [Illustration: ... Der Ankerplatz machte uns anfnglich Sorge.]

Der Ankerplatz machte uns anfnglich Sorge und wir berlegten, ob wir
das Schiff nicht frei im Meere treiben lassen und nur abends und morgens
je einmal an Land fahren sollten. Das htte uns aber zu viel unserer
kostbaren Motorkraft gekostet und auerdem war der Motor selbst sehr
ausbesserungsbedrftig. Deshalb versuchten wir, mit allen
Sicherheitsmanahmen zu ankern. Es zeigte sich bald, da der Anker vom
Riff schlippte; das strkte unser Vertrauen, denn wenn der Strom so
stark war, da selbst der Anker nicht hielt, so war ein Herumschwoien
des Schiffes an das Korallenriff durch etwaiges Umspringen des Windes
unmglich.

Am 2. August, morgens gegen 10 Uhr, gerade im Begriff, das
Beurlaubtenboot an Land zu schicken, sieht man am Horizont die
Meeresoberflche eigentmlich schwellen. Was ist das? Man vermutet
anfangs eine Fata Morgana; nach einer gewissen Zeit sieht man, wie die
Schwellung immer nher heranrollt, immer hher, je nher sie kommt. Es
war eine Flutwelle, die durch ein Seebeben entstanden war. Wir
disputierten noch ber die Erscheinung, die uns unerklrlich war, da
keiner von uns bisher ein Seebeben erlebt hatte. Aber man begreift die
Gefahr: Kappt die Anker, Motor klar, alle Mann an Deck sind die
sofortigen Befehle. Immer nher rollt die Flut heran, und immer
krftiger wiederholen sich die Kommandos Motor klar! Die Preluft wird
hineingedrckt, aber der Motor springt nicht an. Mit fieberhafter
Erwartung horcht man in den Maschinenraum, immer wieder wird Preluft
eingedrckt, man lauscht auf die Zndung, alles ist ttig ... und nher
rollt das Ungetm heran. Schon dnt das Schiff in der vorauseilenden
Schwell. Man kann die Sekunden zhlen, die zur Rettung brigbleiben.
Alles horcht bang auf den Motor. Zu spt! Hoch rast die Flut heran,
packt unsere Planken, hebt sie empor und schleudert sie krachend auf das
Korallenriff. Die Masten, die Krone unseres Schiffes, brechen stckweise
zusammen; beim Aufschlagen auf das Riff werden zentnerschwere und
tonnengroe Korallenblcke losgebrochen und wie Granathagel ber das
Schiff geworfen, und als die Flutwelle verrauscht ist, da liegt unser
stolzer Seeadler zum Wrack zerschmettert auf dem Korallenriff. Das
bichen deutscher Boden, die paar Bretter, die in dieser Erdhlfte noch
dem Deutschen Reich gehrt hatten, unsere Heimat, das Einzige, was wir
besaen, lag zertrmmert.

  [Illustration: ... Das Einzige was wir besaen, lag zertrmmert.]

Wie der Korallenblock, auf den wir aufschlugen, sich tief in den Boden
des Schiffes hineinrammt, und die Masten krachend von oben brechen und
das Deck mit Tau und Segelzeug berschtten, sucht jeder Deckung hinter
Bordwand und unter der Back. Nun ist der Anprall vorber, das Unglck
geschehen, und man sieht sich um nach seinen Leuten. Man sieht keinen;
zunchst glaubt man der einzige Gerettete zu sein und verwnscht diesen
Zufall. Man ruft matt nach vorn: Jungs, wo seid ihr? Da ertnt aus dem
Vorschiff die herrliche, unvergeliche Antwort: Herr Graf, de Eikbom,
de steit noch. Die deutsche Eiche! Blitzartig geht es einem durchs
Bewutsein: Noch schlgt das deutsche Herz! So wie wir kleine Schar den
schweren Schlag berdauern, so hlt auch das Vaterland bermchtig
strmenden Gewalten stand:

De Eikbom, de steit ok noch tohus.

Es hie nun, nicht sich dem Schmerz hingeben, sondern an die Arbeit
gehen. Es galt, Proviant und Wasser fr 105 Menschen zu bergen. Alle
Gegenstnde, auch die mit Wasser gefllten Munitionsbchsen muten etwa
30 Meter weit ber scharfes, unebenes Korallenriff durch starken Strom
des ungefhr einen Meter tiefen Wassers getragen werden. Oft fielen die
Leute um, und am nchsten Morgen gab es keinen ohne vllig zerschundene
Beine mehr. Aber in zher Anspannung wurde die ganze Nacht gearbeitet.
Schlielich haben wir alles auf die Insel hinbergebracht, was zum Leben
ntig war. Das Wasser in den Munitionsbchsen erwies sich freilich als
verdorben, und so wurde es unsere Lebensrettung, da wir auf der Insel
durch Sprengung uns Brunnen graben konnten.

  [Illustration: Takelage des Seeadlers nach der Strandung.]

Nun entstand unter den Palmen in kurzer Zeit die letzte deutsche
Kolonie. Zuerst ging die Flagge hoch. Ccilieninsel tauften wir unsere
neue Heimat. Hatten wir auch die bisherige, unser Schiff, verloren, so
besaen wir jetzt an Stelle der paar Planken ein paar Fubreit
Erdreichs.

Es galt, sich einer neuen Lebensweise anzupassen. Auf der Insel hausten
Millionen groer und kleiner Vgel. Man konnte an manchen Stellen keinen
Schritt tun, ohne ein Ei zu zertreten. Verscheuchte man die Mwen, so
flogen sie so dicht auf, da sich die Sonne verfinsterte. Die brtenden
Vgel aber verlassen ihren Nistplatz nie, sie lassen sich lieber auf dem
Platze totschlagen, als da sie ihre Brut aufgeben. Nur durch Abfeuern
von Schssen konnte man sie da verjagen. Da die Eier, die wir vorfanden,
meist angebrtet waren, steckten wir ein Stck Brutland mit dem Tau ab
und warfen die dort gefundenen Eier ins Meer. Der hierdurch
freigewordene Raum zog sofort alle die werdenden Mwenmtter an, die es
kaum erwarten konnten, ihr Ei loszuwerden. So verfgten wir in
krzester Frist ber eine verschwenderische Flle garantiert frischer
Eier. Nachts, wenn wir Feuer anmachten, kamen groe Einsiedlerkrebse zu
Hunderten und Tausenden, vom Licht angelockt, heran.

Schnuzchen, wie so ein Teckel nun einmal ist, war in zappelnder Neugier
auf die Insel gekommen. Nun gewahrte sie auf einmal, wie dort der ganze
Erdboden wimmelnd sich bewegt. Vgel stoen auf sie zu. Sie will unter
sie fahren, will fressen und vernichten, aber wo sie hinpacken will,
kribbelt und wibbelt das Leben. Da kommt ein groer Einsiedlerkrebs und
hlt seine Scheren gegen Schnuzchen hoch. Schnuzchen fiel vor Schreck
um, erlitt einen Krampfanfall und starb. Sie war erst zwei Jahre alt und
hatte nach der langen Seereise zum erstenmal Gelegenheit gefunden, ihre
Jagdpassion zu entfalten. Wir haben ihr ein schnes Grab errichtet und
eine Kokosnupalme darauf gepflanzt. Piperle aber suchte noch lange nach
seiner Gefhrtin.

  [Illustration: Seeadler wird gesprengt.]

Nachdem unsere unentbehrlichste Habe aus dem Wrack geborgen war, durften
wir an den Bau unseres Dorfes denken. In den ersten Tagen hingen unsere
Leute einfach ihre Hngematten zwischen den Palmen auf. Das wre ihnen
beinahe bel bekommen. Kokosnsse krachten des Nachts aus 15-25 Meter
Hhe neben den Schlafenden nieder, und die konnten von Glck sagen, wenn
diese vegetarischen Granaten ihnen nicht auf die Kpfe fielen, was einen
Menschen absolut chloroformieren kann. Dagegen ntzte es auch wenig, das
ungemtliche Kopfende mit dem Fuende zu vertauschen und mit einem Auge
nach oben zu schielen, ob etwa schon wieder solch eine Gabe Gottes
hernieder kme. Auf dem kribbelnden Erdboden konnte man natrlich auch
nicht schlafen, und so gab sich alles mit verstndnisvollem Eifer dem
Httenbauen hin.

Zuerst wurde fr Seeadlerdorf ein groer Platz vom Unterholz und
Gestrpp gesubert, dann Palmen abgesgt und Bauholz herangeschleppt.
Das erste Zelt, das wir schufen, wurde eine ziemliche Migeburt, aber
jedes folgende geriet besser. Wir bauten die Zelthtten gewhnlich so,
da jeweils gerade ein Segel fr eine pate. Unsere Segel, die treulich
in beiden Erdhlften ber uns geweht und uns Zehntausende von Kilometern
vorangebracht hatten, wurden jetzt den Schiffbrchigen zur Behausung.
Unterricht gab uns einer unserer Gefangenen, der Kapitn Jrgen
Petersen, der mit seiner hbschen, jungen amerikanischen Lebensgefhrtin
sich eine blendend schne Zeltwohnung herstellte. Die Gefangenenzelte
lagen links von den paar Eingeborenenhtten, die unsrigen rechts. Der
Strandweg vor den Zelten, die Seeadlerpromenade, fhrte also von
Germantown, wie unsere Stadt von den Gefangenen benannt wurde, zu
Americantown und Frenchtown. Mit den Amerikanern hatten wir auf unserem
abendlichen Strandbummel freundschaftlichen Verkehr.

Unsere Stadt umfate neben Wohnhusern Proviantzelte, Munitions- und
Waffenzelte, Karten- und Instrumentzelte, eine groe Kombse mit Herd
und Backofen, eine Funkenbude, die uns mit drahtlosen Neuigkeiten
versorgte und somit die Kurzeitung ersetzte, ferner ein Motorzelt und
vor allem auch eine Messe. In der Messe war sogar ein hlzerner
Fuboden, den wir aus den Wnden eines Deckhauses legten. An der
Rckwand prangte Meyers Konversationslexikon und ein Bcherbord, an der
Seitenwand stand unsere Anrichte. Die Sessel waren um den Messetisch am
Fuboden angeschraubt, so da es einer richtigen Schiffsmesse hnlich
sah. Vor der Messe befand sich eine Veranda, eingeschlossen von
Palmblttern, welche die Eingeborenen geflochten hatten.

Auch unsere Wohnrume waren mit allen guten Mbeln aus dem Schiff
ausstaffiert. An meinem Schreibtisch habe ich selten gesessen. Die
Unteroffiziere bauten sich ihre eigene Messe, das technische Personal
ein besonderes Wohnhaus mit Kojen. Die Mannschaften hatten alle Spinde
und Bnke in ihren Rumen. Alle Fubden waren mit feinem, weiem
Korallensand bestreut. In der Mitte des Lagers befand sich ein
Marktplatz, auf welchem abends die Kapelle spielte. Unsere Lichtmaschine
spendete elektrisches Licht. Dr. Pietsch, der Schiffsarzt, errichtete
sein Lazarett und rauchte seine nie ausgehende Zigarre. Auch einen
groen Rucherapparat besaen wir, worin wir mit Hilfe von
Kokosnuschalen tglich etwa zweihundert Fische rucherten. Ein
wunderschner Badestrand lag an der Lagune. Nachts hrte man die
Brandung schlagen als ein sanftes Wiegenlied. War es nachmittags hei,
so erfrischten wir uns auf der Luvseite an der Seebrise.

  [Illustration: Seeadlerdorf, die letzte deutsche Kolonie.]

Mancher reiche Mann htte fr ein paar Wochen Sommerfrische in unserem
Paradies ein kleines Vermgen gegeben. Nach einer Woche ausbauender
Arbeit, die in der Hitze immerhin anstrengte, war das Idyll fertig.
Unsere groe Schiffsglocke war in der Mitte vom Seeadlerdorf an einer
Palme befestigt; es wurden wieder Glasen geschlagen und zeitweilig
Musterungen abgehalten. Auf der hchsten Palme in der Nhe von
Frenchtown war der Ausguck errichtet, indem die Krone der Palme durch
einen hlzernen Boden ersetzt, aber durch hinaufgebundene Palmenwedel so
knstlich wieder ersetzt wurde, da kein vorbeifahrendes Schiff dem Baum
etwas angesehen htte. Das Hauptpatent bestand aber aus einem endlosen
Tau, das unten und oben auf einem Block lief. Der abzulsende
Ausguckmann setzte sich oben, der ablsende unten auf einen in das Tau
geknpften Knppel. Der Mann oben zog, wenn er schwerer war, den unteren
allein in die Hhe; war er ein leichter, so mute durch einen dritten
Mann etwas durch Ziehen nachgeholfen werden.

  [Illustration:
  Die Requisitionskolonne kauft ohne Lebensmittelkarten und Geld ein.]

Einige unserer Leute, die romantisch veranlagt waren, bauten sich kleine
Htten von Palmenblttern im Walde. Piefzeck, Messeordonnanz und Mdchen
fr alles, errichtete sogar mit einem gefangenen Hollnder zusammen ein
Wasch- und Pltthaus; darin hatte er auch seine Nhmaschine stehen und
schuf aus gekaperten Tischtchern Bettlaken, Hemden und Unterhosen.
Zimmermann Dreyer baute sich seine Werkstatt in der Nhe der kleinen
Werft, die wir gegenber von Americantown anlegten, um unser Motorboot
fr eine neue Fahrt ins Unbekannte instand zu setzen. Denn zu unserer
Vollkommenheit fehlte uns nichts, als ein Schiff, das uns wieder der
Kulturwelt und dem Krieg entgegentragen konnte. Wenn unser Kreuzer auch
zerschmettert auf einsamem Korallenriff lag, und wenn wir auch nicht
mehr in die Heimat zurcksegeln konnten, der Mut war ungebrochen. So
setzten wir jetzt alle Hoffnung auf das kleine Boot. Undenkbar schien
es freilich den meisten, mit einem solchen Ding von unserer abgelegenen
Insel abzufahren und in ungewissen Breiten ein greres feindliches
Schiff damit abzufangen. Aber einmal waren wir deutsche Soldaten, die
auch die geringste Mglichkeit, weiterzukmpfen, wahrzunehmen hatten;
und dann gleicht der Pirat dem Spieler, der das Glck immer wieder
herausfordert.

Takelage und Segel wurden entworfen, Mast, Klverbaum, Grobaum und
Gaffel fr das Boot fabriziert, Pardunen, Stagen und laufendes Tauwerk
gespleit, Segel genht, Proviant klar gemacht, das Boot geschruppt und
gemalt. Was Werftarbeit alles erfordert, das wurde uns jetzt erst klar,
als wir selbst ein Boot fr eine lange Seereise instand setzten.

ber solchen Vorbereitungen wurde die Gegenwart nicht vergessen. Auf den
Korallen pflegten wir zu fischen, wo das Wasser nur etwa einen Fu hoch
steht. Wenn morgens die Fische kamen, um dort ihre Nahrung zu suchen,
bildeten wir eine lange Kette von Menschen und trieben die Tiere nach
oben ins flache Wasser. Dann verengten wir den Kreis, spannten ein
Stahlnetz auf und zogen es zusammen. Schlielich wurde es rings umstellt
und unsere drei Eingeborenen spieten die Fische auf. Geht der
Sdseeinsulaner allein zum Fischen, so steigt er tiefer in die Korallen
hinein. Er trgt eine groe, festanliegende Brille, taucht unter und
spiet den Fisch von der Seite auf, beit ihm darauf das Rckgrat durch.
Nach greren Fischen wirft er mit einem besenartigen Bndel von Speeren
mit Widerhaken.

Ferner bten wir das Angeln und erbeuteten Fische auch durch
Sprengpatronen, die wir ins Wasser warfen; brachen dann von den
Korallenbauten einige zusammen, so wurden Hunderte der wohlschmeckenden,
bizarr schnen Fische herausgeworfen. Die Korallen geben einen hellen
Widerschein, so da man tief ins Wasser hinuntersehen kann. Auer
Papageifischen fingen wir Langusten, Rockfische, Plattenfische und
Murnen. Letztere schauen nur mit dem Kopf aus den Korallen heraus, und
wenn man sich nicht vorsieht, beien sie zu. Wir erfuhren zuerst aus dem
Groen Meyer, was das fr Fische wren, und zugleich, da die alten
Rmer die Murnen fr die grte Delikatesse hielten und mit
Sklavenfleisch gefttert haben sollen. Bei Tagesanbruch wurde der Strand
nach Riesenschildkrten abgesucht, deren Fleisch und Eier sehr
wohlschmeckend sind.

Mit den Eingeborenen waren wir tglich zusammen und verstndigten uns
in Pitschinenglisch; brigens lernte der Junge, den sie mithatten, ein
halbes Kind, ziemlich schnell Plattdeutsch. Ich knnte noch vieles
erzhlen von Vgel- und Schweinejagd, von abendlichem Lagerfeuer mit
Seemannsklavier und Heimatliedern, trumerischer Ruhe und
Heimwehgefhlen. Gegen 10 Uhr abends lag die ganze Kolonie meist im
wohligen Schlummer; nur der Posten wanderte einsam vor den Htten auf
und ab. Zeitweise kam es dabei vor, da der Posten vom sanften Rauschen
der Palmen und Gezirp der Grillen zu weit ins Traumland kam und selig
eindusselte, wofr er natrlich seine Extrawache ablaufen mute; aber
ein Arrestlokal brauchten wir nicht; es war das einzige, was bei unserem
Stadtbau fortblieb.

  [Illustration: Der schwarze Stab des Gouverneurs von Mopelia.]

Ratten, Ameisen, Flhe und tausenderlei Insekten waren in Myriaden
vorhanden. Nachts lebten die Buden frmlich. Ein Oppossum, welches die
Gefangenen mitgebracht hatten, kam jeden Abend in die Messe und
verlangte Wasser. Piperle jagte nachts mit ungeheurem Skandal die
Schweine vorbei. berall knackte, raschelte, gurrte und summte es. Von
den Blttern einer benachbarten Palme herab kamen die Ratten auf das
Zeltdach; die ganze Nacht lief und rannte es auf und nieder. Man wurde
aber alles gewhnt, sogar wenn man pltzlich bemerkte, da man in seinem
Glas Wasser, das man nachts in der Dunkelheit trank, mehr Kakerlaken als
Wasser hatte, oder wenn morgens die Zahnbrste voll Ameisen war. Retten
kann man sich vor den Ameisen nur, indem man Tisch- und Stuhlbeine in
Wasserschlchen stellt. Piperle kmpfte nachts fast unausgesetzt seinen
drolligen Heldenkampf mit den Einsiedlerkrebsen, die am Abend zu
Tausenden das Wandern vom Ufer in den Palmenwald anhuben; morgens
krabbelte die ganze Gesellschaft wieder zurck. Ihre Beine und Scheren
waren unserem Koch willkommen. Als Salat dazu wurde Palmenherz gestovt.
Das ist das leckerste Gemse der Welt, und es knnen sich's nicht einmal
Multimillionre, sondern nur Piraten leisten. Es bildet nmlich die
Mitte der Kokosnupalmenkrone, aus welcher die neuen Bltter
entsprieen. Will man also solch ein Herz im Gewicht von etwa 10 Pfund
haben, so mu jedesmal eine groe, schne Palme ihr Leben lassen. Der
Geschmack ist etwa zwischen Haselnu und Spargel, nur feiner und
lieblicher als beide.

Wir verlebten mannigfaltige Tage und genossen die Reize der Erde
zwischen den beiden Wasserflchen, dem grauen, gewaltigen Meer drauen
und der schnen, lieblichen Lagune drinnen. Aber ich wurde das
Gouverneurspielen satt; es bewegte sich nichts vorwrts, wie wir es
bisher gewohnt waren; es blieb zu sehr alles auf einem Punkt stehen. Des
Seemanns alte Heimat zog uns wieder an, kaum da wir uns dazu krftig
genug fhlten. Aber der Entschlu zu dieser Fahrt durfte nicht
leichtfertig gefat werden, denn ich hatte das Leben von sechs Mnnern
zu verantworten. Gefahr und Erfolgsaussicht wurden abgewogen und der
Entschlu bejaht. Der Geist solcher Leute sollte nicht unter der
quatorsonne eintrocknen! Schon am 23. August war unser Boot fertig zur
Abfahrt. Unter Leutnant Kirchei' erfahrener Leitung war das Boot in
vierzehntgiger Arbeit zu einem hohen Grad von Seetchtigkeit gebracht
worden. Einen kleinen Knacks hatte es allerdings; auch bei ruhigem
Wetter haben wir spter tglich 40 Eimer voll Wasser ausgeschpft. Wir
waren uns bewut, da die bevorstehende Unternehmung kriegerisch wie
sportlich gewagter war als alles bisherige. Rasmus -- so nennt der
Seemann die berkommenden Wellen -- wrde uns diesmal gehrig die
Gesichter waschen. Aus dem bequemen Salon, von der paradiesischen Insel
hinweg trieb unser Wikingerblut hinaus auf eine Art von Einbaumkrieg,
wie ihn die Sdseeinsulaner frher pflegten.

Kriegsrat wurde gehalten. Welche Kurse wollten wir segeln? Wie lange
sollte die zurckbleibende Mannschaft auf unsere Wiederkunft warten?
Unter welchem Baum sollte sie, falls sie vorher Mopelia verlie,
Nachricht zurcklassen? Aller halben Jahre lief nmlich ein Segler die
Insel an, um die von den Eingeborenen gesammelten Kokosnsse und
Schildkrten abzuholen. Wir Bootsfahrer beabsichtigten, zuerst die
Cookinseln anzulaufen und, wenn wir dort kein Schiff fnden, nach den
Fidschiinseln weiter zu segeln, weil dort der grte Schiffsverkehr war
und unsere Kriegsaussichten also besser standen. Leider haben wir dem
Umstand, da wir uns einem kleinen Schiffsboot anvertrauten, nicht
gengend Rechnung getragen; denn sonst wren wir, da im September hufig
strmischer Wind in diesen Inselgruppen herrscht, nicht dorthin
gegangen. Wir rechneten mit einer ungefhren Durchschnittsfahrt von 60
Seemeilen den Tag; in 30 Tagen konnten wir also die Strecke zurcklegen
und in ungefhr drei Monaten mit einem gekaperten Schiff wieder in
Mopelia sein.

Das Boot war offen, etwa 6 Meter lang und lag mittschiffs nur ganze 28
Zentimeter ber Wasser. Aber einerlei, es konnte schwimmen! Wie wenig
Schutz ein solches Fahrzeug gegen die andringenden Wellen einer
hochbewegten See bietet, kann der Seebefahrene beurteilen. Aber auch
jeder Leser, der einmal auf seinem Heimatflchen ein Boot gemietet hat,
kann sich die Unternehmung vorstellen, ein solches Ding mit Ausrstung
fr mehrere Wochen und mit einem halben Dutzend Gefhrten voll zu packen
und auf hohe See ins Ungewisse zu gehen. Armiert wurde es mit einem
Maschinengewehr, zwei Gewehren und ein paar Handgranaten und Pistolen.
Wir hatten einige Dosen Konservenfleisch, Speck usw. verstaut, aber in
der Hauptsache bestand der Proviant nur aus Hartbrot und Wasser.
Nautische Apparate und Sextanten waren eingebaut. Auerdem nahmen wir
die Handharmonika und ein liebes plattdeutsches Buch mit. Alle wollten
natrlich mitgehen, aber ich konnte nur die whlen, deren Gesundheit
zurzeit am gnstigsten stand. Leutnant Kirchei, Steuermann Ldemann,
Maschinist Krause, Obermaat Permien und Obermatrose Erdmann bildeten die
Besatzung. Ich selbst war froh, da ich als Kommandant, der sein Schiff
verloren hatte, einen fahrbaren Unterschlupf fand, und wenn es auch nur
ein kleines Boot war. Auf Mopelia ging das Kommando auf Leutnant d. R.
Kling ber.

  [Illustration: ... Alle wollten mitgehen.]

Klar unter Segeln lag unsere Kronprinzessin Ccilie, der kleinste
Kreuzer der deutschen Marine. Der Augenblick des Abschieds rckte heran.
Nochmals ein kerniger Hndedruck, das Band, das die 64 bisher so eng und
fest umschlungen hatte, war aufgelst. Es war als ob die Seele in zwei
Hlften zerrissen wrde. Erst jetzt kam es zum Bewutsein, was uns jeder
der Kameraden gewesen war und was uns nunmehr bevorstand. War es auch
ein stolzes Gefhl, da unsere winzige Kriegsmacht die deutsche Flagge
wieder auf mehrere Punkte ausbreiten konnte, so sahen uns doch die
Zurckbleibenden zweifelnd nach. Jeder bangte bei sich: Kann das kecke
Boot schwerem Wetter standhalten? Es war keine Stimmung fr Hurrarufen,
nur die feste, ruhige Zuversicht erfllter Pflicht. Dann lsten wir uns
vom Lande, zwei deutsche Flaggen wehten nun wieder im weiten Ozean, eine
von der Kokospalme, eine ber dem Boot. Unsere Seegewalt stand im
Verhltnis zu der Gre unseres Inselreiches, aber solange deutsche
Herzen schlugen, war in diesem Miniaturkrieg doch ein erhebendes
Streben.

  [Illustration:
  Kronprinzessin Ccilie, der kleinste Kreuzer der deutschen Marine.]

Als wir unseren Seeadler passierten, lag das Wrack zusammengesunken
da, schon rotbraun gefrbt von der Brandung, die Masten zerbrochen.
Aufgelftet von einer Dnung bewegte sich das Schiff wie etwas
Lebendiges. Es war als ob es atmete, sich zu heben versuchte, sich noch
einmal aufrichten wollte, um Abschied zu nehmen, ja, als ob es mit uns
sterben wollte, und dann doch wieder ohnmchtig in seinen Fesseln lag.
Dann glitt unsere Nuschale in die See hinaus und schwamm wie ein
lebender Punkt immer weiter in die Tiefe des Ozeans. Aus der umdunsteten
Ferne, in der die Insel schon verschwunden war, leuchteten uns zuletzt
nur die Goldbuchstaben von der Schiffswand nach. ... Irma! Wir aber
strebten hinweg.




Vierzehntes Kapitel.

Zweitausenddreihundert Seemeilen im offenen Boot.


Mein Leutnant Kirchei malte stolz mit Blaustift auf die erste Seite
unseres Logbuches den Namen Kronprinzessin Ccilie. Unser Schiffchen
machte bei anfnglich herrlichem Wetter durchschnittlich pro Stunde vier
Seemeilen Fahrt. Der Kurs ging auf die etwa dreihundert Seemeilen
Westsdwest entfernt liegende Insel Atiu zu.

Wir hatten fr zwei Monate Hartbrot, fr drei Wochen Wasser mit. Ich mu
nun die Einrichtung unserer neuen Huslichkeit etwas nher beschreiben.
Da unser Boot so voll war, da man nur auf allen Vieren von vorn nach
achtern kommen konnte, so hatten wir unser Hartbrot gleich von
vornherein in die seitlichen Lufttanks gepackt; auch die Getrnke,
photographischen Apparate und der so notwendige Tabak war nebst einigem
Unterzeug an diesem einzigen, auch bei schlechtem Wetter trockenen Platz
verstaut, worunter allerdings die Schwimmfhigkeit des Bootes bedenklich
litt. Wir besaen vier Matratzen, so da gleichzeitig vier Mann
ausgestreckt liegen konnten, davon aber auch zwei nur halb, denn wenn
man auf den beiden vorderen Matratzen lag, kam man immer unklar mit den
Beinen zwischen Tauwerk und Belegngel der Ngelbank. Als Kulturzubehr
hatten wir sechs Emailleteller, sechs Paar Messer und Gabeln, sechs
Moggen, einen Kaffeekessel, 20000 Mark und einige Rollen Klosettpapier
bei uns. Das Klosett bestand allerdings aus dem Vordersteven, der bei
den Stampfbewegungen des Schiffes hufig untertauchte, eine
Wassersplung eingreifendster Art, die aber oft verfrht kam; man mute
sich dabei an einem dnnen Stag halten, der beim Rollen des Schiffes den
Krper hin- und herpendeln lie. Frchterlicher als diese ueren
Erschwerungen wurde uns freilich die Hartleibigkeit, die aus dem
Bewegungsmangel und der Brot- und Wasserkost entstand.

Zu dem erwhnten Schiffsinhalt kamen noch die Wasserfsser, der Motor,
die Duchten usw., was mit den Lufttanks zusammen den meisten Platz
wegnahm. So begreift man kaum, wie sich noch sechs Menschen in diesen
Patentschlitten hineindrcken konnten. Um etwas Schutz gegen Regen und
See zu haben, hatten wir rings um das Boot am Dollbord ein breites
Segeltuch angenagelt. Dieses wurde bei schlechtem Wetter nach mitschiff
herbergeklappt und dort mit der gegenberliegenden Seite
zusammengezurrt. Damit nun das Segeltuch nicht unmittelbar auf der Nase
lag, waren von zwei zu zwei Metern eiserne Bgel querber befestigt.
Ohne diese Vorkehrung wren wir hufig vollgeschlagen und fast mit
Sicherheit ertrunken.

Hat der Leser wirklich noch niemals eine Reise im kleinen Boot mit knapp
einem Fu Freibord ber eine sturmzerwhlte See gemacht? Wenn nicht,
dann sollte er dies bei der ersten Gelegenheit nachholen. Doch
empfiehlt es sich, den Magen vorher einer guten Probe zu unterziehen,
etwa wochenlang tglich ein paar Stunden in einer hochaufgehngten
Schaukel zuzubringen, an welcher mehrere Seile angebracht sind. An jedem
mu ein halbwchsiger Junge krftig und unsystematisch ziehen. Nun geht
es abwechselnd rechts, links, auf, ab, kreuz, quer. Das Gefhrt darf die
Pfosten nicht immer frei passieren, sondern soll durch Gegenrammen
manchmal eine kleine Abwechslung in das Spiel bringen. Bisweilen mu dem
Insassen der Inhalt eines mit kaltem Salzwasser gefllten Eimers in
weitem Bogen ins Gesicht geschleudert werden. In einigen Wochen wird
sich der Magen an die Bewegung gewhnt haben, und der Abenteuerlustige
braucht die Schnheit einer solchen Reise nicht mehr allzusehr zu
frchten.

  [Illustration:
  Die Besatzung der Kronprinzessin Ccilie.
  (Aufnahme ein Jahr spter, in erholtem Zustand. Die Originalaufnahmen
  von der Bootsfahrt sind von den Englndern als Kriegsbeute einbehalten
  worden.)]

Wir nannten unser Boot im allgemeinen nur den Zigeunerwagen des Ozeans
und fhlten uns auf dem besten Weg, groe Taten zu vollbringen. Nur das
Wenn und das Aber hat uns spter einige Hindernisse in den Weg
geworfen.

Morgens um sechs Uhr wurde durch die beiden Wachmannschaften der
Kaffeekessel gefllt, was mit der kleinen Pumpe rund zehn Minuten
dauerte. Das Kochen wurde unter den schwierigsten Umstnden mit einer
Ltlampe bewerkstelligt. Sobald etwas Brise war und das Boot
schlingerte, gelang es nicht, das Wasser zum Sieden zu bringen; dann
waren wir froh, anstatt Kaffee wenigstens etwas angewrmte
Kaffeebohnensuppe zu bekommen. In den spteren entsetzlichen Tagen
dieser Bootsfahrt haben wir berhaupt nichts Warmes, so wenig wie
Trockenes zu essen bekommen. Freundlich dagegen war das Bootsleben in
den ersten Tagen. Um acht Uhr standen die vier andern von ihrem Lager
auf, wuschen sich mit Salzwasser und, wenn alles seine Ozeankultur
vollzogen hatte, setzten wir uns hinten in den Kokpit, den einzigen
freien Platz, und nahmen den Kaffee mit Hartbrotstullen ein. Dann wurde
die Vormittagsstandlinie ausgerechnet, Betten gemacht, Moggen
gewaschen und Messer geputzt. Um 10 Uhr konnte man sich bei gutem Wetter
geistigen Interessen hingeben, und da unsere Bibliothek nur fr einen
reichte, so etablierte sich Ldemann als Vorleser und gab uns einen
Strmel aus der Reis' nach Konstantinopel zum besten. Fritz Reuter war
so ziemlich das einzige, was uns auf der ganzen Reise trocken zu halten
gelang. Htte Reuter gewut, da er einmal sechs deutschen Seeleuten
mitten im Stillen Ozean die einzige Erquickung ihres Daseins wrde, er
htte sich ber seine ollen Kamellen doppelt gefreut.

Gegen 12 Uhr wurde wieder Nautik getrieben, das Mittagsbesteck
ausgerechnet und zum Diner klar gemacht, das wir, wieder alle um den
Kompa gelagert, einnahmen. Der Nachmittag war meist unangenehm; in der
Hitze ohne Schatten immer auf einem Punkte sitzend wurde man zuletzt
ganz brgenklterig. Mit Wassertrinken muten wir sparsam sein; man
durfte den Durst nie vllig lschen.

Am spteren Nachmittag wurde wieder etwas gelesen und Tagebuch
geschrieben, gevespert und zu Abend geschmaust, und den Abend machte uns
die Handharmonika gemtlich, zu der wir sangen. Manches alte deutsche
Volkslied und mancher Gassenhauer verhallten in dem weiten Ozean. Dann
noch ein wenig geklhnt, bis Morpheus als siebenter Mann unsern Kahn
bestieg. Nachts war es meist empfindlich khl, was wir aber bei dem
anfnglichen guten Wetter noch nicht so bemerkten, solange unsere
Kleider trocken waren. Ungemtlich wurde es, wenn ein Walfisch
nebenherschwamm, wir verzichteten gern auf die Nhe seiner Fontnen.

Die Navigation erwies sich in einem solchen winzigen Fahrzeug als recht
schwierig. Man kann die Karten auf keinen Tisch legen, alles weht bei
der geringsten Unachtsamkeit ber Bord. Man sollte im rollenden Boot
rechnen und beobachten, mit steifen Hnden. Wenn wir unsere nautischen
Tafeln, Hefte, Karten, Logarithmen und Bcher, die vor Nsse klebten,
zum Trocknen in die Sonne legten, schwollen sie auf wie Pferdekadaver.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  ... zum erstenmal bewohntes Feindesland.]

Wir sphten nun also nach Schiffen aus und suchten in den feindlichen
Hfen danach. Am dritten Tag unserer Fahrt kamen wir zur ersten Insel
der Cookgruppe, Atiu, und betraten zum erstenmal bewohntes Feindesland.
Ich begab mich mit Kirchei durch die unser seltsames Fahrzeug
bestaunenden Eingeborenenhaufen hindurch in das Amtsgebude des
britischen Residenten. Der Herr lag auf seiner Veranda ausgestreckt in
Hemd und Hose und erhob sich nicht, als wir eintraten. Die gottgewollte
Notwendigkeit, da alles Erdreich, sei es noch so fern und klein, von
Angelsachsen beherrscht wird, stand auf seinem Gesicht geschrieben.

Mein Name ist van Houten, begann ich dem mitrauisch blickenden
Residenten auf englisch zu erzhlen, und dies hier ist mein Chief
Offizier Southart. Dann gab ich Kirchei das Wort, der besser englisch
sprach, und dieser fuhr fort:

Wir sind Amerikaner von hollndischer Geburt. Wir haben vor ein paar
Monaten im hollndischen Club zu San Franzisko gewettet, von Honolulu
mit einem offenen Boot ber die Cookinseln nach Tahiti und zurck nach
Honolulu zu segeln. Die Wettsumme betrgt 25000 Dollar. Wir sind
verpflichtet, bestimmte Pltze anzulaufen. Darum, mein Herr, seien Sie
so freundlich uns einen Ausweis zu erteilen, da wir hier gewesen sind.
Auch wnschen wir Wasser, Konserven und frische Frchte einzunehmen.

Dem Residenten schien unsere Sache etwas bergewagt, aber sein Gesicht
hellte sich auf. Er fragte nicht nach Logbuch und Papieren; auch hatte
er als stolzer Brite die Beschftigung mit fremden Sprachen offenbar so
vllig verschmht, da er das Plattdeutsch, das Kirchei und ich
untereinander sprachen, fr Hollndisch nahm, obwohl er den Burenkrieg
mitgemacht hatte. Er verwickelte uns darauf in ein Gesprch ber den
Krieg, den er verurteilte, da er nur der gelben Rasse ntze. Vor den
Taten der Deutschen hatte er starken Respekt. Natrlich hteten wir uns,
Deutschland zu rhmen.

Nach einer Viertelstunde gesellte sich ein franzsischer Missionar
hinzu, der, entzckt, als ich ihn mit ein paar franzsischen Brocken
ansprach, als glhender Patriot uns sofort zu sich einlud, mit einer
Grammophon-Marseillaise empfing und kstlich bewirtete, wobei natrlich
die Deutschen im Gesprch nicht geschont wurden. Auf dem Wege zu seinem
Missionshaus genossen wir die Pracht der Insel; in wilder Harmonie
wuchsen zu beiden Seiten Kokospalmen, Bananen, Mangos, Apfelsinen und
viel anderes Tropengewchs. Auf dem Rckweg schlenderten wir durch die
Dorfstrae und gaben den schnen Huptlingstchtern Gelegenheit, auch
einmal ein Auge voll von diesen Wettefritzen zu nehmen. Mit betubenden
Blumenstruen und allerhand entzckenden Einladungen fr spter
beglckt gingen wir zum Boot zurck. Dann besuchte ich noch einmal den
Residenten, um ihn ber den Schiffsverkehr auszuhorchen. Leider war die
Ankunft irgendeines Seglers ganz unbestimmt, so da wir unsere Hoffnung
nun darauf richten muten, erst in Aitutaki ein Beuteobjekt
anzutreffen. Dorthin segelten wir weiter. Der Ausweis des Residenten von
Atiu sollte uns gute Dienste leisten.

Das Wetter hatte sich verschlechtert. Unaufhrliche Regenben
durchnten alles und schwere Seen schlugen dauernd ins Boot. Wir haben
manchmal in einer Stunde 250 Eimer ausgeschpft. In den ganzen letzten
25 Tagen unserer Fahrt wurden wir nie wieder recht trocken. Smtliche
Wolldecken, Matratzen, berhaupt alles was nicht in den Seitentanks
verstaut war, durchnte vollkommen. Wir froren unbeschreiblich und
bekamen nur selten noch den Kaffee warm. Auf den durchweichten
Matratzen, unter den nassen, bleischweren Decken konnte man nicht mehr
schlafen und freute sich darauf, Wache zu haben, um durch die Bewegung
des Arbeitens etwas Wrme zu gewinnen. Der Segeltuchbezug hielt nicht
mehr dicht. Spritzwellen hinderten das Trocknen der Sachen, wenn einmal
der Regen aussetzte.

Einmal sahen wir dicht vor unseren Augen eine Wasserhose sich bilden.
Zuerst zieht ein feiner, wirbelnder Sprhregen dicht an der
Wasseroberflche die Aufmerksamkeit auf sich. Allmhlich dreht sich der
Wirbel immer heftiger, immer breitere Wassermassen mit sich reiend, und
dann sieht man oben am klaren Himmel ein schwarzes Gewitterwlkchen, das
trichterfrmig nach unten ausluft. Pltzlich schieen der kreisende
Wirbel auf der Wasserflche und der Wolkenzapfen zusammen; ein Rauschen
und Tosen der Wassermassen, Himmel und Wasser sind durch eine
riesenhafte Sule verbunden. Diese himmelhohe Wand bewegt sich vorwrts.
Das kleine Boot liegt totenstill, kein Luftzug regt sich um uns. Herr
Gott, wenn dieser wandernde Gigant auf uns herniederbricht! Wie sollen
wir ausweichen? Unwillkrlich dreht der Mann am Steuer immer wieder ab,
doch das Schiff bewegt sich nicht. Da pltzlich, Gott sei Dank, bricht
das rauschende Ungeheuer mit betubendem Klatschen in sich zusammen,
eine mchtige Dnung hinterlassend. Mehreren Wasserhosen entrannen wir
nur durch glcklichen Zufall.

Bei Aitutaki angelangt, fanden wir leider den erwarteten Schoner, den
wir kapern wollten, nicht. Wir beschlossen trotzdem, an Land zu gehen,
in der Hoffnung, ber Schiffsverkehr etwas zu hren und eine Nacht
trocken zu schlafen und unseren erschpften Krper auszuruhen. Es war
der 30. August.

Auf der Mole stand zwischen ein paar hundert Eingeborenen der Resident
und erwartete die seltsamen Gste. Wir hatten unsere hollndische
Abstammung in eine norwegische umgewandelt, da uns schon in Atiu die
Nhe hollndischer Landsleute angekndigt war, auf deren intime
Bekanntschaft wir keinen Wert legten. Nur dem Obermaat Permien, der
etwas hollndisch sprach und sonst keine fremde Sprache, berlieen wir
die Freude dieser landsmannschaftlichen Begrung, gaben ihm aber vorher
etwas Unterricht in Schwerhrigkeit.

Der Resident sah mit seinem Kneifer aus wie Prsident Wilson und brachte
uns das denkbar grte Mitrauen entgegen. Er schickte gleich einen
norwegischen Zimmermann aufs Boot, mit dem sich glcklicherweise
Ldemann flieend unterhalten konnte, so da dieser Zeuge warm fr uns
eintrat. Unser Wilson verfolgte nun einen recht schlauen Plan, um uns
auszuforschen, indem er uns trennte, obwohl wir alle Ausflchte
versuchten, um beisammen zu bleiben. Wir wurden aber so dringend in die
einzelnen Honoratiorenhuser zum Bad und Essen eingeladen, da wir nicht
widerstreben durften. Ich nahm mir eine Handgranate in die Tasche und
ebenso die andern. Mit dem Trocknen unserer Sachen war es wieder nichts,
weil die Insulaner unser Boot dicht umlagerten, so da wir die Decken,
unter denen unser Waffenlager steckte, nicht aufheben durften.

Whrend ich beim Kaufmann Low und Kirchei beim Residenten aen, gingen
zwischen unsern beiden Gastgebern fortwhrend durch Boten kleine Zettel
hin und her. Offenbar verabredeten sie darauf die an uns zu stellenden
Fragen und verglichen die Antworten. Wir strebten, sobald wir konnten,
wieder zusammenzukommen. Am Boot erzhlte uns Ldemann, der Norweger
htte uns gewarnt, man hielte uns fr Deutsche und wollte das Boot an
den Strand holen. Wir verabredeten darauf, da immer zwei von uns im
Boot bleiben und sobald sie etwas hrten, die Landungsbrcke mit
Maschinengewehrfeuer bestreichen sollten; wir andern wrden uns dann
schon durchschlagen. Dann gingen wir, in Erwartung des vom Residenten
versprochenen Ausweises, erst mal in den Kaufladen, um unsern Vorrat
aufzufllen. Als Permien dort vor der Tr stand, trat ein hollndischer
Missionar auf ihn zu und verwickelte ihn ins Gesprch. Permien mute
aber dringend zum Boot zurck und statt dessen unterhielt Erdmann den
Himmelslotsen mit ein paar hollndischen Brocken. Er lud uns alle ein,
wir waren aber schon vergeben. Der Kaufmann, Herr Low, brachte uns
illustrierte Zeitschriften an und bestaunte darin die deutschen
Schtzengrben usw. In seinem Laden fanden wir noch allerlei Waren
_Made in Germany_, und als wir ihn darauf hinwiesen, sagte er, er freue
sich, da dies die letzten Restbestnde wren; neue deutsche Waren
wrden nie mehr nach der Insel kommen. Von der Gre und ausgebreiteten
Handelsmacht unseres alten Vaterlandes erhielten wir so auf Schritt und
Tritt einen neuen Begriff. Aber wir durften uns nichts anmerken lassen,
und unsere ungemtliche Lage auf beinahe verlorenem Posten war ein
Abbild der traurigen Vereinsamung, der unser ganzes liebes, einst so
groes Vaterland entgegenging. Damals aber hofften wir noch auf den
Sieg, und wenn alle in der Heimat so durchgehalten htten wie unser
kleines schiffbrchiges Huflein, so wrden auch deutsche Waren wieder
rasch den Weg in alle Erdenwinkel finden. Denn der Respekt vor unserem
Volk und Staat war unermelich gro; immer wieder hrten wir bei
solchen, die uns fr Nichtdeutsche hielten, die Besorgnis aussprechen,
Deutschland wrde noch die ganze Sdsee annektieren und hnliches mehr.

Wir wurden dann eingeladen, in den einzelnen Husern zu bernachten. So
gern wir das getan htten, nahmen wir es doch nicht an, da es offenbar
nur eine Falle war. Wir htten dann wohl bis Kriegsende dort bleiben
mssen.

Endlich lie uns Wilson rufen, forschte nach meinen Schiffspapieren und
fragte mich nach allerlei Namen und Daten. Auf meine Frage, warum er das
wissen wollte, erwiderte er: Die Leute halten Sie fr Deutsche. Ich
wei, da Sie es nicht sind, und mchte die Leute beruhigen. Wilson
schwankte offenbar zwischen dem Wunsche, uns dazubehalten, und der
Furcht vor einem Kampfe. Ich fhlte nach meiner Handgranate und hakte in
der Tasche den Karabinerhaken auf den Znder und dann gingen wir mit dem
Residenten, umgeben von Hunderten von Eingeborenen, hinab zum Boot. Auf
der Landungsbrcke fragte ein langer Kerl mit englischer Militrmtze,
der in Flandern gewesen war, den Residenten, ob er uns festnehmen solle.
Ich flsterte Wilson zu: Wenn ihr hier Geschichten macht, schiee ich
den Kerl ber den Haufen. Die Antwort war: Reden Sie doch so etwas
nicht. Dann blieb ich auf der Landungsbrcke sitzen, whrend der
Resident sich ins Boot begab, um unser Logbuch einzusehen und das Boot
zu durchsuchen, wozu ihn weniger sein eigener Mut, als die uns durch den
Norweger verratene Forderung der ganzen Bevlkerung trieb.

Das Logbuch war natrlich nicht aufzufinden. War es nicht ber Bord
gefallen? Doch konnte Kirchei das Tagebuch eines frher von uns
gekaperten amerikanischen Schoners berreichen, das wir wegen seiner
geographischen Ausknfte mitgenommen hatten. Leider lag in diesem
ungewhnlichen Schiffsbuch auch unser Chronometertagebuch. Auf der
ersten Seite war in fetter Schrift Kaiserliche Marine mit dem
Reichsadler vorgedruckt. Was ist das fr eine Sprache? fragte der
Resident. Das wei ich auch nicht, sagte Kirchei, wir haben das Buch
in Honolulu bekommen.

Und was heit hier >Gang und Stand?<, fragte Wilson, indem er die
handschriftlichen Seitenvermerke ber den Zahlen mit dem Finger
betippte.

Das ist norwegisch, sagte Kirchei, fr Navigation.

Wilson zog es vor, ihm zu glauben. Wir hatten im Augenblick zweifellos
die militrische bermacht. Im Vorbeigehen lftete der Resident ein
bichen die Decken. Da lag eine Mauserpistole. Er deckte sofort wieder
zu und sagte zu Kirchei: Lassen Sie das die Menge nicht sehen. Alles
war klar zum Gefecht: Maschinengewehr und Bajonette, und die
Handgranaten hingen eine neben der anderen aufgereiht, da wir sie nur
so wie vom Apfelbaum herunterzupicken brauchten. Der Resident war schon
ganz bla geworden. Er rief seinen Begleitern, die auf der Brcke
standen, zu: Boys, es ist alles in Ordnung. Ich stieg zu ihm ins Boot.
Decken Sie das zu, sagte er kreidebleich und zeigte auf die
Handgranaten, und dann wieder zu der Menge: Ich finde nichts. Es sind
harmlose Leute, Sportsleute. Und dann zu mir leise: Nehmen Sie mich
bitte nicht mit.

Wir wollten erst in ein paar Stunden fahren. Wilson zog aber die Uhr und
sagte: Gentlemen, es ist besser, Sie fahren sogleich ab. Dann stieg er
aus, ich mit ihm, und wir schnakten der Form halber noch ein bichen am
Strand, whrend Kirchei gemtlich ins Dorf zurckging, um ein paar
Apfelsinen abzuholen, die uns versprochen waren. Den erbetenen Ausweis
hatte der Resident schon geschrieben. Der eingeborene Lotse meinte nun,
wir knnten erst in einigen Stunden fahren. Da herrschte ihn der
Resident aber an, es mte sofort mglich sein. Ich stand ihm bei und
wir beiden Weien spielten zusammen eine Karte, damit die Schwarzen mit
ihrem Verdacht nicht recht behielten, und den Weien Unannehmlichkeiten
bereiteten. Der Resident aber wute genau, wen er vor sich hatte.

Als Kirchei zurckgekehrt war, verlieen wir diese kitzliche Ecke. Wir
waren nun wieder auf hoher See und sahen 13 Tage lang kein Land. Trocken
ist das Boot nie mehr geworden.

Die furchtbarste Leidenszeit sollten wir jetzt auf dieser Fahrt
durchmachen, schwere Kmpfe mit den Elementen, Tag und Nacht ohne
Schlaf, nur damit beschftigt, das Boot gegen das strmische Wetter ber
Wasser zu halten und das ins Boot schlagende Wasser mit Eimern wieder
auszuschpfen. Drei Tage lang fuhren wir durch ein Bimssteinfeld, das
durch einen unter Wasser liegenden Vulkan ausgeworfen war. Hier lag das
Ursprungsgebiet des Seebebens, das unsern Seeadler vernichtet hatte.
Unter diesem Bimsstein hatten wir insofern schwer zu leiden, als er
durch das ber Bord kommende Wasser mit ins Boot geschlagen wurde. Alles
war unbeschreiblich klatschna und von knirschendem Bimssteinsand
beschmutzt. Alles schwabberte im Wasser, und trotzdem regnete es immer
weiter. Wohl kann ich am Tage na sein, wenn ich abends eine Koje habe,
aber kein Dach und Fach! Der Krper rauchte infolge der Klte. Dazu als
Nahrung nur Wasser und hartes Brot. Wir verfielen tiefer Erschpfung.
Die Matratzen hatten wir lngst ber Bord geworfen, weil sie nicht mehr
trockneten. Am Tag brannte zwischendurch mal die heie Tropensonne auf
die Haut, und nachts besa man gegen die bittere Klte keinen anderen
Schutz als nasse Decken. Die Wasservorrte wurden knapp, und wir wagten
unsern Durst nie mehr zu lschen. Sogar den kstlichen Speck, den wir
mithatten, und nach dem wir frmlich lechzten, durften wir nicht mehr
anrhren, um den Durst nicht noch mehr zu reizen. Tantalusqualen! Und
dazu die weite Wasserflche, die uns mit ihrem kristallklaren Na
fortwhrend hhnte und an den Durst erinnerte. Regenwasser im Segel zu
sammeln, muten wir bald aufgeben, da das Segel durch den ewigen
Wasserdampf des Meeres ebenso salzberzogen war wie alles im Boot, und
nur brackiges Wasser hergab. Wir gewhnten uns unbewut an, an den
Fingern zu saugen und die Hand zu benagen, um den trockenen Gaumen, der
wie ein Reibeisen war, durch Speichel zu erfrischen. Eben erst genesen,
wurden wir wieder skorbutartig krank. Unsere Gelenke waren stark
angeschwollen, besonders die Kniegelenke. In einem Schiff, dessen
Kleinheit dem Krper die ntige Bewegung entzieht, verkommt man vllig
bei lngerem Aufenthalt. Stehen konnten wir nicht mehr. Die Zunge war
angeschwollen, das Zahnfleisch schneewei, die Zhne saen locker und
schmerzten, und damit sollte man dieses harte Brot kauen! Was htte man
fr eine warme Mahlzeit, ein trockenes Lager, ein wenig freie Bewegung
oder sonst eine bescheidene Erholung gegeben! Schlielich ist der Mensch
doch keine Amphibie. Groe Schmerzen litten wir auch, wenn beim Hin- und
Herschlagen des Bootes die stark angeschwollenen Kniegelenke anstieen.
Schwerer Druck von innen nach auen lag auf den Augen. Wir konnten nicht
mehr und wurden uns selbst zum berdru. Permien machte sich Striche am
Krper, und wir beobachteten, wie das Wasser von Tag zu Tag in den
Gliedern stieg und sich ausdehnte; wir bildeten uns ein: nur bis zum
Herzen geht es. Jeder sagte: Ich bin der erste, der geht. Wir waren so
mde und sollten immer wieder kmpfen! Wir wurden gleichgltig, warum
sollten wir uns anstrengen, das bichen Leben zu retten? In solchen
Tagen zieht man den Tod vor, und wie wir schon das Ballasteisen
hervorholten, denn wir wollten alle sterben, da war doch einer stark,
und dieser eine ergriff unsern Trster, unsern Fritz Reuter. Wie
erfrischt uns der Humor, und der Mut kommt wieder: Ne, wi wllt wedder
to Hus, wi wllt nich dod gahn. Der Gemtskranke ist wie ein Kind; das
Buch hat ihm wieder die Heimat gezeigt, unermeliches Heimweh
durchstrmt ihn und lenkt ihn von der Todessehnsucht ab. Ein Lichtpunkt!
Nur heim zu dem Land, das solche Menschen hervorgebracht hat. Eine
gewisse Umnachtung war eingetreten. Klar denken konnte man nicht mehr,
das Gehirn war wie ein Baumwollknuel. Richtigen Schlaf gab es nicht
mehr, aber fortwhrend nickte man ein, auch wenn man am Steuer sa. Man
lebte in einer ganz andern Welt. Nur eines ging immerzu fort, der Trieb,
gute Reise zu machen, nur keinen Wind unausgentzt zu lassen, keine
Stunde zu verlieren. Immer weiter, immer weiter! Jede Stunde brachte uns
der Erlsung nher. Und weiter kmpften wir.

Da kommt eines Morgens die kleine englische Insel Niue in Sicht. Wir
muten uns frische Nahrungsmittel verschaffen, wenn wir nicht umkommen
wollten. Es ist immer ein Ereignis, wenn sich ein Boot einer Insel
nhert. Wir sehen, wie die Eingeborenen den Landungsstellen zustrmen,
machen ein Maschinengewehr klar, legen Gewehre bereit und heien vor
allem die deutsche Kriegsflagge. Bei allen Versenkungen hatten wir keine
Waffe gebraucht, nur der Respekt vor unserer Flagge war es, der die
Feinde auf die Knie zwang. Warum also schieen, warum Waffen anwenden,
wenn wir sie bisher nicht gebraucht hatten? Die Leute am Landungssteg
knnen die Flagge noch nicht recht erkennen. Vorsichtig steuern wir an
und bleiben in einem gewissen Abstand liegen. Nun erkennt die Menge die
deutsche Flagge, und wie erstaunt sind wir, als sie rufen: Ihr
Deutsche, ihr groes, herrliches Volk, kommt herber zu uns, ihr kmpft
ja gegen die ganze Welt! Wir sind auch Krieger, aber wir haben nicht mit
allen Inseln gegen eine gekmpft. Sie zeigten auf einige Leute, die
abseits standen: Hier unsere Kameraden sind mit groem Klimbim von der
Insel heruntergeholt worden, um gegen euch zu kmpfen. Als sie aber das
Westfrontklima nicht vertragen konnten und Krankheiten bekamen, von
denen sie keiner heilen kann, sind sie als Nummern zurckgeschickt
worden.

  [Illustration: Vulkanische Sdseeinsel. Die Lava tritt ins Meer.]

Man mu die Eingeborenenseele kennen, um zu verstehen, warum sie so
deutschfreundlich waren. Diese oft so edlen Rassen, die aber seit
Menschenaltern unter Fremdherrschaft stehen, haben selbstverstndlich
gegen ihre Beherrscher vieles auf dem Herzen. Sie hegten eine natrliche
Achtung vor uns als dem groen Feind der Englnder. Dazu kommt, da der
Eingeborene als Gentleman-Krieger empfindet und einen hochentwickelten
Sinn fr die Kriegerehre und fr den Kampf Mann gegen Mann hat. Die
Hetzjagd der ganzen Welt gegen das umstellte deutsche Volk verletzte
sozusagen ihr sportliches Gefhl, und zugleich erhhte es unser Ansehen,
da wir uns so gewaltig wehren konnten. Die Schwarzen waren ber die
Weltereignisse erstaunlich gut unterrichtet. Abends kommen sie zusammen
und palavern, die Alten erzhlen. Sie haben gehrt, Amerika,
Frankreich, England, Australien, Neuseeland, alles kmpft gegen
Deutschland, _all, all people_, und dann denken sie, so ein Land wie
Deutschland msse doch in kurzer Zeit zerquetscht werden. Aber sie hren
von ihren Leuten, die krank zurckkehren, da die Deutschen immer noch
tief in Frankreich stehen, und es sind schon Jahre. Da werden sie
mitrauisch und machen sich ihre Gedanken. Nun taucht da auf einmal ein
deutsches Schiff auf, sie sehen die deutsche Flagge und fragen sich:
Was, die Deutschen kommen bis hierher? Sie sind gar nicht erstaunt,
da wir in einem kleinen Boot kommen. Sie nehmen es als
selbstverstndlich an; wenn ein Volk gegen die ganze Welt kmpft, mu
jeder kleine Kahn verwendet werden. Gerade in denselben Wochen ereignete
sich auch der denkwrdige Besuch eines deutschen Fliegers ber Sidney;
es war Wlfchen, das Flugzeug, welches Wolf, der zweite deutsche
Hilfskreuzer in der Sdsee neben Seeadler, zum Besuch der
australischen Hauptstadt aufflattern lie. Die Beunruhigung der
Englnder durch diese Allgegenwart der Deutschen -- haben sie doch sogar
die Existenz Wlfchens durch die Zensur ableugnen lassen -- erhhte
nur die stille Freude der Eingeborenen.

Wir sehnten uns unsglich, in Niue an Land zu kommen, aber eins hielt
uns zurck: Das Volk, das uns Deutsche so bewundert, soll seinen ersten
Eindruck von den Deutschen bekommen, wie sie auf Krcken lngs rutschen?
Ne, as Krppel goht wi nich an Land. Sitzend nahmen wir die
Huldigungen entgegen und verheimlichten, da wir nicht stehen konnten.
Wir baten nur um etwas Frisches und sagten, da wir nicht kommen
knnten, da wir Befehle htten, anderswohin zu fahren. Sie brachten
Bananen, die Frucht, die am gnstigsten gegen unser Leiden wirkte. Wir
dankten ihnen, dippten mit klammen Fingern unsere Flagge und unter
Jubelzurufen gingen wir wieder in See. Gott sei Dank, Bananen, etwas,
was man mit den losen Zhnen beien konnte. Bald merkte man, da der
Krper wieder etwas Frische bekam, und langsam ging das Leiden zurck.
Das Suchen nach feindlichen Schiffen, die Hoffnung, endlich ein
Kaperziel zu finden, trieb uns weiter und bewahrte uns vor der
Verzweiflung.

Am 22. Tag unserer Fahrt steuerten wir eine stliche Insel der
Fidschigruppe, Katasanga, an, und endlich nach dem vielen Sitzen und
krank von Rheumatismus konnten wir uns wieder auf festem Land frei
bewegen.

In dem zurzeit unbewohnten Haus des weien Plantagenleiters fanden wir
unter anderem eine alte Nummer der deutschen Auslandszeitschrift Das
Echo und empfanden beim Durchblttern wieder einmal die ganze Gre und
Ausbreitung unserer Weltstellung bis zum Krieg. Als der Krieg ausbrach,
scheint der deutsche Pflanzer verjagt worden zu sein; er soll sich an
einer wilden Stelle der Insel versteckt gehalten haben. Seine englischen
Nachfolger haben das Haus traurig verwahrlosen lassen. Trotzdem war uns
darin zwei Tage himmlisch wohl.

Von hier aus setzten wir unsere Reise fort nach dem Gebiet der groen
Fidschiinseln. Wir lagen geschtzt in einem Golf, der von Inselgruppen
umgeben war. Es war abends. Da wir den Tag abwarten wollten, um den
Schiffsverkehr auszusphen, machten wir die Segel fest, legten uns vor
Seeanker, lieen uns treiben und schliefen endlich einmal aus. Morgens
um drei Uhr weckt uns Krause mit einem Schreckensruf: Wir werden aufs
Riff geworfen! Wir stolpern auf und sehen die weie Brandung wie eine
Mauer vor uns. Rettung schien unmglich; wir waren durch die Strmung
schneller getrieben, als wir vor Seeanker annahmen, und sahen den
Untergang vor Augen. Das einzige war, mit dem Segel etwas zu versuchen.
Indes stand der Wind gegen Land. Trotzdem setzten wir die Segel; hchste
Spannung: Kommen wir klar? Lt die Strmung, der Winddruck und der
Grundri des Riffs unser Hasardspiel gelingen? Immer nher treiben wir
der tosenden Brandung, Wind und Strmung sind gegen uns. Keiner spricht
ein Wort, jeder sieht schon in den gurgelnden Wirbeln das Boot wie einen
Spielball umgedreht und zerschmettert ber die Korallen getrieben. Da,
im letzten Augenblick, winkt uns Erlsung; das Riff hebt sich nicht in
gerader Linie, sondern biegt kniefrmig ab. Das war unsere Rettung, und
wir konnten uns freisegeln.

Als wir dicht unter Wakaya-Insel Landschutz suchten, wurden wir von Land
gesichtet, und ein Boot fuhr uns entgegen, um uns Schiffbrchigen Hilfe
zu bringen. Wir muten also anlegen. Im Hafen fanden wir eine Anzahl
Schiffe, die des Sturmes wegen vor Anker lagen. Nun hatten wir die
Erklrung dafr, weshalb uns drauen keines der ersehnten Fahrzeuge
begegnet und unsere mit so ungewhnlicher Anstrengung unternommene
Kriegsfahrt bisher ohne Erfolg geblieben war. Nun lagen wir also zum
vierten Male in feindlichem Gebiet.

  [Illustration:
  ... Im letzten Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die des Sturmes
  wegen vor Anker lagen.]

Wir wurden ausgefragt und logen allerlei. Ich glaube, wir haben diesmal
im Lgen die neuseelndischen Zeitungen bertroffen. Die Eingeborenen
waren nicht mitrauisch, wohl aber ein Halbblut, der uns immer
verzwicktere Fragen stellte und geschickt eine Verschwrung gegen uns
einfdelte. Des Sturmes wegen waren wir gezwungen, an Land zu bleiben.
Als ich mit Kirchei auf einem vom Regen aufgeweichten Waldweg spazieren
ging und unsere miliche Lage besprach, kam uns ein Weier
entgegengeritten, der vor Aufregung ganz fahl unsern Gru nur kurz
erwiderte. Er war, wie wir spter erfuhren, von dem Halbblut
benachrichtigt worden, dieser htte einen Trupp Deutscher gefangen. Das
auffllige Wesen des Reiters veranlate uns, sofort umzukehren. Am
Strand hrten wir, da soeben ein Kutter den Hafen verlassen hatte. Wie
wir spter erfahren haben, sollte er die Behrden von unserer Ankunft
benachrichtigen.

Ein abendliches Zechgelage mit dem Weien und dem Halbblut, wofr wir
schweren Herzens unseren letzten Rum opferten, lste beiden die Zunge.
Der Weie insbesondere wurde ganz vertrauensselig, kriegte sich mit dem
Halbblut in die Haare und erzhlte uns lachend, der htte uns fr
Deutsche erklrt. Kirchei und ich schliefen danach schwer und steif wie
die Kltze im Haus des Englnders, whrend unsere vier Kameraden im
feuchten Boot wieder eine frchterliche Nacht durchwachten. Am andern
Morgen machten wir sofort alles seeklar, um beim ersten gnstigen
Augenblick ausfahren zu knnen. Gegen 11 Uhr war es so weit, da wir in
See gehen wollten; wir bemerkten, da auch die Segler sich seeklar
machten. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Hndedruck von unseren
Wirten, die anscheinend alles Mitrauen verloren hatten, und lichteten
den Anker wenige Minuten, nachdem die beiden grten Segler den Hafen
verlassen hatten. Da setzte eine schwere Regenbe ein, trieb die beiden
Segler in den Hafen zurck und ntigte uns, noch fr eine zweite Nacht
Unterkunft zu erbitten. Unsere Leute, denen diesmal ein Stall angeboten
war, mochten sich vom Boot nicht trennen, so ungemtlich es darin war.
Wir bedauerten unsere Kameraden, aber es war gut, da sie dort blieben,
denn in der Nacht wurde durch geheimnisvoll aus dem Wasser auftauchende
und wieder verschwindende Gestalten zweimal der Versuch unternommen,
unser Boot zum Stranden zu bringen.

Gegen Abend kommt ein wundervoller Zweimastschoner mit Motorkraft in den
Hafen eingelaufen. Kirchei und ich, gerade von unserm Spaziergang
zurckgekehrt, fassen augenblicklich einen Entschlu. Welch wundervolles
Schiff! Das wird unser. Wollen wir es gleich kapern oder wollen wir
warten bis morgen frh, bis es Tag ist? Wir gingen an Bord unseres
Bootes und hielten Kriegsrat. Man kam zu der bereinkunft, da es das
beste sei, wenn Kirchei zunchst an Bord des Schiffes fhrt und dem
Kapitn vorstellt, da wir Amerikaner von einem amerikanischen Dampfer
sind und ihn bitten, uns als Passagiere mitzunehmen. Denn unsere Absicht
war in Wirklichkeit die, auf hoher See das Schiff zu kapern. Kirchei
fhrt hinber.

Der Kapitn des Schoners ist mit allem einverstanden und teilt mit, da
wir am nchsten Morgen um 3 Uhr an Bord sein sollen. Wir packen alle
unsere Waffen und Uniformen in Zeugscke und verschnren sie gut.

Am nchsten Morgen fahren wir rber. Wir laden unser Zeug von dem Boot
in den Schoner. Jeder schmunzelt versteckt ber das herrliche Schiff,
das wir jetzt unter unseren Fen haben, den wundervollen Salon, die
Kombse, Kojen, ein Dach wieder ber uns, ein Deck, worauf man laufen
kann. Und dann der Gedanke, wie werden sich unsere Kameraden auf der
Insel freuen, wenn wir mit diesem feinen Fahrzeug ankommen, das auerdem
zwei ganz neue Motore hat, die uns ermglichen, den Kreuzerkrieg von
neuem fortzusetzen. Man kann verstehen, wie gro unsere Freude war. Wir
knnen nicht erwarten, bis das letzte Glied der Ankerkette hoch ist, bis
wir auf See sind und der Augenblick kommt, wo wir uns dem Kapitn und
der Besatzung als Deutsche vorstellen und die deutsche Flagge heien.

Wie wir uns so auf unseren knftigen Kreuzer freuen, tritt ein neues
Ereignis ein. Ein groer Dampfer hat Kurs auf die Hafeneinfahrt. Hallo,
was soll der Dampfer? Unser Kapitn sagt, er wird wohl den Eigentmer
der Insel hier herber bringen. Des schlechten Wetters wegen ist kein
anderer Verkehr mglich. Der Dampfer fhrt ein, lt ein Boot zu Wasser
und ein Offizier und vier indische Soldaten steuern auf uns zu. Was nun?
Unsere Uniformen sind fest verschnrt in Zeugscken. Es wre ein
Leichtes gewesen, den Offizier, der der einzige war, welcher einen
Revolver bei sich fhrte, whrend die indischen Polizeisoldaten nur
Bajonette hatten, mit einer Pistole ber den Haufen zu schieen oder
eine Handgranate ins Boot zu werfen. Niemals hat es uns sonst wohl an
dem Entschlu gemangelt, doch in diesem Augenblick, da wir gegen unsere
Ritterlichkeit handeln sollten. Wir sind Offiziere und Mannschaften der
deutschen Marine, in Zivil berrascht, was sollen wir tun? Wir schieen
nicht als Heckenschtzen. Dieselbe psychologische Hemmung, der wir
unsere unblutigen Erfolge verdankten, da sich ein Mann in Zivil niemals
gegen eine Uniform zu vergreifen wagt, wandte sich diesmal gegen uns.

Als der Polizeioffizier herankommt, uns verhaften will und fragt, wer
wir seien, stelle ich mich ihm vor als Kommandant des Seeadler mit
einem Teil meiner Besatzung. Wie wurde der Mann schneewei; wie zauderte
er, nher heranzukommen, und dabei waren wir doch so heruntergekommen
durch Hartbrot und Wasser, so entkrftet durch die Fahrt im Boot. Im
Augenblick, da unsere Kreuzerfahrt neu beginnen sollte, war sie jh zu
Ende.




Fnfzehntes Kapitel.

Im Zuchthaus.


Gefangengenommen! Nach so viel Strapazen und Listen in einem Augenblick
endlichen Erfolges gefallen, weil wir in Zivil nicht auf den Feind
schieen konnten!

Nachdem wir uns dem Offizier als die Leute vom Seeadler zu erkennen
gegeben hatten, sagte er: _All right_, Sie haben sich einen Namen gemacht
und werden eine anstndige Behandlung finden. Ich bin ein Brite. Das
Wort Brite betonte er besonders.

Die alte Stewarde auf dem Dampfer Amra aber gewhnte uns gleich an
andere Tne. Sie fing an zu schimpfen: Seht einer an, diese Hunnen
machen unser sauberes Deck schmutzig, und die Schwarzen sollen es dann
wieder schrubben. Die Hunnen mten schwarz angemalt werden, und ich
wre immer noch lieber ein Schwarzer als so ein Deutscher. Schiffe mit
Frauen und Kindern versenken, das ist alles, was sie knnen. Am liebsten
wrde ich euch alle vor dem Frhstck totschieen. Die ganze Hetzarbeit
unserer Feinde sprach aus dieser einfltigen Frau.

Abends kamen wir in Suva an. Die ganze Stadt war in Bewegung; eine
Eskorte von 100 Soldaten stand bereit, und unter ihrer Bewachung
marschierten wir sechs arme Mpels unserm Asyl zu. Rings kreischt und
schimpft die Menge der weien Kolonisten, whrend doch der Farbige mit
stiller Bewunderung auf uns sieht.

Wir kamen nicht gleich ins Zuchthaus, sondern zunchst in ein
sogenanntes Bleibehaus fr Eingeborene. Dieses Gebude, von einem
englischen Gouverneur gestiftet, diente dazu, den Eingeborenen, wenn sie
von den verschiedenen Fidschiinseln zusammenkamen, Unterkunft zu
gewhren. 25 Mann Bewachung waren dauernd um das Haus, vor den Tren,
vor den Eingngen, vor den Fenstern, eine Verschwendung von Militr fr
so ein paar Kriegsgefangene. Zunchst hatten wir einen anstndigen
Kommandanten, Leutnant Woodhouse, ein Zivil-Bankbeamter, der uns gut
behandelte. Wir bekamen ausgezeichnetes Essen und ruhten uns aus. Beim
Verhr am ersten Morgen erzhlte ich einen Roman, um die Spur von
unseren Kameraden in Mopelia abzulenken. Meine Leute verweigerten
verabredungsgem jede Auskunft, um einander nicht zu widersprechen.
Unsere Bcher hatten wir in die See geworfen, mit Ausnahme von einem,
das bald erwhnt werden mu.

Der Wachoffizier, der uns manche Freiheit gestattete, wurde
wahrscheinlich deshalb bald durch einen Hauptmann Whitehouse abgelst.
Ich erwhne ihn hier deshalb, weil er, der in einer ziemlich
lcherlichen Angst nie anders als mit der Hand am Revolver mit uns
sprach, sich sehr wenig ritterlich gegen uns benommen hat. Er kommt
eines Tages zu mir und sagt: Herr Graf, machen Sie sich fertig, General
Mackenzie will Sie sehen.

General Mackenzie? Meine Leute auch?

Jawohl.

Ich sage: Jungs, macht euch tadellos in Ordnung, heute nachmittag 4 Uhr
sollen wir zum General Mackenzie.

Wir waschen unser Zeug, lassen es am Leibe trocknen (wir hatten ja nur
noch die eine Garnitur), damit wir als deutsche Soldaten sauber vor dem
General erscheinen. Um 4 Uhr werden wir auf ein Viehautomobil verladen,
worauf noch der Mist lag. Sonderbar! Im Viehautomobil zum General?
Whitehouse sitzt vorn und hlt sich am Revolver fest; sieben Mann fahren
mit zur Bewachung. Wir sind gespannt, wo das hingehen soll. Auf einmal
halten wir vor einem Gebude, umgeben von sechs Meter hohen Mauern. Was
ist das? Das Tor wird aufgemacht ... wir blicken in das Zuchthaus von
Suva. Ein Kolonialzuchthaus mit chinesischen, indischen Verbrechern. ...
Ich frage den englischen Hauptmann: Sie Feigling! wohnen bei euch die
Generle in Zuchthusern oder haben Sie nicht so viel Mumm in den
Knochen, uns die Wahrheit zu sagen? Ist das britisch? Dann pfui Teufel!
Die Gefangenen, die sich nach dem Eingang drngen, staunen uns an: Was,
Europer, Weie kommen hier herein? Was mssen das fr Verbrecher sein!
Wir reien uns zusammen und stolz marschieren wir in den Zuchthaushof
hinein. Verchtlich blicken wir weiter: Zellentr an Zellentr, und ein
weiches, gelbliches Gesicht grinst uns hhnisch entgegen mit den Worten:
Heh, bei mir kommt ihr nicht wieder raus. Wir protestierten gegen
diese vlkerrechtswidrige Behandlung von Kriegsgefangenen, aber der
Zuchthausdirektor bezog sich auf seine Befehle; und so marschierten wir
hinein in die khlen, feuchtnassen Gnge. Eisentren werden
aufgeschlossen und jeder verschwindet in seiner Zelle. ... Hah, dank
deiner Ritterlichkeit, da du Gefangener bist. Als der Riegel fllt und
der Schieber vorgeschoben wird, da luft es einem kalt den Buckel
herunter. Da ist man allein, die Jungs, die letzten Jungs sind einem
genommen.

Nur ein Betonfuboden; keine Gitter vor den Fenstern; sie brauchten es
nicht, sie sind so schmal, da kaum ein halber Manneskopf hindurchgeht.
Aber niemals ist man mehr Deutscher gewesen, als im Zuchthaus von Suva.
Wie wohl tut es, als der erste Sonnenstrahl ins Fenster kommt, der
Strahl, der vor zwlf Stunden den Lieben in der Heimat geschienen, der
die Kameraden im Schtzengraben gegrt hat. Man griff nach diesem
Sonnenstrahl und war so dankbar. Aber nur kurze Zeit whrte dieser
Trost, und in der Zelle dunkelt's. Wie fhlte man sich einsam, denn das
Liebste war einem ja genommen, die Gefhrten der Bootsfahrt. Aber so
leicht, wie es der Feind sich gedacht hatte, Deutsche voneinander zu
trennen, sollte es ihm doch nicht gelingen. Als aus Permiens Zelle
pltzlich die Harmonika erklang, da sangen wir alle mit, und aus
vereinten Mnnerkehlen brauste Stolz weht die Flagge schwarz-wei-rot
durch das elende Haus. Dann stimmten wir an Wenn die Liebe nicht wr',
das Herz wr' so d' und leer, dann wieder die Wacht am Rhein und so
immer umschichtig fort bis um 2 Uhr morgens, ein deutscher
Gesellschaftsabend in englischen Einzelzellen. Die Ronde kam und verwies
uns vergeblich zur Ruhe. Wir sangen fort, bis wir mde auf unsern kalten
Betonfuboden niedersanken und von der Heimat trumten. Ungeachtet
meiner Proteste dauerte dieses Leben acht Tage fort. Unsere Bewachung
verriet eine auerordentliche Angst, da wir heimlich ber Flgel oder
sonst bermenschliche Krfte zu etwaigen Fluchtversuchen verfgen
knnten. Sehr interessant waren aber die Bekanntschaften, die wir unter
den verstndnisinnigen Mitzuchthuslern von Halbblutrasse machen
konnten. Weie in einem tropischen Zuchthaus! Wir Deutsche sind ja so
gerecht gegen unsern Feind; deshalb sei hinzugefgt, da vielleicht
nicht die Absicht war, uns zu qulen; jedenfalls wollte man aber diese
paar Exemplare deutscher Kriegsgefangener in der Sdsee ohne Rcksicht
auf Sitte und Vlkerrecht ihrem Seltenheitswert entsprechend fest
verankern.

Als wir bereits acht Tage hier waren, kam eines Morgens Hauptmann
Whitehouse zu mir. Er war besonders freundlich und entgegenkommend; ich
merkte, da etwas in der Luft lag. Er meldete mir, ein japanischer
Admiral wnschte mich zu sprechen. Ich sage: Ihnen soll ich glauben?
Das ist dieses Mal wohl ein japanischer Mackenzie? Schicken Sie mir
einen andern Offizier. Eine halbe Stunde spter kommt ein Leutnant, der
mir nochmals versichert, ich wrde zu dem japanischen Kreuzer Izuma
gebracht. Mitrauisch machte ich mich zurecht. Mittags um 2 Uhr ging ich
in Begleitung dieses Leutnants durch den Hof des Zuchthauses nach dem
Landungssteg. Welches Gefhl, wieder freie Luft zu atmen, weiter sehen
zu knnen als die engen Gefngnismauern! Tatschlich, im Hafen lag ein
herrlicher Kreuzer. Am Landungssteg legt ein Ruderboot mit japanischer
Flagge an; ein Offizier im Boot salutiert. Ich nehme neben ihm Platz.
Der englische Offizier und zwei Soldaten gehen mit uns. Am Fallreep des
Kreuzers waren alle Offiziere zur Begrung des Zuchthuslers an Deck
angetreten. Der Admiral empfngt mich, drckt mir die Hand mit den
Worten: _I admire you, what you did for your country._ (Ich bewundere
Sie, was Sie fr Ihr Land getan haben.) Er stellte mir seine Offiziere
vor, zu denen er etwa folgende Worte spricht: Das ist der Mann, den wir
drei Monate Tag und Nacht gejagt haben, und zu mir gewendet: Ich
bedauere es, da wir Sie in dieser Lage hier treffen und da wir uns
nicht, wie unser aller Wunsch war, in einem frischen, frohen Gefecht
begegneten. Ich bedauerte meinerseits, nicht in seiner Gefangenschaft
zu sein, was ihn etwas erstaunte, da er vom Zuchthaus nichts ahnen
konnte. Es fiel mir aber auf, wie khl und steif die Japaner mit dem
englischen Offizier verkehrten im Gegensatz zu der Art, die sie mir
gegenber an den Tag legten. Die feierliche Hflichkeit des Ostasiaten
und die leider so platonische Sympathie der Japaner fr Deutschland
gaben mir ein Fest, das mir im Gedanken an meine Jungs wohl tat. Die
englischen Posten, die mich an Deck begleiten wollten, wurden
zurckgeschickt. Der Admiral lud mich in seinen Salon ein, der nach der
Zelle wie ein Palast wirkte. Zigarren, Zigaretten, Portwein und eine
Flasche Champagner standen da. Der Admiral legte mir zwei japanische
Bcher vor, eines mit dem Titelbild der Emden, das zweite mit der
Mwe. Er bltterte darin: Das htte er alles selbst geschrieben. Ein
drittes Buch war leer: Da will ich etwas von euch hineinschreiben. Wir
lernen von euch, und ich schreibe fr unsere Jugend. Das ist Sitte in
unserm Lande. Was Mnner fr ihr Vaterland leisten, daran soll sich
unsere Jugend begeistern. Wollen Sie mir etwas Material geben von Ihren
Erlebnissen?

Gern.

Nur eine Frage zuerst: Sind Sie mit Ihrem Schiff aus einem neutralen
Hafen Amerikas, Argentiniens oder Chiles ausgelaufen?

Nein, wir kommen aus der Heimat. Verkappt als Norweger, und auerdem
anderthalb Stunden untersucht vom Feind.

Untersucht von den Englndern?

Jawohl!

Ein vergngtes Lcheln erhellt das Gesicht des Kommandanten und des
ersten Offiziers, der zugegen war.

Dann wurde ich von dem Admiral bei einem Glase Champagner etwas
ausgehorcht. Er wollte herausbringen, wo unsere Seeadler-Mannschaft
sich befnde, und fragte mich, ob ich ihm sagen wrde, wo ich gekreuzt
htte. Jawohl, vorausgesetzt, da er mir sagen wrde, wo er mich
vermutet und gejagt htte. Eine groe Karte wird aufgerollt, auf der er
mir die Stellen zwischen Neuseeland und Chatam zeigt. Man konnte
deutlich an den abgesetzten Kursen sehen, da der Kreuzer sich hier
tatschlich aufgehalten hatte.

Hier bin ich drei Monate mit 20 Meilen Geschwindigkeit hin- und
hergejagt, sagte der Admiral.

Ich sah weniger auf die Stelle, wo er gekreuzt hatte, sondern blickte
besorgt nach der Insel Mopelia auf der Karte, denn hier war ein Kreis um
die Insel geschlagen. Der Feind wute, wo meine Jungs waren. Wie ich von
einem meiner Leute erfahren hatte, war bei der Gefangennahme ein
Tagebuch verlorengegangen, abgeschlossen: In Mopelia aufgelaufen, 2.
August. Glcklicherweise war aber darin nicht erwhnt, da Seeadler
total verlorengegangen und ferner nicht, da unser letztes Schiff, das
wir gekapert hatten, der amerikanische Viermastschoner Manila,
versenkt worden war. Diese beiden Faktoren jagten durch mein Gehirn.
Hiermit kannst du etwas machen, kannst die Leute retten. Da fragte der
japanische Admiral: Wo ist Seeadler?

Der ist verlorengegangen.

So? Wobei?

Ich holte etwas weiter aus und erzhlte ihm, wir htten bei der Insel
Mopelia gelegen, um uns frischen Proviant zu besorgen. Die Manila
htten wir noch mit uns gehabt. Durch Umspringen des Windes wren wir an
das Korallenriff gestoen und htten ein Leck unter Wasser bekommen. Um
das Leck zu dichten, sei viel Material an Land gebracht und das Schiff
gekrngt (bergelegt) worden. Dann wren wir von hier weitergefahren,
aber beim Wiedereinpacken der Sachen in den unteren Rumen msse durch
Unvorsichtigkeit ein entleerter ltank Feuer gefangen haben. Der
Seeadler htte angefangen zu brennen. Es wre uns kaum Zeit geblieben,
das Allernotwendigste zu retten und auf die Manila berzusteigen.

Da fragte der Admiral: Wo ist die >Manila<?

>Manila<? Bei Mopelia.

Ja, weshalb sind Sie dann mit Ihrem Boot hierher gekommen? Sie hatten
doch die >Manila<.

Ein Gedanke scho mir blitzschnell durch den Sinn. Ich erwiderte, wir
htten uns jetzt auf zwei Schiffe verteilen mssen, da die
amerikanischen Schoner nur Wasser fr etwa 15 Mann htten und auch die
Unterkunftsrume zu eng gewesen wren. Das schien ihm einleuchtend, aber
schmunzelnd sagte er dann: Graf, Sie sind doch jetzt der Gefangene, und
wir Japaner sind doch nicht ganz so dumm zu machen. Ihre >Manila<, die
liegt nicht in Mopelia. Sie sind mit ihr nach hier gefahren; und haben
mit dem Boot versucht, innerhalb der Inselgruppen ein zweites Schiff zu
kapern, denn das scheint mir wahrscheinlicher, als da Sie mit einem
solchen kleinen Boot ber den Ozean gegangen sind. Also, innerhalb drei
Tagen werde ich Ihre >Manila< finden.

Das war wieder einer, der die Wahrheit nicht vertragen konnte. An
die Mglichkeit unserer wahren Bootsfahrt wollte er nicht glauben,
und da kam ihm die von mir hinzugedichtete Manila ganz gelegen, um
mich der Unwahrhaftigkeit hinsichtlich der Bootsfahrt zu zeihen!
Meine Odysseuserzhlung erfllte also ihren Zweck. Denn in der Tat
hat er und die ganze brige Flotte, die hinter uns her war, die
Seeadler-Mannschaft nicht in Mopelia gesucht. Die Wahrheit hat sich
hier als die beste Verschleierung erwiesen. Was ich im Augenblick
hinzudichtete, hatte sich aus dem Verlauf der Unterhaltung ergeben,
war nicht durch besondere berlegung und Geistesgegenwart bewirkt. Ich
hatte nur das eine Ziel vor mir gesehen: Wie mache ich es, da der
Japaner nicht mit dreiig Meilen raufsaust und mir meine Jungs noch
gefangennimmt? Jetzt wute ich den Verdacht von Mopelia abgelenkt.

Der Japaner fragte mich dann noch nach der Schlacht am Skagerrak und
konnte nicht genug hren. Ja, so ist es, bemerkte er, wieder ein
geschichtlicher Beweis dafr, da die kleinere Flotte der greren
berlegen ist. Eure Organisation, eure Wehrmacht ist so hervorragend,
und wir mssen euch bewundern, aber eins knnen wir nicht verstehen, da
ein Land, wo soviel Intelligenz vertreten ist, so schlechte Politiker
hat. Wundert ihr euch denn nicht selbst in eurem Lande, da die ganze
Welt gegen euch kmpft, habt ihr euch nie gefragt, >warum<? Was habt ihr
gesagt, als Japan euch den Krieg erklrt hat? Im Verlauf dieses
Gesprches versicherte er mir, da die japanische Politik nicht darauf
ausgegangen wre, uns zu bekmpfen, sondern neutral zu bleiben und
dadurch Amerika aus dem Kriege zu halten. Da Amerika selbst rste und
eine so groe Wehrmacht bekme, wre eine fr Japan hchst unerwnschte
Folge unseres Krieges. In seinem gebrochenen Englisch erklrt er mir
weiter, das japanische Auswrtige Amt htte dem deutschen Botschafter im
August 1914 nahegelegt, bei seiner Regierung anzufragen, ob Deutschland
fr die japanische Staatsschuld gutsagen wolle. Als hierauf von
deutscher Seite gar keine Antwort erfolgt sei, htte der englische
Botschafter mit seinem Anerbieten leichtes Spiel gehabt.

Dann mute Abschied genommen werden und es ging wieder ins Zuchthaus
zurck, aber nur noch fr zwei Stunden. Im schmutzigen Zwischendeck des
Dampfers Talune ging es nach Neuseeland, wo man uns ein bleibendes
Heim bestimmt hatte.

       *       *       *       *       *

Bevor ich weitererzhle, mu ich nun jedoch von dem Schicksal der
Seeadler-Mannschaft berichten. Unsere Leute, die auf der Insel Mopelia
zurckgeblieben waren, merkten an den vielen chiffrierten Funksprchen,
die sie mit ihrer drahtlosen Telegraphie auffingen, und die alle an
Marine-Attachs gerichtet waren, da ihr Kommandant gefangengenommen
war. Sie frchteten nun stark, ihr Aufenthalt knnte dadurch bekannt
werden, und wollten deshalb auch nicht mehr in dieser Gegend bleiben.
Sie begaben sich an die Arbeit, ein Boot wieder seetchtig zu machen,
aber dabei kamen ihnen doch Bedenken, in solcher Nuschale mit 58 Mann
loszufahren, und sie glaubten kaum, da sie einer Gefangennahme entgehen
knnten.

Eines Morgens kam fern am Horizont ein franzsischer Segler in Sicht.
Der Kapitn sieht voraus klar, da ein Segelschiff auf dem Korallenriff
liegt, und er ruft seinen Steuermann:

Steuermann, liegt dort nicht ein Wrack?

Der Steuermann besttigt es.

Als wir vor einem halben Jahr hier vorbeifuhren, haben wir das aber
doch nicht gesehen! Da mssen Schiffbrchige sein. Wir wollen darauf
zuhalten!

Mittlerweile sieht Kling den Segler ankommen. Eine freudige Begeisterung
bricht los: Da kommt ja 'n Schipp, da brauchen wir ja unsere alten
Boote gar nicht. Sofort machen sie ein Boot klar, vier Mann an die
Riemen, sechs Mann in Uniform legen sich platt auf den Boden, bis an die
Zhne bewaffnet. Der Kapitn des franzsischen Seglers sieht, da das
Boot kommt und sagt zu seinem Steuermann: Steuermann, da kommen ja
schon die Schiffbrchigen! Er freut sich, ein gutes Werk tun zu knnen,
heit sofort die Trikolore, damit die armen Schiffbrchigen sehen, da
ein Freund kommt und sie holt. Meine Jungs ruderten mit aller Kraft; der
Abstand verringert sich. Der Kapitn ruft ihnen zu: Leute, strengt euch
doch nicht so an, wir kommen ja! Die Fallreepstreppe wird
heruntergelassen, damit sie bequem an Bord kommen knnen. Das Boot geht
lngsseit. Schnell wie die Katzen entern die sechs deutschen Matrosen
auf und stehen an Deck. _Des Allemands, des Allemands!_ schreien alle
und halten die Hnde hoch. _Tout est perdu._ Der Kapitn steht wie vor
einem Rtsel. Was er am wenigsten erwarten konnte, das ist Wirklichkeit:
Die einzigen Schiffbrchigen hier in der Sdsee sind deutsche Matrosen,
und die befreit ein Franzose! Wie ist's mglich?

Jawohl, Kapitn, dort liegt unser Wrack; wir sind nun einmal Allemands,
daran ist nichts zu ndern; wir haben schon lange auf Sie gelauert. Dort
auf der Insel sind unsere Kameraden und auerdem noch 27 amerikanische
Gefangene!

Wie, eine Boches-Besatzung auf franzsischer Insel? Und wir wollten Sie
retten, verlieren unser Schiff, und die steuern in die Freiheit? ...

Der Kapitn sieht ein, da er die Rolle tauschen mu. Die Franzosen
werden hinbergesetzt auf die Insel; sie mssen jetzt die
Schiffbrchigen sein und meinen Jungs leuchtet wieder die Freiheit. Der
franzsische Segler Lutce wird umgetauft in Fortuna und Leutnant
Kling bernimmt die Fhrung. Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das
die Franzosen whrend des Krieges weggenommen hatten, und das nun durch
ein eigenartiges Spiel des Zufalls seinen rechtmigen Besitzern wieder
zukam.

  [Illustration:
  ... Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das die Franzosen
  weggenommen hatten.]

Der Segler war ein Handelsfahrer, der zwischen den Inselgruppen
herumfuhr. Seine Ladung bestand aus 500 Paar seidenen Damenstrmpfen,
seidener Unterwsche, Weizeug, Sonnenschirmen, Damenschuhen, Hten,
Korsetts, allerlei Parfms, Seifen, Herrenartikeln, Tropenhelmen, Tabak,
Pfeifen, Mandolinen, Schokolade und Konfekt in feinster Aufmachung,
feinen Biskuits, Fleisch und Milch in Konserven, getrockneten Frchten,
sonstigen Konserven und Kartoffeln, also eine Ausrstung, wie man sie
sich nicht besser wnschen konnte. Meine Jungs hielten es fr das
Richtige, selbst als Handelsfahrer loszusteuern und den ganzen Kram zu
verkaufen. Da aber zunchst ihr eigenes Zeug abgetragen war, so blieb
ihnen nichts brig, als sich aus den vorgefundenen Bestnden an
Damenwsche auszustatten.

Leutnant Kling hatte vor der Abfahrt unter einem verabredeten Baum eine
Flasche mit einer kurzen Mitteilung fr mich vergraben und darin die
Absicht ausgesprochen, nach Batavia zu segeln. Als er sich aber spter
sein Schiffchen angesehen hatte, kam ihm der Gedanke, um Kap Horn zu
segeln und die Rckkehr in die Heimat zu versuchen. Auf dem Weg nach
Batavia wren sie auch vor japanischen und amerikanischen Kreuzern nicht
sicher gewesen.

  [Illustration: Kapitn Alfred Kling, erster Offizier des Seeadlers.]

Am 5. September, 8 Uhr abends, stach die Fortuna in See, und zwar lie
Kling zuerst nach Westen steuern, um die gefangenen Herren der Insel zu
tuschen, und erst auf hoher See wurde der Kurs nach Sden gerichtet.

So steuerte das hochbeladene, lustige Warenhaus in die Sdsee hinaus,
gern bereit, die Bevlkerung durch das Seidenzeug, die feinen Seifen,
Sonnenschirme, Tennisschuhe, Taschentcher, Brillantine, Maggipatronen
usw. handeltreibend auf einen echt franzsischen Kulturstand zu heben.

Am 4. Oktober sichtete Fortuna die Osterinsel, wo Ausbesserungen am
Schiff vorgenommen, frischer Proviant und Wasserfsser gekauft werden
sollten. Beim Absteuern aber lief das Schiff auf einen unsichtbaren, in
der Karte nicht verzeichneten Felsen. Wieder hatten meine Jungs ihr
Schiff verloren und muten abermals versuchen, sich eine neue Heimat zu
grnden.

  [Illustration: ... Und verloren wieder ihr Schiff.]

Die Osterinsulaner, ein heiteres, bescheidenes, ungebunden lebendes
Vlkchen, die nur jedes Jahr einmal von der chilenischen Regierung
abgetragene Lumpen berschickt bekommen, freuten sich der niegesehenen
Herrlichkeiten, welche die schiffbrchigen Deutschen ihnen zum Dank fr
gewhrte Unterkunft anbrachten.

Mit groer Liebenswrdigkeit sorgte der chilenische Gouverneur fr
Unterbringung. Er stellte den Offizieren sofort ein Haus zur Verfgung,
whrend meine Jungs, auf die Htten verteilt, bei den Eingeborenen die
herzlichste Gastfreundschaft genossen. Jeder nahm sich ein Pferd von den
vielen Hunderten, die auf der Insel herumliefen. Auerdem gab es dort
sehr viel Rindvieh und groen Reichtum an Fischen und besonders an
Hummern. Fleisch war im berma vorhanden, dagegen gab es kein frisches
Gemse. Der Bedarf davon wurde halbjhrlich von einem chilenischen
Schoner in Konserven herbergebracht. Auch Brot gab es auf der Insel
nicht, doch hatten die Seeadlerleute ihr Mehl zu bergen vermocht.

Die Osterinsel ist die lteste Kultursttte der Sdsee. Im Innern und am
Rand eines ausgebrannten Kraters findet man noch heute gegen hundert
Kolossalstatuen von Gottheiten oder Helden, die von den ehemaligen
heidnischen Bewohnern der Insel in grauer Vorzeit errichtet und verehrt
wurden. Man steht vor diesen bis zu 15 Meter hohen Lavariesen
schlechthin wie vor gewaltigen technischen Rtseln. Ihre Gesichter sind
dem Ozean zugekehrt, wahrscheinlich sollen sie ansegelnde Feinde
schrecken.

  [Illustration:
  Man steht vor diesen hohen Lavariesen ...
  (Der Donnergott.)]

Whrend sich unsere Leute durch allerlei Arbeit und Spiel in traulichem
Verein mit der Eingeborenenschaft die Zeit vertrieben, Wettrennen,
Tanzvergngungen und Theatervorstellungen in einer deutsch-eingeborenen
Mischsprache veranstalteten, wurde der Gedanke, ein neues Schiff zu
kapern, doch nicht aus den Augen verloren.

Am 25. November passierte das erste Schiff, ein amerikanischer
Viermastschoner. Da Chiles Neutralittsauffassung Kling die Mglichkeit
zu Kaperungen offen zu lassen schien, wurde das Motorboot klar gemacht,
funktionierte aber nicht aus Mangel an Gasolin. Ein Segelboot wurde
aufgetakelt, um bei der nchsten Annherung eines feindlichen Schiffes
bereit zu sein.

Das nchste Schiff, das auftauchte, war aber der chilenische Schoner
Falcon, der -- vier Monate nach Fortunas Strandung -- Ladung brachte
und Fracht abholen wollte. Der Kapitn des Schiffes nahm die Besatzung
des Seeadler als freie Leute mit nach Chile, wo den Schiffbrchigen
ein jubelnder Empfang von den deutschen Kolonisten und den Chilenen
zuteil wurde. Aufs rhrendste hat die deutsche Kolonie weiterhin fr sie
gesorgt. Besonderer Dank gebhrt auch der chilenischen Behrde, die in
ritterlicher Weise dem vaterlndischen Fhlen und tapferen Ausharren
meiner Jungs ihre Anerkennung und Bewunderung aussprach.




Sechzehntes Kapitel.

Auf Motuihi.


Was wir auf dem Schiff und in allen mglichen bergangsgefngnissen
durch Gleichgltigkeit wie auch Bosheit des Wachpersonals oder der
anordnenden Stellen gelitten haben, wre bitter zu erzhlen. Ich will
aber nur einzelne Episoden herausgreifen. Kirchei und ich wurden von
unsern vier treuen Gefhrten getrennt. Ihnen ist auf Somes Island ein
hartes Los zuteil geworden unter dem qulerischen Lagerkommandanten,
Major Matthis. Dieser war als Turnlehrer wegen Mihandlung eines Kindes
vorbestraft und geistig nicht normal, dafr aber ein Freund des
Kriegsministers Sir James Allen.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  ... Kirchei und ich wurden von unsern vier treuen Gefhrten getrennt.]

Kirchei und ich wurden mit einem Motorboot nach Devonport zur Torpedo
Yard gebracht. Der Kommandant, Kapitn Kewisk, hatte sich zu diesem
Empfang extra beurlaubt und dem Unteroffizier, dem wir bergeben wurden,
befohlen, irgendwelche Beschwerden nicht anzunehmen. Die Art der
Englnder war uns ja aber schon zur Genge bekannt. Die Torpedo Yard ist
ein Teil der Hafenbefestigung Aucklands. In einen groen Minenschuppen
war eine Reihe kleiner Abteile eingebaut, die als Haft- und Arrestzellen
namentlich fr Deserteure und Maoris dienten. Man gab uns je einen
schmutzigen Strohsack und einige Decken und riegelte uns dann in diese
Zellen ein, aber so getrennt, da wir nicht miteinander in Verbindung
treten konnten.

Mandolinenklnge, deutsche Volkslieder sagten mir bald, da noch ein
Deutscher hier gefangen sein mte. Es schien, da die Tne aus der
gegenberliegenden Baracke kmen. Und da hrte ich dann, wie ein
Landsmann seiner Katze erzhlte, da unser Besuch seit acht Tagen
angemeldet wre und die ganze Besatzung in Aufregung versetzt htte, da
man aber glaube, der Seeadler knne nicht aus Wilhelmshaven kommen;
der Pirat wre wohl auf eigne Faust aus Sdamerika ausgelaufen. Die
Katze verstand offenbar schsisch; ich auch, und als ich dies durch
Ruspern kundgegeben hatte, fuhr die Stimme fort und berichtete alles
Wissenswrdige.

Spter erfuhr ich, da dieser unsichtbare Mandolinen- und Katzenbesitzer
ein Regierungsbeamter (Lehrer und Amtmann) aus Samoa war, Franz Pfeil,
ein wackerer, aufrechter Anhaltiner, der eine dreijhrige Festungshaft
wegen Flucht verben mute. Er war kurz nach Besetzung der Samoainseln
durch die Neuseelnder unter groen Schwierigkeiten nach dem
amerikanischen Pago-Pago geflohen; und zwar war er als blinder
Passagier, zwischen den Ankerketten des Motorschoners Manna verstaut,
glcklich entkommen. Aber mit Verletzung jedes Vlkerrechts lieferten
ihn die damals noch neutralen (!) Amerikaner an die Neuseelnder in Apia
aus. Seine Proteste wurden unterschlagen. In Apia wollte man ihn zuerst
erschieen, verurteilte ihn dann aber durch Kriegsgericht unter Vorsitz
des Majors Turner, unseres spteren Kommandanten von Motuihi, zu drei
Jahren Gefngnis! Wegen das Verbrechen der bekanntgemachten
Anordnungen, die das kommandierende Offizier der okkupierenden Truppen
im Schutzgebiet Samoa ausgab. In das er In Apia in die Nacht von 28.
Oktober 1914 an Bord des Motorschuners >Manna< geganen und darauf nach
dem Amerikanischen Port von Pago-Pago gefahren ist, ohne zuerst das
erlaubnis ein ermchtigter Offizier schriftlich zu behalten als bei die
Bekanntmachung des neun und zwanzigsten August 1914 angewiesen war. So
lautete das Pfeil auf deutsch zugestellte Urteil.

Gegen jedes Vlkerrecht brachten sie Pfeil nach dem Zuchthaus Mount
Eden, und erst, nachdem auf Umwegen die Nachricht nach Deutschland
gekommen war und man hier Vergeltungsmaregeln ergriff, wurde sein
hartes Los etwas erleichtert.

Ich wollte Pfeil antworten, aber ringsherum standen Posten, und eine
Verbindung war nach dem Katzengesprch schwer zu bewerkstelligen. Ich
schrieb also eine Nachricht in den Deckel einer leeren Tabaksdose und
warf sie zum vergitterten Fenster hinaus. Leider fiel dieselbe so nahe,
da Pfeil sie nicht holen konnte, denn er durfte eine gewisse Linie
nicht berschreiten, und gerade an diesem Tage bewachte man ihn sehr
stark. Da kam uns ein alter Tommy zu Hilfe. Er hob die Dose auf, und als
er sie leer fand, warf er sie wieder weg. Pfeil rief ihm zu, er solle
sie ihm geben, er habe gerade Verwendung dafr. Und bereitwillig trug
sie ihm Tommy hin. Ein Wink sagte mir bald, da Pfeil gelesen hatte.
Noch im Laufe desselben Tages wurden wir nach Motuihi gebracht, wohin
Pfeil auch bald kam, da seine Zeit nun endlich um war.

Die etwa zwanzig deutschen Kriegsgefangenen in Devonport haben in
rhrender Weise dem Vaterland zu dienen gesucht, soweit es ihre
gefesselten Krfte vermochten. Pfeil hatte, immer im Gedanken an eine
neue Flucht, verstanden, smtliche Karten der Festung, der Hafenanlagen
mit Minenfeldern und der Umgebung zu finden. Dieselben haben mir
spter bei meiner eigenen Flucht Dienste geleistet. Ein anderer
Gefangener, Grn, hatte sich in Devonport einen Empfangsapparat gebaut
und so mancherlei wichtige Sgen und Werkzeuge gefunden, die fr eine
Flucht von Wert sein konnten. Auerdem hatten die Deutschen whrend
ihres Hierseins die feinen elektrischen Zndapparate der Seeminen,
nachdem sie gereinigt und von einer Kommission zur neuen Verwendung
geprft und abgenommen waren, auf geniale Art und Weise unbrauchbar
gemacht. Grn hatte in seiner Matratze Unmengen von Schiebaumwolle und
hat wochenlang darauf geschlafen.

  [2 Illustrationen:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Panorama von Motuihi.]

Motuihi ist eine viertausend Morgen groe Insel gegenber Neuseeland in
der Nhe der Stadt Auckland. Auf dem greren Teil dieser Insel durften
wir uns frei bewegen. Welche Erlsung war dies, als wir aus dunkler
Arrestzelle herausgefhrt auf Motuihi landeten und den freien Blick in
die Natur wieder genossen! Noch mehr aber als der blaue Himmel und die
grne Erde erquickte uns der Anblick der vielen deutschen Landsleute;
fast verga man in erster Freude, da wir alle zusammen Gefangene waren.

Wir wurden mit unseren verhltnismig frischen Nachrichten aus der
Heimat in dieser seit August 1914 vom Vaterland abgeschnittenen Schar
wie Boten des Himmels begrt.

Es war der Gouverneur der deutschen Kolonie Samoa, Exzellenz Dr. Schultz
mit seinen Beamten und deutschen Pflanzern und Kaufleuten, die seit zwei
Jahren auf Motuihi interniert waren.

Als die Neuseelnder schon Ende August 1914 Samoa besetzt hatten, fanden
sie dort nicht die winzigsten Handhaben zur Erfindung deutscher
Greuel, die ihnen ein strenges Vorgehen gegen unsere Landsleute
ermglicht htten. Im Gegenteil baten die von uns stets mit fast zu weit
getriebenem Wohlwollen behandelten, auf Samoa ansssigen Englnder in
einer Petition die neuseelndischen Besatzungsbehrden, die unsrigen
anstndig zu behandeln, und Oberhuptling Tamasese, dem die Neuseelnder
erklrten, sie wollten die Deutschen zu deren Schutz internieren,
erwiderte stolz: Das ist berflssig, die Deutschen stehen unter dem
Schutz der Samoaner. Aber alles das half nichts gegen den Vorsatz, die
deutsche Pest aus Samoa auszutilgen.

Hierzu fand man das geeignete Werkzeug in einem bankerotten
Schafzchter, dem Milizoberstleutnant Logan. Dieser Buschlmmel
richtete eine wahre Schreckensherrschaft auf und wtete gegen die
deutschen Frauen und Kinder, die er in gesundheitsmordenden
Internierungslagern einsperrte; denn, wie er dem protestierenden
Schweizer Konsularagenten amtlich erklrte, die deutschen Frauen sind
Nattern und brten Nattern aus. So sah er sein Hauptziel darin,
mglichst viele deutsche Kolonisten von ihren Familien zu trennen und
auf dem Umweg ber willfhrige Kriegsgerichte und das Aucklander
Zuchthaus in neuseelndische Konzentrationslager zu bringen. In
jahrelanger, ungestrter Arbeit gelang es ihm, die meisten Deutschen zu
deportieren, und als in den neuseelndischen Lagern Raummangel eintrat,
richtete er im tropischen Apia ein eigenes Konzentrationslager in --
einem Kopraschuppen ein. Diese Frsorge fr die Wehrlosen, wie sie
zuerst Lord Kitchener mit den Konzentrationslagern fr Burenfrauen in
die Kriegsgebruche der zivilisierten Welt eingefhrt hatte, wurde
ergnzt durch das Aufhetzen der Eingeborenen und chinesischen Kulis
gegen alles, was noch deutschen Namen trug. Die Gerechtigkeit fordert,
hinzuzufgen, da Ehren-Logan sich so sehr nicht htte gehen lassen
knnen, wenn nicht das neuseelndische Kabinett, insbesondere der
Kriegsminister James Allen, von gleichen Gefhlen beseelt und unter
Bruch aller Austauschvertrge die Hnde schtzend ber den Wterich
gebreitet htte. Und hinter der neuseelndischen Regierung stand
wiederum, stets zur Deckung bereit, die englische. Giftschlangen hat
uns ja auch der Gouverneur von Neuseeland, ein englischer Aristokrat, in
ffentlicher Kundgebung genannt.


  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Im deutschen Gefangenenlager hat sich das Gercht unserer Ankunft
  verbreitet.
  Gespannte Erwartung.]

In den neuseelndischen Lagern waren Gefangene von ber 70 und unter 10
Jahren! Das Versprechen, die Leute, die 45 Jahre berschritten hatten,
auszutauschen, wurde dauernd hintertrieben, soweit es sich um Personen
von aufrechter deutscher Gesinnung handelte. Bewunderungswrdig ist es,
wie der Englnder nichts zu tun versumt, was einer feindlichen Rasse
auf Menschenalter hinaus schadet, und wie er dabei mit den
Unglcklichen, deren brgerliches Dasein und deren Gesundheit er grausam
ruiniert, reden kann, als ob ein Freund zu ihnen sprche: Wir
internieren Sie nur, um Sie zu schtzen. Die Regierung will Ihr Bestes.
Der Englnder, als einzelner Mensch vielfach so sympathisch, ist doch in
einem von uns Deutschen kaum nachfhlbaren Grad von der Politik seines
Landes durchdrungen. Einerlei, ob er Demokrat oder Aristokrat, ob er
Mitglied des Vereins christlicher junger Mnner oder ein jovialer
Landmann ist, die Gemeinsamkeit der nationalen Interessen bestimmt sein
Verhalten stets von Mensch zu Mensch. Der Deutsche schnauzt einen an und
sagt gehrig seine Meinung, aber er tut, was er verspricht. Der
Englnder bleibt immer gemessen und verbindlich, aber auf sein Wort dem
Auslnder gegenber ist nicht viel zu geben. Die stehende Phrase: _We
will see, what we can do for you, we shall try our best_ (Wir wollen
sehen, was wir fr Sie tun knnen, wir werden unser Bestes versuchen),
wurde zum geflgelten Wort unter uns Gefangenen. Whrend der Arglose
dauernd hoffte, geschah in Wirklichkeit nichts.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  ... In den neuseelndischen Lagern waren Gefangene von ber 70 und
  unter 10 Jahren.]

Bekamen die Gefangenen einmal Besuch von ihren Frauen, so durfte das
Gesprch auch bei mangelnder Kenntnis des Englischen nur in dieser
Fremdsprache und im Beisein eines Postens gefhrt werden. Zu der
vollstndigen Rechtlosigkeit und Ohnmacht der Gefangenen nehme man die
niederdrckende Einwirkung der feindlichen Presse, deren
Hauptdaseinszweck schien, alles Deutsche zu schmhen und ihm den
Untergang vorherzusagen; die Ungewiheit ber die Dauer der
Freiheitsberaubung, die Aussicht auf Verarmung oder gar Verlust der
Existenz, das lastende Gefhl einer ungeheuren Ungerechtigkeit und eines
parteiischen Schicksals: -- wieviel Herzlichkeit und guten Willen hatte
die verfemte deutsche Rasse ntig, da man hinter dem Stacheldraht in
all den Jahren den Humor nicht ganz verlor.

  [Illustration:
  ... da man hinter dem Stacheldraht den Humor nicht ganz verlor.]

Als wir Seeadlerleute auf Motuihi ankamen, die wir doch auch schon fast
ein Jahr von der Heimat entfernt lebten, wurde uns von den Landsleuten
die Seele fast aus dem Leibe gefragt, und es gelang uns, durch Berichte
von daheim manch schwerumdstertes Gemt etwas aufzuhellen.

Der Lagerkommandant, Oberstleutnant Turner, war unendlich stolz, endlich
richtige Kriegsgefangene zu bekommen, und diesem Angehrigen eines
demokratischen Landes schmeichelte es merkwrdigerweise besonders, sich
recht ffentlich mit seinem Count zu zeigen. Ich benutzte diese kleine
Schwche und arbeitete mich in sein Vertrauen hinein. Denn ich hatte
einen bestimmten Plan, den vorerst im Lager niemand ahnen durfte, auer
Kirchei und meinen Freunden v. Egidy und Osbahr, zwei deutschen
Regierungsbeamten aus Samoa, die ich im Lager kennen lernte, und denen
ich bald manchen Rat zu danken hatte.

  [Illustration:
  Exzellenz Dr. Schultz als _Honoured Guest of the New-Zealand
  Government_. (So wurde ein deutscher Gouverneur den Austauschvertrgen
  zuwider festgehalten.)]

Als ich mit beiden meinen ersten Spaziergang machte, fiel mir ein
wunderhbsches Motorboot ins Auge. Wem gehrt das? fragte ich. Das
steht dem Lagerkommandanten zur Verfgung. Das Boot ist mein; damit
fahre ich los, war meine unwillkrliche Antwort. Insel ... Motorboot
... allerlei Mglichkeiten sausten durch das Gehirn, und mein Entschlu
stand fest. Aber nur nichts unternehmen, bevor man nicht Herr der
Situation war. Wir durften uns auf der Insel ziemlich frei bewegen,
muten aber bis abends 6 Uhr ins Lager zurckgekehrt sein. berall waren
Wachtposten aufgestellt. Nach dem ersten Eindruck zu urteilen, waren wir
gut bewacht.

Zu einem ernsthaften Fluchtversuch gehrten so umfangreiche
Vorbereitungen, da die Neugier der Lagerkameraden mir das grte aller
Hindernisse schien. Insbesondere war da ein naturalisiertes Subjekt, ein
sterreichisch-polnischer Arzt, hochintelligent, aber verkommen, der fr
die neuseelndischen Behrden den Spitzel machte. Ihn galt es zuerst
einzuwickeln. Ich hatte durch die Bootsfahrt und die Gefngnisse
krperlich gelitten und war sichtlich angegriffen. Rheumatismus ist
bekanntlich die Krankheit, die man objektiv nicht nachweisen kann.
Wunderbarerweise war ich trotz aller Strapazen von ihr verschont
geblieben, aber wer durfte es bezweifeln, wenn es mir nun nach allen
Regeln der Kunst anfing vom Nacken den Rcken herunter zu ziehen?
Vielleicht bekam ich sogar Ischias. Jedenfalls war der sterreicher
besorgt und meinte, das kme davon und mein Lebenswandel rchte sich
nun. An Regentagen, wo ich drauen nichts anfangen konnte, legte ich
mich ganz zu Bett und sthnte. Bei schnem Wetter ging es etwas besser.
Unser Zimmermann machte mir ein paar Krcken, mit denen humpelte ich
dann aus dem Bett: Es ist zu schnes Wetter, ich =will= hinaus. Osbahr
warnte mich manchmal, ich mchte nicht zu sehr bertreiben. Aber der
Doktor versicherte mir, ich mte furchtbare Schmerzen haben, versuchte
mir allerlei Erleichterungen zu verschaffen und pinselte mich mit Jod
ein. Der Lagerkommandant kam an: Armer Graf! und hatte groes Mitleid.
Hinter meinem Rcken sagte er zwar beruhigt: Gott sei Dank, da er
Rheumatismus hat. Er ist ein gefhrlicher Bursche. So kann er wenigstens
nichts machen. Man glaubte mir aber alles. Gelegentlich sagte Turner
scherzend zu mir: _Well, count, you will not run away, you know, I am
Colonel; if you run away, I loose my job._ (Wenn Sie weglaufen, verliere
ich meinen Posten.)

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  ... Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten.]

Dann machte ich den Arzt zu meinem Vermgensverwalter, was sein Zutrauen
steigerte, besonders da ich ihm vorgeflunkert hatte, da ich mir eine
groe Summe Geldes aus Deutschland schicken liee, von der einige
Prozente fr ihn abfallen sollten. Die Landsleute warnten mich fters,
ich mchte mich nicht zu tief mit diesem Menschen einlassen, und
konnten es gar nicht begreifen, da ich allen Verdacht bestritt und
Stein und Bein auf ihn schwur. So mute ich berhaupt auch die
anstndigen Elemente im Lager in Tuschung halten, um mein Unternehmen
durchzusetzen.

Dann suchte ich mir meine Mannschaft unter der Hand zusammen. Im Lager
waren 14 Schulschiffkadetten des Norddeutschen Lloyd, die immer eng
zusammenhielten in jugendlicher Abenteuerlust. Von ihnen konnte ich nur
sieben gebrauchen. Meine Lebenserfahrungen hatten mich darin gebt, die
Menschen auf ihre Eignung einzuschtzen, namentlich auf Zuverlssigkeit
und Khnheit hin. Es war nicht leicht, die sieben von ihren Kameraden zu
trennen und letztere ber den Fluchtplan zu tuschen. Auerdem gewann
ich noch einen Funkentelegraphisten aus Samoa, den schon erwhnten Grn,
und den Motor-Ingenieur Freund, welchen der Lagerkommandant damit
beauftragt hatte, sein Motorboot in Ordnung zu halten. Der andere
Vertrauensmann Turners war der Kadett Paulsen, der sein Boot steuerte
und auerdem die Lagerkantine verwaltete.

Nun galt es, unsere Ausrstung zu beschaffen. Ich ging zum
Oberstleutnant und sagte ihm, es wre hier gar nichts los, ich wollte
gern zu Weihnachten eine Theaterauffhrung machen. Mein
Unternehmungsgeist erschreckte ihn: Um Gotteswillen, Graf, Sie laufen
mir doch nicht weg?

Sehe ich aus wie einer, der weglaufen will? Abgesehen von meinem
Rheuma, ich bin so wasserscheu geworden, ich gehe berhaupt nicht mehr
in oder aufs Wasser. Wenn ich nur schon zu Hause wre.

Aber Ihre >Seeadler<-Mannschaft? Ist es nicht mglich, da sie mit
einem Schoner kommen und Sie abholen wollen?

Die Feinde hatten den Aufenthalt der Mopelianer noch nicht
herausbekommen. Krause, Ldemann, Permien und Erdmann waren im
Arresthaus zu Wellington geradezu gefoltert worden, um aus ihnen die
Wahrheit ber die Seeadler-Besatzung herauszubringen. Aber die braven
Jungs hatten lieber in zugiger Zelle auf dem nackten kalten
Betonfuboden geschlafen und sich bse Krankheiten dadurch zugezogen,
als da sie sich durch solche Qulereien zu Aussagen verleiten lieen.
Alle fr einen, einer fr alle war unser Wahlspruch, dem wir treu
geblieben sind, deutsche Soldaten auch noch als Strflinge bei Wasser
und Brot! So hat der Feind dauernd in Spannung gelebt, da irgendwo und
-wann der Seeadler wieder auftauchen knnte. Er hat viel Geld fr
Bewachen und Abstreifen der See ausgeben mssen.

Ich versicherte nun dem Oberstleutnant, da meine Leute, wenn sie
knnten, sicher auf neue Kaperfahrt gingen, aber keinesfalls daran
dchten, mich zu entfhren. Er gab schlielich die Erlaubnis zum
Theaterspielen. Ich zog ihn nun ins engste Vertrauen und es gelang mir,
ihn fr den Theaterplan lebhaft zu erwrmen. Unter anderem sagte ich
ihm, ich fhrte das Stck nur unter der Voraussetzung auf, da keiner
vom anderen wte, welche Rolle er spielte, denn es sollten nicht nur
die Zuschauer berrascht werden, sondern auch die, welche mitspielten.
So gab ich den Kadetten, welche nicht zur Flucht geeignet waren,
ordentlich was zu lernen auf. Mit vereinten Krften wurden Verse
geschmiedet und memoriert. Einige muten Schiffe ausschneiden als
Silhouetten, denn ich wollte aus bestimmten Grnden die Schlacht beim
Skagerrak auffhren. So fhlen sie sich auch im Vertrauen. Meine
Kadetten malten Kriegsflaggen, nhten Mtzenbnder und verfertigten
schwarz-wei-rote Kokarden. Wenn einer kam und fragte, hie es: Du
weit, der Graf hat gesagt, wir drfen voneinander nichts wissen. Alles
geschah heimlich und der Oberstleutnant freute sich, und wenn ihm etwas
Verdchtiges gemeldet wurde, lchelte er berlegen: Ja, ich wei schon,
das ist Theater.

Aus Marmeladebchsen wurden von den wirklich Eingeweihten Handgranaten
hergestellt mit Hilfe eines Sprengstoffes, den meine Jungs einem Farmer,
bei dem sie Baumwurzeln sprengten, stibitzt hatten. Funkentelegraphist
Grn, ein Genie in seinem Fach, baute eine drahtlose Empfangsstation.
Kadett von Zartowsky verfertigte aus einem alten, angetriebenen
Rudersextanten, Rasierapparaten und geschliffenen Spiegeln einen
Sextanten, der uns nachher nur um 50 Seemeilen aus dem Weg gebracht hat,
also den Umstnden nach gut arbeitete. Der Sextant ist heute in einem
feindlichen Museum ausgestellt; eine Gesellschaft der Wissenschaften hat
eine eigne Sitzung ber diese auerordentliche Leistung von
Erfindungsgabe bei drftigen Hilfsmitteln abgehalten.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Bei unsern Hhnerstllen.]

Wir muten nun auch Segel haben fr unser Motorboot. Paulsen lie hinter
den Kantinenbestellungen auf dem Bestellzettel gewisse Lcken offen, die
er, nachdem der Oberstleutnant seine Unterschrift gegeben hatte,
nachtrglich ausfllte. So bezogen wir dutzenderlei ntige Materialien
aus Auckland, und wenn der Kommandant erneut von einem Untergebenen auf
die aufflligeren Bestellungen hingewiesen wurde, blinzelte er
verstndnisinnig: Es ist in Ordnung, ich wei schon. Nur als ich
einmal als Theaterdirektor fr die Vorbereitungen einen abgetrennten
Platz verlangte, den niemand ohne des Kommandanten besondere Erlaubnis
betreten durfte, lehnte er ab. Das war ihm denn doch zu viel.

  [Illustration:
  ... Das Hhnersterben fiel auf. Der sterreichisch-polnische Arzt
  erklrt es dem Lagerkommandanten.
  (Englische Karikatur nach unserer Flucht.)]

Wir beschafften uns also Proviant in groen Mengen, vor allem Ewaren,
die wenig Platz einnehmen und bei der Zubereitung ordentlich aufquellen,
wie Reis und Grtze. Die Lagerhhner schlachteten wir heimlich eines
nach dem anderen weg und weckten sie ein. Das Hhnersterben fiel auf,
und der Doktor, der autoritativ auf eine Geflgelpest diagnostizierte,
gab Pulver unter das Futter, worauf die Tiere natrlich noch rascher
wegstarben. Es fiel schlielich auf, da die toten Hennen fast nie zu
finden waren. Aber inzwischen war unser Vorrat auch schon gengend.

Unser zuknftiges Segel wurde als Theatervorhang genht, und schlielich
auch eine Bhne aufgebaut. Wenn eine Wache vorbeikam, lernten die,
welche an Handgranaten oder am Sextanten arbeiteten, fleiig ihre Verse,
und der Kommandant erbat sich von mir, der ich an meinen Krcken
umherschlich, eine englische bersetzung des Ganzen aus.

Die Kosten fr die Ausstattung wurden durch eine Sammlung im Lager
aufgebracht. Der Arzt verwaltete mir die Theaterkasse und sah dabei
schon zu, da er zu dem Seinigen kam. Dann galt es, Fernglser, Karten
und gute Uhren zu beschaffen. Die Karten schnitt ich aus Atlanten aus.
Es wurden ja immer nur die Bltter Frankreich und Ruland aufgeblttert,
und wenn einer wirklich einmal die Sdsee nachsehen wollte, dann hatte
er doch nicht mich im Verdacht des Diebstahls. Ich lie aber alles
Entwendete aufschreiben und die Eigentmer spter entschdigen. So
machte ich es auch mit den Fernglsern. Einige davon wurden mir von
Reserveoffizieren geliehen, die einsahen, da ich sie brauchte, um das
gegenberliegende Fort zu beobachten und daran Admiralsaufgaben zu
bearbeiten. Das beste Glas gehrte aber einem Herrn, der es sehr
sorgfltig htete. Ich machte ihn ngstlich: Passen Sie auf, da es die
Leute nicht klauen. Haben Sie es auch gut versteckt. Ich lie mir das
Versteck zeigen und stritt mit ihm darber, da das nicht sicher wre.
Dann nahm ich es ihm fort, und er kam betrbt zu mir: Ich htte nun
leider doch recht behalten. Er mute spter lachen, als er es wieder
erhielt. Jeder, dem ich sein Glas oder seine Uhr abschwatzte, wurde
verpflichtet, es vor den anderen geheim zu halten, damit meine
angebliche Spionagettigkeit nicht herauskme. Die meisten haben
brigens spter auf Entschdigung verzichtet und dachten wie ich beim
Schwindeln: Alles frs Vaterland.

Als wirkliche Waffen fertigten wir uns Handgranaten und Dolche, die wir
aus Dreikantfeilen schliffen. Da wir auf unserer Kreuzfahrt die
Erfahrung gemacht hatten, da wir mit Waffen kaum etwas zu tun hatten,
vielmehr eine Flagge, einige Scheinwaffen und etwas Draufgngertum
gengten, so zimmerten wir uns ein paar Scheinrevolver und sogar ein
imitiertes Maschinengewehr aus Petroleumbehltern. Ein Chemiker stellte
uns Gasbomben her. Ein paar richtige Handfeuerwaffen muten wir aber
haben. Whrend einmal alles im Lesezimmer um eine neue Zeitschrift
versammelt war, entwendeten wir aus einem verschlossenen Raum zwei
Gewehre und elf neuseelndische Uniformen. Kirchei ging gerade mit
einem Gewehr im Nachtanzug zu unserem Versteck, als ihn ein Wachtposten
anrief. Er schtzte aber etwas anderes vor und entfernte sich mit
gemessener Eile in merkwrdig gezwungener, steifer Haltung, das Gewehr
in der Hose versteckt.

So wurde unsere Erfindungsgabe unaufhrlich beschftigt. Wie brachten
wir nun aber unsere ganze gesammelte Ausrstung in das vor Anker
liegende Boot hinein, das keiner betreten durfte?

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Letzte Vorbereitung zur Flucht. ... Die Tommys ziehen dienstbeflissen
  das Boot an Land (und werden dabei von uns photographiert).]

Wir hielten einen Kriegsrat. Im allgemeinen vermied ich es peinlich, mit
den Kadetten zusammenzukommen. Herr von Egidy, der meine rechte Hand
wurde und als Nichtseemann unauffllig mit den Kadetten verkehren
konnte, fhrte die von uns entworfenen Ideen im einzelnen durch, whrend
ich mich mglichst mig zeigte. Sonntags aber lie ich mich von den
Kadetten gelegentlich zum Kaffee einladen, und da wurde folgender Plan
gesponnen. Freund, der Motormann, und Paulsen, der Steuermann,
erzhlten dem Oberstleutnant, der Schraubenschaft des Bootes wre leck.
Beunruhigt befahl er darauf seinen Soldaten, das Boot so schnell wie
mglich aufs Land zu holen. Prompt am andern Morgen stehen bei
Hochwasser die erforderlichen Tommys am Strand und ziehen mhselig, aber
dienstbeflissen als ahnungslose Werkzeuge unseres Planes das Boot an
Land. Auer der Reparatur lie Turner gleich auf Freunds und Paulsens
Vorschlag das ganze Boot malen, da er es zum Verkauf ausgeschrieben
hatte und gern proper haben wollte. Nun hatten wir reichlich Zeit, es
nach Wunsch zu bepacken, und die beste Gelegenheit ergab sich dadurch,
da einige von uns mit Farbenptten sogar die Nacht ber beim Boot
verweilen durften.

Die Kadetten Schmid und Mellert hatten stets die Kohlen fr das
Gefangenenlager zu fahren, ihnen war das Pferd anvertraut. Jetzt karrten
sie unsere ganzen Vorrte unter leeren Kohlenscken zur Landungsbrcke
hinab. Seekadett Mellert war der besondere Vertrauensmann des Farmers
und durfte als Hammelschlchter unten am Strand auerhalb des Lagers
wohnen. Nun war aber in diesem Hause leider auch ein naturalisiertes
Subjekt, ein gewisser P. H., der sich durch Schmuserei die Erlaubnis
verschafft hatte, dort unten zu hausen. Diese naturalisierten
Deutschen, die durch die Strenge der feindlichen Kriegsmanahmen
zwar von der Gefangenschaft nicht verschont blieben, aber dann als
Vaterlandsverleugner sich Vergnstigungen verschafften, waren der
trbste Punkt im Lagerleben und erinnerten nur allzusehr an manche
Seiten der deutschen Geschichte, wo sich Landsleute im fremden Dienst
auf Kosten des Zusammenhalts und der Kraft unserer Nation emporgebracht
haben. brigens verachteten die Englnder die schlechten Deutschen am
meisten. Dieses Subjekt sa nun dauernd am Fenster, las in einem Buch
und sah beim Malen des Bootes zu. Es war ungemtlich, aber nicht zu
ndern. Vermutlich wollte er durch Verrat sich die Freiheit verdienen.

Die Perle war ein prachtvolles Boot von etwa neun Meter Lnge, mit
einem hervorragenden Motor. In die Bilge, den Doppelboden, worin sich
das Leckwasser sammelt, damit man trockene Fe behlt, verpackten wir
nun unsere Uniformen, Privatsachen und fr sechs Wochen Proviant.
Auerdem wurden die vorhandenen Schiebladen aufgefllt und dicht
vernagelt. Als der Kommandant einmal danach fragte, wurde ihm frech
und frei geantwortet, sie wren zugenagelt, weil sie doch nie
gebraucht wrden und bei der Fahrt klapperten. Ferner nahmen wir
ffentlich Frischwasserbehlter hinauf, die dem Kommandanten als
Reservebenzinkannen bezeichnet wurden, und einen von uns selbstgebauten
Kondensapparat, mit dem man in einer Stunde zwei Liter Wasser herstellen
konnte.

So wurde das Boot in den unsichtbaren Rumen vollgepackt. Alles war
darin, auch die Gewehre. Wie aber sollten wir uns Munition verschaffen?
Der Munitionskasten der Lagerwache zog uns an wie Honig die Bienen,
aber es schien unmglich, an ihn heranzukommen, da er sich in dem
gutverschlossenen Warenschuppen neben den Soldatenbaracken befand. Der
Schlssel dazu hing im Wachtlokal, vor dem dauernd ein Posten auf und ab
ging. Wie konnten wir an dem Tommy vorbei zu dem Schlssel gelangen? Wir
grbelten lange hin und her, die schwierige Frage lste sich aber eines
Tages ganz pltzlich.

Schmid und Mellert hatten eine Ratte gefangen, ihr ein Band ans Bein
gebunden und einen Kater darauf scharf gemacht. Das kleine Sportereignis
zog natrlich den wachestehenden Tommy lebhafter an als sein Wachtlokal.
Whrend dieser nun den Rattenfnger anfeuert: _Let him catch him_,
schlpft Mellert heimlich und leise zu dem Trpfosten, hakt den
Schlssel ab und sobald er ihn hatte, wurde auf einen heimlichen Wink
hin das Kampfspiel abgebrochen und die Ratte zur spteren Verwendung
aufgehoben. Der Wachtposten war recht enttuscht.

Dann begab man sich nach dem Warenschuppen, worin der Munitionskasten
stand, und weg damit zum Zelte Grns. Auer der Munition, die wir im
Boot mitnehmen wollten, interessierte uns auch besonders die Munition,
die die Soldaten in ihren Bereitschaftsksten hatten. Wir wollten den
Feind dadurch bei einem etwaigen Alarm, den unsere Flucht zur Folge
haben knnte, entwaffnen. Dies geschah dadurch, da wir aus den Patronen
das Pulver bis auf einen kleinen Rest entfernten, Papierabschlu
daraufsetzten und die Patronen mit Sand wieder auffllten. Wenn die
Neuseelnder nun schieen wollten, dann reichte das Pulver gerade so
weit, da die losgeschossene Kugel in den Zgen stecken blieb. Btsch!
war es alle; die im Laufe steckende Kugel, festgetrieben durch den Sand,
machte das ganze Gewehr unbrauchbar.

Die so _Made in Germany_ bearbeiteten Patronen wurden schlielich wieder
in den Warenschuppen gebracht. Nun galt es, den Schlssel im Wachtlokal
anzuhngen, wozu Katz und Maus wieder erschienen. _Let him catch him_,
rief der Posten voll Vergngen, und der Schlssel hing bald wieder an
seinem Ort. Nur der Senior unseres Lagers, der immer auf den guten Ruf
des Deutschtums bedachte Herr Hflich aus Samoa, machte mich in ernstem
Tone auf das Bedenkliche einer solchen Tierqulerei aufmerksam, die
unter den Augen des Feindes uns als _cruel huns_ erscheinen liee und
auch unsere Landsleute empre.

  [Illustration:
  Oberstleutnant Turners Entschuldigung vor dem Kriegsgericht:
  Ich hatte nur g. v.-Leute als Wachpersonal. (Englische Karikatur.)]

Benzin hatten wir nach Belieben, da der Oberstleutnant darin ein groer
Hamsterer war. Bei der Prfung seiner Bestnde fand der Kommandant, da
Zahl und Gewicht der Behlter immer stimmten; nur der Stoff innen hatte
sich mehr und mehr in klares Brunnenwasser verwandelt.

Jetzt konnten die vielen Tommys wieder antreten. Das gutbemalte,
tadellos gestaute Boot lag bald wieder im Wasser.

  [Illustration:
  Der Lagerkommandant erkundigt sich nach unserer Gesundheit, whrend wir
  unsere Ausrstung ausarbeiten. (Englische Karikatur.)]

Das Lagertelephon hatte Grn in einer Kiefernschonung geerdet, aber so,
da wir einen Schalter hatten, den wir nur umzulegen brauchten, um die
Leitung zu unterbrechen. Mit einem Telephonhrer, den einige
Mitgefangene aus Devonport mitgebracht hatten, hrten wir jetzt in einer
als Zelle eingerichteten Wurzelhhle den telephonischen Verkehr des
Lagerkommandanten mit dem Hauptquartier in Auckland ab. Nachts befanden
sich gelegentlich in der Gegend Motorboote, welche bungen abhielten.
Wir hatten nie recht erfahren knnen, warum, muten das aber nun
herausbekommen. Denn diese rtselhaften Vorsichtsmaregeln beunruhigten
uns lebhaft. Wir legten also den Hrer im Walde an die Telephonleitung.
Dort hatte jeder von meinen Jungs zwei Stunden Wache, um die Gesprche
des Lagers mit dem Hauptquartier zu belauschen. Von jetzt ab waren wir
ber alles unterrichtet. Wir hrten auch, da der Oberst Patterson in
Auckland Turner Vorwrfe machte, weil die Morselichtsignale nicht
abgenommen wrden. Der Oberstleutnant erwiderte, da zu heller
Mondschein gewesen wre. Wir hrten weiter, da die bungen dazu dienen
sollten, aufzupassen, falls die Deutschen nachts ausbrechen wollten. Wir
muten unser Programm also fr den Tag einrichten. Gleichzeitig machte
der Oberstleutnant darauf aufmerksam, da er tags nur das Telephon zum
Alarm htte; ob man ihm nicht ein Helioskop schicken wolle?

Das Helioskop kam nach wenigen Tagen an. Aber unsere Jungs, die besser
wuten, was eine Helioskopkiste war, als die neuseelndischen Soldaten,
und bei deren Bequemlichkeit regelmig als Hilfskrfte beim Auspacken
herangezogen wurden, brachten die Kiste beim Entladen des ankommenden
Verkehrsbootes sofort in Sicherheit. Bei dem lssigen Behrdenbetrieb
fiel es zunchst niemand auf, da das Helioskop auf sich warten lie,
und wir selbst brauchten es doch viel ntiger als der Kommandant.

Immerhin sahen wir, da man auf uns aufpate. Sogar die Telephonleitung
sollte einmal untersucht werden. Glcklicherweise kamen die Arbeiter
erst nach unserer Abfahrt, die wir von dem zuerst angenommenen Zeitpunkt
hatten verschieben mssen.

Je mehr sich unsere Vorbereitungen dem Abschlu nherten, desto
schlimmer wurde mein Rheumatismus. Der Kommandant bedauerte mich immer
mehr und war innerlich immer zufriedener. Aber auch die Soldaten nahmen
etwas greren Anteil an mir. Einer bot mir aus Mitleid mal ein Mittel
an, Farmers Friend hie es. Er htte viel mit Pferden zu tun gehabt,
da htte es gut getan, es wrde auch dem Grafen jetzt gut helfen. Ich
lie mir die Pferdekur geben und rieb mich angeblich damit ein. So wurde
der Soldat mein Berater fr krperliche Leiden und immer intimer mit
mir, so intim, da ich ihn und einige seiner liebsten Kameraden am
letzten Tage sogar die militrischen Abzeichen mitbringen lassen konnte,
als Andenken, in Wahrheit brauchte ich sie natrlich fr die
Vervollstndigung der neuseelndischen Uniformen, in welchen meine
Bootsmannschaft losging. Ich selbst trug schon stets im Lager
neuseelndische Uniform (mit deutschem Marineabzeichen). Die deutschen
Beamten aus Samoa, die nicht eingeweiht waren, fanden das natrlich
skandals.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel).
  ... Ich selbst trug schon stets neuseelndische Uniform.]

Ich hatte meine Leute vollkommen in der Hand. Wenn es ntig war, wies
ich einen wohl in seine Schranken zurck, wir blieben aber Freunde. Da
ich in allem Tun und Lassen mit einer gewissen Khnheit verfuhr,
begeisterte die Leute, sobald sie hin und wieder den Beweis erhielten,
da das Beabsichtigte gelang. Die Kadetten muten die vorbeifahrenden
Schiffe stets beobachten, wie oft sie kamen, welche Typen es waren usw.
Die Nachrichten wurden dann zum Plane verwertet.

Wir waren fertig, und nun kam fr uns die Generalprobe heran. Am
hellichten Tage machten wir blinden Alarm; denn als richtige Deutsche
muten wir auch die Gewiheit haben, da alles Erfundene und Erarbeitete
solide war und klappte.

Auf ein Stichwort begab sich also jeder auf seinen Posten. Grn sollte
das Telephon umstellen, zerstren wollten wir es nicht, um im Fall des
Milingens der Flucht keinen Verdacht zu erwecken. Klhn hatte das
kleine Ruderboot entzweizuschlagen, damit die Verfolgung erschwert
wrde. Schmid fuhr mit dem Wagen hinunter, Kohlen holen, in Wirklichkeit
aber unter den leeren Scken Benzin hinunterschaffend. Ich selbst ging
mit Herrn von Egidy in das Gouverneurhaus, wo ich alles bersehen
konnte. Paulsen und Freund sollten eine halbe Stunde vor Abfahrt in die
Perle, um sie reine zu machen. Kirchei half Mellert in dessen Haus
beim Packen der letzten Sachen, und zu guter Letzt kam ich mit Egidy
auf einem Spaziergang zur Landungsbrcke.

Den Probealarm haben wir tatschlich in Gegenwart des Kommandanten
ausgefhrt, ohne da er etwas ahnte. Bei dieser bung sahen sich die elf
Verschworenen zum ersten Male alle gegenber. Vorher hatte ich nur
einzeln mit ihnen verhandelt und keiner wute vom andern; so
gewissenhaft und verschwiegen hatten alle gehandelt. Nach den
Erfahrungen wurde auch die eine oder andere Anordnung abgendert, und
mit deutscher Grndlichkeit war jetzt alles eingebt.

Ein groer Teil der neuseelndischen Kstenschiffahrt kam an Motuihi
vorbei. Bequem konnten wir von der Insel aus in aller Ruhe mit unseren
Glsern die Schiffe besichtigen, und wenn ein fr uns passendes Fahrzeug
vorbeisegelte, ihm gerumigen Abstand lassen, um mit unserer schnellen
Perle hinterherzuflitzen. Da trat aber, als wir fertig waren,
schlechtes Wetter ein und infolgedessen fuhren auch keine Schiffe
vorbei, da der Wind von ungnstiger Seite kam.

Nun wollte Oberstleutnant Turner einmal fahren. Er liebte es, selbst zu
steuern. Paulsen setzte sich bei der Fahrt nach vorn zu Freund, damit
der Oberstleutnant behindert wrde, nach vorn zu gehen und das Boot zu
untersuchen. Turner freute sich, da er auf einmal so leicht und sicher
fuhr. Paulsen erklrte das damit, da wir den Ballast umgelagert, hinten
etwas hineingestaut htten. (Es waren ja auch 2000 Kilogramm verpackt).
Der Motor war vorher fr das Boot zu stark gewesen und lief jetzt bei
grerer Belastung wirklich besser. Der Oberstleutnant sa auf
Handgranaten und steuerte, unsere Jungs lieen von ihrer Aufregung
nichts merken. Anderntags fuhr sogar der Kriegsminister in eigener
Person in unserer Perle.

Da lie eines schnen Tages der Kommandant Paulsen kommen und fragte ihn
mitrauisch: Wo habt ihr den Schlssel zur Ankerkette und zur
Bootskajte? Die Frage wirkte auf Paulsen wie ein Donnerschlag, er
mute alles fr verraten halten. In der Tat waren Turner Dinge zu Ohren
gekommen. In der Nacht war ein Zettel unter die Tr des Wachthauses
geschoben worden, worauf in schlechtem Englisch stand: Bitte Boot
untersuchen. Es ist vollgepackt mit Proviant. Turner geriet in
Aufregung und die Posten wurden verdoppelt. Wir wuten wohl, wer der
Lump war.

Alles schien nun verloren. Turner, der ein ruhiges Leben liebte, sa
immer etwas in Angst vor der ffentlichen Meinung. Er mute denen
drben in Auckland zeigen, was er fr ein schneidiger Mann wre, und so
wurden auch die Nachtbungen weniger aus Argwohn gegen uns veranstaltet,
als um drben _show_ zu machen. In Neuseeland wie in anderen
demokratischen Lndern stand hufig die Rcksicht auf die Stimmungen des
Publikums ber allen anderen Erwgungen.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Prise in Sicht!]

Paulsen verstand es nun, als der Verrat geschehen war und alles auf des
Messers Schneide stand, genial den Gekrnkten zu spielen und den
Kommandanten von der sofortigen Untersuchung des Bootes abzubringen.
Auerdem glaubte Turner ja, mich in der Hand zu haben, da ich mir
angeblich 100000 Mark hatte aus der Heimat schicken lassen. Er, der
frhere Kohlenhndler, hatte dies heimlich geschehen lassen; und er
hatte sogar, indem er zur Umgehung der Zensur den Brief unter
Dienstsiegel schickte, dazu gemurmelt: _I hope, you will not forget me!_
worauf ich ihm verstndnisinnig zugenickt hatte. Es war das Gercht
verbreitet, ich htte die Seeadler-Reise auf eigene Rechnung gemacht.
Mein Reichtum machte fabelhaften Eindruck, und so dachte Turner, da er
ja 5000 Pfund Sterling sozusagen als private Kaution in Hnden hatte,
nicht ernstlich an die Gefahr meiner Flucht. Das Behagen kehrte wieder.
Den Zettel hatte wohl ein Verrckter geschrieben, nahm Turner an. Der
schwere Augenblick ging unerwartet gut vorber.

Nun wird man mich fragen, warum wir berhaupt fliehen wollten. Bei dem
ungeheuren Miverhltnis zwischen unseren Krften und der Macht des
Feindes und sonstigen Hindernissen, konnte nur ein ganz klarer und bis
ins einzelne durchdachter Plan dieses Unternehmen rechtfertigen. Das
Ziel war zunchst, den Oberst Logan auf Samoa in unsere Hnde zu
bekommen, um ihm fr seine Mihandlungen deutscher Frauen einen
Denkzettel zu erteilen. Die Gefangennahme Logans gedachten wir
folgendermaen zu ermglichen. Mit der Perle mute zunchst ein
Segelschiff gekapert werden, um berhaupt bewegungsfhig zu werden.
Darauf galt es, an geeigneter Stelle einen neuseelndischen Dampfer zu
kapern, denn nur mit einem Dampfer konnten wir in Samoa einlaufen und
Logan, der ber starke militrische Macht verfgte, glauben machen, da
wir ihm einen Befehl vom neuseelndischen Kriegsminister zu berbringen
htten. Somit beabsichtigten wir, uns zunchst mit der Perle auf die
Lauer zu legen, bis wir uns eines Segelschiffes bemchtigen konnten, um
mit diesem dann nach der Hauptinsel der Cookgruppe, Rarotonga, zu
fahren, wo die Dampfer zwischen Neuseeland und San Franzisko anlaufen.
Wir wuten durch Gefangene, da sich auf Rarotonga weder eine
Funkenstation, noch eine militrische Macht befand; die Eingeborenen
sollten sehr deutschfreundlich sein. Im Vertrauen darauf wollte ich mit
dem Motorboot unter deutscher Kriegsflagge in den Hafen von Rarotonga
einlaufen und die dortige Bevlkerung glauben machen, wir kmen mit der
Perle von einem drauenliegenden deutschen Hilfskreuzer. Die
Mtzenbnder meiner Leute trugen zu diesem Zweck schon die Aufschrift S.
M. S. Kaiser. Der Name htte durchgeschlagen. Dann wollten wir den
Residenten festnehmen und die paar auf der Insel lebenden Englnder
genau in derselben Weise internieren, wie wir interniert waren. Im
Besitz Rarotongas htten wir den nchsten einlaufenden Dampfer
abgewartet. Die Dampfer hatten aber hinten und vorn Geschtze, wie war
es dann nur mglich, einen solchen in unsere Gewalt zu bringen? Wir
wren in neuseelndischen Mnteln und Mtzen, den Residenten in unserer
Mitte, zum Dampfer hinabgegangen, um die bliche Visite zu machen. Im
Augenblick, wo uns der Kapitn freundlich begrte, htten wir die
deutsche Flagge und Handgranaten gezeigt, die Geschtze sofort besetzt,
und da das verblffende Auftreten uns im Augenblick die Oberhand gab,
htten wir die Leitung des Schiffes bekommen. Dann wren wir auf Samoa
zugesteuert und htten uns vorher durch drahtloses Telegramm als
berbringer wichtiger Geheimbefehle des Kriegsministers an Oberst Logan
angekndigt. Auf dem amtlichen Briefpapier, das wir nebst den
dazugehrigen Stempeln und Namenszgen von Turners Schreibtisch genommen
hatten, htten wir einen persnlichen Befehl an Logan bergeben, wren
selbst aber auerhalb des Hafens liegengeblieben. Logan htte, wenn ihm
der Bote den Befehl berbrachte, darauf die eigenhndige Unterschrift
von Sir James Allen gefunden, denn wir hatten die Unterschrift bereits
in Kupfer tzen lassen. Logan htte darauf an Bord kommen mssen, und
wir htten mit ihm an Bord die Kaperfahrt fortgesetzt. Das war unser
Plan.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Am Strand von Motuihi.]

Als Kommandant eines Kriegsschiffes brauchte ich auch noch unbedingt
einen Sbel. Den habe ich auf folgende Weise bekommen. An dem Tage
unserer Flucht war Turner frh nach Auckland gefahren, um seine Tochter
abzuholen. Er hatte etwas den Grenwahn und liebte frstliches
Geprnge; so lie er seine smtlichen Offizierstellvertreter und
Unteroffiziere zum Empfang seiner Tochter an die Landungsbrcke kommen.
Mittlerweile ging einer meiner Jungs an seinen Schrank, holte die beste
Uniform heraus, nahm den Sbel aus dem Segeltuchfutteral und fllte
dieses, damit es straff hing, unten mit einem Senkblei, und oben, wo der
Sbelkorb hingehrt, mit einer Konservenbchse, und dann ging Mellert,
den Sbel im Hosenbein, mit einem Gemsesack, aus dem ein paar
Gemsekpfe hervorschauten, der auf dem Boden aber die Uniform enthielt,
forsch und bieder an dem festlich einziehenden Oberstleutnant vorber.

Mellert lie noch im Augenblick der Flucht bei dem Ruderboot, das wir
zerschlugen, einen Brief liegen, damit der Farmer, bei dem er
beschftigt gewesen war, ihn fnde. Die neuseelndischen Zeitungen haben
ihn als Beispiel deutscher Pflichterfllung und Sachlichkeit abgedruckt,
und so mag dieser Abschiedsbrief eines echten Hunnen aus einer dieser
Zeitungen auch hier wieder abgedruckt stehen:

                                               _November 25^{th} 1917_

      _Mr. Melrose, farm manager._

        _Dear Sir,_

  _My country calls and I have to follow! For two years I worked on
  the farm, and I have always done my duty. With this letter I leave
  all the necessary notes, like milksupply, mutton-supply, and the
  list of the cows. I hope you will have no difficulties to arrange
  all under my successor. I kindly ask you to give my wages to
  Klaiber, as I owe him something, and he shall pay my canteen-bills.
  You may take my saddle and bridle, and pay a bill of about 30 s. to
  Hofmann, photographer, for me. I like to be square with everybody,
  and I have not got money enough to do all. I hope you will have not
  too much trouble by my departure, and with best wishes to you, I
  remain, yours_

                                                     _I. Mellert._[10]

[10]         Lieber Herr Melrose!

       Das Vaterland ruft und ich habe zu folgen! Zwei Jahre lang habe
       ich auf der Farm gearbeitet und meine Pflicht stets erfllt. Mit
       diesem Brief lasse ich alle die notwendigen Aufzeichnungen zurck,
       wie Milchbestand, Hammelbestand, und die Liste der Khe. Ich
       hoffe, Sie werden keine Schwierigkeiten haben, alles unter meinem
       Nachfolger zu ordnen. Ich bitte Sie freundlichst, mein Gehalt an
       Klaiber zu geben, da ich ihm etwas schulde und er meine
       Kantinenrechnung bezahlen soll. Sie knnen meinen Sattel und
       Zaumzeug nehmen und dafr eine Rechnung von etwa 30 Schilling
       fr mich an den Photographen Hofmann bezahlen. Ich mchte mit
       jedermann im Reinen sein, und habe nicht Geld genug, allen zu
       gengen. Hoffentlich haben Sie nicht zuviel Verdru durch meine
       Abfahrt, und ich verbleibe mit besten Wnschen fr Sie Ihr

                                                             I. Mellert.

     Der wackere Seemann hat brigens in Deutschland seine
     Farmerkenntnisse gut verwerten knnen. Jetzt, da es mit Seefahrt
     trbe aussieht, hat ihm verdientes Glck eine hbsche Bauerntochter
     mit stattlichem Hof in der Goldnen Aue in die Arme gefhrt. Sein
     Tagebuch war mir fr dies und das folgende Kapitel von Nutzen.




Siebzehntes Kapitel.

Flucht und neue Kaperfahrt.


Der 13. Dezember 1917 war der Tag, an welchem die Flucht gelang. Das
Glck hatte uns an den tausend Zufllen, die unsere umstndliche und
kecke Verschwrung vereiteln konnten, heil vorbeigeleitet. Jetzt wurde
dem Eifer meiner Jungs der Lohn zuteil. Die Freiheit winkte wieder, und
die Hoffnung, dem Vaterland mit unsern jungen, frischen Krften dienen
zu knnen.

Es schien ja fast unbegreiflich, wie das Mitrauen der Neuseelnder
eingeschlfert war. Hatten sie uns doch als Raritt in einer Weise
bewacht, wie noch kaum je Kriegsgefangene behtet worden waren. Sie
trauten mir die unglaublichsten Streiche zu. Wir waren sozusagen eines
ihrer grten Ruhmesbltter: als ein Mann, der seine ganze
Seemannslaufbahn in Australien angefangen hatte, war ich jetzt
Gegenstand der australischen Triumphgefhle, und die Zeitungen redeten
selbstgefllig von weltgeschichtlichen Ereignissen in der Sdsee.
Fortwhrend frchtete man das Auftauchen der Seeadler-Mannschaft, und
ber ein Dutzend Motorboote suchte die Gegend um Motuihi nach ihr ab.
Allem diesem zum Trotz konnten wir uns nun anschicken, die
Kriegsgeschichte jenes Erdenwinkels um ein ganz neues Kapitelchen zu
vermehren.

Der Oberstleutnant wurde mit seiner Tochter gegen Abend zurckerwartet.
Sobald er das Boot verlassen htte, sollte Paulsen nach unserem
Kriegsplan den Mast niederlegen. Auf dieses Signal sollte jeder zusehen,
wie er aus der Lagerumzunung kme, und zu seiner Rolle eilen.
Schwierig wurde das Verlassen des Lagers erst, wenn der Oberstleutnant
sich so sehr versptete, da der allabendlich um 6 Uhr stattfindende
Namensaufruf uns dazwischen kam, denn nachher durfte man das Lager nicht
mehr verlassen.

  [Illustration:
  Mr. Turner, Sie haben die Tr offen gelassen.
  (Englische Karikatur auf unsere Flucht.)]

Endlich um halb sechs Uhr wurde die Perle von unserem Ausguckposten
gemeldet. Diejenigen von uns, die nicht aus irgendeinem Grund vom
Namensaufruf befreit waren, muten also diesen erst abwarten und danach
zu irgendeiner List greifen. Wir anderen entfernten uns jeder unter
einem Vorwand. Kirchei ging, weil er zu einem Entenessen eingeladen
war, ich mute zu Gouverneur Schultz usw.

  [Illustration: ... Ich mute zu Gouverneur Schultz.]

Um sechs Uhr legte die Perle an. Mister Turner wollte einen Trompeter
als Wache beim Boot lassen, bis Paulsen und Freund mit der Bootsarbeit
fertig wren. Aber Schmid, der Mi und Mister Turner im Wagen abholte,
lud freundlich den Trompeter ein, auch mit aufzusteigen, und der
gutgelaunte Kommandant gab zuletzt mit einem freundlichen _hop up_ seine
Einwilligung. Nachdem Schmid flott vor der Kommandantur vorgefahren war,
bat er, mit meinem Burschen zusammen nochmals hinausfahren zu drfen, um
Kohlen zu holen. Der Oberstleutnant war grundstzlich immer zufrieden,
wenn jemand arbeiten wollte: dann macht er wenigstens keine
Dummheiten, und erlaubte es. Schmid nahm gleich 25 Kisten Benzin mit.
Als das verabredete Signal erschien, begaben wir elf Verschworenen uns
einzeln und unauffllig, jeder durch eine besondere List, auf unsere
Posten. Es klappte wunderbar. Unvorhergesehene Hindernisse, die sich
einigen in den Weg stellten, berwand jeder selber mit groer
Unverfrorenheit und Geistesgegenwart. Beinahe wre unsere Abreise noch
an der Wachsamkeit eines wirklich sehr tchtigen Inspektors gescheitert.
Dieser begegnete Grn, wie dieser eben nach vollbrachter
Telephonableitung durch die Felder ging, um sich ans Boot
hinabzubegeben. Der Inspektor schpfte gleich Verdacht und htte zum
mindesten Grn zum Verhr vor den Oberstleutnant gebracht, wenn nicht
Grn sofort das einzig Passende in seiner Lage getan und ein stilles
Pltzchen am Waldrand bezogen htte, wobei ihn der Inspektor nicht
stren und auch nicht auf ihn warten mochte.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  ... als der Motor anraste, wurden noch drei Hurras ausgebracht.]

Die letzten Vorrte wurden eingebootet, die Telephonleitung war
umgeschaltet, das Ruderboot zerschlagen, wir stiegen alle in die
Barkasse, und als wir drin saen und der Motor anraste, wurden noch drei
Hurras ausgebracht fr Seine Majestt. Allgemeines Hndeschtteln,
berquellende Freude! Am hellichten Tag passierten wir die Insel,
whrend droben alles beim Essen sa. Als wir an den Soldatenquartieren
vorberglitten, aus welchen die Stimmen Essender herberklangen,
stellten wir Pflugscharen, die wir als Schutzschilde mitgenommen hatten,
und die Rohaarpolster der Sitze an die Seitenwand, um die Wirkung etwa
anpfeifender Kugeln abzuschwchen, falls pltzlich Alarm geschlagen
werden sollte; und die eigenen Gewehre lagen zur Antwort bereit. Aber
niemand scho.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Austernklippe auf Motuihi.]

Von der Ankunft des Kommandanten bis zu unserer Abfahrt war kaum eine
Viertelstunde vergangen. Da das kleine Beiboot der Barkasse unsere
Geschwindigkeit minderte, wurde es in sicherer Entfernung von der Insel
abgekappt. Dieses Beiboot wurde der erste Anla zur Entdeckung unserer
Flucht. Mein Freund Osbahr, der diesen Abend auf Motuihi miterlebt hat,
schreibt darber:

Als der Graf abgefahren war, herrschte eine furchtbare Stille unter den
Eingeweihten, whrend sonst zur Essenszeit das Leben sprudelte. Der
Bissen quoll uns im Munde. Wir warteten auf Schsse, aber es kamen
keine. Einige der Eingeweihten konnten ihre Aufregung nicht bemeistern
und eilten auf die Klippe. Aber schon war das Motorboot nicht mehr zu
sehen. Dann kam die Nachricht, das abgetriebene Beiboot schwmme drauen
herum. Nun begann auch den Ahnungslosen etwas zu dmmern und es wurde
festgestellt, wer fehlte. Nun galt es fr uns Eingeweihte, die anderen
zur Ruhe zu ermahnen, damit unsere Freunde Vorsprung gewnnen. Dies
Bestreben wurde durch die Einfalt des neuseelndischen Feldwebels
begnstigt, der leicht davon zu berzeugen war, da das Beiboot durch
einen Zufall abgetrieben wre und die Leute in der >Perle< nochmal Anker
aufgegangen wren, um das Beiboot zu suchen. >Die Deutschen suchen ganz
in falscher Richtung. Wenn man nicht aufpat, dann sind diese dummen
Deutschen doch zu gar nichts zu gebrauchen,< sagte der Feldwebel.

So verstrichen einige Stunden. Am spteren Abend lie der Kommandant den
Grafen bitten, um ihn seiner Tochter vorzustellen. Als man ihn nicht
fand, wurde Mister Turner doch unruhig. Er suchte sich selbst zu
trsten. >Der Graf hat wohl einen Ausflug am Land gemacht, um eine
Abwechslung zu haben. Er ist ja so rheumatisch, der luft nicht weg.
Auerdem hat mein Boot nur fr einen Tag Benzin.< Schlielich ging er an
den Fernsprecher, um dem Hauptquartier die unangenehme Mitteilung zu
machen. Das Telephon ging aber nicht! Jetzt wird die Sache brenzlich. Es
bleibt nichts brig, als mit Morsesignalen Verbindung mit drben zu
suchen. Aber die drben nehmen nichts auf, denn der Morseapparat
funktionierte ja dank unserer Vorbehandlung auch nicht. Nun wird ein
groes Petroleumfeuer als Zeichen angezndet. Noch keine Antwort vom
Land. Endlich steigen drben Raketen auf: Sie haben also verstanden?
Aber die Zeit vergeht, eine, zwei, drei Stunden, kostbar fr den Grafen.
Keine Antwort kommt. Die Raketen stammten nmlich von einem
Privatfeuerwerk, das zufllig in Auckland angebrannt wurde. Erst um halb
ein Uhr nachts schpfte man in Auckland drben Verdacht, da das bliche
telephonische Mitternachtssignal ausblieb. Man hatte sich ja im
Hauptquartier berhaupt nur auf Nachtgefahren eingestellt.

Der sterreichisch-polnische Doktor merkte jetzt auch, da er genasfhrt
war, und lief in wtender Stimmung umher. Der Oberstleutnant wagte gar
nicht den Namensaufruf anzuordnen, da ihm die Sache zu peinlich vorkam.
Sein einziger Trost war, was auch alle Nichteingeweihten dachten: Weit
bringt es der Graf doch nicht, es ist zu sehr aus dem Handgelenk
gemacht. Von den sorgfltigen Vorbereitungen hatte ja keiner etwas
gemerkt.

Bald hatte die Unglcksbotschaft alle Forts erreicht. Schleunigst wurden
schnelle Motorboote und kleinere Dampfer mobil gemacht und mit
Maschinengewehren ausgerstet, gegen Morgengrauen die Verfolgung
aufgenommen. Viele Sportsleute nahmen mit ihren Fahrzeugen an der Suche
teil und die Flotte wuchs am nchsten Tage zu mehreren Dutzend Booten
an. Kein Ruhmesblatt neuseelndischer Geschichte: Krank und mde lag
bald alles schutzsuchend in den stilleren Buchten des Hauraki-Golfes,
whrend das gejagte Wild sich gegen Sturm und Seegang durchgerungen
hatte und an einem Platze lag, den die Verfolger wegen der groen
Entfernung nicht anzulaufen wagten. Wie immer in diesem Krieg hatte die
deutsche Minderzahl durch hhere Einzelleistung versucht, der bermacht
zu widerstehen. Groer Wirrwarr war entstanden; ein Dampfer auf Felsen
gelaufen, Boote hatten sich gegenseitig gejagt und beschossen. Gern
wurde das sich bald verbreitende Gercht geglaubt, die >Perle< wre
gekentert und alle Deutschen ertrunken. Befriedigt kehrte alles in den
Hafen zurck, und mancher gestand ein, in so seekranker Verfassung wre
er den Deutschen nicht gern begegnet.

Soweit der Bericht des Zurckbleibenden.

  [Illustration:
  ... Sogar mit Segeljachten nahmen Sportsleute an unserer Verfolgung
  teil. (Englische Karikatur.)]

Es war fr uns keine kleine Aufgabe, uns in dem groen Hauraki-Golf ohne
Seekarte und ohne brauchbaren Kompa zurechtzufinden. Das Wetter war
schlecht, die Nacht sehr finster, mancher von uns seekrank. Dann
erhellte sich der Nachthimmel zwischen 1 und 2 Uhr durch weie
Lichtstreifen. Von Auckland aus wurde, um der Bevlkerung Emsigkeit
vorzumachen, mit Scheinwerfern nach uns gesucht. Ein an sich
lcherliches Vorhaben, aber uns dienlich, denn wir konnten nun an der
Richtung Aucklands unsern verfahrenen Kurs wieder orientieren. Morgens
warfen wir in einer geschtzten Bucht, Red Mercury Island, Anker und
hielten uns dort den Tag ber versteckt, bis sich der Eifer der uns
verfolgenden Flottille gelegt hatte. Zugleich hatten wir dort von dem
unbewohnten, hgeligen und dichtbewachsenen Eiland aus einen guten
Ausguck nach Kstenfahrzeugen, die von Sden heraufkamen. Ein Dampfer
ging nahe vorbei, ohne uns zu bemerken.

Am dritten Tag fuhren wir aus den Kstengewssern hinaus ber die
Dreimeilengrenze. Dort auf hoher See vereidigte ich die Kadetten und
machte sie zu Soldaten. Vizefeldwebel d. R. von Egidy wurde von mir zum
Hilfsleutnant z. S. befrdert. Dazu hatte ich als Kommandant eines
alleinfahrenden Kriegsschiffes das Recht, wenn es auch nur eine Perle
war. Egidys drei Brder standen smtlich als Seeoffiziere vor dem Feind;
jetzt wurde unerwarteterweise auch der vierte, fern der Heimat,
Angehriger der Marine. Nun durfte Krieg gefhrt werden! Man sah die
fieberhafte Aufregung der Kadetten, man fhlte ihren frischen
Jugendgeist von Tatendurst brennen. Vorgestern noch gefangen, heute
unter der ruhmreichen deutschen Kriegsflagge deutscher Soldat, sie, die
schon geglaubt hatten, nicht mehr heranzukommen an den Feind. Sie hatten
volles Vertrauen, und die neue Pflicht, anzugreifen, lag so greifbar vor
uns, da dieser seltsame Treuschwur im Boot gewi keiner heimischen
Rekrutenvereidigung an Ernst nachstand.

Die erhabene Stimmung konnte nicht allzulange andauern. Nachdem sich
meine Rekruten wechselseitig die Haare militrisch kurz geschnitten
hatten, ging es wieder an seemnnisches Alltagswerk.

Auf einmal tauchte ein Regierungsdampfer Lady Roberts vor Mercury
Island auf, um uns zu suchen. Wir verschwanden schleunigst auf hoher
See, unsere beiden Ausguckposten im dicken Ginstergestrpp der Insel
zurcklassend. Der Dampfer setzte Leute aus, welche die Insel vergeblich
durchsuchten, beschdigte, auf felsigem Boden aufschlagend, seine beiden
Schrauben und dampfte lahm nach Hause mit der positiven Feststellung,
da wir nicht da wren. Wir kehrten zurck und lagen von jetzt ab sicher
dort.

Nachdem wir zwei Tage bei Red Mercury Island gelegen hatten, wurden
eines Morgens zwei Schoner gesichtet. Wir wollten beide kapern. Als wir
den Angriff ansetzten, kam aber pltzlich starker Wind auf, und der
erste Schoner glitt rasch vorwrts. Wir lieen ihn fahren; erst spter
haben wir gemerkt, da das unser Unglck war. Wir entschlossen uns, den
zweiten, greren, zu nehmen. Es war die Moa.

  [Illustration: ... Es war die >Moa<.]

Wir gingen mit voller Fahrt lngsseit, enterten und riefen: Drehen Sie
bei. Die deutsche Kriegsflagge wehte, ich strzte mich mit
geschwungenem Sbel auf die Moa, meine Jungs kletterten ber die
Deckladung und schrien: _Ship is brought up! You are under the rule of
the German Empire!_ (Schiff ist aufgebracht! Sie stehen unter deutschem
Befehl.)

  [Illustration:
  ... meine Jungs kletterten ber die Deckladung und schrien: _Ship is
  brought up!_
  (Abbildung aus einer englischen Zeitschrift.)]

Alles war wie vom Schlag gerhrt. _Don't kill us!_ Wir beruhigten die
Leute, und ein entsetzter kleiner Junge bekam sofort Schokolade. Die
Leute blickten entgeistert. Wir waren ja gar keine Hunnen, wie sie sich
dieselben dachten.

Der Kapitn fate sich schnell, als er sah, da nichts zu machen war.
Als er hrte, da wir entkommene Gefangene wren, schimpfte er gewaltig
auf die Regierung: Unsere Jungens kmpfen an der Front, und hier in der
Heimat knnen sie nicht einmal Gefangene hten. Immerhin, er hoffe, da
wir weiter Glck htten, denn die Neuseelnder htten es ja nicht anders
verdient.

Der Koch kam auf uns zu und beteuerte: _Me cooky, me Russe, Russe peace
with Germany._ (Ich bin der Koch, bin Russe, Russen Frieden mit
Deutschland.)

Nun holten wir Waffen, Proviant und die drahtlose Station auf den
Schoner herber, die Perle wurde ins Schlepptau genommen. Die Moa
war ein schnes Schiff, aber flach wie eine Streichholzschachtel, nur
drei Fu Tiefgang bei gewaltigen Masten. Unter frischer Brise segelten
wir nach der Kermadecgruppe, um die Proviantstation fr Schiffbrchige
aufzusuchen, welche dort auf irgendeiner der Inseln sein mute. In der
nchsten Nacht bekamen wir Sturm und lenzten vor dem Wind. Der Kapitn
geriet in Aufregung. Das Schiff wre fr die hohe See gar nicht
geeignet, weil es keinen Kiel htte, wir setzten das Leben aufs Spiel.
Ich mute ihm antworten, da wir fr unser Leben segeln mten, denn an
der Kste erwartete uns grere Gefahr als auf dem Meer. Immer weiter!
Vielleicht hlt der Mast fr Deutschland lnger, als er fr Neuseeland
gehalten htte.

Der Kapitn ging die ganze Nacht nicht hinunter und beruhigte die See
mit l. Wir gingen unsere Wachen und fragten den Teufel, was kommen
mochte. Unter gewhnlichen Umstnden htte man selbst auch mehr
Besorgnis empfunden, denn die Nacht war frchterlich. Aber das Gefhl
der Freiheit und das Bewutsein, wieder ein eigenes Schiff unter sich zu
haben und eine Kriegsflagge ber sich wehen zu sehen, wenn sie auch nur
auf ein Bettlaken gemalt war, lie uns alles brige gering achten. Unter
dieser Flagge hatten wir ja schon manchen Sturm ausgekmpft. Immer
strker wird der Sturm, immer schwerer brechen sich die Wellen am Heck,
die Moa wird bald hoch, bald tief geworfen. Wir mssen Segel krzen
und einen Teil der Deckladung, die aus Holz bestand, ber Bord werfen.
Hierin wurden wir gut durch eine Brechsee untersttzt, die an Deck
schlug und einen Teil der Holzplanken mit sich ri, die uns aber
gefhrlich werden konnte, wenn Hnde und Fe dazwischen gerieten. Fr
sechs Wochen hatten wir Proviant, den wir freilich mit den ihrerseits
nur fr drei Tage ausgersteten Schiffern teilen muten, und fanden die
Sache fast noch gemtlich, verglichen mit den sechs Wochen unserer
frheren Bootsfahrt. Es kam freilich auf gutes Steuern an. Unsere schne
Perle wurde von einer See quergeschlagen, schlug voll und ri ab. Das
durchkreuzte unsere Plne sehr unangenehm. Erst nach 36 Stunden legte
sich der Sturm.

Kirchei korrigierte allmhlich die Fehler unserer nautischen
Instrumente, wobei sich der Kompa des Kapitns noch bedeutend
schlechter als unser eigener erwies. Er war ja ein bloer Kstenfahrer.
Endlich kam am 21. Dezember morgens Curtis-Island in Sicht. Wir sahen
groe Rauchsulen aufsteigen und frchteten, da die Insel bewohnt wre
von Schiffbrchigen, die uns Rauchsignale machten und womglich schon
das ganze Proviantlager weggefuttert haben wrden. Beim Nherkommen an
die halbkreisfrmige, amphitheatralisch aufsteigende Insel gewahrten wir
aber, da der Rauch von Geisern herrhrte. Die Insel war ein Krater, der
bei einer Erderschtterung auf einer Seite eingebrochen war.

berall rauchte und brodelte es. Die Luft war unnatrlich warm und mit
Schwefeldmpfen geschwngert. Unmengen von Vgeln, besonders die
riesigen Albatrosse, nisteten auf der Insel und umschwirrten die
Ankmmlinge. Kein Baum, kein Strauch gedieh auf der Insel. Das warme
Wasser war ein Tummelplatz der Haie; zu Hunderten umkreisten sie das
Schiff. Wir, deren Besitztum ja auch nicht mehr viel ausgebreiteter war,
als das der Fische und Vgel, erhofften andere Glcksgter auf der Insel
zu finden, als blo Wrme. Vor dem inneren Rand des Kraters befand sich
ein Wellblechschuppen, das Proviantmagazin. Das Schiffsboot wurde ins
Wasser gelassen. Kirchei mit vier Mann nahm Kurs auf die
Kratereinfahrt. Eine Prozession von Haien folgte dem kleinen Boot, ein
ungemtlicher Eindruck fr seine Insassen.

  [Illustration: Die Moa vor Curtis-Island.]

Je nher sie der Insel kamen, desto schwerer legten sich die
ausstrmenden Gase auf die Lungen, und es dauerte geraume Zeit bis sie
sich daran gewhnt hatten. Es war Ebbe und der eingebrochene Kraterrand
nur wenig von Wasser bersplt. Auf dem Kamm einer Welle setzte das Boot
ber die Barre ins Innere des Hexenkessels, in welchem brodelnde Blasen
das Walten unterirdischer Krfte verrieten. Strme heien, gelben
Wassers quollen dampfend aus der Felswand und verloren sich im Spiegel
des kreisrunden Kratertrichters. Riesige Lavablcke umsumten vom
letzten Ausbruch her wild durcheinandergeworfen das Ufer. Umkreischt von
Tausenden von Albatrossen und Mwen landeten die Leute an einer
Lavaplatte in der Nhe des Proviantschuppens, wo Schwefel fudick
aufgehuft lag. Der Schuppen wurde geffnet, Kisten und
Wasserkorbflaschen vorgefunden. Die Kisten wurden aufgebrochen und ein
Teil der Schtze ins Boot herbergenommen.

  [Illustration: ... Der Schuppen wurde geffnet.]

Whrend das Boot tiefbeladen zur Moa zurckfuhr, blieben zwei Leute
drben, um die zweite Bootslast bereitzuschaffen. Da ein paar Stunden
vergingen, bis das Boot zurckkehrte, versuchten die beiden mittlerweile
ins Innere vorzudringen. Sie bemerkten aber bald, da der Platz um
die Htte die einzige gangbare Stelle war; wohin sie den Fu sonst
setzten, brachen sie durch die dnne Kruste in brennendheie,
schwefeldunstdurchzogene Schlammerde ein.

Das beladene Boot war fast eine Stunde unterwegs, es hatte Spritzwasser
bekommen, so da es in beinahe sinkendem Zustand eintraf. Eine Herde von
Haien umringte wieder das berlastete Boot als erhoffte Beute. Nun wurde
auf Moa abgeladen. Stck um Stck flog an Deck. Aus einem Bezug wurde
staunend ein neues Segel entrollt, in einer Kiste fand sich allerlei
brauchbares Werkgert. Unmengen von Fleisch, Butter, Schmalz, Speck,
Decken, Kleidungsstcken, Schuhzeug, Fischgert, Arzneimitteln, kurz und
gut, alles war da. Man war sich einig darber, da die englische
Regierung glnzend fr ausgeflogene Kriegsgefangene sorgt. Nur die
Kleidungsvorrte waren von dem langen Lagern in der feuchten Hitze fast
vermodert.

Unsere Absicht war, unsere Gefangenen, die wir nicht in die
Schwefeldnste von Curtis-Island schicken konnten, auf der nchsten
Insel, Macauly Island, unter Mitgabe von Proviant auszusetzen und ihr
Dortsein beim Passieren der nchsten Signalstation der neuseelndischen
Regierung anzuzeigen. Ich war nun gerade dabei, die Depotquittungen zu
lesen, welche mir aus dem Provianthaus mitgebracht worden waren, damit
ich sie hbsch korrekt als Seeadler-Kommandant ausgefllt dort wieder
niederlegen lassen mchte. Ich wollte in dem Formular der
neuseelndischen Regierung meinen Dank bescheinigen, da ich doch auch
Schiffbrchiger wre, auch meine berraschung ber die gute Ausrstung;
ich hoffte, da in der Zwischenzeit, bis der nchste Bedrftige dorthin
kme, die Vorrte wieder aufgefllt wrden; wir htten nicht alles
mitgenommen, sondern, wenn eine arme Seele sich hinfnde, wre noch
etwas fr sie da. Whrend ich dies eben niederschreiben will, ruft der
Ausguck: Rauchwolke Nord hinter Macauly Island.

  [Illustration:
  Ich rudere zur Iris hinber.
  (Links oben unsere auf ein Bettlaken gemalte Kriegsflagge.)]

Beunruhigt lie ich so rasch wie mglich die Leute von der Insel
abholen. In wahnsinniger Hast ruderten die beiden Leute zurck. Die
Moa wurde segelfertig gemacht, alle Leinwand, die wir hatten, geheit,
jeder Fetzen zog, in westlicher Richtung jagte die Moa, wie sie noch
nie gelaufen war. Der Dampfer kam aber sichtlich nher, und in kurzer
Zeit erkannten wir das ganze Schiff. Es hielt auf uns zu; bei jeder
ausweichenden Bewegung der Moa nderte auch der Dampfer seinen Kurs
und kam immer nher. Der Kapitn der Moa erkannte in ihm den
Regierungskabeldampfer Iris, eine Art von Hilfskreuzer. Unser
Barometer sank!

Auf Signalweite herangekommen, zeigte Iris die englische Kriegsflagge
und ein Signal. Wir setzten unbekmmert unseren Kurs mit zehn Meilen
fort. Solange wir noch unter eigenem Kommando fahren konnten, wollten
wir es tun; lange Zeit konnte es ja nicht mehr dauern. Ein Wettrennen
mit uerster Kraft. Da pltzlich ein Aufblitzen, ein Zischen in der
Luft, und eine Granate schlug neben dem Segler ins Wasser. Die ganze
Reeling der Iris war mit Gewehrlufen gespickt. Ein Verzweiflungskampf
gegen die bermacht und Geschtze wre mutwilliger Selbstmord gewesen.
Wir heiten darum, um zu zeigen, wer wir wren, zum letzten Male in
dieser Erdhlfte die deutsche Kriegsflagge, und dann kam der bittere
Augenblick der bergabe.

  [Illustration:
  ... empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rcken gerichtet.
  (Neuseelndisches Bild.)]

Als ich in Uniform die Iris betrat, war erstaunlicherweise kein
Offizier am Fallreep, sondern ein paar Leute in schlechter Haltung
empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rcken gerichtet. Dann holten
Zivilisten den ganzen Inhalt meiner Taschen heraus; Geld, Uhr,
Wertsachen, selbst mein Taschentuch wurden als Kriegsbeute
beschlagnahmt. Jedes Wort der Erwiderung wre zuviel gewesen. Ich sah
sie nur mit einem Blick der Verachtung an. Die Neuseelnder fanden diese
Waffentat so glorreich, da sie ein Bild davon angefertigt haben, das
ich meinen Lesern nicht vorenthalten mchte.

Nicht anders erging es meinen Leuten. Obwohl wir alle unsere Waffen auf
dem Meeresgrund versenkt hatten, wurde jeder der Taschenberaubung
unterzogen, whrend Dutzende von Feuerrohren ihnen auf Brust und Rcken
gepret standen. Diese Neuseelnder erlebten offenbar ihre Feuertaufe
und hielten jeden unbewaffneten Deutschen fr den leibhaftigen
Gottseibeiuns.

Mehrere Dampfer waren ausgerstet worden, uns zu suchen, davon drei
gleich auf ein halbes Jahr. Meine Flucht hat die Leute fast eine Million
gekostet. Der erste Schoner, den wir bei der Kaperung der Moa hatten
entschlpfen lassen mssen, hatte die Sache gemeldet. Die Neuseelnder,
die froh waren, ihren eigenen Krieg und Sieg zu haben, feierten die
Bezwingung der Moa in den Zeitungen.

Als wir in Auckland einliefen, wehte die englische Flagge auf der Moa
ber der deutschen. Die Seeschlacht bei den Kermadecs wurde von
zahllosen Glcklichen bejubelt, die uns auf Tendern, Motorbooten und
Jachten entgegenfuhren.




Letztes Kapitel.

Der Vogel im Kfig.


Der Generalstab begrte uns, als wir an Land stiegen. Wir waren ja ein
leuchtendes Beispiel fr seine Tchtigkeit, denn sie hatten uns wieder
gekriegt. Der Chef, Oberst Patterson, ersuchte mich, ich mchte die
heutige Unterbringung entschuldigen. Ich fragte, wohin wir denn kmen?
Darauf schwieg er. Es war wieder einmal das Zuchthaus.

  [Illustration:
  ... Es war wieder einmal das Zuchthaus, Mount Eden.]

Im Zuchthaus von Auckland, Mount Eden, durch Major Price abgeliefert,
wurden wir als gemeine Verbrecher empfangen, da der Major, der es sehr
eilig hatte, zum Pferderennen zu kommen, vergessen hatte, anzugeben,
da wir Kriegsgefangene wren. Meine Kadetten, die diesen Wechsel
von Freiheit und Zuchthaus zum ersten Male miterlebten, wurden
kreidebleich bei dem entehrenden Empfang. Auch mir, der ich schon
Gewohnheitszuchthusler war, legte sich das alles schwer auf die
Seele. Nun hatte man wieder einmal als Mensch gelebt und gestrebt,
Willensfreiheit entfaltet, etwas Eigenes unter den Fen gehabt, und
wieder stie einen das Geschick in den dumpfen Kerker. Htte man nicht
einen Tag spter die Kermadecs anlaufen sollen, wre nicht ein anderer
Kurs besser gewesen? Mit solchen unntigen Fragen qulte man sich in der
den Unttigkeit und Zwecklosigkeit des neuen Daseins. Aber bald klang
es wieder von Zelle zu Zelle: An der Saale hellem Strande, und wenn
auch unser Gepck, als es uns endlich ausgeliefert wurde, sich auf dem
Weg durch fremde Hnde ziemlich verringert hatte, so wurde doch die
Behandlung allmhlich etwas rcksichtsvoller. Auch hier, in dem stillen
Verlie, konnten wir bald merken, da Neuseeland Achtung vor uns hatte.

Allerdings hat man uns erst einmal ein paar Wochen das Zuchthaus kosten
lassen, bis wir wieder in eine angemessenere Umgebung versetzt wurden.
Am Morgen nach unserer Ankunft betritt, ohne anzuklopfen, ein vllig
glattgeschorener Herr in Zuchthausjacke mit Rasiertopf meine Zelle. Es
war Heiligabend, morgens.

Ich habe Sie zu rasieren.

Was? Sie?, ich rasiere mich selbst.

Du?, du darfst kein Messer in die Hand kriegen, auch dein Ebesteck ist
nur Holzlffel und -gabel, komm' mal her, ich seif' dich ein.

Was sind Sie denn, sind Sie Zuchthusler?

Ja, natrlich.

Wie lange haben Sie denn?

Lebenslnglich.

Lebenslnglich! Und der soll mich rasieren, mir mit dem Messer an der
Kehle entlang schneiden?! Mir stockte frmlich der Atem. Man versteht
noch gar nicht, warum das sein mu, als Kommandant eines Schiffes
solchen Vorsichtsmaregeln zu unterliegen. Schlielich frage ich wieder:
Was haben Sie denn verbrochen?

_Oh, I only put daylight through a woman._

Also Frauenmrder!

Er seift mich ein. Nie habe ich einen Menschen so scharf mit den Augen
verfolgt als diesen Hausgenossen, besonders whrend er mir an der Kehle
schabt. Wer es nicht erlebt hat, kann sich dies Gefhl nicht vorstellen;
ich blickte ihn dankbar an, als er fertig war. Dieser Freund war
tatschlich gar nicht bel, er wurde mein tglicher Gast und brachte mir
die groen Neuigkeiten aus den Korridoren und dem Hof. Je mehr uns die
neuseelndische Regierung dazu zwang, uns in Mount Eden zu
akklimatisieren, desto tiefer drang man unwillkrlich in das Seelenleben
der Zuchthausbewohner ein. Wir waren der Sicherheit halber im Flgel der
Schwerstverbrecher. Am gemtlichsten sind die Lebenslnglichen, die
schon soundso lange sitzen und sich abgefunden haben, ohne Berufssorgen
und ohne Erwartungen leben. Soweit man sich noch die Jahre an den
Fingern abzhlt und damit rechnet, spter wieder eine Existenz in der
ungewohnten Freiheit grnden zu mssen, ist man weniger ausgeglichen und
hat keine so beruhigten Nerven. Die, welche sechs oder sieben Jahre
haben, sind die Unangenehmsten. Sie mssen sich auf einen Berufswechsel
einstellen und vertrndeln doch vorher ihre beste Kraft mit dem
Absitzen. Ich wute nicht, wie lange ich hatte und was ich hier sollte.
Die Lebenslnglichen bekleiden durchweg Vertrauensstellungen, sie
verwalten die Bcherei, Kleiderausgabe, Krankenpflege usw. Nirgendwo
trifft man so hilfsbereite, arbeitsfreudige Menschen wie im Zuchthaus.
Man sieht stets freundliche Gesichter, sie lcheln oder zwinkern
verstndnisinnig mit den Augen dem neuankommenden Gast zu, der sich
anfangs miesepetrig fhlt. Drauen warst du verachtet, hier wirst du
vertrauensvoll aufgenommen. Ich machte die seltsame Erfahrung, da
berall, wo Menschen aufeinander angewiesen sind, namentlich dort, wo
ihr Ehrgeiz durch die Verhltnisse etwas beschnitten wird, ein
sympathisches Zusammenleben mglich ist. Ein Faktotum befand sich in
Mount Eden, der auf mathematischem Gebiet ein Genie geworden war.

  [Illustration: Zum zweitenmal Zuchthusler.]

Fast alle waren auerordentlich deutschfreundlich. Sie bildeten sich
ein, da Deutschland den Krieg gewnne und da dann endlich die
Zuchthuser geffnet wrden. Nach dem Bild, das ihnen die Zeitungen von
dem deutschen Volk entwarfen, konnten sie es sich nicht anders
vorstellen, als da die Deutschen eine besondere Wesensverwandtschaft
mit ihnen empfinden wrden. Graf, wenn Deutschland den Krieg gewinnt,
dann vergi nur deine Freunde hier nicht. Sie baten sich bestimmte
Posten aus, fast alle in der Verwaltung. Sie bildeten sich ernsthaft
ein, ein siegreiches Deutschland werde, um die an uns Kriegsgefangenen
begangene Ungerechtigkeit zu shnen, mich zum Gouverneur von Neuseeland
machen, und ich sollte sie dann begnadigen, weil sie sich ja nur gegen
englische und nicht gegen deutsche Gesetze vergangen htten. Sie
erwiesen mir allerlei Aufmerksamkeiten, steckten mir unter anderm
Zeitschriften zu, die an diesem Ort nur an Verbrecher, aber nicht an
Kriegsgefangene ausgegeben wurden.

Die Zellen wurden peinlich sauber gehalten, so da man sie nicht einmal
mit seinem eigenen Schuhzeug betreten durfte. So sa ich mit meinen
Filzpantoffeln auf der einzigen Sitzgelegenheit, dem Bett, und sah mir
die Gelegenheit an. Bestand irgendeine Mglichkeit, zu entkommen? Ich
vertiefte mich in Fluchtgedanken. Auch empfand ich das Bedrfnis,
festzustellen, wie es drauen vor dem Fenster ausshe. Dieses war etwa
drei Meter ber dem Fuboden. Ich stieg also auf das Kopfende der
Bettstelle, aber kaum bekam ich ein bichen Blick, so brach das wacklige
Ding zusammen. Das Bett war entzwei, aber den Blick wollte ich mir nicht
nehmen lassen. Ich benutzte also das Bett als Leiter und schaute durch
das eiserne Gitter hinaus. Da sah ich ein Spatzenprchen, das war da
auch zu Haus und nistete. Um die Zeit zu vertreiben, versuchte ich den
Spatz zu fangen, der die Sptzin fttern wollte. Ich legte mich also auf
Anstand, aber der Sperling flog weg, als ich zugriff, und lie mir nur
eine Schwanzfeder in der Hand. Drauen am Gitter befanden sich
Spinnweben. Ich holte mir eine Spinne herein, die sollte mir ein
Spinnennetz machen. Jetzt hatte ich Beschftigung. Ich sah zu, wie die
Spinne arbeitete. Dann wollte ich gerne wissen, wieviel Spinnweben eine
Spinne hat, tat sie in eine Streichholzschachtel und zog die Fden
heraus und war erstaunt, welchen Ballen Spinnweben ich schlielich in
der Hand hielt. Der Spinne war es peinlich, da ich den Rest
herausholte. Dann kletterte ich wieder hinauf, ob da etwas anderes zu
sehen wre. Ich fand noch andere Spinnen und bekam so verschiedene
Sorten von Spinngeweben. Wie ich das ausstudiert hatte, brachte ich die
Spinnen von einem Netz ins andere und stellte fest, da sie sich da
nicht bewegen konnten. Die kleinere Spinne bewltigte in ihrem Netz die
grere Spinne, die bewegungslos darin sa, weil sie fremd war. Ich
wute immer noch nicht, wie lange ich Zuchthaus hatte. Aber macht mit
mir, was ihr wollt, ich treibe Naturgeschichte!

Als wir drei Tage da waren, kam der Marineminister Hall Thompson, dem
ich unseren krftigen Protest gegen diese Behandlung von
Kriegsgefangenen aussprach, die zudem nicht als entwichene Gefangene im
englischen Gebiet, sondern auf hoher See als frische Kombattanten
ergriffen worden wren. Er sagte: _I shall do my best for you_. Der
Englnder schlgt niemals eine Bitte offen ab, er lt immer wieder
Hoffnungen wachwerden, aber zieht die Erfllung in die Lnge. Deutsche
Ehrlichkeit ist mir lieber als diese kalte, glatte Hflichkeit. Spter
kam auch der Justizminister Mr. Wilford. Haben Sie irgendwelche Klagen
in der Unterbringung?

Selbstverstndlich, ich gehre nicht in ein Zuchthaus.

Das bestreite ich nicht, aber welches sind Ihre Eindrcke ber die
Unterbringung vom Standpunkt des Strflings aus gesehen? Dafr bin ich
verantwortlich.

Ich sage: ber die Sauberkeit und die gute Verpflegung als solche bin
ich berrascht, aber auch gegen das besteingerichtete Zuchthaus mu ich
protestieren.

_Well, I shall see, what I can do for you._

Endlich, nach 21 Tagen, durften wir das Zuchthaus verlassen. Um die
Ausreier ungefhrlicher zu machen, wurden wir nun auf verschiedene
Lager verteilt. Kirchei und ich kamen nach River Island bei Lyttleton,
in der kalten Zone Neuseelands, auf Fort Jervois, das einmal gegen die
Russen gebaut worden ist. Das war der einsamste Punkt Neuseelands, den
sie hatten ausfindig machen knnen.

Unsere Wohnrume dort waren von einem Bretterzaun umgeben, der uns von
dem Fortshof trennte. Auf der Bretterwand befand sich eine Laufplanke
fr einen Wachtposten. Auch der ganze Himmel war uns mit Stacheldraht
berzogen worden, damit wir nicht eines Nachts Flgel bekmen und
fortflgen. Das Ganze war ein regelrechter Kfig. Fnfundvierzig Mann
taten nichts weiter, als da sie uns bewachten.

Unser Lagerkommandant war Major Leeming, ein echter Gentleman vom
Scheitel bis zur Sohle, ein Tasmanier. Er fhlte sich selber als halber
Gefangener auf dem den Inselchen und war bald unser dritter Mann beim
Skat, den wir ihm beibrachten, um die langen Abende zu fllen. Mir fiel
auf, da die Menschen auf dieser frostigen Sdinsel eine vornehmere Art
hatten als die Aucklnder. Unser neuer Generalstbler war Oberst
Chaffee, der frher Preisboxer gewesen war, mit einem Klappauge, das ihm
einmal bei einem Boxmatch eingeschlagen worden war. Er zeigte sich so
grndlich, da er jegliche nderung, und wenn es auch nur die eines
Schilderhauses war, als Generalstabsaufgabe behandelte.

Die 119 Tage auf diesem Schlo am Meer waren bitter fr einen Seemann.
Er sieht dort immer das Wasser um sich, seine Heimat, sieht die
Segelschiffe vorbeigleiten, die ihn an die vollen Segel seines
Seeadlers erinnern, und es zieht ihn mchtig hinaus auf das Meer, zu
den Kameraden. Dazu der endlose Stubenarrest, der nach den
internationalen Abmachungen nicht lnger als acht Tage htte dauern
drfen!

So kamen wir darauf, Fluchtmglichkeiten auszudenken. Ich fand folgendes
heraus. Die Insel hatte eine Anlegebrcke, zu der vom Fort eine
Zugbrcke fhrte, die hochgezogen den Zutritt versperrte. Der Orkan
hatte einmal diese Brcke zerschlagen, und sie wurde nun ausgebessert.
Gleichzeitig wurde der Fortshof geteert und die leeren Teertonnen
standen herum. Eines Tages rollte zufllig ein solches Fa ins Meer, es
trieb in das Fahrwasser und bei Ebbe hinaus auf die See. Da sehe ich,
wie ein kleiner Kstenschoner kommt und die Tonne herausholt.

Nun wurde ich aufmerksam und stie ein zweites Fa hinab, dem es wie dem
ersten erging. Nun war mein Plan fertig.

Whrend der Mittagspause der Arbeiter machte ich von einer Tonne den
Deckel los, schlug zwei groe Ngel in Boden und Deckel und bog sie in
Haken um. Ein kleiner, alter Bootsanker, der dalag, kam mir auch zupa.
Ich dachte: Du tust von auen die Fischleine in das Spundloch, nimmst
Proviant und Wasser hinein, ziehst den Anker an der Leine vor und machst
das Fa dicht, bindest den Deckel an den beiden Ngeln unten und oben
an. Dann lt du dich im Augenblick, wo aus Lyttleton ein kleiner Segler
ausfhrt, ins Wasser fallen und treibst an dem Fort vorbei, legst dich
so, da das Spundloch nach oben ist. Dann wollte ich mich verankern und
warten, bis das Fahrzeug kam und das wertvolle Treibgut aufnahm. Htte
mich der Schiffer hochgezogen und an Deck geheit, so htte ich innen
das Tau aufgeschnitten, den Deckel geffnet und wre wie der Teufel aus
dem Kasten, mit dem Messer bewaffnet, Herr der Situation geworden. Die
verblfften drei Mann Besatzung htten mich in die Sdseeinseln fahren
mssen und dort htte ich mich von Insel zu Insel geschippert, bis ich
eine Mglichkeit fand, als freier Mann zu leben.

  [Illustration:
  ... Das herzliche Verhltnis, das uns mit Leeming verband, schlo die
  Mglichkeit aus, sein Vertrauen zu mibrauchen.]

Diesen Fluchtgedanken wollte ich erst ausfhren, wenn Major Leeming, der
Familienzuwachs erwartete, in Urlaub gegangen wre. Denn die
Gerichtsverhandlung gegen Oberstleutnant Turner, die wir in der Zeitung
lasen, belehrte uns darber, da eine Flucht unserem Kommandanten
Stellung und Charge kostete. Das herzliche Verhltnis, das uns mit
Leeming verband, schlo die Mglichkeit aus, sein Vertrauen zu
mibrauchen. Aber jetzt ging er wirklich bald in Storchferien und wurde
vertreten von Leutnant Gilmore, den seine Leute den _little Napoleon_
nannten, und der stark in Militarismus arbeitete, so klein sein
Operationsfeld auch war. Eines Morgens lie Gilmore mir die leeren
Tabaksdosen wegnehmen; er hatte wohl gelesen, da wir in Motuihi aus
Marmeladenbchsen Handbomben gefertigt hatten. Ich schickte den
Feldwebel, der die Dosen holen sollte, wieder weg, da kam Gilmore
selbst, und ich sagte ihm: Well, wenn Sie glauben, ich machte aus
leeren Tabaksbchsen Unterseeboote, dann ist es besser, Sie holen sie
weg, aber anderseits ist es auch besser, Sie entfernen sich aus diesem
Raum, denn Sie sind uns unsympathisch. Er hatte es nmlich bisher nicht
fr ntig befunden, sich uns vorzustellen. Ich brannte darauf, diesem
Mann den bewuten Streich zu spielen.

Als Leeming in Urlaub gehen wollte, war gerade die Zeit der groen
deutschen Mrzoffensive von 1918. Alles zitterte vor Aufregung. Kirchei
hatte aus einem kleinen Handatlas eine Riesenkarte an die Wand der Messe
bertragen. Der Respekt vor Deutschland war gro. Selbst Gilmore legte
etwas das Napoleonische ab und fragte uns oft ber Deutschland. Wir
dachten alle, in drei Monaten wre der Krieg zu Ende, und unser
heldenmtiges Vaterland vermchte es, siegreich der Welt zu trotzen. Es
waren stolze, nie wiederkehrende Augenblicke. Wie liebte man dies Land
daheim! Heier gedenkt man seiner nie, als wenn man Verbannung ihm
zuliebe ertrgt und dazu den Gram, nicht dabei sein zu knnen, wo es um
sein letztes Schicksal geht.

So kam also die Woche heran, in welcher nicht Leeming, sondern Gilmore
die Verantwortung fr uns tragen sollte. Da wurde Kirchei infolge des
Zugwindes auf dem Fort krank; ein Arzt stellte bedenkliche Anzeichen
fest und bemerkte bei dieser Gelegenheit ber unsere und der
Wachthabenden Unterbringung: _No pigs could live there._ (Nicht mal
Schweine knnten hier leben.) Wenn diese uerung auch bertrieben war,
so hie es doch eines Tages: Es geht wieder heim nach Motuihi. Nun war
mein Plan gescheitert, aber die Aussicht des Wiedersehens mit den
Freunden belebte uns. Napoleon brachte uns ber Wellington nach Motuihi
zurck. Er hatte gehrt, ich beabsichtigte ein Buch zu schreiben, worin
er auch vorkme. Darum ging er mir jetzt um den Bart, schenkte mir sogar
in Wellington einen Rasierquast und Kirchei eine Tabakspfeife. Er hat
sich auch immer mehr als ein ganz guter Kerl herausgestellt.

In Motuihi herrschte groe Freude, da wir wieder da wren, nur einige,
darunter der polnische Doktor, waren ziemlich gekrnkt, weshalb mir der
Doktor gleich mit einer Pulle Schum entgegenkam, damit ich nichts von
unserem kleinen Geschftchen verriete. Die Leute, die vergeblich auf die
Theaterauffhrung gewartet, und besonders die, welche die Rollen
auswendig gelernt hatten, waren auch verschnupft, aber nicht bsartig,
denn sie waren ja durch ein Stck Seemannsleben entschdigt worden. Die
Reserveoffiziere waren verstimmt, da ich Egidy statt ihrer mitgenommen
hatte. Sie htten so gerne wenigstens einmal die Kraft frs Vaterland
eingesetzt.

Meine Moa-Kameraden blieben in fremde Lager verteilt. Nun traten die
brigen Kadetten an mich heran in der Hoffnung, da etwas Neues
unternommen wrde; sie wren ja nun die einzigen, die in Frage kmen.
Nach zwei Tagen schon berichteten sie, ein Segeltuchboot htten sie
fertig, Benzin und Proviant wre verstaut, ob ich die Reise nicht leiten
wollte? Ich stimmte zu unter der Bedingung, da ich die Mglichkeiten
vorher genau prfen knnte.

 [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  119 Tage Festungshaft verbt.]

Unserem neuen Kommandanten, Major Shofield, war nicht mehr gestattet ein
Motorboot zu halten. Der Proviant-Schlepper Lady Roberts, der
wchentlich zweimal kam, war mit einer groen Kanone versehen und
dauernd mit Wachen besetzt, damit er nicht berfallen werden knnte.
Wenn wir ausgingen, muten wir uns immer in einem Wachthaus anmelden und
bei der Heimkehr zurckmelden. Um sechs Uhr mute alles oben auf dem
Hgel sein. Ferner wurde um die Wohngebude ein groer Stacheldrahtzaun
gezogen, der allerdings erst kurz vor dem Waffenstillstand fertig wurde.
Nachts wurden Kirchei und ich alle zwei Stunden abgeleuchtet, ob wir
auch noch da wren. Nun, da htte ich auch einen anderen ins Bett packen
knnen, wenn es darauf angekommen wre. Groe Bogenlampen umstanden den
Drahtverhau.

Obwohl also unsere letzte Flucht den Scharfsinn der neuseelndischen
Behrden ungemein befruchtet hatte, gab es indes immer wieder neue Plne
zur Abreise. Als ich zwei Monate da war, kam ich auf den Gedanken, den
Gouverneur Dr. Schultz als Vertrauten zu benutzen, da er der einzige
war, der ber die ganze Insel gehen durfte. Wir anderen hatten einen
bedeutend eingeschrnkteren Weg. Der Gouverneur zeigte sich bereit, an
der nchsten Flucht teilzunehmen, als gewhnlicher Matrose wie jeder
andere. Er sphte nun die Insel unter dem Gesichtspunkte des Entkommens
ab. Zunchst legte er ein Proviantlager an, indem er jeden Tag auf
seinem Spaziergang Erbsen, Bohnen, Reis in Dosen mitnahm und an einem
stillen Platze vergrub. In einigen Wochen war ein hbsches Magazin
entstanden. Die Kadetten hatten unter dem Vorwand, sich Klappsthle
anzufertigen, ein Faltboot gebaut.

Wie sollten wir aber vom Lande wegkommen? Nach langem Hin und Her
gerieten wir auf den Gedanken, uns ein Versteck auf der Insel zu bauen.
Der Gouverneur hatte im Wald ein verlassenes Bachbett gefunden. In diese
Hhlung sollte die Erde, die beim Graben unseres Unterstandes sich
aufhufte, gefllt werden, so da sie nicht auffiel. Ein herkulisch
gebauter deutscher Bcker, der dem Gouverneur als Bedienung beigegeben
war und gleich ihm sich auerhalb des Drahtverhaues bewegen durfte,
baute nachts den Unterstand, zimmerte Kojen darin, packte den Proviant,
das Faltboot, eine Lampe und viel Petroleum dort hinein.

Wenn alles fertig war, wollten wir zum Golfspiel, das uns ab und zu
erlaubt wurde, die Umzunung verlassen. Der Unterstand befand sich von
dem Golfplatz nicht weit entfernt. Dann wollten wir auf einmal
verschwinden und uns in dem Unterstand versteckt halten.

In unseren Holzbaracken, einer frheren Quarantnestation, befanden sich
in jedem Zimmer groe Taue, damit man sich, wenn es brannte, aus dem
Fenster lassen knnte. Diese Taue wollten wir beiseite schaffen, sie an
der Klippe festbinden, in ihrer Nhe auch einige Messer und dergleichen
liegen lassen, damit es ausshe, als ob wir dort die Insel verlassen
htten. Dann wollten wir ein bis zwei Wochen im Unterstand ausharren,
bis sich unsere Verfolger mde gejagt htten. Wir hatten vernommen, da
der Verteidigungsminister dem Lagerkommandanten telephoniert hatte, er
mchte aufpassen, es gbe Leute in Neuseeland, die mich befreien
wollten.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Unser tglicher Blick auf den Ragnitoto.]

Den Eingang der Hhle hatten wir folgendermaen gemacht. Aus der Erde
wurde ein genaues Viereck herausgestochen, so da es nicht brach. Diese
Erde wurde auf einem ebenso groen, durchlcherten Stck Brett mit
dnnem Draht und Leim festgemacht, damit sie zusammenhielt. Unten am
Brett war ein Handgriff befestigt, so da die Luke von innen auf- und
zugemacht werden konnte. Wenn wir nachts aus unserer Hhle herausgingen,
sollte es nur auf Strmpfen geschehen, damit keine grobe Spur entstnde.
Wir konnten dort kochen, der Wasserlauf war nicht weit ab. Man htte uns
also vergeblich berall nachgesetzt. In einer schnen Mondscheinnacht
wollten wir dann abfahren. Wir hatten uns eine Browningpistole
verschafft und aus einem Petroleumbehlter einen Flammenwerfer
hergestellt. Fechtrappiere, Beile und das einzige noch vorhandene
Zeiglas hatten wir gleichfalls mit.

Wie sollten wir aber zu einem Schiffe kommen? Dafr hatten wir uns mit
einem Lagerinsassen verabredet. Der sollte uns ein Lichtsignal geben.
Wenn ein roter Lampenschirm abends an seinem Fenster einmal verschwand,
dann hie das: Sie suchen euch nicht mehr auf der Insel. Dann wollten
wir eine schne, stille Mondscheinnacht abwarten, in der die Segler
still liegen. Wir wrden hinrudern und mit unseren sechs Mann ein
Schiff nehmen.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  Huptlingstochter der Waikato.]

Wenn der Waffenstillstand drei Wochen spter gekommen wre, htte er uns
nicht mehr im Lager angetroffen. Spter haben wir den Neuseelndern
unsern Plan erzhlt. Da haben sie mit Hunderten von Maoris den
Unterstand gesucht, aber nicht finden knnen.

Nach dem Waffenstillstand haben wir noch vier Monate in Narrow Neck
gefangen gesessen, durften aber jetzt Besuche empfangen. Da kam eines
Tages eine Huptlingsfrau der Maoris vom Stamm der Waikato, die sich
1860/61 durch ihren heldenhaften Freiheitskrieg gegen die Englnder
einen Namen in der Geschichte gemacht haben. Auch lieen sie sich im
Weltkrieg nicht in die englischen Aushebungslisten eintragen. Die
eingeborene Dame, Frau Kaihau, betrat meine Kabine und berreichte mir
einen langen Brief, in Maorisprache geschrieben, etwa folgenden
Inhalts:

Ich komme zu Dir, Du groer Huptling, und berreiche Dir zur ferneren
Erhaltung der alten berlieferung die Matte des groen Huptlings
Wai-Tete.

Gleichzeitig holte sie unter ihrem Kleid eine Matte hervor, die sie sich
untergebunden hatte, um diesen Gegenstand vor der englischen Wache zu
verbergen.

Mein Erstaunen war gro, ich stoe Kirchei an, aber auch dieser zuckt
mit den Achseln und kann mir keine Erklrung geben. Glcklicherweise war
eine deutsche Dame anwesend, die schon lngere Zeit auf Neuseeland lebte
und mit den ehrwrdigen Sitten der Eingeborenen vertraut war. Sie
erklrte mir, ich sei eben im Begriff, die grte Ehrung zu empfangen,
welche Maoris einem Mann erweisen knnten. Mittlerweile fing die
Huptlingsfrau an, im Raum herumzutanzen. Mit groer Geschwindigkeit
und wilder Kraft tanzte sie Haka-Haka. Nachdem sie den Tanz beendigt
hatte, holte sie einen grnen Stein hervor, den es nur in Neuseeland
gibt. Diesen berreichte sie mir zusammen mit der Matte. Ich fragte sie:

Bin ich denn nun Huptling der Maori?

Gewi sind Sie Huptling. Sie drfen sich jetzt >Wai-Tete< d. h. >Heiliges
Wasser< nennen, und der Geist unseres verehrten Helden lebt in Ihnen
fort. Auch diesen Stein darf nur der Inhaber der Huptlingswrde
tragen.

  [Illustration:
  ... Der Geist dieses verehrten Helden lebt in Ihnen fort.]

Ich drckte der Maorifrau dankbar die Hand. Beim Abschied bat sie mich
dringend, Matte und Stein gut zu verstecken. Ich habe diese rhrende
Ehrung fr Deutschland angenommen und erhielt auch die Erlaubnis, Matte
und Stein mit mir in mein Vaterland auszufhren, in der sicheren
Hoffnung, da ich einmal zurckkehren wrde. An einem Sonntagnachmittag
lie ich mich, noch immer hinter Stacheldraht, heimlich in der
Huptlingstracht der Maori photographieren. Es fehlte freilich die
Ttowierung und die volle Kriegsbemalung, welche zu einem richtigen
Helden gehrt.

  [Illustration:
  (Phot. R. Hofmann, Kassel.)
  ... Es fehlte freilich die Ttowierung.]

Als endlich unsere Befreiung herannahte, besuchte mich vor der Abreise
die Vorstandsdame der Soldiers Mothers League und wnschte mir im
Auftrag der Mtter von 80000 Soldaten eine gute Reise, da die Shne, die
bei uns gefangen gewesen wren, gesund zu ihren Mttern heimgekehrt
wren. Es sei deshalb ihre Pflicht, zu Gott zu beten, da auch meine
Mutter mich wieder gesund in ihre Arme schlieen knnte.

So verlie ich den Weltteil unserer Antipoden, der mir mehr als ein
Abenteuer bereitet hatte, und betrat Ende Juli 1919 deutschen Boden, um
wieder Dienst zu tun im Vaterland und in seiner Marine, die, beide
niedergebrochen unter einem ungeheuren Schicksal, heute mehr als je
Mnner brauchen, welche unverzagt ihre Pflicht tun und den Mut nicht
sinken lassen.

  [Illustration:
  ... So verlie ich den Weltteil unserer Antipoden.
  (Der englische Dampfer trgt Schutzfarben gegen deutsche U-Boote.)]

Mein Vater hat meine Heimkehr noch erlebt. Der alte Kmpfer ist am 3.
September 1919 aus der Freude des Wiedersehens sanft in die Ewigkeit
hinbergegangen. Bis zuletzt glaubte er an sein Deutschland.

Am 3. Januar 1920 sind alle meine Leute mit einer Ausnahme heimgekehrt.
Ihr Zeug war wohl von der Tropensonne geblichen und vom Salzwasser
zerfressen, aber ohne Flecken auf ihrer Ehre und auf ihrem
Vaterlandsgefhl kamen sie heim. Nur einer der besten und liebsten
Kameraden fehlte, unser Arzt Dr. Pietzsch, der sich schon vor der
Seeadlerfahrt nur fr die gefhrlichsten Kommandos zur Verfgung
gestellt hatte, weil es sein sehnlichster Wunsch war, vor dem Feind zu
sein. Nicht der erwartete Soldaten- oder Seemannstod aber hat ihn
weggenommen, sondern ein Herzschlag beendete sein Leben, als er
Deutschlands Zusammenbruch erfuhr. Die chilenische Behrde und das
dortige Offizierkorps haben ihm eine wrdevolle Totenfeier gehalten.

  [Illustration:
  Die Besatzungen der Ccilie und der Moa auf der Heimfahrt.]

In mein geliebtes Vaterland zurckgekehrt, finde ich so vieles
verwandelt vor und anders, als man erhofft hat. Dabei tritt mir immer
eins in Erinnerung: Ich denke an meine gute Mutti, wie ich einmal vor
ihrem Krankenbett sa, als selbst die rzte die Hoffnung aufgegeben
hatten. Da kam einem erst zum Bewutsein, wie lieb man sie hatte. Man
sah pltzlich ein, was man versumt hatte, und was man alles htte tun
sollen. Genau so geht es mir heute, wo ich mein Deutschland so krank
vorfinde. Niemals habe ich mein Vaterland so lieb gehabt wie jetzt. Was
mchte man alles tun, um helfen zu knnen! Die Erkenntnis, da vieles
versumt wurde, erwacht, und der Entschlu, da jeder an seiner Stelle
mitwirke, damit es besser werde. Und so betrachte ich es jetzt als meine
Hauptaufgabe, zunchst fr meine herrlichen Jungs zu sorgen und zu
zeigen, da man ihr alter Kamerad ist. Wenn man damals auch die Hand
war, die sie fhrte, heute darf man die Hand der Liebe sein, die fr sie
sorgt. Wenn man den deutschen Landsleuten von ihren Taten erzhlt, so
werden die Herzen der Hrer aufgeschlossen, und die alte Devise lebt:
Einer fr alle, alle fr einen.

Euch, lieben Landsleute, mchte ich zurufen: Kiekt in de Snn, un nich
in 't Musloch, wo' so dster is. Nehmt euch meine Jungs zum Beispiel.
Als ihre Heimat auf dem Korallenriff zerschmettert wurde, eins lie sich
nicht zum Wrack schlagen: Ihr alter deutscher Geist und Mut. Wenn auch
die paar Planken im Groen Ozean vernichtet wurden und uns diese Heimat
bis zum Hals im Wasser stand und keine Hilfe ringsum zu erwarten schien,
so war doch der letzte Ruf aus unserm Seeadler einstimmig von vorn bis
hinten: De Eikbom, de steit noch!

       *       *       *       *       *

Die Waterkant ist verdet, der Englnder macht alle Seeleute brotlos,
nimmt uns nicht nur die Schiffe, die wir hatten, sondern wir mssen neue
bauen, um sie unsern Zwingherrn abzuliefern. Aber das alles soll uns
nicht entmutigen. Baut Schiffe, und tretet alle gerade jetzt erst recht
ein in den Flottenverein! Jetzt braucht der Baum Sttzen! Jetzt gibt's
nichts mehr zu genieen im Flottenverein, keine Festfeiern, Reden und
Lustreisen -- aber jetzt gerade soll seine Mitgliederzahl wachsen wie
nie zuvor.

Mein Freund, der Geschichtsprofessor Fritz Kern, frher in Kiel und der
Marine auch nach ihrem Niederbruch mit seinem Herzen und seiner Feder
treu, schrieb mir am Jahrestag von Skagerrak: Das deutsche Volk hat
immer durch die tiefsten Wasser waten mssen. Unsere Geschichte ist eine
Kette von Zusammenbrchen und Wiedererhebungen. Auch unser Reich zur See
haben wir wie kein anderes Volk immer wieder neu aufbauen mssen. Aber
unser Land kann nicht atmen ohne den frischen Anhauch der See; das Volk
mu im Kerker vermodern, wenn ihm Tren und Fenster na See to
knstlich zugesperrt bleiben. Halten wir der See die Treue, gerade
jetzt, da ihre Wellen leer und trostlos an die deutsche Kste schlagen!
Ihr Ruf an uns tnt fort, und wenn nach der alten Schiffersage, die du
mir einmal erzhltest, Gorch Fock und seine Kameraden ber dem
sthlernen Sarg der Wiesbaden heute ihre Musterung auf dem
Meeresgrund abhalten, die gefallenen Sieger, und um sie versammelt die
Toten der alten Hansa, dann rauscht es aus der Walhalla der Nordsee zu
uns und unsern Kindern herauf wie ein deutsches Gebet: Seefahrt tut
not.

Unseres Volkes Wohlfahrt wird sich wieder erheben, wenn es einig ist.
Niemand hoffe auf Hilfe oder Gnade von auen, aber jeder glaube an den
knftigen deutschen Willen und den knftigen deutschen Weg. Wenn unser
Volk erst sich selber gefunden hat, dann, ihr jungen Land- und Seeadler,
wachsen die Schwingen!

Heute, da alles verloren ging, was uns Seedeutschen die zweite Heimat
bedeutete, Schiffe, Kolonien und ein stolzes, freies Gefhl unter der
deutschen Flagge auf allen Meeren, ist uns nur eins geblieben, die
deutsche Scholle. Mchte aus ihr eine krftige junge Eiche aufwachsen,
die das ganze Volk unter ihrem Schatten vereint! Mchten ihre Schlinge
wieder als Mastbume auf deutschen Schiffen ragen! Die Sehnsucht nach
dem verlorenen Meer weht durch das deutsche Land.

    =Op Weddersehn!=

  [Illustration: Die Flagge S. M. S. Seeadler.]




Die Besatzung des Seeadler


  Kommandant Kaptlt. Graf v. Luckner
  I. Offizier Leutn. d. R. Kling
  Navig.- u. Art.-Offizier Leutn. d. R. Kirchei
  Adjutant u. Prisenoffizier Leutn. d. R. Pries
  Assistenzarzt Dr. Pietsch
  Steuermann Ldemann
  Bootsmann Ernst Dreyer
  Zimmermann Gustav Dreyer
  Steuermannsmaat Harzmeyer
         "        Permien
         "        Bahrs
  Signalmaat Friebel
  Obermatrose Barten
       "      Feldmann
       "      Erdmann
       "      Kawohl
       "      Sthrk
       "      Rhling
       "      Reichenbach
       "      Ratzlaff
       "      Sprengel
       "      Kohlenberg
       "      Zemke
       "      Hugo Schmidt
       "      Hinz
       "      Segelitz
       "      Foth
       "      Seidler
       "      Draheim
       "      Silla
       "      Otto Schulz
       "      Sliwa
       "      Srensen
       "      Lindenau
   I. Koch Lohans
  II. Koch Heitmann
  Obermatrose Robert Schulz
       "      Pfrang
       "      Hank
       "      Kolberg
       "      Piwczyk
       "      Harms
       "      Wehner
  Obersignalgast Langkopf
  Matrose Esch
     "    Walter Schmidt
     "    Mathies
  Zimmermannsgast Thieme
  Obermechanikersgast Paschold


  =Motorpersonal=

  Leitender Ingenieur Krause
  Obermaschinistenmaat Jacob
           "           Sottmann
           "           Frhling
           "           Schaumann
           "           Hugo Schultz
  Oberheizer Hanke
      "      Pallaske
      "      Henning
      "      Sachse
      "      Datzmann
      "      Pahland


  =Funkentelegraphisches Personal=

  F. T.-Maat Otto Schmidt
  Ober-F. T.-Gast Renz
        "         Hhmer




Die Besatzung der Kronprinzessin Ccilie


  Graf v. Luckner
  Kirchei
  Ldemann
  Krause
  Permien
  Erdmann




Die Besatzung der Moa


  Graf v. Luckner
  Kirchei
  Leut. z. S. d. R. Albrecht v. Egidy
  F. T.-Maat Grn
  Matrose Walter Schmidt
  Matrose Mellert
     "    v. Zatorski
     "    Paulsen
     "    Klhn
  Mechanikersgast Freund




Aufri eines Segelschiffes von der Art des Seeadler.


  [Illustration]

  f Flaggleine.
  r Reef mit Reefzeisingen.
  t Reef-Taljen.


Segel.

      I. Besan.
     II. Kreuz-Reuel.
    III.   "  -Bram-Segel.
     IV.   "  -Ober-Mars-Segel.
      V. Kreuz-Unter-Mars-Segel.
     VI.   "  -Reuel-Stag-  "
    VII.   "  -Bram-   "    "
   VIII.   "  -Stngen-"    "
     IX.   "  -Stag-Segel.
      X. Gro-Reuel- "
     XI.  "  -Bram-  "
    XII.  "  -Ober-Mars-Segel.
   XIII.  "  -Unter- "    "
    XIV.  "  -Segel.
     XV.  "  -Reuel-Stag-Segel.
    XVI.  "  -Bram-   "    "
   XVII.  "  -Stngen-"    "
  XVIII. Vor-Reuel.
    XIX.  " -Bram-Segel.
     XX.  " -Ober-Mars-Segel.
    XXI.  " -Unter- "    "
   XXII. Fock.
  XXIII. Auen-Klver.
   XXIV. Innen-  "
    XXV. Vor-Stngen-Stag-Segel.


Kreuztopp.

   1. Besans-Schot.
   2.   "   -Geitaue.
   3. Kreuz-Reuel-Bukgordings.
   4.   "     "  -Geitaue.
   5.   "   -Bram-Bukgordings.
   6.   "      " -Nockgordings.
   7.   "      " -Geitaue.
   8.   "  -Ober-Mars-Bukgordings.
   9.   "    "    "  -Rah-Niederholer.
  10.   "  -Unter-Mars-Bukgordings.
  11.   "     "    "  -Geitaue.
  12. Kreuz-Reuel-Stag-Segels-Fall.
  13.   "     "    "     "   -Niederholer.
  14.   "     "    "     "   -Schot.
  15.   "  -Bram-Stag-Segels-Fall.
  16.   "    "    "     "   -Niederholer.
  17.   "    "    "     "   -Schot.
  18.   "  -Stngen-Stag-Segels-Fall.
  19.   "      "     "     "   -Niederholer.
  20.   "      "     "     "   -Schot.
  21.   "  -Stag-Segels-Niederholer.
  22.   "    "     "   -Schot.


Grotopp.

  23. Gro-Reuel-Bukgordings.
  24.  "     "  -Geitaue.
  25.  "  -Bram-Bukgordings.
  26.  "    "  -Nockgordings.
  27.  "    "  -Geitaue.
  28.  "  -Ober-Mars-Bukgordings.
  29.  "    "  -Rah-Niederholer.
  30.  "  -Unter-Mars-Bukgordings.
  31.  "     "    "  -Geitaue.
  32.  "  -Bukgordings.
  33.  "  -Nockgordings.
  34. Gro-Geitaue.
  35.  "  -Hals.
  36.  "  -Schot.
  37.  "  -Reuel-Stag-Segels-Fall.
  38.  "     "     "    "   -Niederholer.
  39.  "     "     "    "   -Schot.
  40.  "  -Bram-   "    "   -Fall.
  41.  "    "      "    "   -Niederholer.
  42.  "    "      "    "   -Schot.
  43.  " -Stngen- "    "   -Fall.
  44.  "     "     "    "   -Niederholer.
  45.  "     "     "    "   -Schot.


Vortopp.

  46. Vor-Reuel-Bukgordings.
  47.  "    "  -Geitaue.
  48.  " -Bram-Bukgordings.
  49.  "   "  -Nockgordings.
  50.  "   "  -Geitaue.
  51.  " -Ober-Mars-Bukgordings.
  52.  "   "    "   -Rah-Niederholer.
  53.  " -Unter-Mars-Bukgordings.
  54.  "    "    "   -Geitaue.
  55. Fock-Bukgordings.
  56.  "  -Nockgordings.
  57. Fock-Geitaue.
  58.  "  -Hals.
  59.  "  -Schot.
  60. Auen-Klver-Fall.
  61.   "     "   -Niederholer.
  62.   "     "   -Schot.
  63. Innen-  "   -Fall.
  64.   "     "   -Niederholer.
  65.   "     "   -Schot.
  66. Vor-Stngen-Stag-Segels-Fall.
  67.  "     "     "     "   -Niederholer.
  68.  "     "     "     "   -Schot.

Aus Leitfaden der Seemannschaft, mit freundlicher Genehmigung des
Verfassers Admiral C. Dick, und des Verlegers, E. S. Mittler & Sohn,
Berlin.




Original-Takelri von S. M. S. Seeadler.


  [Illustration]

  a) einfaches Bramsegel.
  b) Sturm-Besahnsegel.

  S. M. S. Seeadler
  Takelri mit doppeltem bezw. einfachem Bramsegel und Roll.
  Mastab 1:100.

Verffentlicht mit gtiger Erlaubnis der Firma =Joh. C. Tecklenborg=,
A.-G., Schiffswerft und Maschinenfabrik, =Bremerhaven-Geestemnde=, die
den =Seeadler= zu seiner Kaperfahrt ausrstete.




Verzeichnis der Abbildungen


                                                                   Seite

    1. Titelbild des Verfassers nach der Heimkehr ins Vaterland.
    2. ... da lag das mchtige Becken mit seinem Mastenwald          6
    3. ... un ganz boben, da hrt de Schipjung hen                   7
    4. ... Ik heet Pedder, segg du man >du< to mi                    9
    5. Wie eine Takelage von Deck aussieht                            12
    6. ... und zwang mich mit aller Gewalt: >Rauf<.                 13
    7. quatortaufe auf Seeadler                                    14
    8. Wer kennt die Taue?                                            16
    9. Schwere See                                                    18
   10. ... Man wrde Hypochonder, wenn man darber nachgrbelte     25
   11. ... Die Sehnsucht nach dem Schiff kam stets zurck           26
   12. Phylax Ldicke                                                 31
   13. ... Es war, als ob der Teufel auf >Pinmore< wre             32
   14. Als Meisterschaftsringer von St. Pauli                       34
   15. ... musterte ich an Bord der >Csarea< an                    35
   16. Die Mannschaft der Csarea, unter ihr Phylax Ldicke         42
   17. Wrack der Csarea, bei den Bermudas angetrieben und
       eingeschleppt                                                  50
   18. S. M. S. Panther                                             55
   19. ... nahmen wir unsern Abschied aus der Armee und halfen bei
       einem Bahnbau im Innern Mexikos Sand fahren                   58
   20. ... Uhlhorn und Phylax hie die Bierwirtschaft               60
   21. ... Er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne
       und der Mond ihn gren                                       67
   22. Teckel Schnuzchen soll sich auf Seeadler mit einem
       Albatros anfreunden, der zu Besuch gekommen ist                68
   23. Prof. Dr. Schulze, Leiter der Seefahrtsschule zu Lbeck        71
   24. ... Das Examen dauerte sechs Tage                            73
   25. Auf der Reichskriegsmarine (an Bord S. M. S. Kronprinz,
       im Jahre 1915)                                                 79
   26. Graf Nikolaus von Luckner, * 1722, + 1794                      81
   27. Auf Kronprinz                                                89
   28. Auf Kronprinz                                                90
   29. Auf Kronprinz                                                91
   30. S. M. S. Kaiser                                             101
   31. Mein Begleiter bei seinem Elefanten                           103
   32. ... Wir staunen, wie seine hohe Gestalt sich uns nhert     104
   33. Unsere Rikschas bei einem Besuch in der Kapkolonie          109
   34. Auf Kronprinz                                               111
   35. Mit uerster Kraft 'ran an den Feind!                        114
   36. Auf Kronprinz                                               115
   37. ... Die andern sind im Schiffsinnern. (Heizraum eines
       Grokampfschiffes)                                            116
   38. Breitseite                                                    117
   39. ... Die einschlagenden Granaten bilden einen Fontnenwald   118
   40. ... Mit hchster Salvenfolge werden sie unter Feuer
       genommen                                                     121
   41. ... Torpedoboote 'ran an den Feind! (Sie brechen zwischen
       den Linienschiffen durch)                                     122
   42. ... Einige Tage spter lief der zerschossene Seydlitz
       durch eigene Kraft in Wilhelmshaven ein                      126
   43. ... Die Nummer drei fliegt in die Luft. (Vernichtung des
       engl. Schlachtkreuzers Queen Mary in der Skagerrakschlacht) 127
   44. ... Treffer auf Treffer hagelte ins Schiff. (Durchgehender
       Volltreffer auf Seydlitz von der Back bis zur Proviantlast) 129
   45. Hurra! -- drauf, >Seydlitz<! (Seydlitz brennend whrend
       der Seeschlacht)                                              130
   46. Tirpitz, der Schpfer der deutschen Flotte                    131
   47. ... Der leitende Ingenieur Krause und sein Personal waren
       selten hervorragende Menschen                                139
   48. ... Die Holzladung war an Deck gepackt                      142
   49. .. Wir hatten vollkommen Zivilbetrieb eingefhrt, behaglich
       und ein wenig schmuddlig. (Die norwegisch sprechende
       Besatzung)                                                    145
   50. Auf Piratenkurs!                                              146
   51. Wir passieren die deutsche Vorpostenkette                     148
   52. Bild von I. K. H. der Kronprinzessin                          151
   53. ... der Tag, an den sich noch mancher erinnern drfte       152
   54. Beginnende Vereisung                                        154
   55. ... und gingen zwischen den Frer und Island in den
       Atlantik                                                     156
   56. ... Wir hatten Jeanette nicht zum erstenmal aufgetakelt     158
   57. ... Unter der Flagge auf >Seeadler< wollen wir feiern!      167
   58. ... Ehe wir's uns versahen, hatte er sein Boot zu Wasser    172
   59. Unsere erste Prise verlt die Oberflche                     173
   60. Leider ein Neutraler!                                         174
   61. ... Er fhlte sich erleichtert. Kapitn Barton, zum
       zweitenmal Kaptein ohn' Schip                               176
   62. Charles Gounod steuert ihren letzten Kurs                   177
   63. Der letzte Augenblick ber Wasser                             178
   64. ... Schiff auf Schiff wurde so versenkt                     180
   65. ... Wir verhielten uns zunchst als neutrales Schiff        181
   66. Eine Prise als bungsscheibe                                  183
   67. ... Mit der >Antonin<?!                                     186
   68. ... Eindreiviertel Jahr Erinnerung arbeitet sich durch
       meinen Geist hindurch                                        188
   69. ... whrend die alte Heimat in den Wellen verschwand        189
   70. ... Es war ein rasch heranblhendes Gemeinwesen. (Der
       erste Teil unserer Gefangenen)                                192
   71. Cambronne, das Freiheitsschiff                              193
   72. Ein Sonntag an Bord                                           194
   73. Vor dem Sturm                                                 197
   74. Nach dem Sturm                                                198
   75. Slade                                                       201
   76. ... Haifischfang war die einzige Abwechselung               202
   77. ... Es gibt nichts Lieblicheres als die Sdseeinseln, aber
       auch nichts Heimtckischeres                                 204
   78. Skizze der Insel Mopelia                                      205
   79. ... Der Ankerplatz machte uns anfnglich Sorge              206
   80. ... Das Einzige was wir besaen, lag zertrmmert            208
   81. Takelage des Seeadlers nach der Strandung                   209
   82. Seeadler wird gesprengt                                     210
   83. Seeadlerdorf, die letzte deutsche Kolonie                     212
   84. Die Requisitionskolonne kauft ohne Lebensmittelkarten und
       Geld ein                                                      213
   85. Der schwarze Stab des Gouverneurs von Mopelia               215
   86. ... Alle wollten mitgehen                                   218
   87. Kronprinzessin Ccilie der kleinste Kreuzer der deutschen
       Marine                                                        219
   88. Die Besatzung der Kronprinzessin Ccilie                    222
   89. ... zum erstenmal bewohntes Feindesland                     223
   90. Vulkanische Sdseeinsel. Die Lava tritt ins Meer              231
   91. ... Im letzten Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die
       des Sturmes wegen vor Anker lagen                            234
   92. ... Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das die
       Franzosen weggenommen hatten                                 245
   93. Kapitn Alfred Kling, erster Offizier des Seeadlers           246
   94. ... und verloren wieder ihr Schiff                          247
   95. Man steht vor diesen hohen Lavariesen ... (Der Donnergott)  248
   96. ... Kirchei und ich wurden von unsern vier treuen
       Gefhrten getrennt.                                          250
   97. u. 98. Panorama von Motuihi                            252 u. 253
   99. Im deutschen Gefangenenlager hat sich das Gercht unserer
       Ankunft verbreitet. Gespannte Erwartung                       254
  100. ... In den neuseelndischen Lagern waren Gefangene von ber
       70 und unter 10 Jahren                                       255
  101. ... da man hinter dem Stacheldraht den Humor nicht ganz
       verlor                                                       256
  102. Exzellenz Dr. Schultz als _Honoured Guest of the
       New-Zealand Government_                                      257
  103. ... Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten          259
  104. Bei unsern Hhnerstllen.                                     261
  105. ... Das Hhnersterben fiel auf. Der sterreichisch-polnische
       Arzt erklrt es dem Lagerkommandanten. (Englische Karikatur)  262
  106. Letzte Vorbereitung zur Flucht                                264
  107. Oberstleutnant Turners Entschuldigung vor dem Kriegsgericht:
       Ich hatte nur g. v.-Leute als Wachpersonal.
       (Englische Karikatur)                                         267
  108. Der Lagerkommandant erkundigt sich nach unserer Gesundheit,
       whrend wir unsere Ausrstung ausarbeiten.
       (Englische Karikatur)                                         268
  109. ... Ich selbst trug schon stets neuseelndische Uniform     270
  110. Prise in Sicht!                                               272
  111. Am Strand von Motuihi                                         274
  112. Mr. Turner, Sie haben die Tr offen gelassen. (Englische
       Karikatur auf unsere Flucht)                                  277
  113. ... Ich mute zu Gouverneur Schultz                         278
  114. ... als der Motor anraste, wurden noch drei Hurras
       ausgebracht                                                  279
  115. Austernklippe auf Motuihi                                     280
  116. ... Sogar mit Segeljachten nahmen Sportsleute an unserer
       Verfolgung teil. (Englische Karikatur)                       282
  117. ... Es war die >Moa<                                        284
  118. ... meine Jungs kletterten ber die Deckladung und schrien:
       >_Ship is brought up!_< (Abbildung aus einer
       englischen Zeitschrift)                                       285
  119. Die Moa vor Curtis-Island                                   287
  120. ... Der Schuppen wurde geffnet                             288
  121. Ich rudere zur Iris hinber                                 289
  122. ... empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rcken
       gerichtet. (Neuseelndisches Bild)                           290
  123. ... Es war wieder einmal das Zuchthaus, Mount Eden          292
  124. Zum zweitenmal Zuchthusler                                   294
  125. ... Das herzliche Verhltnis, das uns mit Leeming verband,
       schlo die Mglichkeit aus, sein Vertrauen zu mibrauchen    298
  126. 119 Tage Festungshaft verbt                                 300
  127. Unser tglicher Blick auf den Ragnitoto                       302
  128. Huptlingstochter der Waikato                                 303
  129. ... Der Geist dieses verehrten Helden lebt in Ihnen fort    304
  130. ... Es fehlte freilich die Ttowierung                      305
  131. ... So verlie ich den Weltteil unserer Antipoden           306
  132. Die Besatzung der Ccilie und der Moa auf der Heimfahrt   307
  133. Die Flagge S. M. S. Seeadler                                309

  134. Aufri eines Segelschiffes von der Art des Seeadler  312 u. 313
  135. Original-Takelri von S. M. S. Seeadler                     314




  [Illustration: Karte zu Luckner, Seeteufel]




Korrekturliste


Seite 1, vor der Kapitelberschrift die berschrift Erster Teil.
eingefgt.

Seite 33, ruscht durch rutscht ersetzt (Beim dritten Male ziehe ich
ihn hoch, drehe ihn herum, er will sich mit dem Fu gegen eine
Zeltsttze halten, rutscht aber dabei aus.)

Seite 57, fehlendes schlieendes Anfhrungszeichen hinter Panthers
ergnzt (Das erste, als ich an Bord des Panthers kam, war, auf die
Back zu gehen, auf das Vorschiff, dorthin, wo man damals gesessen hatte
als dankbarer Gast liebevoller Matrosen und Heizer.)

Seite 64, gewungen durch gezwungen ersetzt (Ich bin gezwungen, das
letzte Erbteil meiner seligen Mama zu versetzen.)

Seite 65, fehlendes schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (Snakt he
plattdtsch?)

Seite 72, Flu߫ durch Flei߫ ersetzt (Wie ich das mit eisernem Flei
intus hatte, kam die Mathematik, der pythagorische Lehrsatz, den ich
von der Schule her zwar noch kannte, aber nicht beweisen konnte.)

Seite 75, vor und hinter dachte ich ein schlieendes und ein ffnendes
Anfhrungszeichen eingefgt (Mensch, Phylax, dachte ich, jetzt hast
du es geschafft. Wie hast du dich verndert!)

Seite 77, ffnendes Anfhrungszeichen am Ende der wrtlichen Rede durch
ein schlieendes Anfhrungszeichen ersetzt (Der Sohn von Heinrich
Luckner.)

Seite 112, schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (Wie oft fragt man
sich auf einsamer Wache: Wann schieen sie? Wann kann man die
Geschtzmndung von der Scheibe reien? Knnen wir unsere Kolosse
nicht gegen den Feind probieren? Nicht sehen, wer es besser kann?)

Seite 116, soundviele durch soundsoviele ersetzt (Was hast du zu
tun, wenn eine Strung kommt, wenn soundsoviele von deinen Kameraden tot
oder verwundet liegen?)

Seite 125, beraschung durch berraschung ersetzt (Welch freudige
berraschung fr uns, als die gegenseitigen Verluste bekannt wurden:)

Seite 131, schlieende Klammer bei der Bildunterschrift ergnzt: (phot.
E. Bieber, Hofphotograph, Berlin.)

Seite 132, schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (Trauen Sie sich
zu, ...)

Seite 133, Segelsschiffs durch Segelschiffs ersetzt (In mehreren
Eingaben hatte Kling auf den Vorzug des Segelschiffs fr Kaperfahrten
infolge seiner Unabhngigkeit von Kohlen hingewiesen.)

Seite 147, ffnendes Anfhrungszeichen ergnzt bei: Davon habe ich mir
ein halbes Dutzend in Christiania besorgt.

Seite 236, Kambse durch Kombse ersetzt (Jeder schmunzelt versteckt
ber das herrliche Schiff, das wir jetzt unter unseren Fen haben, den
wundervollen Salon, die Kombse, Kojen, ein Dach wieder ber uns, ein
Deck, worauf man laufen kann.)

Seite 238, Murr durch Mumm ersetzt (Sie Feigling! wohnen bei euch
die Generle in Zuchthusern oder haben Sie nicht so viel Mumm in den
Knochen, uns die Wahrheit zu sagen? Ist das britisch? Dann pfui Teufel!)

Seite 251, Komma hinter gekommen war und entfernt (... erst, nachdem
auf Umwegen die Nachricht nach Deutschland gekommen war und man hier
Vergeltungsmaregeln ergriff, wurde sein hartes Los etwas erleichtert.)

Seite 260, doppelte Anfhrungszeichen um Seeadler durch einfache
ersetzt (Aber Ihre >Seeadler<-Mannschaft? Ist es nicht mglich, da sie
mit einem Schoner kommen und Sie abholen wollen?)

Seite 264, schlieende Klammer bei der Bildunterschrift ergnzt: (Phot.
R. Hofmann, Kassel.)

Seiten 280 bis 282, schlieendes Anfhrungszeichen am Ende von Osbahrs
Bericht ergnzt, sowie die darin enthaltenen doppelten Anfhrungszeichen
(jeweils um den Namen Perle) durch einfache Anfhrungszeichen ersetzt
(Als der Graf abgefahren war, herrschte eine furchtbare Stille ...)

Seite 283, fehlenden Punkt am Satzende ergnzt (Es war die Moa.)

Seite 287, Mven durch Mwen ersetzt (Umkreischt von Tausenden von
Albatrossen und Mwen landeten die Leute an einer Lavaplatte in der Nhe
des Proviantschuppens, wo Schwefel fudick aufgehuft lag.)

Seite 316, Ubungsscheibe durch bungsscheibe ersetzt (66. Eine Prise
als bungsscheibe)

Seite 318, Sportleute durch Sportsleute ersetzt (116. ... Sogar mit
Segeljachten nahmen Sportsleute an unserer Verfolgung teil.)

Seite 318, schrieen durch schrien ersetzt (118. ... meine Jungs
kletterten ber die Deckladung und schrien: >_Ship is brought up!_<)





End of the Project Gutenberg EBook of Seeteufel, by Felix v. Luckner, Graf

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEETEUFEL ***

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number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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