The Project Gutenberg EBook of Wege und Umwege, by Annette Kolb

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Title: Wege und Umwege

Author: Annette Kolb

Release Date: July 6, 2014 [EBook #46204]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WEGE UND UMWEGE ***




Produced by Jens Sadowski








                             ANNETTE KOLB
                                 WEGE
                              UND UMWEGE


                        HYPERIONVERLAG / BERLIN

                       Zweite und dritte Auflage
             Gedruckt von Emil Herrmann senior in Leipzig
                             im Jahre 1919




                                 TORSO


Gedanken, Meinungen und berzeugungen drngen nach uerung, lange bevor
wir noch wissen, welchen Ausdruck wir ihnen verleihen, in welche Form wir
sie bringen knnen. Den einen treiben sie zur Gestaltung, zur Ausfhrung
oder zur Tat, den minder Glcklichen zwingen sie zur Schrift.

Leopardi nennt die so verbreitete Meinung von der Seltenheit der Originale
einen groen Irrtum, denn bei nherer Betrachtung erweise sich fast ein
jeder als ein ganz einziges, noch nie dagewesenes Exemplar! Einem solchen
Begriff der Originalitt fehlt freilich jedes Prestige. Aber tatschlich
ist es mit den geistigen Physiognomien der Menschen wie mit den
uerlichen. Knnten wir jene mit den Augen sehen, wir wrden da genau
dieselbe Mannigfaltigkeit, aber auch dieselben Miverhltnisse wahrnehmen,
wie an den sichtbaren Gestalten; nur da sich auf geistigem Gebiete der
Wahn so bemerkbar macht, als sei hier eine Unterschiebung der eigenen
Identitt durch eine schnere oder bedeutendere leichter mglich, die
Gesetze der Unvernderlichkeit leichter zu tuschen oder zu umgehen, als in
der krperlichen Welt. Wie wenige sind denn wirklich schne oder vollendete
Typen! Und wie viele gleichen jenen Bruchstcken antiker Statuen, deren
Wirkung durch einen ergnzten Kopf, eine fremde Bewegung verdorben oder
gestrt wird, statt da sie bleiben, was sie sind, nmlich meist _ohne_
Kopf und Fu, aber echt.

Marie stand mit fnf Jahren eines Morgens unter einem Baum, dessen Laub im
Winde rauschte und den blauen Himmel durchblicken lie. Das Leben ist
schn! dachte sie.

Da flog ein Blatt von den Zweigen herab in ihre Hand, und whrend sie seine
groben Adern und Fasern langsam auseinanderri, wurde sie unsglich
verstimmt. Nicht der frohbewegte Wipfel in der Hhe, das einzelne
langweilige Ding in ihren Hnden war die Wirklichkeit! --

Der Grundakkord ihres Wesens schlug da zum erstenmal an ihr Bewutsein an;
denn es gibt nichts Neues im Menschen. Das fin mot eines Ich's ist ein
Motiv, und was hinzutritt, sind Amplifikationen.

Schon ein Jahr darauf lernte sie im Kloster die Langeweile kennen, zu der
sie neigte wie ein anderer zu Gichtschmerzen oder Rheumatismen, und die sie
anwehen konnte, pltzlich, unvermittelt wie ein Wind, der um die Ecke
fhrt.

In ihrem Kloster blies sie durch das ganze Haus, um alle Mauern, und durch
den ganzen Garten, die Stelle ausgenommen, an der eine reizende Brcke ber
den Wildbach bog, Libellen unklsterlich schwirrten und die Bume
parkhnlich zusammenstanden. Aber alles andere war hlich. Zwei hohe
plumpe Berge versperrten wie Riesentore nach Norden hin die Welt, und die
Monatsrosen standen, meist verwelkt und verweht, um ein mchtiges Kreuz vor
dem Haus. Alles, was sie sah, mute sie zugleich empfinden, doch ohne auch
nur entfernt die Fhigkeit zu haben, sich dies zum Bewutsein zu fhren.
Wie schmerzlich schien ihr im Frhjahr das Licht, wenn die Furchen der
Berge so rauh aus dem Schnee hervorstachen und die grnenden Bume im
Scheine eines regnerischen Tages frstelten. Ach wie de der Ackergeruch im
Winter, die Stoppeln und Maulwurfhgel auf dem Felde, der schwere, fette
Flug der Raben!

Zu ihrer Unterhaltung verfiel sie da auf ein hchst seltsames
Gedankenspiel: sie setzte sich abseits, sttzte die Arme auf, schlo die
Augen und dachte mit immer beschleunigterem Tempo und eingezogenem Atem:
Ich bin Ich. An diesem Gedanken konnte sie nmlich, wie an einem Seil,
immer dunklere Schlnde hinabgleiten, bis sie ein Schwindel erfate und ihr
Ich ihrem Bewutsein entsank.

Wie sie das zusammenbrachte, wurde ihr spter selbst ein Rtsel: ihr Geist
hatte damals eine jongleurartige Geschwindigkeit, als sei er transparenter
und zugleich schrfer gewesen, lsbarer von ihr? -- Sie wute es nicht.
Aber sie fand es spannend, sich selbst zu jagen, bis zu einer Wurzel, die
sie nicht mehr war. -- Ich bin gefangen! dachte sie da wohl. Auch nicht
fr eine Stunde kann ich jemals von mir fort, und wenn mir andere Menschen
noch so sehr gefallen werden, kann ich sie nie sein!

Aber einmal, als ihr diese geistige Rutschpartie besonders gut gelungen
war, fate sie ein Entsetzen, als htte sie sich verloren, als hinge das
Seil ihrer Identitt in der Luft, -- als harrten ihrer Gespenster in den
Tiefen, in die sie geraten war, -- und mhsam, wie ein Ertrinkender, so
rang sie seufzend zur Oberflche ihres Bewutseins zurck.

Ein Instinkt riet ihr jedoch, dies unheimliche Spiel zu lassen, und die
Fhigkeit verlor sich auf diese Weise sehr rasch. Dafr fingen andere
Probleme, deren Lsung sie keinen Augenblick gewachsen war, an sie zu
qulen.

Starb eine Klosterfrau und wurde es den Zglingen freigestellt, sie auf der
Bahre noch einmal zu sehen, so lie Marie alles liegen und stehen, und
marschierte zwei Schuhe hoch, allen voran. Dann starrte sie forschend in
das fahle Gesicht, dem der Geist schon zu lange entschwunden war, und das
ausdruckslos, ja sinnlos vor ihr lag. Und nichts schien ihr gerade auf das
Klosterleben ein so trauriges Licht zu werfen als der Tod.

Aber es kamen immer mehr Dinge, die ihr mifielen.

Eines Sonntags fand sie in einem Bilderbuch eine Palmengruppe abgebildet,
einen sprungbereiten Tiger und ein Mdchen, das mit tdlich entsetzter
Miene sich vor ihm zu verbergen suchte, aber vergebens, denn er hatte sie
schon fast erreicht und mute sie unfehlbar zerreien.

Emprt und auer sich, rannte Marie im Zimmer umher. Sie blickte zu den
gemalten Inschriften auf, die an den Wnden hingen, und die ihr so gut
gefielen: Siehe, so sehr hat Gott die Welt geliebt . . . Er aber liebt
die Seinen bis in den Tod . . . Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehrt
. . . ber ihren Schrank breitete ein Pelikan seine Flgel aus mit einem
hnlichen gefhlvollen Spruch. Wie reimte sich dies? -- Und sie verbi sich
von neuem in das schreckliche Bild. -- Wie konnte Gott dies ertragen, wenn
wir sein Ebenbild waren?

Ein anderes Mal hatte die Feuerglocke wegen eines in der Nhe brennenden
Anwesens wohl eine Stunde hindurch gelutet. Endlich kam fliegenden
Schrittes eine Klosterfrau den Gang heraufgeeilt und sagte: Gottlob
Kinder, es ist kein Menschenleben zugrunde gegangen, nur sechzehn Khe sind
verbrannt.

In der Nacht sah Marie die Tiere heulend durch die Flammen jagen und fuhr
erschrocken aus ihren Trumen empor. Sie schlief nahe am Fenster, und der
Wildbach rauschte mit dsterem Schwalle, ewig sthnend, schwarze Klagen
herauf. Was war dies fr eine Welt, in der die Kinder ihre Eltern begruben,
und der Herr der Schpfung zur Beute eines niedrigen Tieres entehrt werden
durfte? Schne Menschen, die sie kannte oder gesehen hatte, und die
schwerlich je in Kollision mit einem Tiger oder einer Boa constrictor
kommen wrden, schwebten ihr vor Augen. Allein gewisse _Mglichkeiten_
gengten, um da ihren Weltschmerz zu einem unerhrten Fortissimo zu
steigern. Es gab ja kein Entrinnen aus einer solchen Welt, keinen Tod,
keine Bewutlosigkeit mehr fr unsere unsterblichen Seelen! O wie ist
das? dachte sie erschrocken: Ich kann Gott nicht lieben!

Am nchsten Morgen waren Geschenke fr sie angekommen, und sie bezeigte
eine solche Gier, sie alsbald in Empfang zu nehmen, da die Oberin sie
zurechtwies: Du genuschtiges Kind, sagte sie streng. Marie hrte dies
Wort zum erstenmal und vernahm es mit Interesse. In der Tat: Warum hate
sie nichts so sehr auf der Welt als den Schmerz? Warum ging sie stets mit
abgewandtem Gesicht den unteren Gang entlang, wo die Apostel der Reihe nach
in schlecht gemalten Bildern hingen, mit Kreuz, Ngeln und Stricken, all
den furchtbaren Zutaten ihres Sterbens? Warum erfate sie jede Freude mit
so peinvoller Hast und entbehrte sie mit solcher Heftigkeit? Und warum
waren selbst ihre schwrzesten Stimmungen so seicht, wie Wolken, die ein
leichter Windsto wieder zerreit?

Aber ihre Grbeleien brachten ihr nur berdru, und sie war froh, sich
ihrer zu entschlagen. So fing sie mit acht Jahren an zu schwrmen, und wenn
Orgelklnge und Weihrauchdfte die Kirche erfllten, dachte sie nur mehr an
Rosa Flatz, Paula Baselli, Irene Angermaier und Livia Gelmini.

Es gibt Wesen, die in frher, unwahrscheinlicher Vollendung ins Leben
hineinleuchten, gleich jenen vereinzelten Tagen inmitten langer
Regenzeiten, an denen das Licht so zrtlich, das Laub so golden, der
feuchte Blick der Sonne so kristallen leuchtet! Aber tags darauf haben
Regen und Wind ihre trben Lieder wieder aufgenommen . . . Flatz war von
hohem Wuchs, hatte goldenes Haar und den Kopf einer Sirene. Da sie fast
schon erwachsen war, wagte Marie nur im Winter, wenn die Zglinge
schweigend spazieren gehen muten, sich zu ihr zu gesellen, ergriff ihre
Hand und sah stillbeglckt von der Seite zu ihr auf. Kein Frost konnte die
liebliche Rte dieser Wangen beeintrchtigen, so schn und blhend war ihr
Flaum. Aber sie blhte so kniglich! Wo sie ging, war kein Winter, heftig
Rosenstruche blhten an allen Wegen, und an den Frhling gemahnte selbst
ihr sicherer, zerstreuter Blick.

Baselli hatte einen zu tiefen Teint und ungeschmeidiges Haar. Aber der
Schnitt war rein wie der eines gineten, und ihr stolzer Blick flammte in
unbewuter oder in Zaum gehaltener Trauer. Marie hielt sich gern in ihrem
Umkreis, um die edlen Augenhhlen, die kstliche Zeichnung ihrer Lippen in
der Nhe zu sehen, und wie ber einen heiligen Wald schwrmte ihr inneres
Auge ber sie hin.

Aber Irene Angermaier war die schnste! Mit braunem, weichflieendem Haar,
ruhig und md wie eine Nymphea im Mondlicht. Sie lehnte in ihrer harten
Schulbank mit jener berlegenen Grazie, welche die Menge anjubelt und vor
der die Maler knien. In prunkvoll ausgeschlagener Gondel, in Palsten htte
sie ruhen sollen; ein Antlitz fr Perlen und unschtzbare Schleier, ein
Wesen, zu schn um zu leben, zu leicht, um im Grabe zu ruhen.

Gelmini war aus Salurn, und melodisch wie ein Glockenspiel. Ihre Achseln
schienen wie mit Bltenfden an ihren Krper gefgt, und an der Art, wie
sie den Arm nach der Stiegenrampe ausstreckte, und an ihrem Gang konnte
Marie sich nimmer satt sehen. So schritt wohl Julia, als Romeo sie zum
erstenmal erblickte. Und wenn Livia: il gallo, la primavera, la catena
sagte, dann schwrmte Maries Herz wie ein bunter Schmetterling in der
Sonne. Mit Livien, die erst neun Jahre alt war, htte sie verkehren knnen,
aber sie gefiel ihr zu gut, und wo sie bewunderte, zerflo sie in
Verehrung. In Wirklichkeit wollte sie weder von Puppen, noch von
Freundinnen etwas wissen, und mit Vertraulichkeiten war ihr nicht gedient.
Sondern sie wollte hhere Wesen, die sie ihrer enthoben. Und angesichts
jener vier reizvollen Gestalten, die sie so frh verlieren und sterben oder
scheiden sehen mute, war sie viel mehr einem Zustand als Gefhlen
hingegeben. Sie sprach nie mit ihnen und suchte nie von ihnen beachtet zu
werden, nur in der Nhe, im selben Zimmer muten sie sein; sie mute sie
alle vier sehen knnen, wenn sie den Kopf wandte; dann war ihr Kloster ein
gar schner, gewhlter und trumerischer Ort.

Mit ihnen schwand alle Poesie aus Maries klsterlichem Leben; sie stak von
neuem in Grbeleien, wie in dem, verwirrendem Sande, langweilte sich und
sehnte sich fort. Zudem wurden alle ihre Bcher, die sie gerne
vorschriftswidrig in ihrer Schublade aufgeschlagen hielt, der Reihe nach
konfisziert, und ehe sie sich versah, stand sie als Verkrperung der
Insubordination von allen Zglingen abseits. Alljhrlich feierte man in
ihrem Kloster das sogenannte Knigsfest, bei dem sich das ganze Pensionat
in einen Hofstaat umwandelte, und jeder Zgling, von der Knigin herab zu
den Kchen und Kaminkehrern, je nach Verdienst, seine Charge erhielt. Die
ersten Jahre stand Marie als Page, in Korkzieherlocken und Goldreif, einen
ganzen Tag hindurch stumm, doch voll Entzcken in der Knigin Dienst. Es
war Irene Angermaier, in Silbergaze und kniglicher Krone. Aber spter
wurde ihr dies reizende Fest verleidet: In einem schief aufgesetzten, viel
zu kleinen Schferinnenhut und einem zu engen grnen Tarlatankleid (denn es
hatte als ehemalige Balltoilette eine Taille, und sie noch lange nicht)
spazierte sie als knigliche Lectrice mit einem Riesenbuch, allein und
tdlich verlegen, hinter den Landgrfinnen einher, und wenn im cortge die
Reihe an sie kam, tanzte der Bouffon in seiner roten Schellenkappe vor ihr
her und verkndete ihre Streiche. Nun pflog sie zwar ber die Weltordnung
allerlei Separatanschauungen, doch fr das Ma ihrer eigenen Missetaten
fehlte ihr jedes persnliche Gutdnken, und sie schmte sich ber Gebhr.

Aber dafr war die freie, herrliche Welt der Tummelplatz aller Freiheiten,
und ihr Herz schlug hoch, als die schweren Klosterriegel auf immer hinter
ihr zufielen.

Das Leben prludiert meist anders, als es verluft. In der Tat: so
unglaublich es ihr selber erschien: einen Monat spter durchschwrmte sie,
frei wie ein Waldestier, eine Mondnacht um die andere in den Bergen und
kampierte am offenen Feuer wie ein Zigeuner. Was htte sie gesagt, die
wrdige Mre Suprieure, die ihre Uhr nach den Hhnern richtete? -- Da hing
Maries Disziplin am hohen Klostergiebel, als leeres Fhnchen
zurckgeblieben.

Folgendes mssen wir ihren eigenen Aufzeichnungen entnehmen:

Es war zur Sommerszeit in den bayrischen Bergen, als uns vier Kinder die
Wanderlust zum erstenmal ergriff. Aber der Tag lie uns nicht weit genug
gelangen; so rsteten wir uns sorglich auf einen lngeren Streifzug aus.
Da uns gerade nur soviel Geld bewilligt wurde, um vierundzwanzig Stunden
fernzubleiben, kmmerte uns nicht.

Erst als der spte Nachmittag golden verglhte, traten wir vor. Bald
rauschte dann im Mondlicht der Flu uns zur Seite, und schneewei zog sich
die Strae den schwarzen und bewaldeten Felsen entlang. Jeder Stein, der im
Flusse die Wellen zurckwarf, die Kiesel am Wegesrand, ja das zertretene
Gras am Ufer schienen verklrt. Und wenn sich in dem mondlichen Schweigen
der Schrei eines Tieres entrang, durchzitterte ein ewiges Glck die
schimmernden Mulden.

Immer leichter trugen uns unsere Schritte voran! Immer eifriger berieten
wir die Mglichkeiten einer einstigen groen Erbschaft, und in der groen
Bergesstille schallte unser lautes Gelchter.

Als die Lichter der Fall vom anderen Ufer herberleuchteten, hielten wir
Rat: denn aller Spa wre zu Ende gewesen, htte unserem Auftreten etwas
von dem hohen Ansehen gefehlt, von dem wir selbst so sehr berzeugt waren.
So betraten wir, stets fremde Sprachen untereinander fhrend, das alte
Gasthaus, bestellten ein wohl ausgeklgeltes, sehr zimperliches, aber sehr
billiges Essen, gaben dann vor, einer Wette halber, die Nacht in keinem
Hause verbringen zu drfen, und griffen, mitten in der Nacht, mit groer
Eile nach unseren Stcken. Der Eindruck war nach Wunsch: die paar Reisenden
und das Personal standen neugierig an der Tre, eine alte Dame protegierte,
die Wirtin bewunderte uns, der Frster zog seine Pfeife weg und wies uns
den Weg, und von freundlichen Zurufen verfolgt, von der alten Dame gewarnt,
drangen wir in den Wald, und weiter hinein in die Ri. Den Tag verschliefen
wir auf Almen oder Bergeskanten. Kamen Strme, so fften wir sie. Von den
Felsen geschtzt, apostrophierten wir das finster fliegende, grandiose
Gewlk und begrten die Donnerschlge mit drhnendem Gelchter.

In der Folge dehnten wir unsere Touren immer stattlicher aus. An einem
Herbsttag kamen wir vom Achensee und wollten ber den Schildenstein zurck.
Die Alm war geschlossen. Da liefen wir in der Dmmerung den Kanten des
Blauberges entlang, drangen durch das Fenster in eine leere Htte und
machten uns Feuer. Aber drauen lockte die Nacht, lockten die im Monde
getauchten Tiefen des Achentales und der silberne See. Unbeweglich wie
Berggeister saen wir, in unsere Mntel gehllt, vor unserer Alm. War es
Ahnung oder Mdigkeit, die uns verstummen lie? Die Welt mit ihrem Spiel
riesiger Schatten und frohlockender Hhen atmete Gesang, aber die Leier
unserer Freuden schwebte zerrissen ber uns.

Bald standen wir wie ein Huflein, das ohne den Fhrer trbe zerfllt. Der
groe Zauber jener Wanderungen hing an einem romantischen, 19jhrigen,
hchst merkwrdigen Wesen, in dem kein Raum war fr Pandorens Trug. Reinste
Vernunft gebot hier jeder Unruhe, und die Erkenntnis berstrahlte den
Wunsch. Aber nie vorher hatte sich so hohe Weisheit mit solcher Grazie
umkleidet und die Taue eines so unschuldigen Lebens gelockert. In dieser
fast morbiden Erscheinung mit dem unbeschreiblichen Relief ihrer bangen
Umrisse, blieb alle Schwche ausgeschieden, war alles Schnheitssinn und
Stil. Zuletzt sind Linien, die uns fesseln, solche, an die wir uns nicht
gewhnen, und stete Neugier erregte diese schmale, ernste Stirne mit den
hochgezogenen Brauen, die fast leichtsinnige Anmut des kleinen Ovals, das
eitel gesteckte Gold der Haare, und dabei die mnnliche Zurckhaltung in
den durchdringenden Augen. So glich die Mischung ihrer psychischen Elemente
der Stimmung eines herrlichen, aber zu zarten Instrumentes; und so lieen
sich ihre Anforderungen an ein Leben, an das sie nicht glaubte, nicht
herabdrcken, und mit allen Fasern zog sie sich von ihm zurck.

La mort est bte sagte Gambetta. Aber der Tod berblickt Zusammenhnge,
und das Leben ist befangen. In unserer Existenz whnen wir unser Wesen
erschpft, whrenddem die Grundlagen neuer Individualitten schon in uns
dmmern, neue Lebensformen unserer harren mgen. Allein einzig ist der
Mensch als Kunstwerk! Und mit Grauen erfahren wir, da es Wesen gibt, die,
kstlichen Schalen gleich, einmal zerschlagen, der Natur nicht wieder
gelingen.

                   *       *       *       *       *

Wie der Seekranke vom Schiff im ersten Morgengrauen nach der Kste spht,
so sehnt man sich oft nach dem Tode -- man wei, da man den Gang und die
Richtung seines Schiffes nicht verndern kann.

                                       Nietzsche. Nachgelassene Werke.

Ob wir wollen oder nicht, wir werden am Ende alle katholisch.

                                                               Moltke.

Als Marie heranwuchs, wurde ihr der Ernst so widerwrtig wie frher das
Leiden. Von den beiden Philosophen, von welchen der eine die Welt ewig
weinenswert, der andere sie ewig komisch fand, hatte nur der letztere ihren
Beifall. Denn wer sich ber eine Welt, gegen die er nichts vermochte,
Sorgen machte, der war in ihren Augen ein Narr. Man lebt nicht lange, also
lebe man, ohne zu denken. Allein ihren Theorien zum Trotz erhoben sich die
Gedanken wie ein brennender Wstenwind in ihrem kindlichen Gehirn. Da fate
sie eine tiefe Abneigung zu Menschen ihrer Art. Mdchen ihres Alters umging
sie in weitem Bogen, aber das Zusammensein mit schnen verwhnten Frauen,
im Kreise weltgewandter Mnner, wurde ihr Paradies. So geriet sie sehr frh
in eine Clique welterfahrener, mchtiger und verfeinerter Leute, die sich
tglich sahen, in deren Vertraulichkeit, die keine war, das Herz fast keine
Rolle spielte, sondern mehr das Behagen, und deren Denkproze bei oft
interessanter Begabung ein geringer blieb. Aber gerade dies fand sie
bezaubernd. Das Leben war es wohl wert, zur Kunst erhoben, erheitert zu
werden, und die Sorglosen waren die Lieblinge, die Nachdenklichen nur die
Frondiener der Gtter.

_Jene_ also waren die berlegenen und vollkommeneren Menschen. Ach und das
ferne, freundliche Mitgefhl, mit dem sie eine eben ereignete groe
Katastrophe, einen Brand, ein Eisenbahnunglck besprachen, vollends die
Art, mit der sie dann das Thema wieder fallen lieen, entzckte, ja
betubte Marie. Und die Ironie, mit der sie gesprchsweise die
Erbrmlichkeiten des Lebens streiften, -- nur streiften! schien ihr das non
plus ultra seelischer Eleganz.

Diese siegreichen Typen schieden in ihren Augen alle entwrdigenden
Grausamkeiten, alle Hlichkeiten aus, alles, was sie hate, woran sie
nicht erinnert werden wollte, und keine verzehrenden, keine erniedrigenden
Schmerzen gelangten je zu diesen lachenden Hhen.

Und es lag ihr so sehr am Leben! Es schien ihr so kostbar, so
begehrenswert. Sie liebte, ja in dem hher potenzierten Menschen
vergtterte sie es; aber die _Freude_ war das Gesetz, nach dem er wandeln
sollte.

Aber ach! die Freunde ihrer Wahl, in deren Oberflchlichkeit sie schwelgte,
deren Lcheln sie beruhigte, an deren Leichtsinn sie ihr Gemt sonnte wie
ein Kranker im Mittagsscheine, sie hinderten ja nicht, da ihre Gegenstze
bestanden. Ihr Genu lschte keine Qual, war nur ein Kontrast, -- kein
Ersatz, -- nur ein Widerspruch mehr! Empfindungen von solcher
Mannigfaltigkeit konnten sie da berwltigen, und der Andrang ihrer
Gedanken im Verhltnis zu ihren noch kaum entwickelten Fhigkeiten sich so
mchtig steigern, da vor innerer Erregung ihre Zhne zusammenschlugen, und
ein lauerndes Angstgefhl sie immer deutlicher beschlich.

Zu ihren Freunden hatte sie indes eigentmlich Stellung genommen: zu jung,
um noch zu zhlen, strte sie niemanden; die Frauen litten sie gern, ja die
schnste von ihnen zog sie zu den Zusammenknften, die tglich bei ihr
stattfanden, und hielt sie wie eine Art von Pagen. In der Tat hatte Marie
der Schnheit gegenber eine huldigende Art, ein Gefhl des Ausgeflltseins
und Verlorengehens, ein Stillstehen ihres Selbst zu einem Atom, das nicht
Schwrmerei war, sondern Glck.

Eines Tages hatte sie sich versptet, die Besucher waren fort und ihre
Freundin allein.

Durch das alte, gemalte Scheibenfenster umwob sie der goldene Staub der
sinkenden Frhlingssonne. Sie lag, den Kopf zurckgeworfen, ausgestreckt
und rauchte eine Zigarette. Nichts dchte man, was in diesem Anblick
klassische Erinnerungen weckte. Was hielt nun Marie vor einer der schnsten
Gestalten ihrer Zeit, unbeweglich, wie geblendet, an der Schwelle zurck?
Sie sah Helden verbluten, Troja im Schutt und Hektor erschlagen, und wie
von einem pltzlichen Schein entrckt, fate sie das ewige Relief dieses
flchtigen Lebens.

Aber der Mensch war ihr, was dem Knstler die Kunst, und ihr Wohlgefallen
war ein Meer der Ruhe. Und dieser eine gttliche Funke in ihr schuf ihr
Beziehungen, baute ihr Brcken, die lustig funkelten wie Regenbogen.

Allein nicht nur vergessen und sich verlieren wollte sie, sondern die Art
ihrer Salon-Olympier sich aneignen und nachahmen. Stets schwrmend, hate
sie Exaltation, und Klte des Herzens war in ihren Augen Weisheit.

Es ist ja eine Tatsache, da nicht die Eigenschaften selbst, sondern ihr
Reflex es ist, der uns besticht, und nicht der Wert, den man besitzt,
sondern den man verausgabt. Hierin beruht der Reiz gewisser typischer
Genumenschen. Sie erwecken Illusionen, weil wir ihnen mehr zugute halten,
als sie veruern, manchmal mit Recht, und manchmal nicht. Es sind die
Reichen, die kein dunkler Stachel der Entbehrung hindert, ihre
Empfindsamkeit ohne Rest auszuleben, und von denen geschrieben steht, da
sie das Himmelreich so schwer erlangen, denn es leidet Gewalt.

Und doch konnte sie nicht umhin, das Leiden als einen Mistand, die
Entsagung nicht als eine Bestimmung des Menschen zu betrachten, und wenn
sie glckliche Naturen so sehr liebte, so war es, weil sie ihre
Berechtigung anerkannte. Dieser Glaube sa ihr im Blute, er wuchs und
lebte, er zehrte an ihr. In ihrer eigenen Zerrissenheit erblickte sie einen
untergeordneten Zustand, weil sie fhlte, wie dies bergreifen ihrer
Individualitt nichts anderes aus ihr schuf, als einen heiseren Miton, der
jede Saite erzittern lie, der keinen Klang ausschied und keinen
unvermischt behielt. Die Rte stieg ihr dann wohl auf, wenn sie der eigenen
Malosigkeit gedachte, ihres bertriebenen Gebahrens, noch vor einer
Stunde, als sie in Voltaires Geschichte Karls XII. von Peter dem Groen
las, der seine Kosaken so unentwegt, nach Tausenden rdern lie. Gleich
einem scheugewordenen Tiere war sie da mit dem Kopf gegen die Wand
gestoen, wie um eine solche Tatsache aus ihrem Bewutsein zu lschen. Denn
aller Jammer, der solche Greuel deckt, war da vor ihren Blicken
aufgestiegen, und ungestme Todessehnsucht ergriff sie vor dem Bilde einer
so schmerzbefleckten Welt.

Bei solcher Gemtsart mag es eigentmlich erscheinen, da sie die Religion
so ganz abseits lie. Allein sie war ihr durch das Kloster zu sehr
entfremdet worden. Das Breittreten groer Mysterien hatte nur ihren
Widerwillen, spter ihre Gleichgltigkeit hervorgerufen, und weiter ging
das Senkblei ihrer Messungen nicht. Es ging ihr wie so vielen. Da wir
einem Glauben, in dessen tiefste Geheimnisse wir als kleine Kinder
eingeweiht werden, eines Tages ungeduldig den Rcken kehren, ist ja
ungefhr das Naheliegendste, was es gibt und erfordert spottwenig Geist.
Und wie tief drang jener Rat Goethes in Wilhelm Meister, den Knaben die
Mysterien des Neuen Testaments bis zum Jnglingsalter vorzuenthalten, um
der notwendigen Verstmmelung ihrer Eindrcke vorzubeugen? Christus whlte
reife Mnner zu seinen Zuhrern, und wie summarisch verstanden ihn selbst
die!

Jene Verstmmelung ihrer Eindrcke nun hatte Marie erfahren. Christus war
ihr ein furchtbares Rtsel geworden, eine unverstndliche Gestalt, der
Widersprche voll, der Umrisse bar, zu der sie keine Fhlung gewinnen
konnte und die sie bedrckte.

Und jene dunkle, unbestimmte Furcht umzingelte sie immer nher mit
unruhigen, peinigenden Schatten. Bald mied, bald erforschte sie im Spiegel
ihre scheuen trostlosen Blicke. In den Dissonanzen ihres Innern sah sie
keine Lsung, keine Lichtung fr einen Strahl des Gleichgewichts, und wie
der Sturm auf schwarzem Geball, so jagte das Gespenst des Wahnsinns auf dem
Getrme ihrer Gedanken und Empfindungen, die ungeschieden ineinander
wogten; wie ein im Stimmen begriffenes Orchester, in dem Violinen, Hrner
und Bageigen die unzusammenhngendsten Lufe und Motive wirr
ineinandertnen. Nur indem sie stets zu den heiteren Seiten des Daseins
flchtete, glaubte sie Ruhe und Rettung zu finden, und glich so einem in
Brand Gesteckten, der vor der Flamme davonluft und sie dadurch nur
entfacht. Sie las grundstzlich keine ernsten Bcher mehr und ging nie in
ein Konzert. Einzig franzsische Musik vermochte sie zu zerstreuen. Ihr
entstrmten, wie Wohlgerche aus unnachahmlicher Phiole, die Kundgebungen
nationalster Grazie und Form, und sie schlrfte den Tau franzsischen
Geistes, wie durchsickert von seiner Vollendung. Denn sie liebte feste
Umrisse, und der Zauber einer Rasse lag fr sie in deren Geschlossenheit,
aber das Feine gewhrte ihr mehr Befriedigung als das Groe, weil sich in
ihm das Wohlgefallen ohne Stachel erschpfte. So abhold sie jedoch dem
Leben gegenber jeder Grndlichkeit war, in der Kunst verletzte sie die
Oberflchlichkeit, ja sie erschien ihr gemein. Und hierin allein mochte sie
es nicht mit ihren Freunden halten, deren Stellungnahme gewissen Dingen
gegenber sie verdro. Denn sie fhlte die gnzliche Bezugslosigkeit der
Frivolitt zu allen hheren Gebieten. Aber hier wie da gelangten nur
flchtige und heftige Stimmungen bei ihr zu Atem, und es lag etwas
Chaotisches in der Gleichzeitigkeit ihrer oft ganz entgegengesetzten
Empfindungen.

brigens mute sie doch bald einsehen, da ihr alles nichts half. Sie
mochte ihre Freunde noch so sehr bewundern, die Ansichten des einen, den
Tonfall und das blasierte Lachen eines anderen, die Persiflage eines
dritten nachahmen, schwrmen und kopieren, kopieren und schwrmen, sie
wurde ihnen nicht hnlich. Zwar wollte auch sie zu denen gehren, welche
ihre Herzen abrichten, ihre Eindrcke assimilieren, nicht ihnen nachhngen
-- ja, aber sie strmte nicht, wie ihre Freunde, in die weite Welt! Fr sie
segelte kein Schiff auf die herrlich freien, hohen Wogen des Lebens, sie
stand am Gestade, und der Gedanke an ein ruhiges gleichfrmiges Dasein
erfllte sie mit Verzweiflung.

Denn das Element, die Atmosphre, in der ihre Seele lebte, war die Welt der
Eindrcke; wo diese fehlten, stagnierte ihr Inneres wie ein Sumpf, und ihre
Zge wurden stumpf und leblos vor den Augen derer, die entweder kein Gefhl
oder kein Interesse in ihr erweckten.

Ein einziger in jener Gesellschaft, die ihr El Dorado war, hatte sie
durchschaut. -- Er trug seiner romantischen Erscheinung halber den
Spitznamen Alfred de Musset. Sein Gesicht war en face gesehen schn und
zauberhaft jung, das Profil niedertrchtig, die Gestalt bei uerlicher
Eleganz von schlechter Rasse, die Hnde unsympathisch. Seine Begabung, in
ihrer Art ungewhnlich, war  fleur de peau. Dabei gehrte er zu jenen
Menschen, welche den Geist der anderen auf das lebhafteste anregen und in
Schwung versetzen. In seiner Gegenwart beherrschte sich die schchterne
Marie vollkommen. Sie drckte sich frei und unbefangen aus, und die Worte
standen ihr fr alle ihre Einflle zu Gebot. Dies erhhte nur ihre
Gereiztheit, denn genau so, wie sie sich im Zwiegesprch mit ihm zeigte,
wre sie gern vor ihren anderen Freunden erschienen, die nur beilufig auf
sie achteten und die ihr so gut gefielen. Sie glaubte sich an ihm rchen zu
mssen, indem sie es ihm ins Gesicht sagte, und ihm alles vorwarf, was ihr
an ihm mifiel: von seinem Profil bis zu seinem dekadenten, mehr in die
Tiefe als in die Breite gehenden Verstand. Er lie sie reden, -- ihr aber
schien ihr eigenes merkwrdiges Verfahren hchst angebracht und loyal, und
indem sie ihm ihre Abneigung gestand, ja klagte, glaubte sie den so
anregenden Verkehr mit ihm aufrechthalten und nach Wunsch gestalten zu
knnen.

Aber die Nachwirkung blieb stets dieselbe, die Abneigung fr ihn steigerte
sich ins Unertrgliche, denn genau so ehrlich, so akut, wie sich sehr junge
Leute verlieben, war sie in ihn verhat.

Eines Tages brachte er ihr die frhen, vertrumten Lieder Debussys auf
Gedichte Beaudelaires, und von der schwlen Atmosphre dieser Musik halb
gehoben, halb betubt, sprach sie sich da so manche Last so leicht vom
Herzen: ihre Scheu vor tiefen Problemen, und die heimliche Qual groer
Musik. Und wie von fernem Ufer sah sie ihn da aus der Tiefe ihrer
Verlassenheit an und lchelte ihm zu, weil er ihr vom Hauche des Frhlings
umweht erschien wie ein blhender Zweig.

Er aber sagte ihr trstliche, schmeichelhafte Dinge, fr welche sie,
aufatmend, naiv genug war, ihm zu danken; denn er wollte einen Einflu ber
sie gewinnen, nicht aber sie erfreuen. In demselben Tone weiterredend,
nderte er da auf der Stelle seine Taktik; ohne da sie seine Absicht
merkte, entstellte, verzerrte er das Bild, das er noch eben von ihr malte.
Sie horchte entsetzt und sah nicht, da er es war, der sich nun rchte. Ihr
war als strzten die Balken eines Gerstes ber sie zusammen, als hrte sie
den endlichen Schlag einer lang lauernden, elenden Stunde, den Wehruf
finsterer Vgel.

Den Wahnsinn, dem Sie verfallen sind, ahnen Sie ja lngst, sagte er. --
Aber ein mutigeres, strkeres Wesen schien da pltzlich in ihr zu
erstarken, sie von seinen Drohungen freizusprechen, zu beschtzen. Dieselbe
Fhigkeit, aus dem Stegreif zu erfassen, zu berblicken, sich auszudrcken,
verlieh er ihr auch jetzt; doch als er lchelnd, mit begtigenden Worten,
Abschied von ihr nehmen wollte, hielt sie ihn schnell zurck: Dies Haus
gaben Sie mir ein Recht, Ihnen zu verbieten, flsterte sie, und wie
Liebende in ihrer ersten Umarmung, so war sie durch die endgltige Trennung
von ihm an das Ziel ihrer Wnsche gelangt, und Ha und Widerwille waren
erloschen.

Es gibt Momente, in welchen der Mensch den Charakter seines Lebenslaufes so
klar und nchtern erschaut, da, Maeterlincks khner Hypothese gem, die
Zukunft mit der Klarheit der Vergangenheit an ihn herantritt. Warum
erkannte da Marie gerade jetzt, als sie dem Manne nachblickte, da auf
Jahre hinaus alles, was sich ihr bieten, sich verkehrt zu ihr stellen
mute, und da sie alle Frchte verdorren sehen oder zur Unzeit brechen
wrde?

Indessen stand das Haus, in dem alle Freuden ihres Lebens blhten,
unversehens leer, ihre Freunde zogen fort, und ihr Zaubergarten versank.
Ach auf so winzige Veranlassungen hin konnte dort die Schale ihres Glckes
berstrmen, denn mchtiger als in allen Mandelblten des Sdens, als in
allen Fliederbschen des Nordens rauschte der Frhling in ihrem Herzen. Sie
sah nun zu den verdeten Fenstern empor, und litt um so mehr, als sie nicht
leiden wollte, nicht fliehen, an toter Sttte nicht vergessen konnte.

Da unser Leben zwar lange nicht so spannend, aber in seinem eigentmlichen
Verlauf unwahrscheinlicher ist als der khnste Roman, diese Bemerkung ist
ja nicht mehr neu. Aber was uns in unsere Bahn lenkt, tritt in der Regel
nicht omins, sondern leicht und mit nichtssagender Miene in unseren Weg.
Die Wendepunkte des Lebens liegen im Tal, im aussichtslosen Dickicht und
Gestrpp. Marie erhielt Besuch aus New-York, in Gestalt eines jungen,
reichen und verwhnten Mdchens. Es war eine jener zu rasch erfolgten,
atemlosen und berhitzten Kulturen, ohne Verweilen, ohne Gemtlichkeit und
ohne Humor. Ihr Geist war strker als ihre Persnlichkeit. Sie kampierte
auf einer weien, groartigen Wolke und schien mit ihrem stets in die Ferne
gerichteten Blicke ber ideelle und allgemeine Interessen das Einzelne und
Persnliche aus den Augen verloren zu haben. Dabei aber war dieser
spiralhnlichen Begabung ein ausgesprochener Stich ins Erhabene zu eigen.
Und wie sich sehr hervorragende psychische Veranlagungen oder Eigenschaften
hufig in einer krperlichen Linie widerspiegeln und nach sichtbarer
Gestaltung drngen, so verriet sich die hohe Unterscheidungsgabe dieses zu
farblosen und abstrakten Geistes in einer eigentmlichen Hoheit der Haltung
und der Gestalt, in einer unvergleichlich edlen Kurve ihrer Achseln, und --
man lache nicht -- in dem idealen Glanz ihrer trumerischen Flechten.
uerlichkeiten waren es denn auch, die Marie mit ihr vershnten.

In jeder Menschenseele wohnt das Bedrfnis, sich gro zu machen, und auch
das Bedrfnis, sich klein zu machen. Marie, welche Verherrlichungen ihrer
eigenen Person mit fast kindischer Freude entgegennahm, trieb eine gewisse
Bescheidenheit wiederum so weit, da es ihr unmglich wurde, ein ihr
dargebrachtes Gefhl sich wirklich vorzustellen, noch zu begreifen.
Entweder suchte sie den Grund dafr in irgend einer Lcke, einer
untergeordneten Beschaffenheit des Betreffenden, oder sie fand berhaupt
nicht den Mut, daran zu glauben. So verwirrte sie jetzt die entschiedene
Gunst, die ihr von der jungen Fremden zu teil wurde, um so mehr, als sie
viel zu unerfahren war, um sie richtig zu taxieren. Die wenigen Tage ihres
Aufenthaltes gestalteten sich brigens fr Marie auf die denkbar
angenehmste Weise. Sie kam zum erstenmal mit den berhmtesten Leuten ihrer
Zeit zusammen und sa stumm, doch hoch erregt, mittags mit ihnen zu Gaste
und abends im Theater. Zwischendrin allerdings wurde sie von Honorien,
ihrer neuen Freundin, in Zwiegesprche hineingezogen, die ihr gar nicht
entsprachen. Hohen, bersichtlichen Besprechungen war Marie nicht
gewachsen, und selbst wo sie diese zu verfolgen vermochte, geschah es mit
Widerstreben. Denn philosophische und knstlerische Probleme schienen ihr
zu so gewohnheitsmiger Errterung nicht geeignet, Honoria aber besprach
nie Alltgliches, selten und nur von ferne Personalien. Bei aller
Herzlichkeit lag etwas so Unnahbares, Unpersnliches in ihrem Wesen, etwas
so Indirektes und Ferngercktes in ihrem Blick, da Marie immer den
Eindruck hatte, als she sie jene nicht selbst, sondern statt ihrer ein
Schemen, das ihr gefiel.

Am Morgen der Abreise ging Marie zu ihr. Es war ein lauer Sommertag, die
Bayreuther Festspiele eben zu Ende. Honoria empfing sie mit offenen Armen
und schickte den Wagen fort, um die Strecke zur Bahn zu Fu mit ihr
zurckzulegen. Alsbald war denn auch eines jener Gesprche im Gange, die
Marie so sehr langweilten. Sie seufzte und sah zerstreut auf die staubigen
Bume, zum weichen, herbstlichen Himmel empor. Gott sei Dank, dachte sie,
sie geht.

Aber schon am folgenden Morgen kam ein fingerdicker, in der Eisenbahn
geschriebener, franzsischer Brief, der nichts weniger enthielt, als die
Fortsetzung der allzu umfassenden Philosopheme, welche Honoria auf dem Weg
zur Bahn entworfen hatte. Nicht einen Augenblick lnger wollte jedoch Marie
eine solche Komdie aufrechthalten. Das Du ignorierend, das in jenem
Briefe gefhrt wurde, schilderte sie sich selbst so, wie sie war, mit ihrem
wirklichen, mit ihrem grundstzlichen Mangel an Interessen, und die
gnzlich verschiedene Richtung, welcher sie ihrer Natur nach angehrte.
Somit galt ihr diese Episode als beendet, und sie war nicht wenig
berrascht, als Honoria, welche die Dinge von oben nahm, sie in einem noch
dickeren Briefe eine Spartanerin nannte und nunmehr den Verkehr so rege
gestaltete, als lebten die beiden Mdchen in benachbarten Stdten, nicht in
getrennten Erdteilen. Marie wurde der Gegenstand fortwhrender Sendungen
und Geschenke. Bald kamen persische Lieder in kstlichem Pergamenteinband,
mystische und philosophische Werke, eingerahmte Gravuren in hohen Kisten,
und sie hatte vollauf zu tun, um nur die Zeitschriften durchzusehen, auf
die sie sich mit einemmal abonniert sah, und sich von all den Bchern in
Kenntnis zu setzen, die ihr bald direkt, bald durch Buchhandlungen zukamen.
-- Sie tat es denn auch mehr aus Erkenntlichkeit, denn aus Neigung.

So verging ein Jahr. Da erhielt sie in den letzten Septembertagen
unerwartet einen Brief mit dem Homburger Stempel. Honoria war infolge einer
durch beranstrengung erfolgten Krankheit zur Erholung dorthin befohlen
worden und sollte nach beendeter Kur schleunigst nach dem Sden. Da ihr der
Umweg zu Marie nicht gestattet war, bat sie nun dringend um ihren Besuch.
Marie sah diesem Wiedersehen mit Interesse entgegen; besonders freute sie
sich auf das Treiben eines so berhmten Kurortes und lie sich durch die
Jahreszeit in ihren Erwartungen nicht beeintrchtigen, denn in Homburg,
wollte sie wissen, gab es das ganze Jahr hindurch schne und interessante
Leute.

Honoria, die ihr einige Tage spter auf dem Frankfurter Bahnsteig
entgegeneilte, erschien ihr noch hheren, noch edleren Wuchses als vordem.
Trotz der groen Modernitt ihrer Kleidung war die Zeichnung ihres Kopfes,
die Linien ihrer Gestalt erhebend wie ein antiker Fries. Ihr Anblick rhrte
die leichtbewegte Marie. Sie freute sich, den heien, staubigen Zug zu
verlassen und die letzte Strecke in dem offenen Wagen zurckzulegen, der
vor dem Bahnhof in der Sonne wartete, durch Frankfurt, das sie nicht kannte
und in der frischen, schimmernden Luft nach Homburg zu fahren, und sie
freute sich, da sie gekommen war. Allein schon unterwegs empfand sie die
alte Ungemtlichkeit, die alten Strapazen dieses Verkehrs. Honoria schien
in ihrem Element, wenn ihre Gedanken gleichsam in der Luft hingen; Marie
hingegen war gnzlich real, und ihr Idealismus galt dem Leben. O wie
erschrak sie ber den Anblick, den ihr Homburg gewhrte! Von Massen
welkenden Laubes bedrckt, starrten die leeren Alleen, starrten verdete
Grten und Villen. Honoria rhmte ihr die groe, wohltuende Stille des
sonst so geruschvollen Ortes. Die Villa, welche sie ganz allein mit ihrer
Gesellschafterin und einer Kammerfrau bewohnte, war die Dependance des
einzigen Hotels, das, wahrscheinlich ihr zu Ehren, noch nicht geschlossen
war. Marie erblate. Ihr Herz sank. Sie hate das ausschlieliche
Zusammensein mit Damen! Sie sah keine Anregung, keinen Sinn in einem
einschichtigen Verkehr, und er langweilte sie auf die Dauer zu Trnen. Ein
Leben, das auf ein Weilchen das Ideal eines geistig und gesellig
beranstrengten Menschen sein mochte, war nur ein Alp fr das
zerstreuungsschtige Mdchen.

Honoria lag des Morgens meist mit schon ganz erschpften Zgen zu Bett;
hatte vor Tagesanbruch ihre Korrespondenz erledigt und Emersons Essays oder
die Briefe des hl. Paulus gelesen. Sobald sie aufgestanden war, ging sie
unverzglich an eine, aus Geflligkeit unternommene, bersetzung, und
Stunden hindurch drang der hartnckige Lrm der Schreibmaschine durch die
stillen Zimmer. Vor dem den Klippklapp floh Marie ins Freie und strich
durch die toten Straen Homburgs, oder verlor sich in einer Anwandlung von
Schwermut in den groen Park. Frh am Nachmittag harrte dann die
leichtgeschirrte Viktoria und Marie freute sich der langen Fahrten durch
den goldenen Taunus. Aber als der Oktober seinem Ende zuneigte, litt sie
bei dem Anblick des sterbenden Laubes, der finster welkenden Natur. Ihr
war, als fielen ihr die gelben Bltter aufs Herz, und ihr Auge lechzte nach
einem grnen Zweig, nach einem blhenden Fleck inmitten des ungeheuren
Grabes, das sich bereitete. Sie begriff die Schnheit des Herbstes,
Honoriens Freude daran nicht. Was der Augenblick verhie, nicht was er bot,
nicht der Sonne zrtliches Verweilen, ihren Scheidegru vernahm sie allein.
Und wenn der Wagen in der Dmmerung durch einen Dom welker seufzender Bume
fuhr, so umlauerten sie, wie einst die Elfen des Erlknigs Sohn, des
Verfalles grausame Schatten, und entwanden ihr das Herz.

Zu Hause kam dann der lange Abend mit Shakespeares und Brownings Gedichten;
aber sie fing an, alle Bcher zu hassen. Wohl konnte sich ihr Blick
flchtig beleben, wenn Honoria duftend und geschmckt, gleich einer hellen
Wolke, ihrem Zimmer entschwebte, sonst aber sa sie oft stundenlang mit
ihrer Stickerei still am Fenster, und nach den einfltigsten Bemerkungen
mute die sonst so Gesprchige ringen. Gern folgte sie Honoriens
Aufforderung zu musizieren. Allein die Tne brachten das Echo ihrer
Langeweile mit qulender Steigerung zu ihrem Bewutsein, und schlaff und
zerstreut endete ihr Spiel.

In dieser Zeit hrte Marie, die sonst alle Wagner-Opern kannte, in
Frankfurt zum erstenmal den Rienzi, und obwohl Auffhrung wie Besetzung zu
den minderen gehrten, so war sie von dem Drang, dem titanischen Gren, ja
gerade von dem Unvermgen dieses Werkes heftig ergriffen. Hier war Ikarus,
dessen ewiger Mut sich Flgel ber Welten hin, Flgel, die nicht brachen,
schmieden sollte.

Mchtig angeregt fuhr sie im offenen Wagen durch das mondumhauchte Land und
weie Drfer nach Homburg zurck, und Wagners Schaffen als eines Wunders
gedenkend, lehnte sie den Kopf weit im Wagen zurck, und verlor sich in der
stillen bethlehemischen Pracht. Vergessen und verweht schien ihre
Schwermut, die doch schon tags darauf, gleich einem Nebel, ihr Gemt von
neuem umschleierte. Besonders auf die Schreibmaschine wurde sie zuletzt
erbittert, und als diese eines Morgens wieder so geschftig das stille
Stockwerk durchdrang, fing Marie in einem Paroxysmus von Langeweile in
ihrem Zimmer strmisch zu weinen an. Das Leben war so reich, so mannigfach
und schn! Es gingen auf der Welt so typische, reizende Menschen einher!
Ach! warum lebte sie von ihnen getrennt! Wer war fr des Lebens Gensse
kniglicher geartet? Mochte sie zeitlebens entbehren, bis in alle Fibern
blieb sie verwhnt.

Und obwohl nur mehr drei Tage ihres Bleibens waren, schien ihr gerade der
heutige nicht mehr ertrglich. Rasch zu Honoria tretend: Ich kann heute
keine gelben Bume sehen und fahre nach Frankfurt, sagte sie lachend und
drckte ihr den Arm. Sie sah noch Honoriens berraschten, aber so
freundlichen Blick, dann strmte sie die Treppe hinab und zur Bahn, der
Schreibmaschine und Homburg davon!

Wie ein Fllen, das sich auf freiem Rasen tummelt, so behaglich war es
Marie am selben Nachmittag auf der bewegten, im lieblichsten Lichte
getauchten Zeil. Die ppigen Tchter der Stadt, die mit ihren Mttern
erwartungsvoll einherzogen, die eiligen Geschftsleute, die Migen und die
Lebensfrohen, die gemeinen, die aufgeputzten, oder die sympathischen Leute,
alle schufen ihr Kurzweil, und wie ein Kind in Bilderbcher, war sie ganz
in den Anblick der vielen Spaziergnger versunken; berall von dem
Zauberkreis eines selben Lebens gebannt, ruhte, sich selber verlierend,
ihre gehaltlose Seele, die dem Mann ohne Schatten glich, von der Einsamkeit
aus.

Sie hatte die Stadt der Kreuz und Quere nach durchstreift, an Brcken,
stillen Pltzen und verlorenen Straen geweilt, und schon erblate der
Himmel. Gnzlich ihrer Stimmung hingegeben, war ihr Bewutsein wie umflort,
von der Atmosphre des alten und des neuen Frankfurt durchdrungen, und von
der sterbenslauen Luft, in der ein Klang lag ewiger Ermattung, von ewiger
Vergnglichkeit.

In einer kleinen vertrumten Sackgasse machte sie Halt, um ihren Weg zur
Bahn zu erfragen; und von einem entstellten Profil Richard Wagners, das
dort in der Auslage eines Musikladens prangte, wandte Marie, die ungern
Hliches sah, im Vorbereilen den Blick.

Den Abend verbrachte sie mit Honorien in aufgerumtester Laune, erzhlte,
was sie gesehen, gehrt, gegessen hatte, und unterbrach die Browningsche
Lektre mit allerlei Spen.

Dies war ihre vorletzte Nacht in Homburg, und entmutigt schlief sie ein.
Wann endlich wrde sich ihr Leben bewegter gestalten? -- Sie gedachte der
vergngten kleinen Konditorsfrau in Frankfurt, an die sie heute so viele
Fragen gestellt, die ber ihren schmucken Laden nicht hinausdachte und
inmitten ihrer Glasglocken, ihrer Schokoladekrapfen und Schaumrollen ein
Dasein lebte, vor welchem Marie erschauerte.

Aber was hatte sie denn selbst von ihrem klein bichen Bildung, als da sie
fr die Alltglichkeit auf immer verdorben, auf immer beunruhigt blieb.
Hei scho ihr das Blut zu Kopfe: was wute sie denn? -- und was sollte sie
von Honorien halten, die ber ihre Theorien zu leben verlernte?

Es war finster und still in ihrem Zimmer, als Marie erwachte. Sie besann
sich nicht sogleich, was dies wilde Klopfen ihres Herzens verursacht, was
sie geweckt, was sie gesehen hatte. Dann strzte sie ans Fenster und ri es
auf. stlich dmmerte ein heller Streifen durch die Nacht, allein den Tag
in ihrem Herzen begrte sie mit einer Flut immer neu hervorbrechender
Trnen, da ihr Gesicht erblindete wie eine Scheibe unter dem Regen.

Jenes selbe Profil, von welchem sie gestern im Vorbereilen den Blick
abwandte, hatte sie, verherrlicht, zwei Schritte vor sich, mit unbewegtem,
gerade ausschauendem Auge gesehen. Aber es war ein vergttlichtes Auge,
weltenstrahlend, weltenspiegelnd und von unvergelicher Gre; ein
individuelles und doch gnzlich entrcktes Auge. Kein Auge, mit dessen
Blick der ihre sich htte kreuzen knnen. Es waren die ewigen Augen
Wagnerschen Geistes.

Wie ein Erdboden durch pltzliche Erschtterung, so hatte ihre Gesinnung
durch ein so ungeahntes Bild eine Umgestaltung erfahren. Es war seltsam, es
war spahaft genug, und sie wute, welchen Hohn die Tatsache gerade in
ihrem Herzen finden, sie verfolgen wrde! Hier war sie: ein junges, bis ins
Mark vergngungsschtiges Mdchen, das nichts mehr zur Ruhe bringen, in dem
nichts den einen brennenden Wunsch mehr betuben konnte: die Wahrheit zu
suchen.

Denn sie wute in dieser stillsten Stunde ihres Lebens, da Unwissenheit es
war, die jenen Gram in ihr erzeugte, weil _Gedanken_ hinter jenen unruhigen
Schatten ruhten, die sie schreckten, und da nichts sie retten konnte, als
ein hellerer Kreis des Wissens, der sie schtzend umschlo, als ein Glaube,
um den sie selber rang.

Tags darauf verlie sie Homburg.

Golden flogen im Nachmittagscheine Brcken, Felder und Wiesen vor ihrem Zug
vorbei, aber vor dem Glanz dieser sonnenerfllten Welt schlo sie bekmmert
die Augen; denn immer schwerer wurde da wieder, auf der langen Fahrt, ihr
einsam entschlossenes Herz. Sie sah sich wie vor einem Berg, den nur Gebte
und Wetterkundige mit einem Arsenal von Werkzeugen wohlausgerstet zu
besteigen wagen und denen sie nun barfu und allein folgen wollte. Was sie
erstrebte, war ja zu schwer: Nichts was Gleichgewicht und Disziplin des
Geistes betraf, lag in ihr vorbereitet noch vererbt, und zu einem
systematischen Denken war sie weder veranlagt noch geschult. Kein Pegasus,
die traurigste aller Rosinanten stand ihr zu Gebote. Aber weniger glcklich
als der an Illusionen reichste Don Quichote, verglich sie unerbittlichen,
fast feindlichen Auges ihre Unzulnglichkeit mit ihrem Wagnis. -- Was hatte
ihr stumpfes kindisches Gehirn mit jenen Rtseln zu schaffen, die es von
jeher mhten? Nun war sie erwacht. Mit weitgeffneten Augen, die nicht
sahen.

Als sie bei ihrer Ankunft in Mnchen Glucks Oper Iphigenie in Tauris auf
dem Zettel sah, ging sie noch selben Abends hinein. Es war eine der letzten
Vorstellungen, die unter Levis eminenter Leitung und einer Besetzung
alternder aber trefflicher Leute dort stattfanden, und Marie atmete auf in
der Atmosphre dieses edlen Werks.

   Die Ruhe kehret mir zurck.
   So sollte meine Qual Euch Ihr Gtter ermden.

Es war Orestens Lied, und in prachtvoller Wiedergabe, die eherne Begleitung
des Orchesters.

In diesem Augenblick kulminierte das musikalische Vermgen, die Genialitt
des Dirigenten. Nicht so sehr gestaltend stand er dem Meisterwerke
gegenber, als da seinem unvergleichlich knstlerischen Impuls, seiner in
hchster Passivitt so wundervollen Ergriffenheit die tief umhlltesten
Regionen sich erschlossen. So stand er unbeweglich, mit gesenktem Stabe,
nur verklrten Auges sein Orchester bannend. Aber der Hauch von Ewigkeit,
der ber den friedensvollen Fall der Batne gebreitet liegt, ri Marie mit
fort. Kein anderes Kunstwerk sollte je wieder jene selbe berwltigende
Wirkung in ihr hervorrufen, zu der sie jetzt ihr abnorm gesteigerter
Gemtszustand befhigte. Sie verlor das Gesicht. Der Wunsch, den sie so
frh gehegt, er war ihr erfllt, die Mdigkeit, die sie so frh empfunden,
sie war von ihr genommen, und sich selbst, der eigenen Drftigkeit, der
eigenen Torheit, allen Schranken des Persnlichen weit enthoben, behielt
sie nur das Bewutsein eines strmenden Glcks.

So waren denn die Wrfel gefallen. Ihr Drang nach Erkenntnis war strker
als ihr Struben, als ihre Trgheit und ihr Unvermgen.

Stundenlang sa sie nun, meist ganz vergebens, -- ber einer einzigen Seite
Kants. Aber gerade bei ihm, dem sie ein so lckenhaftes Verstndnis
entgegenbrachte, durfte sie, zum Atome sich erkennend, ruhn, -- wenn sie
die Schwingen ewiger Begriffe auf Augenblicke streiften. Denn Marie hatte
Geist, doch keine Geisteskraft, niemanden, der ihr half, noch sie belehrte!
Nur einem Menschen, dessen berlegenheit ihr nach allen Seiten hin
entsprach, htte sie sich ohne Reue anvertrauen knnen, und einen solchen
Freund zu haben, war ihr nicht vergnnt. So muten denn die Bcher ihre
Freunde, ihre Lehrer werden. Und schon hatte sie erkannt, da hervorragende
Anlagen nur eine gefhrliche Mitgift sind, wenn gerade sie einen
vershnenden Ausgleich innerer und uerer Widersprche erschweren. Sie
hatte erkannt, da nicht das Leben, fr welches wir geschaffen wren, in
die Wage fllt, da nicht wir selbst, sondern unser Geschick das Gegebene
ist, und da sie nicht dem Knechte gleichen durfte, der mit seinem einen
Talent verzagte und es vergrub. Am schwersten lie sie sich's mit
Schopenhauer werden, der den jugendlichen Leser terrorisiert. Und wer war
sie, da sie es wagte, ohnmchtig, verzweifelnd, so lange gegen ihn
anzustrmen, bis ihre innerste berzeugung sich wieder von ihm losri, von
seinem groartigen Gedankenring gefrdert und belehrt, ihm nicht lnger
unterworfen war?

Wagner aber lehrte sie, wie mit jener Philosophie zu verfahren sei: Die
schroff eingehemmte Theorie der Willensverneinung lenkte er vershnend zu
Parsifals Erkenntnis, und Schopenhauers elementare Lehre der Liebe
veredelten und krnten Tristan und Isolde.

Einen heien einsamen Sommer verbrachte sie mit Platos Bchern und unter
Trnen las sie das herrliche Symposion. Hier war ein Ziel und gttliches
Verweilen, der Harmonien seliger Hauch, und wie vom hohen Berg herab lag da
die Welt, -- beschaulich, -- unbegehrt, -- zu ihren Fen.

Aber sie war schn, diese Welt! Feierlich und gro! -- Und alles in ihr
erhielt Sinn, Leben und Bestand durch Bezge. Und in Bezgen lag ein
Schwerpunkt selbst der grten Geister.

Der Erwerb des einen wird da dem anderen Besitz; Steigbgel fr den
Kommenden. Allein die Schranke war die Bedingung des menschlichen Gehirns,
und die Grenze des intellektuellen Vermgens durch die menschliche Natur
scharf abgesteckt.

Marie versank in immer tieferes Nachdenken.

Nein: Allumfassende Vollkommenheit war nirgends. --

Da erstand vor ihrem inneren Auge, wie im Morgengrauen deutlich erkennbar
-- die universellste, bergreifendste Gestalt, die keine Irrtmer und keine
Lcken in sich aufwies! Vielmehr auf unnennbar geheimnisvolle Weise alle
Widersprche in sich aufhob, weil ihr nichts fremd war und nichts entzogen,
was tausendfach die Menschen scheidet und vereinsamt. Ja, es war ein
Mensch. Aber Himmel und Erde waren der Schlssel zu ihm, und er erfllte
die Welt. Allumfassendes, schweigendes Begreifen entstrmte seinem Auge. Es
war ein Gott. Seine Zge aber! Die grten Denker und Meister aller Zeiten
hatten sie ihr entschleiert, weil alle menschlichen Heroen zu seinen
Kommentaren wurden, und ihre unbeschreibliche Bewandtnis zur Erluterung!
-- Keine Philosophie, keine uerung auf dem Gebiete des menschlichen
Geistes, ja des Geistreichen, des Witzigen, des Profanen -- keine Kunst,
die nicht zu ihm gravitierte. Der Gedanke war so gro, da sie erschauerte.
Und von der berschwenglichen Tragweite jenes schlichttnenden Ausspruches:
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen war sie da wie von unendlichen
Schallwellen fortgerissen und durchleuchtet.

Nur eines trennte ihn von uns -- das bel, das allen Gram erzeugt. Eines
mute er uns entnehmen. Eines war gttergleich im Prinzip von ihm
ausgeschieden: die Qual.

Marie mochte ihre Gedanken nicht lnger ertragen. Sie ging hinab in die
Strae, die starren Huserreihen entlang, der heien verdeten Stadt. Aber
das Licht, der Anblick des leeren, weilichen Himmels erweckte Erinnerungen
und Leid. Zum Stachel war ihr da der taube Glanz des Tages, und jene
Geister der Luft, die den Menschen jagen und ihm das Himmelslicht
versteinern. Atemringend mu er es ertragen.

Nicht da es sie jetzt nach Mitteilsamkeit drngte, nein, auszuruhen, zu
vergessen, sich zu freuen. Schnheit, Gebrde, Sprache, die Form eines
Auges, die Bewegung eines Armes, dies alles war ein Organismus, der sie
umfriedete. Dann wurde es still in der dumpfen Werkstatt, und Gedanken
feierten. Der Reiz der Nhe lste den gezogenen Blick von ihren Augen, und
ihr Geist erkannte rastend seine Heimat.

Denn es war ihr Geist, der in der Welt der Krper, der in dieser Welt sein
Element erkannte!

Allein in der Einsamkeit, die sie also bedrute, umschlo sie jetzt,
deutlich wie Felsenzacken gegen das Sonnenlicht, der Ring ihrer Gedanken.

Nicht lnger von der Welt barer Vorkommnisse aus den Fugen gerissen,
erkannte sie die trstliche Bedingtheit alles Elends. Erkenntnis sollte
_nicht_ den Pflock des Leidens tiefer in uns treiben! Alles war Folge, und
selbst Geschehnisse waren nicht unentrinnbar.

So weit, so anders erblickte sie die verlorenen Tore ihres Glaubens wieder.
Was immer das Dogma vom Geiste lste, erschien ihr da als ungeheuerster
Verrat. Nicht als Dualitt, als Organismus erfate sie den Menschen und
seine Apotheose, nicht seine Trennung als sein Endziel. Ihrem
weltabgewandten und entsagungsvollen, aber stets verheiungsvollen Bildern
zugekehrten Auge wollte die unendliche Elastizitt jenes Glaubens als sein
tiefinnerstes Geheimnis sich erschlieen; des Paradoxalsten, eingedenk und
psychologisch tiefst Begrndeten, was der Mensch zutage frderte: als das
Ma aller Dinge stellt er den Abstand zwischen ihm und der Gottheit,
Prometheus, die seligen Gtter und den allgewaltigen Zeus. Quellen und
Haine belebt er mit bermenschlichen Wesen, scheu verehrend, was er selber
schuf. Ahnung war es, die ihn die eigenen Ideale, das eigene Ziel so fern
erkennen und den Olymp ertrumen lie! Solche Trume, muten sie nicht das
Sehnen eines Gottes ntigen, zu tausendfacher Befreiung den Menschen zu
erlsen?

                                                  Neue Rundschau 1905.




                                REISEN
                               1904-1908


                                  I.

Zwei Stunden von Paris liegt zu Fen einer hohen Ruine ein altes
Stdtchen, das an einem Hgel herumklettert. Und ringsumher einsiedlerische
Wlder, sonnige Geflle, lauernde Teiche, an deren Rande dunkle Vgel mit
unheimlichen Schritten spazieren gehen; und weltentrckte Auen.

Ein Sptsommertag ging zur Neige, als mein Zug vor diesem Stdtchen hielt,
das mir allzu stille Tage zu verknden schien.

Aber in ein Milieu, in dem es ausschlielich Abgeordnete, Leiter
politischer Revuen und Vertreter groer Zeitungen gab, sah ich mich da
pltzlich wie hineingeschneit. Mein Tischnachbar war gleich am ersten Abend
ein ganz schief gewachsener und ergrauter, aber sehr strammer Herr, der
mich brigens gnzlich ignorierte. Dabei sprach er fortgesetzt, richtete
aber seine Worte nur an den Hausherrn. Der Blick seiner Augen, die wie zwei
Sterne leuchteten, war starr wie ein Scheibenherz. Mit grter Przision
wute er eine Reihe von Themen so eindringlich und zugleich so eilig
durchzunehmen, als gelte es, innerhalb der wenigen Stunden, die er hier
verbrachte, seine Gedanken fr Jahre hinaus und auf Jahre zurck
zusammenzufassen. Es war dem Uneingeweihten nicht mglich, ihm zu folgen,
oft auch nur zu erraten, wovon er sprach.

Nach dem Essen fuhr er im Salon in derselben glnzenden und gedrungenen
Weise zu berichten fort. Seine Augen sahen jetzt aus wie zwei groe
Monokels. Die Damen stickten schweigend oder sprachen leise unter sich. Vor
dem brennenden Kamin lag ein englischer Jagdhund ausgestreckt und seufzte
vor Mdigkeit. Die Lampen warfen milde Scheine auf die eingelassenen Louis
XIII-Spiegel und die laubreichen Tapisserien der Wnde. Durch die hohen
Fenster und die schmalen wurmstichigen Tren blies der Wind. Ich war noch
auf keine Stickerei eingerichtet, sa in einer Sofaecke und hrte den
Herren zu; denn ob ich auch ihren Gesprchen nicht viel entnehmen konnte,
interessierte es mich, sie zu betrachten.

Als es 10 Uhr schlug, schnellte der graue Herr empor, empfahl sich den
Damen mit groer Korrektheit, aber auch mit denkbar grter Krze, und
gleich darauf rollte sein Wagen, der noch den letzten Zug nach Paris
erreichen sollte, in aller Eile davon.

Mich hatte dieses Gesprch, von dem ich nichts verstehen konnte, in groe
Aufregung versetzt; und mit der Belletristik oder gar mit Werken der
schnen Beschaulichkeit war es mit einem Schlage vorbei. Ich holte sie so
wenig wie die Stickerei aus meinem Koffer hervor. Denn Zeitungsartikel,
Berichte und Telegramme waren das einzig Spannende fr mich geworden.

In dem weitlufigen Garten, der zu dem Hause gehrte, gab es eine Auswahl
von Bnken, Lauben, steinernen Nischen und Terrassen. Steil und verwildert
fiel er die sonnige Felsenwand herab, um sich wie in einem Graben
geheimnisvoll und schattig auszubreiten. Dorthin schleppte ich denn auch
mein neues Steckenpferd: die Zeitungen und politischen Abhandlungen aller
Lnder.

Man stand im Zeichen der ersten sonoren Pendelschwingungen der Entente
cordiale mit England einerseits, des Rapprochements mit Italien anderseits;
sie und l'Isolement de l'Allemagne bildeten die Parole des Tages. Eines
Nachmittags, -- den Morgen hatte ich in Paris verschwrmt -- sa ich wieder
in einer Mauernische meiner Gartenwildnis und hielt die letzte Nummer der
Renaissance latine. Sie brachte den ungemein schneidigen Entwurf einer
politischen Karte Europas, mit sensationellsten geographischen Neuerungen.
Der Wunsch war darin Vater aller Voraussetzungen, und Deutschland rckte
khn bis in die Polargegenden hinauf, so da es mit grnlndischer Klte
von allen Seiten darauf einblies.

Ich notierte Titel und Nummer des Blattes und sah verdrielich zum
feingetnten franzsischen Himmel empor.

Ach, dachte ich, wie wenig weit du von Deutschland! -- und dachte dann
hinber zu unseren Brcken und Husern, unseren Mondscheinnchten und
Wldern.

Ach wie viel tausend Meilen lagen auch sie von hier entfernt, und wie wenig
wuten sie dort von den Franzosen!

Und ich wute auch, hier war keine unberlegte, instinktive und impulsive
Liebhaberei, wie sie England gegenber oft bei mir im Spiele war, sondern
ich vermochte einfach nicht, die Geschicke Frankreichs mit einem
gleichgltigen oder unbeteiligten Bewutsein zu erwgen. Von franzsischen
Naturen in zu mannigfacher Weise verschieden, empfand ich die Franzosen
zugleich als meine Angehrigen, und es schnitt mir oft ins Herz, wie gut
ich sie kannte. Denn leider ist es ja noch immer keine Anmaung, wenn heute
der Deutsch-Franzose -- und umgekehrt -- sich fr den allein Befugten hlt,
die Kluft zu messen, die zwei so groe Nationen voneinander scheidet, die
unzulngliche Kenntnis voneinander, in der sie leben, wie die Sehnsucht,
die sie zueinander zieht.

Aber noch nie war mir so deutsch zumute gewesen, wie heute morgen, denn
nirgends fhlten sich meine Augen so heimisch, mein Herz so eiferschtig
wie in Paris, dem Paris der Renaissance bis zum zweiten Empire, das unsere
junge Kultur so weit bertrifft.

Und doch so jung nicht, als da sie nicht schon einmal des Sterbens
Bitterkeit, die traurige Mhsal gekostet htte, aus Verwstung und Schutt
zerfallene Trme wieder aufzurichten. Hoch ber den stillen Garten hin
umri sich da vor meinem inneren Auge, intakt in ihrem entflohenen Leben,
wie der einbalsamierte Leichnam eines Jnglings, eine deutsche Stadt in
ihrem unterbrochenen Wachstum. Ihr langentschwundener Frhling prangt an
den Marktpltzen, den Pforten und Brcken, den Erkern und Laternen. Er weht
von den Trmen und Brunnen, durch die Huser und Stuben. Er flutet in den
Kirchen und von den Glasgemlden, und in dem verwitterten Stein umrauscht
er Jungfrauengestalten mit ihrem unbeschreiblichen Gemisch deutscher
Morbidezza und deutscher Lauterkeit.

Ich sah die Marienkirche und atmete wieder ihre Luft. Und vor den Toren der
Stadt jenen anderen Zeugen reinster und so verfeinerter Kunst: das
Tuchersche Jagdschlo mit den verhaltenen Lauschen seiner Fensternischen
und Tren, der holden Strenge seiner Rume, den verschwiegenen Schwellen,
der vertrumten Stiege. Denn die ganze Burg ist reich an Widerhall wie ein
Vers von Walther von der Vogelweide, und wir stehen inmitten ihrer Stille
wie an einer Brandung.

Aber scholl da nicht von der Burg hernieder, von Drers Hause, weithin
durch alle Gassen, Hans Sachsens Ruf: Habt acht! uns druen ble Streich'!

Nicht lnger glaubte ich da die Emprung verantworten zu drfen, die mich
auf der Fahrt nach Frankreich ergriff, als ich von meinem Zuge aus im
Morgengrauen franzsisch aussehende Huser auf deutschem Boden sah und
unvermutet alle Trauer, die an dieser verlorenen Erde haftet, mitempfand,
von jener Flut von Trbsal eingeholt, mit ihrem universalen, geisterhaften
Anrecht: jenem geheimnisvoll, zeitlos elementaren Etwas -- der Zeit
bittersten Rest! --, den sie als unser Erbteil zurcklt. Ach, dachte ich,
wann wird der Tag anbrechen, an welchem sich der letzte Schlachtenplan zum
letzten Ritterharnisch als Museumstck gesellen wird, weil zwischen
Nationen wie den unseren, der Gedanke in Stcke gerissener oder
zerschossener Glieder mit der menschlichen Wrde nicht lnger vertrglich,
geschweige denn rhmlich erschiene!

Drei Jahre, glaubte Bismarck, seien das uerste, was sich in der Politik
voraussagen liee, und: fr drei Jahre haben wir heute vorgebaut, meinte
er nach einem seiner grten diplomatischen Erfolge der achtziger Jahre.

Und darum wissen wir heute nicht, wozu er sich damals entschlossen htte,
welchen Plan er damals entworfen und ausgemeielt, ob er dem deutschen
Volke nicht einen gleichwertigen anderen Entgeld ersonnen htte, wenn er
damals schon einer deutschen Kolonialpolitik htte Rechnung tragen mssen.

Jene Worte am Abend seines Lebens haben einen so nachdenklichen Klang; Das
westliche Glacis, das wir ihnen nehmen muten, was sie uns nie vergessen
werden.

Es ist der Gedanke an unser zuversichtliches Bewutsein alles dessen, was
er heute, angesichts der vielen vernderten Faktoren unternehmen, an die
Initiativen, die ein Mann wie er _heute_ ergreifen wrde, der ihn uns
unersetzlich erscheinen lt. Denn der Geist seines Wirkens schuf ihn zu
einem Lehrer, weit mehr als seine Taten, die das Schicksal und die Zeit
ereilen knnen. Und wer tiefer in jenen Geist einzudringen suchte, wie
knnte der noch zweifeln, da ein heutiger Bismarck, gleichviel welcher
Nation er angehrte, jene groe Einigungsidee, die einst ein kompaktes
Italien und ein kompaktes Deutschland schuf, in erweitertem Sinne zu
vertreten und aktuell auszugestalten wte? Wer knnte zweifeln, da ein
heutiger Bismarck, ob er unser eigener, oder Cavours, oder Gambettas
Landsmann wre, zum Vorkmpfer eines fderierten Europas wrde?

Eins aber konnte nur Paris in seinem berlegenen Reiz mich lehren, dies
schimmernde Paris, das sich vollenden durfte, wie inmitten einer Welt des
Friedens: Nicht um eine Minute hatten wir die Kultur dieses Landes
zurckgeworfen, das als ein unerhrter Feind der unseren in der Geschichte
steht.

Ich war emprt in meiner Mauernische aufgesprungen: und nicht lnger hielt
es mich da in dem verlassenen Garten. Der Zwiespalt, der mich bewegte, lie
mir dies Land, mein eigenes, die ganze Welt beengt erscheinen.

Unsichtbare Schatten glitten schon durch das Tageslicht und hielten die
alten Bume umschlungen. In peinigender Flssigkeit und Se
durchschauerten sie die Luft. Wir waren Brder! Noch stehen sie berall,
die Spuren unserer einstigen Gemeinschaft, unsere Kathedralen, unsere
Minnelieder und Novellen. Und heute sind wir Nationen, die sich schon lange
insgesamt langweilen, weil gerade in der Reife, zu der unsere nationalsten
Zge und Besonderkeiten gediehen sind, das Bewutsein unserer Halbheit und
in der Verschmelzung unserer Qualitten der Keim vollkommenerer Typen
liegt. Wozu sich betren? Von Herzen froh wird man ja heute nirgends.
Klglich veraltet und vermorscht sind heute unsere tausendjhrigen
Familienzwiste, als knnte ihrer Asche allein der neue Phnix unseres
Erdteils entsteigen: nur einem greater Europe ein greater England,
greater Germany und greater France.

                                            1905 in der Wiener Zeit.


                                  II.

Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem Politiker von Vendme
nach Paris. Schlsser und Htten, Riesenwlder, lichte Pappelgruppen an
langweiligen kleinen Flssen waren an uns vorber geflogen, und ich dachte
zurck an den verflossenen Abend, an eine Fahrt nach einem wundervollen
mittelalterlichen Schlo, und an ein vollendetes, und wenn ich so sagen
darf: erhebendes Diner, denn Gtter htten hier tafeln knnen, ohne sich zu
schmen.

Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden Hhe gewesen. Die
blichen Gesprche in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die
religisen Zustnde waren ergiebig und einmtig verhandelt worden; von dem
damals eben erfolgten Besuch des italienischen Knigspaares in Paris
gelangten dafr nur einzelne Verste beim Empfang in Versailles zu
ausfhrlicher und hhnischer Errterung, und der Rest war Schweigen. Nun
hatte ich Paris whrend der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem
Empfinden nahm es sich gerade in diesen Tagen, in der verhltnismig etwas
naiven Schmckung der Huser und Straen, am wenigsten zu seinen Gunsten
aus. Was sollen auch Fhnchen und provinziale Jubeltransparente auf einer
Place Vendme viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtmeer der
erleuchteten Kugel-Girlanden und Triumphbgen schien es, als zge sich fr
den Abend das stolze Paris hinter ein riesengroes funkelndes
Kasperltheater zurck.

Ich erzhlte meinem Tischnachbarn, da ich der Einfahrt des Knigs von
einem Hause der Champs Elyses aus zugesehen und mich ber die
verhltnismige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich
jedoch: das Demonstrative lge nicht in der Natur des Franzosen. Ein Zufall
hatte aber gewollt, da mir noch an jenem selben Abend das Paris der
Revolution auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht wurde.

Einige Stunden nach dem Einzug war ich durch eine jener schmalen Gassen
gegangen, die das Elyse umgrenzen, und ich dachte fr den Augenblick nicht
an die Anwesenheit des italienischen Knigspaares, als ich auf die
peinlichste Weise daran erinnert wurde. Von einem Strom von Menschen
pltzlich fortgerissen und umringt, gab es fr mich kein Vorwrts noch
Zurck. In der Angst zu fallen und von dem schrecklichen Dunst bedrngt,
sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner Verwunderung und Freude in
nchster Nhe, friedlich an einen Baum gelehnt -- einen unbesetzten Stuhl.
Rasch daraufspringend und so dem Haufen einigermaen entzogen, wollte ich
hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.

Wer die Franzosen nicht fr demonstrativ hielt, der wurde nmlich hier
eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien
sie da gerade hinaus, halb betubt, halb wie die Wilden, nach der Knigin.
Kommen sie bald? fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschrzten
Vertreter des strkeren Geschlechts. -- Sie sind schon vorber, gab er
mir zur Antwort.

Dies erklrte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese
Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausgnge und schrie mit
heiserer Stimme: La reine! nous voulons voir la reine! Und von meinem
erhhten Posten auf sie herabsehend, erkannte ich sie genau wieder als
jenes selbe kopfscheue, schnell berschumende Volk, das unfhig sich zu
besinnen, die Kpfe so mancher harmloser, zur Unzeit geborener Opfer zu
hllischen Bildsulen erhob und in diesen Straen wtete, erkannte den
furchtbarsten Pbel innerhalb der kultiviertesten und feinsten Nation.

Allein ich htete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner
irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie htten allzu bereiten
Erfolg gehabt. Denn an die hundertjhrigen Hecken, die das Dornrschen von
der Auenwelt trennten, sah man sich in diesen Schlssern gemahnt. Man mu
sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien! Eine Dame uerte sich,
es sei unbedingt heroisch vom Knig von Italien, ein so heruntergekommenes
Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich ber den Tisch
herber, ob wir im Ausland gegenwrtig die Franzosen nicht sehr von oben
herab behandelten?

Unsere groe Majoritt ist doch nun einmal republikanisch! sagte da einer
der Gste.

Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs wrden Sie anderer Meinung
finden, gab ihm die Dame zur Antwort.

Ach, sagte er es gibt nur erste Menschen und sie knnen nicht
aristokratisch genug, sie knnen nicht demokratisch genug sein. England hat
diese Wahrheit auch fr seine Gesellschaft praktisch zu verwerten gewut.
Worin beruht die Macht und Wrde des englischen Adels, wenn nicht in seiner
demokratischen Affiliation, und woran ging unser Knigstum zugrunde, wenn
nicht an seinem Mangel jeder demokratischen Basis?

Es gibt noch Leute, mein Herr, unterbrach ihn ein vergrmter, frh
verabschiedeter einstiger Diplomat, welche in der franzsischen Revolution
den unglcklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen.

Doch nur, rief er, weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken
nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute unheilvoll trnkte!
Denn whrend aus jenen Gedanken ber das ganze zivilisierte Europa ein
belebender Zug strmte, weilen in seiner Heimat, an seiner Quelle selbst,
unvershnt, unberzeugt, die Shnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch
vernderter Gesichtspunkte halten sie zrnend von ihren Nachkommen ab, und
nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das Knigtum, wie es sich
seitdem verjngte, sondern ein altes verstaubtes, ewig berwundenes
Knigtum, mchten sie in vergoldeten Kutschen einholen und begren.

Einen Augenblick war es still, wie in einem verzauberten Schlo.

Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!
sagte der Hausherr, der die Place de la Concorde nie anders als Place Louis
XV nannte.

Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben. Bedenken Sie,
da es bei uns zum guten Ton gehrt, sich fr Politik nicht zu
interessieren! Indes selbst die Herrscherhuser anderer Lnder ein so
weitgehendes Verstndnis fr die groen Strmungen an den Tag legten,
welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die erste Gesellschaft
Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent hoch einschtze,
erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich fr
Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Anklger sie
sich erhebt. Denn ihre Geschichte, -- und er deutete auf die Wnde, von
welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenpercken hernieder
sahen -- ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes. --

                   *       *       *       *       *

Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichmig gleitenden
Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit erhht. Drauen
lag schon Blsse ber das Land gebreitet und blsser noch, im langen,
regelmigen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein knstlicher
Teich, und weiter zurck, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit
den majesttischen Senkungen seiner Terrassen.

An was denken Sie? fragte mich da pltzlich mein Reisegefhrte.

Wie soll ich das der Reihe nach sagen? erwiderte ich. Gedanken knnen
sehr wohl in Schwrmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen.

Aber eine Taube in der Hand, sagte er, ist besser, als viele auf dem
Dache.

Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien und geriet dabei vom
Hundertsten ins Tausendste. Alle uerungen, welche die Geistesart, den
Charakter einer Nation am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln
mich, denn unwillkrlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland
mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie mchtig innerhalb eines
kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte Vlker
auseinanderhlt, wie verschieden er sie bildete, und da in einer Welt, die
berall so gleich, unter Menschen, die sich berall so hnlich sind, hier
der Schwerpunkt aller Verschiedenheiten liegt.

Wuten Sie das nicht? sagte er.

Ich zweifle, da wir es alle zur Genge wissen. Denn diese
Verschiedenheiten sind gegenwrtig so weit gediehen, da drei
hervorragendste europische Nationen, die Deutschen, Franzosen und
Englnder, die einander am vollkommensten ergnzen, tatschlich auerstand
gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit wirklich zu durchdringen und
psychologisch unberbrckbar fern einander gegenberstehen. Wir leugnen zum
Beispiel gar nicht, da es eine btise allemande gibt. Inzwischen wurde ich
auch mit der fine fleur der Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie
weltverschieden die beiden voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter,
verschwommener die unsere, wieviel greifbarer, logischer durchgefhrt, ich
mchte sagen, >abgeschliffener< die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich
zu veruern. Die beiden btises erkennen sich nicht wieder.

Daraus folgt nicht, da sich die Klugen nicht verstndigen knnten.

Aber auch da ist mir eines zumeist aufgefallen: die Schwierigkeit fr den
Auslnder, sich in seiner Beurteilung der Franzosen zurechtzufinden, beruht
darin, da er den franzsischen Geist von der franzsischen Kultur nicht
gengend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie sehr der Formensinn in allen
seinen uerungen in Kleidung, Mbeln und Gewerbe, auf allen Gebieten des
ueren Lebens bis hinauf zu den bildenden Knsten in Frankreich seine
eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt des Schnen ist da von einer
ra zur anderen Ihr Monopol. Angesichts gewisser Grten, Lauben und
Fassaden, gewisser Pltze in Paris, war ich von Bewunderung fr die
Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer der Welt. Aber trotz
jenes groen Stilgefhls, das bei ihnen den Geschmack zur Kunst erhob,
trotz jener Grndlichkeit und Vollendung, jenes strengen Maes, das ihre
Leistungen krnt, ist es nicht seltsam, da auf rein ideellem Gebiete,
gerade in ihrem Lande das Extreme und Malose sich freier als anderswo
entfalten durfte, whrend in dem rauhen und vielspltigen Deutschland ein
Mann wie Goethe dessen Geistesleben adelte?

Werden Sie mir spter auch einige Kritiken gestatten? begann da mein
Reisegefhrte. Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig
mit unseren Extremen?

Ah, sagte ich, Frankreich ist doch wie ein Blumengarten, mit Schlssern
und Gtern best. Unlngst sah ich ein Schlo, in dem die Schlafzimmer
genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas
milderte, waren Bchergestelle, die den Wnden entlang liefen, aber wohin
man auch sah, waren es ausschlielich Gebet- und Erbauungsbcher. Ich
lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer
solchen Verwandtschaft knne sie sich nur von ganzem Herzen schmen.
Flaubert zu lesen hatte ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es htte jedoch
seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schmutz nicht liebe.

Aber solche Leute, rief er, gibt es doch berall!

Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich hrte in Frankreich
Sonntagspredigten, die bei uns nicht mglich wren. Eine junge und reizende
laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den
Volksschullehrern wrden sie unterwiesen, nicht darauf achtzugeben, was
ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der
Gemeinde die Autoritten des Landes in den frchterlichsten Farben.
Tatschlich habe ich nichts betrblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige
Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafr traf ich
unter den begterten Familien nicht einen Knaben, dessen Erziehung unter
einer anderen Obhut als der eines Abbs stand. Auch diese Sitte wre uns zu
extrem. Aber ich frchte, derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man
sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge,
zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen.

Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzgen und den franzsischen
Mngeln beschftigt.

Nein, rief ich, denn nichts regt ja unseren Eifer so sehr an, wie unsere
Anerkennung fr die Vorzge einer anderen, sei es einer fremden oder
verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der Formensinn, die
Regsamkeit, welche Paris inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf
seiner Hhe zu erhalten wute. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere
ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden berblick,
das Erziehungssystem, die sthetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur
glcklichsten und schnsten Nation der Welt geworden ist.

Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie! rief er. Die Vorzge der
Franzosen und Englnder sind den Deutschen entzogen, weil sie eben Deutsche
sind!

Zu welchem Reichtum gerade ihr Wesen sich entfalten kann, dafr brgen
ihre groen Mnner.

Immer diese groen Mnner! sagte er. Sie sind noch lange nicht die
Nation. Und Sie vergessen, da noch keine von ihren eigenen groen
Individuen so unumwundene Aussprche des Tadels erfuhr, wie die deutsche.

Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Flle ihrer
Anlagen erkannte.

Aber was ntzt es? sagte er. Die Deutschen bearbeiten meist nur eine
Geisteskraft. Es ist ihr Lichtenberg, der ihnen dies vorwirft. Was ntzt
es, da sie denken? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene
Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt.

Ein glcklicheres Ebenma knnte diese Kritiker ber schwerer zu
beseitigende Mngel hinwegtuschen. Die Deutschen sind noch im Werden. Das
ist auch etwas Schnes.

Wir sind alle im Werden! rief er. Aber warum unterschtzen Sie die
Grozgigkeit, die ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?

In Deutschland, sagte ich, machen sich die klugen Leute nichts aus der
Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben.

Hier arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht
einsamer als andere. Aber sie wollen _herrschen_! Die Berechtigung ihres
Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit grerem Mae zu;
hierin sind ja die Deutschen viel demokratischer als wir; und dies ist der
Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt,
das ihrem geistigen Niveau entsprche. Dazu kommt, da bei ihnen der
Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der >Bereisten< ein so
geringer ist. Man kann ja, fuhr er fort, den Kosmopolitismus zu weit
treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung fr ihn: eine wahre und
vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschlu und
verleiht unter anderem den berblick und die Menschenkenntnis der
eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Vermgenden wie
die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und
nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben
Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafs chantants und
wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen.

Und Sie sind der Mann, der mir meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich
sagte, beide Vlker htten soviel von einander zu lernen. Wer denkt nun
logischer von uns beiden?

Sie vergessen nur zu leicht, da es auch politische Gesichtspunkte gibt.

Was andere besser verstehen, berlasse ich ihnen lieber ganz und gar und
finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr
bersicht gewhren kann, zu betrachten. Von einander getrennt stellen sich
mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die
hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin
fr psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in
hundert Jahren recht haben sollte.

Langsam rollte jetzt der Zug in die groe Halle der Gare St. Lazare.

                                                     1905 Wiener Zeit.


                                 III.

Alte Leute schtteln die Kpfe ber unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit
unseren immer schleunigeren Schnellzgen nicht zufriedener sind, als unsere
Vter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt: wir sind
um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je
mehr wir den Fortschritt erstreben. Ein steigernder Drang, eine Hast und
Ungeduld, wachsenden Flgeln vergleichbar, ist heute in uns rege; wir
durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch groe Stdte mit
Windeseile, und grte Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur
entsprechendsten uerung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten
des Glcks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige
Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren
vertrgt sie nicht mehr. Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage,
aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere,
denn sie ist so mde und berreizt zugleich, weil ihr der Frhling in den
Gliedern sitzt.

Es stehen uns zwar noch zu viel trbe, regnerische Tage bevor, als da wir
merken knnten, da sie lnger werden. Aber wenn es strmischere Zeiten
gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch
unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegenstze sich zu vershnen, alte
Vorurteile zu zerfallen strebten.

Krzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la
Paix zur Place Vendme; den weltberhmten Modelden entstiegen elegante
Frauen mit blassen Zgen und groen sicheren Augen. Die reiche, fast edel
zu nennende Vollendung ihrer ganzen uerlichen Haltung lieh ihnen einen
Glanz von Schnheit und berlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis
ihr Wagen aus dem Gedrnge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre
stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer
begrndet, als jenes Gefhl unendlichen Entrcktseins von der Not des
Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.

In jenen Pariser Straen geht es sich so leicht. Was das Auge dort
fortwhrend fesselt, trgt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin.
Geschmeide blitzten mir entgegen, groe trumerische Perlen, ein kstlich
strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele, zrtlich
funkelnde Smaragde.

Allein zrtlicher noch und schimmernder, ein Triumph fr die ersten
Krschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer schnen Frau
mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins
Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der
bekanntesten jungen Mnner von Paris, morbid und unverschmt, den Hut vom
Winde etwas zurckgeschoben, aber frei wie ein Marmorbild, ihr
entgegenfuhr.

Es geht sich heute so schn, sagte da pltzlich dicht neben mir ein
Pariser Freund, haben Sie Zeit?

Aber bleiben wir in diesen Straen, sagte ich, man wird da von dem Leben
ringsumher wie von Wellen so schn fortgerissen.

Zwar hrte man vor dem Getse und Gebrause ringsumher seine eignen Worte
nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang,
unnachahmliche Mntel, in die man im Vorbergehen sich hineindachte; dann
wieder unter den vorbereilenden Wagen so manches glnzende, bewegte Bild.
Ach, seufzte ich, mir ist hier oft, als mte mein Herz brechen vor
Sehnsucht nach Geld!

Nach Geld? rief er erstaunt.

Ja, sagte ich, ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende
Leidenschaft fr die Gter dieser Erde, und wie sehr sich unsere
Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen Fhigkeiten steigern.

Diese lehren uns vielmehr, das Glck in uns zu suchen.

Sie scherzen! rief ich.

Aber hier erlitt unser Gesprch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam
kamen uns zwei hinreiende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem
eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. Gttliche Schultern
trugen ihr leichtsinniges Haupt, und goldene Haare verklrten es. Es lag
etwas halb Zrtliches, halb Spttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas
Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flchtigkeit
selbst. Und es war, als zge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer
Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener
Hoffnungen, vergeblicher Wnsche entrckte.

Folgen wir ihnen! schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz
verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten die Galerie, in welcher der Tee
genommen wird, der -- wie allerorts in Paris -- zu wnschen brig lt; sie
glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich
khnster Hte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten
Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war fr mein Empfinden der
uere Eindruck dieser hergerichteten Pariserinnen der eines sehr strengen,
sehr erstrebenswerten Formensinns. brigens waren sie nicht in der Mehrzahl
vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch
unenthusiastische Jnglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden
und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen
Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gewhnlichkeit.

Ich hatte die Eckpltze links am Eingang gewhlt, die zugleich einen
Ausblick auf die Treppe gewhrten, denn die Menschen, die dort
vorberkamen, waren als Millionrtypen vielleicht noch charakteristischer.
Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und
einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioness von
A*, eine sehr schn gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem
Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Tre
stand, sah mit theatralischer Unverschmtheit um sich her und verschwand.
In unserer Nhe lie eine sterreicherin, die Frau eines durchreisenden
Diplomaten, immer lauter ihren wienerisch-franzsischen Jargon vernehmen.
Sicher fiel diese Frau ihrem Manne durch zu groe politische Wibegierde
niemals lstig, vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige
einer Diplomatenstellung, wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern (wie
Bismarck ihn verhhnte) noch gnzlich erfllt. Weder jung noch schn, aber
von ansehnlicher Gre, mit ihren konventionellen Zgen, ihrer kunstvollen
Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des High
Life. Mit groben aber wohlgepflegten Hnden schwang sie unaufhrlich ein
Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum
sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das fr sie nur die Welt des
Salons auffing und spiegelte.

Rom ist delicis, hrten wir sie sagen -- c'est autre chose que la
Sude! Ganz die groe Welt! In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem;
die Unmasse von Engagements, djeuners, dners und die vielen jours . . .
sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht.
Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der groen Welt erblickt,
der auf sie lossteuerte: Sie hier, cher Comte?

Es war alles so ergtzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander
lchelnd an: Ihre zwei Gttergestalten scheinen sich in die oberen
Stockwerke verloren zu haben, bemerkte er. Indes kam die Marchioness von
A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer reizvollen,
melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich schnen
Mdchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem
Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anlangte, gehrte er zweifellos
zu den Gebietenden dieser Erde. Sein groes weies Gesicht trug zugleich
den Stempel der Oberflchlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus
seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr
machtvolle oder reiche Persnlichkeit, aber deren ungehemmte und machtvolle
Entfaltung.

Pltzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch
eben eine Tasse eingeschenkt hatte, schob ich mit Widerwillen von mir.
Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewutsein gnzlich entfallen,
war ich mir pltzlich meiner selbst aufs heftigste bewut. Keine Palste
mit unschtzbaren Tapisserien und Bildern, keine Reichtmer und keinerlei
Macht war mein eigen! ber das blaue Meer hin, nach Indien oder
Griechenland, wo gerade die Erde am schnsten blhte, unter Menschen, deren
Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte
der Mann dort herrschend seinen Fu. Kein Ersatz, dachte ich, ist dem
Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere
verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhater, tdlicher Entsagung von sich
schleudern!

Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und
vornehm ragte die Sule von Vendme, aber nicht lnger zog es mich hin zu
den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.

Ich begreife Sie nicht, sagte der Pariser Freund, ist es denn mglich,
da Ihnen solche Leute imponieren?!

Ich nehme sie ja nicht persnlich, sagte ich. Aber wenn ein kunstvoller
Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte
Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeintrchtigen knnen.
Und weil sich um die gewhnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen
ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu
verkennen. Das Leben ist zu schn geworden.

Was wollen Sie damit sagen?

Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von
feindlichen Kugeln umsaust, die Rue de Rivoli an der Mndung der Rue
Castiglione zu berschreiten.

Nach dem Gewoge der Straen schienen die Tuilerien so weit und still.

Alles lag in jenem entzckend feinen, mattsilbernen Ton der zrtlichen
Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den
kahlen Bumen ihre Dsterkeit nimmt. In kalter Grazie dem grauen Louvre
zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.

Mit Statuen aber geht es uns hufig wie mit der Musik: was im Museum wohl
zurckstnde, im Konzertsaal uns kritisch liee, kann unter freiem Himmel
hinreien und rhren. Unwillkrlich waren wir stehen geblieben.

Wie der menschliche Krper durch die griechische Kunst, so hat sich
seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet.

Zum mindesten ein vorgreifender Glaube, meinte er.

Wie jeder Glaube.

                                                   1905 Neue Rundschau


                                  IV.

So machen wir auf Reisen unsere schnurrigsten Erfahrungen. Gilt es jedoch
die Ansichten vorzubringen, die sich da ganz von selbst fr uns ergeben, so
dnken sie uns gar zu einleuchtend und elementar, um noch erwhnt zu
werden. Aber das langweiligste ist, da wir mit solchen Ansichten immer
noch als Vorlufer erscheinen, und da es immer noch keine Gemeinpltze
sind; denn sie stehen noch immer nicht in den Zeitungen, diesen Feldern des
berdrusses, diesen mit wenigen Ausnahmen so trg geschftigen Wiederkuern
zu oft gesagter oder lngst berwundener Dinge.

Manchmal sind es aber Kleinigkeiten, die uns mit der Artung einer Nation
unversehens in Berhrung bringen, wie ein pltzlicher Augenaufschlag oder
der Schatten eines Lchelns uns pltzlich neue Einblicke in das Wesen eines
Menschen gewhren knnen.

Zwei Pariser Episoden sind mir lebhaft in der Erinnerung geblieben.

Eines Nachmittags ging ich den Quai d'Orsay entlang und einem matten
winterlichen Sonnenuntergang entgegen.

Ich hielt einen Strau wundervollster Blumen. Besonders prangte da eine
ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mute. Sonst
war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem Frhstck, das
mir, solange es dauerte, sehr belebt erschien, bis ich nachtrglich merkte,
da es mich gelangweilt, und da all die unntzen Worte, die ich vernommen
oder selbst gesagt, ja selbst all die schnen saillies und mots d'esprits
mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar erst, wie sich der
verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das Wsserlein war seicht,
und war kein Fischlein darin.

Vielleicht ist die Gemtlichkeit dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob
hoch oder niedrig, am ftesten vermissen. Und sie ist es, welche der
mdiocrit allemande vor der mdiocrit franaise, den kleinen Leuten vor
den petites gens den Vorzug verleiht.

Ich steuerte indes der Madeleine zu und verfehlte dort wie gewhnlich
meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich fr eine Verabredung in der Rue
Montalivet getroffen hatte, war lngst vorber, und immer irrte und eilte
ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann, der
seinem ruigen Aussehen nach Lokomotivfhrer oder Tunnelarbeiter sein
mochte, pltzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im
Sturmschritt an ihm vorberging, sah ich ihn stutzen und mit einem leisen,
halbunterdrckten Ausruf des Entzckens auf meine Blumen starren. Einem
Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose hervorgezogen,
wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf sie ihm in einem Bogen zu
und eilte weiter. Auch wre mir der kleine und so flchtige Vorgang kaum im
Gedchtnis haften geblieben, htte er da nicht etwas wie ein
Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es htte kein Mann von Welt, kein
Frst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte erfassen, noch
mir zarter dafr danken knnen, als dieser zerlumpte junge Mensch in seinem
Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, den edel aufleuchtenden Blick, als
er die Rose auffing.

Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honor hinauf,
wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel mder und
verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glck, und
konnte mich doch nicht davon losreien. Statt da aber auf franzsischem
Boden die franzsische Seite meines Wesens in Schwung gert, geht es mir
gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland
klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhuschen
zieht sich Marianne tief zurck, und einsam wie eine Schildwache rckt
Michel vor.

Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, die ich schon
mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer rascheren
Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurcklag, nur
um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn
Lloyddampfer, Blitzzge und Automobile waren im letzten Grunde
Friedensmaschinen, whrend die idyllischen Postkutschen, in ihrer
Unfhigkeit einen Kontakt zwischen den Lndern aufrecht zu erhalten,
Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden
lieen.

Tief in Gedanken ging ich also meines Wegs und merkte nicht, da die
Straen immer leerer wurden. Mit seiner Dinerstunde nmlich lt der
Pariser, ob Kapitalist oder Concierge, nicht spassen, und zwischen acht und
neun Uhr ist Paris am stillsten. Zu meinem tiefen Schrecken sah ich jetzt
pltzlich meinen Weg durch einen Arm, den unter der Tre eines finsteren
Hauses ein Mann vor mir ausstreckte, gesperrt. Donnez moi de l'argent!
sagte er auffahrend, ou achetez moi du pain. Er hielt sich im Dunkeln und
ich unterschied nur seine Gre und den gerade ausgestreckten Arm. Ohne
eine Miene zu verziehen, als htte ich ihn nicht vernommen, als sei ich
eine wandelnde Uhr und mein Gang nur ein Pendelwerk, ging ich an ihm
vorber. Aber an der Bewegung meines rechten Armes konnte der Mann, wenn er
mir nachkam, sehen, da ich in die Tasche griff. Immer im selben Takte
weitergehend fingerte ich mit der rechten Hand, was ich an kleiner Mnze
spren oder greifen konnte, hervor, und an der Ecke der Rue de l'Elyse,
drehte ich mich um. Der Mann war mir in einiger Entfernung mitten auf der
Strae gefolgt, blieb nun auch stehen und wartete. Aber etwas Furchtbares
und Verzweifeltes in der Haltung dieses Menschen veranlate mich, ihm in
meinem besten Salonschritt nher zu treten, und es vollzog sich auf einmal
etwas, wie eine szenische Wandlung. Denn nicht wie einem Bettler und nicht
wie in einer feuchten, glitschigen Strae, im drftigen Laternenschein,
sondern wie auf Teppichen und unter Kronleuchtern schritt ich auf ihn zu
und hndigte ihm die elenden Sous wie einen Tribut mit einer vagen Geste
ein. Der Mann machte rasch Kehrt, und ich verfiel wieder in meine vorige
Gangweise, als htte nichts ihr Tempo unterbrochen. Pltzlich aber wurde
mir bewut, wie sehr diese Begegnung durch den Stempel des Stolzes, den
jener Unglckliche seiner klglichen Forderung lieh, mich entzckte und
begeisterte.

Und Michel trat zurck und lie Mariannen vortreten. Herrliche Kinder!
dachte ich, diese Franzosen. Aus ihren Herzen brach er hervor, jener
Gedanke tiefinnerster, reinmenschlicher Gleichheit, ber dessen Adel uns
nichts hinwegtuschen darf.

Aber Kinder! Und wten sie es doch endlich ber dem Rheine drben, in
welchem Sinne die Franzosen Kinder sind. Oder sind die Deutschen, die keine
Kinder sind, zu naiv, um es zu lernen? Denn hier liegt der wahre Grund zu
all den kontinuierlichen und unerfreulichen Gegenstzen, die einer wahren
inneren Annherung der beiden Nationen, und wenn sie beiderseits noch so
sehnlich empfunden wre, immer wieder im Weg liegt.

In einem Zeitalter, wie dem unserem, in unserem so klein gewordenen Europa
wei sich der Franzose das deutsche Gemt noch immer nicht zurechtzulegen,
der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln. Denn fr die
Mobilitt, die Akuitt -- ich mu bezeichnenderweise lauter Fremdwrter
gebrauchen. -- der franzsischen Empfindungsweise zeigt der Deutsche wenig
Sinn. Der Franzose, der auf Nuancen eingerichtet ist, harrt indes
vergebens, da der andere, dem sie ganz entgangen sind, darauf eingeht und
fhlt sich von ihm verletzt. Der andere borgt sich dafr bei ihm das Wort:
sensibel, denn mit der sensibilit, dieser kleinen Mnze des Gemts, fhrt
er nicht Haus.

Kurz: fr ihr _Gefhlsleben_ finden die beiden Vlker nicht den adquaten
Austausch. Denn wahrlich nicht der _Geist_ der zwei Nationen ist es, der
sie auseinanderhlt. Der Idealismus, der geistige Ausblick des Deutschen
ist vielmehr der mchtigste Anziehungspunkt fr den Franzosen, und in der
Anerkennung unserer Vorzge legen sie ein Verstndnis und eine rckhaltlose
und geniale Groherzigkeit zutage, vor der lnger zurckzustehen uns weder
zum Lobe noch zum Nutzen gereichen knnte.

Hren wir einen so leidenschaftlichen Sohn seines Landes wie Maurice
Barrs, mit welch zarten und tiefen Worten er seine Betrachtungen ber
Goethes Iphigenie beschliet:

Peut-tre n'est il pas permis, -- permis, ce mot si vague rend seul ma
peur un peu mystrieuse, -- que nous produisions au dehors nos penses les
plus intimes: peut-tre devons-nous protger, voiler nos rserves, de
crainte qu'une source, dont nous avons cart les branches, ne se dessche
au soleil. Mais je dois reconnaitre mes obligations. La destine qui oppose
mon pays  l' Allemagne, n'a pourtant pas permis, que je demeurasse
insensible  l' horizon d'outre Rhin: J'aime la Grecque Germanise.

Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurckhaltung, einen so
wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Gestndnis,
das sich einem so franzsischen Herzen entrang: _J'aime la Grecque
Germanise_.

Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr
mnnlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die ihn schon durchschaute,
aber die er noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an
Talent, sein Empfindungsvermgen zu verausgaben, manchen Nachteil gebracht
und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der Neid, wenn
seiner Sprache das Monopol des Wortes schadenfroh zum Hauptvorwurfe
werden konnte, so hat er dafr ein Wort, das im Widerspruch zu jenem
anderen steht und es an Kraft weit berbietet, das Wort, das in keiner
Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch ist
als sein Neid, und das ist seine Treue. Treu aber sind die Deutschen sich
selbst _nur_ indem sie _streben_.

Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem groen Siege seien
sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefrdert worden, als im
Verhltnis die Franzosen seit ihrer groen Niederlage. Nichts scheint mir
zweckloser als darber Worte zu verlieren, denn Glck wie Unglck liegen
hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafel ihrer Siege und ihrer
Niederlagen, und der Ha ist zwischen ihnen etwas Knstliches geworden. Die
Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon berschritten, und eine neue
Stunde hat fr uns geschlagen. Fluch trfe das stumpfe Auge und die
verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurckstellte.

                                                                 1906.


                                Mnchen
                                  V.

Ein sommerlicher Sonnenuntergang in Mnchen lebte heute in meiner
Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenssule hatte ich auf die Isar
hinabgesehen, die unter dem verklrten Gewlk so leuchtend und blau
dahinflo, so deutsch mit dem vertrumten Gebsch ihrer weiten Sandbnke
und zugleich so sagenhaft schn in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach
dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.

Und Mnchen erschien mir da wie eine jener mittelalterlichen Schlaguhren,
mit ihrem kunstvollen Aufbau von Sulen, Gehusen und Vertiefungen. Zeiger
und Figuren treten immer in gleicher Schnheit, gleicher Bedeutsamkeit
hervor, und das Ziffernblatt ist von erlesener Pracht. Aber etwas in den
goldenen Speichen der Rder ist zertrmmert oder gehemmt, und die Zeit
verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Klngen. Und dieses Echo, diese
Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer ertragen, denn gerade das
Unvernderliche und Unverbrchliche in uns erheischt ein schnelleres Tempo
unseres ueren Lebens.

Aber wie uns in dem trben und zugleich schon grellen Lichte
sptwinterlicher Tage Bilder des Sdens bewegen, so umwehten mich jetzt,
inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer
Stdte. Von den lauen Winden zu mir herbergetragen, durchschauerte mich
das silberne Paris, und, lchelnd wie eine verschleierte Schne, die Place
de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf und berflutete
die weiten Champs Elyses, den surrenden Wagenstrom mit seinem gedmpften,
prunkenden Gerusch und all die strahlenden oder trgerischen oder schnden
Silhouetten des Glcks, die er vorbeitrgt. Was immer sie qulen mag, stets
sind es Schattenbilder selbstverstndlichen Genusses, die sie uns malen.
Wie die weithin leuchtende Front der zwei Palste am Eingang der Rue
Royale, so trgt hier die _Fassade_ des Lebens den Stempel jenes Maes und
jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts
Leichtsinn und Ungefhr an uerlichkeiten haften, so ist es hier das Auge,
das zumeist sich heimisch fhlt und inmitten der Verwirrung ganz sich
auszuleben vermag.

Aber hier ri mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne in
die Wirklichkeit zurck. Mit furchtbarem Gepolter lrmte der umfngliche
Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Hei und
de dehnten sich die Huserreihen wieder vor mir hin, und jede Strae fand
von neuem Mue, mit ihrer Atmosphre mich zu bedrngen. Denn ach! inmitten
der seelischen Abgeschiedenheit, die Mnchen an Wintermorgen wie an
Juliabenden oft bis an den Rand wie einen Schmerzensbecher fllt, war mir,
als ob der Strom des Lebens sich hier zu einem See besnftigte, sich
weitete, und als ahne er hier nichts von seinen reienden Stellen, deren
Hast und Getse allen Schmerz der Besinnung so weit berrauscht.

Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich
zu wrgen, als mte sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der
hoch dahinziehenden Vgel: zur englischen Kste trugen sie meinen Geist im
Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder ber mich.

Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu
welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte angesichts der Gestalten, die
uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher
Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der
warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet schner
Erscheinungen derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich
bewegte: Welch edles Ding ist doch der Mensch! Wie mde und erregt zugleich
ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit
geschlossenen Augen und verschrnkten Armen noch lange unten verweilte,
ganz in London versunken, von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie
lrmenden London berauscht.

Zwar schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England Deutschlands
geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden
auf dem Lande, als ich in der groen Halle mit mir allein zurckblieb, weil
mir schien, als wte ich in letzter Zeit, durch neue Eindrcke und die
Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr,
was ich selber dachte.

Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so
beschaulich durch die weitgeffneten Tore, und die Bume vor dem Eingang
breiteten wie schtzend ihre gewaltige Ruhe ber diese Erde, diesen Rasen,
und ber das unaufhrlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben.

Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der Bume erst leis erzitterte
und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden
Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie, im Sturme hin
und wieder fortgetragen, wie Bltter mein Bewutsein umwirbelten. Ich
konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt
nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem
Geiste aus angelschsischem Boden entgegenhallt; als wrden jene Worte
wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte Knige dies
Land betraten:

   Ich gre mit der Hand dich, teure Erde,
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   So weinend, lchelnd, gr ich dich, mein Land
   Und schmeichle dir mit kniglichen Hnden.

Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgeprgt englischen Eigenart uns
doch so nahe steht, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste
uerungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns
entgegentreten!

An diesem Faden weiterspinnend war es dann ein anderer wichtiger Punkt, der
zumeist mich fesselte. Die Identitt unserer geistigen Stellungnahme zu den
Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fhlung der Antike mit
unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.

Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung
unserer uerlich so starken Verschiedenheiten. Aber von allen Dingen sah
und erfate ich da nur ihr Suchen, Flieen, Streben nach einem gleichen
Ziele. Und nichts, was die Vorzge der Englnder, Deutschen und Franzosen
auseinanderhielt und voneinander abschlo, wollte mir da noch den Eindruck
von etwas Verheiungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem gewhren.

Mein Alleinsein wurde indes von einem der Gste unterbrochen, einem
gewichtigen Parlamentarier, dessen politisches Credo: We are the first
nation aus allen seinen Beweisfhrungen mit unfehlbarer Sicherheit
hervorging.

What are you doing? sagte er.

Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen
mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten
glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin
mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem
Bezug zu meinen Trumen, als ich selbst. . . .

Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der
Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief
entbehrte oder ihn verhllte, da Augenblicke, die wir zu genieen uns nur
flchtig bewut wurden, als wir sie erlebten, sich verklren, wenn sie wie
abgeflossene Wellen lngst verrauschten? Selbst die fiebernde de dieses
Mnchner Sommertages, -- tuschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?

Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel ber die Parkanlagen, die
Straen und Pltze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der
Hildebrand'sche Brunnen ab, die immer neuen Strahlen seiner Lebensflle
milde wie der Mond ergieend. Immer neu sind dem Auge die khnen, reichen
Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter der berstrmenden
Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt. Und immer neu
blicken von dem mchtigen Sockel, wie durch rieselnde Schleier,
berlebensgroe, marmorne Hupter. Aber das gesenkte Antlitz des Athleten,
die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus den Nischen, sie alle
ertnen in bermchtiger Einheit zu einem rauschenden Akkord, aus welchem
Mnchens eigenste Seele in ihren reichen Grnden, echt wie der frische
Strahl des Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.


                                  VI.

An einem Sptnovembermorgen sah ich zum ersten Male die Straen von Berlin
unter einem regnerischen Himmel tropfna und dster vor mir liegen, und
musterte mit enttuschten, bernchtigen Augen ihre graue, geradlinige
Nchternheit.

Auf meiner Fahrt vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz war es zugleich
das einzige Mal, da ich in Berlin dazu kam, mich ber Berlin zu besinnen.
Ich wei nicht, welch verzehrende Neugierde dort alsbald von mir Besitz
ergriff und mich in eine Art von Gummiball verwandelte, der ohne Unterla
von einem Ende der Stadt zum anderen flog.

Die meisten Dinge natrlich sah ich nur im Fluge.

Im Fluge machte ich dort brigens eine, wenigstens fr mich, endgltige
Erfahrung: wie sehr nmlich die Wirkung, welche die Plastik auf den Laien
ausbt, eine von der Malerei nicht nur verschiedene, sondern ihr
entgegengesetzte ist. Allerdings haben wir bis jetzt nur Glyptotheken,
welche organisatorische Probleme auf siegreiche Weise lsen. Vergleichen
wir aber den Zustand von Beglckung und Rast, den wir im Pergamon finden,
mit der Nervositt, dem Unbehagen, das uns bei lngerem Verweilen in einer
Bildergalerie befllt, so will uns dabei der Maler von allen Knstlern als
der glcklichste erscheinen, weil von allen Kunstwerken Bilder am
rckhaltlosesten zu einer Charakteristik ihres Schpfers, im vollsten Sinne
zu Individualitten sich gestalten: je bedeutender zwar, desto bestimmter
natrlich, desto mehr Aufmerksamkeit und Spielraum beanspruchend, auch nach
auen hin, desto mehr Perspektive gebietend. Wer htte im Louvre nicht die
fast schmerzliche Empfindung einer Gioconda, fast htte ich gesagt eines
Lionardo, der hier in einem licht- und luftlosen Kerker gefangen liegt? Ich
fr meinen Teil kann nicht an den Giorgione im Kaiser-Friedrich-Museum
denken, ohne da mir ein kaum einen Meter davon entferntes Bild durch seine
schreiende Unvertrglichkeit mit dem Giorgione dazwischenfhrt. Aber
scheinen nicht alle Wnde dieses selben Saales von laut aufbegehrenden und
unzufriedenen Leuten erfllt, deren Heterogenitt uns peinigt und verfolgt,
und die alle zusammen das groe Tizianbild umlrmen? Auf meinem Wege zu den
Rembrandts fesselte mich ein Gemlde durch den klangvollen, durchdringenden
Reiz des Kolorits. Als ich aber auf dem Rckwege an diesem selben Bilde
wieder vorbeiging, zog es sich bei seinem Anblick -- ich bertreibe nicht
-- wie ein eiserner Ring um meine Schlfen, von nahezu unertrglicher
Erschpfung und Qual. Wahrlich! dachte ich, die Musik ist eine stillere
Kunst als die Malerei.

Um aber auf Berlin zurckzukommen: als am siebenten Tage der Zweck meines
Aufenthaltes erreicht schien, reiste ich am nchsten Morgen wieder ab. Zwar
wurde mir von allen Seiten und berall auf Grund meines Behagens an Berlin
lebhaft davon abgeraten. Aber hierber, schien mir, mute ich doch selbst
am besten Bescheid wissen und packte unbeirrt meine Sachen. Zwar fand ich
Berlin nicht mehr so hlich, wie bei meiner Ankunft, eine jolie laide
vielmehr, mit fesselnden Einzelheiten.

Am Morgen meiner Abreise fuhr ich in einer offenen Droschke und bei dichtem
Nebel noch einmal um den Schloplatz, durch die Linden, die Wilhelmstrae,
Leipziger- und Friedrichstrae, und dachte: Berlin ist doch spannend!
Deutlich war jetzt der Wunsch in mir aufgestiegen, es besser kennen zu
lernen, als mir der vorgerckte Zeiger einer Riesenuhr ins Auge fiel und
zugleich an einer Straenecke ein Zeichen trbseliger Vorbedeutung, das,
wie meiner harrend, stille stand. Nicht lnger spendete ich da mehr nach
rechts und nach links halb gleichgltige, halb neugierige Blicke des
Abschieds. Was konnte es an diesem Morgen Verdrielicheres fr mich geben,
als meinen Zug zu versumen, nachdem ich eigens deshalb so frh
aufgestanden war? Ich trieb den Kutscher zur Eile an, strmte zehn Minuten
spter die Treppen des Bahnhofs hinauf, lief zum Gepckschalter, flog durch
den Perron. Kaum war ich eingestiegen, als der Zug sich in Bewegung setzte
und ich in meiner glcklich eroberten Waggonecke zufrieden einschlief.

Und dann kam das Erwachen, das eine unvermittelte und grenzenlose
Deprimiertheit wie mit dumpfen Sten begleitete. Drauen starrte ein
totes, trges, grelles Mittaglicht wie ein Abglanz des unerhrten
Katzenjammers, der mich bedrckte. Es war doch gestern so gut wie
ausgemacht, da ich um diese Stunde nach Charlottenburg fahren und dann in
ein Konzert gehen wrde. Und abends wollte ich die Oper von Nicolai hren.
Warum in aller Welt war ich denn fortgefahren? Ich konnte den Grund nicht
finden. Es mute irrtmlich geschehen sein, weil ich nicht wute, da ich
noch bleiben wollte. Ich wute nur, was ich _jetzt_ vergebens wollte! Mit
welchem Ungestm ich die Lokomotive an das andere Ende des Zuges wnschte,
und da sie mich wieder nach Berlin zurckbrchte!

Und ich erwachte ganz.

Eine dumpfe, trbe Hitze erfllte das Coup. Ich stand auf, um das Fenster
einen Augenblick zu ffnen. Aber mein Gegenber, ein mchtiger,
breitschulteriger Herr, sah mir, ohne sich zu rhren, mit solcher Emprung
zu, da ich es aufgab, weil der Gedanke, ihn auch noch sprechen zu hren,
unertrglich war. Oh, wie mute der seinen Enkelkindern imponieren und
seiner Schwiegertochter auf die Nerven gehen! Und ich sank zurck. Aber die
Reue, der leidenschaftliche rger ber meine unbedachte und sinnlose
bereilung, brach mit der Gewalt jener unvorhergesehenen Strme ber mich
herein, wie sie ber Nacht, zur Zeit der quinoktien, Kamine wegreien, und
Steine und Ziegeln von den Dchern schleudern. Wie vertrumt rauschte der
Zug durch das winterliche Land, whrend ich unbeweglich in meiner Ecke sa.
Komm, sagte ich zu mir selbst, dies ist alles nur eine ganz abnorme
bermdung. -- Meine Hnde lagen mutlos ineinander, meine Arme waren wie
mit Gewichten behngt, an meinem Herzen hing ein groer Stein, und ein
anderer sa mir auf dem Kopfe wie ein Helm. Es war lcherlich. Es konnte
nicht sein. Trink eine Tasse Kaffee, schlug ich vor. Sieh nur, wie mde
du bist! fuhr ich ermunternd zu mir fort, als ich im Speisewagen mit
zitternden Knien und mit aufgesttzten Armen vor meinem Tischchen sa und
das de Licht, das durch die angehauchten Scheiben fiel, meine Bitterkeit
noch erhhte. Warum hatte ich nur so eilig Reiaus genommen? Es lohnte sich
doch wahrlich, Berlin besser kennen zu lernen! Warum aber denn _jetzt_ eine
so ungestme und berspannte Betrbnis? Es wurde mir immer heier zumute,
und der fade Kaffeegeruch machte mich vollends untrstlich. Ich kehrte also
wieder auf meinen Platz zurck, zog den Vorhang zu, den Hut tiefer ins
Gesicht, und wie nach dem Sturme der Regen einsetzt, so drngten da die
ungeheuerlichen Wolken, die mein Gemt umlagerten, leise, langsam und
unaufhrlich, nach Art der Landregen sich zu lsen. Es war viel besser, da
ich mir's eingestand: der vorschnelle Abschied von Berlin machte mir eben
Beschwerden. Aber wie? Was lag mir dort am Herzen?

Ich habe jedoch schon fters erfahren, da persnliche Momente fr unsere
Abneigung oder unsere Vorliebe fr einen Ort keine, oder nur eine relative
Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrcke groer Stdte
verdichten sich zu einem gewi anthropomorphen Bilde, wie es uns in der
Karikatur etwa die Mnchner Bavaria entgegenhlt. Eine Stadt oder eine
Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhngen, stelle ich mir
deshalb als ein hchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders der
und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dmon eines Ortes ist viel zu stark
fr die einzelne Psyche.

Da ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie
der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrcken so hatte tuschen lassen,
und, whrend die Schrfe ihrer intellektuellen Aura mich hinri, immer noch
der Meinung war, da sie mich nur abstie? -- Seit einer Woche ganz von ihr
eingenommen und mit ihr beschftigt, wollte ich alles kennen lernen und mir
nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn sie mit
einer anderen kollidierte, um dann, wenn auch nur fr einen Akt, schnell
noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber, sobald ich
allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder whrend einer musikalischen
Soiree, zog ich unverzglich, wie aus einer geistigen Schublade, die
Schluseiten einer Arbeit hervor, die vor meiner Abreise fertig werden
mute, korrigierte und glttete daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen
Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu
besinnen.

So war ich in meinem Element, und glcklich gewesen, ohne es zu wissen.
Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persnlicher Bezugnahme
ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nchterne oder Geschmacklose
verdro, welche Genugtuung mir alles Schne, Hervorragende oder Bedeutende
gewhrte. Ich wute erst, nachdem ich Berlin verlie, mit welcher
Anteilnahme ich es betrachtet hatte.

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefhl
der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr
auf uns selbst zurck, als das Gefhl oder das Bewutsein, oder die Idee,
unrichtig taxiert, sei es nun berschtzt oder verkannt zu werden. Diesen
Berlinern aber, die mir in mancher Hinsicht viel fremder waren als Londoner
oder Pariser, schien ich eine lngst bekannte Nummer, und so half alles
zusammen, da ich mir selbst gnzlich in Vergessenheit geriet.

Aber derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermgen mit so ungewohnter
Schrfe nach auen wandte, whrenddem er mein Bewutsein gewissermaen
ausschaltete, strzte mich zuletzt vor lauter Elastizitt blindlings in
diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.


                                 VII.

Ein von langer, gefahrvoller Reise eben zurckgekehrter Marineoffizier, den
ich in Rom in einer Gesellschaft traf, sagte mir, es berhre ihn komisch,
wieder in einem Salon zu sein; der Kontrast sei noch zu heftig, er verspre
da etwas wie Seekrankheit und msse sich erst wieder zurechtfinden.

Ich begriff das recht gut. Dicht neben uns redeten zwei Diplomatenfrauen,
eine griechische und eine brasilianische, im kreischenden Franzsisch
lebhaft aufeinander ein. In ihrer Ahnungslosigkeit lag ein so gewichtiges
Etwas, da sie das gleichzeitige Vorhandensein auf der Welt von solchen
Dingen wie Urwldern, wilden Vlkerstmmen und Papageien auszuscheiden und
doch a tempo daran zu erinnern schienen. Wohl mochte da das Gemt eines
soweit Heimgekehrten ins Schaukeln geraten.

Ach! man braucht kein Weltumsegler zu sein; es gengt, ein bichen Umschau
in den europischen Stdten zu halten, um bei der Rckkehr in die eigene,
ich will nicht sagen das Lachen (ohne eine gewisse Verdrossenheit geht die
Einsicht nicht her), aber -- schmunzeln zu lernen.

Wie kurzweilig ist ein Snobismus, der uns nicht anficht! Wahrzunehmen, in
welch charakteristischen Prgungen, mit welcher Bestimmtheit und wie starr
er berall mit ganz verschiedenen Wertungen sich behauptet. -- Ich wte
nichts, was einen vom Snobismus grndlicher kurieren knnte, wie das
Reisen.

Als einmal die Rede auf gesellschaftliche Vorurteile fiel (es war in
London), fragte ich: Und wie steht es hier mit den Juden? Oh we love
them! rief die Frau des Hauses, die eine sehr groe Dame war; they are so
nice and rich!

Nie und nimmer htte sie geduldet, da sich ihre Nichte mit einem Arzt
verheirate; als dann ein reicher Brauer um sie freite, war von Mesalliance
durchaus nicht mehr die Rede.

Es ist wahr, da Bildung und Wissen nirgends so tief im Kurse stehen, wie
bei den vornehmen Englndern. Aber man bersieht, da ihre oft sehr krasse
Unwissenheit keine ganz ungewollte ist. Sie sind so zivilisiert, da sie
glauben, der Bildung entraten zu drfen: It is not smart to be clever,
wurde mir in London allen Ernstes gesagt.

Ich traf dort fters die schne Lady Beatrix. Wer die Geste sah, mit der
sie beim Tanz die Schleppe warf, der verga zur Stelle alle unschnen und
traurigen Seiten des Lebens. Von einem ihrer Hte sehr hingerissen, sagte
ich ihr eines Tages, da keine Frau in London deren so viele und so
reizende besa. -- Tief errtend mit einem emprten Blick und ohne mich
einer Antwort zu wrdigen, starrte sie mich an.

Was hatte die schne Lady gekrnkt?

Es trifft sich, wie ganz London wei, -- teilte mir im korrektesten Tone
einer ihrer Freunde mit, -- da Lady Beatrix infolge ihrer zerrtteten Lage
als Essayeuse in einem Hutgeschft steht. Die hohe Bezahlung, die sie dafr
erhlt, ermglicht ihr die Aufrechterhaltung ihrer Stellung.

Es klang wie ein schlechter Witz. Lady Beatrix Hutmamsell, um ihr
gesellschaftliches Prestige nicht zu verlieren.

Hat sie denn nichts gelernt? rief ich bestrzt.

Ihr Verehrer sah mich kalt an. Sie knnen Lady Beatrix doch nicht zumuten,
etwa Gouvernante zu werden, sagte er. Ich besann mich; und mit einem Male
fand ich es entschieden geistreich, da Londons beste Gesellschaft dies
Mdchen mit so groer Auszeichnung empfing. Der Boden eines Salons hatte
sich -- wenn man will -- gesenkt, jedenfalls verschoben, und seine
Anforderungen waren andere geworden. So rckstndig war man nur noch bei
uns zu Lande, da man einen Salon im Sinn des 18. Jahrhunderts sich
ertrumte; ein solcher bringt es hchstens auf einen Jahrgang, und einen
Succs de ridicule.

Denn wir betreten ihn heute, wie wir ein Eisenbahncoup besteigen: mit
Zurcklassung alles Gepcks, hchstens mit einer kleinen Handtasche
ausgerstet. So lassen wir auch unser bagage intellectuel im Vorraum bei
unseren Mnteln hngen: nur leichter Stcke, wie Schlagfertigkeit oder
Witz, bedrfen wir hier. Was wir denken, wollen wir jetzt vergessen, und
ausschalten, was wir wissen. Ein Salon will keine Steigerung mehr, nur eine
Ablenkung vom Leben sein. Uns ist wohl, wenn nur die Lge glcklich
vertreten bleibt, wenn nur unsere Augen, unsere Sinne einen Moment der
Tuschung sich hingeben knnen, da unser Leben etwas Heiteres sei.

Man trifft in London und Paris und auch in Rom sehr geistreiche Leute in
Gesellschaft: der Schein ist eben fr die ganz Ernsten wie fr die
Gedankenlosen; den einen ist er Element, den anderen ein Verweilen. Der
heutige Salon zerfllt in Bhne und Zuschauerraum -- ungleich dem Leben, in
dem Kluge wie Toren -- und zwar zusammen -- mitspielen mssen. Dort
hingegen kann die schnste Teilung vor sich gehen: je groartiger aber der
Schein, je strker die Illusion, umso gewhlter natrlich das Publikum.

Ich eile zur Pointe. -- In unseren Salons stehen noch allzuhufig -- statt
der Kulissen -- alle Tren nach der Wirklichkeit offen, -- oder doch
angelehnt. Unsere Frauen sind allzu wahrhaft: der einen spricht die Sorge
um ihre Kinder, oder die Mivergngtheit, oder die Literatur, oder gar die
Schlichtheit ihrer Verhltnisse allzu deutlich aus Ton und Blick.

Wenn ich da an Lady Beatrix denke, erscheint sie mir wie ein ideales
Standbild -- ich sage nicht des Lebens --, wohl aber des heutigen Salons.
Statt Banalitten ber hohe Themen sagte sie geistreiche Dinge ber dumme
Sachen. Und wie verriet sie doch mit keiner Miene die innere Zerworfenheit
mit ihrem Schicksal.

Obwohl ich es noch nicht verlauten hrte, kann ich mir nicht denken, da es
nicht schon oft gesagt wurde, so sehr sticht es ins Auge: das Erbe der
Griechen haben Deutsche und Englnder unter sich geteilt. Wir setzten es in
unsere Gedankenwelt, und sie ins uere Leben um. So ist Halbheit berall.
Il ne nous manque que la grce. Es ist das ganze Geheimnis unserer
Unpopularitt.

                                                  Neue Rundschau 1908.




                               BEI TAINE


Statt ber das Werk den Meister zu vergessen, geht es mir oft umgekehrt.
Jeder hat seine Manier, und es fruchtet nichts, es anderen nachzutun. Als
ich aber das erstemal einem bedeutenden Manne gegenberstand, spielte sie
mir einen recht schlechten Streich.

Kaum erwachsen, war ich in Paris bei Taine eingefhrt worden. Er wohnte in
der Rue Cassette Nr. 23, einer stillen Strae am linken Seineufer. Dorthin
wanderten an Dienstagen -- dem Tage, an dem Taines empfingen -- Gelehrte,
Knstler, einheimische und durchreisende Sommitten. Die Wohnung selbst war
ohne Prunk; nichts wehte hier von wortfroher, pariserischer Eleganz, zumal
die Boulevards schienen meilenweit von diesen ernsten, hohen Rumen
entfernt, in welchen Taine, der Feind der Phrase, mit mehr Gte und
Gelassenheit als Neugier seine Besucher empfing. Ich beobachtete ihn von
ferne, wie er zwischen Arvde Barine und Ferdinand Fabre aufmerksam, aber
mehr rege als lebhaft, bald dem einen, bald dem anderen zugewandt sa.
Trotz seiner weien Haare und seines wenig robusten Aussehens machte der
70jhrige nicht den Eindruck eines alten Mannes.

Als pilgernde Trin stand ich indessen gottverlassen und grenzenlos
verschchtert inmitten des Salons, als Taine pltzlich auf mich zukam. Mit
einem groen Ruck hielt da mein Herz alsbald zu schlagen inne. Mein Gott!
dachte ich erschrocken, da ist er ja! Taine begann nun ein Gesprch oder,
besser gesagt, einen Monolog, denn ich entgegnete kein Wort. Den Blick
unverwandt auf ihn gerichtet, gedachte ich, alles, was er sagte, mir getreu
zu merken, wohl bewut, da eine solche Gelegenheit sich mir nie wieder
bieten wrde. Taines stilles, blasses, duldendes Gesicht, das in der
Jugend, am Mittag seines Lebens, hlich gewesen sein mochte, war im Alter
schn. Wir sehen im Scheine einer verglhenden Sonne rauhe Bergesfurchen
zart und trumerisch ermatten. So kann das sinkende Licht eines bedeutsamen
und wertvollen Lebens Schatten von zauberhafter Anmut in ein Antlitz
graben. Zwar spiegelte sich nur Mhsal, nichts in diesen erschpften Zgen
gemahnte an die Freude. Dennoch schwebte mir dies Leben wie ein voller
begehrenswerter Becher vor, nach dem ich drstend die Hand ausstreckte. Und
zerbrochen, leer, glitt da mein eigenes zu Boden.

Taine sprach lange, wie gewohnheitsgem nachdenklich und konzentriert,
whrend ich ihn schweigend und unbeweglich ansah. Doch als er innehielt,
erfate mich grte Reue und Bestrzung. Denn ich gewahrte -- jetzt erst
--, da seine Worte, die meinem Gedchtnis zeitlebens nicht entfallen
sollten, -- gnzlich an mir vorbeigeklungen waren, und da ich keine Silbe
davon vernommen, geschweige denn behalten wrde. Der Eindruck seiner
Persnlichkeit war zu berraschend gewesen; er hatte die Fhigkeit, auf
seine Worte aufzumerken, in mir wie ausgeschaltet und betubt. Taine
selbst, seinen Gedanken nachhngend, mochte meine innere Fassungslosigkeit
so wenig bemerkt haben, wie die Betretenheit, mit der ich ihn verlie. --
Ihn wieder zu sehen, sollte mir nicht vergnnt sein, und schon das Jahr
darauf drang die Kunde seines Todes nach Deutschland. Da war es einer
seiner Schler, der mir von der Schwermut, den inneren Kmpfen erzhlte,
durch welche Taines Lebensabend so schwere Trbungen erfuhr, weil der
Glaube an das System, auf welches er einst mit so fester berzeugung seine
Weltanschauung grndete, in ihm erschttert war. Da er selbst am Ende sein
Tagewerk so kritisch berschaute, von seinen eigenen Zweifeln zu vernehmen,
berhrte mich seltsam, fast wie eine Kunde. Ich sah ihn wieder vor mir --
gesenkten, duldenden Angesichts, wie am Tage jenes verlorenen und doch so
unvergelichen Gesprches; und mein damaliges Verhalten, der berschwang
meines Eindruckes wollte mir nicht mehr in demselben Mae tricht und
unverantwortlich erscheinen. Ich wei: ein so gesteigerter Heroenkult gilt
nicht fr abgeklrt. Es wird uns bei sehr vortrefflichen Menschen begegnen
-- (ja gerade von solchen, welche ihr Leben der Erhaltung, dem Gedeihen
oder dem Fortschritt der Menschheit widmen: von rzten, Gelehrten,
Forschern) --, da sie der Meinung sind, der Mensch nehme sich selber
allzuwichtig. Aber so berechtigt sie auch klingt, da ein Philosoph sich
rckhaltlos zu dieser Anschauung bekennt, werden wir nicht erfahren; nicht
etwa, weil er hier gravittischer zu Werke geht, sondern lediglich deshalb,
weil sie keine philosophische ist.

Je typischer freilich oder je vollendeter ein Mensch, desto unvollkommener
vermag sein Dasein die Flle seines Wesens auszulsen. In dem Ma ist er ja
verehrungswrdig, als er die eigenen Unzulnglichkeiten, die
Unzulnglichkeit des Lebens berbietet.

Ich sehne mich recht von hier weg, schrieb Goethe am 2. Juli 1781 an Frau
v. Stein, die Geister der alten Zeiten lassen mir hier keine frohe Stunde;
ich habe keinen Berg besteigen mgen, die unangenehmen Erinnerungen haben
alles befleckt. Wie gut ist's, da der Mensch sterbe, um nur die Eindrcke
auszulschen und gebadet wieder zu kommen!

brigens fand mein Besuch bei Taine noch am selben Abend ein komisches
Nachspiel. Von der Rue Cassette aus eilte ich nmlich nach der Rue de
Verneuil. Damals setzte gerade meine Geselligkeitsphase ein, und neue
Menschen interessierten mich noch namenlos. So betrat ich denn sehr
versptet und als ahnungsloser Neuling einen, trotz provinzialen Einschlags
sehr typischen Salon des Faubourg. Ich komme von Taine, verkndete ich
gleich beim Eintritt, teils um mein sptes Erscheinen zu begrnden, teils
um mir bei dem Anblick einer sehr zahlreichen und fast gnzlich fremden
Gesellschaft eine Contenance zu geben. Die Mitteilung schien jedoch
keinerlei Echo hervorzurufen. Daraus schlo ich, sie sei berhrt worden,
und fing also noch einmal an, ich sei bei Taine gewesen und kme geradewegs
von ihm. Jetzt unterbrach mich aber eine alte, wundervoll frisierte Dame.
Vous en tes fire? sagte sie und fixierte mich mit groen, wie
absichtlich ausdruckslosen Augen: Eh bien, ma bonne petite, pour nous
c'est le diable.

                                          Mnchner Neueste Nachrichten
                                                                 1905.




                      RANDGLOSSE ZUR PSYCHOLOGIE
                             DER NATIONEN.


Es ist nicht anders: eine Nation fllt meist unter dieselben Gesichtspunkte
wie der einzelne Mensch, der, je nachdem seine Licht- oder Schattenseiten
hervortreten oder ins Auge gefat werden, uns hchst liebenswert erscheinen
kann, oder hchst wert, da er zu Grunde geht.

Und wo wre heute die Nation, an der nicht hassenswerte Zge hafteten?

Ich gedenke eines dreitgigen Aufenthaltes in einer englischen Pension in
Florenz, mit 45 englischen Spinsters. -- In ihrer Haltung, ihren
Ellenbogen, ihren fantasielosen Fingerkncheln, dem Behagen und der
Gravitt, mit der sie ihren Afternoon-Tea ins Auge faten, ihre Brter
bestrichen und ber Italian Art verhandelten, feierte die englische
Borniertheit wahre Orgien. Man glaubte eine weit vorgeschrittene Tumeur
Nationale vor sich zu haben; und es war erdrckend, ja, es war fast
spukhaft, so wenig existenzberechtigt und zugleich so lady-like zu sein!

Einige Tage spter hatte ich das Migeschick, in Rom einer Auffhrung des
Tristan beizuwohnen. Der Dirigent, der das Hornsolo am Schlusse der
Introduktion zum III. Akt als weinerliche Berceuse auffate, konnte sich an
seinen falschen Betonungen nimmer satt hren und zog und dehnte sie mit
wahrer Wonne immer mehr hinaus. Und als dies berstanden war, erlebte man
einen, jenem Hornsolo entsprechenden, als mnnliche Cameliendame
dahingestreckten Tristan.

Ganze Scharen hochfahrender Betrachtungen und Vergleiche drangen da
unwillkrlich auf mich ein; und meine Blicke schweiften im Hause umher, wie
um ein deutsches Wesen ausfindig zu machen und einen verstndnisvollen
Salut mit ihm zu wechseln. Denn was hatten wir fr Orchester, was hatten
wir fr eine Auffassung, und berhaupt, was waren wir fr Leute!

Allein errtend erkannte ich da gleich in meiner nchsten Nhe -- in einem
Aufzug, der meine nationale Eitelkeit auf das Empfindlichste verletzte, --
eine deutsche Familie. Und dabei mute ich mir zugestehen, da diese Leute
sich ebenso unverkennbar als Deutsche, wie die Spinsters der Florenzer
Pension auf den ersten Blick als Britinnen sich verrieten. --

Es ist ja stets eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Dingen, aus welchen
sich in der Physiognomie einer Nation das Charakteristische gewisser
einheitlicher Zge zusammenstellt. Der Schwerpunkt solcher Probleme liegt
denn auch in ihren Beziehungen, so da wir einer Lsung nher schreiten, je
synthetischer wir hier verfahren; doch sind es Beziehungen, an welchen nur
zu oft, durch die geringe Sichtung, welche sie bisher erfuhren, der Schein
des Unzusammenhngenden haftet.

Unvermittelt erregten in mir jene deutschen Touristen lebhafte
Betrachtungen ber die Reformation. Und weil die Gre der Gesinnung zwar
die persnliche Verantwortung, doch keine Konsequenzen deckt, erschien mir
Luther als eine tragische, doch hchst unpolitische Gestalt; der Kahlheit
wegen, die sich im Lauf der Zeiten in den Lutherischen Protestantismus
schlich; denn es liegt seiner unkatholischen Frbung ein unknstlerisches
Element zu Grunde, vor dem sich zwar der deutsche Geist schadlos halten
konnte, das deutsche Naturell aber nicht ohne bedenkliche Einbue blieb. Im
katholischen wie im protestantischen Deutschen ist heute der katholische
Zug zur Temperamentssache geworden: der Lutherische Protestantismus ist
einmal nichts frs Auge!

                                                Zeitler Almanach 1907.




                               CAMBRIDGE


Bevor ich England verlie, wollte ich noch Cambridge mitnehmen; der
Ausdruck ist nicht mehr trivial, wenn man ihn bedenkt. Denn tatschlich
besitzen wir die Stdte, die wir sahen, und merken nachtrglich -- an der
Bereicherung -- welche Lcke es gewesen ist, das Kennenswerte nicht zu
kennen.

So ist man ber das konservativste aller Lnder noch im Unklaren, bevor man
in Oxford und in Cambridge einen Blick in die groe Werkstatt warf, in der
seit Jahrhunderten der Gentleman in seinem scharfen Gegensatz zum
Nicht-Gentleman sozusagen fabriziert wird. Man sieht die ungeheure
Wichtigkeit, welche dem englischen student zuerkannt wird, wobei man
freilich seine Stellung als knftigen Herrn mehr denn als gegenwrtiger
Studiosus im Auge hat.

Sonst ein gutmtiges Geschpf, lernte ich erst in Oxford und vielleicht
noch strker in Cambridge die peinvollen Empfindungen erfahren, welche der
Neid auszulsen imstande ist. Und auch ein Wunsch, den ich noch nirgends
hegte, stieg hier in mir auf: noch einmal zur Welt zu kommen, um an diesem
beschaulichen Ort das dem Alltag so entrckte, so vollkommen unreale Dasein
der englischen Jnglinge zu fhren.

Wir haben ja alle Stunden, sagen wir an trben November- oder
Februarnachmittagen, wenn das Tageslicht am schalsten ist, wo uns der ganze
Aufwand unseres Lebens, und die Vergnstigung, ein Weilchen in dieser
fragwrdigen Welt einherzuwandeln, ein bichen berfordert scheinen will,
-- Stunden, in welchen wir uns versucht fhlen, jenem frh blasierten
Englnder zuzustimmen, der sich eines Tages dem ganzen Turnus unseres
Tageslaufes empfahl, indem er sich eine Kugel durch den Kopf scho, einen
lakonischen Zettel zurcklassend, auf welchem als Motivierung seiner Tat
die Worte standen: Tired of buttoning and unbuttoning.

In Cambridge aber hat keine Jahres- noch Tageszeit etwas von jenem
bedrohlichen Licht. Nirgends stellt sich das menschliche Leben so von Grund
auf bejahenswert und wrdig dar, wie in dieser Adolescentenstadt.
Jahreszahlen stimmen hier nicht mehr, und in der Verwirrung, in die hier
die Zeit geraten ist, liegt aller Zauber. Es ist als hielte sie hier inne,
als fluteten ihre Wellen hier nicht in die Vergessenheit hinber. Die
grasigen Hfe der Colleges haben etwas Verhaltenes; in dem Zwielicht, das
hier die Gegenwart tnt, flieen seltsame Schatten ineinander. Das
Vergngliche wird fraglich, Vergangenes ist zugegen, und das Leben
ephemrer als der Tod.

Der Professor, der uns auf der Bahn in einer weiten Toga und einer
mittelalterlichen, mit Quasten und Troddeln behangenen Kappe
entgegenwallte, schien geradeswegs von der Augsburger Confession zu kommen,
und die Kutsche, in welcher er uns nun ber das schlechte, ungeebnete
Pflaster poltern lie, war aus Thackerays Jugendjahren. Aber die Schar
junger Leute, die in Flusen und Tuniken ber die Strae ziehen,
verwunderten mich nicht. Ein Falke an der Hand jenes halbwchsigen Knaben
mit dem nach Pagenart bergeworfenen Mntelchen htte mich kaum befremdet.

Den Verdacht, da sich hier die Jugend beim Studium nicht bermig
anstrengt, schpft man in Cambridge sehr bald. Wer da am schnsten lernt,
das sind die Lehrer. Vielleicht ist dies auch wichtiger. Da die Jungen
weiter lernen sofern sie lernbegierig sind, versteht sich von selbst, und
sie werden nicht Mangel finden sich zu bilden. Die Gefahr hienieden ist
ausgelernt zu haben. In dem regen Kontakt jedoch, in den hier die Meister
mit den Schlern treten, ist die Lcke fr den Gelehrtendnkel berbrckt.
Und liegt nicht die meiste Bereicherung in dem, was der schon Erfahrene
hinzulernt? Nichts ist charakteristischer fr ihn selbst wie seine
Beobachtungen ber eine Generation, die nicht mehr die seine ist; nichts
ist fr die Nachwelt interessanter wie die Schlsse, die er daraus zieht,
und die Prognose, die er zurcklt.

Ach mein Gott! wir haben doch in Europa eine gemeinsame Architektur, und
alte Abteien, gotische Kirchen stehen an der Donau wie an der Themse und
der Loire. Man lernte dasselbe in Cambridge, Bologna oder Salamanca, und
schon in altersgrauen Zeiten zog ein Studiosus gern von einer Universitt
zur anderen, um sich mit seinem Wissen zugleich Kenntnisse von Lndern und
Leuten zu erwerben. Wie kommt es nur, da bei einem so regen Kontakt der
verschiedenen Bildungszentren ein Collegeleben wie das in Cambridge und
Oxford nicht Schule machte, und man Englnder sein mute, um eine so
traumhafte Existenz fhren zu drfen. Klster nach einem und demselben Typ
verbreiteten sich doch in der ganzen abendlndischen Welt, und nur ein
solches Ideal zwanglosen Zusammenlebens wurde andernorts nicht nachgeahmt
und blieb das kstliche Privilegium von Cambridge und Oxford, wie die
Gondel das Eigentum von Venedig.

So komme ich denn auf jene Empfindungen des Neides zurck, deren ich schon
gedachte -- denn es war Neid, der mich bewegte, als ich mich in den groen
Clubrumen umsah und in dem Saale stand, in welchem das Parlament der
Cambridger Students tagt, die sich hier in der Kunst des Redens
heranbilden, wie ihnen innerhalb des prachtvollen Rahmens, der ihnen hier
gewhrt ist, die Kunst zu leben zur Natur wird.

Als wir dem Flchen entlang gingen, hatte sich das Grn der weiten
Rasenflchen schon ins Bluliche vertieft, und mit einem Male war alles
Mittelalter wie ein goldener Staub verflogen; an noch viel fernere Gestade
sah man sich hinversetzt. Diese Jnglinge, die rudernd oder in ihren Booten
zurckgelehnt oder im Grase sitzend dem Spiel der anderen zusahen, sind wie
lebendige Statuen anzusehen, und tragen sich so edel, ob sie nun frei in
ihren kleinen canoes stehen oder an einem Baumstumpf lehnen, als htte
ein groer Meister, der ihr Bild in Marmor festhalten wollte, sie soeben so
gestellt und ihnen eben diese Haltung verliehen.

                                          Mnchner Neueste Nachrichten
                                                         6. Juni 1913.




                          TRAUM UND HELLSEHEN


Aber das wei ich, solche Trume soll man nicht gering achten. Sieh, ich
denke mir das so. Wenn der Mensch im Schlafe liegt, aufgelst, nicht mehr
zusammengehalten durch das Bewutsein seiner selbst, dann verdrngt ein
Gefhl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die Dinge,
die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend,
warnend, trstend. Daher kommt's, da uns so selten oder nie etwas wahrhaft
berrascht, da wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich
hoffen, und vor jedem bel unwillkrlich zittern. Oft habe ich gedacht, ob
der Mensch wohl auch noch kurz vor seinem Tode trumt.

                                                             (Hebbel.)

Eines Tages erhielt ich in der Mnchner Staatsbibliothek ein Traumbuch aus
dem sechzehnten Jahrhundert zur Ansicht, und von der phantastisch reichen
Flora der hchst belebten, anschaulichen Bilder verlockt, verlor ich mich
darin wie in einem Zaubergarten. Auf Trume zu merken, war mir zwar bisher
nie eingefallen, allein mich reizte die Poesie, die Schlagfertigkeit,
welche hier fast jeder Deutung etwas Prgnantes oder berzeugendes lieh.
Der Mond, die Sonnenblume, die entfaltete wie die knospende Rose, Wind und
Welle, hier schien alles zu einer zeit- und raumlosen, und doch so
farbenfrohen Welt sich noch einmal zu fgen. Selbst das Leblose leuchtete
da -- als wie in Gold gefat -- noch einmal auf; als ob jedes Ding, kraft
eines geheimnisvollen inneren Lichtes, noch eine Art geistigen Schattens
wrfe. So entzckte es mich, von einer Deutung des Geiblattes, der
Zuckererbse, der Nachtigall zu lesen, und eine Reihe von Auslegungen
frappierte mich oder gefiel mir derart, da ich sie auf der Stelle
notierte.

Es kam, was kommen mute; ich fing unwillkrlich mit meinen Trumen zu
experimentieren an, und indem ich sie mir des Morgens ins Gedchtnis rief
und die interessanten in nur mir verstndlichen Hieroglyphen verzeichnete,
entstand eine Art von Buchfhrung, die manchem gewi sehr tricht
erscheinen wird. (Aber offen gesagt, seitdem das Gescheitsein so in die
Mode gekommen ist, da ein jeder dafr gelten will, hlt man es manchmal
lieber mit den Dummen.) Meine Angewhnung hatte also zur Folge, da sich
nach einigen Jahren ein sechster Sinn: ein Traumsinn ganz von selbst in mir
entwickelte. Und da ergab es sich denn: 1. da die ungeheure Heerschar der
Trume -- der Traum des Darius steht hierfr als der eigentliche klassische
Typ -- ihrer Natur nach nichts anderes als leere Trugbilder sind, 2. aber
da _Zeichen_, ob sie uns zwar gleich den Trumen zum besten halten und in
die Irre fhren knnen, uns nie eigentlich belgen. Was unter diesen
Zeichen zu verstehen ist, lt sich wohl nur durch Beispiele erlutern.

Ich ging eines Tages die Theatinerstrae entlang, spazierte langsam vor mir
her, hielt mich auf der Sonnenseite und lie mich bescheinen. Ecke der
Ludwigstrae begegnete mir einer meiner Freunde. Die Strae lag leer vor
uns und das Wetter war hei. Eine Strecke begleitete er mich und sprach von
seiner bevorstehenden Reise, dann gingen wir auseinander. Nun war ich
gerade auf dem Wege zu Habermann's Atelier, der mein Bild unternommen
hatte, und langte von dem Weg in der Sonnenhitze ziemlich erschpft bei ihm
an. Als es an die Sitzung gehen sollte, klopfte es, und Habermann wurde
hinausgerufen. Indes lehnte ich nochmals in meinem Sessel zurck, und, von
dem scharfen Nordlicht geblendet, schlo ich die Augen.

Als ich sie ffnete, mochte kaum eine halbe Minute verstrichen sein; der
Zeiger an der Uhr hatte sich nicht gerhrt, und ich war noch allein. Jedoch
in dieser kurzen Spanne Zeit war ich dem Augenblick so weit vorausgeeilt,
da ich mit Grauen in das Tageslicht starrte, als htte es inzwischen
vorrcken und sich verndern sollen. Nichts mute mir ja natrlicher
erscheinen, als da mir die Gestalt des Freundes, den ich vorhin getroffen
hatte, wieder vorgeschwebt war; und dies umsomehr, als jeder Gedanke an
ihn, nachdem wir so flchtig von einander schieden, mir unverzglich
entfallen war. Ich htte also dem Traum keinerlei Beachtung geschenkt, wre
nicht das leidige, sinnlose Gelchter gewesen, das mich bei seinem Anblick
befiel. Ohne jeden Grund bog und wand ich mich nmlich in diesem Traume vor
Lachen, so zwar, da ich zuletzt in gebckter Haltung mit den Armen an mich
hielt, wie einer, dem vor Lachen der Atem ausgeht. Dies Gelchter aber war
es, welches eine so tiefe Verstimmung, eine so de Bangigkeit in mir
hervorrief, da ich in diesem Augenblicke viel gegeben htte, um diesen
Traum nur wieder ungetrumt zu wissen.

Der Sommer war lngst vorber, als die Nachricht von dem jhen und
grauenvollen Tode jenes Freundes in allen Blttern stand. -- Die Zeitung,
welche die Kunde enthielt, noch in der Hand, hrte ich von drauen eine
frhliche Stimme, die nach mir rief, schnelle Schritte, die sich nherten,
und ein munteres Klopfen an meiner Tre. Ich war nicht in der Laune zu
ffnen, schob leise den Riegel vor und antwortete nicht; wagte aber dann
keinen Schritt von der Tre weg, um durch kein Gerusch meine Anwesenheit
zu verraten. Und pltzlich stand ich gebckt, mit gekreuzten Armen, um die
Seufzer zurckzuhalten, die mir die Nachricht eines so bedauernswerten
Todes entrang. Zugleich gemahnte es mich da an jenen vergessenen Traum, der
so dster, so unwiderruflich an mein Bewutsein angeklungen hatte.

Dies eine Beispiel soll natrlich nichts beweisen. Infolge zahlreicher
Beobachtungen reizte es mich jedoch, das Spiel, oder wie man es nennen mag,
weiter zu betreiben, und zu merken, wie viel, zu merken, wie unsagbar wenig
Trume zu bedeuten haben; gleichen sie doch in der ungeheuren Mehrzahl von
Fllen den Rohabdrcken photographischer Platten die am Tageslicht noch
eine kurze Weile standhalten, um dann gnzlich zu verblassen; whrend die
seltenen Wachtrume von einer so starken Atmosphre umhllt sind, da sie,
dem Gehirn wie _eingetzt_, vor dem wachen Bewutsein fortbestehen, ja sich
eher noch verschrfen.

Um aber auf das zurckzukommen, was ich Zeichen nannte, so liee sich sagen
-- -- -- da uns fr die Begebenheiten des tglichen Lebens ein heimlicher,
absolut zuverlssiger Nachrichtendienst zu Gebote stehen kann, eine Art
chiffrierter Telegramme, die uns sehr schnell gelufig werden, auch nicht
weiter aufregend, jedenfalls nicht zeitraubend sind; die Erfahrung lehrt
uns aber sehr bald, da wir sie zu bescheinigen haben. Sie lehrt uns auch
alle Winkelzge wahrzunehmen, welche im Traume zu unserer Belehrung oder
Mystifizierung geschehen. Dabei kam mir hufig der Verdacht, da ein
solcher Traumsinn in jedem Menschen latent vorhanden sein msse; hatte
ich ihn selbst doch nur durch Zufall in mir entdeckt und nur durch
Beobachtung in mir ausgebildet.

Wenn der skeptische Franzose sagt: La nuit porte conseil, und wenn wir nach
einer scheinbar traumlosen Nacht beim Erwachen nicht selten auf das
bestimmteste wissen, ob der gestern noch erwogene Entschlu auszufhren sei
oder nicht, so erlangten wir unsere pltzliche Einsicht doch nicht einfach
dadurch, da wir inzwischen geschlafen haben, sondern weil ein Etwas, das
weidlich klger als wir selbst und doch mit unserem Selbst aufs innigste
verwoben ist, whrend dieser zeitweiligen Ausschaltung unseres Bewutseins
_berbieten_ durfte. Daher das dmonisch berlegene, ungemein Witzige
mancher Traumweisen.

So liee sich denn, falls unser Traumsinn ausgebildet ist, in der Tat
behaupten, da wir in den Tiefen unseres Gemtes durch gute oder bse
Ereignisse nicht berrascht werden knnen, obwohl wir deshalb dem Leben
nicht um einen Grad weniger ahnungslos gegenberstehen; denn die
Vorstellung erweist sich hier niemals als das Korrelat der Wirklichkeit und
sowohl fr die Art, wie fr die Zeit, in der das Schicksal an uns
herantreten wird, liegt es im Charakter des Traums, jede Andeutung zu
verweigern. So mag einer ber Ziel und Ende seines Lebenslaufes mit Recht
sich orientiert glauben, unbersehbar dunkel liegt es dennoch vor ihm, und
nur fr die Richtung seines Weges ist ein Kompa in ihn gelegt. Seine
Trume nicht zu miachten, kann daher wohl nur dem geistig Geschulten
frderlich sein, denn wenn sie ihn vielleicht vor einem unntzen Tappen im
Dunkeln, einer Untreue an sich selber bewahren, so wird er dabei nicht die
richtige Distanz zu derlei Dingen verlieren.

Ich mchte ber das Hellsehen ein Wort sagen: Es mute mich natrlich
interessieren, ber diese Art des Schauens meine eigenen Eindrcke zu
gewinnen, ein Interesse, das allerdings sehr bald erlahmte. Eine Zeitlang
aber suchte ich jede Somnambule, die sich zufllig in meinem Bereich fand,
pflichtschuldigst auf und sammelte mir so ein ganz ansehnliches Material.
Nun ist mir keine, die sich ohne eine Spur von Begabung als solche
ausgegeben htte, mithin keine absolute Schwindlerin begegnet -- enorm
geschwindelt haben sie dabei alle. Und ich wte nichts, was gerade der
ungebildeten Klasse fglicher untersagt werden knnte, nichts, was zugleich
unzweckmiger und gefhrlicher fr sie wre, als das Konsultieren
derartiger Wesen. Der Wust von Bildern nmlich, den der in den
Trancezustand Versetzte schaut, kann mit dem Wust von Bildern, die vor dem
Trumenden vorberziehen, insofern gut verglichen werden, als hier wie dort
die Dinge auerhalb ihres Zusammenhanges, ihres Rahmens, ihrer Kausalitt,
mithin der Wirklichkeit entuert sich darstellen. Da hier der Unerfahrene
oder der Tor -- statt den Weizen von der Spreu zu lsen -- das Krnchen
Wahrheit, das er etwa hlt, zur Ladung Unsinn hufen mu, ergibt sich von
selbst. Gesetzt, er vernimmt etwas sehr erstaunlich Zutreffendes, so wird
leicht in ihm die Vorstellung entstehen, als sei hier eine deutlichere,
eine geschrftere Sehkraft am Werke, whrend es mit dem Proze des
Hellsehens gerade umgekehrt beschaffen ist; es ist gleichsam, als wrden
dem hellsehenden Individuum ein paar Nuschalen hart vor die Augen
gebunden; undurchdringliche Schalen, die eine winzige Spalte in sich
bergen. Durch diese nun gewahrt das seherische Auge aus Zeit und Raum
herausgegriffene Bilder, Punkte, die zufllig in seinen Gesichtskreis
fallen, was es da sieht, mag wahr sein, oder ist wahr; der Gran Wahrheit
aber, der hier erfat wird, verhlt sich zur Wirklichkeit wie das Blatt zum
Baum, wie der Baum zum Wald. Der ganze Schwindel bei einem hellsehenden
Wesen von gewissenhaftester Ehrlichkeit bestnde ganz auf Seite dessen, der
sich das Geschaute mitteilen lt, indem er nmlich dem wesenlos Geschauten
die -- meist beliebige -- Wesenheit aufoktroyiert.

Nehmen wir den Fall: Heinrich VIII., Catharina von Aragoniens mde und in
Anne Boleyn verliebt, htte sich zu einer Hellseherin begeben. Aus einer
Flut verwirrter, unklarer Bilder wre da etwa am deutlichsten das eines
schnen Frauenkopfes und einer Krnung emporgetaucht. Wie htte da Heinrich
VIII. es nicht alsbald aufgegriffen und vergngt auf Anne Boleyn bezogen?
Was sich indes dem seherischen Auge darbot, das war vielleicht das
Angesicht der Catharina Parr, Heinrichs sechster Frau, whrend alles, was
dazwischen lag, die schaurige Vision gestrzter, enthaupteter Kniginnen
sich jenem Blicke entzog. Der scheinbar nicht Betrogene und der Betrger
wre somit kein anderer gewesen als Heinrich VIII. selbst.

Genug. Sofern Traum wie Hellsehen zur Lehre der Idealitt von Zeit und Raum
bedeutsame Kommentare liefern, scheint es mir unberlegt, da wir dies
Gebiet vorzugsweise der spekulativen Ader des niederen Volkes berlassen.
Hier, wie fast zu allen geistigen Problemen, haben sich wohl die alten
Griechen am richtigsten gestellt. Nicht alltgliche, sondern bedeutsame
Trume bedeutender Mnner schienen ihnen der Beachtung wert, und nicht fr
die gedankenlose Masse war das Amt der Sibylle ins Leben gerufen. Da solch
schwermtige Talente einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind, drfte es
sich lohnen, sie besser auszubilden statt verrohen zu lassen, wie es
geschieht. Und wenn zur eigentlichen Prosa-Marke unserer Zeit das heutige
Traumbuch gehrt, das seinen entsprechenden Platz in der Kchenschublade
gefunden hat, so wte ich dagegen nichts, was antiker anmuten knnte als
jener Wahrtraum Bismarcks, einige Jahre vor der Schlacht von Kniggrtz,
den er Jahrzehnte spter in seinen Gedanken und Erinnerungen beschreibt.

                                                  Neue Rundschau 1908.




                          AUS EINEM TRAUMBUCH


   Die zarten Blumen neigen sich zur Erde,
   Die khlen Grund den sen Farben beut;
   Und Dmmerung verbreitet sich und sinkt,
   Sich sehnend nach Verzgerung,
   Gleich einem letzten Blick.
   Einsam erschauern da Glycinen,
   Und Azaleen hauchen ihre Blte,
   So lau der feuchten Nacht entgegen!
   Und nur die Rose lt sich nicht betuben.

   Denn Rosen zieh'n des Nachts geheimnisvolle Kreise
   Als wallten ihre Dfte trumend hin
   Wo sie der sehnschtige Schimmer
   Ruhloser Herzen lockt.
   Doch kennen Rosen nur der Freude Schwingen,
   Und mit der Gttin Tauben ziehen sie
   Als Boten ihrer Huld. --
   Wen ohne Gunst in ihrem Ringe
   Die Liebe unfroh hlt,
   Nimmer scheinet ihm die Rose!

   Tief entleuchtet seinen Trumen
   Grausam, und auf starrem Grunde,
   Nur der Sonnenblume brennend Aug!

                                                Zeitler Almanach 1907.




                               LITERATUR


Zu leugnen, da es groe Schriftstellerinnen geben kann, ist vielleicht
erst in unseren Tagen wirklich unzulssig geworden, seit eine Frau von
Genie wie Selma Lagerlf zu Wrden gelangte, die ihr die Zeit gewi nicht
rauben wird. Ja, im Gegenteil: ich bin berzeugt, ihr Ruhm wird Zeit ihres
Lebens seinen Hhepunkt gar nicht erreichen knnen, ob auch schon viele das
Fortlebende ihres nicht vielseitigen, aber so tragenden Geistes empfinden.
Aber auch sonst mchte ich nichts gegen Schriftstellerinnen sagen. Es wre
unsolidarisch, denn eigentlich mu man mich auch so nennen. Was mir an
Fachmigkeit fehlt, lt doch meine Znftigkeit bestehen, so da ich mir
ber dieses Thema wohl einige uerungen gestatten darf.

Die Gefahr beim Schreiben ist natrlich die innere Verarmung. Produziert
doch der Schreibende -- ach! -- so selten aus seiner Flle, so hufig aus
einem Mangel heraus. Getrieben, gezwungen mag er sich wohl fhlen, aber
seltener durch seinen berschwang denn durch seine Not! Von ihm gilt weit
mehr noch, was Plato vom bildenden Knstler aufrecht erhielt: So herrlich
seine Werke auch seien, mchte man nicht ihr Schpfer gewesen sein. Aber
tausendmal grere Pein hngt doch sicherlich an den Tragdien des schylus
als an den Statuen des Phidias. Und wo ist das Buch, fesselte es uns noch
so sehr, wo ist das Buch, das wir deshalb geschrieben haben mchten? Ich
wei keines. Ich htte zu keinem den Mut.

Es mu doch endlich eingestanden werden, was fr eine Qual das Schreiben
ist. Der passionierteste Dichter wird mir hierin beistimmen; eine gesunde
Qual, eine Qual, ohne die er nicht leben knnte; zugegeben; aber eine Qual.
Ist das Musizieren nicht eine Lust? Ist das Malen nicht beglckend? Es
benimmt der Kunst des Bildners sicher nichts von ihrer Schwere, da die
Natur ihm so sehnschtig entgegenkommt; aber sein Wesen, seine Vitalitt
bleibt von seiner Schaffensmhe unbelastet: auerhalb seines Ateliers
feiert er wirklich. Nur den wenigsten Schriftstellern hingegen fllt nach
der Arbeitszeit die Tr ihrer Werkstatt wirklich ins Schlo. Die Maschine,
einmal in Betrieb gesetzt, fhrt auch ins Leere zu arbeiten fort, und es
entsteht der Literat, jenes oft so zerqulte und so ermdende Geschpf. Der
produktive, schon der reproduktive Mensch ist ja vielfach mehr als der
Mige gefhrdet. Bte comme un tnor heit doch nicht, da einer dmmer
ist, weil ihm die paar Tne im Halse sitzen, sondern, da er sich von
dieser erfreulichen Beschaffenheit seiner Kehle berbieten lie und in
seiner Gesangskunst den Mittelpunkt aller Dinge erkennt. Wenn nun schon
_sein_ Gleichgewicht fter als nicht durch sein Talent bedroht wird, was
ist vom Dichter zu gewrtigen, an den die ungeheuerliche Forderung ergeht,
Mann und Weib in einer Person abzugeben, aus dem Nichts zu schaffen, das
Konzipierte selber auszutragen, ein Wagnis, bei dem der Einsatz des
Individuums so gewaltig ist.

Und gar die Dichterin! Das Gewaltsame entspricht doch wenigstens bis zu
einem gewissen Grade dem Wesen des Mannes, und das Feminine liegt ihm nie
so fern wie der Frau das Maskuline. Bei, ihr schillert die Aufgabe, sich
fremde Wesenselemente abzutrotzen, von vornherein arg ins Groteske hinber.
Es ist zu schwer, die berforderung ist zu gro! Was Wunder, wenn sie bei
der gefhrlichen Arbeit unter die Maschine gert, ein Arm und ein Bein ihr
abhanden kommt, und jenes Strafgericht sie ereilt, von dem schon im alten
Mythos die Rede ist. Denn nicht nur, heit es da, htten uns die Gtter
dereinst gespalten, da wir, statt ber vier Beine und vier Arme zu
verfgen, auf die Hlfte unseres ursprnglichen Seins angewiesen wurden,
sondern es knne wohl geschehen, da die also beraubte und reduzierte
Kreatur, nicht mehr aus bermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht heraus,
sich zum Schpfer erhebe und von neuem die Gtter reize. Und diese, in
ihrem Zorn, wrden sie zum zweiten Male spalten, da sie, zur Profilgestalt
geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhpfend, ihr drftiges Dasein
verlebe.

Der Mann hat fr die Kategorie der mehr intellektuellen als intelligenten
Frauen den Namen Blaustrumpf ersonnen. Bezeichnenderweise (mehr bezeichnend
vielleicht als bewut) wird fr sie auch in den anderen Sprachen stets nur
auf _ein_ Bein Bezug genommen: der Bas bleu, der Blue stocking, nirgendwo
scheint er ein _Paar_ Strmpfe zu bentigen.

Dabei verga aber der Mann, da er selbst ein Gegenstck zu dieser Spezies
stellt, wenn er sich, wie so hufig geschieht, als Literat von seinem
Schreibtisch weg unter die Menschen begibt, Menschen und Dinge in seinen
unlebendigen Gesichtspunkt rckt, und ihrer Perspektive entzieht. Die
Literatur luft in sehr schwanken Brcken aus, die leicht _aus_ der Welt
statt tiefer hinein fhren. Wir sind die Gefhrdetsten. Unsere
Unzugnglichkeit ist keine einfache Sache, auch lange nicht so sympathisch
wie etwa die Borniertheit ungebildeter Leute, die keine hheren Interessen
haben. _Unsere_ Dummheit wird durch Gedankensplitter, die doch keine
Gedanken sind, durch Wissen, Bildung, ja mitunter durch eine ausgesprochene
Geistigkeit erschwert, wie komplizierte Knochenbrche, denen so schwierig
beizukommen ist. Und das Schriftstellern wird uns dann zur Klippe, an der
wir sehr naturgem zerschellen; Denn Schreiben ist Unnatur. Nur die ganz
Reichen knnen das ominse Wagnis ohne Schaden an sich selbst bestehen und
sich noch zurckbehalten. Wir andern -- und ich mu schon die Herren
bitten, auch mit in die Reihe zu treten -- seien wir auf der Hut, wir
andern! Denn nichts ist leichter, als sich in dem Wettlaufen um das
Zuviel-sein-Wollen ein Bein auszulaufen und zum Schemen, zur Profilfigur zu
verarmen.

                                                                 1913.




                         EINIGES BER DEN GEIZ


Avec la richesse commence l'avarice, sagt Balzac in seinen Illusions
perdues.

Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und auer Molire
und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem
hochinteressanten Laster eingehend befat. Auch soll hier keineswegs von
seinen ungeheuerlichen Auswchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in seinem
normalen Verlauf, wie die rzte sagen.

Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz
Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz
Seele (auf seine Art). Ja, dem Gelde entstrmen atmosphrische Schichten,
die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich ber
das Gemt des Reichen zu lagern. Es ist, als schbe sich ein Milchglas
trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so
sehr umnebelt sein: da er ein Trinker ist, darber ist er sich klar. Der
Lgner wei von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Ha. Aber der
Geiz spinnt so feine und undeutliche Fden, da der von ihm Betroffene ganz
im Unklaren ber sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht berdies
ein berflu an Mnteln und Mntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild
bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die
anderen ber seine wahren Zge mystifiziert werden. Man denke sich die
Freudsche Methode, die meist einer so sinnwidrigen Anwendung verfllt,
einmal auf verhrtete Geizhlse angewandt. Einer psychoanalytischen
Behandlung unterzogen, wrden diese Patienten am Ende gar kuriert vor
Schreck ber die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen htten.

Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, da sie nicht selten mit
Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen -- freilich niemals entsprechende --
kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er wei so gut wie ein
anderer, da Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der
Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch -- denn er will Alles haben
-- des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner
Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rcht sich alsbald
sein Laster an ihm und bindet seine Hnde, da er nicht frei--gebig d. h.
nicht frei wird zu geben wie er mchte, und schliet ihn wie mit eisernen
Fden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem
er verfiel, auch uerlich verrt.

Wer wollte denn auch leugnen, da geizige Leute hufig zu bedauern sind,
und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine
Verhrtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde
Schlechtigkeit vielfach Grund fr sein Verhalten zu bieten scheint. Denn
ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise
ausgesetzt. Die anstndigen Leute werden es ja nicht sein, die sich an ihn
herandrngen -- seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ -- whrend er
die miserabelste Sorte aus nchster Nhe kennen lernt. Kein Wunder, da
manch vertrauendes und gromtiges Herz karg und mitrauisch wurde. Es
kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber
lt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er
kennt keinen Verfall, und er kann nicht sterben.

Das Trbseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer alten
kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht zukommen
zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre smtliche Verwandtschaft
nicht mehr viel zu kmmern. Sie lebte fern von ihr in einer fremden Stadt,
und hatte es glcklich auf 86 Jahre und 50 Millionen gebracht. Ich traf sie
in ihrem wundervollen Haus, umgeben von Bildern und Schtzen. -- In ihrem
Lehnstuhl vergraben, klagte sie, da ihr das Schreiben schwer fiele und
erkundigte sich alsbald mit der wrmsten Anteilnahme nach der Schar ihrer
Nichten, Gro- und Urgronichten, insbesondere nach einer gewissen
Hertha, ihrem Patchen, das sie am innigsten liebte. Um die handelte es
sich eben: ich malte also die blasse Schnheit dieser Hertha in den
leuchtendsten Farben hin und erzhlte sodann, da die rzte einen lngeren
Aufenthalt in Egypten sehr ratsam fr sie hielten.

Ja mein Gott, forschte sie ganz bestrzt und voll aufrichtiger Besorgnis;
wird sich denn das pekunir machen lassen?

Schwer, erwiderte ich.

Mehr zu sagen stand mir natrlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar
gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit malte
sich in dem Gesichte der Greisin -- (viele Jahre frher htte sie wohl noch
gezaudert) -- nur Schatten des Grames breiteten sich ber ihr
melancholisches Gesicht. Hier war wieder einmal ein ursprnglich goldenes
Herz vom Geize gelhmt.

Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit und
den Enttuschungen eines zu langen Lebens. Whrend wir uns unterhielten,
trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das Tchterchen des
Kutschers, das heute das Haus verlie und in die Lehre zog, einen
Augenblick einlassen drfe. Die alte Dame empfing das Kind voll Gte und
Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch einmal zurck.
Schrnke, Ksten und Truhen wurden nun durchgesehen, aufgeschlossen und
dann wieder abgesperrt. Ein Heer weier Schachteln in Seidenpapier,
umwickelte Pckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein. Aber die Dame zog
bald diese bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich entscheiden zu knnen.
Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und wartete, wie man es ihr gesagt
hatte. Pltzlich flog ein Schein, eine schnelle Rte ber ihr Gesicht.
Gleich darauf wandte sie erblassend den Blick nach einer anderen Seite hin.
Aber ich war ihm schon gefolgt und gewahrte ein schwarzes Ledertschchen,
das die Greisin gerade in Hnden hielt, ffnete und untersuchte. Innen mit
dunkelroter Seide ausstaffiert und mit Nhutensilien angefllt, zugleich
verschiedene Fcher enthaltend, war es wohl der khnste Traum von einem
Tschchen fr eine kleine Nhmamsell; im brigen nichts Kostbares, sondern
ein schner Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die
Besitzerin hllte es wieder ein. Ihre Hnde waren gebunden, und sie konnte
das Tschchen, das um eine Idee zu schn fr die Kleine war, nicht spenden.
Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen
war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein
silbernes Armband hervor, auf dem Gott mit Dir in schwarzen Lettern
eingetragen waren, und damit entlie sie die enttuschte kleine Mamsell.

Die Geberin sa nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und schaute
mit einem blassen, vergrmten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war ja der
kleine Zwischenfall mit dem hlichen Armband, darauf Gott mit Dir in
schwarzen Lettern prangte, fr niemanden gewesen, und ein gesteigertes
Bewutsein hatte sich der Geberin unmglich mitteilen knnen, vielmehr die
de des Ereignislosen. Es hatte sich _nichts_ ereignet. Die Kleine war nur
um eine gewaltige Freude betrogen worden, und die Alte, die gern Freude
bereitete, wute es genau; und wute ebenso wohl, da sie niemals anders
verfahren wrde, selbst wenn sie das Kind noch einmal zurckriefe. Nebenan
hub jetzt ein Papagei, von der kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien
und ber die Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schrge Strahlen
ergossen sich durch die weit geffneten Fenster (die grten der Stadt) und
ber die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, der Leuchter aus altem
Kristall, der goldumrnderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag
etwas Drckendes, in seiner de unertrglich Akzentuiertes, ja Unheimliches
in der Atmosphre dieses Raums. Und pltzlich war mir, als befnde ich mich
ganz allein, als sei die halb erloschene Greisin vor mir schon verblichen
und nur mehr ein Schemen. Es fehlte ja so wenig! All die Pckchen und
Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Ksten und Truhen huften,
waren ja schon fast herrenlos. Und nicht die kleine Nhmamsell, nicht
einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male beklagenswert, sondern
die sonst so kluge, ja sympathische, die unbegreifliche alte Dame, die
rettungslos in die Falle geraten war, welche der Geiz den Besitzenden
stellt.

Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte, ragte
er denn auch weit ber ihr Leben hinaus. Sie hinterlie ihr Vermgen ihren
_reichen_ Verwandten, den weniger bemittelten, der Gronichte Hertha, die
ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.

                                                  Neue Rundschau 1911.




                            DIE MARKGRFIN
                             VON BAYREUTH


Es gibt Menschen, welchen das Schicksal die volle und glckliche Auslsung
ihrer Fhigkeiten so sehr verkrzt, da wir ihnen nur gerecht werden, indem
wir neben ihren Bettigungen auch ihre Mglichkeiten ins Auge fassen. Zu
ihnen gehrt die lteste Schwester Friedrichs des Groen, Wilhelmine,
Markgrfin von Bayreuth.

Ihre Mutter, die Knigin Sophie Dorothea von Preuen, versah sich nur in
den Mitteln und Wegen, nicht aber in der Hhe der fr ihre Tochter
angestrebten Ziele; denn wre diese wirklich Knigin von England geworden,
ihr Name stnde heute unzweifelhaft als der einer groen Regentin in der
Geschichte verzeichnet. Elle aurait certainement compris les grandes
Affaires, wie Lavisse von ihr sagte. Ihre oft gergte Unkenntnis der
politischen Konjunkturen, wie ihr Mangel an historischem berblick rhrten
nicht von mangelndem Verstndnis, sonder von mangelnder Schulung her; sie
hat diese Lcke spter aus freien Stcken so wohl zu ersetzen gewut, da
Friedrich, der nicht leicht etwas aus der Hand gab, sie whrend der
schwierigsten Phasen des siebenjhrigen Krieges sehr heikler
Unterhandlungen walten, mit Vertretern fremder Nationen verhngnisvolle
Fden anknpfen, selbst diplomatische Instruktionen erteilen lie. Fr sie
fand der groe Sptter Voltaire nur Worte der Anerkennung, und fr
Friedrich blieb sie die Unvergeliche, deren Andenken er wie kein anderes
gefeiert hat. Seine hohe Meinung von ihrem Werte sollte jedoch von der
Nachwelt nicht unwidersprochen fortbestehen; vielmehr wurde durch die
Verffentlichung ihrer Memoiren, so fesselnd und geistvoll sie sind, das
Urteil spterer Geschichtsschreiber in vielfach ungnstiger Weise bestimmt.

Die Denkwrdigkeiten der Markgrfin von Bayreuth erschienen zum ersten Male
in Tbingen, und zwar in deutscher bersetzung, von Dr. Cotta
herausgegeben, und umfaten die Jahre 1709 bis 1733. Im selben Jahre
verffentlichte von Osten in Braunschweig das von 1706 bis 1742 fhrende
franzsische Original. Zeit und Ort des Erscheinens: das Jahr 1810 und die
preuenfeindlichen Rheinbundstaaten verrieten nur zu deutlich, wie sehr mit
der Publikation dieser hchst interessanten, mitunter aber sehr
verblffenden Mitteilungen eine sensationelle Wirkung beabsichtigt war. Der
Streit entspann sich frs erste zwischen beiden Herausgebern, von welchen
sich jeder darauf berief, der alleinige Besitzer des Originalmanuskripts zu
sein. Da sich aber beide Handschriften in der Folge als Kopien erwiesen,
mute die Echtheit der Memoiren bis zu dem Tage angezweifelt werden, an dem
Pertz im Jahre 1848 das wirkliche Originalmanuskript der Markgrfin bei
einer Bcherversteigerung entdeckte. Es stammte aus dem Nachla ihres
ehemaligen Leibarztes Dr. von Superville, war, dank einer Abschrift, durch
die Braunschweiger Ausgabe schon verffentlicht worden, und brach wie
dieses mit dem Jahre 1742 ab. Zugleich fhrte es aber bis ins Jahr 1754, da
es auch mit dem Vermerk: ceci ne doit pas tre imprim das versiegelte
Tagebuch aus Italien enthielt. In den Memoiren fanden sich viele noch
ungedruckte Stellen vor; mehrere Bltter waren herausgerissen, oder durch
Alter beschdigt und nicht nur zahllose einzelne Stellen durchstrichen,
sondern ganze Seiten verworfen, und durch einen neuen Text ersetzt. Jeder
Zweifel an der Echtheit der Memoiren war nunmehr behoben, und es erbrigte
sich nur mehr die Frage ihrer Glaubwrdigkeit. Da sie durch Legat in die
Hnde Supervilles gelangt waren, ist zwar behauptet, jedoch nie mit
Sicherheit erwiesen worden; so wenig wie der Ursprung all der Abschriften,
die schon frh in Umlauf kamen; entsprach es doch der Sitte der damaligen
Zeit, mit Manuskripten hoher Persnlichkeiten allerlei Mystifikationen und
Mibruche zu treiben. Weder fr die Verantwortlichkeit der Markgrfin in
Hinsicht der Verbreitung ihrer Memoiren noch der Zeit ihres Entstehens,
haben sich trotz aller Nachforschungen bestimmte Angaben ermitteln lassen.
Die Feststellung gerade dieser negativen Resultate aber ist fr die
Beurteilung der Markgrfin von groer Wichtigkeit, besonders wo es sich,
wie hier, um die mit so mannigfachen Streichungen, Umarbeitungen und
Zustzen versehene, sptere Redaktion der Denkwrdigkeiten handelt, wobei
zwar ihr Talent gereifter und glnzender zu Tage tritt, ihr Urteil aber um
vieles hrter und schonungsloser zum Ausdruck kommt. Denn verglich man
dieses Urteil mit brieflichen uerungen der Markgrfin aus derselben Zeit,
so ergaben sich bedenkliche Widersprche, und nicht nur chronologische
Irrtmer, sondern nachweisbare Entstellungen von Tatsachen und Briefen. Da
mute es denn nahe liegen, da man ber die Verfasserin ziemlich formell zu
Gerichte sa, sie der Doppelzngigkeit und Verlogenheit zieh, die
Aufmerksamkeit auf ihre politische Ahnungslosigkeit sowie ihre Unkenntnis
historischer Vorkommnisse lenkte und damit ihre Person, und zum Teil ihre
Memoiren fr erledigt hielt.

Wird sie von Ranke mit ziemlicher Klte ihres Weges beschieden, so schlgt
Droysen schon fast den Ton des Staatsanwaltes ihr gegenber an, welcher
dann bei Onckens Schler Bernbeck pflichtschuldig in Grobheit ausartet.

Sein Ton kontrastiert lebhaft genug mit der ritterlichen Weise Carlyles,
dem Wilhelmine zwar die schrille Prinzessin ist, der nie mde wird, auf
ihre bertreibungen hinzuweisen; wo er sich auf ihre Aussagen beruft, das
Verkleinerungsglas nie aus der Hand legt, und dennoch ein so edles Bild
von ihr festhlt. Und es zeigt sich heute, da wir gelernt haben, eine
weniger summarische Psychologie zu treiben, wie sehr er ihr gerade in
seiner Parteilichkeit gerecht wird.

Um sie zu verdammen, wren Daten erforderlich, die uns wahrscheinlich fr
immer entzogen sind, da ihre Memoiren bedauerlicherweise unvollendet
blieben. Wir wissen nur, da zwei Fassungen derselben bestanden, -- das
Original der frheren ging verloren -- da die sptere in durchaus
schrferem und boshafterem Sinne umgearbeitet wurde, und da zwischen
beiden Redaktionen Jahre liegen. Es fragt sich nur, wie Fester hervorhebt,
_welche_ Jahre.

Die Markgrfin nennt uns fr ihre Memoiren ein einziges Datum, nmlich: das
Jahr 1744, als dasjenige, in welchem sie die Schilderung der Eremitage
entwirft. Weitere Schlsse lassen sich nur noch aus einer Stelle ziehen,
welche den Tod des Frsten Leopold von Dessau, der im Frhling des Jahres
1747 fiel, voraussetzt. Fester nimmt als Zeit der Abfassung die Jahre der
Erbitterung 1742--1747 an, whrend ihrer Entfremdung und vor ihrer
Ausshnung mit Friedrich; und keine Vermutung knnte glaubwrdiger sein,
als da die Markgrfin gerade in jenen Zeiten innerster Verlassenheit Trost
und Ablenkung in ihren Erinnerungen suchte, dabei aber die Not des
Augenblickes auf lichtere Tage bertrug, und Vergangenes mit den Schatten
der Gegenwart bermalte.

Bisher war immer noch Sonne in ihrer carrire d'adversit. Ihre
wechselvollen und durchkreuzten Pfade sind stets von der groen, fast
ausschlielichen Liebe ihres Bruders, spter der ihres Gatten erhellt. Als
sie sich mit diesem durch fremde, mit jenem grtenteils durch eigene
Schuld zerworfen, und ihrer Familie entfremdet fhlte, da suchte sie einen
imaginren Halt in ihrer eigenen Erbitterung. ber diese selbst sich uns
mitzuteilen, versagte ihr jedoch der Mut, und so entnehmen wir ihre
ferneren Schicksale ihren Briefen und den Briefen ihres Bruders.

Eine merkliche Khle zwischen den Geschwistern war schon seit Friedrichs
Thronbesteigung eingetreten. Die herrische Haltung, in die Friedrich als
junger Knig verfiel, der Abstand, der sich jetzt zwischen seiner und ihrer
Stellung geltend machte, ihr unbefriedigter Ehrgeiz, dies alles qulte die
Markgrfin schon lange. Aber uerlich stand alles noch beim Alten, als
Friedrich im September 1743 zum Besuch der Schwester in Bayreuth erschien.
Zwar konnte er nur kurz bei ihr verweilen und mute politische
Nebenabsichten mit dieser Reise vereinen, da er bei den sddeutschen
Reichsfrsten eines Rckhaltes gegen sterreich bedurfte, lie aber seinen
Hofstaat, seine Snger, seinen Bruder, den Prinzen August Wilhelm, und vor
allem Voltaire bei ihr zurck. Dieser sollte nun der wahre Mittelpunkt all
der Festlichkeiten werden, die jetzt auf kurze Zeit das stille Bayreuth mit
so viel Glanz und Leben berzogen, und in diesen froh bewegten Tagen fhlte
sich die geistvolle und gesellige Frstin in ihrem Elemente; einem Manne
wie Voltaire mute sie sich in ihrem besten und zugleich wahrsten Lichte
zeigen. Sie war nichts fr Philister, fr einen bedeutenden Verkehr aber
wie geschaffen. Wies doch ihr eigener Geist nichts von den Halbheiten und
Unzugnglichkeiten auf, die selbst bei talentierten Frauen nicht selten
verdrieen: er war vom Besten wie edler Wein.

So mute ihrem grostdtischen Sinn die froh bewegte, wohl etwas
geruschvolle Note, die whrend Voltaires vierzehntgigen Aufenthaltes in
dem abgelegenen Stdtchen anschlug, von Grund auf zusagen, als jedoch
Friedrich zurckkehrte und mit dem ganzen glnzenden Gefolge wieder von
dannen zog, sollte sie auf lange verklungen sein.

Schon wenige Monate spter entstand zwischen der Markgrfin und dem Knig
Friedrich das groe Zerwrfnis. Der Markgraf hatte sich vor Jahr und Tag in
eine ihrer Damen, Frulein von Marwitz, verliebt, und trug jetzt seine
Neigung immer offener zur Schau. Wilhelmine fhlte sich durch seine Untreue
nicht nur ins Herz getroffen, sie empfand sie in ihrem Stolze als eine
nicht zu verwindende Schmach. Sie setzte indes, wohl um die Rivalin zu
entfernen, deren Heirat mit dem sterreichischen Grafen Burghaus durch.
Hiermit brach sie aber, wie man aus den Memoiren ersehen wird, ein ihrem
Vater, dem Knig Friedrich Wilhelm gegebenes Versprechen, und beschwor
zugleich den Bruch mit Friedrich herauf, dessen Interessen durch diese Ehe
in rcksichtsloser Weise miachtet wurden. Die gehoffte Entfernung der
Marwitz unterblieb, der sterreichischen Partei aber, deren Einflu
Friedrich bei seinem Besuche in Bayreuth schon wahrgenommen hatte, ward
durch diese Ehe ein neuer Vorschub gewonnen. Die Markgrfin stand nun bald
vor aller Welt in einem sehr zweideutigen Lichte. Als sie vollends der zur
Krnung nach Frankfurt ziehenden Maria Theresia huldigend entgegen kam,
mute dies nicht nur bei ihrem Bruder, sondern bei allen ihren Angehrigen
Entrstung hervorrufen. Fr die feindlichen Strmungen am Bayreuther Hofe,
wie fr die anti-preuischen Presse-uerungen in ihrem Lande, wurde sie
nun verantwortlich gemacht. Aber sie schien alles, selbst die gehate Nhe
der Burghaus-Marwitz eher zu ertragen, als da sie es ber sich brachte,
durch einen Skandal das offene Zugestndnis dessen zu geben, was doch alle
Welt seit Jahren wute und besprach. Je einfacher ihre Motive gewesen
waren, desto komplizierter und rtselhafter wurde jetzt ihr Verhalten, so
da zuletzt selbst Friedrich irre an ihr wurde. Une vraie querelle
d'amants hat Lavisse ihr Zerwrfnis genannt. Und in Wahrheit konnte nur
die tiefste innere Zusammengehrigkeit einer so andauernden Entfremdung
standhalten. Die sprlichen Briefe, die Friedrich whrend der folgenden
Jahre an die Markgrfin richtet, sind meist diktiert; nur hin und wieder
gibt ihr ein Vorwurf oder eine grimmige Anspielung zu verstehen, wie schwer
Friedrich den Verlust dieser Freundschaft empfindet. Wilhelminen mag er in
ihrer inneren Verlassenheit wohl noch schmerzlicher gefallen sein. Dennoch
wurde beiderseits nichts unternommen, die stets grer werdende Kluft zu
berbrcken. Ohne die freundliche Vermittlung des Prinzen August Wilhelm
htten sie den Weg zu einander wohl nie wieder gefunden. Durch ihn wurde im
Jahre 1746 endlich eine Vershnung der Geschwister angebahnt, und im
Sptsommer des folgenden Jahres folgte Wilhelmine einer Einladung
Friedrichs nach Berlin. Was sie ihm auch jetzt noch verschweigt, verraten
ihm ihre abgehrmten Zge und ihre Erschpfung; und mit seinen
durchdringenden Augen sieht er Dingen auf den Grund, die auch die letzten
Schatten seines Grolles verscheuchen.

Wilhelmine hatte bei ihrer Abreise die Burghaus todkrank zurckgelassen und
glaubte sich auf immer von ihr befreit. Statt dessen tritt diese der
zurckkehrenden Markgrfin wohlbehalten und triumphierend entgegen. Es
kommt nun doch zu der so lang vermiedenen Szene. Die Burghaus sieht sich
zwar gentigt, das Schlo zu rumen, bezieht aber dafr, auf Kosten des
Markgrafen, eine Wohnung im Gesandtschaftspalais. Ihr Gatte war ruiniert,
ihr eigenes Vermgen aber, infolge ihrer Heirat mit einem sterreicher, die
einzig und allein Wilhelminens Werk gewesen war, gesetzmig eingezogen
worden. Diese entschliet sich nun endlich, ihren Bruder zu Hilfe zu rufen;
er allein kann sie aus ihrer Lage retten. Der Brief, in dem sie ihm
gegenber die Sachlage errtert, ist noch gewunden genug, aber Friedrich
wei jetzt lngst, welches Gestndnis aus ihren gepreten Worten und
zwischen den Zeilen ihrer Briefe herauszulesen ist, und er zgert keinen
Augenblick, ihr beizustehen: der Burghaus wird ihr vterliches Erbe
ausbezahlt unter der Bedingung, da sie Bayreuth sofort verlt. Die
unerquickliche Episode findet somit ihr Ende.

Sie hatte zu lange gewhrt, und einen so finsteren Ring um Wilhelminens
Leben gezogen, da die elastische, trotz aller Lamentos so frohlaunige
Frstin daran zerschellte. In immer schlimmere Widersprche geratend, mit
der Feindin befreundet, den Freunden verfeindet, lt sie heterogenen
Einflssen ungehinderten Lauf, ihr Gemt aber bis zur Krankhaftigkeit sich
steigern, indem sie eine unertrgliche Situation, die sie als inavouable
empfindet, scheinbar nicht bemerkt.

In diesem Konflikt einer Selbstlge, nicht in ihrem Charakter ist das
Geheimnis ihrer vermeintlichen Verlogenheit zu suchen, wie ihrer
vermeintlichen Hrte und Herzlosigkeit, und der wahre Grund so mancher
Widersprche zwischen ihren Memoiren und ihren Briefen. Ihre bitteren
Ausflle gegen Friedrich aber stimmen ebenso gut zu ihrem Verhalten whrend
jener Jahre der Entzweiung, als sie mit ihrem spteren kontrastieren. So
war es, in Ermanglung aller Gegenbeweise, eine Zubilligung, ihre Memoiren
in eben diese Jahre zu verweisen.

Dazu kommt, da selbst den klgsten Frauen nicht entfernt dasselbe scharfe
Gefhl fr die starke Realitt des geschriebenen Wortes innewohnt, wie dem
Manne. Bei aller Begabung, die aus dem Buche der Markgrfin hervorleuchtet,
steht sie sich dabei doch sehr im Lichte, weil es ihr zwar nicht an
literarischem Talente, aber ganz und gar an literarischer Perspektive
fehlt. Der schne Nachruf Friedrichs des Groen an seinen Vater ist darum
nicht minder schn, weil darin auch nicht eine Spur jener Subjektivitt zu
finden ist, mit welcher doch auch Friedrich sich seinerzeit brieflich ber
seinen Vater auslt. Es ist darum nicht minder schn und nicht minder
empfunden, weil Friedrich das Gefhl fr die objektive Wirkung dieses, auch
fr ihn selbst so ehrenvollen Nachrufes in sich trug. Der innere Vorgang
ist hier so einfach, da es sicher kein Kalkl, kaum ein Bewutsein zu
nennen ist, da es vielmehr einem Manne kaum begreiflich scheinen mu, wie
er bei einer so berragenden Persnlichkeit wie der Markgrfin davon
absehen soll.

Um ein wahres Bild von ihr zu gewinnen, drfen wir der Umgebung, von
welcher es sich so mchtig abhebt, nicht vergessen. Hier hat sie sicherlich
nicht bertrieben. Sie war, noch sehr jung, nach all den groartigen
Aussichten, mit welchen sie aufwuchs, in ein Provinz-Stdtchen und in eine
geistige de verschlagen worden.

Wenn wir von Voltaires kurzem Aufenthalt in Bayreuth und den paar Besuchen
und Gegenbesuchen zwischen ihr und Friedrich absehen, war die Anregung im
Leben der Markgrfin sehr gering. Nur durch sie ward in ihrem Lndchen fr
Architektur und Musik, fr Kunst und Wissenschaft ein Boden gewonnen, und
ohne sie wre die kulturelle Geschichte Bayreuths ein leeres Blatt. An dem
adeligen Stempel, den sie dem Stdtchen aufdrckte, hat ihr liebesfroher
Markgraf keinen Teil. Und _sie_ war es, welche Bayreuth crierte.

Volle Wrdigung ihrer Interessen wie ihrer Initiative findet sie hier nur
bei ihrem Leibarzt von Superville, der ihr seine reichen Fhigkeiten und
sein organisatorisches Talent zu Diensten stellt, ihr die Grndung der
Universitt Erlangen ermglichte, und ihr neun Jahre hindurch als Freund
und berufener Ratgeber zur Seite steht. Da sein Sturz sich um dieselbe
Zeit ereignete, in welcher die Burghaus aus Bayreuth verwiesen wurde, hat
zu der Hypothese gefhrt, Superville habe sich als Arzt die Freiheit
genommen, den Markgrafen zu warnen, da er seine Liaison mit der Marwitz
auf die Dauer nicht aufrecht halten knne, ohne an die zerrttete
Gesundheit der Markgrfin gefahrvolle Zumutungen zu stellen. Gewi ist, da
sie Superville aufs wrmste an ihre Schwester, die Herzogin von
Braunschweig, anempfahl, an deren Hofe er bis zu seinem Ende verblieb. Die
Bedeutung dieses Mannes scheint brigens grer gewesen zu sein wie sein
Prestige. Falls sie ihm wirklich das Originalmanuskript ihrer Memoiren zum
Vermchtnis machte, scheint sie sich gewisser wenig schmeichelhafter
Stellen betreffs seiner nicht mehr erinnert zu haben, eine Vergelichkeit,
die wieder darauf hindeuten wrde, wie wenig sie sich in ihren letzten
Jahren mit ihren Memoiren befate.

Es brach durch ihre Vershnung mit Friedrich eine so andere Zeit fr sie
an, so wenig geeignet, sie weiterhin zu Rckblicken anzuregen. In den
Jahren 1750 und 1753 verweilt sie wieder auf einige Zeit zu Besuch ihres
Bruders in Berlin, 1754 besucht er sie zum letzten Male in Bayreuth, und im
Herbst desselben Jahres tritt sie ihre langersehnte Reise nach Italien an.
In Lyon kommt sie wieder mit Voltaire zusammen; sie hat besser als ihr
Bruder die Regungen seines Herzens durchschaut, das die Bewunderung fr den
groen Friedrich so wenig als die erlittene Krnkung verwinden konnte, und
sie versteht es, neue Brcken zwischen ihnen anzubahnen. Mit ihrer Reise
nach Italien, das sie mit so offenen Augen betrachtet hat, ist dann das
Register ihrer sonnigen Tage geschlossen. Wenn aber sieben Jahre der
Entfremdung ihre Liebe zu Friedrich nicht ertten konnten, so steigert sie
sich jetzt, da seine Lage immer bedrngter wird, ins Heroische, und nicht
lnger darf sich Maria Theresia der Sympathien seiner Schwester rhmen:
Wilhelmine politisiert, intrigiert und vermittelt, sucht durch Folard, den
Vertreter Frankreichs, an mehreren deutschen Frstenhfen, durch Voltaire,
den sie in Bewegung setzt, auf den Frieden hinzuwirken. Dem Knig ist ihre
starke Anteilnahme eine Strkung und ein Trost. Als er im Jahre 1757 im
scheinbar aussichtslosen Kampf wider die bermacht seiner Feinde den
Selbstmord ins Auge fat, schreibt ihm Voltaire auf Wilhelminens Bitte den
zwar inspirierten, aber von prachtvoller Empfindung getragenen Brief, um
ihm von diesem Vorhaben abzuraten. So knpft sie berall Fden an, mit
unverkennbarem Geschick, wenn auch aller Erfolg jenseits der Tage liegt,
die ihr noch beschieden sind. Ihrer Sorge um den Knig vermgen ihre
aufgezehrten Krfte nicht mehr lange zu widerstehen. Man ist in Berlin ber
ihren Zustand unterrichtet, und sie selbst wei, da keine Rettung fr sie
ist; nur Friedrich bringt es nicht ber sich, der traurigen Tatsache ins
Auge zusehen, und ihm verhehlt sie ihre Lage, wie er selbst sie ber die
eigene zu tuschen sucht. Denn beide wissen nur zu gut, was das Los des
einen dem anderen bedeutet. Auf meinen Knien, schreibt ihr Friedrich, als
knne sie ber ihr sinkendes Leben gebieten, bitte und beschwre ich Dich
zu tun, was Du nur tun kannst, um dieser Krankheit zu entrinnen; i, nimm
die Arzneien, folge blindlings den Anordnungen Deines Arztes. Denke, da
Dein Tod mich zur beklagenswertesten Kreatur der Erde machen wrde.

Seinen letzten Zuruf, den er zwei Tage vor ihrem Tode an sie ergehen lt,
vernimmt sie nicht mehr. Sie stirbt am 14. Oktober 1758, um dieselbe
Stunde, zu der Friedrich die schwere Niederlage bei Hochkirch erleidet.

Die Welt kennt den Nachruf, den er ihr widmet, wei von dem
Freundschaftstempel mit den korinthischen Sulen, den er im Park von
Sanssouci zu ihrem Gedchtnis errichten lie. Bis zu seinem Lebensende
pilgerte er gerne zu dieser Sttte hin, wo sich, inmitten von Bildnissen
der Heroen der Freundschaft, ihre Statue erhob und er die stille Sprache
der Erinnerung mit ihr fhrte.

Ein Tempel war in der Tat der geme Ausdruck fr die Harmonie, welche
diese beiden groen Herzen umspann.

Und der Markgraf?

Zwar tritt er in Wilhelminens letzten Jahren hinter ihrer Teilnahme an dem
mchtigen Geschicke ihres Bruders etwas zurck; dennoch bleibt sie ihm bis
ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich zugetan, soda sie die eiferschtigen
Regungen, zu welchen er ihr auch nach der Marwitz-Affre mehr denn einmal
Anla gibt, nie ganz unterdrcken kann. Es fllt uns ja heute nicht leicht,
den Zauber zu begreifen, den dieser nichtssagende Mann auf eine Frau wie
die Markgrfin auszuben vermochte. Aber wir wissen, da er auch an ihrer
jngeren Schwester nicht verloren ging, und da sie mit Vergngen den
eigenen Verlobten mit dem Wilhelminens eingetauscht haben wrde. Er gehrte
also wohl zu jenen typischen Menschen des Augenblicks, die gleichsam mit
jedem Tage die Summe ihres Wesenswertes ganz und voll verausgaben und die
nichts berdauert, deren Reiz aber nicht selten umso mchtiger fesselt, je
illusorischer er ist. Wo immer der Markgraf Proben selbstndigen Urteils
abzugeben hat, versagte er gnzlich, und als er einmal auf eigene Faust im
Interesse seines Hauses eine Reise nach Dnemark unternimmt, kehrt er
unverrichteter Sache heim. Aber die Markgrfin, als die loyalste Gattin,
die sich denken lt, hlt stets zu ihm und macht mit wahrer Vorliebe seine
Verdienste und seine Fhigkeiten geltend.

Im ganzen gehrte sie zu den Menschen, die wenig positives, aber
reichliches Glck im Unglck haben; so fllt ihr in ihrer aufgezwungenen
Ehe zwar eine geringe Partie, zugleich aber ein Prinz zu, den sie
passionment liebt, was mehr ist, als man von einer Vernunftehe erwarten
darf. Der geistigen Sphre der Geschwister freilich gehrt er nicht an, und
da er die groe Illusion und nicht der wahre Gefhrte ihres Lebens war,
blieb ihr wohl nicht immer verborgen.

Aber hier gerade kommen wir zum Prfstein ihres Wertes.

Wenn Friedrich begeistert an ihr loben durfte, da man sich ber die
heterogensten Dinge, ber Frisuren, ber Krieg und Politik mit ihr
unterhalten knne, so hatte sie sich allein zu dieser Vielseitigkeit
vermocht, und ganz von innen heraus die scharfen geistigen Umrisse
gezeichnet. Und darum nehmen wir an ihr jenes starke Relief wahr, das wir
an so manch berhmter Frau vermissen, deren Zge an Ebenma gewannen, was
sie an Deutlichkeit verloren, weil ein Grerer als sie selbst sie ihrer
eigenen Bedeutung liebend berbot, hier ein bichen untermalte, dort kleine
Mngel wegretouchierte . . . . . . Denn Frauen lieben es, ohne sich dabei
einer Unredlichkeit bewut zu werden, sondern wie sie es lieben sich zu
schmcken, so lieben sie es, sich auch intellektuelle Ritterdienste
erweisen zu lassen.

In dieser Hinsicht aber war Wilhelmine nicht verwhnt. Kein Lehrer, kein
Geliebter, der ihren inneren Werdegang beeinflut oder erleichtert htte.
Auf ihrer geistigen Bahn fehlen alle Abstecher und alle Wegweiser, und
Echtheit und Eigenwert sind ihre Marke, wo sie sich hervortat. Wir fhlen,
ohne da sie es nur andeutet, mit welchem Erfolge sie bei den Frankfurter
Krnungsfesten erschien, und wie gro der Reiz dieser jungen Frau gewesen
sein mu, die, so tugendsam, und dabei so verfhrerisch, nach einem
ziemlich verloren gegangenen Rezept deutsche Soliditt des Geistes mit
franzsischer Grazie vereinte. Kraft eigenster Energie fuhr sie fort zu
werden, bis sie vor der Schwelle ihres Alters und zugleich der ihres Todes
stand. Ihre Briefe an Voltaire ber kriegerische Dinge und friedliche
Endziele sind durch die erstaunliche Klarheit und Sachlichkeit, wie durch
die wahrhaft knstlerische Reife des Ausdrucks gleich bewundernswert.

Man denke, woher sie stammt:

Von Eltern, die weniger Kontraste als Unvereinbarkeiten aufweisen. Carlyle
wirft ihr vor, sie htte ihren Vater nur von auen gekannt. Es ist aber
viel leichter, diesem Knig par distance gerecht zu werden: seiner Umgebung
war es fast unmglich. Wilhelminens Eindrcke stimmen nur zu wohl mit den
Berichten der damaligen Gesandten am Hofe Friedrich Wilhelms berein. Er
galt ihnen als ein gefhrlicher Narr: sein Hauptargument war der Stock. Die
Tochter konnte es dem Knig nicht recht machen, ohne die Knigin zu
erzrnen. Bald in Gnaden, dann, wenn ihre Aussichten auf eine glnzende
Partie sich verschlechterten, zurckgestoen und maltrtiert, wird sie
Zeuge und unfreiwillige Ursache furchtbarster Szenen. So tritt sie, als ein
altkluges Dmchen, aus einer Kinderstube, die jeglicher Hygiene und
Pdagogik spottete. Gewi ist, mag man ihren bertreibungen noch so sehr
Rechnung tragen, da die zu frhen und zu fortgesetzten Aufregungen ihre
zarte Konstitution frhzeitig untergruben. So ist in ihrer Schrillheit
zugleich ein Echo; an ihrer spteren Vollendung und edlen Reife aber haftet
nichts Fremdes. Wir heben es noch einmal hervor. Denn sie selbst, die sich
oft zu Unrecht lobte, hat sich dessen nicht gerhmt. Die sonst so
Ranglustige wei nicht, wie abseits sie steht. Es war noch nicht die Zeit
der Selbstanalysen, und man war noch nicht darauf verfallen, sein Ich
herauszugreifen und zu bespiegeln. In dieser verfrhten Blume geistiger
Kultur ist noch viel Herbheit in der Verfeinerung. In ihrer etwas morbiden
Selbstherrlichkeit aber liegt ihr groes Anrecht auf unsere Bewunderung wie
auf unsere Nachsicht.

Ich fr meinen Teil mchte auch ihren Hochmut nicht missen. Er hat dieselbe
Befugnis wie die weitlufigen Zieraten des damaligen Kostms, und er
verhlt sich zu ihrer Aufgeklrtheit wie zu ihrem schmalen Gesicht die
mchtige Percke und der immer hher steigende Kopfputz. So hat ihr
gewaltiger Dnkel die groe relative Berechtigung der Mode. Der Geist einer
Zeit umgibt sich nie so sehr mit dem Scheine des Unwandelbaren, wie kurz
bevor er schwindet. Die Zopfgeschichten, die Wilhelmine wegen ihrer Audienz
bei der Kaiserin auffhrt, stehen ihr noch allerliebst. Und man begreift,
da der Frstbischof von Wrzburg, trotz aller Impertinenzen, die er sich
in seiner eigenen Hoffart von ihr gefallen lassen mute, von ihr entzckt
war.

Wie es einen letzten Ritter gab, und wie Carlyle in Friedrich den letzten
Knig sehen wollte, so war Wilhelmine die letzte Prinzessin alten Stiles,
eine so typische Prinzessin, da sich die Prinzessin, -- was auch bei
Prinzessinnen selten ist, -- nicht von ihr wegdenken, die Frau nicht ohne
die Prinzessin in Erwgung ziehen lt. Dies wurde bei ihr zu Unrecht
bersehen. Denn es ist etwas Geheimnisvolles um eine knigliche Geburt.

Wie die Wasserflche diese Welt des Scheines reflektiert, so liegt in der
geistigen Sphre das getreue Abbild -- oder Vorbild? -- aller Schranken und
Unterschiede, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat. Und das
ganze Kortege, vom Edlen zum Niedrigen, zieht -- nur so anders -- von neuem
auf. Aus den ungeheuren Fluktuationen aber, dem Schwanken, dem Hin und
Wider ihrer Wrden -- und ihren Gleichungen -- sind alle Adelsbriefe in
dieser krausen Welt geschrieben.

Daher der mystische Zug erlesenen Blutes zu erlesenen Krften. So wahr ist
dies, da an einer Stelle dieses Buches, der, an welcher Wilhelmine die
Boskette der Eremitage beschreibt, und mit so viel Wohlgefallen die vielen
Lauben und Glorietten, und die Unmenge von Springbrunnen aufzhlt, die sich
da alle paar Schritte ereignen, da sie da als die vollendetere Prinzessin
erschiene, wenn sie ein Gefhl dafr htte, da dies kein Garten ist,
sondern eine Spielerei.

                                                     1910 Inselverlag.




                          CATHARINA VON SIENA


Es geht den Heiligen wie den anderen ausgezeichneten Menschen. Die Zeit ist
das Feuer, das sie vor unseren Augen lutert, indem sie das Vergngliche
und Unzulngliche an ihnen zurckweist, das Wertvolle und Bedeutende aber
zu einem Bildnis von individuellstem Umri scheidet. Wenn daher Siena --
nach mehr als fnf Jahrhunderten -- vom Leben der hl. Catharina so erfllt
blieb, da ein Echo dieses Lebens Sienas Luft, seine Trme und Felsen noch
umhallt, so mu einem Dasein, das so kurz und doch so bleibend, Zgen, die
so weltabgewandt und doch so unverweht der Welt geblieben sind, eine Zeit,
der sie noch gelten, neue Deutungen entraten knnen. Vor allem heute! da
fr das ungebte Auge alle Symptome hinflligen Alters am Christentume
haften, whrend es, wie eine Raupe eingesponnen, sein neues Wachstum
umhllt.

Denn wir sind heute so weit wie zuvor: Der Protestantismus wird seiner
nicht mehr froh, und die Norm der Katholiken, durch zu viel gescheiterte
Reformversuche eingeschchtert, hat den Glauben an eine rmisch-katholische
Reformation verloren, jene Reformation, die Catharina nicht mde wird zu
verknden, und der ihre leidenschaftlichen und begeisterten Zurufe gelten.
Und wenn heute unsere katholischen Gesellschaften, Vereine usw. ihre
fortschrittlichen Bestrebungen verheien, so belcheln wir im voraus die
kmmerlichen Resultate, die sie uns bringen werden. Da dringt denn zu guter
Stunde die khne Sprache Catharinas wie ein frischer Luftzug in eine
verbrauchte Atmosphre.

Catharina von Siena, geboren am weien Sonntag des Jahres 1347, war das
Kind frommer und, trotz ihrer 22 Kinder, wohlhabender Leute: des Frbers
Benincasa und der Monna Lapa. Ihr religiser Hang zeigte sich schon sehr
frh; doch war sie dabei ein munteres und sehr empfindsames Kind, und so
anmutig, da sie den Beinamen Euphrosyne erhielt. Ihre erste Vision -- sie
stand damals in ihrem sechsten Jahre -- war fr ihre Laufbahn bestimmend:
sie kam mit ihrem Bruder vom Hause einer verheirateten Schwester, an der
sie mit besonderer Zrtlichkeit hing, da erschien ihr ber der
Dominikanerkirche, in den Lften schwebend, Christus als hoher Priester,
eine dreifache Krone auf dem Haupte, der die Hand segnend nach ihr
ausstreckte. Seitdem mied sie die Freuden ihres Alters. Da sie gerade dem
hl. Dominikus eine so besondere Verehrung widmet, hngt zusammen mit dieser
ersten Vision. Seine Taten sind es, die sie zumeist beschftigen; sie trgt
sich mit dem Gedanken herum, als Mann verkleidet in den Predigerorden der
Dominikaner zu treten, und Dominikaner sind berall der Gegenstand ihrer
Ehrfurcht und Begeisterung. Schon jetzt fhrt sie ein Leben strenger
Abttung und gelobt in ihrem siebenten Jahr, nie einen anderen Brutigam zu
nehmen als Christus. Indes sie aber heranwuchs, hatten ihre Eltern andere
Plne und verlangten, da sie sich wie andere Mdchen ihres Alters
schmcke. Durch die Lieblingsschwester lie sie sich dazu bewegen, als aber
eifrig an ihre Verlobung gedacht wurde, und Catharina, um sich ihr zu
entziehen, ihr schnes blondes Haar abschnitt, zog ihr ein so radikales
Verfahren die erste schwere Prfung zu. Um ihren Widerstand zu brechen,
wird ihr die Kammer, die sie zu einer Kapelle sich errichtet hatte,
genommen, und sie selbst im Hause ihrer Eltern wie eine Magd gehalten.
Catharina, die sich ihren niedrigen Diensten mit groer Sanftmut und
Freudigkeit unterzieht, hat bald eine neue Vision, die sie trstet und
ermutigt. Diesmal sind es die groen Ordensstifter, die ihr erscheinen: sie
sieht den Grnder des Karthuser-Ordens, den hl. Franz von Assisi, den hl.
Benedikt: allein sie alle machen ihren Klosterschwestern strengste Klausur
und Abgeschiedenheit zur Ordensregel, und Catharina lt sie vorberziehen.
Sie hat nur Augen fr den hl. Dominikus, der mit einer herrlichen Lilie auf
sie zuschreitet und ihr das Kleid seines Tertiazordens entgegenhlt.

Nicht lnger hlt sie mehr mit ihrem Entschlusse zurck, und die Eltern
Benincasa lassen sie jetzt betrbten Herzens gewhren. Allein ihrem Wunsche
standen noch die Dominikanerinnen selbst entgegen. Obwohl sie gewisse
Ordensregeln befolgten, unter einer gemeinsamen Priorin standen und die
Tracht des Ordens: das weie Kleid und den schwarzen Mantel trugen, weshalb
das Volk sie Mantellate nannte, so lebten sie doch ohne Klausur, ohne
eigentliche Gelbde, und in ihrer eigenen Wohnung. Es gehrten denn auch
meist Witwen gesetzten Alters dieser Genossenschaft an, und die 15 jhrige
Catharina aufzunehmen, schien ihnen in keiner Weise ratsam; aber Catharina
verfllt in eine schwere Krankheit, und die Mutter selbst mu ihr nun
helfen, die Mantellate zu bestrmen; zudem ist ihre Schnheit zerstrt,
nichts als eine gewisse morbide Grazie war ihr geblieben. So wird denn
ihrem Verlangen endlich nachgegeben und nach ihrer Genesung an einem
Sonntag des Jahres 1362 ihre feierliche Einkleidung in der
Dominikanerkirche vollzogen.

Drei Jahre lebte sie nun im Hause ihrer Eltern ein den strengsten
Bubungen, der tiefsten Zurckgezogenheit und dem Schweigen geweihtes
Leben. Die Nchte durchwachte sie im Gebet, a nie Fleisch, nur ungekochtes
Kraut, Frchte und Brot -- spter wurde ihre Nahrung so gut wie keine mehr
-- geielte sich des Tags dreimal nach Dominikanersitte, und schlief
zwischen einigen Brettern in einem sarghnlichen Bett und auf einem
Kopfkissen aus Holz. Zu dieser Zeit sollen doch manche Anfechtungen und der
Wunsch, wie andere Menschen zu leben, die Ruhe ihrer Seele gestrt haben.
Schlafend und wachend, ob sie ihren Leib noch so sehr marterte, hielt ihr
ein Dmon verfhrerische Bilder vor, bis wieder eine Vision das Ende ihres
Kampfes verkndet.

Einmal erscheint ihr die hl. Jungfrau, sie mit ihrem Sohn zu verloben.
Christus steckt ihr einen goldenen Ring mit vier Perlen an, und David
begleitet die Zeremonie auf der Harfe. Ein anderes Mal vertauscht Christus
sein Herz mit dem ihrigen. In einer spteren Ekstase berstet ihr Herz von
oben bis unten, so da man sich fragt, wessen Herz es dann gewesen ist?
Endlich waren es die Wundmale Christi, die sich in fnf blutigen Strahlen
auf ihre Hnde, ihre Fe und nach ihrem Herzen richteten. Bevor aber diese
Strahlen die fnf Stellen ihres Leibes erreichten, verwandelte sich das
Blut in Licht, und in Gestalt des Lichtes prgten sich ihr diese Strahlen
ein. Da diese Wundmale, die ihr ein Gefhl des Schmerzes zurcklieen,
gleich dem Verlobungsring[1] den Augen der anderen niemals sichtbar wurden,
beirrte Catharina in ihrem Glauben daran nicht. Und der Grundton ihres
Wesens ist so wahr und echt, da sich ein ablehnendes Gefhl fr ihre
visionre Seite mit dem Glauben an sie selbst vertragen kann. Allein
bedeutsam bleibt es immerhin, da Catharina, deren Heiligkeit es doch ist,
die uns als die schwerste und ruhmreichste Tat ihres Lebens gelten mu,
gerade in den uerungen dieser Heiligkeit so ganz ihrer Zeit angehrt, und
so ganz von der Anschauungsweise und der Phantasie des Mittelalters
beherrscht ist, da gerade das Visionre an ihr sich nicht selten als das
Veraltete zeigt! Ist doch auch das Wertvollste heute an ihren furchtbaren
Kasteiungen die fesselnde und geistvolle Art, mit der sie ber solche Dinge
spricht -- man knnte fast sagen, abspricht -- und den ganz relativen Wert,
den sie ihnen zuerkennt. So streng ihre eigene Askese ist, man fhlt, sie
steht darber. Nimmermehr wrde sich wohl heute diese selbe Catharina
bewogen fhlen, das eiterige und blutige Wasser, mit dem sie die ekelhaften
Geschwre einer Kranken gewaschen hatte, auszutrinken. Warum hat sie sich
dann einer so extremen Lebensweise ergeben, als knnte sie es nicht
erwarten, da ihr Leib zugrunde gehe? Aber lag es nicht in der Natur der
Dinge, da ein Heiligenleben des 14. Jahrhunderts einen wesentlich benden
Charakter trug? in einer Zeit, in welcher die Gemter vom Geist des
Christentums noch so wenig umbildet waren, und das Leben wie eingedmmt war
von Grausamkeiten; da abgehauene Hnde, geblendete Augen zu den blichen
Racheakten gehrten, und der Feind den anderen nicht schonte. Fand es doch
mancher bedenklich, da ein so liebendes Gemt wie der hl. Franz von Assisi
wenig Herz gezeigt habe fr die Greuel der Inquisition, deren Kunde er doch
vernahm. -- Wenn aber Franz von Assisi zu jener selben Epoche sich gedrngt
fhlen konnte, Ausstzigen um den Hals zu fallen und sie zu kssen, was war
dies anderes, als der spontane Ausdruck eines trostlos-ohnmchtigen
Mitgefhles? In ihrem Beweggrund allein lag der Sinn so berschwenglicher
Werke. Wenn daher ihre Abttungen es nicht sind, die Catharina zu einer
groen Heiligen stempeln, so wre sie die groe Heilige nicht gewesen ohne
den sublimen Drang, der sie zu ihnen trieb. Ein Herz wie das ihre mute
drsten, die Blte ihrer Jugend zu zertreten in einer von Leiden so
befleckten Welt, vor der selbst ein Boccaccio in eine Karthuserzelle
flchtete.

[Funote 1: Sie selbst uerte ihrem Beichtvater gegenber, da sie den
Ring immer an ihrem Finger she.]

Nicht ganz so leicht lt sich in der visionren Catharina unterscheiden.
Wenn auch ihre in astrazione, das heit in Verzckung geschriebenen Briefe
ihren Gedankengang stellenweise zu erhabenem Ausdruck bringen, so erwecken
sie doch anderseits den Eindruck einer von Hunger so geschwchten
Catharina, da ihr schwarz vor den Augen wird. Der eigene Bericht nun gar
(in ihrem letzten Brief an Bruder Raimund da Capua), den sie von einer
solchen Vision erstattet, liest sich nicht angenehm. Zum Teil mag es daran
liegen, da hier das Wort nun einmal ein schlechtes Vehikel ist, und der
hl. Franz Solanos war sicher gut beraten, da er die Flte blies, um seine
mystischen Erlebnisse zu schildern. Allein vor allem ist es der Christus
ihrer Visionen, dem wir nicht ohne Mibehagen und einer gewissen Klte des
Herzens gegenberstehen: es ist denn doch ein zu primitiver, zu sehr ein
Klosterfrauen-Christus, der ihr da vorschwebt! Und auch hier ist ihre
Auffassung des nichtvisionren Zustandes trotzdem, oder vielleicht weil sie
ihr stets dieselben Worte leiht, von ungleich grerer Bedeutsamkeit.

Christus ist ihr da stets das von Liebe entbrannte Lamm Gottes, das dem
Kreuzestode entgegen eilt, und stets sieht sie ihn als den von Ngeln
durchbohrten, von der Liebe am Kreuze festgehaltenen, verblutenden Erlser.
Es war ein durchaus genialer Instinkt, der sie Zeit ihres Lebens an diesem
Bilde, haften lie: Denn wie die Geschichte des jdischen Volkes vor der
Ankunft des Messias von dessen _knftiger_ Bahn so mchtig vorausbeschattet
ist, da die Gestalten der Fhrer dieses Volkes zu Vorbildern jenes Lebens
sich verdichteten, so wirkt seitdem die _vollendete_ Bahn dieses Gestirns
auf die Evolutionen der gesamten christlichen Vlker bestimmend zurck. Fr
das schauende Auge nun konnte die damalige Welt nur im Zeichen jenes
trauernden Erlsers stehen, von dem die Scholastiker sagten, da er am
lberg gebrochenen Herzens zusammensank, weil sich ihm da die partielle
Fruchtlosigkeit seines Opfertodes auftat.

Nicht ein einziges Mal sehen wir Catharina den Blick hinwenden nach jenem
anderen rtselvollen Auferstehungstage eines verklrten und vergttlichten
Leibes, als sei es nicht an der Zeit, solcher Kunde zu gedenken. Aber wie
entrckt die apollinischen Klnge jenes Tages uns auch verbleiben, die
seither mit den christlichen Nationen vorgegangene Wandlung ist dennoch so
gro, da sich in vieler Hinsicht behaupten lt: der Christus des
Mittelalters und der Kreuzzge ist der unsere nicht mehr. Es ist -- wenn
ich dies Bild gebrauchen darf -- als trte nunmehr die Welt in das Zeichen
der Grablegung, und als dmmerte unsere Zeit oder die nchstkommende, oder
die kommenden Jahrhunderte, dem beruhigten, ahnungsvollen Zauber der
Kartage entgegen. --

So lange Catharina in der Zelle ihres elterlichen Hauses verborgen blieb,
unterschied sich ihr Leben nicht von dem der anderen Heiligen: die Liebe zu
den Armen, die Krankenpflege, selbst die Wunder, die ihr zugeschrieben
werden, dies alles findet sich in hnlicher Weise in so vielen anderen
Legenden wieder. Aber durch ihre groe Heiligkeit wurde sie bald zum
Mittelpunkte einer kleinen Gemeinde, und verschiedene Mantellate hatten
sich ihr angeschlossen, vor allem jene junge Witwe Alessa, aus dem
Geschlechte der Saraceni, der wir in den Briefen als dem Sekretr der
Catharina begegnen. Denn Lesen und Schreiben war dieser nicht beigebracht
worden; man erachtete es fr Mdchen ihres Standes als einen Luxus, und sie
lernte es erst in ihren letzten Lebensjahren. In dem Hause, das Alessa in
ihrer Nhe gemietet hatte, zog sich Catharina vor dem Getriebe und
Gerusche des Frberhauses zu lngeren Aufenthalten und fter zurck, und
bald wird sie nun in ihre eigentliche Bahn gelenkt. Denn nicht nur Frauen
und Mdchen, auch Mnner traten bald in ihren heiligen Kreis, und nicht nur
Geistliche wie ihr Beichtvater Raimund da Capua, sondern junge Ritter, wie
Stefano di Maconi, der vor allen geliebte Jnger, und Francesco di
Malvolti. Catharina kam nmlich mit Weltleuten vielfach in Berhrung durch
eine der denkwrdigsten Seiten ihrer Wirksamkeit: die der
Friedensstifterin. Als solche weilt sie lngere Zeit auf der Burg der
Salimbeni, und wir sehen die Fhrer des kriegerischen Adels, spter eine
Stadt, einen Papst zur Schlichtung der Fehden sich an sie wenden. Der Ruf
ihrer wunderbaren Heiligkeit -- es hie, sie htte monatelang nichts
anderes als das Abendmahl genossen -- verbreitete sich immer mehr. Die
Heiligkeit erlebte aber zur Zeit des Faustrechtes ihr grtes Prestige, und
in dem Italien des 14. Jahrhunderts wob die Zeit selbst an dem Zauber, der
ihr einen so unerhrten Einflu verlieh.

Ihre erste Mission galt der eigenen Vaterstadt, dem von Fraktionen zwischen
Adel und Brger, Guelfen und Ghibellinen zerrissenen Siena. Im Jahre 1368
fiel dort die Macht den, grtenteils aus dem Pbel zusammengesetzten,
sogenannten Fnfzehn zu, die unter Kaiser Karl VI. den Titel Reformatoren
annahmen und das Reformieren auf ihre Weise betrieben. Ihnen galt
Catharinas erster Mahnbrief, und von da an ruhte sie nicht mehr, die
Menschen zur Liebe und zum Frieden aufzurufen. Ihr berstrmendes Mitgefhl
ist ihre Zauberformel, mit der sie die hrtesten und die schwersten Herzen
gewinnt. Zum Tod Verurteilte wollen sie sehen und von ihr getrstet werden.
Ein junger Edelmann: Nicola Tuldo, der wegen seiner Teilnahme an einer
Verschwrung wider die Fnfzehn zur Enthauptung verurteilt wurde, raste
vor Verzweiflung ber sein bitteres Los. Da vermag es Catharina, ihn mit
seinem Schicksal auszushnen: sie steht ihm bei, harrt bis ans letzte Ende
mit ihm aus, und er stirbt getrost, ja glcklich, in ihren Armen.

Es lt sich denken, da Catharina von Anfeindungen nicht verschont blieb.
Aber die Sonne ihrer Tugend berstrahlte so weit alle Verdchtigungen und
Verleumdungen, da ihr Ruf nur um so unantastbarer daraus hervorging.

Nachdem sie 1374 die Pestkranken in Siena gepflegt, verbrachte sie mit
mehreren Mantellaten und Mnchen, darunter der getreue Raimund da Capua,
einen groen Teil des Jahres in Pisa, von der Bevlkerung und von dem
Tyrann Gambacorti begeistert aufgenommen. Dort pflegte sie hufige
Unterredungen mit dem Gesandten von Cypern, der sich auf dem Weg nach
Avignon befand und ihr Umstndliches ber die Mohammedaner berichtete,
gegen die er den Papst zu einem Kreuzzug berreden sollte. Von diesem
Gedanken lie die Heilige nicht los. Sie schrieb an die Frsten und
Feldherrn Italiens, an Carl V. von Frankreich drei dringende Briefe, an die
Knigin Johanna von Neapel, an den Grafen Monna Agnola, und wendet sich
unverzagt an Mnner wie Barnabo Visconti und den Condottiere Hawkwood.
Allein in ihrem so beherzten und naiven Verfahren leuchtet zugleich ihre
groe intuitive Menschenkenntnis hervor und ihr praktischer Sinn; denn das
eigentliche Gebiet der Catharina von Siena ist nicht die Zelle noch die
Krankenpflege, so mutig und gro sie sich dabei bewhrte, sondern die
Politik und die Diplomatie, eine Diplomatie freilich, deren ganzes
Geheimnis Friedensliebe ist und Mitgefhl, und welcher trotzdem ein
unleugbarer und groer Einflu auf die Geschichte Italiens nicht versagt
blieb.

Es war ihr Traum, da die Frsten der Christenheit ihre Fehden schlichten,
um sich zu einem Kreuzzug alle zu vereinen. Es wurde auch wirklich daran
gedacht, den Condottiere schwebte schon die reiche Beute vor, die ihrer im
Lande der Unglubigen wartete, und einen Augenblick durfte Catharina an die
Erfllung ihrer Hoffnungen glauben. Allein die Emprung Italiens wider die
ppstlichen Legaten, die bald darauf ausbrechen sollte, machte ihre
gromtigen Plne zunichte. Catharina schrieb an die Konsuln von Bologna,
schrieb an den Papst und fate damals schon den Gedanken von der
Notwendigkeit eines rmischen Papsttums und seiner Rckkehr in die Stadt
des hl. Petrus. Sie kam indessen wieder nach Siena und erfuhr dort, welche
unheilvolle Wendung der Aufstand in Florenz genommen hatte: statt des
Kreuzzuges sieht sie nun die Stdte Italiens im Kriege wider den
Stellvertreter Christi und die eigene Vaterstadt dem Bunde gegen ihn
beitreten. Florenz aber, den eigentlichen Herd des Aufruhrs, dem schwersten
Interdikt verfallen, das je eine Stadt betroffen hatte. Durch den
ppstlichen Bannfluch fand es alle Hfen verschlossen und sah bald seinen
ganzen Handel ruiniert. Da wandte sich Soderini im Namen der Kriegspartei
an Catharina, von deren Einflu auf Gregor er vernommen hatte, um sie als
Vermittlerin zum Papst nach Avignon zu entsenden. Es lag nicht in
Catharinas Natur, sich einem solchen Wagnis zu entziehen. Im Mai des Jahres
1376 ist sie in Florenz. Von Soderini, in dessen Hause sie wohnt, wird sie
der Signoria vorgestellt und steht alsbald inmitten ihrer diplomatischen
Aktion. Schon am 18. Juni hat sie Avignon erreicht, begleitet von 21
Gliedern ihrer geistlichen Familie, Mantellaten und Mnchen, dem treuen
Raimund und Stefano di Maconi.

Man kann nicht sagen, da die schweren Aufgaben, die Catharina stets so
schnell entschlossen bernahm, ihr je erleichtert worden seien, und es
zeugt fr die Reinheit ihrer Ziele, da sie durch keine Mierfolge in ihrem
Eifer erlahmte. Der Friede mit dem Papste scheiterte sowohl an dem
Verhalten der Signoria, worber wir bittere Klagen in ihren Briefen
vernehmen, als an mancherlei Intrigen von seiten der Kardinle. Catharina
war den Gesandten von Florenz vorausgeschickt worden, um deren vershnliche
Gesinnung dem Papste zu verknden. Als nun diese Gesandten nach langem
Zgern in Avignon eintrafen, erklrten sie keine Vollmacht zu haben, mit
Catharina zu verhandeln; von den Beratungen, die nun stattfanden und die zu
einem neuen Bruche fhren sollten, blieb sie ausgeschlossen. Die Vorschlge
der Signoria an den Papst wurden als unannehmbar verworfen, das Interdikt
aufrechterhalten und die Kriegserklrung von neuem ausgesprochen. Ergrimmt
verlieen die Gesandten Avignon; Catharina indessen, die noch eine andere
Mission erfllen mute, blieb zurck. Es war Gregors frommer und geheimer
Entschlu, das Papsttum nach Rom zurckzufhren. Aber die Kardinle, die
nahezu alle Franzosen waren, der Hof, Gregors Umgebung, seine eigene
Neigung stand diesem Entschlu so mchtig entgegen, da er ohne Catharina
schwerlich zur Ausfhrung gekommen wre. Allein gegen so mchtige
Widersacher, zu welchen sie den Herzog von Anjou, des Knigs eigenen
Bruder, zu rechnen hatte, unternahm sie jetzt den Kampf. Aber Catharina
hatte von Anfang an viel Einflu auf Gregors hohe Seele gewonnen. In ihren
Briefen an ihn spiegelt sich seine eigene liebenswrdige Natur, an die sie
also zrtlich, naiv und strmisch zugleich sich wenden kann. Denn Catharina
war eine Herrschernatur: ein tyrannischer Zug geht sehr deutlich aus ihren
Briefen hervor. Wie sie ihre Kreuzzugsplne nie aufgeben will, so lt sie
nicht nach, dem Papste die Reformation der Kirche, die Beseitigung der
schlechten Hirten und der Mibruche vorzupredigen. Zwar kann ihr die
Schwierigkeit eines solchen Unternehmens nicht verborgen sein, denn diese
heilige Jungfrau hat fr die Verderbtheiten der Menschen einen sehr
durchdringenden Blick; allein es ist, als sei ihr als Ziel das
Unerreichbare gerade recht.

Sowohl fr die Zeit als fr die Art der Abreise Gregors sollte ihr Rat
bestimmend sein. Noch einmal zwar bedarf er ihres anfeuernden Mutes, um
seinen Entschlu zu Ende zu fhren, denn schon hatten sich andere Einflsse
geltend gemacht und ihn zur Rckkehr nach Avignon bewogen, als er nach
einer strmischen Seefahrt in Genua landete. Dort aber hat ihn die Heilige,
die ihm auf dem Landweg vorausgekommen war, erwartet. Es finden geheime
nchtliche Unterredungen zwischen den beiden statt, und wieder erweist sich
Catharinas begeisterte Sprache siegreich ber eine mchtige Partei, Gregors
Unentschlossenheit und das Widerstreben der Kardinle. Jetzt erst kehrte
die Heilige, die ihre Aufgabe fr erledigt hielt, nach Siena zurck. Dem
feierlichen Einzug Gregors in Rom, den sie herbeigefhrt, wohnte sie nicht
bei, sondern war still zu den Ihren zurckgekehrt. Doch sollte ihr
hienieden keine Ruhe mehr beschieden sein. Bald darauf ist sie auf Gregors
Wunsch wieder in Florenz. Soderini, das Haupt der guelfischen Partei, hatte
sie abermals dorthin berufen und in seinem Hause aufgenommen. Es neigten
jetzt alle rebellischen Stdte zum Frieden mit dem Papste: in Florenz war
die guelfische Partei eifrig darum bemht, und im Vorfrhling 1378 kam zu
Sarzano glcklich ein Kongre zusammen, als die Kunde von Gregors Tod die
Verhandlungen unterbrach. Erst unter dem neuen Papste, dem der Friede mit
Florenz dringend am Herzen liegen mute, kam er zum Abschlu. Catharina,
unversehens zum Werkzeug einer politischen Partei mibraucht, war indessen
durch Ausschreitungen der Guelfen in eine sehr schiefe und miliche Lage
geraten. Es kam soweit, da ein Pbelhaufe, von den Ghibellinen gegen
Catharina aufgestachelt, Soderinis Haus umstellte und niederbrannte, um
dann unter wilden Verwnschungen in den Garten einzudringen, in welchen sie
mit einem Teil ihrer geistigen Familie geflchtet war. Catharina aber eilte
da selbst dem Fhrer der Rotte, der mit gezogenem Schwert auf sie
losstrzte, entgegen, und ihre heitere Miene, ihre ruhigen Worte erfllten
ihn mit solchem Grauen, da er entsetzt sich von ihr abwandte und seine
wtende Schar hinwegfhrte. Sie aber brach in Trnen aus, weil ihr das lang
ersehnte Mrtyrertum versagt worden war.

Sie machte wenig Worte aus der Begebenheit und streifte sie nur flchtig in
einem Brief an Gregors Nachfolger Urban VI. Dieser Papst setzte in
Catharina ein unbegrenztes Vertrauen, und als er bald darauf durch das
Schisma und den Abfall seiner smtlichen Kardinle in die furchtbarste Not
geriet, berief er die Heilige nach Rom. Noch einmal ergehen da ihre Briefe
an die Frsten und Kardinle, die frommen Genossenschaften und Klster, sie
zur Treue fr Urban aufzurufen. Auf ihr Zeichen eilen heilige Mnner aus
ihrer Zelle, ihrer Einde herbei. Gesttzt auf Catharinas klugen und
umsichtigen Rat, gelingt es Urban, eine neue Anhngerschaft um sich zu
sammeln, und mit fieberhafter Eile ist Catharina um seine Sache bemht.
Denn ihre Krfte sind aufgezehrt; sie fhlt die lang ersehnte Nhe des
Todes. Zum letzten Male schreibt sie an Urban, ihn zur Milde ermahnend, und
an den getreuen Raimund, der in der Ferne weilt. Am 29. April 1380 stirbt
sie mit dem Angesicht eines Engels im Alter von 33 Jahren. Von einer
inneren Stimme gerufen, war Stefano di Maconi an ihr Sterbelager geeilt.
Auf seinen Schultern trug er sie zu Grabe. --

Catharina hatte wahr gesprochen, als sie im Scheiden ihren geistlichen
Shnen und Tchtern, die sie weinend umringten, verhie: sie wrde
vollkommener mit ihnen sein, und vorteilhafter von dort, als sie es
hienieden vermchte. Gegen die Strme, die nunmehr dem Papsttum beschieden
waren, htte Catharina nichts vermocht, und ihre Mission auf Erden war
erfllt. Ihr lag das Unanalytische zugrunde, das die Groen des
Mittelalters kennzeichnet. Die _Menschenliebe_ war das Geheimnis ihres
Herzens. Ihr Suchen nach Gott und gttlichen Dingen hat bei den anderen
Mystikern einen mchtigeren, transzendentaleren Zug. Gott ist wohl der
Ausgangspunkt ihrer Mystik, die Menschheit aber deren Ziel; man knnte sie
eine auf die Menschheit angewandte Mystik nennen; wie uns ja auch ihre
Beziehung zur Gottheit mehr durch ihre eigenen Heilandszge als ihre
Unterredungen mit Gott beglaubigt wird. Sie hat nicht die Ader eines Franz
von Assisi, nicht den Flug eines Ekkehard, noch die Lichtblicke eines Jakob
Bhme. Im rein Beschaulichen zeigt sie sich nicht versonnen, noch von
reicher Imagination. Auch fr die tiefsinnigsten Probleme ist sie's
zufrieden, den Boden des Katechismus zu durchmessen, und das Rtselvolle,
Vieldeutige und Heimliche eines Ausspruches ist fr sie nicht vorhanden;
denn der eigentliche Sinn dieser Ekstatikerin ist das Reale. Ihr
staatsmnnisches Talent verrt sich in der starken Logik, dem Aufbau ihrer
Briefe; vielleicht fllt gerade das Unspekulative ihres starken Geistes mit
ihrer politischen Begabung zusammen, wie dies in grerem Mastab bei Dante
zutage trat, und ihre Briefe sind deshalb von ungleich hherem Interesse
als ihre anderen Schriften, weil sie uns von dem Interessantesten an
Catharina -- und das ist ihre Persnlichkeit -- am meisten verraten.

Mit diesen Briefen geht es uns wie mit ihr selbst und wie es so vielen
ihrer Zeitgenossen ging, die ihr voll Abneigung entgegentraten und ihrem
Banne verfielen: so mchten wir zurckschrecken vor der Monotonie einer so
einseitigen Weltanschauung und verfangen uns an dem Feuer eines so reinen
und khnen Herzens. Catharina wre uns heute so stumm wie viele ihrer
heiligen Genossen, die im Kalender stehen, wre sie nicht als Frau so
unvergnglich! -- modern bis in die Fingerspitzen -- als Frauenrechtlerin
vielleicht die einzige, die ganz unserem Geschmack entspricht. Wie sie mit
der Sitte, mit allen Konventionen bricht, wie diese Jungfrau, die Mnche
und junge Ritter ihres Alters in ihrem Gefolge hat, frei und kniglich
einherschreitet und wie leicht und wie von selbst sich ihre
Ausnahmestellung in der Welt ergibt, und wie hochgebildete Mnner den Rat
der Frberstochter einholen und der Spott der Rauhen vor ihr verstummt.

Das Geheimnis? -- Ihr Geist allein war es nicht: eine so berbietende
Gewalt hat der Geist einer Frau niemals. Das berbietende an ihr war die
Natur, und man mchte die italienische Volksseele darum beneiden, eine
Blte wie Catharina gezeitigt zu haben. Das mystische an Catharina ist sie
selbst: Alles was Dianenhaftes in einer Frauenseele schlummert, griff sie
leuchtenden Armes hervor. Bis zum innersten Kern eines unklaren und
geheimnisvollen Dranges getrieben, erhebt sie ihn zu mchtiger Bewutheit,
zu einem Typus hchster Jungfrulichkeit sich entfaltend. Sie darf es
verschmhen, hinter Klostermauern sich zu verschanzen und dem Manne, den
sie in sich ausgeschieden, in ihrer mnnerliebenden Seele zu entsagen. Weit
berragt ihre Bedeutung den Rahmen eigentlicher Heiligkeit. Ihre zarte
Gestalt zieht wie ein Mythos am Himmel der Heiligen auf, und unwillkrlich
erinnert sie an jene Worte des Psalms, die Christus an seine Jnger
richtete -- Worte, deren Geltung er ausdrcklich fr den Menschen
aufrechthielt und die an ihrer schlichten Seele vorberhallten: Ihr seid
Gtter!

Weit du, liebster Sohn, da bald ein greres Verlangen, das du hast,
erfllt werden wird? sagte sie zu Maconi. Was ist das fr ein greres
Verlangen, das ich htte? sagte er. Und sie: Frage in deinem Herzen!
Worauf Maconi: In Wahrheit, ich wei kein greres Verlangen in mir
aufzufinden, als immer bei Euch zu sein. Darauf sie rasch erwiderte: Und
das eben ist es! -- Und nimmt ihn mit nach Avignon.

Ein solches Wesen mute das feinbesaitete und stille Gemt Gregors
entzcken. Und wie gut durchschaut und kennt ihn Catharina! Ihn bestrmt
und drngt sie und macht ihm Vorwrfe, und wieviel zurckhaltender,
vorsichtiger, und unfreudiger ist dagegen ihre Sprache dem schrecklichen
und ungeschickten Urban gegenber. Auch ihn nennt sie ihr ses
Vterchen, aber sie holt weiter aus, um ihn zur Milde zu ermahnen; sie
wei, die von ihr ersehnte Reformation ist von ihm nicht zu hoffen: was er
anfat, kann er nur zertrmmern. Aber an ihr findet Urban in seiner Not
seinen festesten Halt: denn immer bleibt das strkste Mobil in ihrer Seele
die Treue einer Kirche gegenber, in deren Dienst sie sich verzehrte. Ich
sterbe und kann nicht sterben! ruft sie oft in ihrer Sorge, wenn ihr
prophetischer Geist ihr die bevorstehenden Leiden und Kmpfe verkndet.

Was mgen ihr fr Bilder vorgeschwebt sein, wenn sie eine Reformation der
katholischen Kirche verhie?

Es ist nicht auszudenken, was die Geschicklichkeit, die Friedensliebe und
der unparteiische Sinn der strmischen, nie ungestmen Catharina verhtet
haben wrde in den verhngnisvollen Tagen, die ein Jahrhundert spter sich
bereiteten.

                  (Zeitlers Verlag.) Die Briefe der hl. C. v. S. 1906.




                        DAS LEBEN DER HEILIGEN
                               WALPURGA


Welch' goldumwobene Tler tun sich dem Blicke auf, der einzudringen sucht
in das Wesen des Wunders! Der Schwung, der den Menschen vom Tiere weg zu
einem neuen Tag und neuen Ufern hinwies, fuhr fort, ihn zu bewegen. Vom
niedrigsten zum hchst Gearteten ghnte schon ein Abgrund, als der Heilige
neue Hhen erklomm. Mute der weit berbotenen Natur, mute diesem neu
geschaffenen Erdreich das bernatrliche nicht natrlich, wie die Blume
dem Abhang entsprieen?

Der Tod, so heit es, sei durch die Snde in die Welt gekommen. Aber dem
wirklich Wahren ist ja stets von mehr als einer Seite beizukommen, und es
trgt stets ein doppeltes Gesicht. -- In der Idee des Menschen lag das
Prinzip des Todes nicht enthalten. Es war nicht gemeint, da er sterbe. Die
Torheit und der Schimpf des Todes waren ihm nicht zugedacht. Es entsprach
ihm nicht, da er modere; noch solcher Mglichkeiten, wie da der Wolf oder
die Hyne ihn, den Herrn, stumpfsinnig zu seinem Fra erniedrige. _Dies_
war von einem hheren Plane aus gesehen _wider die Natur_. Nicht aber, da
unter den Fen des Gottmenschen ein aufrhrerisches Meer sich wie zu
Marmor-Flieen glttete, um seine Schritte hinzutragen.

Nur dem Chaos sehen wir Halt geboten, nur die Ordnung scheint uns
hergestellt, wenn wir vernehmen, da Walpurgas Leichnam unversehrt gefunden
wurde und ihr blhweies Gebein von einem duftenden Oel tauartig troff.
Gott allein wei, wen er zu ehren hat. Da er in das Herz des Menschen
sieht, heit soviel, als da der Mensch es _nicht_ sieht. Denn seine Psyche
ist ein Angesicht, nur fr ein hheres Ich ersichtlich. Und wenn es heit,
da reine Herzen Gott schauen werden, so heit dies, da Gott sie schaut.
Und darum heit es, da der Herr des Lgners Angesicht nicht sieht und
seine Stimme nicht hrt. Denn sein Augenstrahl dringt nur zu dem was ist.
-- Ach, zwei Welten gibt es, die einander meiden mssen! Wo das Seiende
seinen stobenden Funken auf die Welt des Scheines hinschlgt, da ist ihr
starres unabwendbares Gesetz ungewesen und zerflossen. Wie jene Strahlen,
die Fleisch und Blut bersehend, sich nur auf Wirbel und Knochen richten,
so ist ein Auge denkbar, das absieht von Bergen und Wolken und Kuppeln,
Dchern, und der menschlichen Hlle. Ein moderner Denker hat jene vageste
und zugleich bestimmteste Art des Fassens zu Ehren gebracht, die ein auf
das verstandesmige Sehen verzichtleistendes Schauen ist -- jener unter
Schutt und Geblk ringende Funken, Intuition genannt, kraft deren sich die
Kreatur ihrem Joche entzieht und das Unfaliche erfat.

Der Pfrtner, der sich eines Abends weigerte, Walpurgas Befehle
auszufhren, und die Lichter ihres Klosters anzustecken, ist das Bild des
unintuitiven Menschen, der immerzu sieht und nie erschaut, indes Walpurgas
lauterem Herzen ein Licht entquoll und ihre Gestalt umflutete, die mitten
in der Nacht so hell zu leuchten begann, da die Schar der Nonnen bestrzt
herbeieilte und sprachlos vor Staunen die Strahlende umringte.

Aber die dem Unwahren berwiesene, vom Schein genarrte und gefolterte
Kreatur hat das nur der Intuition erkennbare Wahre diskreditiert und das
Wort Mirakel dafr gesetzt.

                                                                 1911.




                             BEI DUCHESNE


                                  I.

Seit ich ber die heilige Catharina und die heilige Walpurga schrieb, sind
nur wenige Jahre verflossen, und doch ist es schon nicht mehr dieselbe
Zeit. Jetzt erst realisiere ich, wie reizvoll es war, religisen Problemen
nachzuhngen, whrend sie so ziemlich niemand interessierten. Ich sage dies
nicht aus Hochmut. Es sind Beleuchtungsfragen, und jeder kennt ja ihren
Belang. Wir wissen, da eine zu offene Helle die Dinge schlagen und ihrer
Intimitt berauben kann; wie sehr dagegen jenes andere gehemmte und
entkrftete Licht alles verstrkt und verdeutlicht, was es bestrahlt; --
Mitsommers vielleicht, whrend das voll entfaltete Laub regungslos unter
dem bedeckten Himmel hngt.

Eine frhe, noch ungewohnte Christenheit sah alles so grell, da sie
verwirrten Sinnes die Geschichte ihres Kultus wob. Aber seit Dezennien, ja
seit Jahrhunderten schon hat sich ein stetig wachsender Indifferentismus
wie Wolkenbnke aufgeschichtet. Die Dinge der Religion lie man links
liegen, hrte auf, sich zu ereifern. Immer weiter glitten sie wie
Abgeschiedene von uns weg, und immer weniger gehrten sie her.

Merkwrdigerweise grte dabei das christliche Agens wie ein Sauerteig in
unserer entfrommten Welt unbeschadet weiter, fand andere Ventile, und
pflanzte sich in unserer Philantropie wie zu einem blhenden Stabe auf. Es
war erstaunlich zu sehen, wie gut gerade der Katholizismus es vertrug, da
man ihn in Ruhe lie, und abgewandten Sinnes lieber fliegen, forschen und
entdecken lernte. Ja, es schien, als atme er indessen von den Strapazen
unserer tausendjhrigen Miverstndnisse auf; sachte begann er schon der
bitteren, unleidlichen Rinde sich zu entziehen, in die Menschenhnde ihn
verbaut hatten, glitt einer neuen Kurve zu und evoluierte wie ein Planet.
Ja, man kann sagen: seine Idee evoluierte in dem Mae, als seine Dogmen an
Presenz und Deutlichkeit verloren. Nichts gleicht ja so vollkommen einer
Kugel als diese Idee. Und so drehte sie sich nur um ihre Achse, als sie,
ohne doch von uns abzurcken, wie der Neumond unserem Gesichtskreis
entschwand . . . Aber leider sind wir daran, ihn auf seiner Bahn noch
einmal strend aufzuhalten. Aus der Penombra unserer Gleichgltigkeit soll
er noch einmal vorschnell ans Licht, und wenn nicht alles trgt, so kommt
wahrhaftigen Gottes der Katholizismus jetzt in Mode.

Auf irgend einen Umschwung mute man ja gefat sein. Mit der Liebe als
Topic ist es bekanntlich vorbei, sie mu sich erst von der Publizitt
erholen, die wir ihr ein Jahrzehnt lang angedeihen lieen, so da wir eine
Zeitlang lieber nichts mehr von ihr hren. Wer hinzukommt, wie ein Rad
ausluft, der harrt der neuen Schwingung: so sind heute die Unerfahrensten
blasiert. Und daran ist ja nichts auszusetzen. Wohl aber, da man darauf
verfiel, nunmehr das Religise gewissermaen als Novitt auf seine Zugkraft
hin zu erproben! Auch der laueste Katholik sieht heute entsetzt, wie die
Literaten deutlich Miene machen, den Katholizismus zu entdecken. Nicht
als Ausbende versteht sich, nur als Imaginre, die allen Ernstes glauben,
aus Sport, und wie man Wagnerianer und spter Antiwagnerianer war, so knne
man auch katholisch sein. Ein grotesker Wahn, wenn man bedenkt, da der
Begriff Amateur-Katholik so wenig wie der des Amateur-Soldaten existiert.
Und zge einer in Helmbusch und Epauletten einher, und wrfe sich gar in
eine Generalsuniform, weil sie ihm so gut gefllt, so htte er doch erst
recht mit militrischen Dingen nichts zu schaffen; es sei denn, da er dem
Stande beitritt und sich dem Drill unterzieht. So fragt der Katholizismus
nicht nach Velleitten, er fragt nicht, wer fr den Pomp seiner Zeremonien
und Gewnder, auch nicht, wer fr den suggestiven Zauber des Meopfers
schwrmt, sondern er fragt nur, wer eingeht durch das kaudinische Joch, das
bis auf weiteres den einzigen Zugang bildet zu einer ehrwrdigen und
wetterfesten, aber der Umgestaltung so dringend bentigenden Feste, da nur
mehr die ganz Einfltigen, die freiwillig Gedankenlosen oder Leute von sehr
merkwrdiger Abstraktionsfhigkeit ihre Besatzung bilden. Und er fordert
von diesen Wenigen, da sie es ber sich bringen, die wankende Burg um
ihres ewigen Grundrisses willen nicht zu verlassen. Er fordert, da sie,
wenn auch ohne Illusion und des Einsturzes gewrtig, den tglich
unleidlicheren Verhltnissen sich fgen. Er fragt nicht, welche Grimassen
sie dabei schneiden. Es gengt ihm, da sie nicht ausziehen. Denn er bedarf
ihrer als Pfeiler fr den kommenden Umbau.

In Rom, bei einem Kardinal, der ein sehr heiliges Leben fhrte, war eines
Tages im engsten Zirkel von der letzten Papstwahl die Rede; und auch von
den politischen Intrigen, die damals in allen Kanzleien so ppig und
offenkundig in Blte kamen, da am Tage der Entscheidung einer der
Botschafter mit der Prognose: Ce sera un petit pape -- im Gegensatz zu
Leo XIII. -- unumwunden herausrcken durfte. Der Neffe des Kardinals wagte
zu bemerken, da sich der hl. Geist whrend dieses letzten Konklaves sehr
passiv verhalten habe. Et vous croyez, sagte der Kardinal, nicht etwa
ironisch, sondern mit der Fassung und erfahrenen Gelassenheit des
Veteranen: Et vous croyez, que dans cent ans nous aurons encore ces
chinoiseriesl? Mgen manche Katholiken unglubig die Kpfe schtteln,
mgen sie den Neokatholiken unbegreiflich dnken; dies waren seine Worte.
--

Ich mchte hier etwas ber Konvertiten einschalten. -- Zwischen ihnen und
den angestammten Katholiken herrscht so oft eine merkwrdige Fremdheit, als
wren sie gar keine richtigen Glaubensgenossen. Der alte Bau, der fr die
Einen die edle Patina der Jahrhunderte trgt, steht wie frisch getncht und
so hart und pltzlich -- und so neuartig vor den Augen der anderen. Nichts
von seinen Herrlichkeiten ist ihnen noch gelufig. Als nouveaux riches sind
sie ber Nacht zu dem gelangt, was den Erbangesessenen selbstverstndlicher
Besitz ist. Daher nichts Vornehmeres, aber auch nichts Selteneres als ein
Parvenu -- oder ein Konvertit, -- dem man's nicht anmerkt.

In richtiger Distanz zu dem ewig fluktuierenden Katholizismus zu bleiben,
ist ja eine so schwere und immerwhrende Aufgabe, da eine ganze Anzahl
Katholiken, und gerade die sympathische Sorte, da sie sich nicht lossagen
wollen, lieber Scheuklappen anlegen, als ber ein so gefhrliches und
verwirrendes Thema nachzudenken. Und ich begreife sie sehr wohl. Seinem
Geiste nach ist der Katholizismus etwas in seiner Vollgltigkeit wirklich
zu Insgeheimes und zu Irisierendes. Fr die Armen da, gewi, aber wie ein
Knig fr die Armen da ist, so ist er in seinem unantastbaren Adel denen
sogleich entzogen, die in ihn hinein geheimnissen oder ihm mit
Anachronismen zu nahe treten. Denn er kennt kein Zurck; und
durchschrittene Bahnen umkreist er kein zweites Mal. O wte Claudel, wie
weit dieser Geist seiner versteinerten Muse entschwebt ist, wie wenig ihr
erledigtes Mittelalter den Unaufhaltsamen trifft!

Wenn mir vorhin die Konvertiten einfielen, so geschah es, weil mir bei der
uerung des Kardinals, die ich zitierte, unwillkrlich ihre erschrockenen
Mienen vorschwebten. Der junge Diakon hingegen, an den sich die Worte
richteten, vernahm sie mit einem beschaulichen Lcheln. Er sollte sich bald
darauf durch einen zu frwitzigen Modernismus seinem Seminar miliebig
machen, auch sollte ihm -- gerade nach Torschlu -- dnken, da er fr die
Aviatik oder die Armee -- er stammte aus einer franzsischen
Offiziersfamilie -- berufener gewesen wre, als fr den Priesterstand, den
er offenbar ein wenig vorschnell erwhlt hatte. In dieser Verfassung kam er
nach Mnchen und besuchte mich hin und wieder. Bei seinem skeptischen
Naturell konnte von einem Glauben, der Berge versetzt, nicht die Rede sein.
Intelligent und rege, aber der Wissenschaft, der Technik zugewandt und ohne
jede Einstellung fr das Religise, lt sich denken, wie ihm heutzutage in
seinem Stande zumute sein mute. Seine Ironie war zu wenig gespielt, sein
Achselzucken zu vielsagend, seine Munterkeit zu sehr die eines gefangenen
Eichhorns, kurz, sein Stichwort war die Qual, -- man brauchte es gar nicht
lange zu suchen.

Eines Tages erschien er pltzlich zu ungewohnter Stunde, sich zu
verabschieden. Es habe sich eine Vikarstelle fr ihn geboten; ob er die
annhme, wisse er noch nicht, und er zuckte die Achseln; doch jedenfalls
kehre er nach Frankreich zurck.

Die Fenster standen gro offen, und es war ein Frhlingstag, da ihn die
Gestorbenen unter ihren Erdhgeln spren muten. Als eine verwegene
Negation des Todes rauschte er mit allen Schauern herein, sein Licht hing
sich wie ein Lockruf an den blassen und eleganten Abb und hob mit so weher
Schrfe die Tragik seines Daseins hervor, da ich aufatmete, als er wieder
ging. Doch gleich darauf hielt ich es selber im Hause nicht mehr aus.
Drauen, unter freiem Himmel, angesichts der Straen, der blhenden
Anlagen, da gab es die vieljhrigen Bume, die oft erstorbenen und nun
wieder ergrnten, und Menschen aller Art, erst da lie sich das Schicksal
des jungen Priesters wieder einreihen und erdrckte nicht mehr. Da erst
konnte man sich ein Herz fassen, kalte Dinge in den Tag hineinzudenken.

Zwei Jahre waren vergangen, als ich ihn unvermutet wieder traf. Er hatte
sich in einem Lyzeum ganz der Erziehung junger Knaben gewidmet, seine
Hoffnungslosigkeit schien glcklich eingedmmt; ich fand ihn
zusammengerissen und gefestigt, ohne da er doch im Stillen von seiner
Skepsis das geringste eingebt hatte; er zuckte die Achseln womglich noch
hher als zuvor, und nie war einer seines Zeichens der Dogmen so ungewi.

Warum gehen Sie nicht weg? fragte ich starr.

Es ist keine Sache, die man desertiert, sagte er. Dabei kam ein so
anderer Ausdruck in sein Gesicht, und ich begriff, da eine Weihe wie die,
welche er empfangen hatte, dem Flchtling zum Brandmal werden mte. Fr
den Augenblick wollte mir alles andere gering scheinen im Vergleich zu dem
Leben dieses im eigenen Lager mikreditierten und verdchtigten Abbs, der
mit so groer Selbstverleugnung auf seinem Posten blieb. Weil _hinter_
diesem Katholizismus, dem wir doch sonst lieber heute als morgen
davonliefen, das Rtsel steht, das wie eine noch ungehobene Monstranz weit
hinaus ber unser Dasein schimmert. Weil hier ein Seiendes inmitten der
ewig zusammenstrzenden Gestalten seinen Bann ausstrahlt.

Wird mich der Leser verstehen, wenn ich ihm das Bild nenne, das da
pltzlich vor mir aufstieg? Ein kleiner Reitertro, welcher dem vorsichtig
nachziehenden Heere voransprengt, verwehrte Grenzlinien erkundend, ohne
Deckung, verfallen, namenlos, und dennoch vom Sturm seiner Gesinnung sich
zu opfern hingerissen, weil dort einige Helden liegen mssen, wo die
kommenden Vielen freien Durchzug ber neue Brcken finden sollen. Und auch
jene Kundschafter schwebten mir vor, die sich als erste in die mrderische
Luft erhoben, um sie fr andere zu besiegen. Von dem mystischen
Generalissimus aber, der heute eine solche verschwindend kleine Schar durch
seinen Geist beseelt und, vielleicht ohne es zu wissen, auf ihren
gefhrlichen Vorposten zurckhlt, von Duchesne will ich nun sprechen.


                                  II.

Ich wre glcklich, wenn es mir gelnge, das Bild des Mannes zu umreien,
der sich aus dem unmglichen Kompromi zwischen Skepsis und Glubigkeit
seine gedankliche Wrde und Unabhngigkeit rettete, und -- klug wie eine
Schlange -- die Desinvoltura seines Geistes bis in ihre kleinsten,
spttischesten Zge vorbehielt, whrend er sich doch als ein Gebundener
aller Waffen begab; -- der heute mit einer Selbstverleugnung ohnegleichen
als Trumpf einer Partei steht, die nur darauf sinnt, ihn auszustoen,
whrend er durch sein geistiges Prestige ihre Wagschale hlt; -- der ber
die obskuren Tage, durch welche sich der Katholizismus durchringen mu, wie
ein blhender Ast hinausreicht, und dessen Schatten so beseelt eine
Schwelle berhngt, die er nicht beschreiten wird. Es gibt heute auf der
Welt keine stolzere Gestalt, und keine, die so einsam steht, wie Duchesne.
Nicht mit den Unbedachten und den Fanatikern, die blindlings ein
zerfallendes Gemuer verteidigen, sondern weil er dessen unerschtterliche
Basis ergrndete, nur deshalb verharrt er standhaften Fues inmitten des
immer hastigeren Gerlles. Gar manche Werte, als unvergnglich ausgegeben,
wird es ja als vergangene vor sich hintreiben. Aber keine Kunst wird es
dann sein und keines Scharfblickes wird es mehr bedrfen, sich zu einem
Katholizismus zu bekennen, von dem die dstere, unziemliche und abgentzte
Wrtlichkeit sich endlich lste!

Ich war zum erstenmal nach Rom gekommen und wute noch nichts von Duchesne,
als mich eines Tages Barrre auf die Gste aufmerksam machte, die er fr
den Abend erwartete; er hob den soeben zum Monseigneur ernannten Abb
Duchesne vor allen anderen hervor und bestimmte mich in seiner impulsiven
Art zu seiner Nachbarin. Nun war ich aber noch bertrieben jung, wenn man
so sagen darf, und eine viel zu unwichtige Person, um von dem neuen
Wrdentrger gefhrt zu werden. Man befrderte mich also an seine Linke. Es
war alles was sich machen lie. Zu seiner Rechten sa -- zart und
pariserisch -- die sehr reizvolle junge Gattin eines franzsischen
Deputierten. Sie verstand es sogleich, sich mit einer huldigenden kleinen
Phrase Duchesne zuzuwenden, und ich beneidete sie um ihre Sicherheit,
erschrak jedoch, als sie ihn dann fast unverweilt auf religise Themen hin
unternahm. Allein sie trug sich als strengglubige Katholikin und ohne
Furcht. Leo XIII., obwohl schon ein Sterbender, hatte sie noch empfangen
und ihr seinen Segen gewhrt . . . sie war so glcklich . . . dieser
unvergeliche Eindruck . . . Und werden Sie sich einige Zeit in Rom
aufhalten? fragte Duchesne. Ach nein, leider nicht. Sie msse wegen der
ersten Kommunion ihres ltesten Kindes zurck.

Schade, sagte er.

Es entstand eine kleine Pause; man reichte ihr eben den Fisch, aber dann
erklrte sie eifrig, sie wolle jedenfalls den Abla gewinnen, bevor sie Rom
verliee. Hatte Monseigneur ihn schon gewonnen? Non, gab er zur Antwort,
j'attends qu'il y ait un rabais. Und ohne aufzusehen, lie er ihr ruhig
Zeit sich zu sammeln. Ihr Gatte fing die bestrzte, fast hilfesuchende
Miene nicht auf, mit der sie ber den Tisch zu ihm hinsah, indes ich mich
schnell zurcklehnte, um Duchesne mit einem unaufflligen Blick zu
berfliegen. Mein Herz tat einen groen Ruck und stand horchend still. O,
diese hohe, wie in khner Abwehr geschwungene Braue! dies aufblitzende,
bedrohliche Feuer des Auges! und welcher Ernst hinter dieser grimmigen
Maske! Jene unverbriefte augenblickliche Sicherheit, zu der eine intuitive
Erkenntnis hinreien kann, trug mich da, -- des Pfeils nicht achtend, wo er
lag -- schnurgerade zu dessen Ausgangspunkt hin. Nein, bei Burgunder und
Salmi gab dieser Mann nichts zum Besten von dem, was der Brennpunkt seines
Lebens war. Bedachte sie es nicht und zog sie keine Schlsse, die anmutige
Frau, die sich die Dinge zugute hielt, deren letzte Konsequenzen er trug?
Sein zierlicher violetter Mantel, als seidenes Nichts ber den Sessel
zurckgeschlagen, hing er ihm nicht wie mit eisernen Schlieen am Halse an?
und entnahm sie nichts der so wenig klerikalen, der so priesterlichen
Prgung dieser tragisch in sich gekehrten Zge? --

Ach! so neu war dies! wie wenn Berge zurcktretend ein Tal einlassen. Ich
war so entzckt, da sich mir alles festlich erhhte: das Silberzeug wie
neu gehuft, als spende es seine Pracht zum ersten Male, und auch die
Blumen!

Es ist leider nicht zu umgehen, da hier zu viel von mir selbst die Rede
ist, denn ich mu zur Erklrung manches einschalten. Mit sechs Jahren
steckte ich schon in einem Kloster, das ich erst mit zwlf, beflgelten
Schrittes, auf immer verlie. Der Begriff und das Hochgefhl, ja die Wrde
der Freiheit bestand fr mich darin, da ich nunmehr mit Klosterfrauen,
spitzenbesetzten Heiligenbildern auf Tortenpapier, und den frommen und so
faden ldrucken, vor welchen es in keinem Saale, keinem Korridor, keinem
Vorplatz ein Entrinnen gab, auf immer auer Kontakt treten durfte. Dies
hatte der furchtbare Klosterjargon bewirkt, in den das Erhabene und
Unbegreifliche, als wre es so gegenstndlich wie Reis oder Kaffee, ohne
Unterla hereingezogen wurde. Kein Anla war zu gering, um uns von Gott zu
sprechen. Schneller als man glaubt hat aber die geheimnislose Aufmachung
des Geheimnisvollen das religise Bewutsein eines Kindes zerstrt, und es
wendet sich so bald als mglich von einer Sache ab, die man ihm mit
beschmend albernen Reminiszenzen behing. Ich war mit so mchtigen
Aversionen aus meinem Kloster ausgetreten, da ich mich fortan allen
religisen Errterungen und dem Umgang kirchlicher Personen mit anstiger
Deutlichkeit entzog und meiner Abneigung fr sie auch dann, ja dann erst
recht mit wahrem Behagen treu blieb, als ich angefangen hatte, dem Problem
des Katholizismus still fr mich allein mit gespanntem Interesse
nachzuhngen.

Und nun zurck zu jener Tafel: aber ich glaube, es werden einige schon
begriffen haben, warum da mein Herz so pltzlich hher schlug.

Tags darauf bestrmte ich Barrre, mir zu einer Unterredung unter vier
Augen mit Duchesne zu verhelfen. Ihnen kann er's nicht verweigern, und mich
machen Sie fr den Rest meiner Tage glcklich, beteuerte ich.

Aber Barrre lie sich durch meine melodramatische Geste nicht beirren. Er
dachte nicht, was ein jeder an seiner Stelle gedacht htte: die Kleine
wird mich blamieren! Er zgerte nur einen Augenblick lang, dann schickte
er eine Zeile zu Duchesne hinauf: dieser wohnte nmlich im selben Hause,
wenn auch nach einer anderen Himmelsrichtung und fast eine Viertel Meile
Weges entfernt. Denn das Dach des Palais Farnese ist weitlufig wie ein
Stadtviertel und birgt einen ganzen Komplex verschiedenster Wohnungen. Es
hat sogar seine Slums, sozusagen, unkontrollierbare Schlupfwinkel, aus
welchen allerlei lichtscheues Volk sich nicht mehr vertreiben lt.

Duchesne schickte den Boten mit der Antwort zurck, da er mich am
folgenden Morgen empfangen knne. Als Leiter des Archologischen Institutes
hatte er eine hochgelegene, aber stattliche Flucht von Zimmern inne.
Beklommen erstieg ich die vielen Stufen und begriff den Ansturm nicht mehr,
der mich mit solcher Macht zu diesem Schritt getrieben hatte: er erschien
mir pltzlich anmalich und ungengend motiviert. Lag mir denn auch
wirklich so bermenschlich viel an solchen Fragen? welchen Fragen? . . .
ich wute auf der Welt nicht mehr, was ich Duchesne sagen wollte, und
angsterfllt zog ich die Klingel.

Der Diener verneigte sich stumm, zum Zeichen, da ich erwartet sei, und aus
dem Halbdunkel trat eine Katze hervor, die sich ohne Zgern meiner annahm
und mir voranschritt. Zwar htte nichts farbloser sein knnen als Duchesnes
Empfang. Mir jedoch, da ich vor ihm stand, verscholl alles Alltgliche, und
alles Zufllige strzte mir zusammen wie Kulissen, die aus dem Wege mssen
und mein wahres Leben umgab mich wie ein Paradies. Kindheit und Jugend von
mir fortgeweht und selbst die Jahre, die noch vor mir lagen, im voraus
abgesponnen, gehrten mir nicht mehr an, keine Zeit, nur diese eine
denkwrdige Stunde; kaum ein Geschpf, nur ein Gedanke, so stand ich vor
ihm; nichts von dem Zimmer wahrnehmend, in dem ich stand, nur den Himmel,
der durch die Scheiben sah: rosige Wolkenstreifen ber den Janiculus. Es
ist Abend, dachte ich.

Guten Morgen, sagte Duchesne.

Doch ich blieb unter dem vagen Eindruck eines Abendhimmels und sah so klar,
wie ohne diese unverhoffte Begegnung mein Weg sich verengte und ich
abstrzte. Aber im magischen Schein dieses sinkenden Tages, der ein
aufziehender war, dnkte es mir mit nichten wunderbar, da der ausgerechnet
einzige Mensch auf dieser Erde, vor dem ich mir -- wie ich nun einmal
beschaffen war -- die Besttigung, das Gelnder dessen holen wrde, was
ich mir nun schon lange -- Sprosse fr Sprosse -- trotzig aufbaute, hier
vor mir stnde, mich zu vernehmen. Die Tatsache war schon vergessen, da
sich mein Leben bisher zu einer Mosaik heftiger, stets unerfllter Wnsche
mit erstaunlichem Tempo zusammensetzte. Stand doch auch mein Umgang mit
Menschen damals im Zeichen des erbitterten, weil unstillbaren Wunsches, auf
einen Stuhl zu steigen, und was ich gerade meinte oder dachte, furchtbar
hinauszuschreien, um die Nichtachtung zu bertnen, die meine aperus samt
und sonders erfuhren. Die sogenannten reifen Leute pflegen ja den Werdenden
jeden Kredit auf eigene Gedanken um so systematischer zu verweigern, je
gedankenloser sie selber sind. Und doch trgt einer seine paar Ideen, wenn
berhaupt, schon sehr frh mit sich herum, und sich selbst berlassen,
kommt vielleicht nichts seiner Bedrngnis gleich.

Aber hier stand der gewaltige Duchesne, und ihm bekannte ich da in hastigen
Umrissen die ganze Not meiner geistigen Existenz: Wie ich auf meiner Flucht
vor all denjenigen Dingen, die mir so frh verleidet wurden, dem
menschlichen Geiste auf allen mir zugnglichen Gebieten, nur nicht den
religisen, nachzuspren begann, wie aber alle diese der Religion
entfremdeten, oder sie ignorierenden, ja sie scheinbar negierenden Pfade,
sich mir zu guter Letzt als Umschreibungen jener selben Mysterien
bekundeten, deren Sinn, ja deren Wahrheit mir eine zu unumwundene und
plumpe Wrtlichkeit so frh raubte; wieso ich die Leute nicht verstnde,
die es sich untersagten, den Dogmen nachzuhngen aus insgeheimer Furcht,
sie dann bezweifeln zu mssen, und wie feig, wie trge, wie wenig
menschenwrdig mir dies erschiene; um so mehr als sie den spekulativen
Gedanken auf das uerste anzuspornen vermchten, und es eine Art gab sie
zu jagen und zu verfolgen, bis sich ihre Fassetten zu einer vieldeutigen
Einheit blitzend zusammenballten, daran sich von neuem Alles erproben, die
khnsten, frwitzigsten Spiele treiben liee, die selbst mit dem
schwindligen Kosmos bemessen, ihre Schwingung behielt . . . die vielen
Wohnungen auch wirklich birgt, von welchen geschrieben steht, und also auch
Hrden den Einfltigen gewhrt; da sich der Freie aber nur deshalb
zufrieden gibt, weil hier ein Geheimnis hinter dem anderen lauert, und
Unerforschliches hinter dem Erforschlichen wie im Sternenraume immer neue
Kreise einbezieht. Eine solche Einsicht, meinte ich, in einem Zuge
fortredend, hatte so sehr den Charakter des einreienden Affektes, da man
wohl scheuen knne, ihn vor sich selber auszuplaudern . . . . daher das so
sehr Fakultative dessen, was man Frmmigkeit nennt und fr einen
Bestandteil des Religisen hielt, whrend es ein vielfach sich lsendes
Abzeichen sei.

Duchesne unterbrach mich mit keinem Wort. Am Fenster stehend, und halb mir
zugekehrt, hrte er mich an. Ich meine, wir sind so empfindlich geworden,
gerade in solchen Dingen, fuhr ich fort, denn wir neigen so stetig vom
Sichtlichen weg! Wem der Katholizismus seit Generationen im Blute sitzt,
der scheint heute Nichtkennern unverstndlich, fast hostil. Schon fordert
er den Altar als Hintergrund fr Priestergewande. Mnchstrachten und
Klosterschwestern im Straenbild sind nicht glcklich -- -- -- --

Die Sonne senkte Streifen goldenen Staubes herein. Bald wird sie sinken,
dachte ich, und meine Worte fingen an sich zu berstrzen: durch das
berdauernde und Grenzenlose der Konnexe war eine Sache gro. Alle Knste
aber strebten seit vielen tausenden von Jahren an den Schleiern unseres
Kultes zu weben und waren von jeher durch den Pulsschlag oder den Gedanken
eminent katholisch. Aber ein so flutendes Meer wurde zum ungespeisten
Gewsser verdrngt, das universalste zum einschichtigen, die Sache, deren
Schlagwort unbegrenzte Elastizitt ist, zur verdrielichen Enge. So kehrt
fast jeder um, wo dennoch ein Weg ber jene Himmelsbrcke bis zum alten
Hellas hinberreicht, das sich als gewaltiger Aufruf, als elementarer
Auftakt der Messianischen Zeit aus der Versenkung hebt. Und die Gestalt des
Erlsers . . . Hier brach ich ab. War es denn ntig, etwas hinzuzufgen?
Mute der Mann, zu dem ich mit geweiteten Augen hinbersah, nicht mit einem
Blick erraten, wie sich auf dem eingeschlagenen Wege die Prinzipien, die
man mich als Gegenstze gelehrt hatte, ins Unabsehbare vershnten, und wie
brennend ein solcher Verdacht mich innerlich einschlo und umzngelte?
Vielleicht hatten ihn schon viele geschpft; ich konnte es nicht wissen, da
ich ihn noch von niemand vernommen und zu niemand geuert hatte. Unter den
geistvollen und mir unendlich berlegenen Menschen, die ich schon kannte,
war mir doch keiner vorgekommen, dem ich gerade in solchen Dingen die
Autoritt zugestanden htte, mir diesen Verdacht zu besttigen oder zu
bestreiten; keiner, dessen Widerspruch mich nicht unbeschreiblich gereizt
htte, um dann anzunehmen, da ich es selber besser wte . . .

Wozu hatte ich jetzt gesprochen, wenn dieser hier alle diese Dinge nicht
erriet?

Monseigneur, schlo ich unvermittelt, tusche ich mich oder habe ich recht?

Und Duchesne antwortete mir ohne Zgern.

Aber mein Gehirn war pltzlich wie ausgelscht und leer und ein Bschel
Frsien, deren Duft ich bisher nicht wahrgenommen hatte, ward
berwltigend. Ihre archaische Seele ausatmend -- diesem ewigen Echo von
Hoffnung, Frhling, unglcklicher Liebe -- bestimmten sie den Klang dieser
Stunde und trugen ihre schwere und doch so beschwingte rmische Luft, ins
Unermessene hin.

Duchesne sa mir jetzt gegenber und sprach unter anderem von den
Katholiken Deutschlands.

En Allemagne on aurait fait de moi un Dllinger, sagte er, ici on m'a
fait Monseigneur.

Und es fiel mir ein, da Barrre sich fast ein wenig verwundert ber die
Befriedigung geuert hatte, welche ihm diese Ernennung bereitete. Ich
begriff die Genugtuung so wohl. --

Aber ich fhle, wie ungeduldig der Leser auf mich wird. Duchesnes Antwort
ist es, die er wissen mchte, und ich kann sie ihm nicht sagen, denn mein
Besuch ist kein Interview gewesen.

Genug, da dieser wegen seines Liberalismus so viel angefeindete Mann der
beienden Sarkasmen, der bitter-frivolen Witze, sich als ein heiliger
Priester entlarvte. Die Entdeckung, obwohl gleich bei der ersten Begegnung
so vorschnell geahnt, war so wichtig, da ich sogleich wute, bevor ich es
erfahren lernte: Da mein Leben, was immer es mir bringen oder verwehren
wrde, dennoch in dieser Unterredung mit Duchesne seinen eigentlichen
Abschnitt fand und in ein vor oder nach ihr zerfiel. Ja, ich verlie ihn so
ganz von diesem Bewutsein eingenommen, da ich wie im Traum die vielen
Stufen hinabging, die ich so bang erstiegen hatte. Vor dem khlen Palast
lag jetzt der Campo di Fiore in der Mittagsglut. Wo sich trge und lau, und
doch nachhaltig wie ein Lied, sanfte Levkojen huften, nahm ich meinen
Stand, zu glcklich, um mich von der Stelle zu rhren. Nichts war ja
sinnlos und alles hing zusammen.

Ein paar Tage spter traf es sich, da ich infolge einer Konfusion in
Duchesnes Wagen von einer Gesellschaft mit ihm zurckfuhr. Wir sprachen
dabei ber das holperige Pflaster, die zunehmende Hitze und die mangelhafte
Beleuchtung des nchtlichen Rom.

Als bald darauf bei ihm selbst ein Empfang stattfand, kam ich ihm nicht in
die Nhe, und als ich mich in der Folge wieder nach Rom begab, suchte ich
ihn nicht mehr auf.

Die Jahre verstrichen, ohne da ich ihn wiedersah. Von dem neuen Kurs
begnstigt, hatte einstweilen in den klerikalen Blttern des halben
Kontinents jene berhmte Hetzjagd auf ihn eingesetzt, bei welcher er nicht
besser als ein Ketzer behandelt und seiner Ernennung zum Mitglied der
franzsischen Akademie mit tglich neuen Insulten entgegengetreten wurde.
Ein Buch, das unter Leo XIII. niemand zu rgen wagte, stand pltzlich auf
dem Index, und der Augenblick schien endlich gekommen, wo er, der
ungerechtfertigten Angriffe mde, durch einen offenen Bruch entgegnen
wrde. Wenn die Nichtkatholiken darauf wetteten, so konnten ihn seine
feindlichen Glaubensbrder kaum erwarten. Aber ich wute zu genau, da er
diesen den Gefallen nicht tun wrde, um mich auch nur zu erkundigen,
welchen Entschlu er getroffen hatte.

Es wurde Mittsommer ber der hlichen Campagne, ich war gerade in London
und wollte nach Deutschland zurck, als ich durch eine Zeitungsnotiz
erfuhr, da Duchesne sich in Paris befand. Pltzlich lebte da bermchtig
der Wunsch in mir auf, ihn wiederzusehen. Seine Adresse war schnell
ermittelt, ich schrieb ihm, da ich ber Paris fhre und fragte an, ob er
mich empfangen wolle. Die Antwort war ein kleines Billet, mit sorglicher
Angabe der Untergrundbahn und der Stationen, wo ich ein- und umsteigen
msse, um am schnellsten vom rechten Ufer zu ihm hinberzukommen. Mglichst
bald, denn er sei im Begriff, in die Bretagne zu fahren! Ich reiste
sogleich, war abends in Paris, und kndete mich fr den nchsten Morgen bei
ihm an. An der Hand seiner Vermerke legte ich, bald ber, bald unter der
Erde, den komplizierten Weg zu seiner verlorenen kleinen Sackgasse zurck,
in der sich zweistckige Huser altmodisch aneinanderreihten. Ich eilte
eine Stiege hinauf, trat rasch durch eine Tre -- wie damals stand er am
Fenster -- kein Janiculum mehr -- gesenkte Jalousien, um das Sonnenlicht zu
dmpfen; wie damals wute ich nichts von dem Raum um mich her. Ich hatte
mich verschleiert, wie man das unwillkrlich tut, wenn man jemand nach acht
Jahren wiedersieht; sein verndertes Aussehen aber war es, das ich mit
Bestrzung wahrnahm. Nicht, da er krank oder stark gealtert schien, es war
noch das schnell bereite, fast bedrohliche Aufblitzen des Auges, die khne
und gebieterische Abwehr, aber es war auch die Furche des Kummers, etwas so
Bitteres, ein so whlender Gram, da mir der Gedanke an Knig Lear durch
den Kopf scho, wie er in seiner Verlassenheit die sturmgepeitschte Natur
zum Zeugen erlittenen Unrechts anruft. Es war nur eine andere Zgelung,
aber es war dieselbe Gehetztheit.

Sie wissen, sagte er auf welche Weise man mich zur Strecke zu bringen
sucht.

Aber so vergebens, meinte ich achselzuckend.

Keine Waffe scheint dafr zu schlecht, und er deutete auf die Bltter und
Zeitschriften, die ihm offenbar soeben zugekommen waren. Vor ihm lag eine
Revue aufgeschlagen.

Ist Ihnen das schon bekannt? fragte er, und nannte die Beschuldigungen,
die in heuchlerischen und perfiden Protesten gegen ihn erhoben wurden.

Warum in aller Welt lesen Sie dieses Zeug, rief ich und starrte ihn
verwundert hinter den verschnrkelten Gittern meines Schleiers an. Aber er
machte kein Hehl daraus, wie sehr es ihm zu Herzen ging. Ich war
aufgesprungen.

Monseigneur, rief ich, Sie mssen doch wissen, da Sie der Halt einer
verstreuten kleinen Gemeinde sind, die einfach durch die Tatsache, da Sie
da sind, lediglich durch den Eindruck Ihrer Existenz beherrscht, verankert,
durch Sie allein gehalten ist.

Es freut mich, sagte er, doch ohne da seine Zge sich erhellten. Aber
sehen Sie -- es knnen doch auch Rechtdenkende an mir irre werden, wenn sie
alle diese Schmhungen lesen. Und er deutete wieder auf die Bltter hin.

Das ist mir zu viel Bescheidenheit, gestand ich.

Wir sprachen dann von anderen Dingen, aber auch sonst war eine Unfreude und
Entmutigung an ihm, die ich nicht kannte.

Die Strae lag brtend vor mir, als ich wieder aus dem Hause trat, aber ich
ging zu Fu meinen langen flimmernden Weg.

Ist uns nicht, als wollten wir immerzu gehen, ungestrt unser Lebtag lang,
wenn infolge eines starken Kontaktes ein geistiger Pendel in uns schwingt?
Es kann sein, da dann unsere Fe ganz mechanisch einsetzen, nicht wahr,
oder wie eingewurzelt stehen. Zwar hatte ich Duchesne gegenber die
richtige Note wohl nicht getroffen. Schnell fertig hatte ich unberlegt
geglaubt, er wrde sich mit ein paar schlechten Witzen und einem ironischen
Achselzucken ber den obskuren Tumult hinwegsetzen, der ihn verfolgte, und
whrend er meinen Besuch als eine Sympathiekundgebung erwartete, hatte ich
ihm nur Lebhaftigkeit bezeigt. Es war gewi schade, dennoch konnte mich das
Bedauern darber nur flchtig stren. So leicht wog da alles Persnliche!
So unnachhaltig erwies es sich!

Ich erinnere mich keines heieren Tages wie jenes 14. Juli in Paris. Die
Huser waren beflaggt, aber die Straen schienen zu trauern, da keine Fahne
sich regte. Erst nachts, als ich zur Bahn fuhr, belebte sich das Bild.
Singendes Volk schwrmte durch die Straen, und alle Leierksten der Stadt
orgelten durch die Luft. Ein Mdchen tanzte, hocherhobenen Kopfes, unter
dem dunklen Himmel, von Zuschauern umringt.

Doch welch barscher Novemberwind wirbelte die Bltter von der feuchten Erde
auf, als ich wiederkam! Alles Laub dahingerafft und schon vergessen. Aber
ich will nur den einen Moment herausgreifen, da ich im Flur von Professor
Bergsons Hause der Ausgangstre zuschritt und er mich geleitete. Ich wei
nicht wie es kam, da vor seiner offenen Schwelle und dem niedrigen Himmel,
der seinen erstorbenen und verwehten Garten berhing, Duchesnes Namen
zwischen uns fiel, und wir seiner einzigartigen Stellung in der geistigen
Welt gedachten. Und Bergson sprach von dem Katholizismus im Lichte dieses
groen Katholiken, der, so klug, so wohl beraten und durch den Irrtum
anderer gewitzigt lautlos jenen treibenden und langersehnten Schritt
voranging, der den Schismatikern milang.

So klar entstand jetzt zwischen uns sein undeutliches, von den Nebeln des
Tages verhlltes Bild, als sei es schon entseelt und als htte sich sein
Schatten zu uns gesellt. Bergson drckte die Klinke wieder zu. Wir muten
lcheln. So ohnmchtig also verhielt sich hier der Tod, so wenig wrde es
hier fr ihn zu holen geben, wenn er da rufen wrde! -- -- --

                                                 1914 (Weie Bltter).




                                BARRRE


Whrend meines letzten Aufenthaltes in Paris kam ich eines Abends zu
Barrre, der wegen Influenza das Zimmer hten mute. Ich traf ihn lesend,
die Fe auf einem Stuhle ausgestreckt, Zeitungen ber ihn geschichtet und
wie eine Decke von ihm niedergleitend. Eine Lampe hing gerade ber seinem
weit zurckgeworfenen Kopf.

Ich wollte ihn bitten, liegen zu bleiben, aber schon war er aufgesprungen,
mit jener knabenhaften Schnelligkeit, die alle seine Bewegungen
kennzeichnet. Sie bleiben den Abend? fragte er. Ich bin bei Ihnen
eingeladen, erinnerte ich ihn. Und ich trat an den Kamin, darin hohe,
still flackernde Flammen loderten. Es war ein dunkler, trber und
regnerischer Tag gewesen. Ich fand Barrre, den ich seit zwei Jahren nicht
gesehen hatte, verndert. Auf das lebhafteste gemahnte er mich jetzt an
einen Ausspruch, den ich mir zu zitieren gestatte, obwohl er nur von mir
ist.

Habt ihr nicht bemerkt? fragte ich schon Anno dazumal, da noch kein
Mensch auf das, was ich sagte (auch wenn es noch so richtig war) im
geringsten achtete; habt Ihr nicht bemerkt, da wir nur in dem Mae
altern, als wir nichts taugen? Nun hatte ich Barrre das letztemal kurz
nach einem Sturz vom Pferde getroffen, und ich erinnere mich sehr deutlich,
wie pltzlich das Zukunftsbild eines alternden, einer bestimmten Generation
angehrenden, sich nicht mehr erneuernden Barrre flchtig in mir
vorberzog. Denn auch fr die Besten kommt der Augenblick, wo der Genius
der Zeit, dieser rgste Feind des Menschen, ihn umwittert, um an sein
Tagewerk, sein Wesen, ja an sein Ich das grausame Schild Vorbei zu
hngen. Doch als jenes Bild von einem Barrre, qui a fait son temps, in mir
aufzog, da hatte ich vergessen, wie sehr seine Einstellung doch gerade auf
Fuangeln, Hemmungen und Hindernisse war, und mit welchem Geschick er
miliche Umstnde zu einem Wetzstein seiner Fhigkeiten konvertierte.

Ich kannte ihn nun seit vielen Jahren, aber ich mute mir gestehen, da er
inzwischen ber sich selbst so rastlos hinausgewachsen war, da seine
Haltung, seine Zge, seine Gestalt einen Meiel, ein hheres Training, eine
feiertgliche Glasur erlangt hatten, sein Blick aber bei gesteigerter
Aktuitt eine innere Stille, mit einem Worte: da er die Miene desjenigen
trug, der es insofern mit der Zeit aufnehmen darf, als er sie nie
vergeudete. (Zwar hatte er schon als junger Minister die Aufmerksamkeit
Bismarcks erregt, der auf ihn als auf den kommenden Mann hinwies, ein Wink,
der bei uns unbeachtet blieb.)

Wie ist es drauen? fragte er.

Trb, windig und regnerisch. Und ich sagte ihm, da ich in der rue de la
Paix, in einem Wagen wartend, die Passanten gemustert hatte, und wie schwer
es mir schien, den Typ der heutigen Generation zu bestimmen. Es gibt die
Menschen der achtziger, die der neunziger Jahre, aber die Leute von 1911,
meinte ich, die gibt es eigentlich garnicht, und man wird eines Tages seine
Not mit ihnen haben, so transitorisch, so ungefhr erscheinen sie, als
seien sie nur angedeutet. Sehr ausgesprochen ist nur das eine Merkmal, da
die wenigen groen Leute, die es noch gibt, so vorschnell, als seien sie
abberufen, diese Welt verlassen. Welch erlesene kleine Schar bilden unsere
heurigen Toten! Unter ihnen kein einziger Greis.

Es ist eine an berragenden Persnlichkeiten sehr arme Zeit geworden,
stimmte er mir bei.

Wenn Sie Umschau halten, sagte ich, noch immer vom Kamin aus, mssen Sie
finden, da Sie herzlich wenig Kollegen haben.

Fr einen wahren Diplomaten, bemerkte er, gengt es heute nicht, nur
Nationalist zu sein. Sein Blick mu noch weiter hinausreichen.

Es entstand eine Pause, denn ich wollte nicht sagen, was ich dachte, da
erschien ein soeben von Rom angekommener Sekretr seiner Botschaft unter
der Tr. Zufllig hatte ich auch ihn vor zwei Jahren hier getroffen; er war
damals ein Neuling in der Karriere und ich hatte mich im stillen gewundert,
da Barrre ihn so ohne weiteres fr seinen Stab akzeptierte, denn er war
mir recht talentlos, nichtssagend und langweilig erschienen. Und nun htte
ich ihn kaum wiedererkannt in diesem lebhaften, energischen jungen Manne,
der sich mit so groer Przision ausdrckte und dessen Wesen einen so
eigentmlichen Ernst und eine so groe Aufmerksamkeit verriet. Dies also
war unter dem Einflu eines solchen Chefs aus ihm geworden.

Von Rom her wute ich, mit welchem Wetteifer sein Personal arbeitete.
Vielleicht lag die Strke seines Einflusses in der nie Klte und
Gleichgltigkeit ausstrahlenden Sobriett seines Verhaltens. Was er aus
sich selbst gezchtet hatte, war die treibende Kraft geworden, die er in
seine Leute hineinlegte und magnetisch sie bereicherte, um aus ihnen das
uerste an Arbeitsfhigkeit herauszuholen. Denn das Plastische war einfach
seine Ader.

Ich dachte an Mottl, den Unvergelichen. Wie kraft seiner, nie Klte noch
Gleichgltigkeit ausstrahlenden Sobriett der Geste selbst die Unbegabten
und die Lauen unter seinem Banne zu Taten aufgerttelt und mit fortgerissen
wurden und sich selbst weit berboten, und er Funken seines eigenen Feuers
aus _ihnen_ schlug, um Tongebilde auf goldenen Sulen ans Licht des Tages
emporzutragen. Denn das Plastische war seine Ader.

Man hegt in Deutschland eine sehr bestimmte Meinung ber Barrre, aber wenn
er ein Siamese wre, knnte uns sein Wesen nicht ungelufiger und
unbekannter sein. Als ich vor mehreren Jahren einen Aufsatz ber ihn
verfate, berief ich mich darauf, da auch bei dem gewiegtesten Diplomaten
ein Hauptgewicht auf sein Temperament zu legen sei. Und das Temperament
Barrres sei das des Architekten.

Und so winkte ich lang, ehe es noch ein Marokko zwischen uns gab, mit
Girlanden und Zaunpfhlen meinen Landsleuten zu, die natrlich nicht die
leiseste Notiz davon nahmen. Denn in keinem Lande ist es so unmglich, sich
Gehr zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Wrden schon ergraute, wie
bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Sngern ist Jugend bewilligt. Ich
glaube brigens, da sich um dieselbe Zeit in Deutschland ein Mann vom Rang
und Ansehen eines Barrre schwerlich herabgelassen htte, sich mit solcher
Schlichtheit ber europische Dinge hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Man wird mir einwenden, da er sich den Luxus der Bescheidenheit gestatten
durfte. Das war ja auch meine Idee.

Aber eben darum greife ich die Presse auer acht lassend, weiter zurck;
denn die Zeitungen sehe ich nur mehr sehr flchtig durch. Sie immerzu als
aufgeregte Ohnmchtige zu handhaben, war auf die Dauer allzu lcherlich und
zwecklos. Und so greife ich weiter zurck und sehe etwas Unheilvolles und
Gefhrliches in unserer Arroganz. Sie ist es, die unserem Verstndnis
franzsischer Wesensart so sehr im Wege liegt. Und sie ist das Bedenkliche
und Hinzugekommene. Das Ominse und Charakteristische bei gewissen
Alldeutschen ist, da sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der
Besonnenheit behauptet und da Tren zuschlgt, wo sonst Gedanken wren
. . .

Zwar wird heute hin und wieder, zwischen Deutschen und Franzosen, etwas von
einem Sich-besser-kennen-lernen, niemals aber die Frage nach dem
Sich-weniger-kennen ventiliert. Nun behaupte ich, da die Franzosen uns
unrichtig und ungengend, wir die Franzosen aber gar nicht kennen. Auer
unter den Knstlern habe ich niemals auch nur den leisesten Flair fr
franzsische Wesensart und Empfindungsweise bei meinen Landsleuten
wahrgenommen.

                                                       Panther 1913.




                            ALARMGLCKCHEN


Wenn feine und feinste Nadelspitzen abbrechen, so werden sie bekanntlich
stumpfer wie eine weniger dnne, die nicht entzwei ging. Feinste Nadeln
sind also gerade in ihrer Feinheit gefhrdet; sogenannte feinste Kreise
seit etwa zehn Jahren in eben dem Sinne auch.

Diese Behauptung bitte ganz  l'Europenne aufzufassen, nicht aber mich
deshalb als Sozialistin, denn ich bin garnichts.

Wer aber hin und wieder zum Wanderstabe greift und dann nach der Rckkehr
am alten Fleck sich wieder umsieht, in dem drngen und schieben sich die
Eindrcke wie Bcher in ihren Regalen zurecht, Bilder finden ihren Platz,
und jener merkwrdige Vorgang, den man vergleichende Geographie zu nennen
versucht ist, fngt an in seinem Kopfe zu entstehen. Dabei werden ihn die
Verschiedenheiten, die er in der Fremde wahrnahm, natrlich viel weniger
stutzig machen, als die hnlichkeiten. Ja, diese sind es wohl, die dann der
Bereicherung durch das Gesehene frs erste jenen leisen Untergrund von
Ernchterung beimischten, den der Heimgekehrte sprt. In Wien, Berlin,
Paris, London, Rom liegen, trotz der verschiedenen Atmosphren, doch
dieselben Dinge in der Luft. Als man anfing, geschmacklose Bauten zu
errichten, baute man allerorts -- wie auf geheime Order hin --
geschmacklos. Vorm Buckingham Palace erhebt sich etwas nicht minder
Scheuliches, als gewisse Neubauten in den Straen Roms. Machte sich doch
das Gemeine bis in die jngste Vergangenheit besonders in Palsten, Banken
und Bahnhfen breit; ob es Millionen kostete, ob berall eine Anzahl
Menschen die Hnde darber rangen, es setzte sich wie nach einem: Pardon
wird nicht gegeben, berall durch.

Das geschmackvolle Frankreich bemhte sich hierin vor dem geschmacklosen
Deutschland erfolgreich um den Rekord. Gewisse moderne Monumente im Park
Monceau und in den Tuilerien sind sogar im Tiergarten noch unerreicht.
Vielmehr ist man bei uns zuerst zur Besinnung gelangt, und es durften
wieder anstndige Huser entstehen. Erst seit Mnchen sich des
Hubertustempels erfreut, durfte in Piccadilly ein interessantes Bankhaus
auf die Welt kommen. Denn wenn in Paris oder Berlin etwas in der Luft
liegt, kommt in Wien einer darauf. Denn es gibt eine europische
Gemeinsamkeit der geistigen Einstellung allen Triple-Alliancen und
Triple-Ententen zum Hohn, wie ja der Begriff Europer sich immer mehr
zusammenschliet, und wie ja die Idee eines europischen Krieges wirklich
mit jedem Tage geistreicher wird.

Und weil mir die Europerin dabei einfllt: von ihr lt sich wohl im
groen Ganzen sagen, da sie in aufsteigender Linie begriffen ist. Seitdem
sie vernnftiger erzogen wird, nicht selten etwas Tchtiges lernt, und
nicht mehr so ausschlielich ihren Himmel in einer Verheiratung erblickt,
whrend ihre Panik sich auf ein eventuelles Keinen-Mann-Kriegen
konzentriert, seitdem haben sowohl der Backfisch wie die Gans ein wenig
von ihrer typischen Rassenreinheit verloren. In den Kpfen der Mdchen
wurde ja die Leere prinzipiell gezchtet, und durch das bichen Geographie
und Klavier der bedauerlichen Tatsache ihres Nichtbeschftigtseins nur noch
mehr Nachdruck verliehen. Dies also ist -- allen Teilen zum Glck --
merklich anders geworden. Wir wollen uns daher nicht lnger dabei
aufhalten.

Ich glaube, eine aufsteigende Kurve liee sich bei uns zu Lande auch fr
jene Kreise ansprechen, welche bislang die innere Bildung gleichsam in
Pacht hielten, ihre Innerlichkeit aber leider auf Kosten ihrer
uerlichkeit pflegten, Schnheitssinn mit Frivolitt verwechselten und
auch in sthetischen Dingen sich durchaus als Protestanten dokumentierten.

Wer aber _nicht_ in aufsteigender Linie begriffen ist?

Ich sagte es ja schon.

Als ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, es wahrzunehmen, traute ich
allerdings meinen Augen kaum.

In feudalen Burgen der franzsischen Provinz fiel es mir zuerst auf, wie
sehr das geistige Niveau der vornehmen Gesellschaft gesunken ist. Aber auch
in Schlesien, sterreich, England und Bayern wei ich von Schlssern mit
wundervollen Deckengemlden und unnachahmlichen Stiegenrampen und
kstlichen Lstern, Schlsser, in denen es sich traumhaft lebt, umgeben von
Dingen, alle edel und beglckend anzuschauen. Vom mittelalterlichen Sller
direkt ins Auto zu steigen, neuester Komfort zu alter Pracht gesellt, hat
seinen eigenen Reiz. Wenn dann der Gong ertnt, drehen sich schmucke Tren
in ihren Angeln, und Herren mit blanken Gesichtern, schimmernde Damen
betreten hoch erhobenen Kopfes, Neugier erweckend, den Saal. Und der erste
Abend mit diesen geschmckten Menschen, die man noch nicht kennt, verbringt
sich behaglich und charmant.

Wie kommt es nur, da man schon im Laufe des nchsten Tages fein leise sich
ins Dorf schleicht und in einem dringlichen Kartenbrief den Wortlaut der
Depesche bestellt, welche dem verheiungsvoll begonnenen Aufenthalt ein
rasches Ende bereiten soll? und da man schon genug hat, und sich zu Trnen
langweilt?

Woher kommt es nur?

Weil die Unbildung sehr zivilisierter Menschen von einer de ist, ber die
kein Feenpalast hinweghilft. Es hat mehr Wrze, mit einer alten
Taglhnerin, die mit ihrem Bndel ber das Feld zieht, ein Gesprch zu
fhren, als mit einer unwissenden und ahnungslosen Frstin. Denn dort
knnen unausgelste Werte sein, hier aber starrt uns ein berzchtetes und
selbstzufriedenes Nichts entgegen.

In allen Lndern aber, in welchen ich gewesen bin, habe ich bemerkt, da
die hchsten Kreise eine gewisse Kurve zur Vergrberung genommen haben.
Und ich hebe es hervor, weil es schade ist um uralte Geschlechter, Trger
hochtnender Namen, die innerlich verbauern. Die Gefahr ist da. So gewi es
keinen Stillstand in menschlichen Dingen gibt. Wer sich nicht auf seiner
Hhe erhlt, d. h. sie immerzu frdert, der fllt von ihr. Schlsser,
Palste, die man ganz durchstbern knnte, ohne ein gutes Musikstck oder
ein nennenswertes Buch drin vorzufinden, sind nicht mehr vereinzelt.

                                                  1913 Neue Rundschau.




                            TORSCHLUSSTYPEN


Man hat den Futurismus vielfach als beiende Satire auffassen wollen, als
einen Hohn auf die Kritiklosigkeit der Menge, fr die kein Humbug grob
genug sei, -- aber ich glaube da an keinen Spa, hchstens einen, der dem
Ernst zuvorgekommen wre. Denn ich kann mir unsere Zeit ohne den Futuristen
garnicht denken. Waren sie nicht als Nachzgler vor Torschlu noch gerade
recht eingezogen, so wrde den knftigen Dokumenten ber unsere Epoche ein
Blttchen fehlen. Nicht da ich leugnen wollte, es sei ein grausamer
Spamacher gewesen, der als erster den Futurismus in Malerei setzte. Es
mag wohl eine Posse gewesen sein, ihm zu einem so drastischen Organ zu
verhelfen und ihm mit dem Pinsel zu kommen; ich leugne nur, da er durch
die Malerei entstanden sei. Wer eine Anzahl junger Leute aus bestimmten
Jahrgngen kennt, der sieht im Futurismus der Maler vor allem eine
Inversion, und er wird den Maler nicht mit dem Modell verwechseln, weil
dieses zufllig so gut getroffen ist, und in diesem Falle so leicht zu
treffen war. So wird er nicht umhin knnen, zu finden, da der Futurismus,
rasch bevor er antiquierte (was seine unweigerlichste Bestimmung ist),
durch die futuristischen Maler glnzend fixiert und der Nachwelt
berliefert wurde. Ihre Bilder haben eine sehr schne Zukunft, wenn auch
nicht in der Malerei, so doch in der Kulturgeschichte, wo sie weniger ihren
Rang, als ihren Platz einzunehmen bestimmt sind, um dereinst uerst
interessanten Quellenstudien zu dienen. Da man tatschlich einmal so
malte, wird dabei von ganz relativem Interesse sein, wie nicht der Name des
Schneiders von Belang ist, der diese oder jene wunderliche Tracht
zurechtschnitt; wohl aber, da man sie trug, da man wirklich einmal so
einherging. So wird knftig die merkwrdige Tatsache interessieren, da es
Personen gab, die genau so dachten und empfanden, wie es die futuristischen
Bilder heute veranschaulichen.

Und wie lieen sich Leute, welche die Dinge ununterschiedlich sehen, besser
als durch das Darstellen eines Alleszugleichsehens persiflieren? Solche
Leute aber gibt es heute! Ich kenne sie sehr gut. Wollte ich sie aber
beschreiben, so wird -- ich warne den Leser auch -- alsbald ein
futuristisches Bild daraus werden.

Also solche junge Mnner (sofern man sie Mnner nennen kann), solche junge
Mnner also sehen auf den ersten Blick mit nichten wie die ausgemachten
Narren aus, die sie doch sind. Oft manierlich und gut gekleidet (denn der
aktive Futurismus, setzt ein gewisses Nichtstun voraus, und die Not machte
ihm schnell den Garaus), knnen sie sogar durch eine gewisse sterile
Urteilsschrfe in belanglosen Dingen, eine scheinbare Kompetenz in
nichtssagenden Details ber ihren vollkommenen Mangel an Verstndnis recht
glcklich hinwegtuschen. Zudem sie mit ihrer eigentlichen Narrensprache
nur unter ihresgleichen herausrcken. Nur da heben sie das Visier von ihren
unheimlichen Ohrfeigengesichtern und gestehen sich lchelnd ein, wie
unsagbar hoch sie ber den Ereignissen des Tages stehen. Mit der den Narren
eigentmlichen Schlue bringen sie es daher auch fertig, nie zu wissen, was
alle Welt wei, weil es unter ihrer Wrde ist, zu erfahren, was in der
Zeitung steht; sie finden das gemein. Sie _fanden_ es gemein, sollte ich
besser sagen. Denn das ist ja das Witzige am Futurismus, da er mit diesem
Namen in Szene tritt, als die Futuristen schon aufgehrt hatten zu sein,
und zum Teil vernnftiger, zum Teil kleinlauter geworden waren. Schnell
bevor sie ganz um die Ecke waren, nahm sie da der Futurismus noch beim
Schlafittchen und entlarvte sie. Ihre kurze Blte fiel in die Zeit der
ersten Luftschiffahrten. Damals rannte einmal ein atemloses Stubenmdchen
an die Stubentr eines solchen Jnglings und rief ihm zu, da soeben ein
Aeroplan ber dem Dache flge. Er zog daraufhin die Brauen hoch, begab sich
zum Fenster, machte ein berlegenes Gesicht und zog die Vorhnge zu. Aber
noch capabler dnkte er sich, wenn er inmitten einer durch Kriegsgerchte
oder eine schreckliche Katastrophe aufgeregte Menge geratend, von den
grellen Plakaten, die an allen Straenecken alarmieren, Kenntnis zu nehmen
verschmht. Denn er ist eitel wie ein Krmer, ein verkappter aber
unverbesserlicher Bourgeois. Das Leben ist ihm ein groes Federbett, in
dessen Daunen er seine Existenz so behaglich versenkt, da von einem
berblick keine Rede sein kann. Gehrt er (dessen chaotische Zustnde
gewisse Bilder uns heute veranschaulichen), gehrt er doch ach! zu den
zweifelhaften Produkten, die ein langer Friede zeitigen durfte. Seine
Generation neigt ohnehin dazu, die Dinge zu nivellieren und die Abstnde,
die zwischen ihnen liegen, nicht zu merken. Er aber, als die Karikatur
seines Jahrganges, nimmt berhaupt keine Unterschiede wahr. Fr ihn gibt es
kein Hoch und Niedrig, kein Gut und Bse, weder Scheidungen noch Schranken,
nur seine berhmte Amoral, und eine weite Dne ohne jegliche Akzidenzen. Er
wird es fr absolut zulssig, was sage ich, er wird es fr geistreich
halten, seine Frau mit einer Kokotte verkehren zu lassen, wie er denn
berhaupt zur Wertschtzung der Kokotte ungemein neigt. Infolgedessen ist
er fr das Verdienst, den inneren Wert, das Talent, das Genie, fr alles,
was die Menschen so unberbrckbar voneinander sondert und was eine so
strenge unsichtbare Hierarchie unter den Menschen aufrechthlt, so
unempfindlich und blind wie ein Tier auf der Weide. Er lehnt es ab zu
vergleichen, er wird nie etwas verehren, wie es zu seinem unerllichen
Merkmal gehrt, da er nie in den Dunstkreis eines bedeutenden Menschen
trat. Er wird hchstens fr etwas so Unvorhandenes wie die tote Mischfarbe
einer Papierblume oder die erdichtete Kurve eines Mauseschwanzes
Begeisterung ffen. Denn nichts ist ihm trostlos und de genug, und was die
futuristischen Bilder uns zeigen, _das ist er_.

Weswegen denn auch kein Wort, noch weniger ein Bild ber ihn zu verlieren
gewesen wre, htte er als Typ nicht etwas so Ominses. Mag die Zeit noch
so achtlos ber ihn hinwegziehen, seine Existenz jagt doch das leise Grauen
der Verwirrung ein, einer Verwirrung der Zeit selbst, wie jener
grotesk-schauerliche Gedanke eines allseitig unerwnschten europischen
Krieges, den wir bei aller Rckstndigkeit noch immer in die Zukunft rcken
sehen. Auf die Mglichkeit solcher Verwirrung deuten -- fr das Gefhl --
manche Verirrungen hin, die der Politik ganz fernab liegen: die allzuvielen
unmnnlichen jungen Mnner dieser Epoche, die nur aus Verlegenheit ein
Interim von Generation zu bilden scheinen, ja sogar so geringfgige
Symptome wie die Ratlosigkeit der heutigen Mode. Den besten Schneidern
fllt pltzlich nichts mehr ein, und die Kleider variieren in derselben
Tonart provisorisch weiter. Vieles mahnt heute an die Ebbe, bevor die neue
Flut ihre ersten Wogen ans Ufer wlzt.

                                                  1913 Neue Rundschau.




                           DER UNVERSTANDENE
                                 MANN


Wie ist binnen kurzem alles so anders geworden!

Unsere gute Tante Nora ist doch noch garnicht so alt! Sie, die unter dem
Beifall der ganzen Christenheit, gleichsam mit fliegender Fahne, und mit so
beispiellosem Erfolg, Mann und Kindern davonlief, da auf zwei Jahrzehnte
ein schier endloser Zug der Unseren, die von ihren Mnnern nicht verstanden
werden wollen, sich ihr anschlo! Ja, wir heirateten nicht selten gerade
daraufhin und kamen als Incomprises von der Hochzeitsreise zurck. Je
hbscher wir waren, desto incompriser durften wir dann sein, desto eifriger
erklrten andere Mnner sich bereit, uns fr unergrndlich halten zu wollen
und zu ergrnden. Und dabei brauchten wir weiter garnichts zu tun, als zu
bescheinigen, was sie in uns hineinlegten, und uns fr rein nichts zu
interessieren, als fr das Interesse, das wir hervorriefen. Es war so
furchtbar nett!

Doch ach! wie jh hat sich das Blatt gewendet!

War der Mann des Spieles mde? Langweilte es ihn eines Tages, oder war er
beim Rtselraten zu oft hngen geblieben? Ich wei es nicht. Aber mit einem
Male fand er, da es spannender sei, selbst ein Incompris zu sein, und
sogleich vertrat er dies mit jener angestammten Grndlichkeit, welche die
neun Gymnasialklassen, die uns noch lange nicht im Blute liegen werden, so
deutlich verraten. Wir anderen waren doch nur  conto miverstanden
gewesen, er _will_ garnicht verstanden werden. Er kommt, nimmt uns die
schne Pfrnde weg und ist der Unverstandene an sich.

Wir indessen mssen bis auf weiteres das Spiel verloren geben, denn uns
fehlt der Partner. Gerade die jngsten und reizvollsten Frauen sind heute
so vielfach ausgeschaltet, als wren sie noch eingesperrt. Nicht im
mindesten fehlt es ihnen an Anerkennung, vielmehr wird keiner sie so gut
verstehen, keiner so schne und erlesene Worte ber sie finden, wie der
Unverstandene Mann. Den Kult, den er zum Ausdruck bringt, htte keiner
frher einer Frau erwiesen, ohne fr sie zu entbrennen. Glaubt aber nicht,
da er fr sie glhe! Wenn er zu ihr geht, vergit er nie das Opernglas,
das er verkehrt vor seinen Augen hlt, um sie weit von sich zu scheiden, ob
sie noch so hart vor ihm stnde. Denn sie tief und richtig zu erfassen,
gleichsam mit allen Grnden, wie durchleuchtet, wie geschliffen ans Licht
zu heben, ist ihm genug. Sein Feuer ist damit verblasen. Nie fnde sie ihn
so fern, so frostig, ja so abgeneigt, als nachdem er soeben eine Dithyrambe
ber sie sprach. Denn hiermit entlie er sie aus seinem Herzen. Und so
zieht er denn in Wahrheit den Hut vor ihr, -- aber dabei empfiehlt er sich.

Und ihn, faute de mieux, soll man heute lieben, denn ein anderer ist nicht
da. Der Typ des Don Juan ist ausrangiert, oder zum Hausvater vorgerckt.
Hier zeigt sich der Unverstandene Mann von seiner unzulnglichsten Seite,
und der moderne Verfhrer ist nicht sehr gefhrlich: mit seinen schwach
konzentrierten Sentiments vermag er nur schwache Kpfe zu verdrehen. Denn
es ziert nur Frauen, unsichere und halbe Herzen zu vergeben.

Allein sein Wesen strebt nun einmal nicht nach Steigerungen, sondern drngt
ihn, von all den schnen Dingen, fr die er so lange eingestanden ist, auf
eine Weile auszuruhen, wie man erst nach zurckgelegtem Marsche der
ausgestandenen Mdigkeit anheimfllt. So zieht er nunmehr khle, blumenlose
Pfade des Gefhles vor und jene schattigen Seitenwege der Begriffe, die
sich nur spalten, um kurz auszulaufen und sich zu verzweigen. Alle
schimmernden Fernen hingegen, alle postulierten Verheiungen und
Aussichtspunkte sind seinen zu empfindlich gewordenen Augen unertrglich.
Nichts von Saaten, nichts von Ernten mehr, nichts von Allgemeinheiten
und nichts von Zielen und besonders, nichts von Idealen. Nichts von so
grellen Dingen. Nicht solche Worte. Sie verletzen ihn nur. Mit fiebernder
Hand wehrt er sie ab, besonders den Enthusiasmus mit all den flligen
Raten, die ihn nur allzuoft schon berdauerten. Zu Wein, Weib und Gesang
hlt er da andere Distanzen ein, und sein Verhltnis zur Musik hat sich
ebenso gelockert oder verschoben wie das zur Frau. Aber ich sage:
respektieren wir auch dies. Was er heute fr seine Willkr hlt, ist nur
ein Feiern und ein Atemholen. Der Fehler des Unverstandenen Mannes liegt
viel weniger darin, da er mit seiner Jugend keine rechte Gemeinschaft
pflegt, (dies ist seine Sache) als da er von ihr absieht, eine Attitude,
an der jeder Tag etwas verndert, als unverrckbar hinstellt, das
Zeitliche, an das sich seine Erfahrungen erst ketten mssen, zurckweist,
und alles  priori sein und nicht sein zu knnen glaubt. An seiner
vielgescholtenen Unproduktivitt hingegen kann ich nichts finden, sie fllt
nicht ins Gewicht und ist so wenig definitiv, so wenig ein Finale, wie die
gehaltene Note vor dem neuen Auftakt. Soll denn immer ohne Pause produziert
werden? Ist es das Einzige? Ach, es laufen ja unter den schpferischen
Naturen so viel erschpfte mit unter, whrend gewisse Unschpferische
unerschpflich erscheinen. Gerade in seiner Unproduktivitt schlage ich
vor, ihn nicht zu stren. Es ist ja mit den Menschen, wie sie einmal
geraten, nicht viel anders als mit der Mode, von der wir wissen, wie gro
ihre relative Berechtigung ist und wie sehr es in ihrem Charakter liegt,
sich zu behaupten. Wer jngst ein gro Geschrei wider die engen Rcke
erhob, trgt heute keine anderen. Ihr Vorzug beruht darin, da sie uns zur
Haltung und Linie erziehen, und hierin gleichen sie auf ein Haar dem
Unverstandenen Mann: daher es ratsamer ist, sich in ihn zu finden, ja von
ihm enchantiert zu sein. Denn er, und weder der Mann, noch der Rockschnitt
von Anno Dazumal, welches auch seine Qualitten sein mochten, ist heute das
Gegebene, zu dem wir uns zu stellen haben. Wer fnde dies zu frivol? Ist
nicht vielmehr das einzig Interessante an diesem sich ewig berlebenden
Leben, da hinter den frivolen Dingen so hufig der Ernst, hinter den
ernsten der Schalk sitzt? Wer hielte es sonst aus?

Nur deshalb sind ja die schlimmen Dinge, wenn man mitten in ihnen steht,
zum Glck nicht ganz so arg, wie sie von auen anzusehen sind. Indem sie
evoluieren und ins Gedrnge kommen, rcken sie nicht selten so nahe
zusammen, da die letzten die ersten berholen, und das unterste nach oben
treibt. Wer sie dann wendet und betrachtet, hlt sie bald wie jene
chiffrierten Briefe, die anders lauten als sie heien, und das Tolle und
das Disparate mit dem Sinnflligen zusammenfhren.

Und so steht fr uns im Stich Gelassene von heute, Herrinnen von gestern,
Schutzflehende von einst, der Zeiger anders als die Uhr. Keime in uns,
deren Wachstum durch die Gegenwrtigkeit des Mannes zurckgehalten oder
berboten wurden, finden eben jetzt ihr Gedeihen. Inmitten dieser
schlechten Zeiten wuchsen unsere Tage unversehens in den Sommer hinein.
Drauen reift das Korn, die Halme knistern, und in der mittglichen de
erstarkt das Laub. Ihr ist die Ferne zu vergleichen, die wir jetzo ntzen.
Denn es ist nicht zu leugnen, da uns der Mann verlie und eine Genugtuung
darin findet, uns zu meiden. Ohne eine gewisse Grimmigkeit zwar geht es
nicht her. Und hier liegt _unsere_ Genugtuung an der Sache. Denn wenn er es
hchstens bis zur Genugtuung bringt, indem er sich uns entzieht, so
gereicht es uns, die seiner so schwer entraten, zum inneren Jubel, wenn wir
ohne ihn bestehen.

Ich sehe, da ich von meinem Thema abgewichen bin, aber ich wollte nur das
letzte Wort haben. Und wre denn der Unverstandene Mann in Wahrheit
unverstanden, wenn ich mehr von ihm wte?

                                                  1911 Neue Rundschau.




                            DER NEUE SCHLAG


Woher es nur kommt, da ich immerzu von den neuesten Schriften ber
Modernismus und Frauenbewegung avisiert werde. Ich interessiere mich doch
viel mehr fr Musik oder fr Ausgrabungen. Aber es scheint ausgemacht, da
diese beiden Probleme meine Sache seien. Da mchte ich mir denn ein Herz
fassen, und die mir zugesandten Broschren einmal lesen.

Aber vorher mchte ich lieber selbst etwas sagen.

Wer denkt, lebt nmlich in so groer Not. Verurteilt, zwischen der Unrast
des Tatenlosen und der Verzagtheit zu bangen, bis er den festen Gu seiner
Gedanken bildete und mit einer leisen Miachtung fr sich selbst
einherzugehen, so lange er sich durch Veruerung das Eigentumsrecht auf
seine eigene Meinung nicht erwarb.

In dieser Hinsicht aber habe ich es besonders schwer. Denn auf eine gewisse
allgemeine Unzugehrigkeit war ich im stillen von jeher eiferschtig. Sie
ist die Feste, hinter die ich mich immer wieder verschanze. Wer sich zu den
einen gesellt, der trennt sich ja vom anderen, und ich will zu keinen
gehren, weil ich mich von niemand scheiden mag. Mein Indifferentismus ist
nur Selbstverwahrung. Es ist berall Gefahr, mit fortgerissen zu werden,
und jeder Zeitlauf bietet etwas, das man vertreten und festhalten mchte,
um sich freilich dann, letzten Endes, wieder von ihm loszusagen.

Darum fliehe ich vor den Dingen meine steile Schneckenstiege empor und
lasse mich ungern hin zu ihnen locken, so sehr liegt mir an ihrer
Perspektive. Nur oben, vor meinem schmalen Fenster mit dem weiten Ausblick,
kann ich endlos spinnen. Dort schnurren meine Rdchen, und der Faden geht
ihnen nie aus. Also abgetrennt wird mir so heimatlich zu Mute, als seien
alle Dinge mein, und als gehrte ich zu allen, selbst den weit
verschwimmenden hin. Denn nur im blauen Dunst der Ferne liegend, sind sie
mir deutlich und vertraut. Oft rcke ich dann meinen gesponnenen Flachs zur
Seite, sttze die Arme auf und halte Umschau.

Der bereitwillige Ernst, den man transzendentalen Fragen von neuem
entgegenbringt, ist, von meinem Fenster aus gesehen, ebenso merkwrdig, wie
die sich klrenden Umrisse der stets undeutlich gebliebenen Frauenpsyche.
Sie hat das eine mit der Religiositt gemein, da allen beiden zwei hchst
entstellende Kutten, die der Frmmelei und der Abhngigkeit, bergeworfen
und als ihre elementaren Bestandteile erklrt wurden. Was ist da heute von
meinem Fenster aus -- im Vergleich zu gewissen sehr radikalen Umwlzungen
der Denkungsart, die sich bereiten, der Modernismus fr eine beilufige
Sache! Und was ist die Frauenbewegung im Vergleich zu ihrer Idee? Eine
Wolkenschicht, die sich vor einer Lichtflche trmt. Beide Bestrebungen
verhalten sich zu den starken Dingen, von welchen sie getragen sind, wie
ein kleiner Reitervortrab zur Majestt der heranziehenden Heeresmacht.

ber den Modernismus will ich, um niemanden zu reizen, nicht weiter
improvisieren. ber die Frau aber bin ich doch sicherlich au fait. Infolge
gewisser zweifelhafter Zge sind die Akten ber sie noch immer nicht
geschlossen. Ihre Gattung, meint Villiers de l'Isle Adam, begreift Wesen in
sich, die durchaus keine Menschen, allerdings auch durchaus keine Frauen
seien. Er tat sich auf diese Entdeckung viel zugute und ging so weit, da
er in gewissen gnzlich seelenlosen und unmtterlichen Larven einen Spuk
der Natur erkannte und fr den Mann das Recht beanspruchte, diese
problematischen Wesen, die mit jeder Generation einen hohen Prozentsatz
verheiungsvoller junger Leute zugrunde richten, wie andere schdliche
Reptile einfach umzubringen.

Die drastischen Ratschlge stammen ja immer von Trumern, und die besten
Ratschlge sind zumeist unausfhrbar. Dank der Unterarten ihrer Art lt
sich jedoch ber das Wesen der Frau, wie ber etwas noch immer
Unerforschtes, noch immer diskutieren, noch immer keine Schlsse ziehen,
die verallgemeinert im Guten wie im Bsen nicht widerruflich wren. So
flchtig ist es, so viel feiner, und so viel grber, und so schillernd, da
solche Kenner wie die Franzosen heute noch von einem Mystre de la Femme
reden knnen. Wer sprche noch in diesem selben Sinne von einem Mystre de
l' Homme?

Nun wte ich auf der Welt nichts gegen die Frauenrechtlerinnen
einzuwenden, als da sie nicht geheimnisvoller sind. Sie gemahnen an den
Unterschied zwischen dem Skulpturalen und dem Anatomischen. Der wre doch
ein Tor, der sich beschweren wollte, da die Anatomie nicht sthetischer
sei.

Auch sage ich ja nichts!

Wenn ich aber gegen die Kutte sprach, so sehe ich in den schnen,
meinetwegen manchmal trgerischen Schleiern, mit welchen die Frau ihr
inneres Sein umflort, sehe ich im Geheimnisvollen ein Attribut des
Weiblichen.

Und deshalb glaube ich, da die bevorstehende Evolution sehr abseits der
Bahn ihrer Vorkmpferinnen liegt; wie sich die Schlacht weitab von dem
kleinen Reitervortrab abspielt, von dem wir sprachen. Es sind nur die
Boten, die mutig heransprengend, als erste die Kriegsfahne entrollen, aber
an der Entscheidung keinen Teil haben. So wren jene Frauen berrascht,
ihre geringe Fhlung zu den Lenkern der kommenden Schlacht zu vernehmen;
einer Schlacht ohnegleichen, in der die Kmpfenden von keinem anderen als
dem Gegner gefhrt, von ihm selbst angefeuert und in der Kunst, sich zu
verschanzen, unterwiesen werden. So sehe ich es von meinem Fenster aus
kommen. Was sage ich? So ist es lngst. Das Treffen ist in vollem Gang. Die
hohen Staubwolken des Tages umhllen nur die Vielen, die ermattet
niedersinken, das Ringen dieser Kampfuntchtigen und das Gewhl. Die laute
Gegenwart bertnt nur die Rufe der zu Tode Getroffenen. Aber von meinem
Fenster berblickt man schon das gespensterhafte Schauspiel. Denn sucht man
nach dem Feinde, gegen den diese immer Besiegten sich halten, so entdeckt
man ihn in ihrer eigenen Hohlheit und Verlassenheit; der Boden, auf dem sie
langsam vorrcken, wird ihnen nicht bestritten, die Burg, die sie strmen
mssen, ist leer.

Da es der Frau innerlich noch nie so schlecht erging, wie seitdem sie
uerlich zu ihrem Recht gelangt und im eigenen Lager ihre gute Sache
vertreten sieht, ist natrlich ein rein zuflliges Zusammentreffen, und die
Entfremdung der Geschlechter ist ein Faktor und kein Ergebnis.

Eine Zeit ist sich selber nicht bewut. Sie kann den Schein nicht gewahren,
den sie ausstrahlt. Sie hat keine Distanz zu sich selbst. Ihre
Schrittmacher sind stets die Kommenden. Wir sind das alte Spiel gewohnt.
Nur bei unserer heutigen, der Analyse so ergebenen Generation, die sich so
behorcht, befremdet es mit einem Male, da sie sich nicht kennt, und das
nimmt den Sinn gefangen wie das Flimmern schrger Strahlen im Dunkel alter
Kathedralen. Wre es nicht unendlich wichtig, da eine solche Zeit selbst
zu dem Spiegel griffe, den ihr bisher erst die kommende entgegen hielt? Es
gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir gehen unaufmerksam daran vorber.
Unter den jngsten Mnnern ist ein merkwrdiges Geschlecht nie Dagewesener
entstanden, die nicht Shne ihrer Mtter, nicht als letzte Glieder einer
Kette sich an diese schmieden, sondern abbrechend mit allem bisherigen,
nicht als Werdende mehr, sondern als Gewordene im Leben einsetzen. Ein
neuer Schlag, andere Organismen, Zeitlose, die tiefer als Menschen je
zuvor, die Marke ihrer Zeit auf ihrer Stirne eingezeichnet tragen, in sich
Befangene, Gebundene, dem Transitorischen so streng berwiesene, da sie
nicht mehr zu Gestalten sich verdichten, sondern wie die Frauen zu
Gesichtern sich verflchtigen. Alles Elementare ist bei ihnen so
zurckgedrngt, da es zurckgewiesen wird, wie alles Unmittelbare, alles
Unvermittelte. Vom Konkreten wird abgesehen, man spaltet die Begriffe bis
zum Wahnwitz und verschmht es zu summieren. Infolge eines so radikalen
Umsturzes steht nichts mehr an gewohnter Stelle, und die Sprache wird zu
einem ganz anderen Modus. Man operiert nicht mehr mit Worten, die etwas
zusammenfassen. Die sind tot. Ich lie in solcher Gesellschaft absichtlich
Worte wie gut und bse oder tchtig, achtbar und verdienstvoll fallen, nur
um herauszuhren, wie unertrglich platt sie in dieser Atmosphre klangen.
Um das Einfachste zu sagen, wird hier ein dunkler, schwer falicher Monolog
gewunden, zu dem nur Gleichgeartete den Schlssel haben, und den kein
Uneingeweihter Zeit noch Geduld bese, zu entrtseln. Es ist wie
Ein-sich-Verstndigen durch Chiffren, und es sieht aus wie Pose. Allein es
sind Getriebene, denen bisherige Werte wie Kulissen niederstrzten, und
denen die Tradition entzogen ist. Aus dem Schutte werden nun die Splitter
aufgelesen, die Stunden dem Tage vorgezogen und die Ideale von diesen
Idealisten verworfen. Das Nahe wird mit dem Fernglas betrachtet, und die
Minute wichtiger genommen als das Leben. Auf den Trmmern, die sie
geschaffen, ziehen sie nun ohne Messungen, ohne Zentren bedchtig einher,
wie jene langbeinigen Vgel der Dne, von welcher das flutende Leben sich
zurckzog.

Aber nur sachte. So wenig ich mich zu diesem neuen Schlag bekenne, so wenig
gehre ich zu denen, welche da glauben, ihn negieren oder ber ihn hinweg
sehen zu knnen. Etwa weil wir es nicht mit Goethe'schen oder Wagner'schen
Menschen zu tun haben, oder weil ihr Denken meist ein vergeudetes ist. Mit
ihnen hat der Weltgeist, als sei er der ewigen Fortsetzungen mde, eine
Lcke in dem unsterblichen Teppich der Menschheit gemeint und unvermittelt
ein neues Muster eingezeichnet, das sich wie eine Grisaille inmitten einer
Freske ausnimmt, das aber so tief darin verwoben ist wie wir selbst. Und es
wre borniert, uns zu stellen, als shen wir es nicht, denn wir wissen
nicht, wie es sich entrollen wird. Wenn diese neuen Leute ihre Unreife
durch berreife bekunden und mit der Temperatur des Alters in Szene treten,
sind sie deshalb nicht minder jung. So manch verheiungsvoller Jngling
ging aus seiner Sturm- und Drangzeit als Niete hervor, ohne den Mittag
seines Lebens zu beschreiten. So werden auch hier nur die wenigen Berufenen
ihren Werdegang erfahren und gleichsam mit einer anderen Schwenkung zur
Reife gelangen. Es ist, als ob ihr Tag mit dem Sonnenuntergang anhbe und
als mten sie nach einer Morgenrte gravitieren, um ihr Tagewerk zu
vollenden. Wie es anderen oblag, das Chaos ihrer Empfindungen zu klren, so
mssen diese die schwere Schale einreien, die sie von ihren eigenen
Gefhlen trennt, den Weg zu ihrem eigenen Selbst sich bahnen und lernen
sich zu besitzen. Hier ist nicht alles Narretei. Wir sind hier nur
versucht, auch die Typen zu verwerfen, denn noch nie sah man so groteske
Kopien. Aber von meinem Fenster aus gesehen ist nichts, was eine so
gespannte Aufmerksamkeit erheischt wie diese auf Abwegen aufgepflanzten
Wegweiser, diese Abgeklrten, diese Manierierten, diese Verzichtenden. Denn
ber den, um seine Jugend betrogenen, in Intellektualitt versteinerten
Jngling mit der kalten Maske, dem abgewandten, in Schwermut erstarrten
Auge, ber ihn geht jetzt der Weg. Er glaubt, indem er gleichsam eine neue
Seitenlinie menschlicher Denkart involvierend sich losri, von allem
Vorgedachten und bisherigem Tun und Wollen sich entzieht, er glaubt so
gewillt zu sein, und ist nur, wie er mu.

So kenne ich -- nur das Echte will ich nunmehr im Auge haben -- einen
jungen Patriarchen. Bei ihm ist ein unausgesetztes Konstatieren ohne
Parteinahme, unerschpfliche Teilnahme ohne Anteilnahme. Er verzeichnet mit
derselben Khle das Verruchte wie das Erhabene. Er fat alles und lt
alles entgleiten. Er wertet alles, ohne etwas abzuschtzen. Verlangt von
ihm Alles, nur kein Fr und Wider. Er ist hchst sensibel, aber der Weg zu
seinen Gefhlen ist ihm verschttet. Er gebietet ber das Groe und das
Starke, ber die mchtigsten und die tiefsten Dinge. Nur Eines fehlt in
diesen Regionen: Gras, Blumen, Vogelsang; alles ebbte zurck nach dem Pol,
gefror zur Erkenntnis. So ist seine Erkenntnis zum Parasit geworden und
zeigt er noch Geist, wo der Sinn ein Ende fand, wie jene Bergsteiger, die
noch weiter klettern, ob schon das Ziel hinter ihnen liegt, nur um der Lust
des Kletterns willen. Und er mu strkerer Fesseln sich entwinden, als der
Ungestme, er ist in seinem Denken verstrickter, gebannter in seiner
Losgelstheit als der Erdgebundene. Und so steht er, in sich gekerkert,
gleich einer Herme, da wo alle Wege sich kreuzen und der Sterbliche froh
vorberzieht.

Da die Mnner des neuen Schlages vorwiegend unverliebter Komplexion sind,
ist kein Geheimnis, ist kein Mrchen, sondern die groe, allwichtige
Novitt. Der ganze heutige Umschwung dreht sich um eine Witterungsfrage.
Zwar ist es, wie gesagt, ein Faktor und kein Ergebnis, da heute die
jngsten und schnsten, von Mnnern sehr umringten Frauen hufig ungeliebt
und unbegehrt ins Leben hineinwachsen. Aber es ist ein Ergebnis, da sie in
der klteren Zone, der sie nunmehr ausgesetzt sind, zu immer deutlicheren
Gestalten sich festigen, in dem Grade, als der Mann in seinen Umrissen
verblat.

Die Gtter selbst woben dies Feld der marmornen Schlachtenlenker in unseren
Teppich ein. Wenn alle Klster, alle Abgeschiedenheit und alle
Tugendbungen die Frau nicht lehren konnten, in ihrem Innersten des Mannes
zu entraten, so hilft ihr jetzt seine eigene Halbheit. Stets ist es doch
sein Wesen, das bestimmend auf die Frau zurckwirkt. Ihr Gefhl ist zu sehr
Widerhall. Als er fr sie glhte, war sie die Schmachtende. Heute ist
vieles anders geworden, und die Rollen sind vielfach vertauscht. Es gibt
nicht mehr die Incomprise, sondern den Incompris. Ein moderner Cherubin
drfte uns ein gar originelles Liedchen vorzusingen haben. Er strebt von
jeder weg, zu der's ihn zieht. Er liebt sie nicht mehr, bevor er sie noch
liebte. Er ist jener untreu, die er gerade im Arm hlt. Kaum hat er sich
ihr abgewandt, schweift er zu der Betrogenen zurck. Er ist enttuscht
zuvor, zuvor der groen Ernchterung preisgegeben!

Er mu die Dinge fliehen, bevor er sich in ihnen verankerte. Nie wird er in
der Folge nach dem schimmernden Schleier greifen, mit dem Leukothea das
Herz des sinkenden Odysseus schwellte. Seine Erkenntnis lt ihn alles
Knftige retrospektieren, und sein Wissen um die Dinge ist sein Irrtum.
Denn als Verfhrer ist der Geist weit mchtiger als die Leidenschaft. Wo
sie nur verblendet, darf er berzeugen, auch indem er das Leben zerpflckt,
selbst indem er uns irrefhrt. Wo immer der Geist seinen grellen Schein
hinrichtet, ist er unwiderlegbar. Und der Geist als Verfhrer ist es, der
seine Pulse hemmt, wie das Eis die Quelle zurckhlt.

Im Kontakt mit einem derartigen Manne kristallisieren sich die Gefhle
selbst der leidenschaftlichsten Frau in ganz anderer Weise. Sie ist zu zart
besaitet, als da es sie nicht reizte, ihn auf seinem dmmerigen Pfade zu
folgen, und noch strker ist fr sie der Reiz, aus der Sturzwelle des
Gefhls sich ungebrochen wieder aufzurichten. Ihr Wesen mag zwar in seiner
Nhe sich erfllen, doch ohne da seine Nhe sie verwirrt. Denn seine Liebe
besitzt nicht mehr die Glut, sie mit einem Bannkreis zu umziehen, der ihr
zu einer Welt ersteht. Obwohl sie nie zuvor ein so feines Verstndnis, eine
so vollkommene Wertung erfuhr, fhlt sie sich bei ihm nicht mehr geborgen.
Zwar ist er nicht mehr roh, aber er ist nicht selten hysterisch, und er ist
nicht mehr ritterlich. Er hat ihr nicht mehr jenes Gefhl zu bieten, das
sie wie ein prangender Mantel umhing, sie idealisierte und ihrer schonte,
da sie beglckt ihrer Unzulnglichkeit sich enthoben whnte.

Voyez si je puis me conduire, schrieb Julie de Lespinasse, clairez-moi,
fortifiez-moi. Je vous croirai, vous serez mon appui, vous me secourrez. Le
Prsident Hnault, l'abb Bon, l'archevque de Toulouse, l'archevque
d'Aix, Monsieur Turgot, Monsieur d'Alembert, l'abb de Boismont, Monsieur
de M . . . voil les hommes qui m'ont appris  parler,  penser et qui ont
daign me compter pour quelque chose.

Nichts von alldem! Nichts von den kleinen Selbsttuschungen mehr, nichts
von artigem Betrug. Keine Stunde Weges wird der Frau mehr erspart. Selbst
mu sie die schwachen Arme emporrichten, sich zu krnen, schwere Schritte
selber gehen und ihren Fu auf die steile Stelle setzen, ber die er sie
frher hob. Ohne ihn mu sie bestehen knnen. Er hat zu viel mit sich
selber zu tun und keine Hand ihr entgegenzustrecken.

Es ist wohl mig, da ich noch ausfhre, was mit der sonderbaren Schlacht
gemeint ist, auf die ich immer wieder zurckkomme, weil ich sie von meinem
Fenster aus sehe. Es sind ganz einfach die Frauen, die gegen ihre
vieltausendjhrige innere Abhngigkeit, ihre eigene Leere, ihre lang
gehegte Unselbstndigkeit den verzweifelten Ansturm fhren, zu dem die
Gleichgltigkeit der Mnner sie treibt. In diesem Ringen erstarken sie zum
ersten Male, seitdem die Alten mit begeisterter Hand die Gestalten der
Dianen und Walkren umrissen. Fr die Frau, die, auf den starken Arm des
Mannes gesttzt, ihm ihr Werden gleichsam berlie, war es keine Kunst,
sich zu entfalten. Ihre Blte hatte nur den einen Fehler, da ihr Wachstum
von der Gunst des Mannes abhing, dies gab ihrer Reife oft etwas so
Fragliches oder so Entlehntes. Denn wo die Akzidenz der Liebe eines Mannes
wegfiel, da verzehrte, verwischte sich ihr Wesen und verwehte. Die
Unfreiheit, die wie ein Makel an ihr haftete, beliebte ihm indes. Es
behagte dem Petrucchio, da sie ihm in ihrer Verblendung die Entscheidung
ber den Lauf der Gestirne zugestand. Es war nur eine Form der Verwhnung,
sie so zu unterdrcken, da sie den Mond statt der Sonne am Himmel zu sehen
willig war, wenn er es sagte, sie so unterzustellen, da sie ihn kritiklos,
gleichsam auf Abzug liebte, als gbe es nur ihn, als flutete die Welt nicht
von tausend anderen wertvollen Dingen.

In einem gewissen heroischen Stumpfsinn suchen ja Liebende zuletzt nichts
anderes als zu vergessen, da der Tod seine hchst radikale Scheidung ber
sie vollziehen und nicht vor ihnen zurckstehen wird, ob sie noch so innig
sich umschlingen. Er wei es besser. Darum ertragen sie den Gedanken an ihn
nicht. Mit seinen Augen, die im Dunkeln sehen, wei er besser, wieviel
Verblendung an ihrer Liebe haftet und wie weit er sie zu trennen hat. Denn
die geheime Hierarchie der Wesen und die inneren Akkorde, die im Gegensatz
zu den ueren weiterspielen, geben jene groe Kakophonie, nach der das
Leben sich nicht kehrt, weil es so blind ist fr die inneren
Zusammengehrigkeiten wie der Tod fr die ueren. Darum greift das eine so
blind heraus, wo der andere so blind entreit.

Aber darum kam ein Tag in unserer Geschichte, an dem wir des Spieles mde
wurden, an dem die Liebe fr die Liebenden, wer htte es gedacht?
tatschlich an Wichtigkeit verlor, weil sie nicht mehr vergessen, sondern
der bittere Geschmack des Todes auf ihren Lippen zurckblieb und weil ihre
Gemter zu belastet waren mit den Erfahrungen der Vter, zu wissend um den
bitteren Rauch, das jmmerliche Aschenhuflein, zu dem ein Feuerwerk, das
sie zu oft fr ewige Flammen hielten, in ihren betrten Herzen niedersank.
Was Wunder, wenn sich die Welt von Enttuschungen, die sie zusammentrugen,
an ihren Shnen rchte, und in Dingen der Liebe an Stelle der Illusion die
Skepsis trat? Allein das Wissen dieser verspteten Zeugen, das sie
Knftiges nunmehr vorweg nehmen lie, erwies sich als ein strkerer Bann
als die frhere Verblendung. Das Feuer ihrer Adern wurde zum Fieber und
berhitzte ihr Gehirn. Ihr Arm erschlaffte, ihr Denken dissoziierte sich
und zerstrte oder untergrub ihr Schaffen. Und erst die Shne werden an
diesen Shnen lernen, da keine Umbildung, da nur eine Stilisierung des
Sinnlichen gilt.

Als die stets bereitwillig nachfhlende Frau die ungeheuerliche Wandlung im
Gemt ihres Gefhrten und einstigen Beschtzers wahrnahm, entdeckte sie ein
Etwas in seinem Kaltsinn, das sich zu einem Zug ihres eigenen Wesens
verhielt.

Wenn der Mann unverkennbar dazu neigt, der errungenen Frau mde zu werden,
und wenn er ihr dies antun darf -- denn nur selten erweist sie sich als das
Ideal, das er ertrumte -- so darf sie ihm den Schimpf durch jenen
geheimnisvollen Zug heimzahlen, der fast ein Trieb zu nennen ist, dem sie
einzig ihre Gleichberechtigung verdankt und der den Mann in seiner
Eigenliebe strker trifft als alle Untreue; ein Zug, den er gerne verkennt
und von dem der grbere Mann nicht wei: ich meine die mystische Abneigung,
die mit ihrer Neigung fr den Mann so sehr im Widerstreite liegt und ihrer
Schwche so sehr entgegen ist und deshalb so selten berbietet.

Da der Mann des Neuen Schlages der heutigen Frau, die er doch im Stiche
lt, im ganzen sympathischer ist als der gestrige Mann, hat seinen
besonderen Grund. Ganz im stillen nmlich fand sie in der schrankenlosen
Hingabe, die er von ihr erheischte, ihr letztes hheres Gengen nicht. Wenn
sie den Rest in ihm herausfand, auf den ihr Innerstes feindselig lauerte,
und der des Todes war, fand sie es doch ein bichen schnde, in seiner
Endlichkeit so malos aufzugeben, einen Humbug, so zu ihm aufzublicken: So
war ihre Neigung, von ihm abzufallen, edlen Ursprungs wie sein berdru.

Und es handelt sich heute, ich sagte es schon, um das letzte Wort der
Frauenpsyche: ihren seltsam verwobenen, niemals ungetrbten Drang, auf ihre
eigene Schwche, wie auf eine Schlange den Fu zu setzen, und um jene
Siege, die Goethe das Ungeheuere nannte: denn die kalte Luft, die jetzt
ber sie hinweht, ist ihrem Wachstum gnstig, und, ihre Evolution knnte
sich sehr wohl dadurch vollziehen, da die Mnner immer degenerierter
werden. Wenn sein Wesen zeitweilig in die Brche ging, wird dafr die Frau
endlich individueller. Ihr letztes Endziel ist doch der Mann. Keine Tugend
in ihr, die ihm nicht zugewendet wre. Sie werden einander wieder begegnen.
Es wird knftig viel von Liebe, wenn auch nur wenig mehr von
Frauenrechtlerinnen die Rede sein.

Indessen lobe ich mir unsere unsentimentale, unschwrmerische Zeit, mit
ihrem zurckgedmmten aber nicht verlorenen Gefhl. Man ist nur Pessimist,
um seinen Optimismus zu rechtfertigen. Ich glaube an einen Fortschritt fr
unsere ra und sehe ein Element des Lebens in dem augenblicklichen Verfall.
Alles ist nach seiner Art. Unsere unprometheische Jugend steht im Zeichen
des Euphorion. Sie ist gefhrdeter. Wer drfte es wagen, sie unheldenhaft
zu nennen?

                                                      1911 Lose Vogel.




                            DIE BALLONFAHRT


Ich frchte doch, da es noch einen Krieg wird geben mssen, obwohl die
Diplomaten ihn schon in Abrede stellen, obwohl die Leute nicht mehr recht
daran glauben, und obwohl die Zeitungen ihn noch immer an die Wand malen.
Es sollte mich doch wundern, wenn wir ohne jenen letzten und schon
unzeitgemen Krieg auskommen wrden, weil unsere Kpfe zu hart sind, um
nicht noch einmal zusammenzustoen.

bergangszeiten sind ja nie schn. Es ntzt uns nichts, da sich die Welt
so sehr bereicherte. Ist die Ernte gehalten und sind die Scheunen voll, so
mu ein neuer Winter folgen und die Felder stehen wieder leer.

Mir ist immer, als ob es jetzt Februar wre. Noch ist der Frhling weit,
aber der Tag schon grell. Man wei nicht mehr, wohin sich wenden: die gute
Gesellschaft ist nicht zu ertragen, und die schlechte ist noch viel rger,
soda es schon ganz zur Norm geworden ist, da man abseits lebt. Und nicht
die Salons, die Bahnhfe haben heute ihre Habitus.

Unsere nationalen Eigenschaften sind nmlich auf dem schnsten Wege, sich
zu nationalen Eigenheiten auszubilden. Wenn wir heute etwas echt bayrisch
oder echt berlinerisch oder echt schsisch nennen, sollte man doch meinen,
da es als Kompliment gemeint sei. Man sollte es meinen. Aber es ist nie
der Fall. Dafr nimmt das allgemeine Unbehagen ber die eigenen
Rckstndigkeiten berall seinen besonderen heimatlichen Charakter an.

Eines Tages trieb mich unsere Ungefgheit (mit welchem Wort lieen sich
unsere unzusammenhngenden Mngel diskreter zusammenfassen?) ber die
Grenze. Als mich in Avricourt ein Douanier fragte: Rien  dclarer,
Madame? stach mir eine Trne ins Auge, denn meine Liebe zu Frankreich
stand wieder einmal auf ihrem Hhepunkt.

Aber Hhepunkte sind da, um berschritten zu werden. Ich wohnte zwei Monate
lang im fnften Stock des Hotel d'Orsay, bald in diesem, bald in jenem
Zimmer. Bald sahen meine Zimmer auf die Place de la Concorde, dann auf die
Rue de Lille, dann wieder auf den Quai d'Orsay hinaus. Bald war mir die
Lampe nicht recht, bald die Lage. Einmal fand ich das Licht zu grell;
zweimal zog ich wegen der Tapete aus. Immer wieder bestand ich ebenso
schchtern wie dringend auf meinem Umzug.

Es lag aber nicht an den Zimmern. Es lag an Paris. Noch immer war Marianne
das schnste und interessanteste Mdchen von Europa; doch auch ohne Lupe
waren jetzt kleine Schrfen, und der erste leise Ansatz zu Krhenfen an
ihr wahrzunehmen. In ihrer stolzen Grazie lag etwas Mdes und Enerviertes;
mit einem Wort: der unverkennbare Typ des schnen Mdchens, das
Enttuschungen erlebt hat und schleunigst heiraten sollte, um wieder
aufzublhen.

Ihren Roman mit Herrn Michel, dem schwerflligen Herrn, der sie immer
brskiert, wenn sie erwartet, da er endlich um sie anhlt, mssen wir ja
alle miterleben. Ich verbrachte viele Stunden in den weiten Leserumen des
Hotels, schleppte die Zeitungen wohl auch in die Halle hinab, und in einem
groen Schaukelstuhl vergraben, las ich vor dem Kamin Mariannens bittere,
gereizte, kurzatmige Ausflle, merkte die Mauern, die sie in ihrer
Pikiertheit zwischen sich und ihrem ungeschickten Freier errichtete, fhlte
den Groll, in dem sie sich gefiel, -- bis ich es nicht mehr aushielt, und
auf mein Zimmer eilte, und in groer Erregung herumging, und mit den Armen
in der Luft herumfocht, indem ich leidenschaftliche Dialoge mit ihr fhrte.

Und wenn sie immer wieder damit anfing, just das Stck aus ihrem Herzen,
das ihm gehre, habe der verhate Liebhaber ihr herausgerissen, so stimmte
ich ihr erst bei (denn man mu sachte mit ihr verfahren!), dann aber warf
ich ihr vor, da sie ihre leidenschaftliche Pose ber Gebhr lange
beibehielt, und ihre Neurasthenie rhre davon her, da sie ihre Erbitterung
knstlich steigere, statt sich von ihr loszusagen.

Aber weil ich nichts ausrichten konnte und es so aufreibend war, im
Gegenteil Zeuge zu sein, wie ein neidischer Dmon die beiden immer
auseinandertrieb, so wie sie auch nur von ferne Miene machten, einander in
die Arme zu fallen, ertrug ich es zuletzt in keinem Zimmer mehr, packte
meinen Koffer und fuhr nach England.

Und als die Kste von weitem schimmerte, da wurde mir warm ums Herz, denn
ich liebe diesen Boden, diese Leute und ihre Sprache. Aber auf die Dauer
ist heute jeder Ort entlegen und dem Gefhl verschlagen, von jener
Bangigkeit erfllt, von der wir nicht genesen. Eines Abends stand ich in
London, ber die Westminsterbrcke gebeugt und starrte auf den Flu. Wo der
Widerschein der Wolken die Wellen bemalte, betupfte, beschattete, -- da
schien die Themse langsamer, nachdenklicher zu flieen, und von den Dingen
dieser Stadt zu wissen. Das Parlament mit seinen tausend beleuchteten
Fenstern, von dem stumpfen, eleganten Grau der Bauten, dem weiten, glatten
Grau des Asphaltes umzogen, stand wie das Feenschlo einer
Theaterdekoration, -- mrchenhaft und ein wenig kulissenhaft zugleich. Und
diese leuchtenden Fenster kndeten mit ihrem feierlichen Glanz allen
Londonern in die Nacht hinaus, da hier die Gescheitesten von ihnen
beisammen saen.

Und wohl mochten sie Lichter anstecken, um sich von der Masse zu
unterscheiden, denn nirgends war der Gegensatz zwischen ihr und den paar
denkenden Leuten so gro. Zulange war sie hinter ihrem schtzenden Graben
abgetrennt und vor dem Zwang mit andern Vlkern sich zu messen, verschont
geblieben! Mutete sie nicht endlich fast uneuropisch an? Erinnerte diese
Gleichfrmigkeit der Idee, der Nahrung, der Vergngungen, nicht endlich an
die Ununterschiedlichkeit von Hinduexistenzen?

Hatte das ewig rollende Meer oder der drckende Nebel diese Menschen ihres
ursprnglichen Schwunges beraubt? Denn nimmer gab die Phantasielosigkeit
des Durchschnitts-Englnders, die zumal bei der Durchschnitts-Englnderin
sich schon bis ins Spukhafte steigern kann, ein endgltiges Bild. Vielmehr
deutet alles darauf hin, da dieses groe Volk vor einem Wendepunkt steht.
Der stark individualisierte Englnder wohl mehr als der bornierte. Beide
sind keiner Steigerung mehr fhig. Der feine, khne, reich umrissene, aber
doch auch gesttigte _Typ_ des groen Herrn mag sich hier noch ad infinitum
wiederholen, berbieten kann er sich nicht mehr. In seiner Eigenart ist er
erschpft.

Whrend ich so, ber die Brcke gelehnt, auf den Flu hinstarrte, fhlte
ich mich pltzlich zu den vielfltigen, noch immer nicht bis zu sich selbst
gelangten Deutschen (ich hatte sie eine ganze Weile nicht gesehen!) so von
Grund auf hingezogen, da ich noch in selber Nacht das Schiff bestieg, um
zu ihnen heimzuziehen. Und als ich frh am nchsten Morgen den Rhein
entlang fuhr und ihn rauschen hrte, da stachen Trnen in mein
charakterloses Auge.

Aber noch war keine Woche vergangen, da hatte ich mich ber die Deutschen
schon wieder so gergert, da ich in Augsburg einen Freiballon bestieg und
dieser Welt, ber die ich mir keine Illusion mehr machte, in einem kleinen
Korb davonflog.

Es ging ein Regen hernieder, worauf uns die Sonne soweit hinaufzog, da
sich die Berge, die wir bald darauf zu berfliegen begannen, wie flaches
Land ausbreiteten, so tief lagen sie unter uns. Da sah ich zu dem
orangefarbenen Ball empor, der wie an einem unsichtbaren Seil und still wie
eine Ampel am Himmel zu hngen schien; und nur eine kleine schwarze Kugel,
die wir durch die Wolken schieen sahen, und die unser Schatten war, zeigte
uns, da wir mit Windeseile flogen. Wie wir dann selbst in eine solche
Wolke drangen und die Welt rings um uns her unsichtbar und wie bewutlos
wurde, und wir Stunden hindurch in solcher Hhe blieben, da wir die Erde
nur mehr undeutlich sahen und, selbst unsichtbar, wie Abgeschiedene ihr
entrckten; -- da, -- ich kann nicht sagen, wie mir das vorkam, da wir
noch daran dachten, einen Krieg aus der Rumpelkammer der Menschheit
hervorzuziehen. Aber ich sah auch, da er noch mglich war, falls wir es
berall, bei den tausend Ansten zu unserer inneren Unzufriedenheit
belieen, so da uns zuletzt, unter dem Schein der Rivalitt, nichts
anderes als das wachsende malaise ber die eigene Unerfreulichkeit auer
Hause triebe, bis wir endlich, uns selber fliehend, lieber mit Waffengewalt
ins fremde Land einfallen werden, als uns selber lnger zu ertragen.

                                             1911 S. Fischer Almanach.




                            BEI HILDEBRAND


Die expeditive Art, mit welcher die sehr beschftigten oder sehr wertvollen
Leute die soziale Seite ihres Lebens liquidieren, habe ich schon frh
bewundern gelernt: sie hat nichts mit Ungeselligkeit zu tun; sie sind im
Grunde ebenso gesellig wie die Tagediebe. Aber ein Stachel, eine innerliche
Eile treibt sie an, sich dem Zusammensein mit ihren Mitmenschen --
gleichsam mit der Uhr in der Hand -- zu entziehen. Denn sie sind der Krze
des Lebens, wie der zehn Talente, deren sie walten, vielfach unbewut
vielleicht, stets eingedenk.

Aber ich wei: Den Greren gegenber jeder Distanz entraten ist jetzt
Mode. Nun, ich begebe mich noch immer zu Hildebrand, wie ein anderer einen
Turm besteigt, weil ihn dort eine stillere Luft umweht: Dinge, die ihn
unten rgern, sind hier auf eine Weile um ihre Existenz gebracht; und mag
er sich auch selbst hier oben unwichtiger dnken, so lobt er sich doch
gerade so unbewute Pdagogen wie einen Aussichtsturm oder wie Adolf
Hildebrand.

Zwar ist es empfindlich, lediglich durch den Kontakt mit einem Anderen
augenblicklich des Abstandes bewut zu werden, den er durch seine
Verdienste oder seinen Wert zwischen sich und uns geschaffen hat. Worte,
die man zu verlieren gewohnt ist, steigen befremdend in jener Zone unseres
Bewutseins auf, die man Gewissen nennt, und vergeudete Stunden wollen sich
mit einem Male wie Rechnungen prsentieren. Dies alles nur, weil man sich
in Gegenwart eines Menschen sieht, der wie jeder andere Mensch -- ich
wnsche nicht zu bertreiben -- seine sichtlichen Grenzen hat, jedoch nicht
anders, jedoch genau wie ein Berg, der seine scharfen Linien in den Himmel
zieht, ausschlieend, was nicht zu ihm gehrt.

Auf ein so hohes Niveau hat Hildebrand seine Beschrnkungen gebracht. Von
einem Berg zu versichern, da er eine Erhhung sei, knnte nicht der sein,
als von Hildebrand behaupten zu wollen, er sei gut, so sehr ist er es
implicite; oder wenn einer sich bemigte, von ihm zu sagen, er sei nicht
eitel; denn der Mangel an _Beziehung_ zur Eitelkeit und an Talent zur
Selbstbespiegelung ist ja gerade der Grundton seines Wesens. Es fehlt ihm
jedes Verstndnis fr das Unwichtige, jede Fhigkeit, sich ihm zuzuwenden,
er sieht und hrt und merkt es nicht einmal. Er hat fr das Belanglose so
wenig Einstellung wie das Auge einer Ziege fr die Schnheiten der
Landschaft. Aber die beste Idee der Atmosphre, in die er hineinragt, geben
wohl die weiten, gedankenvollen Schweifungen seiner Brunnen und Monumente,
wie sein kleiner Tempel vor dem Mnchener Nationalmuseum, der mitten im
Alltag wie ein mystischer Kreis seine vertrumte und abgewandte Stille
zieht.

ber jenes ebenso beliebte wie gedankenlose Axiom, man msse den Knstler
vom Menschen trennen, habe ich mich schon als Kind erbittert, lang bevor
ich noch ahnte, wie weit sich die Dpendancen des Musentempels (Vorhfe,
Stallungen, konomie etc.) ausdehnen knnen. Wer innerhalb des Bezirkes die
Pferde schirrt, gehrt natrlich auch noch zum Personal, und es wimmelt im
ganzen Revier. Still wird es erst vor der inneren Halle, in die nur die
wenigsten von uns oder nur auf Minuten Zula finden. Hier wie in der
sichtbaren Welt kommt eben alles auf Rangstufen an. So kann einer mit
knapper Not ein Knstler sein. Wer es aber in erster Linie ist, dessen
ueres Leben hat etwas Ungefhres und Zuflliges, als knnte ebenso gut
ein anderes, viele andere fr ihn denkbar sein. Soweit grenzt sein Selbst
ber das Ma der ihm zugemessenen Tage hinaus, so wenig erschpfen und
enthalten sie ihn. Von seinem Leben trennt ihn jene latente
Unaufmerksamkeit, welche andere von ihrer Erkenntnis abhlt und so viel
strker mit ihrem Dasein sich identifizieren und verketten lt. Es tut mir
leid, eine solche Platitude sagen zu mssen. Aber man verkennt doch im
allgemeinen immer noch, wie sehr der _Grad_ der Knstlerschaft den Knstler
als Menschen bestimmt -- und verschlingt.

So ist das Gedankliche, und im Gedanklichen das Architektonische bei
Hildebrand so berwiegend, da sich ihm auch die Dinge, Menschen und
Ereignisse niemals auer Proportion darstellen. Nie widerfhrt ihm, da er
sie zu leicht oder zu wichtig nimmt. Sein fr die Form so passioniertes, so
machtvoll gestaltetes Auge trgt diesen starken Sinn auch in die Welt des
Unsichtbaren ber, und ist auch da, vergleichend, wgend immerzu ttig,
richtige Dimensionen einzuhalten, sie wieder herzustellen, das
berflssige, das Unwesentliche von den Dingen ausscheidend, naiv und
schpferisch um ihre Perspektive und ihre Harmonie bemht.

Eine Angelegenheit, die mich sehr stark beschftigte, bis sie mir alles
verstellte und ich an nichts anderes mehr denken konnte, rckte pltzlich
wieder in die richtige Distanz, als ich eines Abends mit ihm zusammensa.
Nicht etwa, da es mir in den Sinn gekommen wre, sie ihm zu erzhlen,
sondern was mich wieder ins Gleise hob, war der berspringende Funke seines
Intellekts, dessen wunderbare, den wirren Schwankungen des Persnlichen
entzogene Helle das Ma der Dinge so still und unselbstisch kndet.

                                                                  1913




                       SCHIFFAHRT UND EISENBAHN


Wie behaglich, wie menschenwrdig hat sich unsere Schiffahrt ausgebildet,
wie stolz setzen wir ber das Meer, aber wie barbarisch fahren wir noch
Eisenbahn. Unser grter Wohltter wre der, welcher frei oder nach Pullman
einen neuen Typ unserer Eisenbahnwagen durchzudringen suchte. Aber wrden
die zustndigen Generaldirektionen die leiseste Notiz davon nehmen? -- Hat
je vor mir einer den Plan eines Generalstreikes der Eisenbahnpassagiere
gefat? Nein. Wir lassen uns in den stets berfllten Zgen wahllos wie
Herdentiere zusammendrngen und zahlen und berzahlen die unverschmte
Tortur.

Oder sitzen wir etwa _nicht_ wie Bcke und Schafe Stunden und Tage lang in
einer verruten, vergifteten Luft -- mit einer Platzkarte gezeichnet, wie
Hammel mit einem Kreuz? nur die eine rachschtige Hoffnung im Herzen,
unsere Leidensgefhrten (welche die Eckpltze inne haben) mchten doch so
tricht oder so unerfahren sein, sich in jene andere Vorhlle: den
Speisewagen, zu begeben, woselbst ein wster Dunst, bel wie eine
Seekrankheit, regiert. Und sind wir endlich allein, so strzen wir ans
Fenster, um Luft, und wre sie noch so eisig, hereinzulassen. Allein, wir
bringen es nicht auf. Wir rufen den Gefngniswrter: er bringt es auch
nicht auf. Das Holz sei aufgequollen, bemerkt er und geht. Nicht lange, und
die anderen Strflinge kehren zurck. Man nimmt also wieder mit stechendem
Kopfweh seinen Rckplatz ein und hat bald darauf die unmittelbare Aussicht
auf zwei vom Schlaf berwltigte ltere Herren.

Sie sind nicht schn.

Endlich -- ich spezialisiere schon -- ach es liegt so nahe! -- ist das
Licht dieses mhseligen Tages gesunken. Aber der Lampenschein ist nur ein
trbes Geblinzel in dieser Luft! Und noch fnf Stunden. Das heit, man wird
nie ankommen. Man wird es nicht erleben. Hannover! -- Die schlummernden
Gebrder fahren auf, greifen nach ihren Taschen und fort! -- O! -- Ich bin
allein mit einem jungen und charmanten Mdchen. Wir wissen nichts von
einander, aber die gemeinsame Plage hat uns lngst zu Verbndeten gemacht.
Sie erzhlt mir, da sie soeben einen Krankenkurs absolviert. Sie hat einen
Apfel, ich gebe ihr ein Messer; sie reicht mir ein Aspirin, ich ihr
Schokolade. Aber Sie mssen sich hinlegen, sagt sie, sonst wirkt es nicht.
Sie reit die oberen Klappen auf und verhngt das Licht, und wir strecken
uns der Lnge nach aus. O Gott, Schwester, rufe ich aus, dies ist viel zu
schn. Es kann nicht dauern! Aber sie trstet mich, da der Zug vor Hamburg
nicht mehr hlt. Da wird -- Bang! -- die Tre aufgerissen und eine
Blendlaterne grell vor unsere Augen gehalten. Es ist der Kerkermeister, der
sich umsieht wie einer, der hier zu Hause ist, dann die Tre zuschlgt und
wieder verschwindet.

Es ist ihm etwas nicht recht, meinten wir bescheiden und einigten uns ber
ein Trinkgeld, falls er wiederkme. Wir fingen schon an, unsere Ruhe und
das Dunkel wieder zu genieen, als die Tre lrmend aufgerissen wurde und
Kerkermeister und Laterne uns von neuem aufschreckten. Gebieterisch
verlangte er (wie oft denn noch) nach unseren Billetten. Ich reichte ihm
das meinige zugleich mit einem Zweimarkstck entgegen. Wieso? was soll
dieses Geld? herrschte er. Da Sie uns nicht immerzu stren sollen, weil
wir mde sind. Sie haben ja -- tat er sehr berrascht -- ein Billet II.
Klasse und sind hier in der ersten. Das wissen Sie so gut wie ich. Ich
wurde hierher verwiesen, weil alles berfllt ist. Das gilt nur, so lange
wirklich kein Platz ist, bestimmte er. In Hannover sind mehrere Personen
ausgestiegen. Ich werde gleich nachsehen, ob etwas frei geworden ist. Dann
mssen Sie hinber. Er schlug die Tre zu und ging. Gibt es Worte! rief die
Schwester emprt. In England ginge es wider den Stolz des Ungebildeten, mit
dem Gebildeten so umzugehen. Die Nation ist zu zivilisiert, auch dem
strksten Sozialisten wren solche Migriffe zu arg. Aber wir sind hier im
Lande der hlichen Briefmarken, sagte ich vor Wut zitternd. Pat so viel
Gemeinheit nicht wundervoll zur Schreibweise des Wortes Bro? Dabei stand
der Laternenkerl schon wieder unter der Tre. So, meinte er im Tone des
Vorgesetzten, drben ist Platz, und machte sich anheischig, nach meinem
Gepck zu greifen. Zurck! schrie ich wie eine Wilde. Dann zahlen Sie die
I. Klasse nach, sagte er erschrocken. Nein! keinen Pfennig! schrie ich,
denn mein Zorn kochte jetzt wie Teewasser auf einem Schnellsieder. Aber
morgen, schrie ich, steht diese Geschichte in allen Blttern, es stehen mir
alle Bltter, log ich schreiend, alle Bltter Deutschlands stehen mir zu
Gebote. Ich fand eine sehr dramatische Geste und der Mann fuhr vor meinen
Megrenaugen betreten zurck. Ach was, meinetwegen bleiben Sie wo Sie
wollen, sagte er. Jawohl! schrie ich und meine Brse ffnend, warf ich das
ihm zugedachte Geldstck ostentativ wieder hinein. Dies imponierte ihm
vollends. Er schlug zwar die Tre noch einmal zu (dies war seine Natur),
jedoch blicken lie er sich nicht mehr.

Sind Sie Schauspielerin? fragte mich meine Gefhrtin voll Bewunderung.

Aber ich sank erschpft zurck.

Wollt Ihr mehr noch hren?

Diese eine grbliche Geschichte greife ich nur deshalb mit Vorliebe heraus,
weil ich merkwrdiger Weise nicht den Krzeren dabei zog. Die anderen
Geschichten erzhle ich nur auf speziellen Wunsch, weil ich mich zu sehr
dabei aufrege. Und wer sie auch fr erdichtet hielte, wrde sie doch nie
fr bertrieben erklren. Wir fahren heute lieber auf dem lngsten Seeweg
nach England, lieber 24 Stunden lang die ganze Kste entlang zu Schiff, um
der mglichen Drangsal einer 10stndigen Bahnfahrt zu entgehen, und wer all
die Eventualitten des Winter- und Sommerfahrplans auf der Strecke
Mnchen-Ostende oder Vlissingen erprobte, der zieht es vor, sich allen
Meeresstrmen und dem dichtesten Nebel auszusetzen und einen ganzen Tag und
eine Nacht lnger unterwegs zu sein. Da die Schiffahrtsgesellschaften bei
tglich wachsender Konkurrenz so emporblhen und ihre Bureaux (ich schreibe
es so) in allen Stdten aufschlagen und da der Zulauf sich immerzu
steigert, geschieht nicht nur, weil die Schiffe so prchtig geworden sind,
sondern weil das Eisenbahnfahren mit jedem Jahr unerfreulicher und mhsamer
wird und hier statt des Fortschritts eine immer grere Nachlssigkeit
waltet. Nur die Preise sind gestiegen. Aber es ist, als fhre man
geschenkt. Die armen Ausflgler, die an Feiertagen zu ihren unzureichenden
Zgen strmen, angebrllt, zurck- und zurechtgewiesen werden, ist ein
Kapitel fr sich. Sich darber zu beschweren, berlasse ich denen, welche
noch den Mut besitzen, Sonntag ber Land zu fahren und durch Lsung einer
Fahrkarte scheinbar das Recht auf anstndige Behandlung eingebt haben.
Natrlich gibt es viele Schaffner, die hflich und gefllig sind. Unwrdig
ist nur die Tatsache, da Wohl und Wehe des Reisenden von der
Gemtsverfassung, der Laune und dem Naturell eines solchen Diensthabenden
abhngig sind, da hier die Disziplin, von der sonst doch so viel
gesprochen wird, da die oft pbelhafte Grobheit der Bediensteten
unbestraft bleibt, mit einem Wort: Da hier das Mhlrad so verkehrt luft.
Sinnen und Trachten unserer Generaldirektionen gehen dahin, mglichst
groe, umstndliche, protzige und unntige Bahnhfe (die Bahnzge sind
ihnen egal!) zu errichten. _Unntig_: Diese Behauptung ist mit nichten so
unverstndig wie die Herren Bahninspektoren und Oberbaurte es mchten.
Wenn sie notwendig sind, warum stehen sie nirgends in England? Warum stehen
sie nicht in Paris? Warum bleiben sie in London auf ihre einfachste Form
erhalten? Warum sind sie dort nur weite Hallen, die nur von einem ewigen
Kommen und Gehen atmen -- nur praktisch -- nur zweckmig und trotzdem und
gerade deshalb von einer starken, beschwingten Atmosphre von klassischer
Einfachheit und deshalb schn.

Krzlich mute ich in Leipzig den Nachtzug nehmen. Der Bahnhof -- der Stolz
des Sachsenlandes -- ist gro wie ein Marktflecken, und ich knnte mir so
gut vorstellen, wie hier ein Massenkostmfest veranstaltet wrde, nicht aus
den besten Kreisen, aber ppig mit groen Palmenarrangements. Ich bitte
Sie, all die Treppen, das schne Auf und Ab, wie geeignet! Nun -- ich warte
also auf Bahnsteig 4 auf den Berliner Zug. Er lief versptet in die
groartige Halle ein -- und, ich brauche es nicht zu sagen: er war
vollkommen berfllt. Wir standen geduldig und bernchtig auf der
Plattform wie ein Rudel Landstreicher, die zu warten haben, bis man sie
abschiebt. Pltzlich, wie von hoher Brcke herab, der stolze Kommandoruf:
Wagen werden keine angehngt! Es herrschte der gewhnliche Kriegszustand.
Ich wurde in einem Halbcoup einem alten Sachsen zugesellt. Als nach einer
Weile der Schaffner erschien und ich ihn fragte, ob denn nirgends Platz
sei, schlug er die Tre zu, ohne mich einer Antwort zu wrdigen. Von dem
erwarten Sie ja nichts! riet mir der alte Herr. Das Subjekt kenne ich. Es
war eine Zeitlang in meinem Geschft angestellt, aber ich mute es
schleunigst entlassen.

Es gelang uns mit vereinten Krften, das Fenster zu ffnen, aber vor dem
Ru, der uns entgegenflog, zogen wir es alsbald wieder in die Hhe. Wir
stellten die Heizung auf kalt, wobei es immer wrmer wurde. Ich bin schon
alt, sagte er pltzlich, und werde nicht mehr viel Eisenbahn fahren. Das
ist aber auch das letzte, worum ich die Lebendigen beneiden werde. --

Nun -- eine solche 10stndige Fahrt, um die kein Toter mich beneidet htte,
lag unmittelbar hinter mir, als ich in Cuxhaven, unter einem flockigen
Himmel, von Mven umkreist, die hohe Brcke des Imperators bestieg. Der
Kontrast zwischen dem Aufschwung unseres Schiffsbaus und der
Rckstndigkeit unserer Eisenbahnen hat etwas berwltigendes; man ist auf
den Eindruck nicht vorbereitet. Es ist ja nicht der Luxus, der uns
erstaunt. Mein Gott, den findet man heute mehr oder minder in jedem Hotel,
und er hat den Reiz der Neuheit schon so sehr verloren, da ich mich frage,
ob er sich in der gegenwrtigen Form noch lange halten wird. Da sich also
Riz oder Carlton hier einer Niederlage erfreuen und eine rotbefrackte
Kapelle stellen, ist uns egal. Und da ich mir nun schon einmal das Kapitel
der Anregungen gestatte: Wre es nicht schn, den ganzen Aufwand neuen
Bahnen zuzuleiten und einmal ein wirklich gutes Orchester und eine
prachtvolle Musik auf einem so wrdigen Boden, wie den unseres groen
Dampfers, zu lancieren? Das Meer ist eine so unvergleichliche Konzerthalle!

Nicht die kostbare Ausstattung des Schiffes, sondern da es immens ist,
sondern, da wir stimmungsvolle lauschige Zimmer statt der engen Kabine
beziehen, sondern, da wir einen Kilometer zurckgelegt haben, wenn wir
dreimal das Deck umgehen, der Luxus des _Raums_, -- das ist es, was uns
hier ergreift. Jeder Fubreit mehr, der sich hier dem Element widersetzt,
das ist es, was imponiert! Drinnen im Binnenlande begreift man nicht recht,
bevor man es erfuhr, warum ein Schiff so gro sein soll. Erst wenn man
darauf hinzog, versteht man den Sinn dieser groen, immer greren Huser,
in welchen man des Schiffes immerzu vergit. Wir ahnen nicht vorher, mit
welcher Rhrung wir uns besinnen werden, wenn uns in mitternchtlicher
Stille ein dumpfes, kaum wahrnehmbares, wie unterirdisch wachsames Treiben
die Augen aufschlagen lt und ein Ruck, ein sanft harmonisches Rauschen
uns daran erinnert, da nicht Straen noch Pltze, nicht Gras noch Baum vor
dem Fenster im Winde stehen, sondern das nasse, leere Feld des furchtbaren,
feindseligen Gottes, auf welchem dies ungeheure beladene Schiff zur
winzigen Nuschale schwindet. Aber eine Nuschale, die uns das Gefhl
hchster Geborgenheit mitzuteilen wei, und an welcher Menschenhnde so
lange und so kundig bildeten, bis sie allen Strmen gewachsen, endlich den
Begriff des Schiffes selber berwand. So ist hier der Zauber aus dem
Kontrast von Gre und Kleinheit gewoben, und mit innerem Jubel kreisen wir
immer wieder um das weite Deck dieser schwimmenden Arche, des Spiels nicht
mde, so gro ist die Romantik dieser kleinen, armseligen, rastlos
dahingemhten, dieser so khnen, prometheischen Menschheit, und so stark
ist ihre Perspektive, da wir pltzlich wie selbst aus ihr hinausgerckt,
von Bewunderung hingerissen vor ihr stehen.

                   *       *       *       *       *

Da wir von Perspektive und von Romantik sprechen, treten wir doch bitte
einen Schritt zurck, kneifen wir ein Auge zu und sehen wir ins Leere, in
die Ferne; dorthin, wo sich ber den Flu die massive Brcke schwingt. Denn
nicht lange, und der Schnellzug saust pltzlich darberhin, aus dem Hals
der Lokomotive windet sich ein brauner Rauch zur krausen Barocksule empor,
und die locker aneinander geschmiedeten Wagen rollen frhlich mit lautem,
schnell verhallendem Gerusch und wie ein gefhrliches Spielzeug vorbei.
Ein kurzer Pfiff, wie ein Angstschrei, und nichts ist mehr, als die
schwarze Wlbung eines Tunnels, durch die sie geradewegs ins Innere des
Felsens drangen. Und nun meine Zeitgenossen bitte ich Sie: Ist die
Ritterburg, deren epheuumrankter breitzackiger Turm vom Berge niederschaut,
suggestiver? Kann sie unserer Phantasie die Seele eines Zeitalters
mchtiger, unmittelbarer entgegenhalten, wie der soeben vorbergerauschte
Zug, dessen Fenster wir einen Augenblick in der Sonne flimmern sahen?
Fhlen wir uns da nicht blitzschnell den vielfachen Existenzen ein, die er
dahintrgt, reit er da nicht unsere Teilnahme zu Schemen des Lebens hin,
vertraut und unbekannt -- verklungen schon, wie angesichts des verwitterten
Burgtores das Bild des Jagdtrosses, der ber die Zugbrcke lrmte; --
melancholischer auch in der zerrinnenden Vielfltigkeit seiner steigenden
und fallenden Linien. Denn wie Lose in einer Urne sind unsere Leben in
jener kleinen Eisenbahn zusammengeworfen. Wieviel vergrmte, bekmmerte und
schwere Herzen trug sie nicht schon dahin! Wieviel Verliebte starrten schon
durch ihre Scheiben in die fliehende Gegend hinaus und erfaten mit
magischer Schrfe den Baum, den zuckenden Steg, Drflein und Wald, whrend
sie doch nur das Bild der Kreatur, an die sie dachten, vor Augen hatten!
Vertrumte Flammen des Hoffens, der Illusion, von der Bewegung gefchelt,
wie Blumen, die im Zephir stehen. Es ist eine Zeit, es ist ihr bewegter,
ruheloser Schild, der nachts als funkelnde Schlange mit runden, feurigen
Drachenaugen seinen Weg erkannt und viel Romantik in sich verdichtet. Denn
es ist als sei nichts klein, als sei alles interessant an den Wesen und
ihren Schicksalen, so lange die Bahn sie hintrgt und gleichsam dem Alltag
entreit. Nur da sie noch nicht, wie die vielbesungene Burg, ihren Dichter
gefunden hat, die eilige Besiegerin der Fernen, die, rastlos, immer auf der
Flucht, unsere Epoche gestaltet, deren Schienen unsere Welt aufackerten und
uns erst zu eigen machten.

Und ein Ding, so verlockend anzusehen, unterhlt so wste Mglichkeiten;
einer so glorreichen Erfindung sollte jener Fortschritt verwehrt bleiben,
der sich heute auf allen Gebieten des ueren Lebens -- von dem fabelhaften
Aufschwung unseres Schiffahrtwesens nicht zu reden -- so glcklich geltend
macht. Man fhrt schon in Russland und auf der transibirischen Eisenbahn
sehr angenehm -- es ist also mglich. Warum sollten wir hier nicht auch wie
in so vielem Vorbildliches stellen? Wie schn, welche Freude, wren die
Eisenbahnwagen, die einmal ein Knstler wie Adolf Hildebrand entwarf. -- Wo
sind sie? Nein! was ich da sage, ist wirklich weder unausfhrbar noch
tricht! Aber, sagte mir kopfschttelnd, mit erhobenem Finger, ein
mehrfacher Aufsichtsrat, sehen Sie denn nicht ein, da die kolossalen
Anstrengungen, welche von Seiten der Schiffsagenturen zur Hebung desselben
geschehen sind, absolut notwendig waren, um das Verkehrsmittel berhaupt in
Schwung zu bringen, und da es ohne die rcksichtsvolle Behandlung der
Passagiere, welche Sie so sehr rhmen, niemals florieren knnte, whrend
unsere Eisenbahnen -- ob nun etwas fr sie geschieht oder nicht und mgen
sie noch so rckstndig bleiben, ja noch unertrglicher werden -- einen
stets wachsenden Zudrang erfahren werden, da es kein anderes groes
Verkehrsmittel _gibt_ -- es sei denn das Auto oder der Luxuszug, der ja
auch, schlo er zutreffend und mit einem suffisanten Lcheln, mehr oder
minder nur fr Autobesitzer (er war selbst einer) in Betracht kommt.

Nun mchte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister im
Namen meines philantropischen Jahrhunderts fragen, ob dies ein anstndiges
Argument war.

                                          Neue Rundschau Juliheft 1914




                       DAS ELSSSISCHE SCHICKSAL


Hans im Schnakenloch von Ren Schickele, ein elsssisches Schauspiel in
vier Akten, gehrt, wie Tchekow's Kirschblte, nur in viel hherem Grade
noch, zu den athmosphrischen Stcken. Man wei nicht, sind hier Licht und
elsssischer Himmel miteinbezogen, oder fluten sie ungefragt so herein.
Aber man wei, hier ist die Tragik keine stipulierte, sie ergibt sich von
selbst. Denn hier ist der Held eins mit der Landschaft, in der er steht,
und mit dem Himmel, der schwefelgelb aufleuchtend, in der Ferne grollend,
so weit, so brtend, ber ihm hngt. Elsa! Und hier hat der Held es nicht
ntig, die Welt zu bereisen, sondern er trgt das Wissen um ihre
winterliche Finsternis in seinen leichtbltigen Adern. Dieser unselige Hans
im Glck, der alles hat, was er will, und nicht will, was er hat, mchte,
was er nicht mehr erhoffen kann: einen Boden fr sein Glck. Dieser reifen
und sommerlichen Welt jedoch, deren Sinn er so wohl erfat und die er unter
seinen Fen schwanken fhlt, gilt seine Treue. Des Elsssers Treue:
Spannen Sie einen Menschen mit Armen und Beinen zwischen zwei Pferde,
sagt er zum franzsischen General Kaufmann, jagen Sie die Pferde in
entgegengesetzter Richtung davon, und Sie haben genau das erhabene Beispiel
der elsssischen Treue. Hansens Mutter, die alte Madame Boulanger (in
diesem Stck haben die Deutschen meist franzsische Namen, und umgekehrt)
ist ein wenig schweigsam, nach Art alter Franzsinnen, die ber das
Unvermeidliche nicht gern viel Worte machen. Ihr wit, ich hab nichts
gegen die Deutschen, gelt Clr. Aber manchmal kommts mir vor, als ob mehr
geschrien wrde, seitdem sie im Lande sind. Ihr Sohn ist nicht der Ritter
ohne Furcht und Tadel. Garnichts Verjhrtes haftet ihm an. Er wandelt mit
der Stunde und ist der Mensch ohne Eitelkeit. Nichts Selbstgeflliges an
seiner Ironie; sein Achselzucken, seine spielerische Trauer atmen
Verzweiflung.

Hans (bei einem Fest auf drei Abgeordnete deutend): Da kommen sie!

Mller (noch oben auf der Terrasse, zwischen Cavrel und Simon): Ein Lwe,
ein Wolf, und das Schaf.

Louise: Die ganze Politik. --

Denn Hans im Schnakenloch, le grand dsabus, wei was sie taugt. Der Krieg
bricht aus. Franzosen erobern das Dorf. Dies ist eine Staatsaktion, sagt
Hans, von deren Ausgang das eine zum andernmal gerechnet, schlielich das
Schicksal der Vlker abhngt. Es mag dumm sein, da so viel vom Ausgang
einer Rauferei abhngt, aber ich kann es nicht ndern.

Nicht lange, und das Dorf wird von den Deutschen zurckerobert. Der Kampf
tobt in den Gassen. Arme Jungen! sagt er von den gefallenen Deutschen.
Da liegen sie wahrhaftig in Reih und Glied. Und die Franzosen davor
hingeschleudert, wie Pfeile, die ihr Ziel nicht ganz erreichten. -- Wer da
siegt, ihm ist's nicht wichtig. Fr ihn hat der Besiegte die hhere Glorie.
Wer von beiden die Erde verliert, die er beiden zuerkennt, bei dem will er
liegen. Mich hat die Wildheit dieser Toten angesteckt, schreit er
pltzlich auf. So will ich auch liegen. Hingeschleudert, und mit
krampfhaften Hnden, die ihr Ziel nicht erreichten. So und nicht anders
will ich sterben. So.

Aber so hat auch Goethe den Elssser gesehen. Elsa war noch nicht lange
genug mit Frankreich verbunden, schreibt er in Dichtung und Wahrheit, (als
die Dinge umgekehrt lagen,) als da nicht noch bei alt und jung eine
liebevolle Anhnglichkeit an alte Verfassung, Sitte, Sprache und Tracht
sollte brig geblieben sein. Wenn der berwundene die Hlfte seines Daseins
notgedrungen verliert, so rechnet er sich's zur Schmach, die andere
freiwillig aufzugeben. Er hlt daher an allem fest, was ihm die vergangene
gute Zeit zurckrufen und die Hoffnung der Wiederkehr einer glcklichen
Epoche nhren kann.

Immer der Deserteur, immer aus Treue, so hat ihn Goethe noch im Alter
gesehen.

Hans im Schnakenloch, der Elssser von heute, sieht die Seinen nurmehr wie
von ferne; seiner Liebe kaum mehr bewut, nimmt er nur kargen Abschied von
der Frau, Du hrst nicht mehr, was ich sage, herrschte er sie an.
Begreife doch, auch ich gehorche der Pflicht . . . Meinesgleichen fhrt
jetzt zur Hlle. Da mu ich dabei sein. Die Wage der Weltgeschichte
schwebt. Der Gram dieser Erde ist _sein_ Gram. Im Schein dieses Himmels,
der schon berflo in jenen der Douce France, fing sich auch das Echo
deutscher Innerlichkeit. Hier lchelt der Sommer, und immerzu deutet hier
der Zeiger auf die Stunde der Erfllung. Aber statt ihrer erdrhnt immer
verstrkt die Stunde des Unheils. Liebe ist schwerer wie Ha, meint der
Abb Schmitt, der die Gefallenen begrbt. Ich wiederhole, sagt er, es
ist leichter gut zu schieen als gut zu denken. Das Schieen ist an der
Reihe. Sprechen wir weiter, wenn die Tage des Denkens wiederkommen. Werden
sie kommen?

Auch die Nebenfiguren sind hier von zwingender Lebendigkeit und ber die
Hauptrolle und ihre Modulationen werden sich wohl, je lnger je bestimmter
allerorts die namhaften Mimen ereifern. Vorausgesetzt, da noch welche da
sind, und da der eiserne Vorhang, der sich zwischen den Lndern senkte,
nicht auch noch vor den Theatern herabfllt.

Was dieses mutige, von so wahrhaft dichterischem Geiste getragene, so
wundervolle Stck vor allem auslst, ist eine ungeheure Bangigkeit, das
Bewutsein einer entsetzlichen Gefahr. Man fhlt: die Gegenwart schlgt
hier voll an: Tolstoi und Dostojewski haben schon gelebt, der zwischen
anstndigen Menschen lngst herrschenden Moralbegriffe entrt nur noch die
Politik. Dort als eigentlicher Point d'honneur, Uneigenntzigkeit, Gromut
und Wrde; hier noch immer die vorchristliche Kunst des bervorteilens im
Bereich des Mglichen oder des Unmglichen: ein Zeiger, der unentwegt
voranluft, der andere, der wie irrsinnig gegen die Rder anrennt; ein
sausendes Uhrwerk, das am Zerspringen ist; eine groteske, lcherlich
unerlste Welt; das Wirrsal.

Immer ist es Sommer in Schickeles Stck; alle Holdheit der Erde, eine
blumige Au am Rande des Abgrunds: Elsa! Und immer wird uns dieses Wort,
wie mit Traumhnden, so dringend hingereicht, bis es wie eine Glocke tnt,
die sich in Bewegung setzen mchte, Vernunft und Frieden einzuluten, und
den Starrsinn in Zerknirschung zu lsen.

                                                        September 1916
                                                 Neue Zrcher Zeitung.




                                ANHANG





                             YVONNE MLLER


C'tait dans la loge de l'ambassadeur  Rome. Le second acte d'une
reprsentation de Tristan tirait  sa fin, lorsque Yvonne Mller, ne
parvenant pas  dtourner son attention de ce qui se passait sur la scne
et dans l'orchestre, se sentit prise d'un ennui intolrable. Ce fut presque
avec envie qu'elle remarqua alors l'air absorb et pensif de l'ambassadeur;
quand lui, tournant vers elle son regard distrait, mais aussitt en veil:
Si nous partions? dit-il.

Quelle excellente ide! dit Yvonne Mller en respirant le grand air tide
de la nuit.

Ce n'tait pas aussi mal que vous le dites.

Vous n'coutiez pas s'cria-t-elle; vous tiez en train de rdiger une
dpche. Je lisais cela dans vos yeux. Ah! c'est la dpche surtout, que
j'aurais aim lire.

Je n'en doute pas.

Eh bien non! car en vous observant je me disais: je voudrais qu'il coute.
Vous avez de notre musique un sentiment vritable. Involontairement vous
eussiez compar, et malgr vous vos sympathies se seraient portes vers
nous profondment.

Yvonne Mller s'anima soudain d'une belle ardeur, mle d'une grande
incertitude; elle trouva un nouvel accent pour reprendre.

Ah! je me fais piti!

Eh bien, qu'y a-t-il?

Vous savez bien, ces fous dit-elle qui se prennent pour le pape ou
l'empereur Napolon, et passent leur temps  signer des actes imaginaires?
Mon mal n'est pas de me croire, mais de vouloir tre tout un monde de
choses! Rester en dehors des vnements m'accable! Et pour peu que deux
souverains aient une rencontre, je suis bouleverse.

Et pourquoi, grands dieux?

Mais parce que je voudrais en tre. Ne riez pas! -- Si vous saviez
continua-t-elle, combien j'avais intrt et hte de venir vous voir! les
avis chez nous sont trs partags sur votre compte. Alors je voulais une
bonne fois et de mon propre chef vous observer moi-mme.

En vrit dit il.

L'un de ces partis dbita-t-elle, estime que vous tes notre adversaire
le plus dclar, l'autre au contraire tend  se tourner vers vous,  vous
accueillir, vous . . . . vous attirer. Je me suis longtemps demande lequel
de ces partis tait dans le vrai. Car je me sens influence par l'opinion
de chacun, tant que je ne puis tre assure de la mienne. Mais une fois-que
je tiens mon impression personnelle, rien et personne ne saurait l'altrer.
Et telle est l'ide -- immuable maintenant -- que je me suis forme de
vous.

Elle tait en attendant trs embarrasse. Ne sachant trop comment
interprter le mutisme de l'ambassadeur, il lui semblait avancer  ttons
et au hasard dans une obscurit complte, et elle n'tait pas fche, que
dj la voiture s'arrtt devant le palais. Ils montrent lentement
l'admirable escalier et passrent dans les salles dsertes, o leur
prsence semblait rompre un cercle ple et insaisissable comme si une
haleine de vie troublait dans ces hautes tapisseries, les figures, les
fleurs, les bosquets immobiles, comme si dans le silence des ombres
affluaient ici autour de choses vanouies et coulaient tristes et inquites
d'une porte, d'une muraille  l'autre.

Ils s'arrtrent dans une pice orne de grisailles merveilleuses.

Si nous jouions une sonate proposa-t-il, en attendant que les autres
soient rentrs?

Dcidment, se dit-elle, il faut avec les ambassadeurs se charger de toutes
les avances, et ce n'est jamais leur tour.

Je pars dans deux jours; ne regretterez-vous pas un peu d'ignorer ma
pense?

Et quelle est cette pense? dit-il simplement.

Il me semble que j'ai un srieux avantage sur ceux qui revendiquent un
jugement sur vous: c'est d'avoir pass un mois dans votre entourage.
Quelque rserv et sur ses gardes que soit un homme d'Etat, le domaine de
sa pense se condense et cre autour de lui une atmosphre trs spciale.
Et son vague reflet est peut-tre plus intressant  constater que maints
gestes prcis, dont se tirent les clichs instantans, mais souvent confus;
d'autant plus que pour ces gestes l'imprvu est toujours apte  entrer en
cause et  les altrer dans leur effet ou dans leur interprtation. Quant 
moi, je doute que les paroles dont Bismarck formula un jour son jugement
sur vous, soient de cours aujourd'hui.

Vous doutez dans le vague dit-il.

Il m'est d'autant plus facile remarqua-t-elle, de provoquer certains
pronunciamenti, que personne ne pourrait deviner avec quelle passion je me
suis attache  des questions de ce genre. Et si mme j'avouais combien
elles me tiennent  coeur,  tel point, qu'immdiatement mon avenir
personnel perd  mes yeux toute importance, et rentre dans ses proportions
vritables -- qui au monde le croirait? Et qui voudrait admettre, ce dont
je suis pourtant convaincue, que parmi les ntres, personne aujourd'hui n'a
su vous reconnatre aussi bien que moi?

Qui sont vraiment les vtres? Vous tes Franaise autant qu'allemande!

Autant qu'Anglaise alors. Je ne trouve pas en nous aujourd'hui de quoi
nous suffire. A la longue chaque endroit nous oppresse et nous fatigue,
d'un ennui, dont nous ne sommes pas responsables. J'arbore s'cria-t-elle,
les drapeaux de trois nations pour le moins! Je suis la Jeanne d'Arc de
l'poque, moi!

Diable.

Vous tes bien, vous, le diplomate moderne!

Qu'entendez-vous par le diplomate moderne?

Talleyrand, par son temprament comme par ses facults destructives, m'a
toujours sembl le type de l'ancien. Chercher votre qualit matresse dans
un instinct analogue, serait, je crois, manquer de perspicacit. Non
seulement parce qu'il manque  votre nature le trait retors, qui
caractrise ce genre de talent, mais parce que le don constructeur est la
marque mme de vos aptitudes. Je doute que vous puissiez vous sentir dans
votre lment,  moins de trouver  btir,  construire; et ce don de
l'architecte est si minemment le vtre que souvent je me demande:
N'auriez-vous pas manqu en fin de compte votre vritable champ d'action,
si vous n'arrivez pas  jeter un pont sur le fleuve le plus difficile 
passer aujourd'hui? Ah! que vous en dressiez le plan c'est surtout ce qui
m'import! car en dehors de l'initiative, j'ai dcouvert dans votre
politique un autre lment essentiellement moderne: le trait gnreux si
spcial aux Franais et si intimement li  leur rancune!

Yvonne Mller parlait maintenant sans dsemparer. Et je ne crois pas
dit-elle,  l'limination du sentiment! Cela aussi est vieux jeu! Le
sentiment n'entre dans la politique que dans un sens restreint, mais c'est
un sens qui s'largira disait le vieux Bismarck. Et cela d'autant plus que
dj il est devenu plus urgent et pour nous tous peut-tre, de poursuivre
et de hter notre politique continentale que notre politique coloniale.
Mais il y a beau temps que je souponne les ides larges d'tre rares aussi
parmi les ambassadeurs. Qu'en dites-vous?

Ils n'ont pas si vite fait que vous de rsoudre des questions aussi
difficiles.

Difficiles ou non, ce serait une dfaite pourtant soupira-t-elle, si une
solution, qui de droit revient  la diplomatie, devait finalement lui tre
soustraite, et pour ce roman si pitoyable, hlas! qu'est le ntre! o se
brouiller et se nuire sont les ventualits, o s'aimer sans arriver 
s'unir sont les faits.

On entendait dans la cour des roulements de voiture.

Vous m'objecterez peut-tre dit Yvonne Mller qui continuait toujours,
que nous avons parfois une trange manire de faire notre cour; mais les
amoureux sont toujours maladroits. Et vous pouvez me croire, je les
connais, mes compatriotes. Je les aime en tant qu'Allemande, et je les aime
encore avec une certaine dose d'irritation en tant que Franaise. Il n'y a
donc personne qui les aime davantage. Mais vous ne me dites rien?

C'est que nous n'avons plus le temps dit il.

Les salles s'inondaient de lumire, un bruissement de soie, de pas lgers
et de voix-approchait.

                                    Aus der Revue le Continent 1907.




                                INHALT


                                              Seite
   Torso                                          1
   Reisen                                        47
   Bei Taine                                    109
   Randglosse zur Psychologie der Nationen      117
   Cambridge                                    123
   Traum und Hellsehen                          131
   Aus einem Traumbuch                          143
   Literatur                                    147
   Einiges ber den Geiz                        155
   Die Markgrfin von Bayreuth                  165
   Catharina von Siena                          189
   Das Leben der heiligen Walpurga              213
   Bei Duchesne                                 219
   Barrre                                      249
   Alarmglckchen                               257
   Torschlutypen                               265
   Der unverstandene Mann                       273
   Der neue Schlag                              281
   Die Ballonfahrt                              301
   Bei Hildebrand                               311
   Schiffahrt und Eisenbahn                     317
   Das elsssische Schicksal                    333
   Yvonne Mller                                343




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 44]:
   ... pyschologisch tiefst Begrndeten, was der Mensch ...
   ... psychologisch tiefst Begrndeten, was der Mensch ...

   [S. 52]:
   ... zieht ...
   ... zieht. ...

   [S. 54]:
   ... mitempfand, von jener Flut von Trbsal eingegeholt, ...
   ... mitempfand, von jener Flut von Trbsal eingeholt, ...

   [S. 56]:
   ... der Verschmelzung unserer Qualitten der Keim ...
   ... der Verschmelzung unserer Qualitten der Keim ...

   [S. 121]:
   ... protestantischen Deutschen ist heute der katholiche ...
   ... protestantischen Deutschen ist heute der katholische ...

   [S. 294]:
   ... de Lespinasse, clairez-moi, fortifiez-moi. Je vous ...
   ... de Lespinasse, clairez-moi, fortifiez-moi. Je vous ...






End of the Project Gutenberg EBook of Wege und Umwege, by Annette Kolb

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